Wie Matola zu diesem für den Dunstkreis des Islam -- denn in diesem

befinden wir uns hier zweifellos -- seltenen Borstentier mit seinem

Nachwuchs gekommen ist, habe ich bis jetzt noch nicht erfahren;

ich nehme aber an, daß er sie ebenso durch die Vermittlung der

englischen Mission bekommen hat wie seine allerdings viel zahlreichere

Rinderherde. Diese ist in einem Pferch untergebracht, der sich

unmittelbar neben Matolas Haus befindet. Er ist ein einfacher

Palisadenverschlag, in den die Tiere abends kurz nach Sonnenuntergang

hineingetrieben werden, um ihn vormittags nach dem Verdunsten des

Nachttaus unter der Obhut einer Anzahl Knaben wieder zu verlassen. Die

Herde umfaßt rund 20 Tiere, alles Buckelrinder, von denen die Mehrzahl

sichtlich tsetsekrank ist; nur ein junger starker Bulle und ein paar

Rinder bringen durch ihr stattliches, frisches Äußere und ihren Übermut

einiges Leben in die ganze Trauergesellschaft. Erfreulicherweise sind

auch einige Mutterkühe in der Schar; von ihnen stammt das Töpfchen

Milch, das Matola mir täglich in unsere Barasa herübersendet.

Das ist Matolas Residenz im engeren Sinn. Will man seinen ganzen

Machtbereich kennen lernen, so steigt man am besten in den Sattel,

denn Chingulungulu ist eine außerordentlich weitgedehnte Siedelung.

Schnurgerade, mit Kautschukbäumen bepflanzte breite Wege führen von

dem Platz um die Barasa nach Norden, Osten und Westen; links und

rechts von ihnen dehnen sich weite Felder, über denen hie und da das

Graubraun eines mehr oder minder stattlichen Hüttendaches auftaucht.

Ich bin die ganze Zeit, die ich hier bei Matola sitze, immer von neuem

in die Einzelheiten dieser Negersiedelung untergetaucht, und ich muß

gestehen, daß die Reize dieser Tätigkeit mich bis jetzt über einen

Übelstand hinweggetröstet haben, der mir unter andern Verhältnissen den

Aufenthalt in dieser Gegend längst verleidet hätte. Das ist nämlich

die Schwierigkeit, mich über die interneren Sitten, Gebräuche und

Anschauungen zu unterrichten und damit in das Geistesleben des Volkes

selbst so tief einzudringen, wie ich es unbedingt will. In Massassi war

die epidemische Bierfröhlichkeit der ganzen Männerwelt ein für diesen

Endzweck gänzlich unvorhergesehenes Hindernis; hier in Chingulungulu

scheint Matola entweder nicht den Einfluß zu besitzen, mir weise Männer

zum Ausfragen stellen zu können, oder aber er hat gar kein Interesse

daran, dem Fremden die Weistümer seines Volkes zu offenbaren. Vieles

weiß er übrigens selbst; er hat auch schon manches Mal mit uns gesessen

und aus der Geschichte seines Volkes erzählt; aber wenn man ihn haben

will, ist er plötzlich verschwunden. Er jage am Rovuma, heißt es dann.

Anthropologisch ist die Bevölkerung hier, im politischen Zentrum der

großen Ebene zwischen den Massassibergen und dem Rovuma, ebenso bunt

zusammengesetzt wie in Massassi selbst, nur daß hier unten die Wayao

zunächst an Zahl überwiegen und daß sie ferner ganz allein im Besitz

der politischen Vorherrschaft sind. Neben ihnen gibt es auch hier

Makua, Wangindo, Wamatambwe und Makonde, und genau wie im Norden wohnt

alles regellos durcheinander.

[Illustration: Matambwe-Frau mit reichem Narbenschmuck.]

