erfolgt zu sein. Gewiß, ich gönne den würdigen Hausvätern nach der
schweren Arbeit der Ernte ihren Bürgertrunk von Herzen, nur will es
mir nicht so recht behagen, daß meine Studien unter dieser ewigen
Fröhlichkeit leiden sollen. Eine größere Anzahl von Erwachsenen ist
überhaupt nicht zusammenzutrommeln, um sich von mir auf ihr Volkstum,
ihre Sitten und Gebräuche auspressen zu lassen; die wenigen aber, die
es mit ihrer Zeit und ihren Neigungen vereinbaren können, sich für
kurze Zeit von ihrem ambulanten Kneipleben zu trennen, sind sehr wenig
geneigt, es mit der Wahrheit genau zu nehmen. Selbst als ich neulich
eine Schar dieser wackeren Zecher herbestellt hatte, um mir ihre
Flechttechnik anzusehen, hatte das seine Schwierigkeiten; die Männer
flochten mir zwar was vor, aber zu langen Auseinandersetzungen über die
einheimischen Namen der Materialien und des Geräts waren sie unmöglich
zu gebrauchen; ihr Morgentrunk war zu ausgiebig gewesen.
Die Sitte afrikanischer Völker, nach reichlicher Ernte einen Teil
der Körnerfrüchte in Bier umzuwandeln und in dieser Form rasch und
in großen Massen zu vertilgen, ist bekannt; sie vor allen Dingen hat
wohl zur Stärkung jener Ansicht beigetragen, nach der der Schwarze
im Besitz des Überflusses alles vertut und verpraßt, um nachher zu
darben und zu hungern. Ein Fünkchen oder vielleicht gar ein ziemlich
großer Funken göttlichen Leichtsinns läßt sich unserem schwarzen
Freunde allerdings nicht absprechen, aber man darf ihn doch noch
nicht auf ein einziges Indizium hin verurteilen. Ich habe vorhin
schon betont, wie ungemein schwierig es für den schwarzen Ackerbauer
ist, sein Saatgut zu überwintern. Noch viel schwieriger würde es für
ihn sein, die ungleich größere Menge der zum Lebensunterhalt der
Familie bestimmten Erntevorräte über einen großen Teil des Jahres hin
genießbar aufzubewahren. Daß er es versucht, bezeugen die zahlreichen
Vorratsbehälter bei jedem größeren Gehöft; daß es ihm nicht immer
gelingt und daß er daher vorzieht, diesen dem Verderben ausgesetzten
Teil seiner Ernte in einer Weise anzulegen, die das Nützliche mit dem
Angenehmen verbindet, indem er ihn in der Form seines ganz annehmbaren
Bieres vertilgt, beweisen dagegen die bei aller Fröhlichkeit doch
harmlosen Früh- und Abendsitzungen. Sie weichen übrigens von unserem
europäischen Schankbetrieb insofern ab, als sie reihum gehen; es kommt
jeder als Wirt an die Reihe, und jeder ist auch Gast; im ganzen eine
herrliche Einrichtung.
[Illustration: Marschbereit vor Massassi.]
Der gelinde chronische Alkoholdusel der Männerwelt ist es nicht
allein, was mir Schwierigkeiten bereitet. Zunächst die Not mit dem
Photographieren. Im fernen Europa ist man froh, wenn die liebe Sonne
dem Amateur das Handwerk erleichtert; und meint sie es ein wenig zu
gut, nun, so hat man hohe, dichtbelaubte Bäume, grünendes Buschwerk,
hochragende schattige Häuser. Nichts von alledem in Afrika. Zwar hat
man Bäume, aber sie sind weder hoch, noch schattig; Büsche, aber sie
sind nicht grün; Häuser, aber sie sind im besten Fall höchstens von
doppelter Mannshöhe, und dann auch nur in der Firstlinie. Dazu der
unheimlich hohe Sonnenstand schon von 9 Uhr morgens an und bis über
3 Uhr nachmittags hinaus, und eine Lichtstärke, von der man sich am
besten dann einen Begriff machen kann, wenn man einmal versucht,
die Hautfarben der Neger an der Hand der Luschanschen Farbentafel
festzustellen. Nichts als Licht und Glast hier, nichts als schwarzer,
tiefer Schatten dort. Und dabei soll man weiche, stimmungsvolle Bilder
machen! Herr, lehre mich diese Kunst, und ich will dir danken ewiglich.
