Erfreulicher für mich sind, schon weil ich dabei nicht der leidende

Teil bin, die Vergnügungen der eingesessenen Männerwelt. Im Gegensatz

zu Massassi mit seinen solennen Frühschoppen herrscht hier in

Chingulungulu die Dauersitzung in den Nachmittagsstunden vor. Moritz

muß eine feine Nase für derartige Festsitzungen haben, denn jedesmal,

wenn er die Führung bei meinem alltäglichen Nachmittags-Studienbummel

übernommen hat, sind wir auf eine gewaltige Schar bechernder Männer,

Frauen und Kinder gestoßen. Die Lust am Trunk scheint also auch hier

ziemlich entwickelt zu sein, trotzdem hier bei Matola in diesem Jahre

eigentlich keine rechte Veranlassung dazu vorliegt. Die gegebene

~causa bibendi~ ist und bleibt für den Süden denn doch das Unyago,

das Mannbarkeitsfest, von dem ich immer und immer wieder hören muß, von

dem die Männer erzählen und auch die Jünglinge, ohne daß ich bisher von

dieser Einrichtung auch nur das Geringste zu Gesicht bekommen hätte.

Einstweilen sehe ich sogar nicht einmal die Möglichkeit vor mir, die

allem Gehörten nach recht komplizierten Vorgänge mit eigenen Augen zu

schauen. Aber ich will und muß es erzwingen.

Daß in diesem Jahr des Heils 1906 hier in Chingulungulu kein Unyago

stattfindet, beruht auf der Einrichtung, daß dieses Fest im Turnus

wandert; es geht reihum von einem Dorfhäuptling zum andern; wie ich

wohl mit Recht annehmen darf, der nicht geringen Kosten wegen. Zu

den ungeheuren Mengen von Pombe, die anläßlich der vielen Tanzfeste

getrunken werden, treten auch noch große Mengen von Speisevorräten,

deren Vertilgung die von weit und breit herzugeströmte Festgesellschaft

sich mit gutem Appetit und bedeutender Ausdauer hingibt. Dazu kommen

schließlich auch noch erhebliche Mengen neuer bunter Kattunstoffe

von der Küste, mit denen die für mannbar Erklärten neu eingekleidet,

ihre Lehrer und Lehrerinnen aber zum Entgelt für treugeleistete

Erzieherdienste honoriert werden sollen. Ich wünsche nichts sehnlicher,

als gerade in diese Vorgänge einen guten Einblick zu gewinnen, denn

soweit ich die Afrikaliteratur übersehe, ist gerade dieser Teil des

ethnologischen Forschungsfeldes hier im Osten bisher nur wenig oder gar

nicht beackert worden.

Einstweilen vergnügen die Männer sich und mich in anderer Weise. Schon

in Massassi war eines Tags ein Auflauf entstanden. „~Sulila a me

kuja~, Sulila ist gekommen“, hat es von allen Seiten gerufen und

geschrien, und ein großer Haufen Volks hat sich um einen fremden Mann

zusammengeballt. Dieser war schon dadurch recht merkwürdig, daß er,

obwohl stockblind, den weiten Süden Ostafrikas gewohnheitsmäßig mit

vollkommener Sicherheit durchzog. Zwar hatte er einen Begleiter, aber

dieser führte Sulila nicht, sondern ging hinter ihm her, dem Barden

die berufliche Ausrüstung nachtragend. Sulila, dem Stamm der Yao

angehörig, ist in der Tat Berufssänger; er erbot sich ganz von selbst,

mir seine Leistungen vorzuführen, und war im Handumdrehen mit seinen

Vorbereitungen fertig. Sein Handwerkszeug ist einfach genug. Er hat

seine Leibkapelle, die er aber von Fall zu Fall rasch zusammenstellt:

sechs, acht Männer treten heran, kauern sich im Viereck nieder, legen

vor sich eine ihrer Rinde beraubte, armdicke Holzstange, nehmen in jede

Hand einen ebensolchen Schlegel und harren des Zeichens zum Beginn der

Vorstellung durch ihren Meister. Dieser hat sich inzwischen herrlich

ausstaffiert; um Fußknöchel und Knie hat er ganze Rasselsysteme

gebunden, Dutzende von Hohlfrüchten von der Größe mittelstarker

Äpfel, die mittels Lederriemen unter sich und mit dem betreffenden

Körperteil verbunden sind. Um die Hüften trägt der Sänger ganze Felle

und Fellstreifen von wilden Tieren, Wildkatzen, Affen, Leoparden; einer

barbarischen Krone gleich prangt schließlich auf seinem Haupte, das

Gesicht weit überschattend, ein breiter Haarreif aus der Mähne des

Zebras oder einer großen Antilopenart.

