Auch meinen Trägern ist inzwischen noch allerlei Arbeit erblüht.

Wasser muß für die ganze Karawane geholt werden, Feuerholz für die

Küche; schließlich muß auch noch jene verschwiegene Baulichkeit

errichtet werden, die im Kisuaheli den Namen Choo führt. Es ist weit

über Mittag geworden, da endlich kommen auch die Träger zu ihrem

Recht; sie sind nunmehr Herren ihrer Zeit und können sich für ein paar

kurze Stunden selbst leben. Auch jetzt schwelgen sie nicht. Der Süden

Deutsch-Ostafrikas ist sehr wildarm, zudem habe ich zum Jagen keine

Zeit; Fleisch ist also etwas kaum Gekanntes in dem Speisezettel meiner

Leute. Ugali und immer wieder Ugali, d. h. Tag für Tag den steifen,

zu einer glasigen Konsistenz eingekochten und schließlich mittels des

Rührlöffels zu einer Art Puddingform zurechtgeklopften Brei aus Hirse,

Mais oder Maniok, das ist das Normalgericht, um mit Oskar Peschel zu

reden, auf das sich die Lebenshaltung unserer schwarzen Brüder stützt.

[Illustration: Lager in Massassi.]

Hier in Massassi hat sich das Blatt gewendet; jetzt haben es meine

Leute gut, während ich kaum eine Minute aus der Arbeit herauskomme.

Meine Schutztruppe wohnt sehr vornehm; sie hat die Barasa, die auf

Pfeilern ruhende Beratungshalle links von meinem Palais, bezogen

und nach Negerart ausgebaut. Der Neger liebt keinen gemeinsamen

Raum; er kapselt sich gern ein. Das ist schnell geschehen; ein paar

Horizontalstangen als Baugerüst rings um die geplante Kabine; dann

eine dichte Lage hohen afrikanischen Strohs daran gebunden, und ein

netter, bei Tag kühler, bei Nacht warmer Raum ist für jeden einzelnen

geschaffen. Die Träger dagegen haben sich auf dem weiten Platz vor

meinem Hause Hütten gebaut, einfach und nett, doch zu meinem maßlosen

Erstaunen ganz im Massaistil. Nichts von Rundhütte und nichts von

Tembe, sondern wirklichen und wahrhaftigen Massaistil. Über die

Rundhütte und ihre Eigenart werde ich mich später genugsam äußern

können; wer aber nicht wissen sollte, wes Art eine Tembe ist, dem sage

ich: das ist eine Bauart, die man sich am besten vergegenwärtigen

kann, wenn man zwei oder drei oder vier gedeckte Güterwagen unserer

Eisenbahnen rechtwinklig aneinanderstellt, so daß sie ein Rechteck

bilden mit den Türen nach innen. Verbreitet ist diese Tembe über

große Teile des Nordens und des Zentrums von Deutsch-Ostafrika, von

Unyamwesi im Westen bis in die küstennahen Landschaften im Osten, und

vom abflußlosen Gebiet im Norden bis nach Uhehe im Süden. Der Wohnbau

der Massai endlich läßt sich am besten einem Rohrplattenkoffer mit

seinen abgerundeten Vorder- und Hinterkanten vergleichen. Während nun

die Massai bekanntermaßen baumlange Kerle sind, sind ihre Hüttchen, die

ganz im Sinne ihrer Erbauer als eines Volkes von Viehzüchtern ~par

excellence~ nett und geruchvoll mit Kuhdung beworfen werden, so

niedrig, daß auch ein normal gewachsener Mensch in ihnen nicht stehen

kann. Solches tun auch meine Wanyamwesi in ihren leichten Strohbauten

nicht; dafür liegen und lungern sie den ganzen Tag faul auf ihren

Strohschütten herum.

