seine Städte Wunderwerke menschlicher Siedelungskunst, tritt man
aber in sie ein, so offenbaren sie sich meist als Schmutzgruben in
des Wortes verwegenster Bedeutung, und an die Stelle begeisterter
Illusionen tritt das Grau der Ernüchterung. Was hat mir Nils Knudsen
nicht alles von Chingulungulu vorgeschwärmt! Eine herrliche Barasa,
das Prunkstück negroider Baukunst im ganzen Osten; köstlich klares
Wasser in Hülle und Fülle; Fleisch aller Art nach Belieben; Früchte und
Gemüse von idealer Beschaffenheit. Dazu eine Bevölkerung, die sich aus
lauter vornehmen Gentlemen zusammensetze, schöne Frauen und stattliche
Häuser, und zum Schluß die Gelegenheit, nach allen Weltgegenden der
ganzen weiten Ebene die bequemsten Rundtouren machen zu können. Ich
bin noch zu kurze Zeit hier, als daß ich die so begeistert gepriesenen
Vorzüge in allen ihren Einzelheiten schon hätte nachprüfen können, aber
das habe ich doch schon heraus: ganz so paradiesisch wie der allerdings
etwas lokalpatriotisch angehauchte Nils mir die Residenz Matolas
II. gepriesen hat, ist weder Ort noch Bevölkerung.
[Illustration: Yao-Gehöft in Chingulungulu.]
Doch alles zu seiner Zeit; zwischen Massassi und Chingulungulu liegt
nicht nur ein großer Streifen Afrika, sondern zwischen dem Ende der
Schilderung meines dortigen Aufenthaltes und dem Anfang dieses Kapitels
liegt auch ein zeitlich ziemlich großer Zwischenraum, groß wenigstens
für einen Mann, auf den die neuen Eindrücke in solcher Fülle und mit
solcher Wucht einstürmen wie auf mich.
Der Aufbruch von Massassi ist früher erfolgt, als er ursprünglich
geplant war. Es waren eine ganze Reihe von Übelständen, die unsern
Weitermarsch als notwendig erscheinen ließen. Zu meinem großen
Mißvergnügen mußte ich bei meinen späteren Photographier-, Sammlungs-
und Zeichenbummeln bemerken, daß an die Stelle der ursprünglichen
Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit der die Einwohner uns das
Betreten ihrer Grundstücke gestattet, und des Entgegenkommens, mit
der sie in den Verkauf ihres Hausinventars gewilligt hatten, eine
entschieden entgegengesetzte Stimmung getreten war; fast überall fanden
wir verschlossene Türen und anscheinend völlig menschenleere Gehöfte.
Auch diese Erscheinung gehört zum Kapitel der Rassenpsychologie; selbst
wenn der Besuch eines Fremden ihm nur wirtschaftliche Vorteile bringt,
will der Neger in seinen vier Pfählen nicht gestört sein.
Auch mit unserer Unterkunft in dem Rasthause erlebten wir auf die
Dauer keine ungetrübte Freude. Knudsen, der in dieser Beziehung recht
empfindlich war, behauptete, es sei feucht. Tatsächlich brauchte man
nur ein klein wenig in den Boden zu graben, so kam das Grundwasser
zutage; in ganz geringer Entfernung unterhalb des Hauses trat es als
starker Quell an die Oberfläche hervor. Knudsen hatte bereits auf
dem Marsche von der Küste aus vereinzelte Fieberanfälle gehabt; jetzt
häuften sie sich derart, daß er kaum noch arbeitsfähig war. Rührend
war dabei die Anhänglichkeit und Treue, mit der sein alter Diener Ali
den kranken Herrn pflegte; er wich auch des Nachts nicht von seinem
Bett. Ich selbst hatte bereits des öftern ein merkwürdiges Kribbeln
auf meinem Haupte verspürt; jedesmal vorgenommene Untersuchungen
hatten indessen über die Ursache keine Aufklärung erbracht. Eines
schönen Tages nun eile ich, ein paar gewässerte Platten in der Hand,
aus der Dunkelkammer zum Rasthaus hinüber. Da kribbelt es wieder
äußerst intensiv in meinem spärlichen Gelock. „Moritz,“ rufe ich,
„nimm mir mal den Hut ab und schau nach, was das ist.“ Moritz nimmt
den Tropenhut her, besieht ihn außen, beschaut ihn innen, guckt hinter
das Futter und wird dann aschfahl. „~Wadudu wabaya~“, bringt
er mit sichtlichem Entsetzen heraus, „bösartige Insekten“. Jetzt
interessiert der Fall mich doch etwas mehr; ich setze meine Platten ab
und unterziehe Moritzens Fund ebenfalls einer genaueren Untersuchung.