[Illustration: Rattenfalle.]
Auch das Thema Dunkelkammer ist wenig erbaulich. Die deutsche Regierung
ist fürsorglich; sie baut, um Hungersnöten unter den Eingeborenen
vorzubeugen, wohl mehr aber noch, um in einem etwaigen neuen Aufstande
von der Landesbevölkerung unabhängig zu sein, in der Boma von Massassi
augenblicklich ein stolzes Haus. Es ist der einzige Steinbau im ganzen
Lande und bis zur Küste hin, nur einstöckig zwar, aber mit starken,
nur von engen, schießschartenartigen Löchern durchbrochenen Mauern und
festem, flachem Lehmdach. In diesem Architekturwunder lagern schon
jetzt ungezählte Säcke mit Hirse neuer Ernte und Berge roher Baumwolle.
Ich habe mir beides zunutze gemacht: mit der Baumwolle habe ich die
Luftlöcher verstopft, auf den Säcken aber sitze ich; auf ihnen ruht
gleichzeitig mein Dunkelkammer-Arbeitstisch. Dieser war bis jetzt der
wesentliche Bestandteil einer Baumwollpresse, die draußen auf dem
Hofe einsam über ein verfehltes Dasein dahintrauert. Den Türverschluß
endlich habe ich durch eine Kombination dicker, von meinen Trägern
gefertigter Strohwände und einiger meiner Schlafdecken hergestellt.
Dergestalt kann ich zur Not sogar am Tage entwickeln, nur herrscht
schon jetzt, nach so kurzer Tätigkeit, eine erstickende Atmosphäre in
dem auch sonst wenig anheimelnden Raum. Gerne entrinne ich ihm daher,
um mich neuen Taten zuzuwenden.
Diese sind denn auch wirklich von viel ansprechenderer Natur. Bei einem
meiner ersten Bummel bin ich inmitten einer Schambe auf ein zierliches
Etwas gestoßen, das mir als ~Tego ya ngunda~, als Taubenfalle
bezeichnet wird; ein System von Stäbchen, Bügeln und feinen Schnüren,
von denen einer mit einem kräftigen, starkgekrümmten Bügel verbunden
ist. Mich interessiert von Jugend auf alles Technische, um wieviel mehr
hier, wo wir in frühere Entwicklungsphasen des menschlichen Intellekts
tiefe Einblicke zu tun die beste Gelegenheit haben. Also daheim
Appell aller meiner Leute und möglichst zahlreicher Eingeborener, und
Ansprache an alles versammelte Volk des Inhalts, daß der Msungu ein
großes Gewicht darauf legt, alle Arten von Fallen für alle Arten von
Tieren zu sehen und zu besitzen. Versprechen recht annehmbarer Preise
bei Lieferung authentischer, guter Stücke und zum Schluß die höfliche,
aber bestimmte Aufforderung: „~Nendeni na tengeneseni sasa~, nun
geht los und baut eure Dinger zusammen.“
Wie sind sie geeilt an jenem Tage, und wie eifrig sind alle meine
Mannen seitdem Tag für Tag an der Arbeit! Ich habe meine Träger bisher
für lauter Wanyamwesi gehalten; jetzt ersehe ich an der Hand der
Kommentare, die mir jeder einzelne zu seinem Kunstwerk geben muß, daß
sich unter meinen 30 Mann eine ganze Reihe von Völkerschaften verbirgt.