Um so fleißiger bin ich. Der Tropentag ist kurz, er mißt jahraus

jahrein nur 12 Stunden; deshalb heißt es, ihn ausnutzen. Um

Sonnenaufgang, also 6 Uhr, ist schon alles auf den Beinen; rasch ist

das Frühstück erledigt; dann gehts ans Tagewerk. Es beginnt kurios

genug. Wohl jeder Führer einer Afrika-Expedition hat die Erfahrung

gemacht, daß die Landeskinder in ihm einen der Heilkunst kundigen

Helfer sehen; in langer Reihe stehen denn auch bei mir allmorgendlich

die Patienten da. Zu einem Teil gehören sie der Schar meiner eigenen

Leute an, zum anderen sind es Einwohner aus der näheren und weiteren

Umgebung von Massassi. Einem meiner Träger ist es schlimm ergangen.

Die beliebteste Form der Trägerlast ist in Ostafrika die amerikanische

Petroleumkiste. Das sind leichte, aber festgebaute Holzbehälter von

etwa 60 ~cm~ Länge und 40 ~cm~ Höhe bei 30 ~cm~ Breite. Ursprünglich

haben sie zwei sogenannte Tins mit amerikanischem Petroleum enthalten,

sehr stattliche Blechgefäße von quadratischem Querschnitt, die

jenen Kisten längst entfremdet sind, um im Haushalt der Suaheli ein

hochgeachtetes Dasein als Gebrauchsgefäße für alles zu spielen. In

der Tat steht die Küstenkultur offenkundig unter dem Zeichen dieses

Blechgefäßes; Tins überall, in der Markthalle, auf den Straßen, vor

den Hütten und in den Hütten; selbst das Klosett für die Farbigen auf

unserem Dampfer „Rufidyi“ enthielt als wesentlichsten Bestandteil

lediglich einen solchen Tin.

[Illustration: Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene.]

Nur eine meiner Kisten war noch ihrer ersten Bestimmung treu geblieben;

in ihrem Bauche wanderten zwei bis an den Rand mit Petroleum gefüllte

Blechgefäße auf der Schulter des Mnyamwesi Kasi Uleia (zu deutsch etwa

„er nimmt Arbeit beim Europäer“) von der Küste ins Innere. Rüstig

schreitet der Wackere vorwärts. „Es ist warm,“ denkt er, „ich fange

an zu schwitzen. Na, das schadet weiter nichts, das tun die andern

auch.“ -- „Ach, es ist doch wirklich sehr warm,“ sagt er nach einiger

Zeit halblaut vor sich hin, „selbst mein ~mafuta ya uleia~,

mein Petroleum, fängt an zu riechen.“ Es riecht auch immer weiter; der

Träger wird naß und nässer. Schließlich ist der Tagemarsch zu Ende,

und Kasi Uleia setzt seine duftige Last mit einem doppelten Gefühl der

Erleichterung zur Erde. Leicht ist ihm einmal durch die Erlösung von

dem sogar für eine Negernase starken Geruch; sodann ist auch seine Last

selbst im Laufe des mehr als sechsstündigen Marsches seltsamerweise

immer leichter geworden. Endlich dämmert dem guten Schwarzen und seinen

Freunden die Wahrheit auf; es ist nur gut, daß sie keine Streichhölzer

besitzen; wäre eins von ihnen in Kasi Uleias Nähe entzündet worden, der

ganze Kerl wäre in Flammen aufgegangen, so durchtränkt war der Ärmste

mit dem Leuchtmaterial des Herrn Rockefeller.