Die Geschichte der Yao bis zu ihrem gegenwärtigen Wohn- und Ruhepunkt

in dieser Ebene ist bunt und wechselvoll genug. Lange Zeit, von dem

ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an bis fast in die Gegenwart, hat

man sie anstandslos zu der Kaffernfamilie gerechnet. Da sie wie die

Wangoni und fast gleichzeitig mit ihnen ebenfalls vom Süden nach dem

Norden zogen, d. h. aus dem Gebiet östlich vom Schire und südlichen

Nyassa zum Rovuma und Ludjende; da sie zudem körperlich ebenso frisch

und frank erschienen wie jene reisigen Scharen aus dem fernen Südosten

des Erdteils, und weil sie schließlich ebenso bewaffnet und gekleidet

waren wie jene, so lag es nahe, sie gleichfalls als Einwanderer aus dem

subtropischen Südafrika und als Kaffern zu betrachten. Heute ist man

davon zurückgekommen; ihre Sprache gehört offenkundig in die Gruppe der

östlichen Bantuidiome; heute weiß man auch, daß sie mit dem Süden des

Erdteils nichts zu tun haben.

Läßt man sich die Geschichte dieses Volkes von den Männern erzählen,

die entweder auf Grund ihres hohen Alters noch selbst einen großen Teil

des jahrzehntelangen Wanderlebens mitgemacht haben, oder aber welche,

wie Matola, Susa und Nakaam, durch ihre soziale Stellung die geborenen

Träger der Stammestradition sind, so kehrt als Ausgangspunkt aller

dieser meist unfreiwilligen Wanderungen stets das Gebiet am Ostrand des

südlichen Nyassasees wieder.

„Einst saßen die Yao,“ so berichteten mir ein paar alte Angehörige

dieses Stammes, die wir unabhängig von Matola durch ein paar handfeste

Askari herbeizitiert hatten, „am Kuisale Kuchechepungu. Kuchechepungu

ist der Name des Häuptlings, unter dem sie in dem Hügellande Kuisale

friedlich lebten. Da kam ein Krieg, in dem die Yao geschlagen wurden.

Und sie zogen in die Nähe des Makuahäuptlings Mtarika. Aber das ist

schon sehr lange her; ich, Akundonde (so hieß der Sprecher dieser

Geschichtskommission), weiß es auch nur von älteren Leuten. Auch bei

Mtarika erging es den Yao schlecht, denn dieser starke Makuahäuptling

überzog sie mit Krieg und verjagte sie. Und sie zogen nach Malambo; das

aber liegt hinter Mkula. In Malambo saßen die Yao lange; schließlich

aber wurden sie durch denselben Mtarika von neuem vertrieben. Jetzt

ließen sie sich am Fluß Lumesule im Dondegebiet nieder; von dort sind

sie später nach Massassi weitergezogen.“

Das war, als Akundonde ein großer Junge war. Da dieser alte Herr jetzt

zum mindesten 60 und einige Jahre zählt, so ist dieser Zug in die

Massassi-Ebene an das Ende der 1850er Jahre zu setzen. Bei Massassi

sind die Yao von den Wangoni überfallen worden, haben sie aber besiegt

und in der Richtung aus Kilwa Kiwindje zurückgeschlagen. Dennoch seien

die Yao auf das sichere Makondeplateau gezogen. Hier, bei Mahuta, seien

sie später noch einmal von den Wangoni angegriffen worden, aber das sei

schon unter der Herrschaft des ältern Matola gewesen. Dann kam Bakiri

von Sansibar, und damit beginne eine ganz neue Zeit.

Dieser Bakiri von Sansibar und sein Auftreten am Rovuma offenbart uns

in höchst unzweideutiger Weise, wie wenig wir im Grunde genommen vom

Neger und seiner Geschichte wissen. Der kaiserliche Bezirksamtmann

Ewerbeck sitzt seit dem Anfang der 1890er Jahre im Lande, er hat

sich seit jeher auch für die früheren Schicksale seines Bezirks im

höchsten Maße interessiert, doch auch ihm sind nur unklare Gerüchte

über eine Gesandtschaft des Sultans von Sansibar zu Ohren gekommen. Um

so lebhafter ist die Erinnerung an dieses Ereignis bei den Beteiligten

im Lande selbst. Bei Akundonde und seinen Altersgenossen ist das nicht

verwunderlich, denn sie müssen damals schon erwachsen gewesen sein;

aber auch Matola und seine Generation, also Leute, die sich damals noch

im Kindesalter befanden oder auch noch gar nicht einmal geboren waren,

werden sofort lebhaft, wenn auf den sagenberühmten Bakiri und seinen

denkwürdigen Zug die Rede kommt.

