Der schwarze Erdteil liebt mich nicht; schon auf dem Marsch hat er

mich täglich mit seinen Wirbelwinden belästigt; hier in Chingulungulu

sucht er mich ganz systematisch aus seinem Innern hinauszutreiben.

Knudsen und ich nehmen unser Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr ein.

Ursprünglich war es auf präzise 12 Uhr angesetzt. Gemessenen Schrittes

nahen Moritz und Knudsens Ali von der Küche am Gefängnis herüber mit

dem unvermeidlichen Teller Knorrscher Suppe. Diese Präserven sind

etwas ganz Vorzügliches; sie allein wären, glaube ich, imstande, den

Körper hier über Wasser zu halten. Mit einem fröhlichen „Gesegnete

Mahlzeit“ machen wir uns über das Gericht her, jeder, wie es hier so

Sitte ist, an seinem eigenen Expeditionstisch. Horch, was ist das? Ein

gewaltiges Brausen. Es kommt näher und näher; Staub, Gras und Laub

wirbeln auf; instinktiv hält man Hand oder Mütze über den Teller. Es

ist zwecklos; ein wirbelndes Chaos von Asche, Staub, Strohbündeln und

allen jenen Schmutzmassen, die man nur hier in Afrika studieren kann,

rast von rückwärts heran; die Barasa ächzt in allen Balkenlagern;

die Boys fliegen willenlos und widerstandslos auf den freien Platz

hinaus; dann ist alles vorüber. Bringt man es fertig, die Augen unter

der Schmutzkruste, die jetzt alles überzieht, zu öffnen, so erblickt

man eben noch, wie weit vor uns das Dachstroh einer Eingeborenenhütte

im fröhlichen Wirbel durch die Lüfte tanzt; dann verschwindet die

Erscheinung auch schon im Pori. Den ersten Tag waren wir natürlich

gegen das Phänomen wehrlos; den zweiten Tag dachten wir an nichts

Böses, da war es auch schon da; den dritten Tag schlug ich vor, das

Diner um eine Viertelstunde zu verlegen. Es hat alles nichts geholfen;

auch die Windhose kam um diese Viertelstunde später. Wir haben dann im

Lauf der Zeit einen förmlichen Krieg mit dieser Mittagshose geführt,

aber die Besiegten sind auf der ganzen Linie wir. Stets kommt sie, wenn

die Suppe aufgetragen ist; kaum können Moritz und Ali noch schnell

den Blechdeckel einer Reisekiste über den Teller stülpen, so ist sie

auch schon da. Teils zum Schutz gegen sie, zum andern aber gegen die

immerhin lästige Neugier der Landeskinder, der großen und der kleinen,

haben wir uns unter Matolas Architekturwunder eingebaut; wir haben

eine bis ans Dach reichende Wand aus Hirsehalmen quer durch die Halle

selbst gezogen und haben diese Wand rechts und links von uns in zwei

konvergierenden Linien weitergeführt, so daß wir jetzt wie in einem

Zimmer sitzen. Aber auch in diesen geschlossenen Raum kommt meine

intime Feindin, die Mittagshose.

Ein besonderes Kapitel sind die Wasserverhältnisse dieser Gegend.

Von allen Reizen Chingulungulus hatte Knudsen gerade sie am höchsten

gepriesen; wenn man auch noch so krank und elend sei, von diesem

herrlichen Labetrunk werde auch der siechste Körper gesund. Einer

unserer ersten Gänge nach der Absolvierung unseres gemeinsamen

Einzugsfiebers hat dem Besuche der Hauptquellen des Ortes gegolten.

Sie liegen unmittelbar an der Barrabarra nach Susas Residenz zu und

hätten von mir schon beim Einzuge gesichtet werden müssen, wäre ich an

jenem Tage nicht mehr tot als lebendig gewesen. Erwartungsvoll wandle

ich den sonnenheitern, nur ein paar hundert Meter langen Weg auf jene

Stelle zu; ein großer Troß von Knaben und halbwüchsigen Burschen hinter

uns drein. „So, hier sind wir“, heißt es plötzlich, als wir in drei

mannstiefen, geräumigen Gruben eine Anzahl mit dem Pelele behafteter

Weiber und mehrere jugendliche Töchter des Landes kauern sehen.

