etwa gleichaltrig und verfügen auch über ungefähr dieselben
Körperdimensionen. Dieser Umstand muß wohl die Veranlassung gewesen
sein, daß die Einwohnerschaft von Lindi und später auch die des Innern
mich ohne weiteres ebenfalls zum Hauptmann avancieren ließ; in Lindi
war ich einfach der ~Hoffmani mpya~, der neue Hauptmann. Auf
dem wiedergegebenen Kunstblatt ist der Beweis für meine Beförderung
zu sehen: auch mir hat der Künstler die Achselstücke verliehen. Die
Figuren hinter uns beiden Europäern sind belanglos; das ist eben der
Rest unserer Begleitung.
Doch nun kommt das psychologisch Seltsame: ich bin zweimal auf dem
Bilde; einmal klettere ich mühselig den Berg hinan, das andere
Mal stehe ich bereits in stolzer Pose oben und banne mit dem
Momentverschluß in der Hand die Gefilde Afrikas auf meine Platte. Der
Dreibein oben ist nämlich mein 13 × 18-Apparat; die Zickzacklinien
zwischen dem Stativ sind die Verfestigungs-Messingleisten; die lange
Schlangenlinie ist der dünne Gummischlauch der Momentauslösung, von
der ich allerdings bei dem Nebel keinen Gebrauch machen konnte; der
Photograph bin, wie gesagt, ich. Die Männer hinter mir sind meine
Leibdiener, denen für gewöhnlich die zerbrechlicheren Teile des
Apparates anvertraut werden.
Die zeichnerische Wiedergabe dieser Bergbesteigung ist ein ebenso
anspruchsloses Geisteserzeugnis des Negerintellekts wie alle anderen;
aber sie ist bei alledem ein sehr wichtiges Dokument für die Anfänge
der Kunst im allgemeinen und für die Auffassungsweise des Negers im
besonderen. Gerade für den Volksforscher ist auch das Unscheinbarste
nicht ohne Bedeutung. Und deswegen fühle ich mich so unendlich
glücklich, selbst einmal eine ganze Anzahl von Monaten in einem solchen
Milieu hoffentlich recht ungestört und nach Herzenslust arbeiten zu
können.
Ihren vorläufigen Abschluß hat unsere Mtandibesteigung in einem
solennen Frühstück gefunden, zu dem uns die beiden Reverends
freundlichst eingeladen hatten. Der Engländer lebt ja anerkanntermaßen
zu Hause ausgezeichnet; doch auch in der Fremde, und sei es im Innern
irgendeines Erdteils, weiß er sich zu helfen. Ich gewann denn auch
gerade hier den Eindruck, als sei Massassi eine „sehr nahrhafte
Gegend“, wie Wilhelm Raabe sagen würde. Nur Sekt gab es heute nicht;
den hatte Reverend Carnon uns schon am Vortage kredenzt, und zwar
in einem riesigen Wasserkruge. Sektgläser habe er nicht, meinte der
freundliche Geistliche. Es ging auch so.
Das Lustigste des ganzen Mtandiunternehmens war indessen der Abschluß.
In dichtem Haufen trabte die Schar der Missionszöglinge bei unserem
Heimritt neben uns her. Die kleinen Kerle sahen recht kriegerisch
aus; alle trugen Bogen und Pfeile und schrien lustig um die Wette.
Ich konnte mir zunächst kein klares Bild von dem Sinn des ganzen
Tuns machen; zu Hause, d. h. bei unserem Polizeiposten angekommen,
verstand ich allerdings sehr bald, daß die Leutchen nichts anderes
beabsichtigten, als mir ihre gesamte kriegerische Ausrüstung für meine
ethnographische Sammlung zu überlassen! Doch beileibe nicht etwa als
hochherziges Geschenk; für Schenken ist der Neger nicht; darin gleicht
er unserem Bauer. Im Gegenteil, die jungen Leute verlangten geradezu
phantastische Preise für ihre doch eigens für den merkwürdigen Msungu,
der allen Negerplunder kauft, gefertigten Schießzeuge. Ich habe später
von dem Kram erworben, was mir tauglich schien, habe es im übrigen aber
doch für nötig gehalten, die Leerausgehenden vor einer Enttäuschung zu
bewahren, indem ich jedem ein paar Kupfermünzen aus meinem berühmten
Hellertopf zukommen ließ. Vorher habe ich jedoch erst noch ein ganz
nettes Experiment gemacht, mir und meiner Wissenschaft zum Nutzen, der
Negerjugend von Massassi aber zur höchsten Lust: die Veranstaltung
eines wirklichen und wahrhaftigen Schützenfestes mitten im ernsten
Afrika.
