Dem der Völkerkunde Afrikas Fernerstehenden wird diese Metamorphose

etwas seltsam erscheinen; man kann sie auch nur verstehen, wenn man

sich die Bevölkerungsvorgänge gerade dieses Erdenwinkels im Laufe des

letzten Jahrhunderts vergegenwärtigt. Noch zu Zeiten Livingstones, also

vor 50 und 40 Jahren, herrscht im ganzen Rovumagebiet eine himmlische

Ruhe; die alteingesessenen Völker bauen ihre Hirse und ihren Maniok

und gehen auf die Jagd, sooft es ihnen behagt. Da brechen vom fernen

Südafrika her in verschiedenen Wellen feindliche Elemente ins Land;

westlich und östlich vom Nyassasee wälzt es sich nach Norden. Reisige

Scharen sind es, die in überraschendem, sich durch nichts verratendem

Angriff die wenig wehrhaften alten Völker über den Haufen werfen und

aufrollen. Erst in der Höhe des Nordendes vom Nyassa kommt die Flut zum

Stehen; ein paar Sulureiche -- denn Angehörige dieses kriegerischen,

tapferen Volkes sind diese neuen Eindringlinge -- werden gegründet, und

man richtet sich ein.

[Illustration: Yaohäuptling Nakaam.]

Doch welche Folgen hat diese Einrichtung für den ganzen Osten Afrikas

gezeitigt! In immer und immer wiederholten Kriegs- und Raubzügen

über viele Hunderte von Kilometern haben die neuen Herren des Landes

aus dem alten, dichtbebauten Gebiet eine Einöde gemacht. Unter dem

Namen der Masitu sind sie schon am Ende der 60er Jahre der Schrecken

zwischen Nyassa und Tanganyika; unter dem Namen der Mafiti sind sie

später, in den ersten Zeiten unserer deutschen Kolonialherrschaft, der

noch weit größere Schrecken des ganzen riesigen Gebietes zwischen dem

Nyassa und der Ostküste; unter den weiteren Bezeichnungen Wamatschonde,

Magwangwara und Wangoni spricht man von ihnen an den Lagerfeuern der

Karawanen mit unangenehmen Gefühlen. Heute indes ist dieser Schrecken

kaum mehr gerechtfertigt, denn gerade im Laufe der letzten Jahre ist es

auch mit der Vorherrschaft dieser Sulu zu Ende gegangen; die deutschen

Hiebe sind doch zu nachhaltig gewesen. Nur ein einziger ihrer Führer,

der bereits obenerwähnte Schabruma, macht mit einer kleinen Schar von

Anhängern noch das Land unsicher; alle anderen haben sich unseren

Friedensbedingungen rückhaltlos unterworfen.

Diese Wangoni-Einwanderung -- Wangoni ist der Name, unter dem wir

heute nach stillschweigender Übereinkunft alle diese eingewanderten

südafrikanischen Elemente zusammenfassen -- ist zunächst die Ursache

für den folgenden seltsamen Vorgang geworden.