Zwar das Gros sind Wanyamwesi, doch daneben gibt es Wassukuma und
Manyema und sogar einen echten Mgoni von Runssewe, also einen Vertreter
jenes tapfern Kaffernvolkes, das vor einigen Jahrzehnten vom fernen
Südafrika bis ins heutige Deutsch-Ostafrika vorgedrungen ist und dabei
eine seiner Gruppen, eben diese Runssewe-Wangoni, bis weit oben an die
Südwestecke des Viktoria-Nyansa vorgeschickt hat. Und nun meine Askari
erst! Es sind zwar nur 13 Mann, aber sie gehören nicht weniger als
einem Dutzend verschiedener Völkerschaften an, vom fernen Darfor im
ägyptischen Sudan bis zu den Yao in Portugiesisch-Ostafrika. Und alle
diese Getreuen zermartern ihr Gehirn und üben in Busch und Feld von
neuem die Künste ihres Knaben- und Jünglingsalters, und dann kommen sie
heran und errichten auf dem weiten, sonnigen Platz neben meinem Palais
die Früchte ihrer schweren Geistesarbeit.
[Illustration: Antilopenfalle.]
Der typische Ackerbauer steht in der Literatur als Jäger und
Fallensteller nicht hoch im Kurse; sein bißchen Geist soll durch die
Sorge um sein Feld völlig absorbiert werden; nur Völker vom Schlage des
Buschmanns, des Pygmäen und des Australiers hält unsere Schulweisheit
für fähig, das flüchtige Wild in Wald und Steppe mit Geschick zu
erlegen und mit List und Geistesschärfe in schlau ersonnener Falle zur
Strecke zu bringen. Und doch, wie weit schießt auch diese Lehrmeinung
am Ziel vorbei! Freilich, unter den Völkern meines Gebietes gelten
die Makua sogar als gute Jäger; dabei sind sie in der Hauptsache
genau wie die anderen Völker typische Hackbauern, d. h. Leute, die
ihre mühselig urbar gemachten Felder Jahr für Jahr unverdrossen mit
der Hacke beackern. Sind ihre Tierfallen nicht trotz alledem Beweise
eines geradezu bewunderungswürdigen Scharfsinns? Ich gebe einige
meiner Skizzen als Belege bei; die Konstruktion der Fallen und die
Art ihrer Wirksamkeit ergibt sich aus der Zeichnung von selbst. Wer
aber der Kunst technischen Sehens gänzlich ermangeln sollte, für den
füge ich bei, daß alle diese Mordinstrumente auf folgendes Prinzip
hinauslaufen: entweder die Falle ist für einen Vierfüßer bestimmt;
dann ist sie so eingerichtet, daß das Tier beim Vorwärtsschreiten oder
-laufen mit der Nase gegen ein feines Netz oder mit dem Fuß gegen eine
feine Schnur stößt. Netz und Schnur werden dadurch vorwärts gedrückt;
jenes gleitet mit seinem oberen Rande nach unten, das Ende der Schnur
hingegen bewegt sich etwas seitwärts. In beiden Fällen wird durch diese
Gleitbewegung das Ende eines kleinen Hebels frei, eines Holzstäbchens,
das in einer in der Zeichnung klar ersichtlichen Weise die Falle bisher
gespannt erhalten hat. Es schlägt jetzt blitzschnell um sein Widerlager
herum, bewegt von der Spannkraft eines Baumes oder eines sonstwie
angebrachten Bügels. Dieser schnellt nach oben und zieht dabei eine
geschickt angebrachte Schlinge zu; das Tier ist gefangen und stirbt
eines qualvollen Erstickungstodes. Ratten und ähnlich lieblichem Getier
geht der schwarze Fallensteller zwar nach ähnlichen Prinzipien, doch
noch grausamer zu Leibe, und leider stellt er auch den Vögeln mit
gleicher Gerissenheit nach. Vielleicht finde ich später noch einmal
Gelegenheit, auf diese Seite des hiesigen Völkerlebens zurückzukommen;
verdient hat sie es, denn auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich
die Erfindungsgabe auch des primitiven Geistes so schön und deutlich
ausgeprägt wie in dieser Art des Kampfes ums Dasein.