[Illustration: An den Wasserlöchern von Chingulungulu.]

„Na, und der Brunnen?“ frage ich, mir vor meinem geistigen Auge immer

noch die glühenden Schilderungen des Norwegers ausmalend.

„Nun, da unten, dort die Löcher, das sind die Quellen; sehen Sie doch,

wie die Weiber schöpfen.“ Das sah ich nun allerdings, und im Nu waren

alle meine Illusionen verflogen. Doch ebenso rasch war auch schon das

wissenschaftliche Interesse erwacht, und nach einem Rundgang um diese

Löcher und einem Abstieg in jedes von ihnen war ich sehr bald über

die Hydrographie dieses Landes im allgemeinen und Chingulungulus im

besondern im Bilde.

Die Flüsse und Bäche hier im Regenschatten des Makondeplateaus sind

Wadi, wie man sie in Nordafrika heißt, oder Omuramben, wie man es

im fernen Deutsch-Südwestafrika nennt; sie sind zwar das ganze Jahr

wasserführend, doch nur im Grundwasserspiegel; oberflächlich fließt

ihr Wasser nur in und unmittelbar nach der niederschlagsreichen

Jahreszeit. Diese ist schon seit Monaten zu Ende, und darum ist es

kein Wunder, wenn die Leute gegenwärtig immer tiefer in die Bachbetten

hineingraben müssen, um zum lebenspendenden Naß zu gelangen. Hier

sind sie stellenweise schon durch die gesamte Auflagerungsschicht

hindurchgedrungen, und Moritz weiß nicht genug dieses Wasser zu rühmen,

das aus reinem Fels entspringe. Es mag in der Tat bakterienarm und auch

für Europäer unschädlich sein, aber mich haben die nähern Umstände

seiner Gewinnung doch vom ersten Moment meiner hiesigen Anwesenheit

veranlaßt, mein seit Lindi geübtes Verfahren des Alaunisierens,

Filtrierens und Kochens alles meines Trinkwassers beizubehalten und

streng durchzuführen.

