gojo kakuungwa?~“ lautet diesmal die Frage. Hier heimelt mich die
Lösung viel mehr an als bei der Einleitung. „Was klappert in seinem
Haus?“ bedeuten jene Worte; „~Belemende~, die Basi-Erbse“, ist
die Lösung. Die Erbse ist natürlich noch in der Schale gedacht, an
dem unserm Liguster ähnlichen Strauch, auf dem ihre reifen Früchte im
frischen Morgenwind tatsächlich ein klapperndes Geräusch hervorbringen.
Aber weiter: „~Chindawi -- Ajise~“ ertönt es zum drittenmal;
„~Achiwanắngu kulinganá~“ lautet diesmal die Aufgabe. Ich bin
wieder vollständig hilflos; da springt Matola in seiner gewohnten
Lebhaftigkeit mitten in den Kreis, bückt sich rasch und deutet mit
beiden ausgestreckten Händen auf seine Knie. Murmelnder Beifall lohnt
sein Beginnen: „Meine Kinder sind gleich groß“, ist die Aufgabe
gewesen, „~Malongo~ -- die Knie“, das ist die unerwartete Lösung.
Uns Europäern mit unserm erschrecklich kühl denkenden Verstande ist
die beneidenswerte Fähigkeit unserer frühen Kindheit, auch Teile eines
Ganzen für dieses Ganze selbst ansehen zu können, längst abhanden
gekommen; dem Neger hat ein gütiges Geschick diese Fähigkeit bis ins
höchste Alter bewahrt.
Ich wundere mich nun über gar nichts mehr. „~Chindawi -- Ajise~“
ertönt es zum viertenmal. „~Ambudje adyigele utandi~“ schmettert
eine neue frische Frauenstimme in den Kreis. Dieser blickt geschlossen
auf den Europäer hin, der sich wiederum nur durch ein der Verlegenheit
entsprungenes: „~Si jui~, ich weiß es nicht“ aus der Affäre
ziehen kann. Hier liegt aber auch die Lösung gar zu weit von unserer
ganzen Denkweise ab. „Mein Herr bringt Mehl“ hat die Aufgabe geheißen.
„~Uli~, weiße Haare“, wird mir triumphierend als die Lösung
zugerufen. Das Rätsel versetzt uns gleichsam in die Rokokozeit; ein
bejahrter Neger mit weißem Haar erweckt in der Tat den Eindruck, als
wenn sein Haupt mit Mehl gepudert sei. Dies mag zur Entstehung der
Rätselfrage den Anlaß gebildet haben.
Aber nun die letzte Nummer des selbst für einen verwöhnten Forscher
überreichen Programms:
„~Chindawi -- Ajise~“ erschallt es zum letztenmal. „~Pitaku
pite akuno tusimāne apá.~“ Die allgemeine Gespanntheit, mit
der diesmal wieder alles auf mich hinschaut, ist womöglich noch
größer als bisher; alles hat das sichtliche Gefühl der geistigen
Überlegenheit über den weißen Mann, der von alledem nichts versteht.
Aber diesmal hat sie alle ihr Übereifer verraten; ihr Gebärdenspiel hat
mir dargetan, was ihre Sprache mir verschloß: mit beiden Händen hat
alles die Bewegung des Gürtelschließens ausgeführt. ~Lupundu~,
das Gürtelband, ist denn auch die Lösung dieses Rätsels, das selbst
in dem Tonfall der Übersetzung: „Geht links herum, geht rechts herum
und trifft sich in der Mitte“ an den Tonfall deutscher Kinderrätsel
gemahnt, wie es z. B. das allbekannte: „Oben spitz und unten breit,
durch und durch voll Süßigkeit“ ist.