Psychologisch interessant ist das Verhalten der Eingeborenen
gegenüber meiner eigenen Tätigkeit bei der Lösung dieses Teils meiner
Forschungsaufgabe. Wenn wir beiden Europäer unser karges Mittagsmahl
verzehrt haben, Nils Knudsen sich zum wohlverdienten Schlummer
niedergelegt hat und das Geschnarch meiner Krieger zwar rhythmisch,
aber nicht harmonisch aus der Barasa herübertönt, dann sitze ich im
sengenden Sonnenbrand, dem schattenlosen Schlemihl gleich, und nur
kümmerlich geschützt durch den größeren meiner beiden Tropenhelme
draußen auf dem Aufstellungsplatz meiner Tierfallen und zeichne.
Bis in mein 30. Lebensjahr habe ich zum Spott für alle meine in
dieser Hinsicht recht begabten Verwandten als talentlos gegolten;
da „entdeckte“ ich mich als königlich preußischer Hilfsarbeiter
im Berliner Museum für Völkerkunde eines schönen Tags selbst, und
wenn einer meiner Freunde mich dereinst einer Biographie für würdig
erachten sollte, so mag er nur ruhig betonen, daß mir in meiner
wissenschaftlichen Entwicklungszeit meine bescheidenen zeichnerischen
Leistungen eigentlich mehr Freude und Genugtuung bereitet haben als die
schriftstellerischen. Für den ethnographischen Forschungsreisenden ist
die Fähigkeit, von welchem Forschungsobjekt es auch immer sei, eine
genaue Skizze rasch und mit wenigen Strichen entwerfen zu können, eine
Zugabe, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Photographie
ist gewiß eine wunderbare Erfindung, im Kleinkram der täglichen
Forschungsarbeit versagt sie indessen häufiger als man glaubt, und
nicht nur im Dunkel der Negerhütte, sondern auch bei tausend anderen
Sachen in heller Luft.
[Illustration: Perlhuhnfalle.]
[Illustration: Falle für Großwild.]
Also ich sitze und zeichne. Kein Lüftchen regt sich; die ganze
Natur scheint zu schlafen. Auch mir wird die Feder müde, da höre
ich unmittelbar hinter meinem Rücken Geräusch. Ein flüchtiger Blick
lehrt mich, daß das Moment allgemein menschlicher Neugier selbst die
Urkraft negroider Faulheit überwunden hat. Meine Träger sind’s, ein
ganzer Haufen; auch Eingeborene dabei. Sie müssen leise herangetreten
sein, was auf dem weichen Sandboden und bei dem Mangel an Schuhen
nicht befremdlich ist. Gespannt schaut die enggedrängte Schar
über meine Schulter hinweg ins Skizzenbuch. Ich lasse mich nicht
stören; Strich folgt auf Strich; das Werk nähert sich seinem Ende;
schließlich ist es fertig. „~Sawasawa?~“ (wörtlich: „gleich?“,
hier etwa in dem Sinn: „Na, ist das Ding denn getroffen?“) frage ich
gespannt zurück. „~Ndio~, jawohl“, ertönt es mir unverzüglich
und mit einer Begeisterung in die Ohren, daß die Trommelfelle platzen
möchten. „~Kisuri?~ Ist es schön?“ „~Kisuri sana kabissa~,
ausgezeichnet!“ gellt es noch stärker und begeisterter in meine
Hörorgane. „~Wewe Fundi~, du bist ein Meister.“ Es sind meine
Kunstverständigen, die ausübenden Künstler selbst, die hier in für
mich so schmeichelhafter Art das Richteramt üben; die paar Schensi,
die unbeleckten, von der Muse ungeküßten, die nicht zum Kreis meiner
Künstler gehören, haben nur als Herdenvieh mitgebrüllt.