Das ist ein Fest, diese ständige Sorge um sein bißchen

Flüssigkeitszufuhr. Auf keinem Gebiete des täglichen Lebens kommt dem

Kulturmenschen und besonders dem verwöhnten Großstädter der Unterschied

zwischen dem alten Kulturlande Europa und dem jungfräulichen Afrika

so schneidend zum Bewußtsein wie gerade in der Sorge um den gewohnten

Trunk. Im vornehmen Uleia ein leichter Griff an den Wasserhahn, und

kristallklares, kühles, wohlschmeckendes und gesundes Wasser rinnt ins

peinlich saubere Glas; im plebejischen Afrika brütet am schlammigen

Erdloch ein nicht viel weniger schlamm- und schmutzüberzogenes

Weib. Hinter ihr auf hohem Grubenrande thront das rundbauchige

Tongefäß. Stumpf stiert sie in die schmale Vertiefung hinein; in der

Rechten das gewohnte Schöpfgefäß, die quer halbierte Hohlfrucht mit

durchgestecktem Holzstiel. Endlich lohnt es, das Schöpfgefäß in die

trübe Flut zu versenken; nicht ohne Grazie, mit jenem unnachahmlichen

Wiegen der Beckenpartie, wie es nur der Negerin eigen ist, steigt sie

nach oben, und in milchweißem Strahl ergießt sich die Ausbeute in

das Sammelgefäß. Dies wiederholt sich, bis der große, schwere Krug

gefüllt ist. Ein kurzer Gang zum nächsten Busch; mit einer Handvoll

frischgrüner Zweige kehrt sie zurück und versenkt den Strauß mit

liebevoller Sorgfalt in den weiten Hals des großen Wassertopfes. „Also

ein Bukett ~à l’Afrique~,“ denke ich, „etwas barbarisch zwar, aber

doch wohl der Beweis eines beginnenden Gefühls für die Schönheiten der

Natur.“ Weit gefehlt, so weit ist der Neger und auch die Negerin noch

lange nicht; wir eingebildeten Europäer haben es zu diesem heute so

viel gerühmten Naturgefühl ja auch erst vor noch nicht zu langer Zeit

gebracht; der Neger ist vor allen Dingen praktisch, ja er ist überhaupt

nichts als praktisch. Würden die bis fast an den Rand gefüllten Gefäße

dieses Straußes ermangeln, ein Meer von Wasser würde sich bei jedem

Schritt über Kopf und Körper des Trägers oder der Trägerin ergießen. So

wird kein Tropfen verschüttet; die Zweige und Blätter verhindern jede

Wellenbewegung in dem engen Becken. ~Probatum est.~

Auch eine Kaffeemaschine ist zu recht vielen Dingen nützlich. Mein

Koch Omari hat auf die Benutzung eines solchen Instruments von

vornherein verzichtet; daher kam mir der Blechtrichter mit den beiden

feinen Sieben ausgezeichnet zur Konstruktion eines Wasserfilters

zustatten. Holzkohle gibt es überall; sie ist bald zu feinen Stücken

zerschlagen und in starker Schicht in den Trichter gebettet. Dieser ist

damit zu einem feinen Filter geworden, der Einfachheit mit leichter

Beweglichkeit verbindet und stets reparierbar ist. Mit ihm müssen sich

Moritz und Kibwana weit mehr beschäftigen, als diesen faulen Schlingeln

lieb ist. Aus meiner frühern Zeit als Ozeanograph, wo ich mich lange

mit dem Problem des Sedimentabsatzes in den verschiedenen Wasserarten

befaßt habe, weiß ich noch, daß Salze den Niederschlag alles Festen

sehr stark beschleunigen. Für die Expedition ist Alaun das gegebene

Klärungsmittel. Eine mäßig große Blechbüchse voll ist beim Inder bald

erstanden; in langer Reihe haben die Träger die von den Eingeborenen

rasch hergeliehenen Tontöpfe und Kalabassen in den Schatten der Barasa

gesetzt. „~Daua ya uleia~“, rufe ich Kibwana zu. ~Daua~

ist das Wort für alles, was in den Augen des Negers irgendeine

unerklärliche Wirkung hervorbringt; uleia ist ihm gleicherweise alles,

was nicht zu seinem geliebten heimischen Erdteil gehört: Europa, auch

Deutschland im besondern; selbst das amerikanische Petroleum kommt

ihm aus ~uleia~. Hier ist damit die Alaunbüchse gemeint. Eine

Prise von dem Salz fliegt in jedes der Gefäße; das gleichzeitige

Umrühren ihres Inhalts zeigt dessen erschreckliches Ausmaß von Trübung

und Unreinheit. Für Moritz ist diese Brühe gleichwohl ein ~maji

msuri~, ein köstliches Wasser. In meinen Augen ist es das erst

nach Verlauf mehrerer Stunden. Dann ist die Flüssigkeit in der Tat

kristallklar; man gießt sie vorsichtig ab; die Boys jagen sie zwei-,

drei-, auch viermal durch den Kohlenfilter. Omari kocht unter Androhung

der schwersten Strafen das Wasser 10 Minuten lang; die Nacht über

kühlt es ab; morgens ist es dann ein Göttertrank; freilich auch nur

erst durch meine Reiseflasche, sodann durch die Fruchtkonserven der

guten, alten Hansestadt Lübeck. Selbstverständlich hat man mich in

Berlin auch mit der üblichen, großen Aluminiumflasche für Expeditionen

ausgerüstet; ich denke gar nicht daran, sie zum Gebrauch heranzuziehen.

Wie anders ist da der Hauptmann Seyfried zu preisen! Der hat mich

~nolens volens~ in Lindi zum Inder geschleppt. „So, da sehen Sie

die große Pulle; die erstehen Sie sich mal für 1 Rupie.“ Gesagt, getan.