Entweder muß man es als Beweis höchster Disziplin oder höchsten

Stumpfsinns betrachten, Tatsache ist, daß dieser Träger sich nicht etwa

gleich am ersten Tage, wo er und seine Freunde die Undichtigkeit eines

der beiden Blechgefäße entdeckt hatten, bei mir meldete, sondern daß

er in aller Seelenruhe seine fröhlich weiterrinnende Petroleumquelle

am nächsten Frühmorgen von neuem aufgenommen und ohne Murren bis zum

Halteplatz weiter getragen hat. Auch jetzt hat er wieder förmlich in

Petroleum geschwommen; dies hätte Kasi Uleia in seiner Gemütsruhe auch

jetzt nicht gestört, hätten sich nicht bereits die ersten Anzeichen

eines Ekzems bemerkbar gemacht, das ihn doch etwas beunruhigte. So kam

er denn endlich an und sagte, was eben jeder Neger sagt, wenn ihm etwas

fehlt und er vom alles vermögenden Weißen Hilfe erheischt: „~Daua,

bwana~, Medizin, Herr“, und wies mit bezeichnender, aber keineswegs

entrüsteter Gebärde auf seinen körperlichen Zustand hin. Zu allererst

hielt ich hier eine tüchtige Seifenkur für angebracht, einmal des

Petroleums wegen, sodann auch, um den Schmutzüberzug, der sich während

des siebentägigen Marsches auf dem Körper des sonst außerordentlich

reinlichen Trägers abgelagert hatte, zu entfernen. Später habe ich den

Mann mit Lanolin behandelt, von dem ich zum Glück eine ungeheuer große

Büchse mitgenommen habe. Jetzt ist der Patient allmählich wieder von

seinem Leiden befreit.

Auch die Gelegenheit, von den verheerenden Wirkungen des Sandflohes

einen schwachen Begriff zu bekommen, habe ich bereits hier in

Massassi gehabt. Einer der Askariboys, ein baumlanger Maaraba aus

dem Hinterlande von Ssudi, tritt allmorgendlich an, um für seine

stark angefressene große Zehe die übliche Daua zu empfangen. Ich bin

in der höchst merkwürdigen Lage, einstweilen nicht einmal Sublimat

und Jodoform in meiner Apotheke zu besitzen, sondern lediglich über

Borsäure in Tabletten zu verfügen. Es muß auch mit dieser gehen, und

geht auch, nur müssen sich meine Patienten wohl oder übel an eine

etwas hohe Temperatur meines schwachen Desinfektionsmittels gewöhnen.

Bei solchen gleichgültigen Patronen wie diesem Maaraba, der den

Verlust seines Zehennagels -- dieser ist gänzlich verschwunden; an

seiner Stelle breitet sich eine große, völlig vereiterte Wunde aus --

lediglich seiner negroiden Gleichgültigkeit zuzuschreiben hat, ist

übrigens das heiße Wasser gleichzeitig ein sehr verdientes Strafmittel.

Der Bursche brüllt jedesmal, als wenn er am Spieße stäke, und schwört,

er wolle von nun an aber ganz genau auf den ~funsa~, den Sandfloh,

Obacht geben. Zur Verfestigung seiner löblichen Vorsätze bekommt er

dann von seinem Herrn und Gebieter, den das kindische Gebaren des

Riesen weidlich ärgert, ein paar derbe, aber gutgemeinte Püffe.

Über den Gesundheitszustand der hiesigen Eingeborenen will ich mich

einstweilen lieber noch nicht auslassen; das wenige, was ich in

der kurzen Zeit hier in meiner Morgensprechstunde an hygienischer

Vernachlässigung und hygienischem Unvermögen gesehen habe, läßt in

mir den Entschluß reifen, erst noch andere Bezirke in dieser Richtung

zu studieren, bevor ich mir ein Urteil bilde und es auch ausspreche.

Nur soviel sei bereits hier gesagt: so glänzend wie wir es uns

daheim in unserem überfeinerten Kulturleben gemeiniglich vorstellen,

ist die Widerstandsfähigkeit des Negers gegen die Angriffe seines

heimtückischen Erdteils durchaus nicht, und vor allem scheint eine

Kindersterblichkeit zu herrschen, von deren Höhe wir uns gar keine

Vorstellung machen können. Ach, ihr Ärmsten! muß man angesichts dieses

Elends ausrufen.

Nach der Sprechstunde hebt das eigentliche Tagewerk an; dann ziehe

ich als Diogenes durchs Land. Die ersten Tage bin ich nur mit einer

Schachtel „Schweden“ bewaffnet in die Hütten der Eingeborenen

gekrochen. Das war recht romantisch, doch nicht zweckentsprechend. Ich

habe mir nie einen Begriff von der ägyptischen Finsternis des Alten

Testaments machen können; jetzt weiß ich, daß die Benennung eines

besonders hohen Ausmaßes von Lichtmangel nach dem Lande der Pharaonen

nur ein ~pars pro toto~ ist; sie ist dem ganzen Erdteil eigen und

ist hier in der Tiefebene im Westen des Makondeplateaus in allererster

Qualität zu haben. Die Negerhütten sind nämlich ganz fensterlos. Das

mag uns rückständig erscheinen, ist jedoch der Ausfluß einer langen,

langen Erfahrung. Der Schwarze will sein Haus kühl haben; das kann er

nur erzielen durch den Abschluß jeder Außentemperatur. Deswegen öffnet

er auch so ungern Vorder- und Hintertür seines Heims, und aus dem

gleichen Grunde reicht das schwere Strohdach weit über die Hauswand

hinaus nach außen und unten.