Es sind verschiedene kleine Tierchen, die sich hinter dem Futter
meiner Kopfbedeckung tummeln; auch vereinzelte zeckenartige größere
Lebewesen sind dabei. Nun ist es ein eigen Ding um die Beeinflussung
des menschlichen Geistes durch bestimmte Vorstellungen. Über die
Malaria und ihre Bekämpfung bin ich von Hause aus vollkommen beruhigt
nach Afrika gegangen, ich schwöre auf Koch und fürchte nichts. Um
so unangenehmer ist mir der Gedanke an Rückfallfieber. Was hat man
mir in Daressalam nicht alles von dieser neuesten Entdeckung des
großen Berliner Bakteriologen erzählt! Es werde durch ein kleines,
unscheinbares, zeckenartiges Insekt hervorgerufen, das sich überall
da, wo Eingeborene gewohnheitsmäßig lagern, in Erdlöchern einniste.
Das Moskitonetz schütze zwar vor den ausgewachsenen Papassi, so
heißen diese Zecken, nicht aber vor deren hoffnungsvollem Nachwuchs,
der glatt und unbehindert selbst die feinsten Netzmaschen passiert.
Und dann die Scheußlichkeit des Fiebers selbst; man sei zwar nicht
schwer krank, doch auch niemals so recht gesund und arbeitsfähig, und
nichts, weder Chinin noch irgend etwas anderes, nütze im mindesten
gegen die Wiederkehr der alle paar Tage erfolgenden Anfälle. „~Wadudu
wabaya~, und noch dazu von Zeckenform; das können doch nur Papassi
sein“, fährt es mir blitzschnell durchs Gehirn. Auch ich bin sicher
bleich geworden in diesem Augenblick, denn wenn so ein Rückfallfieber
auch wohl nicht ans Leben geht, so bedeutet seine Erwerbung in diesem
Augenblick nichts mehr und nichts weniger als das unrühmliche Ende
meines kaum begonnenen Unternehmens. Gerade zu Arbeiten, wie ich sie
tagaus tagein zu bewältigen habe, gehört eine absolute Gesundheit und
eine vollkommen ungeschwächte Energie.
Noch ein drittes hygienisches Moment hat uns schließlich aus dem
Orte vertrieben. Daß Massassi nichts weniger als der Hort aller
Tugenden ist, hatte ich bereits früher bemerkt; unter den Soldaten des
Polizeipostens war ein ziemlich großer Prozentsatz geschlechtskrank.
Jetzt kam noch etwas für mich ganz Neues hinzu. Der Akide, ein früherer
Schutztruppen-Unteroffizier, ist der glückliche Besitzer einer kleinen
Rinderherde. Liebenswürdig wie der Neger nun einmal ist, übersendet
mir der Beamte Tag für Tag ein kleines Töpfchen mit Milch, die ich mit
aufrichtigen Dankgefühlen gegen den edlen Spender ebenso regelmäßig
genieße. Da verbreitet sich, immer bestimmter auftretend, das Gerücht,
der Akide habe den Aussatz. Damit war es natürlich um meinen Milchgenuß
geschehen; der Beamte schickte sie zwar unentwegt weiter, und ich
konnte sie ebenso selbstverständlich nicht zurückweisen; so kam sie mir
gerade zum Fixieren meiner Bleistiftzeichnungen recht.