Die vergleichende Völkerkunde hat sich seit langem bemüht, alle
technischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen zu klassifizieren
und zu analysieren. So hat der Amerikaner Morse schon vor Jahrzehnten
festgestellt, daß die Menschheit, soweit sie mit Bogen schießt oder je
geschossen hat, sich ganz bestimmter Spannweisen bedient. Es gibt etwa
ein halbes Dutzend verschiedene Arten, die über den Erdball derartig
verteilt sind, daß hier und da ganz große Provinzen einer einheitlichen
Spannmethode feststellbar sind, während anderswo die schärfsten
Unterschiede von Volk zu Volk und von Stamm zu Stamm bestehen.
„Aber, Herr Professor,“ höre ich in diesem Augenblick im Geiste einen
meiner Leipziger Hörer einwerfen, „Bogenspannen ist doch Bogenspannen;
was sollen denn da für Unterschiede bestehen?“
„Hier, mein Herr,“ antworte ich, „bitte schießen Sie einmal, aber mit
Vorsicht; bringen Sie Ihren Nachbar nicht um und sich selbst auch
nicht!“ Wie oft schon habe ich während meiner Dozentenzeit dieses
Experiment gemacht, und wie übereinstimmend ist jedesmal das Ergebnis
gewesen! Man kann tausend gegen eins wetten, daß jeder Deutsche --
die Engländer und Belgier nehme ich aus; diese Völker schießen heute
sportmäßig und mit Verständnis mit dem Bogen und wissen eine gute
Spannweise wohl von einer schlechten zu unterscheiden --, wenn er den
Bogen in die Linke genommen hat und mit der Rechten Pfeil und Sehne
erfaßt, das untere, mittels der Kerbe auf der Sehne ruhende Pfeilende
zwischen Daumen und Zeigefinger ergreift und nunmehr die Sehne erst
indirekt mittels des Pfeiles zurückzieht. Das ist dieselbe Methode,
mit der wir als Knaben den Flitzbogen gespannt haben. Diese Spannweise
ist die denkbar schlechteste. Davon kann sich jeder, der die anderen
Methoden ebenfalls beherrscht, bei jedem Schuß überzeugen. Es liegt
ja auch nahe, daß der Pfeil den Fingern bei stärkerem Zurückziehen
entgleiten muß. Der beste Beweis für die Minderwertigkeit gerade
dieser Spannart ist ihre geringe Verbreitung innerhalb desjenigen
Teils der Menschheit, der den Bogen noch als wirkliche und wehrhafte
Waffe, sei es zum Krieg, sei es zur Jagd, benutzt. Diese Völker und
Stämme handhaben ihre Waffen ganz anders. Nur wo der Bogen zu einem
Überlebsel geworden ist wie z. B. bei uns, d. h. wo er aus dem Kranz
der Manneswehr durch vollkommenere Waffen verdrängt worden ist, und
wo er seine ehemalige Berechtigung nur noch als Spielzeug bei dem
konservativsten Teil unserer Spezies, beim Kinde, dartut, da ist diese
zum wirksamen Schuß gänzlich unbrauchbare Spannweise aus Unkenntnis
einer bessern im Gebrauch.
