Den nächsten Tag sind wir bis zu einem gottverlassenen Nest namens

Mkululu marschiert; es ist noch auf keiner Karte verzeichnet. Wie

stachen die elenden Hütten hier von Nakaams Palast ab, und wie

unendlich schmutzig und verwahrlost waren Dorfplatz und Barasa! Beide

bedurften erst einer gründlichen Reinigung, bevor wir unsere Zelte

unmittelbar am Rasthaus selbst aufrichten konnten. Und doch müssen

wir dem Schicksal danken, daß wir ganz instinktiv den Schutz dieses

dörflichen Strohdaches gesucht haben. Der Sturm, der uns in Mwiti die

Abende so verleidet hatte, setzte auch hier bald nach Sonnenuntergang

ein. Im Freien wäre überhaupt keines Bleibens gewesen, so wirbelten

Staub und Laub und Gras und Zweige in der Luft herum; doch auch unter

der Barasa war es nicht zum Aushalten. Also marsch ins Zelt und ins

warme Bett hinein. Aber was ist das? Das Bett will heute gar nicht

warm werden; ich nehme zu der einen, gewohnten Kamelhaardecke noch die

zweite. Es nützt alles nichts; ein wahnsinniger Frost schüttelt meine

Glieder, und die Zähne klappern, daß es zeitweise selbst das Brausen

des Sturmes übertönt. Dieses Brausen ist mit jeder Viertelstunde

lauter und fürchterlicher geworden; ich schiebe mein Frieren auf

den üblichen abendlichen Temperatursturz und stehe auf, um das Zelt

noch dichter zu machen. Ich bin gar nicht einmal ganz aus seinem

Innern ins Freie getreten; dennoch bin ich heilfroh, mich wieder in

seinen Schutz zurückgerettet zu haben. Ein wahrer Hexensabbat umtobte

Barasa und Zelt; heulend, sausend, pfeifend umrasten dicke Wolken von

Staub und Unrat meine schwanke Segeltuchhütte, und wirbelnd umfaßte

mich die Windsbraut, als ich nur ein wenig ins Freie trat. Dazu ein

unaufhörliches Krachen und Brechen ringsum; starke Äste mußten es

sein, die von den hohen Dorfbäumen herabgeschleudert wurden, und selbst

die Bäume schienen einem solchen Aufruhr der Natur nicht standhalten

zu können. Ich habe in jener Nacht kein Auge schließen können; der

starke Schüttelfrost wich bald einem starken Schweißausbruch; nur der

unerbittliche Zwang weiter zu marschieren, hat mich am frühen Morgen

auf die Beine gebracht.

[Illustration: Hüttentypus der Rovumaebene.]

[Illustration: Hüttengrundriß.]

Über den Gewaltmarsch von Mkululu bis Chingulungulu möchte ich mich am

liebsten ausschweigen; eine rühmliche Rolle kann ich in meinem Zustand

in den Augen unserer Mannschaft an jenem Tage kaum gespielt haben.

Auch Knudsen hatte Fieber. Am frühen Morgen, solange es noch kühl und

der Wald frisch und grün war, ging es noch. Zwar mit dem Reiten war es

nichts. Der Weg führte zunächst am Westfuß des Makondeplateaus entlang.

Es ist dies ein Gebiet hoher Aufschüttung, zugleich auch eines starken

Quellenreichtums. Alle paar hundert Meter steht infolgedessen die

Karawane am Rande einer viele Meter tief senkrecht eingeschnittenen

Schlucht, die sich die Gewässer in das lockere Erdreich gegraben

haben. Unsicheren Fußes stolpert man den steilen Abhang hinunter;

nur mit Anspannung aller Kräfte des fiebergeschwächten Körpers kommt

man an der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. So geht das mehr