Meine Stallaterne, vom Knaben Moritz morgens oder nachmittags brennend

durchs Land getragen, macht den Eingeborenen viel Spaß; es ist ja auch

etwas Absonderliches, gegen den Glast der strahlenden Tropensonne mit

einem solch kümmerlichen Beleuchtungsapparat ankämpfen zu wollen. Um so

mehr am Platz ist sie nachher im Dunkel des Hauses. Höflich habe ich

oder Herr Knudsen den Besitzer gefragt, ob er gestattet, sein Haus zu

besichtigen; ebenso höflich ist die Genehmigung erfolgt. Das ist dann

ein lustiges Suchen in den Zimmern und Verschlägen, aus denen sich zu

meiner Überraschung das Heim der hiesigen Schwarzen zusammensetzt. Die

Räume sind nicht elegant, diesen Begriff kennt der Neger einstweilen

noch nicht, aber sie geben ein unverfälschtes Zeugnis von der

Lebensführung ihrer Insassen. In der Mitte des Hauses, zwischen

den beiden Haustüren, die Küche mit dem Herde und den zum Haushalt

zunächst nötigen Gerätschaften und Vorräten. Der Herd der Inbegriff

der Einfachheit: drei kopfgroße Steine oder wohl gar nur Kugeln von

Termitenerde, im Winkel von je 120 Grad zueinander gelagert. Darauf

über schwelendem Feuer der große irdene Topf mit dem unvermeidlichen

Ugali; andere Töpfe ringsum; dazwischen Schöpflöffel, Rührlöffel,

Quirle. Über dem Herde, aber noch im Vollbereich seines Rauches, ein

Gerüst von vier oder sechs gegabelten Stangen. Auf seinen Latten liegen

Hirseähren in dichter, gleichmäßiger Lagerung; unter ihnen hängen, wie

auf der Räucherkammer unserer deutschen Bauern die Schlack-, Blut- und

Leberwürste, zahlreiche Maiskolben von außergewöhnlicher Größe und

Schönheit, die jetzt bereits von einer glänzend schwarzen Rauchkruste

überzogen sind. Wenn diese nicht vor Insektenfraß schützt, etwas

anderes tut’s sicher nicht. Das ist denn auch der Endzweck dieses

ganzen Verfahrens. Bei uns zulande, im gemäßigten Europa, mag es eine

Wissenschaft sein, das Saatkorn keimfähig bis zur nächsten Saatperiode

zu erhalten; hier im tropischen Afrika mit seiner alles durchdringenden

Luftfeuchtigkeit, seinem alles zerstörenden Reichtum an Schädlingen,

endlich seinem Mangel an geeignetem, dauerhaftem Baumaterial, ist

dieses Hinüberretten der Aussaat eine Kunst. Es wird nicht meine

undankbarste Aufgabe sein, diese Kunst in ihren Einzelheiten gründlich

zu studieren.