Nunmehr zum Schluß noch die obligate Zugabe. Es ist kein Geringerer als
Matola selbst, dessen Munde das ernste Wort entströmt:
„~Chikalakasa goje kunganda, kunganda yekwete umbo~“; zu deutsch:
„Schädel spielen nicht; es spielt nur, wer Haare (auf dem Kopfe) hat.“
Mit dem schwierigen Werk des Übersetzens geht hierzulande auch stets
das des Kommentierens Hand in Hand, und so weiß auch ich denn schon
nach kurzer Zeit, daß der Sinn dieser Sentenz etwa der ist: „Freut euch
des Lebens“, oder aber: „Nur der Lebende hat recht.“ „~Chikalakasa
goje kunganda, kunganda yekwete umbo~“, spreche jetzt auch ich
feierlich, zu Matola und Daudi gewandt, Moritz aber rufe ich mit
starker Stimme zu: „~Bilauri nne ya pombe~, einen Becher Bier
für jeden von uns vieren; nur der Lebende hat recht.“ Schon schlägt
der graugelbe Trank in unseren Trinkbehältern, zwei Gläsern und zwei
Blechtöpfen, Blasen -- von perlender Pombe kann man beim afrikanischen
Rassentrank mit dem besten Willen nicht reden --, ein „~Skål~,
Herr Knudsen!“, „Prosit, Herr Professor!“, ein stummes Neigen des
Hauptes bei den beiden Negern. Mit innigem Behagen lassen wir das
kühle Naß in unsere durstigen Kehlen rinnen -- „~kunganda yekwete
umbo~“, es spielt nur, wer Haare aus dem Kopfe hat. Still, stumm und
fast unmerklich sind die schwarzen Doppelgestalten von Mutter und Kind
davongeschlichen; „~Kwa heri, Bwana~“, tönt es von Matolas Lippen
und von denen des schwarzen Pastors. Ein rasches Davonhuschen, und der
Norweger und ich sind allein.
Grauslich nimmt sich das Schicksal der Frau bei den Naturvölkern in
unseren Büchern über Völkerkunde aus; Lasttier, Sklavin, das sind die
Ausdrücke, denen der Leser auf Schritt und Tritt begegnet. Zum Glück
für die Betroffenen ist die Sache nur halb so schlimm, ja, wollte
man z. B. die Küstenkultur Äquatorial-Ostafrikas als Maßstab für die
ganze große Welt der Naturvölker im allgemeinen annehmen, so würde
sich das Bild zwar nicht gerade umkehren, wohl aber außerordentlich
stark verwischen. Es reißt sich keine ein Bein aus, wie unsere derbe,
aber treffende deutsche Redensart lautet; kein Weißer hat jemals
eine schwarze Maid eiligen Schrittes laufen sehen; und selbst die
unvermeidliche Hausarbeit geht ihnen allen so behaglich und behäbig
von der Hand, daß manch eine unserer deutschen Hausfrauen über dieses
Ausmaß von Muße schier neidisch werden könnte. Bei den Binnenstämmen
ist das Los der Frau freilich etwas härter; der Luxus der Küstenfrau
fällt hier mehr oder minder weg, auch der Kinderreichtum ist wohl im
allgemeinen größer und schafft mehr Sorge; vor allen Dingen aber fehlen
den Negerdörfern die Markthallen und die zahlreichen Inderläden, wo man
alles in ganz gleicher Weise kaufen kann wie im weitentfernten Europa.
Daher geht es denn wohl nicht gut anders: Frau und Tochter müssen schon
früh beim ersten Sonnenstrahl heran an den Mörser, an die Wanne, an den
Reibstein.
Es ist 6 Uhr morgens. Unruhig wälzt sich der Europäer im Zelt auf
seinem harten Bett; wälzen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck;
in dem engen Trog ist eine derartig freie Bewegung nur bei vollem
Bewußtsein und auch dann nur bei dem Besitz turnerischer Gewandtheit
möglich; die Nacht ist nur wenig erquicklich gewesen. Zunächst hat
es am Abend vorher beim Zubettgehen noch eine kleine Feuersbrunst
gegeben. Kibwana, der ungeschickte, dumme Kerl aus Pangani, hat meinen
letzten Zylinder beim Putzen um die Hälfte seiner ursprünglichen
Länge gekürzt. Jetzt ermöglicht der messingene Windschützer zwar das
Weiterbrennen der Lampe, aber sie strahlt eine wahnsinnige Hitze aus.