In ihrer Gesamtheit bedeuten alle die aufgezählten kleinen Übelstände
nicht mehr als eine Summe von Nadelstichen; doch auch solche kleinen
Eingriffe in das menschliche Wohlbefinden vermögen schließlich die
Freude am Dasein merkbar herabzusetzen. In diesem Fall winkte uns
überdies noch das Paradies Chingulungulu; was Wunder also, wenn
zwischen dem ersten Auftauchen des Planes, nach Süden zu wandern,
und seiner Ausführung nur ein paar kurze Tropentage liegen. Mit
gewohnter affenartiger Fixigkeit verschnürten eines Abends meine
Träger einen großen Haufen ethnographischer Lasten; ebenso rasch war
an den kommandierenden Gefreiten Saleh und den Trägerführer Pesa mbili
der Befehl ausgegeben: „Morgen früh 6 Uhr ~safari~!“ Damit war
unsererseits so ziemlich alles getan, was getan werden konnte.
Neben dem Yaohäuptling Matola von Chingulungulu wird niemand mehr im
Lande genannt als sein erlauchter Kollege, der Yaohäuptling Nakaam von
Chiwata auf der Nordweststrecke des Makondeplateaus. An der Küste,
unter den Europäern ist man sich nicht einig, wer von ihnen der größere
und bedeutendere sei; hier im Innern indes scheint es, als ob Matola
sich eines weit größeren Ansehens der Leute erfreut als der Herrscher
von Chiwata. Trotzdem hielt ich es für unumgänglich nötig, auch ihm
und seinen Untertanen einen Besuch abzustatten. Eine festgebundene
Marschroute besteht in meinem Reiseplan überhaupt nicht, sondern ich
habe mir vorbehalten, stets das auszuführen, was unter den betreffenden
Orts- und Zeitverhältnissen als am günstigsten erscheint. Ich muß
mir in diesem Augenblicke freilich sagen, daß ich in Massassi wohl
einen ganz hübschen Einblick in die materielle, die äußere Kultur
seiner Bewohner gewonnen habe, daß mir aber unter der Ungunst der
geschilderten Verhältnisse der zweifellos ebenso interessante Einblick
in den andern Teil des Kulturbesitzes, in die Sitten und Gebräuche und
die Anschauungen der Schwarzen über dies und das, in einem unerwünscht
hohen Grade entgangen ist. Doch auch da hat Nils Knudsen rasch einen
wirksamen Trost zur Hand. „Was wollen Sie, Herr Professor?“ sagt
er. „Die Leute hier sind ja doch eine schrecklich zusammen- und
durcheinandergewürfelte Gesellschaft, bei der alles Ursprüngliche
verwischt und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen worden ist;
verlieren Sie hier in dem greulichen Massassi doch keine Zeit mehr,
sondern kommen Sie mit nach Chingulungulu; Sie können gar nicht ahnen,
wie schön es dort ist.“
Der frühe Morgen des 31. Juli hat mir eine wundervolle geographische
Überraschung gebracht. Die Barrabarra verläuft, wie ich schon einmal
bemerkt habe, im Massassibezirk unmittelbar am Ostfuße der großen
Inselbergkette. Dieser Fuß ist immerhin ziemlich erheblich mit
Verwitterungsprodukten der großen Gneiskuppen aufgefüllt, so daß
die Straße einen weiten Ausblick in die Ebene nach Osten und Süden
gewährt. In die Ebene? Ein Meer ist es, was sich da vor unseren Augen
ausbreitet, ein weißes, unendlich weites Meer, und ein an Inseln
reich gesegnetes. Hier ein Eiland und dort ein anderes, und dahinten
am verschwimmenden Horizont gleich ganze Archipele. Ziemlich hart am
Strande dieses Ozeans wandert der lange Zug der Karawane dahin; auch
wir befinden uns demnach wohl auf den Rändern einer solchen Insel.
Und so ist’s. Es ist eben nur ein Nebelmeer, was sich da heute vor
unseren Augen ausbreitet und über dessen Spiegel die unabsehbare Schar
der Inselberge regellos die zackigen Häupter erhebt. Gleichzeitig ist
dieses vor dem aufsteigenden Tagesgestirn rasch vergehende Gebilde ein
wunderbarer Spiegel einer weitentlegenen Vergangenheit. So und nicht
anders muß diese Gegend ausgesehen haben -- einmal oder mehrfach, wer
vermag das zu sagen --, wenn die blauen Wogen uralter Ozeane dort
rollten, wo jetzt der blaue Rauch niederer Negerhütten zum Himmel
aufsteigt.