Auch über die Wirtschaft meiner Neger, ihren Kampf mit der

widerstrebenden Natur Afrikas und ihre Fürsorge für den morgenden

Tag will ich mich erst später, nachdem ich mehr von Land und Leuten

gesehen habe als bis jetzt, auslassen. In der völkerkundlichen und

auch der nationalökonomischen Literatur gibt es eine lange Reihe von

Werken, die sich mit der Klassifikation der Menschheit nach ihren

Wirtschaftsformen und Wirtschaftsstufen befassen. Selbstverständlich

nehmen wir die alleroberste Stufe ein; wir haben ja die Vollkultur

auf allen Gebieten gepachtet; darin sind alle Autoren einig. In der

Unterbringung der übrigen Menschenrassen und Völker gehen sie dafür um

so weiter auseinander; es wimmelt von Halbkulturvölkern, seßhaften und

nomadischen, von Jäger-, Hirten- und Fischervölkern, von unsteten und

Sammlervölkern; die eine Gruppe übt ihre Wirtschaftskünste auf Grund

traditioneller Überlieferung aus, eine andere kraft des angeborenen

Instinkts; schließlich erscheint sogar eine tierische Wirtschaftsstufe

auf der Bühne. Wirft man alle diese Einteilungen in einen gemeinsamen

Topf, so entsteht ein Gericht mit vielen Zutaten, aber von geringem

Wohlgeschmack. Sein Grundbestandteil läuft im großen und ganzen

darauf hinaus, gerade die Naturvölker weit zu unterschätzen. Wenn man

jene Bücher liest, so hat man das Gefühl, daß zum Beispiel der Neger

direkt von der Hand in den Mund lebe und daß er in seinem göttlichen

Leichtsinn nicht einmal für den heutigen Tag sorge, geschweige denn für

den anderen Morgen.

In Wirklichkeit ist es ganz anders, anderswo wie auch hier. Und gerade

hier. Für unsere intensive norddeutsche Landwirtschaft charakteristisch

sind die regellos über die Feldmarken verteilten Feldscheunen und

die neuerdings stets gehäuft erscheinenden Diemen oder Mieten; beide

haben seit dem Aufkommen der freibeweglichen Dreschmaschine die alte

Hofscheune stark entlastet, ja beinahe überflüssig gemacht. Das

Wirtschaftsbild meiner hiesigen Neger unterscheidet sich von jenem

deutschen nur dem Grade nach, nicht im Prinzip; auch hier Scheunen

~en miniature~ regellos über die Schamben, die Felder, verteilt,

und andere Vorratsbehälter in meist erstaunlicher Anzahl und Größe

neben und im Gehöft. Und leuchtet man das Innere des Hauses selbst ab:

auch dort in allen Räumen große, mittels Lehm dicht und hermetisch

geschlossene Tongefäße für Erdnüsse, Erbsen, Bohnen und dergleichen,

und sauber gearbeitete, meterhohe Zylinder aus Baumrinde, ebenfalls

lehmüberzogen und gut gedichtet, für Maiskolben, Hirseähren und andere

Getreidesorten. Alle diese Vorratsbehälter, die draußen im Freien

stehenden wie die im Hause selbst untergebrachten, stehen zum Schutz

gegen Insektenfraß, Nagetiere und Nässe auf Pfahlrosten, Plattformen

von 40 bis 60 Zentimeter Höhe, die aus Holz und Bambus gefertigt und

mit Lehm bestrichen sind. Das Ganze ruht auf gegabelten, kräftigen

Pfählen.

Die freistehenden Vorratsbehälter sind oft von sehr erheblichen

Dimensionen. Sie gleichen mit ihrem weitausladenden Strohdach

riesigen Pilzen, sind entweder aus Bambus oder aus Stroh hergestellt

und innen und außen stets mit Erde ausgestrichen. Einige besitzen

in der Peripherie eine Tür, ganz in der Art unserer Kanonenöfen;

bei anderen fehlt dieser Zugang. Will der Herr von ihrem Inhalt

entnehmen, so muß er zu dem Zweck das Dach lupfen. Dazu dient ihm

eine Leiter primitivster Konstruktion. Ich habe manch eine von ihnen

skizziert, doch hat mir jede ein stilles Lächeln entlockt: ein paar

ästige, krumm und schief gewachsene Stangen als Längsbäume; in

meterweitem Abstand darangebunden ein paar Bambusriegel -- das ist das

Beförderungsmittel des Negers zu seinem Wirtschaftsfundament. Trotz

seiner Ursprünglichkeit ist es indessen doch der Beweis einer gewissen

technischen Erfindungsgabe.