Dieser Zug, der nach Ewerbecks Erkundigungen die Kohlenlager am

Ludjende, dem großen rechtsseitigen Nebenfluß des Rovuma, zum Ziel

gehabt hat, ist im Bewußtsein der hiesigen Völkerschaften seines

Charakters als Reise verloren gegangen; er hat dafür die Form des

landesüblichen Schauri angenommen; aber dieses Schauri, diese

Zusammenkunft aller Großen des Landes und ihrer Völker, haftet

nunmehr um so fester im Gedächtnis. Es ist das berühmte Schauri von

Nkunya, einem noch heute bestehenden Ort an der Südwestecke des

Makondeplateaus. Über seine Vorgeschichte, seinen Verlauf und seine

Folgen erzählt Matola der Jüngere folgendermaßen:

„Die Yao saßen vorzeiten viel weiter im Westen und Süden, aber dort

erging es ihnen schlecht; der alte Makuahäuptling Mtarika von Metho

machte Krieg mit ihnen, und wenn er abgezogen war, dann kamen die bösen

Masitu von der andern Seite und machten auch Krieg. Dabei wurden die

Männer der Wayao zu Sklaven gemacht oder getötet, die Frauen aber und

die Kinder wurden von den Feinden hinweggeführt. Das ist geschehen,

als der ältere Matola ein ganz junger Mann war. Jetzt würde er ein

ganz alter Mann sein, aber er lebt nicht mehr; er ist vor zwölf Jahren

gestorben, als er zwar auch schon sehr alt, doch noch immer sehr rüstig

war.

„Matola mußte schließlich fliehen; er ging zunächst an den oberen

Bangala und zog dann diesen abwärts bis drei Stunden vom Rovuma.

Dort starb sein zweiter Bruder. Matola war hier nur ein sehr kleiner

Häuptling, denn er hatte nur ganze fünf Hütten. Aber er war klug und

tapfer; er war ein Räuber, und er war ein Jäger, der viel Wild erlegte

und für das Fleisch Getreide kaufte. Vom unteren Bangala zog Matola

an den Fluß Newala und baute dort seine Hütten unten im Tale am Fuße

des Makondeplateaus. Dort lebte er lange. Das Land aber gehörte Mawa,

einem Makua. Da kam ein Mann von Mikindani herauf, Bakiri mit Namen,

nach Nkunya, um Schauri zu halten. Er rief alle Stämme zusammen: Wayao,

Makua, Matambwe und Wangoni. Von allen Stämmen kamen sie in Haufen.

Bakiri hielt Schauri. Die Wangoni und Matambwe wurden ängstlich und

liefen weg; auch die Makua liefen weg. Es blieben nur Mawa, Matola

und einige andere Makua. Das Schauri dauerte vom Morgen bis zum Abend

und die Nacht hindurch bis zum andern Morgen. An diesem Morgen sagte

Bakiri zu Matola: ‚Ich gebe dir das ganze Land; zwar habe ich von dir

und deiner Herrschaft bisher nur wenig gehört, aber die andern sind

alle weggelaufen, nur du bist geblieben; du bist also zuverlässig.

Herrsche daher über das ganze Land.‘ Auch Mawa schloß sich dem an: ‚Ich

bin alt‘, sagte er, ‚und werde bald sterben; herrsche also du über das

ganze Land.‘ Und so geschah es. Und Matola I. herrschte weise

und gerecht, wenn auch streng. Erst zog er nach Mikindani und pflanzte

Palmen. Dann zog er in das Land zurück bis halbwegs nach Newala; von

dort endlich nach Newala selbst. Erst wohnte er oben auf dem Plateau,

dann unten im Tal, dann zog er wieder auf die Höhe. Den Grund hierfür

bildeten die Masitu-Überfälle. Oben in Newala ist er dann gestorben,

und dort liegt er auch begraben.“

Es ist in mehrfacher Beziehung hochinteressant, diese schwarzen Herren

gerade bei ihren historischen Rückblicken zu beobachten. Im allgemeinen

sprechen sie gut, eine Kunst, die vom Neger seit jeher bekannt ist;