als ein dutzendmal; da biegt der Führer vom Wege ab und verschwindet

rechts im Pori. Dieses wird lichter und lichter, je weiter die

Steilwand des Plateaus hinter uns zurückbleibt; schließlich ist es

die typische lichte Baumgrassteppe: ein Baum genau wie der andere,

frisches Grün nur hier und da; Unterholz auch nur spärlich, aber wo es

auftritt, von dorniger Beschaffenheit; das Gras an den meisten Stellen

bereits abgebrannt. Dann wirbelt in der glühenden Mittagshitze eine

undurchdringliche Aschenwolke, hervorgerufen durch lokale Wirbelwinde,

mehr wohl noch durch die Tritte der Marschierenden, um uns herum, alles

mit einer dichten schwarzen Schicht überziehend. Ich habe die Zügel

meines Tieres längst aus der Hand gelassen; zweimal ist es in seinem

angeborenen Stumpfsinn und in seinem natürlichen Bestreben, stets den

geraden Weg zu gehen, in einen Dornenbusch gelaufen, so daß ich wohl

oder übel mich habe nach hinten fallen lassen müssen. Endlich die

erste Erlösung: das stolze Haus des Yaohäuptlings Susa taucht vor uns

auf; wenige Minuten später liegen Herren und Diener keuchend in seinem

Schatten.

Es ist doch etwas Stolzes um die Willensstärke eines Vollkulturmenschen.

Trotz unseres jammervollen Befindens hat es uns nicht fünf Minuten auf

unseren Reisestühlchen gelitten, da standen Knudsen und ich auch schon

in Susas Haus und fragten und forschten und skizzierten und sammelten.

Dieses war auch sehr wohl angebracht, denn Susa scheint nicht nur

persönlich ein ganz einzigartiger Vertreter seiner Rasse zu sein,

sondern auch sein Haus ist eingerichtet, wie man es beim Neger niemals

erwartet hätte. Er selbst mit langem, schwarzem Vollbart, gut und

sauber in weiße Stoffe gekleidet, von intelligentem Gesichtsausdruck;

seine Räume hoch, außerordentlich sauber mit Lehm ausgestrichen, hell

und luftig. Der Herd ein wirkliches kleines Kunstwerk; zwar auch

die üblichen drei kopfgroßen Steine, aber diese Steine liegen auf

einer erhöhten Plattform aus Lehm, die sich die ganze Küche hindurch

in Meterbreite an der Wand entlang zieht. Rings um das Feuer eine

ganze Reihe höchst merkwürdiger, ebenfalls aus Lehm hergestellter

Konsolen, die, wie der Augenschein lehrt, den rundbäuchigen Töpfen als

Standfläche dienen. Und nun erst der Raum des Hausherrn selbst! Zu

europäischen Kanapees, wie der Kamerunnigger sie längst in seiner Hütte

besitzt, hat es der Ostafrikaner Gott sei Dank noch nicht gebracht;

dafür sehen wir aber hier die Urform eines Ruhebetts: ebenfalls eine

Plattform aus Lehm, 30 Zentimeter hoch, mehr als meterbreit, die Kanten

nach außen abgeschrägt; als Ruhelager für Kopf und Oberkörper eine

schiefe Ebene am oberen Ende; das Ganze endlich mit schönen, sauberen

Matten überdeckt.

Und doch kann ein Mann wie Susa nicht aus seiner Haut. Nach

Besichtigung aller Räume umschreiten wir das Haus. Was hängt denn da?

rufe ich und greife nach einer prächtigen Leberwurst, die an einem

fingerdicken Holzstabe von der Dachtraufe herniederhängt. Freilich,

Form und Aussehen unseres heimatlichen, schätzenswerten Genußmittels

hat das Ding wohl, auch führt der Baum, auf dem es heranreift, im

Munde der Weißen tatsächlich den Namen Leberwurstbaum, aber im übrigen

bestehen zwischen Leberwurst und Kigelia weiter keine Beziehungen.

Nach einigem Zögern rückte Herr Susa mit einer Erklärung heraus. Es

war natürlich eine Daua, eine Medizin oder ein Amulett oder wie man

solch ein Schutzmittel nennen will. Die Frucht hatte die nicht leichte

Aufgabe, das Dach des Hauses vor den Folgen der hier in der Ebene

angeblich sehr häufigen, starken Windhosen zu schützen, von denen es

hieß, sie trügen mit Vorliebe Hausdächer davon. Welche Ideenverknüpfung

dazu geführt hat, der harmlosen Baumfrucht die Fähigkeit zuzusprechen,

die Natur selbst in ihren stärksten Kraftäußerungen zu besiegen, war

aus Susa nicht herauszubekommen.