Wäre ich gezwungen, die Missionsjugend von Massassi als Kulturmaßstab
zu betrachten, so müßte ich sagen: auch beim Neger ist der Bogen ein
Überlebsel, denn von dem ganzen großen Haufen schossen neun Zehntel
in derselben Weise wie unsere Knaben. Doch mit einem Unterschiede:
wir halten unseren Flitzbogen wagerecht, die Negerknaben hielten ihn
senkrecht; der Pfeil lag links vom Bogen und lief zwischen Zeige- und
Mittelfinger hindurch. Nur das restliche Zehntel schoß mit anderer
Spannung; es waren bezeichnenderweise lauter ältere Zöglinge, die
also augenscheinlich noch eine bestimmte Dosis altafrikanischen
Konservativismus mit in ihr Christentum hinübergerettet hatten.
Bei meinem Preisschießen kam es mir weniger auf die Treffergebnisse an
als auf die Beobachtung der Spannmethoden; trotzdem, muß ich sagen,
zogen sich die kleinen Schützen ganz gut aus der Affäre. Zwar schossen
sie nur auf geringe Entfernungen; auch war mein Ziel nicht gerade
klein, bestand es doch aus einer Nummer der „Täglichen Rundschau“, aber
die Mehrzahl blieb doch innerhalb der rasch auf diese improvisierte
Scheibe gemalten Ringe. Und stolz waren sie auch, die kleinen Schützen;
wenn ich einen besonders guten Schuß laut über das Blachfeld hin lobte,
blickte der schwarze Held triumphierend im Kreise umher.
„Nun bitte, Herr Professor, die anderen Spannmethoden!“ höre ich wieder
meine getreuen Schüler mir zurufen. In Leipzigs Hörsälen muß ich in
solchen Fällen natürlich sofort Rede und Antwort stehen. Afrika ist
in dieser Beziehung toleranter; hier blüht mir die Freiheit, vom
Recht des Forschers Gebrauch zu machen und an der Hand vieler anderen
Beobachtungen Material zu sammeln. Ich antworte also mit höflicher
Bestimmtheit: „Wenn ich die ganze Ebene nördlich vom Rovuma abgegrast
haben werde und dann schließlich auf dem kühlen Makondeplateau die Muße
finde, auf meine so vielseitigen Studien zurückzublicken, dann will
ich mich ernsthaft bemühen, Ihre Wißbegier auch in dieser Richtung zu
befriedigen. Also auf Wiedersehen, meine Herren!“
[Illustration: Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola
(s. S. 452).]
Siebentes Kapitel.
Einleben ins Volkstum.
+Massassi+, Ende Juli 1906.
Jeder normale Mensch ist ein wandelnder Beweis für die Wahrheit der
Anpassungstheorie; ich bin noch kaum zwei Monate im Lande Afrika und
nur erst den Bruchteil eines Monats im Innern, und doch fühle ich mich
hier schon ganz heimisch. Was blieb mir auch anderes übrig! Schon
am 21. Juli, also nach einem Zusammenleben von nur wenigen Tagen,
ist Herr Ewerbeck in aller Herrgottsfrühe und unter dem Schein einer
durch das Dunkel der Tropennacht vorangetragenen Laterne von dannen
marschiert, um daheim in Lindi der höhern Pflicht des Empfangs der acht
Reichstagsabgeordneten obzuliegen, von deren kühnem Reisemut unsere
Tagespresse seit Monaten widerhallt.