es ist die natürliche Beredsamkeit, die die gekünstelten Phrasen

vermeidet, den einfachen, naheliegenden Ausdruck aber rasch findet und

in das Satzgefüge eingliedert. Nur dem einen oder andern, vor Alter

stumpfen Greise geht die Rede nicht so glatt aus dem zahnlosen Munde

heraus. Um das Gebiß der alten Neger ist es nämlich keineswegs so

glänzend bestellt, wie man nach dem blitzenden Zaun der Zähne, die das

Jugendstadium der schwarzen Rasse auszeichnet, annehmen sollte. Ursache

für die rasche Abnutzung der Zahnkronen ist die Beimischung reichlichen

Schleifmehls, wie es bei der Zubereitung der täglichen Nahrung auf

dem Reibstein entsteht. Schwer und hart gleitet der Läufer über die

breite Unterlage dahin; er zermalmt und zerkleinert zwar vor allem

das ihm zugeführte Getreide: Hirse, Mais und Reis, aber gleichzeitig

schleifen beide Steine sich doch auch einander gegenseitig ab, wie die

tiefe Aushöhlung der Unterlage und die rasche Abnutzung des Läufers

lehren. Die feinen Steinsplitter aber gereichen den Kauwerkzeugen der

Landeskinder nicht gerade zum Nutzen. Auch die Verunstaltung der Zähne

durch Absplitterung der Seitenteile zum Zweck der Zuschärfung, die bei

den Männern noch vielfach Sitte ist, trägt nicht wenig zum vorzeitigen

Ruin des Gebisses bei.

Sodann das Zusammenarbeiten der Geister. Von Hause aus soll der

europäische Forscher dem Neger und seinen Angaben über irgendwelchen

Gegenstand sehr kritisch gegenüberstehen, denn mit der Wahrheit nimmt

es unser schwarzer Bruder notorisch nicht genau. Doch hier, auf dem

historischen Gebiet, kontrollieren sich die Erzähler -- bewußt oder

unbewußt, das kann ich nicht entscheiden -- gegenseitig. Einer hebt

an; der Strom der Rede fließt eine kurze Weile ruhig dahin; „~ă

ă~“ fährt ihm plötzlich unverhofft ein anderer dazwischen. Es ist

ein unnachahmlicher, kurz ausgestoßener Doppellaut, begleitet von

einer noch unnachahmlicheren Gebärde der Abwehr, als wollte sie sagen:

Freundchen, halt, du schwindelst. Aber der Einwurf sitzt, der Erzähler

stutzt, revidiert sein historisches Gewissen und bringt nun die

Tatsache, um die es sich gerade handelt, in der Fassung wieder, die auf

meine Frage hin auch die Billigung der andern findet.

Es liegt ganz in der Natur des hiesigen Völkerlebens, daß der einzelne

Erzähler stets nur gerade die Geschichte seiner eigenen, engen

Stammesgruppe wiederzugeben vermag; die Leute sind allesamt, ganz

gleich, ob sie den Völkerschaften der Yao oder der Makua angehören,

in numerisch kleinen Abteilungen, mag man sie Horde, Sippe oder Trupp

nennen, im Lande umhergewirbelt worden. Ein ausgeprägtes, historisch

begründetes Stammesbewußtsein hat sich dabei nicht bilden können, oder

wenn es jemals bestanden hat, hat es die beste Gelegenheit gehabt,

verloren zu gehen. So können sie auch nur von sich und ihrer nächsten

Umgebung berichten. Es ist die Aufgabe der Volksforschung, möglichst

viele dieser Einzelberichte zu sammeln, um aus ihnen schließlich das

Gesamtgebäude einer Stammesgeschichte im großen zu errichten. Soweit

es an mir liegt, soll es an Fleiß und Ausdauer in der Zusammentragung

dieser Erzählungen nicht fehlen.