[Illustration: Barde Sulila an der Boma von Massassi.]

Sulila ist in das Ouadrat seiner Kapelle getreten; in der Linken trägt

er sein Saiteninstrument, in der Rechten den Bogen. Das Instrument

ist ein Monochord; der Resonanzboden ein aus dem Vollen geschnitzter

Holzzylinder, der Saitenträger ein rundgeschnitzter Stab; die Saite

ein Büschel Haare aus dem Schweif irgendeines der großen Säuger des

Landes. In Ermangelung von Kolophonium fährt der Barde mit seiner

feuchten Zunge über die Strichseite des Bogens. Den hebt er jetzt

und setzt ihn auf die Saite; ein klagender Ton; im selben Moment

ein furchtbares Gebrüll aus Sulilas Munde und ein ohrenbetäubender

Spektakel von der „Kapelle“ auf ihrem „Xylophon“. Im Grunde genommen

sollte man es bedauern, als Forscher hinausgezogen zu sein; es gewährt

einen unendlichen Reiz, diesen seltsamen Künstler arbeiten zu sehen,

und jede Ablenkung durch die Bedienung der Apparate bedeutet einen

Genußverlust. Und Sulila arbeitet wirklich; unausgesetzt entlockt er

seinem primitiven Instrument die wenigen Töne, über die es verfügt; sie

sind tief und ganz ansprechend. Ebenso unausgesetzt ertönt dazu sein

Gesang. Dieser ist weniger ansprechend, wenigstens für den Europäer;

dem schwarzen Auditorium scheint er als +die+ Musik schlechthin zu

gelten, denn es ist einfach „weg“ vor Begeisterung. Sulilas Organ ist

rauh, aber stark; diese Stärke mag zu einem Teil auf seiner Blindheit

beruhen; genau wie ein Tauber kann auch er nicht den Umfang seiner

Schallwellen abschätzen. Zudem ist sein Tempo förmlich rasend; mein

Ohr ist an das Kiyao schon etwas gewöhnt, aber trotzdem vermag es kaum

Einzelworte zu unterscheiden.

Doch das Reizvollste ist die dritte seiner Betätigungen: Sulila spielt

und singt nicht nur, er tanzt auch. Und wie tanzt er! Mit rhythmischem

Wippen der Knie, bedingt durch das Streichen der Geige, hebt es an;

mit der typischen Unsicherheit des Blinden zittert dabei das Gesicht

von einer Seite zur andern. Nach und nach wird das Wippen tiefer,

auch schneller; der Tänzer beginnt sich zu drehen; erst langsam, dann

schneller; schließlich rast er um seine Längsachse. Auch sein Bogen

rast, seine Stimme läßt das nahe Pori erzittern, die Kapelle hämmert

mit wahnsinniger Hast auf ihre Holzstangen. Es ist ein Höllenspektakel.

Das Publikum ist hingerissen.

Ich habe es, wie gesagt, heimlich immer von neuem bedauert, mich nicht

rückhaltlos dem Eindruck dieser Vorführungen hingeben zu können, aber

die Forscherpflicht waltet schließlich doch vor; so verlebt man am

Kinematographen, am Phonographen und an der Kamera eigentlich mehr

anstrengende als unterhaltende Stunden. Daran ist nichts zu ändern; hat

man schließlich wie ich das Glück, seine Bemühungen von einigem Erfolge

gekrönt zu sehen, so ist dieser Umstand sehr wohl geeignet, alle jene

Mühseligkeiten vergessen zu machen; um so mehr, als vor allem der

Kinematograph die Szene mit verblüffender Lebenswahrheit wiederzugeben

aufs beste geeignet ist.

Phonographische Aufnahmen sind schon bei sehenden Negern nicht leicht.