[Illustration: Ruhelager und Herd Susas.]

Auch der vorherige Marsch durch das Pori hat mir Gelegenheit zu ein

paar hübschen Beobachtungen gegeben. In malerischem Durcheinander

lagert meine Karawane zur Frühstückspause an einer verhältnismäßig

grünen Stelle im Walde; Knudsen und ich sitzen etwas abseits, weil

meine Geruchsnerven in diesem Fieberstadium noch sensibler sind als

gewöhnlich. Da schlagen faule Witze an unser Ohr, ganz im Charakter

der unserer Soldaten, wenn ein weibliches Wesen in Rufnähe an einer

Kriegerschar vorüberkommt. Tatsächlich ist die Sachlage die gleiche;

im Abstande von 20 bis 30 Metern sucht ein junges Weib die Gruppe der

Fremdlinge zu umgehen. Das ist nun an sich weiter nichts Aufregendes,

aber plötzlich rufen alle meine Mannen, die ja längst wissen, was

mich am meisten interessiert: „~Kipini, bwana~, siehe den

Nasenpflock, Herr!“ Im nächsten Augenblick haben einige von ihnen die

Maid auch schon zu uns herangeführt. Es ist allerdings ein ausnehmend

herrliches Exemplar von Ebenholzpflock, was diese Schöne in ihrem

linken Nasenflügel trägt, womöglich noch zierlicher und geschmackvoller

mit Zinnpflöckchen ausgelegt, als man es sonst zu sehen gewohnt ist.

Zuerst steht die Frau unsern Kaufangeboten glatt ablehnend gegenüber,

schließlich aber scheint doch die Furcht vor so viel wild aussehenden

fremden Männern wirksamer zu sein als selbst der Glanz eines

Viertelrupienstücks. Zögernd fährt sie mit der Linken an die Nase,

fast gleichzeitig folgt die Rechte nach. Mit einem geschickten Druck

muß die Linke das Kipini aus seinem gewohnten Lager befreit haben,

denn schon reicht sie das Ding herüber. Sichtbar ist der ganze Vorgang

nicht gewesen, denn mit einer geradezu unerklärlichen Ängstlichkeit und

Beharrlichkeit hat sie die ganze Nasenpartie mit der ausgebreiteten

Rechten überdeckt. Auch jetzt, nachdem sie längst ihr Silberstück

in Empfang genommen hat, steht sie noch in dieser Haltung da; meine

Leute witzeln von neuem, doch immer fester drückt die Frau die Rechte

auf die entblößte Stelle. Mit diesem Hinweis auf die lokale Nacktheit

haben wir den Vorgang psychologisch unzweifelhaft richtig gedeutet;

mit der Entfernung des Kipini wird das Schamgefühl verletzt, daher das

krampfhafte Zudecken jener Stelle.

[Illustration: Yao-Frauen mit Nasenpflock.]

Eine solche „Verlagerung“ des Schamgefühls ist in der Völkerkunde

nichts Seltenes. Mit innigem Behagen lese ich in meiner Bibel, der

Peschelschen Völkerkunde, immer wieder jene köstliche Stelle, wo der

Autor schildert, was ein frommer Moslim aus Ferghana tun würde, wenn

er einem unserer Bälle beiwohnte. Peschel meint, daß dieser brave

Moslim, wenn er die Entblößungen unserer Frauen und Töchter, die halben

Umarmungen bei unseren Rundtänzen wahrnähme, im stillen nur die Langmut

Allahs bewundern würde, der nicht schon längst Schwefelgluten über

dieses sündhafte und schamlose Geschlecht habe herabregnen lassen.

Denselben Anschauungen entspricht es, daß die Araberin Fuß, Bein und

Busen ohne Verlegenheit sehen läßt, daß aber die Entblößung des

Hinterhauptes bei ihr für noch unanständiger gilt als die des Gesichts,

das ja auch sorgsam verborgen wird. Wieder eine andere Verlagerung des

Schamgefühls ist die ängstlich angestrebte Bedeckung des Nabels bei

den Malaiinnen und auch auf den Tonga-Inseln, während jeder andere

Körperteil skrupellos zur Schau gestellt wird. Noch weiter von unseren

Anschauungen weicht schließlich diejenige der Chinesen ab, wo es als

höchstes Ausmaß der Unanständigkeit angesehen werden würde, wenn

die Frau einem Manne ihren künstlich verkrüppelten Fuß zeigte; gilt

es dort doch sogar für unschicklich, auch nur von ihm zu sprechen.