Nun aber der letzte und netteste Zug, ein urecht afrikanischer. Dem

Neger fehlt bei dem Mangel einer Schrift jede Möglichkeit einer

genauen Zeitrechnung. Schon das Erstaunen ist unbeschreiblich, wenn

man jemanden nach seinem Alter fragt. „Aber wie kann ich denn wissen,

wie alt ich bin?“ Das etwa mag der Blick bedeuten, mit dem man auf

jede Frage nach dem Alter eines Eingeborenen verwundert angestaunt

wird; auch die Eltern und Großeltern sind niemals in der Lage, über

das Alter ihrer Kinder und Enkelkinder auch nur annähernd genaue

Zahlen anzugeben. Das Leben eines Negers fließt zu ereignislos und

eintönig dahin; zudem wird sein Dasein so voll und ganz durch seine

kleinen Sorgen und seine kleinen Freuden ausgefüllt, daß er für

besondere Gedächtnisübungen keine Zeit haben würde, selbst wenn

die geringste Lust für eine derartig überflüssige Geistesbelastung

vorhanden wäre. Schließlich aber, und das ist wohl das Wesentliche und

Ausschlaggebende, fehlt jeder Zwang; es gibt keine Behörde, kein Amt,

und so wächst der kleine schwarze Weltbürger heran, unbekümmert um Zeit

und Raum; er nimmt sich ein Weib oder ein paar, vermehrt sich, und kein

Hahn kräht jemals danach, ob er und sein Alter gebührend registriert

und kontrolliert worden sind.

Dieses Fehlen und dieser gänzliche Mangel einer absoluten Chronologie

tritt vor allem auch in der Stammesgeschichte zutage. Ich war zuerst

ratlos, wie ich mich angesichts der geschilderten Erhabenheit über Zeit

und Raum mit meiner Fragestellung einrichten sollte. Auf diese kommt

aber im wissenschaftlichen Verkehr mit den Eingeborenen schließlich

alles an; man hält es gar nicht für möglich, welch irreführende

Ergebnisse eine Frage veranlassen kann, die falsch gestellt, d. h. dem

Verständnis und der Denkweise des Naturmenschen nicht angepaßt ist.

Ich bin zu meinem Glück bei all meinen bisherigen historischen Studien

aller Schwierigkeiten durch die Erzähler selbst überhoben worden, und

zwar durch eine ebenso naturwüchsige wie relativ zuverlässige Methode.

„Wann war das, als ihr am Lumesule saßet?“ frage ich den alten

Akundonde. Ohne ein Wort zu erwidern, streckt er seinen rechten Arm

seitlich aus, etwa in der Körperhöhe eines 12jährigen Jungen, und biegt

die Hand graziös senkrecht nach oben, so daß sie mit dem Unterarm

nahezu einen rechten Winkel bildet. Ich sehe mir die Manipulation

mit stummem Erstaunen an, aber schon gibt mir Knudsen die erwünschte

Erläuterung: in dieser geschilderten Weise gibt der Eingeborene die

Höhenmaße des Menschen und damit gleichzeitig auch die Zeitlage eines

in dessen Leben fallenden Ereignisses an; streckt er hingegen die Hand

in der Verlängerung des Armes in der gleichen, wagerechten Richtung

aus, so dient diese Manipulation zur Kennzeichnung der Körperhöhe eines

Tieres. Ich muß gestehen, unter dem vielen Fremdartigen und Neuen, das

in Afrika bisher auf mich eingestürmt ist, hat diese feine und doch so

vielsagende Unterscheidung zwischen Mensch und Tier den allergrößten

Eindruck auf mich gemacht.

[Illustration: Arm-Chronologie. „Das war, als ich so groß war.“]

Einer etwas anderen Mimik bediente sich Nakaam in Mwiti, als er mir

die Geschichte der Yao erzählte. Nakaam unterscheidet reine Yao und

unreine; zu jenen rechnet er die Chiwäula, die Katuli und die Kalanje.