„Und nun nehmen Sie Ihren schlauesten Träger her, der mag sie Ihnen mit

Kokosstricken so umgürten, daß ihr nichts passieren kann. Und jetzt

ziehen Sie los in Gottes Namen.“ Die Flasche hat griechische Form, aber

indischen Ursprung; sie ist unglasiert, sehr porös und transpiriert

ausgiebiger als selbst der schwerstbelastete meiner Träger. Das ist

aber auch gerade bei beiden beabsichtigt, beide sollen sich durch

diese Transpiration abkühlen. Bei meinen Trägern interessiert mich der

Prozeß nicht weiter, um so erquicklicher ist dafür die auch im tollsten

Sonnenbrand stets gleich kühle Temperatur meines Trinkwasservorrats,

den der lange Kofia tule mit mehr Würde als Grazie auf seinem

wolligen Haupte trägt. Höchst spaßhaft ist es übrigens, daß Knudsen

durchaus nichts von einer Alaunbehandlung seines Trinkwassers wissen

will; er hält dieses weiße Pulver ganz wie seine schwarzen Freunde für

eine „~Daua ya uleia~“, für etwas Unheimliches, dem man nicht

trauen darf, und trinkt lieber die trübe, schmutzige Brühe als mein

kristallklares frisches Getränk. ~Habeat sibi.~

[Illustration: Makonde-Frauen von Mahuta.]

Nur in unserer Begeisterung für selbstfabriziertes Selterwasser mit

Konserven stimmen wir beide vollkommen überein. Jenes stellt sich der

Reisende mittels des Sodorapparats her, einer starken Flasche, die oben

einen besondern Verschluß trägt. Dieser ist eingerichtet zur Aufnahme

einer kleinen Kohlensäurepatrone, die man an jedem Küstenplatze das

Hundert zu etwa 10 Mark kauft. Man füllt die Flasche zu fünf Sechstel

mit Wasser, legt die Patrone ein und dreht an einer Schraube. Mit

lautem Gezisch fährt das Gas in die Flüssigkeit; man schüttelt die

Flasche eine Minute, dann ist der „Sauerbrunnen“ fertig. Für sich

allein und ohne Zusatz getrunken, schmeckt er nicht gerade berühmt,

doch immer noch besser als gemeines Wasser schlechthin; opfern wir aber

eine meiner vielen Lübecker Blechdosen mit ihrem verlockenden Inhalt

an Kronsbeeren, Birnen, sauren Pflaumen u. dgl. und nehmen deren Saft

als „Schuß“, so ist das Ergebnis ein wirklich hervorragendes Getränk.

Es schmeckt selbst besser als die schönste Pombe von Chingulungulu, dem

bierberühmten.

[Illustration: Pombegelage.]

Zehntes Kapitel.

Mit und unter den Yao.

+Chingulungulu+, 20. August 1906.

Matolas größtes Verdienst ist bisher die Veranstaltung von ein paar

Soireen mit den Frauen des Ortes, die er schließlich doch so weit

gezähmt hat, daß sie sich in die Höhle des Löwen wagten. Es ist Abend.

Knudsen und ich haben unser nicht gerade üppiges Mahl soeben hinter

uns; Knudsen unterhält sich wie gewöhnlich mit seinem Freunde, dem

schwarzen Prediger Daudi (David); ich sitze an meinem Arbeitstisch

und verarbeite in meinen Notiz- und Tagebüchern die wissenschaftliche

Ausbeute des wie immer höchst arbeitsreichen Tages. Daudi gehört der

englischen ~Universities Mission~ an; er hat seine Ausbildung

zum großen Teil in Sansibar erhalten und spricht mit mir mit Vorliebe

englisch. Für volkskundliche Aufnahmen ist er leider nicht sehr

geeignet, da seine Anschauungen viel zu sehr christianisiert worden

sind. Der Ostwind, jener Gruß vom Indischen Ozean, der uns sonst

allabendlich trotz aller Schutzmaßregeln die Lampe auszublasen droht,

ist heute seltsamerweise ausgeblieben; ruhig brennt der „Tippelskirch“

inmitten unserer fremdartigen Umgebung; die Zigarre schmeckt heute

ebenfalls ganz ausgezeichnet, alles atmet Behagen und Befriedigung mit

dieser Art des Daseins. Da nahen Schritte, leise und fast unhörbar.

Das ist hier immer so; der lockere Sandboden dämpft selbst den Schall

unserer derben Europäerstiefel bis fast zur Lautlosigkeit. In seiner

raschen Weise ist Matola unter uns und unsere hundert Kisten und Kasten

getreten. Schon sitzt er auf seiner gewohnten Kiste. Doch nun quillt

es herein, braun, schwarz und weiß; braun und schwarz die Leiber mit

den glänzenden Gesichtern, hier und da auch Lippenscheibe, Nasenpflock

und Ohrschmuck, weiß bei ganz Vereinzelten das Pelele, das in dieser

Variation seinen ersten Gruß vom Makondeplateau herunterschickt.