Und nun kommt der Versuch einer Nutzanwendung. Ich erhebe mich von
meinem Stühlchen, stelle mich in Positur und lege meinen Kunstjüngern
nahe, da sie nun sähen, wie ich, der Fundi, eine solche Falle
zeichne, so wäre es angezeigt, daß nun doch auch sie sich einmal an
einem solchen schwierigeren Gegenstand versuchten; immer bloß ihre
Freunde abzumalen, oder aber Bäume und Häuser und die Tiere, das sei
langweilig; außerdem seien sie doch so kluge Kerle, daß ihnen eine
solche Vogelfalle kaum Schwierigkeiten bieten würde. Ich habe auf
den Ausdruck verschämter Verlegenheit, wie er mir beim Beginn meiner
Studien in Lindi entgegentrat, schon einmal hingewiesen; hier kam er
noch verstärkter und auch allgemeiner zum Ausdruck. Ich habe dabei das
bestimmte Gefühl gehabt, daß den Leuten jetzt zum erstenmal der Begriff
dessen klar wurde, was wir Perspektive nennen. In ihren Gegenreden
und Gebärden suchten sie sichtlich etwas Derartiges auszudrücken,
sie verfolgten mit den Fingern die merkwürdig verkürzten Kurven, die
doch in Wirklichkeit Kreisbögen waren, kurz sie standen etwas Neuem,
vorher nie Gekanntem und Geahntem gegenüber, und das brachte ihnen
einesteils das Gefühl ihrer geistigen und künstlerischen Unterlegenheit
zum Bewußtsein, während es sie andererseits wie ein Magnet an mein
Skizzenbuch bannte. Bis jetzt hat noch keiner von ihnen sich an die
Wiedergabe einer solchen Tierfalle herangewagt.
Alle Afrikareisenden früherer Tage oder in weniger gut erschlossenen
Ländern, als Deutsch-Ostafrika es ist, haben durch nichts mehr zu
leiden gehabt als durch die Schwierigkeiten des Tauschverkehrs. Mit
wieviel Hunderten von Lasten der verschiedenartigsten Zeugstoffe, mit
wieviel Perlensorten ist noch ein Stanley zu seinen Entdeckertaten
ausgezogen; wie unsicher war es bei alledem, ob man gerade den
Geschmack der Eingeborenen seines Forschungsgebietes getroffen hatte;
und wie ungeheuer vergrößerte diese primitive Art des Geldes den Troß
jeder Expedition. Bei uns in Deutsch-Ostafrika mit seiner sooft zu
Unrecht angefeindeten Kolonialregierung reist der Weiße heute fast
ebenso bequem wie daheim im Mutterlande. Zwar sein Kreditbrief reicht
nur bis zur Küste; trägt sein Unternehmen jedoch wie das meinige
amtlichen Charakter, so ist jede Station und jeder Posten, der über
eine Regierungskasse verfügt, angewiesen, dem Reisenden unter Beachtung
sehr einfacher Formalitäten Kredit zu gewähren und ihn mit Barmitteln
auszustatten. Des Rätsels Lösung ist sehr einfach: unsere Rupienwährung
gilt nicht nur an der Küste, sondern zwingt auch alle Völker des
Innern, sich ihr wohl oder übel anzubequemen. Meine Operationsbasis
ist auch in finanzieller Hinsicht das Städtchen Lindi mit seinem
kaiserlichen Bezirksamt; von dort habe ich mir ein paar große Säcke mit
ganzen, halben und Viertelrupien und für den ersten Bedarf auch einige
Kisten mit Hellern mitgenommen. O dieser unglückliche Heller! Was wird
er, sein echt „afrikanischer“ Name und seine Einführung überhaupt von
den bösen, weißen Küstenmännern bespöttelt, und wie schlecht sind die
Witze, die über ihn gemacht werden! Der billigste ist noch der, daß
der gegenwärtige Zolldirektor in der Landeshauptstadt, der in der Tat
den Namen dieses bei uns längst veralteten Zahlmittels führt, bei
der ostafrikanischen Scheidemünze Gevatter gestanden habe. So viel
merke ich schon jetzt: den Eingeborenen geht es wie bei uns den alten
Leuten vor 30 Jahren; ebenso wie diese sich nicht an die Mark gewöhnen
konnten und ruhig mit dem guten, alten Taler weiterrechneten, so zählt
hier alles höchst despektierlich und illoyal nach Pesas weiter, der
alten Kupfermünze der vierundsechzigteiligen Rupie. Dies ist auch viel
einfacher und bequemer; ein Ei kostet einen Pesa, und damit basta.
Seinen Wert in Heller umzurechnen fällt niemandem ein.
Doch der Neger müßte nicht Neger sein, wenn er sich nicht trotz
alledem der Tätigkeit des Hellereinnehmens mit Begeisterung hingäbe.