Das sind alles Begriffe, die bisher in der völkerkundlichen Literatur

über die Wayao noch nicht existieren; es muß auch einer späteren

Kritik vorbehalten bleiben, den intelligenten, aber doch vielleicht

etwas windigen Gewährsmann von Chiwata auf die Zuverlässigkeit

seiner Angabe hin nachzuprüfen. Die Heimat der reinen Yao ist nach

Nakaam Likopólŏe, eine Hügellandschaft im Gebiet von Chissi, auf

portugiesischem Gebiet zwischen Mataka und dem Unanguhügel. Von dort

habe sie der Häuptling Mputa verjagt, als Nakaams Mutter ein kleines

Kind war, das auf allen Vieren kroch. Nakaam ist nach seiner eigenen

Aussage das vierte Kind seiner Mutter; heute kann er 40 bis 45 Jahre

alt sein. Nach Mputa kamen andere Makua und zersplitterten die Yao

noch weiter. Absolute Zahlenwerte waren auch selbst aus dieser

Perle von Intelligenz, als die Nakaam unzweifelhaft zu gelten hat,

nicht herauszuholen. Dafür entschädigte bis zu einem gewissen Grade

die Drolligkeit seines Anblicks, als der wohlbeleibte Häuptling,

der sonst die personifizierte Würde selbst war, fortgerissen durch

die Lebhaftigkeit seiner Schilderung, plötzlich alle Rücksicht auf

seine erhabene Stellung vergaß und uns das Krabbeln seiner Mutter im

Babyalter mit verblüffender Naturwahrheit vorführte.

Matola ist so ziemlich in allem das Gegenstück zu Nakaam. Schon bei

der Kleidung fängt es an; Nakaam kleidet sich nach Küstenart in das

schneeweiße, lange Kansu, Matola hingegen ist oben Europäer, unten

Yao; seinen Oberkörper umhüllt nämlich ein ganz normales europäisches

Jackett, Lenden und Oberschenkel aber ein buntfarbiger Baumwollschurz,

wie ihn seine Untertanen tragen. Der Charakter des Verschmitzten, der

für Nakaam so bezeichnend ist, fällt hier ganz weg; Matola macht den

Eindruck eines Biedermannes, der er auch nach den Schilderungen aller

Europäer von Lindi, die jemals mit ihm in Berührung gekommen sind, in

Wahrheit ist. Er ist stets geschäftig; entweder hält er unter seiner

Barasa Hof, d. h. er erzählt sich etwas mit dem Dutzend oder den zwei

Dutzend Männern, die von früh bis spät sich dort herumtreiben, oder

aber er hat es mit uns und der Besorgung unserer Wünsche zu tun. In

seinen Manieren weicht er wenig von seinen Untertanen ab. Rauchen ist

hier fast unbekannt, dafür wird Tabak stark geschnupft und gekaut. Eine

Folge dieser Gewohnheit ist, daß die Leute schrecklich spucken. Auch

Matola macht keine Ausnahme; zudem hat er die andere Gewohnheit, sich

unausgesetzt zu kratzen. Das tut auch die Mehrzahl der übrigen Leute

hier. Hat man einen Haufen von ihnen um sich, so ist es tatsächlich

schwer, inmitten des allgemeinen Gekratzes sich dieser lieblichen

Gewohnheit selbst zu enthalten. Ich nehme an, daß sie eine Folge der

Unreinlichkeit ist, die hier alle Welt beherrscht; das bißchen Wasser

aus den paar Löchern im nächsten Bachbett langt eben für Atzung und

Trunk; für die Reinigung des Gesichtes oder gar des ganzen Körpers ist

von dem kostbaren Naß nichts übrig.

[Illustration: Yaohäuptling Matola.]

Ich bin ein Geruchsmensch; von allen meinen Sinnen ist der des Geruchs

am besten ausgebildet. Das bringt mir viele Qual an jedem Tag; schon in

ziemlicher Entfernung kann man es förmlich riechen, wenn eine Schar von

Eingeborenen mir die Ehre ihres Besuches angedeihen zu lassen gedenkt.