Würde man in gleicher Weise die ganze Erde absuchen, eine Unsumme der

verschiedensten, nach unseren Begriffen seltsamsten Anschauungen über

Anstößiges und Gestattetes würde uns dabei entgegentreten. Unsere

eigenen Ansichten über diesen Punkt sind in dieser langen Reihe

auch nur eine von den vielen; auch ist ihre Berechtigung durchaus

nicht besser begründet als irgendeine der anderen, denn alle diese

Anschauungen haben genetisch das gemeinsam, daß ~a priori~

überhaupt nichts als verwerflich und anstößig erscheint; erst nachdem

sich eine bestimmte Ansicht darüber gebildet hat, welcher Körperteil zu

verhüllen und welcher unbekleidet zu lassen sei, wird ein Verstoß gegen

diese Ansicht zu einer verwerflichen Handlung; nicht früher.

Die andere Beobachtung hat einen ernsthafteren Einschlag. In dumpfem

Brüten zieht die Karawane durch das Pori dahin; alles „döst“, wie man

bei uns in Norddeutschland den Zustand zwischen Nichtdenkenwollen und

Nichtdenkenkönnen bezeichnet. Plötzlich fliege ich halb aus dem Sattel;

mein Reittier ist jäh zur Seite gesprungen und macht Miene, in den

dritten Dornenbusch hineinzurasen. Da ist auch schon die Ursache. Ein

schräg aus dem Waldboden herausragendes Etwas, das sich bei näherem

Zusehen als ein eingegrabener Baumrindenzylinder entpuppt. Das Ding ist

reichlich einen halben Meter lang und an dem oberen, unbedeckten Teil

mit ein paar vorgesteckten Rindentafeln verschlossen. Von meinen Leuten

weiß niemand aus dem Funde etwas zu machen, wohl aber bringen ein paar

zufällig des Weges kommende Landeskinder die gewünschte Aufklärung.

Es ist ein Kindergrab, und zwar das eines totgeborenen Kindes. Diese

werden bei den Makua immer in dieser Weise beerdigt, heißt es.

[Illustration: Makuakindergrab.]

Nach kurzer Rast bei Susa sind wir von neuem aufgebrochen, um am selben

Tage noch Chingulungulu zu erreichen. Dabei werden Knudsen und ich von

neuem vom Fieber erfaßt; krampfhaft halte ich mich auf meinem Maultier;

auch Knudsen kann sich nur mit Mühe aufrecht erhalten. In ewigem

Einerlei gleitet das lichte Pori an uns vorüber; Baum für Baum; es

ist kein Ende abzusehen. Ich auf dem Reittier fühle meine Beine nicht

mehr; alle paar Minuten schaue ich nach der Uhr; im Schädel hämmert’s

und pocht’s -- es ist eine Qual. Endlich, endlich ein fester Punkt

im schrankenlosen Meer der Bäume: ein umgestürzter Koloß versperrt

den Weg. Wie ein Klotz ist der Norweger auf ihn niedergesunken; nur

nach langem Zureden bringe ich den Fiebernden wieder empor. Noch

einmal geht’s weiter; da hört das Ohr Stimmengewirr. Wie durch einen

Schleier erkenne ich Matola, der mir in Massassi bereits begegnet ist;

bei ihm sind eine Anzahl weißgekleideter Männer, die sich immerfort

feierlich verneigen. Ich lächle und winke mit der Hand. Wir kommen

an ein von vielen Säulen getragenes Haus; unendlich mühsam steige

ich vom Reittier, ich klappere vor Frost trotz des fast senkrechten

Sonnenstandes. Mit freundlicher Miene stellt mir Matola sein Säulenhaus

zur Verfügung; ebenso freundlich kredenzt er mir einen Krug kühler

Milch. Mein Sinn ist nicht nach materiellen Genüssen; nur ins Bett

-- nichts weiter. Mein Blick sucht Knudsen. Taumelnd verschwindet er

gerade im rasch errichteten Zelt. Zwei Minuten später bin auch ich in

zwei warme Kamelhaardecken gewickelt. Tut das wohl! Und nun hinein ins

erste Fieber!