Und sein Geschäft blüht jetzt! Es paßt zu dem Bilde des Diogenes wie
die Faust aufs Auge, wenn hinter dem laternenschwingenden Moritz der
Mgonimann Mambo sasa durch die sonnige Landschaft zieht, hoch oben auf
dem krauswolligen Haupte ein stattliches Gefäß mit gleißender Münze.
Es sind frisch in Berlin geprägte Kupferheller, mit denen ich die
Negerherzen zu betören ausziehe.
Nach langem, doch durchaus nicht langweiligem Ableuchten aller Salons
der Negerpaläste kehre ich, geblendet von der überhellen Tropensonne,
an das Tageslicht zurück; mit verständnisvollem Schmunzeln schleppt
meine Leibgarde -- das sind diejenigen meiner Leute, die immer um mich
sind und die mit der dem Natursohn eigenen Auffassungsgabe rasch
begriffen haben, worum es sich handelt -- einen Haufen Krimskrams
hinterher; mit gemischten Gefühlen, erwartungsvoll und zweifelnd
zugleich, folgen schließlich Hausherr und Hausfrau. Jetzt beginnt
das Feilschen. Einen kleinen Vorgeschmack hat der Ausreisende schon
in Neapel und Port Said, in Aden und Mombassa bekommen; hier spielt
sich das Verfahren nicht wesentlich anders ab. „~Kiassi gani?~
Was kostet der ganze Plunder?“ fragt man so leichthin, mit einer
summarischen Handbewegung den ganzen Haufen umschließend. Diesem
Verfahren steht der glückliche Besitzer jener Kostbarkeiten gänzlich
ohne Verständnis gegenüber; er sperrt Mund und Nase weit auf und
schweigt. So geht’s also nicht; diese abgekürzte Methode wäre auch vom
wissenschaftlichen Standpunkt aus zu verwerfen. „~Nini hii?~ Was
ist das?“ Und ich halte ihm irgendeins der Stücke unter die Augen. Dies
erst ist der richtige Weg. Jetzt öffnet sich der vordem so schweigsame
Mund, und nun heißt es sich schnell auf die Kollegbank der seligen
Fuchsenzeit zurückversetzt denken und eifrigst nachschreiben, was zur
Abwechselung einmal nicht aus dem Munde hochwohlweiser Professoren auf
das Auditorium herniederplätschert, sondern dem prachtvollen Zahngehege
eines ganz unbeleckten Schensi entströmt. Und wenn ich dann alles weiß,
den Zweck, den Namen, die Herstellungsart und die Wirkungsweise, dann
endlich ist auch der Schwarze geneigt und imstande, den Einzelpreis zu
fixieren. Bis jetzt habe ich dabei zwei Extreme feststellen können:
die eine Kategorie der Verkäufer fordert ohne Rücksicht auf die Art
des Verkaufsobjektes ganze Rupien, ~Rupia tatu~ oder ~Rupia
nne~, 3 oder 4 Rupien; die andere verlangt ebenso konsequent den
Einheitspreis eines Sumni. Dieser Sumni ist im hiesigen Sprachgebrauch
der vierte Teil einer Rupie, gilt also 33⅓ Pfennig. In der Währung
Ostafrikas ist er ein bildhübsches, zierliches Silberstück von etwas
kleinerer Größe als unsere halbe Mark. Vielleicht ist es diese
Handlichkeit, verbunden mit dem ungebrochenen Glanz gerade meiner
funkelnagelneuen Stücke, was dieser Münze seine Bevorzugung sichert.
Eins muß man der hiesigen Bevölkerung im Gegensatz zu der Schwefelbande
von Neapel, Port Said und Aden nachrühmen: keiner von ihnen zetert und
jammert, wenn wir ihm statt des geforderten Talers den zwanzigsten oder
zehnten Teil bieten. In voller Gemütsruhe geht der Neger in seiner
Forderung nach und nach bis zu einer billigen Einigung herunter, oder
aber er sagt gleich beim ersten Gegenangebot: „~Lete~, gib’s her.“
In diesem Augenblick beginnt dann die Glanzrolle des Knaben Moritz und
meines Hellertopfes. Mit raschem Griff hat der Boy das Gefäß vom Haupte
seines Freundes Mambo sasa heruntergeholt; mit Kennerblick mustert er
den Kassenbestand, und dann zahlt er aus mit der Würde, wenn auch nicht
mit der Geschwindigkeit des Kassierers einer großen Bank.