Ein uns Europäer sehr anheimelnder Zug in der Wirtschaft der hiesigen

Neger ist die Taubenzucht; kaum ein Gehöft betritt der Besucher, ohne

auf einen oder mehrere Taubenschläge zu stoßen. Sie sind anders als

in Uleia, doch auch sie sind durchaus praktisch. Im einfachsten Falle

nisten die Tiere in einer einzelnen Röhre aus Baumrinde. Diese ist der

Rindenmantel eines mittelstarken Baumes, den man ablöst, an den Enden

mit Stäben oder platten Steinen verkeilt und anderthalb bis zwei Meter

über dem Boden anbringt, nachdem man in der Mitte der Peripherie erst

noch das Flugloch ausgespart hat. Meist ruht die Röhre auf Pfählen,

seltener hängt sie, einem schwebenden Reck gleich, an einem besonderen

Gestell. Diese Anlage ist dann besonders günstig, denn das Raubzeug

findet keinen Zugang. Und mehrt sich dann der Bestand der Tierchen,

so schichtet der Hausherr Röhre auf Röhre, daß eine förmliche Wand

entsteht. Neigt sich die Sonne, so tritt er oder seine Hausgenossin

heran an die luftige Behausung; ein freundliches Gurren begrüßt den

Nahenden aus dem Innern der Zylinder; behutsam hebt der Züchter einen

bearbeiteten Klotz vom Boden auf; sacht verschließt er mit ihm das

Flugloch des untersten Rohres; der zweite folgt, dann der dritte und

so fort. Beruhigt verläßt der Mensch den Ort; so sind die Tierchen vor

allem Raubzeug gesichert.

Seit einigen Tagen weiß ich auch, warum bei meinen Rundtouren so wenig

Männer sichtbar sind. Die Negersiedelungen hierzulande verdienen kaum

den Namen Dörfer; dazu sind sie zu weitläufig gebaut; von einem Hause

aus sieht man nur ganz vereinzelt das nächste herüberwinken, so weit

liegt es abseits. Gehindert wird der Ausblick zudem durch die zwar sehr

sperrigen, aber doch saftig grünen und darum sehr undurchsichtigen

Mhogofelder, die jetzt, nach der Einerntung von Hirse und Mais, neben

den mit Basi bestellten Schamben allein noch die Fluren bedecken. So

kann es vorkommen, daß man, um kein Haus zu übergehen, sich lediglich

der Führung der ausgetretenen Feldpfade anvertrauen muß, oder aber,

daß man den Geräuschen und Lauten nachgeht, die von jeder menschlichen

Siedelung unzertrennlich sind. Und wie bedeutend sind diese Geräusche

und Laute, denen ich hier in Massassi so ziemlich alle Tage habe

nachgehen können! Wie eine lustige Frühschoppengesellschaft hört es

sich an, wenn ich mit Nils Knudsen durch das Gelände streiche. Lauter

und lauter werdende Stimmen, die ohne Beobachtung parlamentarischer

Umgangsformen regellos durcheinanderlärmen. Mit einemmal wendet sich

der Pfad, unversehens stehen wir in einem stattlichen Gehöft, und

da haben wir auch die Bescherung! Es ist wirklich und wahrhaftig

ein Frühschoppen, und ein recht kräftiger dazu, der Stimmung aller

Teilnehmer nach zu urteilen und nach Anzahl und Ausmaß der bereits

ganz oder halb geleerten Pombetöpfe. Wie bei einem Steinwurf in einen

Poggenpfuhl, so verstummt bei unserem Erscheinen das Getöse. Erst

auf unser: „~Pombe msuri?~, ist der Stoff gut?“ schallt ein

begeistertes „~Msuri kabissa, bwana!~ Ausgezeichnet, Herr!“ aus

rauhen Kehlen zurück.

[Illustration: Taubenschlag und Speicher (s. S. 118).]

O diese Pombe! Wie gut wir es im alten Bierlande Deutschland haben,

begreifen wir erst, wenn wir ihm einmal schnöde den Rücken kehren.