Die alteingesessenen Völker, soweit ihre Männer nicht von den

Wangoni erschlagen, ihre Frauen und Kinder nicht in die kühlen,

feuchten Gefilde am Ostufer des nördlichen Nyassa abgeführt und dem

Stammestum der Wangoni einverleibt worden waren, sahen, daß der

Mgoni mit seinem kurzen Speer, seinem ovalen Fellschild und seinem

phantastischen Schmuck aus Geierfedern, Fellstreifen vom Leoparden,

der Wildkatze und ähnlichem Getier, unwiderstehlich war. Daß diese

Unwiderstehlichkeit nur zu einem sehr geringen Teil auf dem furchtbaren

Äußern des Feindes beruhte, in Wirklichkeit vielmehr in der größeren

Tapferkeit und dem geschlossenen Angriff der Kaffern mit dem kurzen,

festen, im Handgemenge allerdings schrecklichen Speer bestand,

haben die Leute hier nie begriffen. Sie nahmen den Schein für die

Wirklichkeit, kleideten sich fortan wie die Wangoni und suchten

auch deren sonstige kriegerische Ausrüstung nachzuahmen. In diesem

Zustande befinden sich diese Völker auch heute noch. Biologisch

läßt sich dieser ganze Vorgang als eine Art Mimikry auffassen, die

auch deswegen überaus interessant ist, weil sie weiter im Norden

der Kolonie, am Kilimandscharo und in den Gegenden westlich und

südwestlich davon, ihr genaues Gegenstück gefunden hat. Dort haben die

alteingesessenen Bantuvölker die Erfahrung gemacht, daß die Massai

mit ihren Riesenspeeren, ihren großen, festen Lederschilden und ihrem

phantastischen Kriegsschmuck ihnen weit überlegen waren; flugs haben

auch sie ihre Schlüsse daraus gezogen, und heute trifft man alle

diese Völker, die Wadschagga, Wapare, Wagueno, Wagogo usw. in einer

Verfassung, die den ihnen beigelegten Spottnamen der Massai-Affen sehr

gerechtfertigt erscheinen läßt.

Hier im Süden ist indessen mit der Nachäffung der Wangoni die Mimikry

im Negerleben noch nicht erschöpft. Veranlaßt durch die ungeheuer

weitgreifenden Wirren, die seit dem 1818 erfolgten Auftreten des

Sulukönigs Tschaka den ganzen Osten des Erdteils nicht wieder zur

Ruhe haben kommen lassen, sind auch andere Völkerschaften als die

Sulu selbst von einer süd-nördlichen Wandertendenz ergriffen worden.

Das sind vor allem die Makua und die Wayao; jene drängen aus ihren

Ursitzen zwischen dem Rovuma im Norden und dem Sambesi im Süden langsam

aber nachhaltig über den Rovuma hinüber ins deutsche Schutzgebiet

hinein, die Wayao aber kommen ebenso unmerklich, doch vielleicht noch

nachhaltiger aus dem weiter westlich gelegenen Gebiet am Südende des

Nyassa aus südöstlicher Richtung zu uns herüber. So stoßen beide

Völkerwellen gerade hier in meinem Forschungsgebiet im spitzen Winkel

zusammen, und das ist gerade einer der Hauptgründe für mich gewesen,

statt nach dem aufstanddurchloderten Iraku hier nach dieser entlegenen

Ecke zu reisen. Nun scheint es den Makua oder doch wenigstens einzelnen

von ihnen zu ergehen wie so manchem Deutschen im Auslande: er sieht

sich und sein Volkstum als etwas Minderwertiges und Verächtliches an

und hat nichts Eiligeres zu tun, als die letzte Erinnerung an Vaterland

und Muttersprache zugunsten der neuen Nationalität abzustreifen. Hier

im Lande sind, nachdem der Wangonischrecken seit den 1880er Jahren,

dem Zeitraum der letzten Einfälle, im Bewußtsein der heranwachsenden

Generation verblaßt ist, die Wayao die Vornehmen; was Wunder, wenn

gerade eine so eitle Persönlichkeit, wie Nakaam es unzweifelhaft ist,

sein eigentliches Volkstum glatt verleugnet, um als vollwertig und

ebenbürtig zu gelten.

Höchst spaßhaft klingt es, wenn die Angehörigen der hiesigen Sprachen

einen Begriff als etwas ganz Außerordentliches hervorheben wollen,

z. B. als sehr hoch oder sehr weit entlegen, als sehr schön oder in

ferner Zukunft erst zu erwarten, und dergleichen. Das tun diese Leute

durch eine unnachahmliche Hinaufschraubung des betreffenden Adjektivs

oder Adverbs zur höchsten Fistel. Ich werde später noch auf diesen

sprachlich so ungemein interessanten Punkt zurückkommen; jetzt kann ich

nur mit innigem Behagen an mein Lustgefühl zurückdenken, welches ich

empfand, als Nakaam in seinem „~Mimi Makua, lakini ya samāni~,

ich bin ein Makua, aber einer von ganz, ganz weitentlegener Zeit“, die

beiden Silben „~māni~“ so lang dehnte und das „~ni~“ so in

die Höhe schraubte, daß man fürchten konnte, er möchte den Rückweg zur

Gegenwart nicht wiederfinden.