[Illustration: Matolas Gehöft (s. S. 173).]

Neuntes Kapitel.

Bei Matola.

+Chingulungulu+, Mitte August 1906.

Ein Gutes hat so ein richtiges, tüchtiges Fieber bei allen Übeln doch;

ist es zu Ende, so hat der Rekonvaleszent einen Appetit, daß unser

sanfter Ausdruck „essen“ sich zu dieser Tätigkeit des Nahrungvertilgens

verhält wie der liebliche Ton der Hirtenschalmei zum donnernden

Schlachtgetöse. Ein ganzes gebratenes Huhn ist in dieser Lebenslage

für ein Frühstück gerade knapp ausreichend, wohlgemerkt, wenn man

vorher noch einen großen Teller Knorrscher Suppe vertilgt hat und

hinterher einem noch viel größeren Eierkuchen mit eingebackenen

Bananen entgegensieht. Aber es geht dann auch schnell mit der

Wiederherstellung; sehr bald schmeckt wieder die Zigarre, bekanntlich

der beste Maßstab des Wohlbefindens seit Wilhelm Busch. Nur ein

gewisses „Brägenschülpen“, das Gefühl, als wenn das Gehirn den ihm

zur Verfügung stehenden Raum nicht ganz ausfüllte und daher bei jeder

Kopfbewegung an den Rändern Wellen schlüge, erinnert noch ein paar

Tage lang in allerdings sehr wenig angenehmer Weise an den schweren

Fieberanfall.

Traum und Wirklichkeit oder Poesie und Prosa, so könnte man das

berühmte Chingulungulu mit Fug und Recht benennen. Man muß in der

Tat wie Nils Knudsen ein Jahrzent im Busch gesessen haben, um dieses

Emporium alles Schmutzes, Dreckes und Staubes für das Paradies

anzusehen, welches Chingulungulu nach Knudsens Ansicht auch heute

noch darstellt. Selbstverständlich haben wir unsern Wohnsitz unter

der berühmten Barasa aufgeschlagen. Sie ist wirklich ein gar stolzes

Gebäude. Eigentlich ist es nur ein von Säulen getragenes Strohdach,

aber dieses Strohdach hat 15 Meter Durchmesser und liegt mit seiner

Spitze mindestens 6 bis 7 Meter über dem Estrich. Auch architektonisch

ist es eine beachtenswerte Leistung: um den Mittelpfeiler stehen

die übrigen Säulen in drei konzentrischen Kreisen; der Fußboden

ist gestampfter Lehm, mit Asche vermischt. Gestampft ist nicht der

richtige Ausdruck, die Leute benutzen hier vielmehr einen im stumpfen

Winkel gebogenen Schlegel, mit dessen breitem, flachem Schlagende die

nötige Bodenfestigkeit erzielt wird. Rings um die ganze Peripherie der

Halle verläuft, nur an drei um je 120° voneinander abstehenden Lücken

unterbrochen, ein um etwa 40 Zentimeter erhöhter Wall. Das sind die

Sitze für die Thingmänner, denn diese Barasa ist in der Tat nichts

anderes als das Parlamentsgebäude der dörflichen Gemeindevertretung.

Der Thingammann thront in der Mitte des weiten Baues; rings um ihn in

dichter Scharung kauern, sitzen und stehen die schwarzen Mitbürger.

Eine solche Barasa hat jedes Negerdorf, aber von ihnen allen ist die

von Chingulungulu am berühmtesten. Matola ist denn auch nicht wenig

stolz, daß er seinen beiden Gästen gerade eine solch hervorragende

Unterkunft gewähren kann.

Doch auch Matolas Wohnhaus ist ein gar stattlicher Bau. Rings um das

Ganze natürlich, wie immer, die vom weitausladenden Dach beschattete

Veranda, gegen Regen und Ungeziefer um eines Fußes Breite gegen die

übrige Welt erhöht. Unter ihr hält Matola Tag für Tag und den ganzen

Tag Hof. Das ist interessant für mich, aber nicht gerade angenehm,

denn der Audienzplatz liegt nur 25 Meter von meinem Sitz ab, und

Negerstimmen sind wenig gewohnt, sich Zwang anzutun. Und gar erst, wenn

weibliche Wesen auftauchen, um an dem allgemeinen Konvent teilzunehmen

oder sich im Schauri zu verteidigen. Dann wird’s furchtbar.