Unser erstes Tagesziel war Mwiti. Nach der Einzeichnung auf der Karte
zu urteilen, mußten wir eine stattliche Negersiedelung erwarten.
Unmittelbar vor der Missionsstation Massassi biegt der Weg nach
Mwiti rechts von der Küstenstraße ab. Ich lasse halten; die Kolonne
schließt auf. „~Wapagasi kwa Lindi~, die Träger für Lindi!“ rufe
ich laut in den frischen Morgen hinein. Wie ein Schiff der Wüste
pendelt ein baumlanger Träger heran. Es ist Kofia tule, der älteste
und gleichzeitig auch der längste meiner Träger, ein Mnyamwesi von
ausgesprochenstem Massaitypus. Sein Name verursachte mir in der
ersten Zeit unseres Zusammenwirkens manches Kopfzerbrechen. Daß Kofia
Mütze hieß, wußte ich, aber auf den Gedanken, im Wörterbuch nach der
Bedeutung des Wortes tule nachzusehen, kam ich merkwürdigerweise nicht;
zudem nahm ich an, es sei ein Kinyamwesi-Wort. Daß es was Drolliges
sein mußte, konnte ich mit einiger Sicherheit dem allgemeinen Gelächter
der anderen entnehmen, sooft ich mich von neuem nach dem Sinn dieses
Namens erkundigte. Schließlich haben wir es herausgebracht: Kofia tule
heißt niedrige Mütze. Das ist an sich schon ein seltsamer Name für
einen Menschen; als Bezeichnung für diesen schwarzen Übermenschen mit
dem unglaublich unintelligenten Gesicht wirkt er doppelt lächerlich.
[Illustration: Lager in Mwiti.]
Also Kofia tule tritt langsam heran; hinter ihm ein halbes Dutzend
weitere Wanyamwesi und mehrere Söhne des Landes selbst, die ich zur
Fortschaffung der Lasten als Hilfsträger gedungen habe. Kofia tule
soll sie alle als Mnyampara nach Lindi hinunterführen, allwo meine
Sammlungsgegenstände in den Kellerräumen des Bezirksamtes bis zu
meiner eigenen Rückkehr an die Küste lagern sollen. Er bekommt noch
einmal meine Instruktion; dann kommandiere ich: „Ihr hier, ihr geht
links; wir anderen gehen rechts. Los!“ Die Marschordnung will heute
noch nicht so recht funktionieren; doch schließlich ist alles wieder
in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick nach Norden hinüber lehrt
uns, daß auch Kofia tule mit seinen Getreuen das richtige Safaritempo
angeschlagen hat; da tauchen wir auch schon im unbesiedelten,
jungfräulichen Pori unter.
Der Marsch in diesem lichten Urwald hat etwas Monotones, Ermüdendes an
sich. Es geht bereits stark auf Mittag; schläfrig sitze ich auf meinem
Maultier. Da, was ist das? Ein paar schwarze Gestalten, das Gewehr
schußfertig in der Hand, lugen vorsichtig um die nächste Waldecke
herum. Sind das Wangoni? -- --
Seit Tagen schon umschwirren uns Gerüchte von einem Überfall, den
Schabruma, der berühmte Wangoniführer im letzten Aufstand und der
einzige Gegner, den wir auch bis heute noch nicht untergekriegt
haben, gerade auf diese Gegend plant; er soll es auf Nakaam abgesehen
haben. Gerade will ich mich nach meinem gewehrtragenden Boy umsehen,
um mich in einen etwas verteidigungsfähigeren Zustand zu versetzen,
da erschallt von hinten aus einem Dutzend Kehlen der Freudenruf:
„Briefträger!“ Ich hatte bis dahin noch keine Erfahrung über den
Betrieb unserer deutschen Reichspost im dicksten Afrika; nunmehr
weiß ich, daß dieser Betrieb direkt mustergültig, wenn auch für die
Unternehmerin keineswegs lukrativ ist; es mag wie eine Hyperbel
klingen, entspricht aber trotzdem der Wahrheit, daß dem Adressaten
jede Postsendung, und sei es eine einsame Ansichtskarte, unverzüglich
zugestellt wird, ganz gleich, wo er sich im Bestellbezirk befinde.