Nur so ist es zu erklären, daß ich in dem Moment, wo ich blitzschnell
unter dem eben gelüfteten Moskitonetz hindurch auf mein Ruhelager
schlüpfe -- blitzschnell, um den stets auf der Lauer liegenden Moskitos
ein Schnippchen zu schlagen -- über und hinter mir einen auffallend
hellen Schein bemerke. Umdrehen und mit beiden Händen zuschlagen ist
eins. Der Schlag hat Gott sei Dank gesessen; gleichwohl haben die drei
Sekunden zwischen dem Aufflammen des leichten Netzstoffes über der
wohl etwas zu dicht am Bett stehenden Lampe und meinem instinktiven
Zuschlagen genügt, um ein quadratfußgroßes Loch in die vordere Netzwand
zu brennen. Kibwana wird es am nächsten Vormittag mit einem Stück
Sanda zunähen müssen; es wird nicht schön aussehen, aber vollkommen
zweckentsprechend sein; einstweilen tut es auch das Zustecken des
großen Loches mit ein paar Nadeln.
Müde und abgespannt bin ich endlich auf mein Lager gesunken und in
einen unruhigen Schlaf verfallen. Es mag 2 Uhr nachts sein; verwirrt
und dumpf im Kopfe fahre ich empor. Was dringt laut, mit immer
gewaltigerem Brausen an mein Ohr? Was rüttelt an meinem Zelt, daß die
derben Eschenstangen schier brechen möchten? Ist der Indische Ozean
aus seinem Bett getreten, um sein altes Eigentumsrecht an dieser
weiten Ebene von neuem geltend zu machen? Ist es ein Taifun, der mit
seiner unwiderstehlichen Gewalt alles niederlegen will, Bäume, Häuser
und Zelt? Ein ungeheurer Aufruhr durchtobt die Natur; in das Brausen
des Sturmes aber mischen sich jetzt neue Töne; ein vielstimmiges
Brüllen von der Rückwand des Zeltes her, Rufen, Schreien und Schelten
vom Gefängnis herüber, wo meine Soldaten munter geworden sind und
nun direktionslos im schwarzen Dunkel der Nacht auf dem Platz um die
Barasa hin und her stolpern. Da, ein furchtbares Gebrüll dicht an der
Zeltwand. Ist die Löwenplage, die bei Hatia und um Massassi so viele
Menschenleben gefordert hat, auch hierher gedrungen? Rasch wie der
Gedanke habe ich mich unter dem Netz hindurch in den freien Zeltraum
genestelt; ein Griff nach dem gewohnten Platz der Streichholzschachtel;
sie ist nicht da. Auch nirgendwo anders ist sie zu finden. Ich gebe
die Suche auf und fahre in meine Khakigewandung hinein, indem ich
gleichzeitig aus vollem Halse nach dem Posten unterm Gewehr rufe und
den Lärm dadurch noch mehr vergrößere. Doch kein Posten naht. Jetzt
trete ich hinaus und sehe die Bescherung, soweit die von den Kriegern
geschwungenen Feuerbrände den Schauplatz übersehen lassen. Sie kämpfen
gegen eine enggeschlossene Schar schwarzer, großer Tiere, doch keine
Löwen sind es, sondern Matolas friedliche Rinder. Man hat einer jungen
Mutter unter ihnen vorgestern das Kalb genommen; die ganze vorige Nacht
und den ganzen Tag hat sie nicht aufgehört, mit kläglichem „Muh“ nach
ihrem Kinde zu rufen; jetzt im Aufruhr der Elemente ist sie aus dem
leichten Corral ausgebrochen, und alle anderen Tiere hinter ihr drein.
Mit wildrollenden Augen glotzen die beiden Bullen in die zur Abwehr
geschwungenen Feuerbrände der Soldaten; ängstlich brüllt das Jungvieh
dazwischen. Schließlich gelingt es, die Herde zurückzutreiben und mit
unsäglicher Mühe wieder in den Pferch zu sperren.