Man hat den Sänger vor den aufgebauten Apparat gestellt, hat ihm

klargemacht, wie er den Kopf halten muß, und daß er stets genau in die

Trichterachse hineinzusingen hat. „Hast du es begriffen?“ fragt man

nach diesem Privatissimum den Barden. „~Ndio~, jawohl“, ertönt es

ganz selbstverständlich zurück. Vorsichtig, wie man einmal in Afrika

sein muß, läßt man erst Probe singen, ohne den Apparat anzustellen. Der

Mann ist noch zu schüchtern und singt zu leise. „~Quimba sana~,

sing doch lauter“, ermuntert man ihn. Eine zweite Wiederholung; unter

Umständen sogar eine dritte und vierte. Jetzt geht es; der Sänger ist

im Bilde. Ich stelle den Apparat an, gebe das verabredete Zeichen,

Sänger und Maschine arbeiten zusammen. Eine Zeitlang geht das gut;

wie eine Säule steht der Sänger. Dann muß ihn irgend etwas in seinem

Gleichgewicht stören; unruhig wendet er den Kopf hin und her; man kann

gerade noch den Apparat abstellen und die Belehrung von vorn anfangen.

Dies ist das normale Bild; in vielen Fällen war es ganz zweifellos

die liebe Eitelkeit, die den Sänger veranlaßte, sich während seines

Auftretens kokett nach links und rechts zu wenden. Seht, welch ein Kerl

ich bin! hieß das auf deutsch.

Viel schlimmer ist es mit Sulila; seine verflixte Gewohnheit des

ständigen Kopfdrehens kann er auch vor dem Trichter nicht lassen;

die ersten Aufnahmen von seinen Leistungen wimmeln denn auch von den

fürchterlichsten Blechtönen. Mit der raschen Impulsivität, die mich

vor so vielen Menschen auszeichnet und die ich an mir schon sooft

zu bedauern Veranlassung gefunden habe, die mir aber hier über alle

Schwierigkeiten glatt hinweghilft, fasse ich neuerdings den blinden

Sänger einfach am Kragen, sobald er seine Löwenstimme erschallen läßt.

Dann halte ich das wollige Haupt wie in einem Schraubstock fest, bis

der Barde sein Heldenlied zu Ende gebrüllt hat. Ob er zuckt und zerrt

und den Kopf noch so energisch zu wenden versucht -- ich halte ihn.

Und Heldenlieder sind es zumeist, was die Yaosänger mir bisher

aufgetischt haben. Hier eine solche Rhapsodie Sulilas, die er mir am

24. Juli in Massassi in den Trichter gesungen hat:

„~Tulīmbe, achakalungwa! Wausiyaga ngondo, nichichi? Watigi:

Kunsulila kanapogwe. Yaiche ya Massito; uti toakuquimi. Ya yaoide.

Nambo yandachi payaiche, kogoya kuona: msitu watiniche; bamba

siatiniche; busi siatiniche; nguku siatiniche; kumala wantu putepute;

nokodi papopu; kupeleka mbia siakalume. Gakuūnda. Mtimma

wassupŭiche: Ngauile pessipo Luja. Kunsulila ngomba sim yaule kwa

Bwana kubwa: Nam(u)no anduwedye atayeye mapesa gao. Sambano yo

nonembesile.~“

Zu deutsch heißt das:

„Laßt uns aushalten, uns Alten! Was ist ein Krieg, was? Sie sagten:

Herr Sulila ist noch nicht geboren. Dann kommt (der Krieg) der Masitu;

Gewehre werden geschossen (sehr mächtig). Dann sind sie weggelaufen.

Aber die Deutschen sind gekommen, gefährlich sah es aus. (Alles)

Holz ist abgebrannt; Ameisen wurden aufgebrannt; Ziegen wurden

aufgebrannt; Hühner wurden aufgebrannt; alle Leute wurden getötet;