Also Nakaam war, wenn auch nicht gerade zu seiner freudigen

Genugtuung, seiner eigentlichen Stammeszugehörigkeit überführt

worden. Gerade wollten wir zu einem anderen, für ihn erquicklicheren

Gesprächsgegenstande übergehen, da saßen wir plötzlich im Dunkeln.

Das Brausen des Sturmes war im Lauf des Abends immer stärker, die

Böen waren immer häufiger und heftiger geworden; jetzt umraste ein

wirklicher Orkan Swastikapalais und Zelte; unsere Matten und Decken

schlugen uns wie gepeitschte Segel um die Ohren. Das schwere Hausdach

ächzte und stöhnte in allen seinen Bindelagern; unsere Zelte hielten

nur mit sichtlicher Mühe dem riesigen Winddruck stand. Jeder Versuch,

die Lampe wieder zu entzünden, wäre vergeblich und im Hinblick auf die

ganze Umgebung auch im höchsten Grade feuergefährlich gewesen. So

blieb denn nichts anderes übrig, als die Unterhaltung für dieses Mal

gerade da abzubrechen, wo sie anfing interessant zu werden, und sich in

sein Tippelskirchbett im Zelt zu verkriechen.

Mit dem Schlaf in Afrika ist es ein eigen Ding. Freilich, die

riesenbreiten Eisenbettstellen der Küste gewährleisten einen

Schlummer, wie er erquicklicher auch bei uns im kühlen Europa nicht

gedacht werden kann; die Trogform des Safaribettes ist an sich schon

weniger bequem; kommt nun zu dem Temperaturminimum etwa eine Stunde

vor Sonnenaufgang, das den Schläfer stets erwachen und nach einer

zweiten Decke greifen läßt, auch noch das Hustenkonzert einer größeren

Karawane, dann ade süßer Schlummer! Bei unserem Marsch von Lindi bis

Massassi hatte sich die große Schar der Polizeisoldaten stets im engen

Kreis, die Köpfe nach außen, um unsere Zelte gelagert; dann war in

den schneidend kalten Nächten von Nangoo und Chikugwe alsbald ein

Gehuste und Gespucke losgegangen, daß man wirklich nicht wußte, ob

man die unglücklichen frierenden Kerle draußen oder aber sich selbst

mehr bedauern sollte. Hier in Mwiti hätte ich meine Leibgarde wie auch

meine Träger sehr gern weit von unserem Zeltplatz untergebracht, aber

der kommandierende Gefreite hat mir erklärt, daß das nicht gehe; die

Wangoni seien im Anzuge. So hat sich mein Dutzend Krieger, denn so

viel hat mir Herr Ewerbeck als Schutztruppe mitgegeben, wieder rings

um uns herum gelagert; wieder tönt das Gehuste ohne Unterlaß in mein

warmes Zelt hinein, so daß an Schlaf kaum zu denken ist; aber diesmal

ist das Mitleid mit den Kriegern doch größer als der Ärger über die

unausgesetzte Störung. Und es ist auch nur zu berechtigt. Die kleine

Ebene vor Nakaams Palais, auf der wir lagern, ist fast baumlos; steil

von oben, durch nichts aufgehalten, stürzt auf sie der eisigkalte

Plateauwind herunter. Zwar hat sich jeder Soldat neben der Matte, auf

der er liegt, und dem Pfahl, an dem Gewehr und Patronengürtel hängen,

ein kräftiges Feuer gemacht, doch was nützt das den Männern, deren

Körper durch das dünne Khaki trotzdem einer ungehinderten Ausstrahlung

ausgesetzt sind.

Es begreife die Negerseele wer da kann. Ich habe am nächsten Morgen

Soldaten und Träger versammelt und habe ihnen gesagt: „Kerls,

ihr friert doch wie die Schneider; gleich geht los und baut euch

Strohhütten, oder, wenn euch das zuviel ist, wenigstens Windschirme.“

„~Ndio, Bwana~, jawohl, Herr!“ hat die ganze Schar geantwortet;

als ich mich aber am Nachmittag erkundigte, wo denn ihre Bauten seien,

da kam’s heraus: ich marschiere, hieß es, doch bald weiter, da hätte

es keinen Zweck, erst noch Wände zu bauen. „Gut,“ habe ich ihnen da

sehr kühl erwidert, „dann friert ihr eben. Wer mir aber in den nächsten

Tagen mit Katarrh kommt -- fügte ich für mich in Gedanken hinzu --, den

werden wir zur Abwechselung einmal nicht mit dem lieblichen Aspirin

behandeln, sondern mit Chinin, notabene ohne Wasser, und kauen sollen

die Burschen diese schöne, kräftige Daua vor meinen Augen.“ So verdirbt

Afrika den Charakter, leider nicht nur den der Schwarzen.