Der weiße Mann im Zelte träumt; ihm hat sich das Nachtgefecht mit
Feuerbränden gegen den vierfüßigen Gegner in ein anderes mit Pulver
und Blei gegen die bösen Wangoni von Ssongea gewandelt. In merkwürdig
regelmäßigen Zwischenräumen krachen die Schüsse von einem Gegner zum
andern. Plötzlich hört das Feuergefecht auf. Was kann das bedeuten?
Plant der kampfgewohnte Gegner eine Umgehung meiner schwachen Truppe,
oder schleicht er unhörbar im Busch, im dichten hohen Grase heran?
„Sprung auf marsch marsch!“ kommandiere ich und fahre mit einem
gewaltigen Satz aus der Schützenlinie nach vorn. Im gleichen Augenblick
stoße ich mit der Nase auf Blechkoffer Nr. 3, der gleichzeitig
meine Kriegskasse ist und deshalb dem Tippelskirchbett gegenüber im
Zelt Aufnahme gefunden hat. Mein Sprung hat mich unbewußt von allen
Traumgefahren befreit und in Raum und Wirklichkeit zurückversetzt.
Schon hebt auch das Pelotonfeuer von neuem an: bum, bum, bum, bum, bum,
bum. Nach der ereignisreichen Nacht ist mir wirr und dumpf im Kopfe;
dennoch muß ich laut auflachen. Dieses so regelmäßige Schützenfeuer ist
das rhythmische Stampfen zweier Wayaofrauen in Matolas Gehöft gewesen,
die für ihren königlichen Herrn und seinen Hof das tägliche Quantum an
Hirse- und Maismehl herzustellen im Begriff waren.
[Illustration: Frau am Mörser.
Zeichnung von Salim Matola (s. S. 450).]
Ich habe die Frauen und Mädchen bei dieser Arbeit oft gesehen, aber
heute ist mir’s, als müsse ich gerade diesen Grazien, weil sie mit
mir nun doch schon in geistigen Konnex getreten sind, meine besondere
Aufmerksamkeit schenken. Rasch ist Toilette gemacht, ebenso rasch
das Riesenquantum Houtenschen Kakaos getrunken und der übliche
Bananeneierkuchen vertilgt, dann bin ich auch schon mit meiner engeren
Leibgarde: Pesa mbili, Yuma, Mambo sasa, Kasi uleia II. und wie
sie alle heißen die Braven, Treuen, von denen auf mein Kommando jeder
wie ein Windhund nach seinem Apparat oder dessen Einzelheiten greift,
mit Kamera und Kinematograph hinter jener Frauengruppe aufmarschiert.
Vier weibliche Wesen sind es; zwei von ihnen schwingen noch immer und
unentwegt ihre schwere, lange Mörserkeule weiter. Diese tönt jetzt
nicht mehr dumpf wie Kanonenschlag oder der Schuß aus dem Vorderlader,
sondern es ist ein mehr klatschendes Geräusch geworden. Matola erklärt
mir, jetzt hätten die Frauen Mais in ihrem Mörser, während sie am
frühen Morgen Hirse verarbeitet hätten; bei dieser donnere der Mörser
so; die Behandlung der verschiedenen Körner sei nämlich die folgende.
Die Hirse werde trocken enthülst und geworfelt, sodann gewaschen und
eine halbe bis zu einer Stunde in einem flachen Korbe zum Trocknen
in die Sonne gestellt; dann erst könne sie auf dem Steine zu Mehl
verrieben werden. Der Mais dagegen werde in einem etwas nassen Mörser
enthülst; dann quelle er drei Tage in kaltem Wasser. Erst nach Ablauf
dieser Frist werde er gewaschen und dann erst gestampft. Das Mehl könne
durch Trocknen konserviert werden.
Nach kurzer Weile hört das Stampfen auf; aufatmend wischen sich die
Frauen den Schweiß von Stirn und Brust. Es ist eine harte Arbeit
gewesen, und wenn an der sonst so grazilen Gestalt der Negerin nichts
mehr auffällt als eine unproportioniert starke Ausbildung der oberen
Armmuskulatur, so ist vor allem dieses tägliche Mörserstampfen die
Ursache davon.