Steuer kam herauf; sie mußten bringen Rupien zu Hunderten. War noch

nicht zufrieden. Herz wurde ängstlich: Wir wollen lieber sterben auf

der andern Seite des Luja. Herr Sulila telegraphierte an den Herrn

Bezirksamtmann: er kann mir das Fell über die Ohren ziehen und einen

Sack für seine Pesa daraus machen lassen. Jetzt bin ich müde.“

Musikalisch stehen die Völker des Südostens von Deutsch-Ostafrika auf

keiner hohen Stufe; sie haben keine eigentliche Melodie, und auch ihre

Vortragskunst geht nicht über ein rasendes Parlando hinaus. In beiden

Richtungen stehen sie alle, die Yao, Makua und Wanyassa, weit hinter

meinen Wanyamwesi zurück, die in beidem Meister sind. Nur einen Vorzug

wird man den Südvölkern nicht absprechen können: der Text ihrer Lieder

hat Sinn und Verstand, ist folgerichtig aufgebaut und entbehrt hier und

da selbst nicht einer dramatischen Steigerung. Diese tritt in Sulilas

Liede ja in geradezu großartiger Form zutage.

Die Masitu haben einen ihrer gewohnten Überfälle auf die ahnungslosen

Bewohner des mittleren Rovumagebietes gemacht. Welcher der vielen

blutigen Raubzüge es ist, läßt sich aus Sulilas Worten nicht entnehmen;

es kann ebensogut einer aus den 1880er oder 90er Jahren sein, oder auch

der letzte Aufstand. Wahrscheinlich ist es sogar der letztere, denn

soweit ich die Geschichte des Südens beurteilen kann, ist bei früheren

Aufständen niemals von einer Steuer die Rede gewesen. Es handelt sich

auch in diesem Fall weniger um eine Kriegssteuer, als um die Erlegung

der seit einer Reihe von Jahren eingeführten Hüttensteuer, die gerade

in den letztverflossenen Monaten als eine direkte Folge des von uns

siegreich niedergeschlagenen Aufstandes von den Unzuverlässigen und

aufständisch Gewesenen in überraschender Höhe an die Bezirkskasse in

Lindi abgeliefert worden ist.

Einen Wendepunkt in dem üblichen Geschieße der Neger unter sich

bedeutet das Eingreifen der Deutschen; die Eingeborenen haben das

Gefühl: Donnerwetter, jetzt wird’s ernst. Dies spiegelt sich in

ihrem Ideenkreise wider durch eine Vernichtung der verschiedensten

Kulturgüter. Zuerst brennt das Pori nieder; dabei gehen alle Ameisen

zugrunde. Dann kommen die Ziegen heran; sie sind hier im Süden nicht

zahlreich, wohl aber die Hühner, denen es jetzt an den Kragen geht.

Schließlich werden auch viele Menschen getötet; Sulila spricht in

seiner Ekstase gleich von allen. Nun kommen die Friedensbedingungen der

siegreichen Deutschen: eine schwere Steuer in glänzenden Rupien, die

wohl oder übel aufgebracht werden muß. In den Augen der Betroffenen

wächst die Summe ins Riesengroße; sie werden ängstlich und planen +den+

Schritt, der hier im Süden stets in der Luft liegt: sie wollen sich

durch eine Massenauswanderung den Folgen des Krieges entziehen. Da

aber naht der Retter und Held. Es ist Sulila selbst. Im Vollbewußtsein

seines hohen Wertes nennt er, der bedauernswerte arme Blinde, sich

stolz ~kun~, Herr. Er sieht sein Land schon überzogen mit einem der

höchsten Kulturmittel der weißen Fremdlinge, mit dem Telegraphendraht.

Eiligst telegraphiert er an den Bwana kubwa, daß seine Landsleute sich

in alles ergeben; sie denken nicht mehr an Widerstand, aber sie haben

auch kein Geld mehr. Und sie sind so verzagt, daß der Große Herr ihnen

selbst das Fell über die Ohren ziehen und einen Beutel für alle die

schweren Rupien daraus machen lassen könnte, ohne daß sie noch an

weiteren Widerstand dächten. Damit ist das eigentliche Lied zu Ende;

der Schlußsatz: Jetzt bin ich müde, bezieht sich auf den Sänger selbst,

den die ungewohnte geistige Arbeit des Diktierens stark mitgenommen hat.

Hier in Chingulungulu gibt es von diesen Barden mehrere; der

berühmteste von ihnen ist Chelikṓsŏe, zu deutsch Herr Ratte, der

bei jedem Auftreten mit allgemeinem Beifallsgemurmel begrüßt wird.