Mein zweiter Tag in Mwiti hat mir auch noch manches Lehrreiche geboten.

Mir mußte das Fieber, von dem ich soeben erst erstanden bin, bereits

in den Gliedern stecken; in merkwürdiger körperlicher Erschlaffung

war ich vormittags in meinem Liegestuhl unter Nakaams Barasa sanft

entschlummert. Klatsch -- huuh; klatsch -- huuuh; klatsch -- huuuh,

tönt es dem Erwachenden ans Ohr. Ein Blick nach links lehrt mich,

daß der blonde Nils in seiner Eigenschaft als interimistischer

Unterpräfekt wie ein zweiter Salomo als Richter waltet. Nun kenne ich

zwar Gerichtssitzungen schon seit Lindi, aber sie sind hier immer

interessant, und so war ich im nächsten Augenblick zur Stelle. Der

Delinquent hatte unter bedeutendem Wehgeheul inzwischen seine fünf

wohlgezählten Hiebe erhalten; er stand jetzt wieder aufrecht und rieb

sich mit erklärlichen gemischten Gefühlen die wunde Stelle; doch

frech sah er immer noch aus. Nach gegenwärtiger Landessitte etwas

angesäuselt, hatte er sich im Verhör erkühnt, Nils Knudsen mit einem

besonderen Namen, anscheinend dem Spitznamen des Norwegers bei den

Negern, zu belegen; dies durfte natürlich nicht ungerochen bleiben,

und daher die Exekution. Der Neger betrachtet sie übrigens als ganz

selbstverständlich; er würde sich aufs höchste wundern, wenn nicht jede

Ungebühr in dieser Weise und ohne Verzug gesühnt würde, ja er würde uns

direkt für schlapp und keineswegs als seine Herren betrachten.

[Illustration: Hofinneres in Mwiti.]

Einen ebenso tragikomischen Anstrich hatte auch der nächste Fall, zu

dem ich ebenfalls erst am Schluß des Verhörs der drei Beteiligten

hinzukam. Ich sehe, wie der Gefreite Saleh mit einem derben

Kokosstrick, wie er von den Trägern benutzt wird, ihre Last durch

Umschnüren mit ihm handlich zu gestalten, über den Platz eilt. Im

selben Augenblick hat er auch schon einem vor dem Richter Nils

stehenden schwarzen Jüngling die Arme stramm auf dem Rücken gefesselt.

Dieser hat die Prozedur stillschweigend über sich ergehen lassen;

nun aber erhebt sich ein unglaublich lebhaftes Gerede. Mit einer Art

Lassowurf hat Saleh einem ebendort stehenden jugendlichen Frauenzimmer,

an dem mir nichts so sehr auffällt wie die geradezu hottentottenhaft

weit ausladende Gesäßpartie, das andere Ende des Strickes um die

Hüfte geworfen; blitzschnell ist auch sie gefesselt und gefangen.

„Nanu, was ist denn hier los?“ wage ich in den merkwürdigen Auftritt

hineinzuwerfen.

„Sehen Sie sich nur einmal den andern an“, sagt der moderne Salomo.

„Dieser hier und das Weibsbild sind Mann und Frau; mit dem andern aber

hat die Frau, während der Mann verreist war, monatelang zusammengelebt.