Mit raschem Griff hat die dritte Frau dem Mörser die Masse entnommen.
Diese ruht jetzt in einem weiten, flachen Korbe von wohl 60-70
Zentimeter Durchmesser. Doch nur einen Augenblick, dann beginnt es
Schlag um Schlag; 10 Sekunden, 20 Sekunden; Hand und Korb beschreiben
einen nach unten offenen Halbkreis, aber nicht gleichmäßig, sondern
ruckweise. Jetzt sondert sich die leichte Spreu vom schweren Korn; der
Endzweck des Mörsers wird sichtbar. Auch ich bekomme jetzt endlich
den richtigen Begriff von seiner Rolle: er hat gar nichts mit dem
Zerkleinern des Korns zu tun, sondern dient lediglich zum Enthülsen.
Das Worfeln in dem flachen Korb, der Wanne oder wie wir ihn sonst
nennen wollen, ist rasch vonstatten gegangen; mit einem besonders
kräftigen Ruck sind die blanken Körner in einen andern Korb geflogen.
Nach diesem greift jetzt das vierte Wesen, ein junges Ding mit vollen
Formen. Es hat bis dahin untätig an der Universalmühle der Urmenschheit
gekauert, dem flachen Reibstein. Jetzt kommt Leben in die Maid:
knirschend fährt der harte, flache Läufer über die erste Hand voll
Körner dahin; Schub auf Schub; feiner und weißer wird die Masse; der
Arbeiterin aber wird sichtlich warm. Schließlich ist das erste Quantum
fertig; mit langer, eleganter Bewegung gleitet es, vom Läufer nach vorn
geschoben, in die dort hart unter den Stein geschobene, flache Schale.
Ein Aufatmen, dann ein rascher Griff nach neuem Korn; die Arbeit hebt
von neuem an.
Diese Mehlbereitung ist, genau wie bei den Völkern der frühen Antike
oder wie auch bei den Indianern des maisverzehrenden Amerika, die
Hauptarbeit des weiblichen Geschlechts. Es ist, wie das in der
primitiven Natur des Handwerksgeräts begründet ist, wahrlich keine
leichte Arbeit, doch trifft sie das hiesige weibliche Geschlecht
noch lange nicht so hart wie bei uns zulande die Feldarbeit die
Frau jedes Tagelöhners, jedes ländliche Dienstmädchen oder Frau und
Tochter des kleinen Landwirts. Die Negerin möchte ich sehen, die auch
nur eine einzige deutsche Ernte durchkosten würde, ohne mit Protest
davonzulaufen.
[Illustration: Mehlbereitung in einem Eingeborenengehöft.]
Auch die Besorgung des Haushalts drückt nicht überschwer. Die Frau
des kleinen Mannes bei uns verfügt gewißlich nicht über eine allzu
reichliche Abwechselung in ihrem Speisezettel, doch ist ihre Küche
noch immerhin großzügig gegen das ewige Einerlei des schwarzen
Küchenrepertoires: Ugali aus Hirse heute, Ugali aus Mais morgen,
Ugali aus Maniok übermorgen; dann hebt der Turnus von vorne an. Nun
mag die Herstellung dieses afrikanischen Nationalgerichts an und für
sich nicht einmal einfach sein -- mir ist immer der Vergleich mit
dem Thüringer Kloß aufgestiegen, den ja auch nur ganz gottbegnadete
Hausfrauen in vollkommen einwandfreier Weise herzurichten vermögen --,
aber schließlich muß doch auch das stumpfste Negerweib einmal hinter
das Ugaligeheimnis kommen. Knudsen mit seiner Begeisterung für
alles echt Afrikanische verspeist das Zeug mit innigem Behagen; mir
schmeckt es immer wie ein Stück Wäsche, das eben der Lauge entnommen
ist. Im Prinzip ist die Herstellung einfach: man bringt das Wasser in
dem großen Topf zum Kochen; dann schüttet man nach und nach und unter
stetem Umrühren ganz gleichmäßig das nötige Mehl hinzu. Die richtige
Konsistenz ist erreicht, wenn der ganze Topfinhalt zu einer glasigen,
durchscheinenden Masse eingedickt ist. Um ein europäisches Gericht
zum Vergleich heranzuziehen, braucht man nur auf die norditalienische
Polenta zu verweisen, die in ganz ähnlicher Weise hergestellt wird und
auch ganz ähnlich schmeckt.