Als einziger Rest europäischer Kultur ist nur Nils Knudsen
zurückgeblieben. Schon der Name besagt, daß wir es mit einem
nordischen Recken zu tun haben; Nils ist denn auch in der Tat der
hochblonde Nachkomme der alten Wikinger. Der Expedition hatte er sich
hinzugesellt, ohne daß ich viel von der Anwesenheit eines dritten
Europäers gemerkt hätte. Während Ewerbeck und ich stolz und kühn an
der Spitze unserer langen Karawane marschierten oder ritten, hielt Nils
Knudsen sich meist an deren Ende auf; im Lager aber blieb er bescheiden
im Hintergrunde. Jetzt, im Standort Massassi, ist er von Amts wegen
in den Vordergrund gerückt worden; er soll hier nach dem Rechten
sehen und den schwarzen Lokalbehörden etwas auf die Finger passen. Ob
das nötig ist, kann ich einstweilen nicht entscheiden, da ich in die
Schwierigkeiten der innern Verwaltung eines so großen Bezirks, wie es
der von Lindi ist, noch keinerlei Einblick habe; aber die Maßnahme
wird schon richtig sein, sonst hätte ein so alter Landeskenner wie
Ewerbeck sie nicht getroffen. Einstweilen habe ich Knudsen veranlaßt,
den Wohnsitz in seinem Zelt, das, nach seinem ehrwürdigen Äußern zu
urteilen, schon Vasco da Gama bei seiner Landung an der Ostküste
Afrikas benutzt und wegen Schadhaftigkeit zurückgelassen hat,
aufzugeben und zu mir in das Rasthaus zu ziehen. Jetzt haust er mit
seiner kümmerlichen Habe, die aus zwei anscheinend nicht einmal ganz
gefüllten, alten Blechkoffern besteht, auf der einen Seite des großen
Raumes, während ich mit meiner fürstlichen Ausstattung auf der andern
residiere. Dafür ist aber das Herz des blonden Norwegers um so goldener
und sein Gemüt um so reicher.
Das Vorleben Knudsens ist abenteuerlich genug; es erinnert mich
einigermaßen an das Schicksal jenes englischen Matrosen, der vor 100
Jahren unter die Eingeborenen Süstostaustraliens verschlagen wurde
und als Wilder unter Wilden leben mußte. Ganz so schlimm ist es zwar
mit meinem blonden Nachbar nicht gewesen, aber Zeit zum Vernegern
hätte er doch schon genug gehabt. Soweit ich mich bisher über seine
Personalien habe unterrichten können, ist Knudsen vor fast einem
Jahrzehnt von einem Kauffahrteischiff, wo er als Schiffsjunge amtierte,
in einem Hafen Madagaskars ausgerissen, hat sich dann einige Jahre
lang auf dieser großen Insel umhergetrieben und ist schließlich an
die gegenüberliegende Festlandsküste in das Hinterland von Lindi
verschlagen worden. Ein eigentliches Handwerk hat er nach seiner
eigenen Aussage nicht erlernt, er rühmt aber von sich, alles zu können,
mauern und zimmern, schnitzen und bauen, tischlern und schlossern.
Tatsächlich hat er alle Gebäude des Bergbaufelds Luisenfelde weit im
Süden in der Nähe des Rovuma, zu dem ich vielleicht auch noch einmal
kommen werde, gebaut, war dort überhaupt Faktotum, und auch die Kommune
Lindi hat ihn der Anstellung als Leiter der Handwerkerschule für würdig
erachtet. In dieser Stellung befindet sich Knudsen augenblicklich; er
ist nur beurlaubt.
Meine Lebensweise ist hier, im Zustande der Ruhe, natürlich eine
wesentlich andere als auf dem Marsch. Jedes Marschleben ist reizvoll,
um wieviel mehr ein solches innerhalb einer fremdartigen und vordem
ungekannten Natur. Das meinige ist zudem bisher ganz ungetrübt
verlaufen. In unsern afrikanischen Reiseschilderungen beginnt fast
jede Expedition mit tausend Schwierigkeiten; der Abmarsch ist auf eine
bestimmte Stunde festgesetzt, aber es ist kein Träger da; und hat der
Expeditionsleiter seine Leute schließlich mit Mühe beisammen, so haben
diese noch hunderterlei Verrichtungen und sind schon am ersten Abend
den Blicken des Reisenden von neuem entschwunden. Der Abschied von der
Bibi, der Frau, der Geliebten, ist ja auch zu schwer. Bei mir hat der
Betrieb vom ersten Tage an funktioniert; die viertelstündige Verspätung
beim Aufbruch von Lindi fällt niemand als mir selbst zur Last, der ich
mich beim Frühstück verspätet hatte. Am Morgen des zweiten Marschtages
ging es dann mit dem Zusammenlegen des Zeltes seitens der Askari noch
nicht so recht; auch konnte Moritz die Tippelskirchsche Reiselampe
mit dem besten Willen nicht in ihren allerdings sehr knapp bemessenen
Behälter verpassen; aber seitdem haben wir Reisenden uns alle benommen,
als wenn wir schon seit Monaten unterwegs gewesen wären.