Schon in Mtua, unserem zweiten Lagerplatz nach Lindi, war uns drei

Weißen ein gewaltiger Tonkrug mit dem Nationalbräu des östlichen Afrika

als Ehrengabe kredenzt worden. Bei mir hatte die schmutzig graugelbe

Flüssigkeit damals keine Gegenliebe gefunden; um so größere bei unseren

Leuten, die mit den 25 oder 30 Litern im Nu fertig gewesen waren. Auch

hier in Massassi hat die Gattin des Wanyassagroßen Massekera-Matola,

eine nasenpflockbehaftete, außerordentlich nette Frau von mittleren

Jahren, es sich nicht nehmen lassen, Knudsen und mir gleich an einem

der ersten Abende ebenfalls den Ehrentrunk in Gestalt eines solchen

Riesentopfes zu übersenden. Die Ehrengabe ausschlagen oder sie

vergeuden ging doch nicht, wie wir uns sagen mußten; also deshalb mit

Todesverachtung heran an das Gebräu. Ich bin der glückliche Besitzer

zweier Wassergläser; eins von ihnen senke ich energisch in die trübe

Flut. Es zeigt sich gefüllt mit einem Naß, das der Farbe nach unserem

Lichtenhainer gleicht, der Konsistenz nach aber eine Million mal

dicker ist. Eine kompakte Masse von Hirseschrot und Hirsemalz füllt

das Gefäß bis fast obenhin; nur einen Finger breit hoch lagert darüber

ein wirkliches Lichtenhainer. „Ä, das geht doch nicht“, knurre ich.

„Kibwana, ein Taschentuch,“ rufe ich meinem „Stubenmädchen“ zu, „aber

ein reines.“ Das gute, dumme Tier aus Pangani kommt nach endlosem

Suchen mit dem Wahrzeichen unseres katarrhalischen Zeitalters heran;

ich forme einen Filter aus dem feinen, weißen Stoff und lasse die

Pombe hineinschütten. Ja, was ist denn das? Kein Tropfen rinnt in

das untergestellte Gesäß. Ich rüttele und schüttele; es nützt alles

nichts. „Nun,“ sage ich, „der Stoff wird zu dicht sein; ~Lete sanda,

Kibwana~, bring etwas von dem Leichentuch.“ Wie? Leichentuch?

Verroht denn dieser dunkle Erdteil selbst deutsche Professoren so

fürchterlich, daß sie sogar Leichentücher zu ihrem Wirtschaftsbetriebe

heranziehen? Gemach, meine Gnädigste! Freilich, ein Leichentuch ist

dieses Sanda oder Bafta, daran läßt sich nicht drehen noch deuteln;

aber erstens hat dieser Stoff den Vorzug, noch nicht gebraucht zu sein,

und zweitens möge es das Schicksal verhüten, daß er jemals seiner

eigentlichen Bestimmung zugeführt werden wird. Wer ins Innere von

Afrika geht, der rechnet wohlweislich mit den Tücken dieses Landes und

auch mit den Sitten seiner Bewohner, indem er sich mit einem Ballen

eines stark appretierten weißen, leichten Stoffes versieht, wie ihn die

Neger bei ihren Begräbnissen gebrauchen. Sie lieben es nicht, auch im

Tode mit der bloßen Mutter Erde in Berührung zu kommen, sondern lassen

ihre Leiber in ein Stück solcher Sanda einnähen. Und je reiner und

weißer der Stoff ist, um so sicherer ist dem Verblichenen das Paradies.

Warum sollte ich also Sanda nicht als Filter benutzen, wohlgemerkt

erst, nachdem durch Herauswaschen der Appretur nur ein weitmaschiges

Netz feiner Fäden zurückgeblieben war! Doch auch das nützte nichts;

ein paar spärliche Tropfen rannen an dem Beutel herab, das war alles.

Ich habe dann mein Teesieb versucht und mein Kaffeesieb; auch sie waren

einem solchen Aggregatzustande nicht gewachsen. „Prosit, Herr Knudsen!“

rief ich deshalb, das letzte Sieb dem in der Türe stehenden Koch in

hohem Bogen in die geschickt auffangende Hand werfend. Es ist auch

so gegangen; und nicht einmal schlecht schmeckt das Zeug, ein wenig

nach Mehl zwar, aber sonst doch mit einem merkbaren Anklang an unseren

Studententrank aus dem Bierdorfe von Jena. Ich glaube sogar, ich könnte

mich an ihn gewöhnen.

Negerleben in Ostafrika · 第 9 / 40 段