Und als der ahnungslose Ehemann zurückkommt und das Pärchen hübsch

beisammen findet, da hat ihn dieser Halunke hier zum Überfluß auch noch

in die Hand gebissen.“

„So, und zur Belohnung binden Sie das saubere Pärchen nun auch noch

zusammen?“

„Zur Belohnung gerade nicht, aber die beiden müssen nach Lindi

hinunter zu ihrer Aburteilung -- ein paar Monate Kette wird er wohl

schon kriegen -- und da weiß ich wirklich nicht, wie ich sie anders

transportieren soll.“

Ich habe selten ein paar so vergnügte Gesichter gesehen wie die Visagen

dieses netten Pärchens, als sie abgeführt wurden.

Schon den ganzen Tag hatte ich einen meiner Träger um mein Zelt

herumschleichen sehen. Am Nachmittag kam der Bursche näher; er wolle

Daua, sagte er. Wofür? frage ich ihn kühl. Für eine Wunde, lautet die

Antwort. Ich, in der Meinung, der Mensch habe sich eine Verletzung auf

dem Marsch zugezogen, lasse den braven Stamburi holen, jenen Askari,

dem ich die therapeutische Behandlung aller jener Fälle anvertraut

habe, die ich nicht selbst behandeln mag. Stamburi befreit mit

nicht geringer Mühe das fragliche Bein erst von einer fingerdicken

Dreckkruste; neugierig bin auch ich näher getreten, doch was muß ich

sehen! Eine uralte Wunde vorn auf dem Schienbein, wie eine Handfläche

groß, stinkfaul und bis auf den Knochen durchgefressen. Entrüstet fahre

ich Herrn Cigaretti -- so heißt der Schmierlümmel -- an, er habe mich

betrogen, er sei kein Träger, sondern ein Kranker, der ins Hospital

gehöre; seine Wunde sei nicht frisch, sondern schon Monate alt; er

werde mit der nächsten Gelegenheit nach Lindi hinuntergeschickt werden.

Sehr ruhig und frech heißt es darauf: ~Lindi hapana, Bwana~,

er sei für sechs Monate gedungen, und eher zu gehen fiele ihm gar

nicht ein. Ich bin nun in einer etwas unangenehmen Lage, da ich die

bezüglichen Bestimmungen nicht kenne; behalte ich den Burschen bei mir,

so wird er eines schönen Tags selbst transportunfähig oder geht wohl

gar ein; jage ich ihn aber in den Busch, so fressen ihn die Löwen.

In jedem Fall ist es mir sehr interessant, zu sehen, wie einseitig

das Rechtsgefühl dieses braven Mannes ausgebildet ist; er besteht auf

seinem Schein, jedoch nur soweit er ihm zu seinem Vorteil gereicht.