Für die schwarzen Stephansjünger oder Krätkemänner, wie man die
schwarzen Läufer wohl zeitgemäßer nennen muß, erstehen damit ganz
andere Bestellgänge als für unsere heimischen Beamten mit ihren wenigen
Meilen am Tage. Briefe und Drucksachen in eine wasserundurchlässige
Umhüllung von Ölpapier und Wachstuch verpackt, das Vorderladegewehr
stolz geschultert, so zieht der Bote seines Wegs dahin; er legt ganz
ungeheure Entfernungen zurück, Strecken, welche die einer gewöhnlichen
Karawane oft um das Doppelte übertreffen sollen. Führt der Weg durch
unsichere Gebiete, wo Löwen, Leoparden und feindliche Menschen den
einzelnen gefährden können, so wächst der friedliche Botengang sich zu
einer richtigen Patrouille aus, denn dann marschieren die Männer zu
zweien.
Rasch sind die beiden schwarzen Gestalten herangekommen; stramm und
exakt nehmen sie Gewehr bei Fuß und melden ganz ordnungsgemäß: Briefe
von Lindi für den Bwana kubwa und den Bwana mdogo, für den großen Herrn
und den kleinen Herrn. Solange der kaiserliche Bezirksamtmann Herr
Ewerbeck bei uns weilte, war die Abstufung für die Neger nicht leicht
gewesen; ich galt bei ihnen ja als ein neuer Hauptmann, und den konnten
sie doch unmöglich als den Bwana mdogo bezeichnen. Jetzt aber sind sie
aus aller Not; wir sind nur noch zwei Europäer, von denen ich einmal
der ältere, sodann auch der Expeditionsführer bin; somit steht dieser
im ganzen Osten üblichen Rangabstufung kein Hindernis mehr im Wege.
Es ist bereits weit über Mittag geworden; die vordem flachwellige
Ebene hat längst einem starkzerschnittenen Hügelgelände Platz
gemacht; silberklare Bäche kreuzen alle Augenblicke in senkrecht
eingeschnittenen, für mein Reittier und die schwerbepackten Träger
nur schwierig zu passierenden Schluchten unseren Weg. Die Vegetation
ist dichter und grüner geworden; aber auch um so heißer und stickiger
ist jetzt die Glut gerade in jenen schmalen Tälern. Trotzdem ist die
Anhänglichkeit an die Heimat, an Weib und Kinder größer als die Sorge
um die Fährlichkeiten des Weges; unbekümmert um die hundert starken
Baumstämme, die sich quer über den schmalen Negerpfad gelegt haben,
nicht achtend aus Dornen und Busch, versuche ich im Sattel meines träge
dahinziehenden Maultiers den Inhalt der reichen Post zu genießen.
Weit voran marschiert der Führer. Es ist Salim Matola, der schlanke
Allerweltskünstler, den ich tags zuvor seiner zahllosen Tugenden wegen
durch einen festen Kontrakt an meine Person gekettet habe; er ist
feierlich und vor versammeltem Volk zu meinem Hof- und Leibsammler
ernannt worden. Vollkommen konsequent hat er diese Tätigkeit damit
zu beginnen versucht, daß er sogleich einen stattlichen Vorschuß
erheischte. Ländlich sittlich. Leider zieht so etwas bei mir längst
nicht mehr, dazu bin ich doch schon zu afrikaerfahren. „Zeig erst
einmal, was du kannst,“ heißt es da recht kühl meinerseits, „dann
kannst du nach einigen Wochen wiederkommen; und nun geh, aber etwas
plötzlich!“
Salim hat geschworen, den Weg ganz genau zu kennen; die Karte ist
hier etwas unzuverlässig; nach unserer Berechnung müßten wir längst
in Mwiti sein. Mit einem plötzlichen Entschluß hämmere ich meinem im
schönsten Träumen dahinpendelnden Maultier die Absätze in die Weichen,
so daß es erschreckt einen kurzen Galopp anschlägt, und sprenge zu
dem mit langen Schritten weit voraneilenden Führer vor. „~Mwiti
wapi?~ Wo liegt Mwiti?“ herrsche ich ihn an. „~Si jui, bwana~,
ich weiß es nicht, Herr“, kommt es jetzt ziemlich kläglich aus dem