Den stattlichen Abmessungen des Matolaschen Hauses entspricht die

Ausstattung seines Innern nicht. Die ganze Vorderfront entlang läuft

zunächst, was Matola die Abendbarasa nennt, ein langer, schmaler

Raum, in den die Hausbewohner und ihre Freunde sich an unfreundlichen

Abenden vor den Unbilden der Witterung zurückziehen. Eine einzige

Kitanda, ein Bettgestell im Küstenstil, bildet das Mobiliar. Der

übrige Teil des Hauses wird von drei Zimmern von je 25 Ouadratmeter

Grundfläche eingenommen. Die beiden seitlichen sind Schlafräume;

ihr Zweck wird dokumentiert durch je ein paar Bettstellen und große

Aschenhaufen, die Reste des kräftigen Feuers, das jeder Eingeborene

allnächtlich zur Seite seines Ruhelagers unterhält. Beide Räume sind

lediglich durch eine nach dem Mittelraum führende Tür zugängig,

fensterlos und daher stockdunkel. Der Mittelraum dient als Küche; aber

wie urwüchsig und primitiv nimmt sich Matolas Herd gegen den seines

Kollegen Susa aus! Bei Susa ein nach Material und Technik stilgerechter

Unterbau zu dem System der Herdsteine, Koch- und Vorratstöpfe und des

sonstigen Küchengeräts; bei Matola nichts als ein wüstes Aschenchaos,

auf dem irgendwo ein paar kopfgroße Klumpen von Termitenerde die

ZubereitungsstelIe der königlichen Nahrung andeuten. Und dabei steht

der Yaoherrscher im Ruf, für afrikanische Verhältnisse ein geradezu

reicher Mann zu sein, der irgendwo in seinen Häusern versteckt große

Mengen silberglänzender Rupien verborgen halte.

Um so interessanter ist dafür Matolas Hof. War Matola bei dem ersten

Besuch, den ich ihm machte, angesichts der Dürftigkeit seines

Hausinneren etwas befangen und verlegen, so führte er mich durch die

hinteren Räumlichkeiten seines Anwesens mit sichtbarem Stolze. Er

hat auch allen Anlaß dazu. Schon die ganze Hinterbarasa seines Hauses

ist lückenlos besetzt mit Vorratsbehältern der verschiedensten Größen

und Formen. Da gibt es mehr als mannshohe bienenkorbartige Behälter

für Hirse und Mais: daneben stehen zylindrische, nur wenig niedrigere

Gefäße für Erdnüsse, Bohnen und Erbsen; in den Zwischenräumen aber

findet das Auge im Halbdunkel kleinere Behälter aus Baumrinde oder

Ton zur Aufbewahrung der Nahrungspflanzen zweiten Grades. Alle diese

Vorratsbehälter sind, wie wir es schon in Massassi kennen gelernt

haben, gegen tierische Schädlinge und die schädlichen Einflüsse der

Atmosphäre durch eine dicke, feste Lehmschicht geschützt. Wendet

man sich dem hinteren Teile des großen, rechteckigen Hofes zu, der

durch eine hohe Palisadenwand gegen den Einblick und das Eindringen

Unberufener geschützt ist, so erblickt das Auge auch hier die Beweise

einer zweifellos sehr weit- und vorsichtigen Wirtschaftsmethode,

denn hier ist ebenfalls alles auf das Hinüberretten der diesjährigen

Ernte bis zum nächsten Erntetermin eingerichtet. Kleine und große

Vorratsbehälter ringsum, zwischen allem aber ein gewaltiger Speicher,

in dessen unterem Raum einige Frauen am Herde hantieren, während der

ganze große Dachraum mit Ähren und Kolben gefüllt ist. Und tritt

man aus dem Hofraum nach Osten ins Freie, so zieht sich längs der

ganzen Palisadenwand ein langes Gerüst hin, mehr als 2 Meter hoch,

auf gegabelten Pfählen ruhend, dazu mehr als 2 Meter breit, auf dem

auch jetzt noch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit, reichliche

Mengen abgeernteter Ähren endgültig an der Sonne getrocknet werden.