[Illustration: Plauderstündchen.]
Erfreulicherweise gehen die Leistungen meines eigenen Kochs doch weit
über die der hiesigen Hausfrauen hinaus, wenngleich auch sein Können,
und leider vor allem auch sein Wollen, viel zu wünschen übrigläßt.
Omari ist schon äußerlich ein Unikum; auf ein paar winzig kurzen Beinen
mit einer Art von Entenfüßen sitzt ein unverhältnismäßig langer
Oberkörper; auf dem Oberkörper aber ein Haupt, das nach oben überhaupt
nicht zu Ende gehen will; der ganze Mensch besteht, hyperbolisch
gesprochen, eigentlich nur aus Hinterkopf. Er ist Bondei-Mann aus dem
Norden der Kolonie, gibt sich aber natürlich als Suaheli aus. Doch
das tun sie ja alle, die Schensi aus dem Hinterland, wenn sie einmal
mit der in ihren Augen glänzenden Küstenkultur in Berührung gekommen
sind. Omari ist der einzige Verheiratete von meinen drei Dienern;
er behauptet, vier Kinder zu haben, und spricht von seiner Frau mit
sichtlichem Respekt. Sie hat ihn auch erst losgelassen, nachdem er
ausgiebig für sie gesorgt, d. h. mich veranlaßt hat, für sie bei
meinem Daressalamer Geschäftshaus ein Konto von monatlich 7 Rupien
zu eröffnen. Ich habe meine drei Mohren alle in ganz gleichartige
Khakianzüge gesteckt; alle drei haben sich daraufhin kraft eigener
Machtvollkommenheit sofort zu Gefreiten der Schutztruppe ernannt, indem
sie den Schneider bewogen haben, ihnen je einen schwarz-weiß-roten
Winkel auf den linken Ärmel zu nähen. Nun sind sie unsagbar stolz;
leider haben aber ihre Tugenden mit diesem Avancement nicht Schritt
gehalten. Omaris Tatkraft habe ich zum erstenmal in Massassi durch
ein paar furchtbare Ohrfeigen wecken müssen; bei den beiden andern
reichen diese nicht aus, da ist nur der Kiboko wirksam. Will man
die drei Männer durch je einen Zug charakterisieren, so ist Omari
der personifizierte Aberglaube, Moritz die auskristallisierte
Verschmitztheit, Kibwana ein Ausbund von Dummheit; allen dreien
gemeinsam ist die noch immer nicht ganz geschwundene Manie, in jedem
freien Augenblick bei ihrem Herrn um einen Vorschuß einzukommen. Alle
drei fliegen natürlich in gleicher Weise hinaus.
Wäre ich bei der Anlage meiner ethnographischen Sammlung auf lauter
Leute von der Art meines Kochs angewiesen, ich würde nicht ein Stück
bekommen. Kokett trägt der Bursche an seinem linken Oberarm ein
Amulett: eine dünne Schnur mit anscheinend eingenähtem Koranspruch.
Leichthin sage ich zu dem Besitzer: „Verkaufe mir das“. Aber welch
ein Geschrei hat der Brave daraufhin erhoben: das könne er nicht und
das wolle er nicht, denn mit dem Augenblick, wo das Ding von seinem
Arm käme, da wäre er auch schon tot. Seitdem mache ich mir von Zeit
zu Zeit den Spaß, ihn stets von neuem zum Verkauf seines Talismans
aufzufordern; jedesmal erhebt er dann dasselbe Geschrei. Und zeichnen
kann er erst! Er hat mir in Lindi einmal die Karte seines Heimatlandes
gebracht, von ihm selbst entworfen und auf ein Stück fettigen
Butterbrotpapiers gezeichnet. Aus ihr kann höchstens der Teufel klug
werden, den er am nächsten Tage, auf die andere Hälfte jenes fettigen
Papiers gezeichnet, ebenfalls heranbrachte. Omaris Höllenfürst hat
nicht weniger als vier Köpfe, dafür aber nur zwei Arme und gar nur
ein Bein; d. h. so schildert er nur den Scheitani mit Worten; seine
Zeichnung ist, wie die Karte, ein unentwirrbares Chaos von allerlei
krausen Linien. Da sind meine Träger doch ganz andere Künstler; welch
lebendige Auffassung herrscht z. B. in jener Zeichnung meines sonst
so phlegmatischen Yuma, die den Angriff einer Affenherde auf eine
Pflanzung -- seine eigene Pflanzung ist es -- wiedergibt! Doch mit der
Zeichenkunst unserer Schwarzen werden wir uns später noch einmal des
näheren befassen müssen.