Wohl an 30 Frauen und Mädchen sind es, die Mehrzahl von ihnen mit

einem Baby behaftet, das ruhig und friedlich, oder auch schnaufend

und ächzend im Tragtuch auf dem Rücken der Mutter der Zukunft

entgegenschlummert. Stumm hat sich die ganze Gesellschaft, dicht

aneinandergedrängt, zwischen uns niedergekauert. Ich lasse ihnen durch

Knudsen, der das Kiyao zwar ungrammatisch, aber sonst fließend spricht,

auseinandersetzen, was ich von ihnen will: Erzählungen und Lieder, und

harre der Dinge, die da kommen sollen. Lange Zeit kommt aber nichts;

nur ein halbwüchsiger Junge, der sich mit eingeschlichen hat, fängt

an, eine lange Tierfabel zu erzählen; doch spricht er so rasch, daß

ich unmöglich folgen kann. Seine Geschichte mir langsam in die Feder

zu diktieren, ist er natürlich nicht fähig. Das ist eine Erfahrung,

die ich bereits häufig gemacht habe; die Leute singen und sprechen mit

beneidenswerter Virtuosität in den Phonographentrichter hinein; sollen

sie dann ihren Text langsam zum Niederschreiben wiederholen, so stehen

sie rat- und hilflos da. So etwas ist auch eine zu ungewohnte Arbeit.

[Illustration: Lager in Chingulungulu.]

Wir haben uns den Jungen für eine spätere Gelegenheit aufgespart; alles

schweigt. Da erhebt sich, schüchtern zuerst, aber bald stärker und

kühner, eine helle weibliche Stimme. Schon fällt auch der Chor ein;

Solo und Vorgesang wechseln nun in regelmäßigem Turnus für längere Zeit:

„~Chakalakāle, mwāna ya Kundúngu, mwắnya kwa tāti. ‚Anányile litálla

kwa tati Kunampūye.‘ Nikwā́ola ku litīmbe, kuwalimāgắ Chenampūye.

Newáidje ku mūssi kwa atati wao. Nigómbaga uti nekugawíraga mussi

nekutamăgá.~“

Zu deutsch heißt das:

„Chakalakale, ein Kind Gottes, reiste zu (seinem) Vater. ‚Zeigen Sie

(mir) den Weg zum Vater Kunampuye.‘ Er ging zum Flußbett, wo den Acker

bestellte Chenampuye. Er kam zu (seiner) Heimat und zu seinem Vater.

Dann wurde geschossen und (ihm) ein Dorf zugeteilt. Und er bleibt zu

Haus.“

Soweit ist alles ganz schön und gut gegangen. Das Lied ist verklungen;

mit nicht geringer Mühe haben Matola, Daudi, Knudsen und ich

schließlich den authentischen Text festgestellt; auch die Übersetzung

ist zur Zufriedenheit vor sich gegangen. Leider aber muß ich es mir

nunmehr versagen, die nicht üble Melodie des Liedes auf die Walze zu

bannen. Nach den letzten Mißerfolgen in Lindi, hervorgerufen durch

die infolge der Hitze eingetretene Weichheit der Aufnahmewalzen,

habe ich mein Heil später in Massassi versucht; doch auch dort ist

bis auf geringe Ausnahmen nicht viel Brauchbares herausgekommen. Für

die Aufnahme allein schadet die Weichheit der Walzenmasse nichts, im

Gegenteil, sie ermöglicht sogar ein kräftigeres Eindringen des Stiftes;

doch wie will man nachher beim Diktat des Textes dessen Fassung

kontrollieren, wenn nicht an der Hand einer Wiedergabe der Aufnahme

selbst!