So oder ähnlich spielt sich das Handelsgeschäft auch um die übrigen
Stücke ab. Es ist viel zeitraubender als mir lieb ist, jedoch nicht
zu umgehen. Schließlich ist auch das letzte Stück erhandelt; mit der
staunenswerten Geschicklichkeit, die ich an meinen Trägern sooft
bewundere, haben diese die Beute im Handumdrehen zu großen Bündeln
verschnürt; noch ein prüfender Rundblick nach photographischen
Motiven, ein anderer Blick nach dem ob seines Reichtums schmunzelnden
Hausbesitzer; dann ein kräftiges „~Kwa heri~, leb’ wohl“, und
Laterne samt Hellertopf ziehen weiter.
Bei uns im alten Uleia haben Fürstensöhne im allgemeinen nicht viel
Muße; sie müssen viel oder zum mindesten doch vielerlei erlernen und
sind deshalb in ihrer Jugend stark angespannt. O wie anders und um
wieviel besser hat es da mein edler Prinz Salim Matola! Kaum hatten
wir uns hier in Massassi etwas menschlich eingerichtet, da erschien
die junge Hoheit schon auf dem Plane; ein überschlanker, sehr
langgewachsener Jüngling von 17 bis 18 Jahren; nach der Sitte des
Landes sehr vornehm mit einer europäischen Weste bekleidet und sehr
zutraulich. Salim ist seither kaum von mir gewichen; er kann alles,
weiß alles, findet alles und schleppt erfreulicherweise auch alles
herbei; er macht die besten Fallen, zeigt mir, mit welch teuflischer
Gerissenheit seine Landsleute Leimruten stellen, spielt meisterhaft auf
allen Instrumenten und bohrt mit einer Geschwindigkeit Feuer, daß man
über die Kraft dieses schmächtigen Körpers billig erstaunt sein muß. Er
ist mit einem Wort eine ethnographische Perle.
Nur eins scheint mein junger Freund nicht zu kennen: Arbeit. Sein
Vater, der bereits erwähnte, stets feucht-fröhliche Massekera-Matola,
ist im Besitz eines sehr stattlichen Gehöfts und sehr ausgedehnter
Schamben. Ob der alte Herr selbst und in höchsteigener Person sich
jemals merkbar auf diesem Grundbesitz betätigt, kann ich leider
nicht beurteilen, da er augenblicklich durch seine biervertilgende
Tätigkeit sehr stark in Anspruch genommen ist; aber daß die weiblichen
Hausgenossen fleißig die Hände rühren, um auch den letzten Teil der
Ernte noch einzubringen, habe ich bei jedem Besuche gesehen. Nur das
Prinzlein scheint über jede plebejische Betätigung erhaben zu sein;
seine Hände sehen nicht nach Schwielen aus, und seine Muskulatur
läßt auch stark zu wünschen übrig. Mit frohem Mut und heiterm Sinn
schlendert er durchs Dasein hin.
[Illustration: Yaohütte.]
[Illustration: Meine Karawane auf dem Marsche. Nach Zeichnung von Pesa
mbili (s. S. 452).]
Achtes Kapitel.
Marsch nach Süden. Meine Karawane.
+Chingulungulu+, Anfang August 1906.
Das Suchen auf der Karte nach meinem jetzigen Standort wird schon
schwieriger; ich selbst habe Massassi und seine Lage auf dem
Kartenblatt bereits seit vielen Jahren gekannt, aber von der Existenz
dieses Ortes mit dem wunderlichen Namen, in dem ich seit ein paar Tagen
meine Zeltpflöcke eingeschlagen habe, habe ich erst gehört, nachdem ich
in den Dunstkreis der Binnenstämme eingetreten war.