[Illustration: Affenraubzug auf eine Pflanzung. Nach einer Zeichnung
des Yuma (s. auch S. 450).]
Einen üblen Streich hat mir der Bursche mit meinem Kaffeevorrat
gespielt. Ich habe von Daressalam aus zwei große Büchsen besten
Usambarakaffees mitgenommen, die eine mit sechs bis acht Pfund
gerösteten Bohnen, die andere mit ebensoviel Rohkaffee. Nach
menschlichem Ermessen hätte schon die erste Büchse selbst bei stärkstem
Einbrauen meines mittäglichen Mokkas auf Monate reichen müssen; um so
verblüffter war ich, als mir mein Küchenchef bereits nach 3½wöchiger
Reisedauer lakonisch meldete: „~Kahawa a me kwisha~, der Kaffee ist zu
Ende“. Strenge Untersuchung natürlich; Omari behauptet, pro Tag zwei
Löffel für mich verbraucht zu haben; ich lasse durch Moritz die zweite
Büchse öffnen und messe ihm mit dem bewußten Löffel das Quantum vor,
welches er auf Grund seiner Aussage im schlimmsten Fall verbraucht
haben kann. In dem Riesenbehälter zeigt sich danach kaum ein Manko.
Jetzt sage ich dem Burschen auf den Kopf zu: zu einem Teil hast du ihn
selbst gefressen, zum andern an deine Freunde, die Herren Soldaten,
verkauft. „~Hapana~“ ist die ganze Antwort. Retten kann man sich gegen
dieses Ausbeutungssystem nur dadurch, daß man dem Mann die benötigte
Dosis täglich höchst eigenhändig zumißt; die kostbare Forschungszeit
wird dadurch jedoch noch mehr eingeschränkt.
Diese Notwendigkeit der unausgesetzten Kontrolle hat mir auch ein
anderer Vorfall klar erwiesen. Kibwana und Moritz sind entweder
abwechselnd oder zuweilen auch gleichzeitig krank; beide leiden in der
Tat sehr oft an Fieber. Moritz wollte vor einigen Tagen gar sterben,
aber nicht hier in Chingulungulu, sondern in Lindi; da stürbe es sich
besser. Nils Knudsen mit seinem weichen Wikingergemüt bemitleidete den
armen Mohrenknaben so herzerweichend, daß ich mich endlich bewogen
fühlte, mein Fieberthermometer -- meine Musterapotheke enthält nur eins
dieser nützlichen Instrumente -- auch einmal außerhalb der gewohnten
Ordinationszeit einzulegen. 36,8° hatte der „Sterbende“! Moritz ist
diesmal sehr schnell gesund geworden. Doch ein anderes Mal war er
wirklich krank. Da habe ich ihm gestattet, sich am Morgen einen großen
Topf von meinem Kakao zuzubereiten. Ahnungsvoll gehe ich um Moritzens
Frühstückszeit zur Küche hinüber. Was sehe ich? Freilich, zunächst
den behaglich schlemmenden Moritz, aber außer dem Patienten auch noch
ungefähr meine ganze Mannschaft, die von dem Koch in freigebigster
Weise mit dem gesamten Inhalt einer meiner acht Büchsen regaliert
wurde. Und da soll man nicht zornig zur Nilpferdpeitsche greifen?