Unsere Sprache ist zu arm, als daß sie diese Mischung von Rassengeruch,

Schweiß, ranzigem Öl, Rauch und hundert andern unbestimmbaren

Ingredienzien spezifizieren könnte; die meiste Ähnlichkeit hat wohl die

Ausströmung einer größeren Schafherde. Schön ist anders.

Und dann die Fliegen! Mit dem gleichsam als Spitze voranmarschierenden

Duft kommen auch sie in Scharen auf den unglücklichen Europäer

zugestürzt. Ich habe geglaubt, wer weiß wie vorsichtig zu sein, indem

ich mir von Leipzig zwei Brillen mit dunkelgrauen Gläsern mitgenommen

habe. Eine von ihnen sitzt längst auf Moritzens Nase. Der Bursche kam

eines schönen Tags mit einer akuten Bindehautentzündung an. Heute

ist diese, dank meiner energischen Behandlung, längst behoben, aber

es fällt dem eitlen Fant durchaus nicht ein, nun jene Brille, die

ich ihm in einer Anwandlung von Überhumanität zur Verfügung gestellt

hatte, wieder zurückzugeben. Daß er ihrer nicht mehr benötigt, wird

aufs klarste dadurch bewiesen, daß er sie in der prallen Sonne meist

absetzt; dafür trägt er sie aber im Dunkel des Hauses und stolpert

dabei selbstverständlich über jeden Gegenstand. Das andere Exemplar

tut mir im Freien ausgezeichnete Dienste, unter der dunkeln Barasa

indessen verschluckt sie zu viel Licht; daher bin ich genötigt, mich

den Fliegenschwärmen der Eingeborenen wehrlos auszusetzen. Gegen diese

afrikanischen Insekten sind unsere europäischen Stubenfliegen die

reinen Waisenkinder; wie ein Blitz ist das die Größe einer kleinen

Biene erreichende Tier herangesaust, nicht senkrecht auf das Auge zu,

sondern tangential; es fährt förmlich unter dem ganzen Augenlid hin,

doch so fabelhaft schnell, daß eine Abwehr gänzlich ausgeschlossen

ist. Und das wiederholt sich das eine um das andere Mal; man sieht mit

Staunen und mit Grauen, wie sich diese kleinen Biester erst an den

entzündeten Augenrändern der Eingeborenen auf die boshafte Attacke

vorbereiten; man schlägt instinktiv wild um sich; es nützt alles

nichts, der Streifzug des Gegners ist inzwischen längst erfolgreich

verlaufen. Knudsen leidet weniger unter dieser Plage, anscheinend auch

weniger unter der des Geruches, denn während mir nach mehrstündigem

Schauri stets mehr oder minder übel wird, sitzt der blonde Norweger

ungerührt ganze Tage zwischen den Leuten.

Wenig ist hier von den Frauen des Landes zu sehen; Matola hat immer

und immer wieder den strengen Befehl ausgegeben, daß sie alle zum

Photographieren kommen sollen; vier oder fünf sind erschienen, das

ist alles. Mich sehen und so schnell ausreißen, wie es die angeborene

Würde und die Eigenart der weiblichen Fortbewegungsmethode gestattet,

ist eins. Um so ausdauernder werde ich von der männlichen Jugend des

Ortes belagert; wie eine Mauer hocken Dutzende von kleinen Kerlen

an der Peripherie unseres Wohnraums; alle Mann hoch die Mäuler weit

offen, blöd und regungslos den fremden weißen Mann anstarrend. Dieser

offene Mund ist bei der Jugend hier ganz allgemein, desgleichen

auch der bekannte Hängebauch, über dessen Entstehung man sich

nicht wundern kann, wenn man sieht, was so ein Negerbub an schwer

verdaulichen Vegetabilien tagsüber in sich hineinstopft. Wodurch diese

unbeabsichtigte Verunstaltung des Leibes später verloren geht, entzieht

sich meiner Beurteilung; aber sie muß entschieden verschwinden, denn

die Erwachsenen sind ausnahmslos sehr wohlgestaltete Erscheinungen.

Negerleben in Ostafrika · 第 14 / 40 段