Wandert man schließlich um das ganze Anwesen herum bis zu seiner

linken Giebelseite, so steht man plötzlich vor der Krone des ganzen

Wirtschaftssystems, einem Speicher von wahrhaft gigantischer Größe

und zweifellos sehr rationeller Konstruktion. Er ist am Anfang dieses

Kapitels wiedergegeben.

Dieser Speicher ist ein Pfahlbau, wie alle übrigen Vorratsbehälter;

während aber bei den gewöhnlichen Formen der Pfahlrost nur 50 bis

70 Zentimeter hoch ist und 1 bis 1½ Meter im Quadrat mißt, liegt er

bei diesem Riesen in fast doppelter Manneshöhe und nimmt eine Fläche

von mindestens 3-4 Meter im Quadrat ein. Auf der Plattform ruht der

eigentliche Kornbehälter. Er ist von stattlicher Tiefe und großem

Inhalt, am besten einem europäischen Maischbottich vergleichbar.

Zur Stunde ist er erst zur Hälfte mit Hirserispen gefüllt, daher

auch noch der mangelnde Verschluß. Über dem Ganzen breitet sich

dann das gewohnte, weitausladende, schwere Dach aus. -- Und der

Zugang zu diesem Bau- und Wirtschaftswunder? Dieser wirkt allerdings

wieder urafrikanisch urwüchsig, denn er besteht aus derselben

vorsintflutlichen Leiter, die meine Lachlust bereits in Massassi

erregt hat: ein paar derbe ästige Knüppel als Leiterbäume; daran in

meterweitem Abstand, nur schwach befestigt, ein paar ebenso elende

Sprossen.

Das Allerbeste und Höchste seiner ganzen Ökonomie hat Matola sich bis

zuletzt aufgespart. Was quiekt und grunzt dort behaglich im Schatten

jenes düstern Gebäudes, als dessen Endzweck mir der eines Gefängnisses

genannt wird. Ein Gefängnis in Afrika? Jawohl, ein wirkliches und

wahrhaftiges Gefängnis; auch der Neger ist kein Engel, und als „Kette“

muß er doch irgendwo hausen. Jetzt interessiert uns mehr der Ursprung

jenes zweifellos tierischen Geräusches. Eine Muttersau ist es, mit

zwölf lustigen Ferkeln um sich herum. Die fröhliche Gesellschaft ist

überall; sie untersuchen das Gepäck der Askari, statten Nils Knudsen

in seinem Zelt Besuche ab, mit Vorliebe aber finden sie sich nach

dem Diner in unserer Küche ein, um dem Koch und seinem Jungen die

Säuberung unserer Töpfe und Teller abzunehmen. Das ist ihnen gar bequem

gemacht, denn erstens besteht unsere Küche aus weiter nichts als einer

geschützten Ecke unter der Dachveranda des Gefängnisses, zweitens aber

könnte man einen Neger, wenn er sich vollgegessen hat und wie ein

geprellter Frosch schnarchend in seiner gewohnten Siesta daliegt, mit

aller Seelenruhe in Stücke hacken, ohne daß er bei diesem doch immerhin

tief eingreifenden Vorgang erwachte. So bietet sich denn allmittäglich

das merkwürdige Schauspiel dar, daß ein khakibekleideter Europäer

unter wütendem Geschelt auf die faulen, schwarzen Halunken und ihren

ganzen Erdteil kibokoschwingend über den Festplatz von Chingulungulu

eilt, um seine Kochtöpfe von dem Besuch der zärtlichen Schweinemama und

ihrer Kleinen zu befreien. Ohne einen gelegentlichen Jagdhieb auf das

nachlässige Küchenpersonal geht es selbstverständlich nicht ab, doch

das kümmert meinen lieben Omari recht wenig. Den Ferkeln aber haben

Knudsen und ich dahin Rache geschworen, daß wir sie eines schönen Tags

wirklich in unseren Töpfen haben wollen, doch dann sehr wider ihren

Willen.

Negerleben in Ostafrika · 第 13 / 40 段