Munde meines Vertrauten. „~Simameni~, das Ganze halt!“ brülle
ich, so laut ich kann, zurück. Großes Schauri. Von meinen Trägern
ist keiner landeskundig; auch von den Askari und ihren Boys scheint
keiner mit diesem durchschnittenen Gebiet vertraut zu sein. Ergebnis
also: Marschieren nach der Karte, das heißt für uns kurz, aber wenig
erfreulich: Das Ganze kehrt, marsch zurück bis zum Mwitibach und diesen
aufwärts, bis wir an das gleichnamige Nest selbst kommen. Ziemlich
spät am Nachmittag haben wir auch endlich das immer sehnsüchtiger
herbeigewünschte Ziel erreicht. Salim Matola aber brachte mir jetzt
unter Protest ein halbes Rupienstück zurück, von dem er behauptete,
es sei „schlecht“. Es war nun keineswegs schlecht, sondern lediglich
das Kaiserbildnis war ein ganz klein wenig verletzt. Des jungen Mannes
Abgang ist in diesem Fall nicht gerade sehr langsam gewesen. Was doch
ein energischer Griff nach dem Kiboko, der Nilpferdpeitsche, für Wunder
tut! Aber so ist der Neger nun einmal.
Afrika ist der Erdteil der Gegensätze. In Massassi mit seiner Höhenlage
zwischen 400 und 500 Meter war es im allgemeinen ganz angenehm kühl
gewesen; die Niederung zwischen den Inselbergen und dem Makondeplateau
hatte uns beim Durchmarsch halb gebraten; in Mwiti hätte man gerne
einen recht dicken Pelz gehabt, so rauh und schneidend kalt fegt von
Sonnenuntergang an ein sturmartiger Wind von dem kühlen Hochland mit
seinem Luftdruckmaximum hinunter in die soeben noch sonnendurchglühte
Ebene mit ihren stark aufgelockerten Luftschichten. Und gerade unser
Lagerplatz war ein Windfang sondergleichen. Mit geradezu verblüffendem
strategischem Scharfblick hat Nakaam als Bauplatz für sein hiesiges
Palais die Nase eines langgestreckten Höhenzuges gewählt, der ganz
steil auf drei Seiten zu einer scharfen Schleife des Mwitiflusses
abfällt; nur nach Süden zu besteht ein bequemer Zugang. Wenn ich sage
Palais, so ist das wirklich nicht übertrieben. Nakaam steht nicht nur
im Ruf, der geriebenste aller Neger des Südens zu sein, sondern er muß
auch für Negerverhältnisse ganz beträchtliche Barmittel besitzen, denn
sonst hätte er sich doch kaum einen bewährten Küstenbaumeister leisten
können. Der hat nun ein wahrhaft stolzes Haus mit vielen Zimmern unter
einem steilen, hohen Dach errichtet. Die Zimmer sind nicht einmal
dunkel, sondern besitzen wirkliche Fensteröffnungen. Wo sich aber der
Harem des Negergewaltigen befindet, da sind diese Fensteröffnungen
durch Jalousien verschließbar. Die Krone endlich hat der Baumeister
seinem Werk dadurch aufgesetzt, daß er alles Holzwerk im typischen
Küstenstil mit Kerbschnittarabesken verziert hat. Verwundert mustere
ich von meinem Liegestuhl aus, in den ich mich ermüdet geworfen habe,
die von breiter Veranda überschattete Fassade des in seiner Umgebung
doppelt merkwürdigen Gebäudes. Mit einem Male reißt’s mich nach
oben; über das Gewirr der Reisekisten und Blechkoffer, die von den
Trägern soeben unter der Veranda niedergelegt worden sind, springe ich
hurtig an eins der Fenster. Ei, was muß ich sehen! Eine Swastika, ein
Hakenkreuz, das uralte Zeichen des Glücks, hier mitten im dunkeln
Erdteil! „Auch mir sollst du Glück bringen“, murmele ich halblaut,
doch immer noch höchst verwundert. In sauberer, aus Elfenbeinplättchen
gefertigter Einlegearbeit tritt mir in der Tat ein Gebilde entgegen,
das eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem bekannten Zeichen aufweist.