Wer etwa nach englischer Sitte schon in der Morgenfrühe ein
substanzielles Mahl einzunehmen gewohnt ist, soll in Afrika nicht auf
die Reise gehen. Um 5 Uhr hat man das Wecken angeordnet. Pünktlich
ruft der Posten sein leises: „~Amka, bwana~, wach auf, Herr“ in
das Zelt; mit beiden Füßen schnellt man sich elastisch über den hohen
Rand des trogförmigen Feldbettes hinüber und fährt in sein Khaki. In
der kalten Nacht der tropischen Trockenzeit ist das Wasser, welches
Kibwana, der das Amt des Stubenmädchens versieht, fürsorglich schon
am Abend vor dem Zelt bereitgestellt hat, zu einem erfrischenden Naß
abgekühlt; scharf hebt sich die Silhouette des Europäers bei der
Toilette im Schein der brennenden Lampe von der Zeltwand ab. Doch
diese Lampe leuchtet nicht ihrem Herrn allein; ringsum treffen ihre
Strahlen braune, glänzende Gesichter. Das sind die Träger und die
Askari, von denen jene eifrigst bemüht sind, ihre Last für den Marsch
zusammenzuschnüren, während die Soldaten sich auf das Zelt stürzen
wie der Tiger auf seine Beute, sobald der Weiße fertig gekleidet ins
Freie tritt. Im Nu ist es zusammengelegt; kein Wort fällt dabei, und
kein überflüssiger Handgriff wird dabei getan; es ist Arbeitsteilung
im besten Sinn und in tadellosester Durchführung. Unterdessen steht
der Weiße an seinem zusammenlegbaren Tisch; in Hast und Eile nimmt er
einen Schluck Tee oder Kakao, oder was sonst sein Leibgetränk ist,
kaut dazu ein Stück selbstgebackenen Brotes und steht nun marschbereit
da. „~Tayari~, fertig?“ schallt seine Frage laut über den Platz;
„~bado~, noch nicht“, ertönt es unweigerlich zurück. Und es
sind immer dieselben Faulen oder Ungeschickten, deren Munde dieses
Lieblingswort jedes afrikanischen Bediensteten entströmt. Der Anfänger
im Reisen läßt sich wohl dadurch beirren; nach ein paar Tagen kehrt er
sich nicht mehr an das bado; er ruft sein „~Safari!~“ (wörtlich
„Reise“), oder, wie ich es sehr bald eingeführt habe, sein „Los!“ über
die Schar seiner Mannen hin, schwingt seinen Wanderstab unternehmend
durch die Luft, dadurch den beiden Spitzenaskari die Marschrichtung
andeutend, und das Tagewerk hat begonnen.
Ich weiß nicht, wie andere Stämme und Völkerschaften sich im Moment des
Aufbruchs verhalten; meine Wanyamwesi sind in diesem Augenblick außer
Rand und Band. Mit sichtlicher Mühe hat jeder seine Last auf den Kopf
oder die Schulter hinaufgebracht; gebückt von ihrer Schwere, steht
jeder an seinem Platz. Da ertönt jenes Kommando „~Safari~“, und
nun erhebt sich ein Lärm und Getöse, das jeder Beschreibung spottet;
was aus der Kehle heraus will, hallt in den schweigenden Urwald hinaus;
wild und regellos schmettern derbe Stöcke gegen die Reisekisten und
leider auch gegen die Blechkoffer, die einen nur zu guten Resonanzboden
abgeben. Es ist ein Höllenspektakel; aber er ist ein Ausbruch der Lust
und der Freude; es geht vorwärts, und Wandern und Marschieren ist nun
einmal das Lebenselement des Mnyamwesi. Schon nach kurzer Zeit kommt
Ordnung in das Chaos der Lärmgeräusche; die Leute haben einen unendlich
feinen Sinn für Takt und Rhythmus, und so löst sich das Getöse alsbald
in eine Art getrommelten und gesungenen Marsches auf, der auch die
Beine der Askari, die in ihrer vornehmen Reserve sich natürlich an
solch kindischem Tun nicht beteiligen, in seinen Bann zwingt.