Zu dem vorstehenden Liede ist nicht viel zu bemerken; ich zweifelte

zunächst den Begriff ~Mwana ya Kundungu~ an, aber Matola und Daudi

bestanden auf ihrer Erklärung, nach der es wirklich „ein Kind Gottes“

heiße. Welchen Sinn das Wort hier hat, kann ich nicht sagen; vielleicht

ist gar ein Aufständischer damit gemeint; weiter im Norden, in Usagara,

Ukami und am Rufidyi belegen sich die Majimaji-Führer in der Tat mit

einem Titel von derselben Bedeutung. Das Präfix „~ku~“ in dem

Namen ~Kunampuye~ ist gleichbedeutend mit dem Präfix „~che~“;

beide bedeuten Herr oder Frau. --

Endlich sind wir mit Textniederschrift und Übersetzung fertig.

Vollkommen stumm haben die Mütter unserem Beginnen zugeschaut; um

so lebhafter sind dafür die Geräusche gewesen, die von den Kleinen

ausgehen. Man hat in der Afrikaliteratur so unendlich viel von der

Glückseligkeit der frühen Kindheit des Negers gesprochen; die Angabe

hält jedoch der Probe nicht stand. Kaum ist das kurze Wochenbett

vorüber, so wandert das Neugeborene in den Rucksack auf den Rücken der

Mutter. Dort hockt es den ganzen Tag; ob die Mutter sich von ihrer

Nachbarin die kurzen, krausen Haare zu kunstvoller Frisur aufarbeiten

läßt; ob sie am Brunnen ein Schwätzchen macht; ob sie im glühenden

Sonnenbrand auf dem Felde hackt, jätet oder erntet; ob sie schließlich

in stundenlangem Rhythmus an Reibstein und Mörser das harte Korn zu

schneeigem Mehl verarbeitet, oder am abendlichen Herdfeuer kauert,

niemals verläßt das junge, rosige Menschenkind diese enge, warme, doch

hygienisch durchaus nicht einwandfreie Behausung. Mit der Rosigkeit

ist es denn auch bald zu Ende. Die Schärfe des Urins und der Schmutz

der Fäkalien, für deren Aufsaugung keine Windel sorgt, beizen tiefe

und lange Risse in die Epidermis der Gelenkbeugen; die schrecklichen

afrikanischen Fliegen legen wahre Brutherde an den Augenrändern der

unglücklichen Kleinen an, ohne daß Vater oder Mutter auch nur eine Hand

zum Verjagen der Quälgeister erhöbe -- sie sind ja für sich selbst

schon, ach! so tolerant gegen jene kleinen Bestien. Triefend und trüb

schaut denn auch das Kinderauge, das wir bei unseren europäischen

Kleinen mit Recht als das Wunderbarste und Schönste im organischen

Leben der Erde bezeichnen dürfen, in die Welt hinaus; Schwämme und

Pilze wuchern in dichter, weiß-bläulich schimmernder Masse aus Mund

und Nase heraus. Dazu die ewigen Katarrhe. Sie sind die Folge des

starken Temperaturwechsels zwischen Tag und Nacht. Vater und Mutter

können sich durch ihr nächtliches Feuer und ihre Matten schützen; das

Kind benäßt sich, bleibt unberührt und unbeachtet liegen, verliert eine

große Menge Wärme und erkältet sich. Daher das allgemeine Gekeuche und

Geschnaufe in unserer Barasa.

[Illustration: Zwei Makuamütter.]

Die Frauen haben gemerkt, daß wir mit der Programmnummer 1 zu Ende

sind; leise, aber wiederum nicht unmelodisch, hebt dieselbe Solostimme

wie vorhin an:

~Seletu seletu, ssongo katole, tungande ssongo katole.~

Auch dieses Lied ist ein Wechselgesang zwischen Solo und Chor wie der

vorige. Ich verstehe schon so viel vom Kiyao, um die beiden Wörter:

„~ssongo katole~“ übersetzen zu können; ihre Bedeutung: „bringe

sie her, die Schlange Ssongo“, macht mich neugierig auf die Bedeutung

des übrigen. Und mit Recht, denn wie man jemand auffordern kann, dieses

giftigste Reptil des ganzen Ostens, dessen Biß auf der Stelle tötet, zu

sich heranzubringen, ist mir einstweilen noch schleierhaft. Dennoch bin

ich liberal genug, erst noch das folgende Lied anzuhören. Man könnte es

auch bloß als eine weitere Strophe des Ssongogesanges bezeichnen, denn

es besitzt dieselbe Melodie und behandelt lediglich ein anderes Tier,

nämlich den Löwen. Hier der Text:

Solo: ~Seletu seletu, simba katole.~

Chor: ~Seletu seletu, simba katole.~

Solo: ~Seletu seletu, simba okotu.~

Chor: ~Seletu seletu, simba okotu.~

Ich habe ein gutes Gehör, bin aber sonst musikalisch leider gänzlich

unkultiviert. Niemals habe ich diesen Mangel meiner allgemeinen Bildung

so aufrichtig bedauert wie hier im Innern Afrikas und besonders im

Hinblick auf meinen kranken Phonographen. Wie nett wäre es gewesen,

hätte ich die einfache Tonfolge gleich im Notizbuch festhalten können;

so muß ich wohl oder übel auf eine Wiedergabe der Melodie verzichten.

Die Vortragsweise ist auch bei diesen beiden Liedern so, daß jeder von

der Solostimme vorgetragenen Strophe die Wiederholung desselben Textes

durch den gesamten Chor folgt; dies wiederholt sich unendlich viele

Mal, bis zur Ermüdung.

Die Übersetzung ergibt in beiden Fällen einen sehr einfachen Wortlaut:

1) ~Seletu seletu~, die Schlange Ssongo, bringe sie her zum

Spielen; die Schlange Ssongo, bringe sie her.

2) ~Seletu seletu~, den Löwen, bringe ihn her, ~seletu

seletu~, der Löwe ist schön.

Das ist alles. Ich kann mir den Ausdruck der Bewunderung, der in beiden

Fällen ein den Einwohnern höchst gefährliches Lebewesen betrifft,

weniger als einen Ausfluß des Naturgefühls oder der ästhetischen

Freude an der schillernden Farbe der Schlange und der kraftvollen

Gestalt des Löwen erklären, als ihn vielmehr als eine Art ~captatio

benevolentiae~ auffassen. Die Ssongo beschäftigt groß und klein

mehr als jedes andere Tier; sie soll in klippigem Gelände leben, einen

Kamm wie ein Hahn haben und auch über bestimmte Locktöne verfügen.

Auf ihre Opfer stürzt sie sich schnell wie der Blitz von den Bäumen

herunter, die hart am Negerpfade stehen; sie schlägt den Unglücklichen

ins Genick; dieser sinkt um und ist tot. Dutzende von Malen haben mir

das die Schwarzen vorgemacht. Erklärlicherweise wird diese Schlange

über alles gefürchtet; im Hinblick auf so manchen anderen gleichartigen

Vorgang in den übrigen Teilen der menschlichen Kulturentwicklung liegt

es auch hier nahe, diesen fürchterlichen Gegner dadurch milde stimmen

zu wollen, daß man ihn ansingt und als zum Spielen geeignet preist.

Genau so ist es beim Löwen.

Doch nun wird’s lustiger; „~Chindāwi~“, zu deutsch etwa:

„Ich will dir mal was sagen“, ertönt es von der einen Seite,

„~Ajīse~, nur zu (komm)“, von der anderen.

„~Adju adji~“ macht jetzt die erste Sprecherin und fährt mit der

wagerecht ausgestreckten Rechten in raschen, kühnen Kurven durch die

Luft. Ich weiß nicht, was ich aus dem ganzen Vorgang machen soll,

auch nicht, was die Antwort „~Kyuwilīri~“ von der Gegenseite

bedeutet. Die anfängliche stumme Scheu der Frauen hat längst einer

gelinden Heiterkeit Platz gemacht, die durch mein ratloses Gesicht

nicht gerade abgeschwächt wird. Endlich kommt die Lösung und damit auch

die Erlösung. „~Adju adji~“ heißt lediglich „dies und das“; das

Hin- und Herfahren der Hand über dem Erdboden ist eigentlich als im

Schein der senkrecht stehenden Sonne ausgeführt gedacht. Dann huscht

auch der Schatten dieser Hand ebenso rasch und geisterhaft über den

Boden Afrikas hin, und „~Kyuwiliri~, Schatten“, ist denn auch die

Lösung dieses urafrikanischen Rätsels.

Negerleben in Ostafrika · 第 15 / 40 段