Und dann dieses schreckliche Wort ~hapana~! Man würde die ganze

schwarze Rasse am besten mit zwei kleinen Wörtern charakterisieren

können. Das eine ist „~hapana~“, wörtlich: es ist nicht, es gibt

nicht, verallgemeinert: nein; das andere lautet: ~bado~, noch

nicht. Einen von den beiden Ausdrücken bekommt man unter hundert Fragen

mindestens 99mal zur Antwort. „Hast du das und das getan?“ oder: „Ist

das und das zur Stelle?“ fragt der Europäer. „~Bado~“ heißt es

das eine Mal, ~hapana~ zum andern. Ich habe schon den Vorschlag

gemacht, die ganzen Bantu-Idiome des Ostens unter dem Kollektivbegriff

des Kihapana oder des Kibado zusammenzufassen. Zunächst macht die

Sache dem Weißen Spaß, zumal besonders das ~bado~ dem Gehege

der Zähne mit einem Schmelz entflieht, daß jede höhere Tochter der

sprachberühmten Städte Braunschweig und Celle über eine solche

Geziertheit der Aussprache des „a“ neidisch werden könnte; hat man

indessen immer bloß ~bado~ und immer bloß ~hapana~ zu hören

bekommen, und niemals ein „~Ndio~“ oder ein „~Me kwisha~, ich

bin fertig“, so wird man wild und greift am liebsten zum Kiboko. --

Gegen Abend dieses denkwürdigen Tages ist es, etwa eine Stunde vor

Sonnenuntergang. Mit keckem Schritt tritt ein kleines Bürschchen von 8

bis 9 Jahren an meinen Tisch heran, breitet auf mein „~Karibu~,

tritt näher“, eine ganze Anzahl wunderhübsch verzierter, kleiner

Kämme vor meinen Augen aus und bleibt in erwartungsvoller Pose

stehen. Die Dinger sind in der Tat reizend; der eigentliche Kamm

selbst ist aus feinen, gerundeten Holzstäbchen zusammengesetzt, der

ganze Oberteil aber bedeckt mit buntfarbigem Stroh, das zu schönen

geometrischen Mustern geordnet ist. „Wo werden die Dinger gemacht?“

frage ich den kleinen Kaufmann. „~Karibu sana~, hier ganz in der

Nähe“, lautet die prompte Antwort. „Und wer macht diese Kämme?“ „Ein

Fundi, ein Meister“, ertönt es daraufhin, etwas verwundert diesmal,

denn der Weiße sollte doch billig wissen, daß hierzulande alles von

Berufshandwerkern, von Fundi, gefertigt wird. Schnell werden wir

handelseins, ebenso schnell habe ich meinen Tropenhelm mit dem leichten

Filzhut vertauscht, habe noch Kibwana, der merkwürdig schnellfüßig mit

einem rasch umgehängten Gewehr heranspringt, angeschnauzt, er solle

seine Donnerbüchse nur ruhig wieder weghängen und so mitkommen, da

sind wir auch schon mitten drin im schönen, grünen Urwald. Der kleine

Mann eilt mit erstaunlich raschen Schritten fürbaß, 5 Minuten, 10

Minuten, 15 Minuten. „Na, wo ist denn dein Fundi?“ frage ich ihn schon

ungeduldig. „~Karibu sana~“, tönt es beschwichtigend zurück.

Aus den 15 Minuten werden 30, werden 40; die Sonne ist schon hinter

dem nächsten Bergrücken verschwunden. Auf meine Anfragen stets eine

ausweichende Antwort: Dort, wo die Schambe ist, dort wohnt der Fundi,

oder aber: Unmittelbar hier vor uns, da ist es. Schließlich springe ich

den kleinen, flinken Führer unversehens von hinten an, indem ich ihn in

Ermangelung eines anderen passenden Angriffspunktes bei beiden Ohren

nehme. Strenges Verhör unter sanfter Nachhilfe an den Ohrläppchen.

Da kommt es denn heraus: es sei reichlich noch einmal so weit, als

wir schon gelaufen seien, und es sei hoch oben in den Bergen. Demnach

wäre ich also frühestens zwischen 7 und 8 Uhr ans Ziel gekommen, in

vollkommen dunkler Nacht, gänzlich unbewaffnet, ohne jede Unterkunft.

So weit ging meine Begeisterung für das Studium der Negertechnik

denn doch nicht; ich zog, unter Zugrundelegung unserer europäischen

Ansichten über Nah und Fern, aber zur schmerzlichen Verwunderung des

Autochthonen, diesem noch einmal die Ohren lang, entließ ihn dann

mit leichtem Klaps und zog unverrichteter Dinge wieder heim. Damals

war ich stark entrüstet über dieses unberechenbare Negervolk; heute

muß ich zugeben, daß es bei uns doch eigentlich wenig anders ist; dem

einen sind 20 Kilometer ein Katzensprung, dem andern die halbe Meile

ein Tagemarsch. Das aber habe ich schon gemerkt: der Neger rechnet

ganz allgemein mit viel größeren Entfernungen und auch mit größeren

Marschleistungen als wir. --

Wieder brennt die Lampe mit unsicher flackerndem Licht unter Nakaams

Barasa. Zwar ist diese besser abgedichtet als gestern, aber der Sturm

braust heute ungleich gewaltiger wie den Abend vorher.

„Und 60 Millionen Menschen wohnen in Uleia?“ fragt mich Nakaam ganz

verwundert. „60 Millionen? Aber was ist eine Million? Ist es ~elfu

elfu elfu~, 1000 mal 1000 mal 1000?“

Donnerwetter, denke ich, der geht aber in die vollen; 1000 mal 1000

mal 1000, das ist ja eine Milliarde! 60 Milliarden Deutscher, armes

Vaterland! Es lebe die Bevölkerungsstatistik!