Unmittelbar nach unserer Ankunft haben wir einen Eilboten nach Chiwata
hinaufgeschickt mit dem Auftrage, Nakaam nach Mwiti einzuladen. Kaum
vier Stunden später ist der Häuptling angelangt. Eine meiner ersten
Fragen nach der üblichen würdevollen Begrüßung ist die nach Namen
und Bedeutung des merkwürdigen Elfenbeingebildes in seiner Hauswand
gewesen. Ich erwartete, den Ausdruck tiefster Symbolik zu vernehmen;
um so größer war meine Enttäuschung, als Herr Nakaam mir schlicht und
leichthin antwortete: „Nyota, ein Stern“. Die Swastika ist demnach hier
beim Neger des Innern zweifellos etwas Fremdes und Uneingebürgertes; im
vorliegenden Fall ist sie, wie auch das übrige Ornament, eine Einfuhr
des Küstenbaumeisters.
[Illustration: Jalousie mit Swastika an Nakaams Haus in Mwiti.]
In Mwiti sind wir anderthalb Tage und zwei Nächte verblieben. Für das
Wachstum meiner ethnographischen Sammlung ist dieser Aufenthalt sehr
wenig fruchtbar geworden, denn entweder hatte Nakaam wenig Einfluß auf
seine Untertanen, oder aber die Zahl dieser Untertanen kann nicht
übergroß sein. Beurteilen kann der flüchtig Durchreisende dies nicht,
denn das stark gebirgige Gelände läßt immer nur ein kleines Gebiet
übersehen. Bei der weitläufigen Wohnweise der hiesigen Stämme gibt das
kein Bild vom Ganzen.
Um so mannigfaltiger und interessanter sind auch hier wieder meine
psychologischen Beobachtungen gewesen. Nakaam selbst ist ein
sehr behäbiger, untersetzter Mann in mittleren Jahren, ganz nach
Suaheliweise in ein weißes Kansu, das hemdartige lange Obergewand,
gekleidet. Über seine Stammeszugehörigkeit war ich bereits vorher
unterrichtet worden; die bierfröhlichen Männer von Massassi hatten mir
mit hämischem Grinsen erzählt, Nakaam gebe sich zwar aus Eitelkeit für
einen Yao aus, er sei aber in Wirklichkeit doch „nur“ ein Makua.
Abends saßen Nakaam, Knudsen und ich unter der Veranda beim traulichen
Schein der Tippelskirchlampe, deren lichtspendende Tätigkeit heute
allerdings mehr als je gefährdet war. Wohl hatten wir alle verfügbaren
Decken und Matten an der Windseite als Schutz anbringen lassen, aber
dennoch verlöschte das Licht unter den Böen des vom steilen Plateaukamm
herniederbrausenden Sturmes mehr als einmal. Mit Würde hat Nakaam
zwei Flaschen sogenannten Yumbenkognaks, die sich in meinen Vorräten
befinden, entgegengenommen. Die Unterhaltung hat sich bis jetzt um
Chiwata, seine Lage, seine Bevölkerungszahl, deren Stammeszugehörigkeit
und ähnliches gedreht. Wir haben festgestellt, daß Nakaams Untertanen
vorwaltend Wayao sind. „Und du,“ fahre ich fort, „bist du auch ein
Yao?“ „~Ndio~, jawohl“, klingt es sehr überzeugungsfest zurück.
„Ja aber,“ kann ich mich nicht enthalten ihm zu erwidern, „alle Männer
hier im Lande sagen, du seiest kein Yao, sondern ein Makua.“ Der Neger
kann leider nicht rot werden, es wäre sonst zweifellos sehr interessant
gewesen, festzustellen, ob auch dieser edle Vertreter jener Rasse
diesem Reflex unterworfen war. So krümmte er sich eine Weile, und dann
kam es in einem unnachahmlichen Tonfall heraus: „Vor ganz langer Zeit,
da bin ich freilich einmal ein Makua gewesen, aber jetzt bin ich schon
lange, lange ein Yao.“