Stimmgewaltiger noch als er ist Salanga; dafür ist dieser so dumm, daß

es ihm bisher noch nicht gelungen ist, mir einen seiner Liedertexte

authentisch in die Feder zu diktieren. Wenn ich es wagen dürfte, die

Aufnahmen zu reproduzieren, so hätte ich ohne weiteres ein Mittel,

mit Hilfe der Intelligenteren aus der Zuhörerschar den Text genau

festzulegen, doch darf ich das bei den 31° Normaltemperatur, die wir

jetzt haben, gar nicht wagen. Ich will wenigstens zwei Liedertexte des

Likosoe bringen; der eine ist kurz und erbaulich und bewegt sich ganz

im Gedankenkreise der Negerrasse im allgemeinen, d. h. der Text enthält

nur einen einzigen Gedanken, den Likosoe in regelmäßigem Wechsel

zwischen Solo und Chor unendlich oft wiederholt. Das Lied heißt:

Solo: ~Olendo u che Kandangu imasile. Imanga kukaránga.~

Die Reise des Herrn Kandangu ist zu Ende. Der Mais ist geröstet.

Chor: :::~Olendo u che Kandangu~:::

Anzug und Vortragsart sind bei Likosoe fast genau wie bei Sulila, nur

daß Likosoe, seinem Namen entsprechend, noch viel lebhafter geigt,

singt und tanzt wie sein blinder älterer Kollege. Er ist überhaupt ein

Allerweltskünstler; er mimt zu ebener Erde, und es macht ihm nichts

aus, seine Künste auch auf hohen Stelzen zu zeigen, ein Anblick, der

mich zum erstenmal nicht wenig in Erstaunen setzte. Das Lied selbst

bezieht sich natürlich auf ein Ereignis, auf eine Reise, an der er

selbst beteiligt gewesen ist. Das wichtigste Ergebnis im Sinne des

Negers ist dabei, daß aller Mais geröstet, d. h. draufgegangen ist.

Weit interessanter ist das andere Lied des Herrn Ratte; es hat eine

unleugbare Verwandtschaft mit Sulilas Heldenlied, gewinnt aber gerade

für mich ein aktuelles Interesse dadurch, daß es sich um die Person des

Herrn Linder rankt, des trefflichen Wirtschaftsinspektors der Kommune

Lindi, dem ich so manchen Ratschlag verdanke und der wegen seiner guten

Kenntnis gerade dieses Teiles vom Hinterland ursprünglich zu meinem

Begleiter ausersehen war. Linder hat sich um die Niederschlagung des

Aufstandes die größten Verdienste erworben; während an das Eingreifen

der Schutztruppe noch gar nicht zu denken war, hatte er mit einer

schwachen Polizeiabteilung schon zahlreiche Angriffe der Aufständischen

abgeschlagen und manchen Sieg davongetragen; schließlich ist er sogar

noch ziemlich schwer verwundet worden. Während aber auf Marine und

Schutztruppe die Auszeichnungen nur so herniedergeregnet sind, wandelt

„~Bwana Linda~“ noch heute, lange nach dem letzten Gefecht,

gänzlich undekoriert unter den Sterblichen. Doch er ist nicht nur ein

Held, sondern zugleich auch Philosoph.

Hier das Lied:

„~Olendo wa Linda (er); pa kwenda ku Massassi na gumiri chikuo:

mkasā́lĭle mbwana kubwa ngondo djiidje na autŭidje lunga yangadye.

Mkasā́lile akida Matora: ngondo djiidje na gombel(r)e lilōmbe.

nukuidjir(l)a Massassi; Mwera kupita mchikasa mpaka pe Lindi. Ne wapere

rukhsa. Yendeye ku mangu enu; mkapānde mapemba.~“

Ins Deutsche übertragen heißt das:

„Reise Linders; ging nach Massassi und (ich) schrie aus allen

Kräften: Teilen Sie mit dem Bwana kubwa: Krieg ist gekommen, und ich

bin weggelaufen, ohne mich umzuschauen. Teilen Sie mit dem Akiden

Matora: Krieg ist gekommen, und ich habe geschlagen die Lilombe (die

Kriegstrommel). Dann gingen wir nach Massassi; die Mwera (aber)

gehen ge(zer)schlagen bis Lindi (zurück). Dann bekommen sie Rukhsa

(Erlaubnis): Gehen Sie nach Ihrer Heimat; pflanzen Sie Hirse.“

Tempo: rasend; Vortragsart: parlando; Inhalt: in wenigen Worten die

Geschichte des ganzen Feldzuges, selbstverständlich mit der Person

des Sängers als seinem eigentlichen Mittelpunkt. Herr Linder kommt

auf einer seiner vielen Inspektionsreisen -- eine seiner vornehmsten

Pflichten ist die Kontrolle der einzelnen Jumbenschaften, ob sie

auch die vorgeschriebenen verschiedenartigen Nutzpflanzen kultiviert

haben oder nicht -- nach Massassi. Dort ist es selbstverständlich

Freund Likosoe, der in deutschtreuer Gesinnung zu ihm eilt und ihn

vor den bösen Wamuera warnt. Linder benachrichtigt seinerseits das

Bezirksamt in Lindi, schickt aber gleichzeitig auch Likosoe als

Eilboten zum Yaohäuptling Matola. Dort schlägt Likosoe die Lilombe,

die Kriegstrommel. Matolas Krieger eilen auf das bekannte Alarmzeichen

zusammen, 600 Mann mit Vorderladern, viele andere aber mit Speer,

Bogen und Pfeilen; dann marschiert der Häuptling mit seinem Heer auf

Massassi, um von hier aus den Wamuera in den Rücken zu fallen. Nun wird

als Tatsache erzählt, daß Seliman Mamba und seine Unterführer zu Beginn

des Aufstandes, als ihre Siegesaussichten besonders groß waren, die

Deutschen schon in den Ozean geworfen sahen; in Lindi war für jeden der

Führer bereits ein besonderes Haus mit allem Inhalt als Beute bestimmt.

Auf diese allerdings nicht verwirklichten Pläne mag sich die Stelle

vom Zurückgehen des Feindes bis nach Lindi beziehen. Matola hat zwar,

wenn ich nicht irre, in den Gefechten mit den Aufständischen gegen 40

Mann verloren, aber bis nach Lindi zurückgetrieben hat er den Feind

doch keineswegs. Der Schlußsatz behandelt dann den Friedensschluß;

die Besiegten erhalten Verzeihung und zugleich die Anweisung, sich

jetzt ruhig und friedlich in ihre Heimat zurückzubegeben, um dort neue

Pflanzungen anzulegen.

[Illustration: Yao-Ngoma in Chingulungulu.]

Auch mein Kinematograph hat in den Wochen meines Aufenthalts in

Chingulungulu mehrfach zu tun gehabt; ich habe eine ganze Reihe von

Yaotänzen und auch solche der Makua aufnehmen können. Dieser Stamm

ist bekanntlich das Jägervolk ~par excellence~ des Ostens; man

bezeichnet sogar jeden Berufsjäger ganz allgemein als Makua, ganz

gleich, welches Stammes er auch sei; auch in bezug auf alle Jägersitten

und Jagdmethoden, über die ich mich sehr bald werde auslassen können,

sind die Makua für alle anderen Völkerschaften vorbildlich. Was Wunder

also, wenn die Truppe, die auf Anordnung Matolas eines schönen Tags in

Chingulungulu erschien, mir einen Tanz vorführte, der in seiner ganzen

Ausdehnung ihrem Jägerleben entnommen war; sie wollten die Makwaru

aufführen, wie sie sagten. Rasch wie immer hatte ich meinen Kino zur

Hand und an geeigneter Stelle aufgebaut. Das ist hier bei dem lockeren

Aufschüttungsboden keine Kleinigkeit; drückt man die spitzen Füße

des Stativs zu derb in den Sand, so kann es passieren, daß das ganze

Stativbein plötzlich verschwindet; ich bin also vorsichtig geworden

und treibe vor jeder Aufnahme schräg von oben unter jedes Bein einen

Holzkeil. Schwieriger noch ist die Remedur einer falsch angebrachten

Sparsamkeit; um dem Afrikafonds des Deutschen Reiches ganze 12 Mark und

einen viertel Träger zu ersparen, habe ich für den Ernemann-Kino nicht

das zu diesem gehörige schwere Stativ mitgenommen, sondern begnüge mich

mit meinem Photographenstativ. Das ist, wie alles, was mir Gebrüder

Grundmann in Leipzig geliefert haben, für seinen eigentlichen Zweck

vorzüglich geeignet, für die Erschütterungen des ruckweise arbeitenden

Kinematographen aber ist es reichlich leicht. Deswegen hänge ich

entweder einen derben, schweren Stein unter ihm auf, oder aber eine

gefüllte Reisekiste; und wenn es ganz schlimm wird, muß sich sogar

einer der Träger als Schwergewicht opfern.