[Illustration: Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe.]
Ach, und schön ist der frühe Tropenmorgen. Es ist mittlerweile stark
auf 6 Uhr gegangen; die dunkle Nacht ist schnell der kurzen Dämmerung
gewichen; glänzende Strahlen der rasch emporsteigenden Sonne huschen
über das leichte Gewölk am Firmament; unversehens steigt die Scheibe
des Tagesgestirns in wunderbarer Majestät über den Horizont empor. In
rüstigem, ausgiebigem Schritt, noch eng aufgeschlossen, eilt der Zug
durch das taufeuchte Pori dahin; vorn, wie auf einem Kriegsmarsch,
zwei Soldaten als Spitze; in einigem Abstand dahinter wir Europäer;
unmittelbar nach uns die Leibdienerschaft mit Gewehr, Reiseflasche und
Reisestühlchen; dann der Haupttrupp der Soldaten; dahinter der lange
Zug der Träger und Askariboys; am Schluß endlich, zur Aufmunterung
für alle Säumigen, doch auch zur Unterstützung etwaiger Maroder,
zwei Soldaten als Nachspitze. Eine bewunderungswürdige Erscheinung
ist der Mnyampara, der Trägerführer. Er bekleidet eigentlich eine
Art Ehrenstellung, denn er bekommt keinen Heller mehr als der letzte
seiner Untergebenen. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch nicht einmal
richtig; ~primus inter pares~ sollte man ihn lieber nennen. Der
Mnyampara ist überall; er ist an der Spitze, wenn der Herr ihn ruft,
und er ist weit hinten am äußersten Ende des mit jeder Marschstunde
länger werdenden Zuges, wenn dort ein Kranker seiner Hilfe benötigt.
Den stützt er; er nimmt ihm ganz ohne weiteres die schwere Last ab,
um sich selbst damit zu beladen; er bringt ihn sicher ins Lager.
Mit meinem Pesa mbili scheine ich einen besonders glücklichen Griff
getan zu haben. Er ist jung wie die allergrößte Mehrzahl meiner
Leute, vielleicht 23 bis 25 Jahre, tiefschwarz in seiner Hautfarbe;
mit katzenhaft funkelnden Augen im ausgeprägten Negroidengesicht;
nur mittelgroß, aber ungemein sehnig und kräftig; er spricht ein
schauderhaftes Suaheli, weit schlechter als ich, und noch dazu so
rasch, daß ich ihm kaum zu folgen vermag; aber er ist bei alledem ein
Juwel. Nicht bloß, daß er ein unvergleichlicher Sänger ist, dessen
angenehmer Bariton niemals ruht noch rastet, ob wir lagern oder
marschieren, nein, auch in der Organisation des Lagerlebens, der
Aufteilung und Anstellung seiner Leute ist er ein Meister.