Doch soll ich den Nigger enttäuschen? Keinesfalls; wir haben an

Prestige sowieso nicht viel mehr zuzusetzen. So antworte ich ihm denn:

~Ndio, elfu elfu elfu~ und belasse es bei den 60 Milliarden.

Und wieviel Askari hat der Sultani ya Uleia, der deutsche Kaiser?

Hier konnte ich ruhig bei der Wahrheit bleiben, denn in bezug auf

unsere Wehrmacht sind wir Gott sei Dank einstweilen noch allen

möglichen Gegnern über.

„Wenn wir keinen Krieg machen, haben wir 600000 Askari; wenn wir aber

Krieg machen, dann sind es 6 Millionen.“

Nakaam ist keiner von denen, die sich leicht imponieren lassen,

aber als er jetzt stumm nachrechnete: 6 mal ~elfu elfu elfu~,

da wuchsen wir in seinem Ansehen ganz offensichtlich. Doch er ist

nicht nur kritisch veranlagt, sondern auch mit der Tagesgeschichte

wohlvertraut.

„Nicht wahr?“ sagt er, „in dem großen Kriege zwischen den Russen und

den Japanern haben die Russen Haue bekommen?“ Diese Tatsache konnte

ich allerdings mit dem besten Willen nicht wegleugnen, doch hielt ich

es für durchaus angebracht, meiner bejahenden Antwort in einem Atem

hinzuzufügen, das wolle nichts bedeuten, denn wir, die Wadachi, wir

seien viel stärker als sie alle zusammen, als die Russen, die Japaner

und auch die Engländer. Nakaam setzte jetzt endlich eine überzeugte

Miene auf; aber ob sie wirklich echt gewesen ist, wer kann das bei

diesem schlauen Fuchs ermessen.

In der Geographie hatte bis vor kurzem mein Boy Moritz die beste Note;

er hielt seinen Freunden, und auch wer ihm sonst zuhören mochte, lange

Kollegien über Uleia und Amerika, sprach von Berlin, Hamburg und

Leipzig und erklärte dem wißbegierigen Auditorium mit gleichbleibender

Geduld, welchen Daseinszweck auf dieser Erde nun auch ich, sein Herr

und Gebieter, dort im fernen Uleia habe. Ich sei der Bwana kubwa eines

großen, großen Hauses, und in diesem großen Hause, da seien die Matten

und die Stühle und die Töpfe und die Löffel und die Kokosreiber aller

Völker der Erde, und ich sei hier ins Land gekommen, um nun auch von

hier alle diese schönen Dinge nach Uleia zu bringen. Moritz war also,

das muß man billig anerkennen, ein ganz guter Interpret meiner Ziele,

aber sein Ruhm war verblaßt, als ein paar Tage vor unserm Abmarsch von

Massassi Ali, der Weitgereiste, von Lindi herauf nach Massassi gekommen

war, um von neuem in Knudsens Dienste zu treten. Jetzt verstummte

Moritzens quäkige Stimme, denn nun konnte Ali berichten, was er mit

eigenen Augen in Berlin und Hamburg gesehen hatte. Als Diener eines

weißen Herrn war er in der Tat im fernen Deutschland gewesen. Nur daß

er Leipzig nicht kannte, betrübte ihn.

[Illustration: Ältere Makonde-Frau im Festschmuck.]

Nakaams topographische Kenntnisse waren, wie die Moritzens, auch nur

theoretischer Natur; er kannte zudem nur Berlin. Doch welch tiefes

Interesse hatte dieser Mann an allen möglichen Einzelheiten einer

europäischen Stadt! Die Länge der Straßen wollte er wissen, die

Höhe der Häuser, und wie man hoch oben auf diese Türme von Häusern

hinaufkäme; und wieviel Menschen in einem Hause wohnten, und wo sie

ihre Chakula, ihr Essen, kochten, und hundert andere Dinge mehr. Für

mich mit meinem immerhin geringen Suaheliwortschatz war es natürlich

ganz unmöglich, diese Wißbegier in ihrem ganzen Umfange zu befriedigen;

um so dankbarer konnte ich Knudsen für seine Aushilfe sein.

Negerleben in Ostafrika · 第 12 / 40 段