Der Makwaru gewärtig stehe ich da; mir gegenüber hat sich inzwischen

genau die gleiche Kapelle etabliert, wie ich sie von Sulilas und

Likosoes Auftreten gewohnt bin: sechs oder sieben Männer und Jünglinge,

die, des Beginns der Vorstellung gewärtig, mit je zwei Holzschlegeln

über langen, weißen Holzstangen kauern. Da huscht ein phantastisch

aufgeputztes schwarzes Etwas in den Kreis. Es bewegt sich mit so

raschen Zitterbewegungen, daß zunächst nicht zu erkennen ist, ob ich

Mann oder Frau vor mir habe. Erst eine kurze Atempause zeigt uns einen

Mann in mittleren Jahren, die Mitte des Körpers eingehüllt in einen

ganz in der Art unserer Ballettröckchen aus langen, grünen Blättern

gefertigten Schurz. Und wie fliegt dieses Röckchen im Winde! Der

Mann bewegt sich zunächst kaum von der Stelle. Er arbeitet in einem

schnellen, gleichmäßigen Tempo mit den Füßen; doch auch die Unterarme

sind in einer Bewegung, die schwer zu schildern ist, da wir in unserer

europäischen Tanzweise nicht das geringste Vergleichsmoment besitzen;

alle vier Extremitäten sind in einer durch die Kapelle bestimmten

rhythmischen Bewegung. Ob sich die Mittelpartie des Körpers mit dem

unausgesetzt fortgeführten Hin und Her diesem Takt anschließt, ist

wieder sehr schwer zu entscheiden, da diese Zitterbewegung so schnell

erfolgt, daß Einzelheiten überhaupt nicht zu sehen sind. Dieses Stadium

dauert eine ganze Weile, so daß es mir fast um meinen kostbaren

Kinofilm leid tut.

[Illustration: „Waldschule“ im Pori bei Chingulungulu.]

Endlich wechselt der Jäger die Taktik. Der Tänzer ist nämlich wirklich

ein Jäger, und ein sehr erfolgreicher Elefantenjäger noch dazu; er hat

soeben, ~in effigie~ natürlich, einen starken Elefanten erlegt und

muß diese Ruhmestat feiern. Das tut er in der hier geschilderten

Weise nach seiner Rückkehr ins Heimatdorf vor dessen gesamter

Bevölkerung. Auch hier in Chingulungulu ist alles herbeigeströmt, um

den berühmten Mann zu sehen und auch, um seine Tanzkunst zu bewundern.

Diese wird jetzt immer lebhafter; der Mann beharrt nicht mehr auf

einem Fleck; er trippelt weiter, bald geradeaus, bald im Zickzack;

endlich wird aus der Linie ein Kreis, in dem er immer rascher in

kurzen, vorsichtigen Sprüngen einherrast. Dabei werden Arm- und

Beckenbewegungen in der alten Weise, ohne eine Sekunde auszusetzen,

fortgeführt. Noch ein unsinnig schnelles Trippeln im Kreise, ein

geradezu wahnsinnig rasches Erzittern des ganzen Körpers; dann steht

der Tänzer hochaufatmend still.

Uns Europäern will eine solche Art der Tanzbewegung zu absonderlich

und fernliegend erscheinen, als daß wir sie kritisch zu beurteilen

vermöchten. Ich hatte von Haus aus eine mimische Wiedergabe der

Elefantenjagd selbst erwartet, oder doch wenigstens die mimische

Darstellung des Anschleichens und Erlegens jenes Wildes; ich muß

gestehen, ich habe in dieser Tanzleistung nichts darauf Hinzielendes

finden können. Lediglich die fabelhafte körperliche Gewandtheit dieses

Zitterakrobaten habe ich bewundern müssen.

Negerleben in Ostafrika · 第 17 / 40 段