Der Anforderungen gibt es genug, die an einen solchen Reisemarschall
am Schluß des Tagesmarsches gestellt werden. Längst ist die herrliche
Morgenkühle einer recht fühlbar hohen Temperatur gewichen; der Europäer
hat seinen leichten Filzhut oder die noch leichtere Reisemütze mit dem
schweren Tropenhelm vertauscht; die nackten Leiber der Träger aber
überziehen sich mit einer glänzenden Politur. Sie, die schon von 4 Uhr
an am Lagerfeuer fröstelnd den warmen Tag herbeigesehnt haben, haben
jetzt dies Ziel ihrer Wünsche im vollsten Maße erreicht; ihnen ist sehr
warm, und der Weiße tut jetzt sehr wohl daran, nicht in oder hinter
der Karawane zu marschieren; er möchte sonst mehr, als ihm angenehm
sein würde, Gelegenheit zu Studien über den Rassengeruch finden. Nach
2 oder 2½ Stunden erste Rast. „~Kiti kidogo~, den kleinen Stuhl“, ruft
der Europäer nach hinten. Blitzschnell hat der Leibpage das nette,
zierliche Gerät, das äußerlich einem kleinen Sägebock gleicht, das aber
unter seiner obern, abknöpfbaren Sitzfläche noch eine sehr sinnreich
erdachte andere, länglichoval durchbrochene Zeugfläche aufweist, die
die Benutzung dieses nützlichen Möbels auch im verschwiegenen Urwalde
gewährleistet, dem Europäer untergeschoben; langsam wälzt sich jetzt
auch die lange Schlange der Lasten heran, um schwer von Kopf und
Schulter der Leute zu Boden zu sinken. Des weißen Herrn harrt jetzt
ein keineswegs opulentes Frühstück von ein paar Eiern, einem Stück
kalten Fleisches, oder ein paar Bananen; die Schwarzen aber, die
ganz nüchtern aufgebrochen sind, fasten auch jetzt noch unentwegt
weiter. Man begreift nicht, wie die Leute die immerhin beträchtliche
Arbeitsleistung eines vielstündigen Marsches unter einer 60 bis 70
Pfund schweren Last bei solcher Anspruchslosigkeit zu leisten vermögen;
doch sie verlangen es gar nicht anders. In den spätern Marschstunden
tritt zwar eine merkliche Ermüdung ein; der Schritt wird langsamer und
kürzer, die Lasten bleiben auch mehr und mehr hinter der unbepackten
Suite der Weißen zurück, doch wenn sie schließlich an den Lagerplatz
herankommen, so sind die Leute noch ebenso vergnügt und fröhlich wie
am frühen Morgen. Derselbe Lärm, dasselbe Getöse, doch jetzt ein ganz
anderer Wortlaut aus den Kehlen der Sänger -- alles das rasselt auf den
längst dasitzenden Europäer hernieder. Meiner Truppe scheint es das
Zentralmagazin zu Daressalam angetan zu haben; dort sind sie in meine
Dienste getreten, und dieses weitläufige Gebäude feiern sie nunmehr
auch im Schlußgesang ihres Tagemarsches.
Das Ende des Marsches bedeutet noch längst nicht den Abschluß der
Obliegenheiten meiner Leute, weder der Boys, noch der Askari, noch der
Träger. Prüfend hat sich der Expeditionsführer nach einem Zeltplatz
umgeschaut. Ihn gut zu treffen, ist, glaube ich, eine Sache des
Talents und der Begabung. Als Grundregeln sind dabei zu beachten:
die Nähe trinkbaren Wassers und Abwesenheit schädlicher Insekten
wie Rückfallfieberzecken, Moskitos und Sandflöhe. Sekundär, aber
doch auch wichtig, ist die Festlegung der Zeltachse zur Sonnenbahn
und eine möglichst anzustrebende Lage im Schatten belaubter Bäume.
Ich zeichne der Einfachheit halber den Zeltgrundriß auf den
sorgsam gesäuberten Sandboden, wobei ich die gewünschte Lage der
Zelttür durch Unterbrechung der Linienführung andeute. Das genügt
meinem kommandierenden Gefreiten vollkommen. Kaum sind die beiden
Unglücklichen, deren Schultern das schwere Tippelskirchzelt drückt,
herangekeucht, so sind auch schon die Lasten aufgerollt; im Nu hat
jeder Krieger seinen Platz eingenommen; eins, zwei, drei stehen die
beiden Tragpfähle senkrecht; dann hallen auch bereits die Schläge auf
die Zeltpflöcke. Währenddem ergötzen sich Moritz und Kibwana, die
beiden Boys, an meinem Bett. Diese Betätigung muß für die Neger den
Himmel auf Erden bedeuten. Sie werden und werden damit nicht fertig;
Schelte und selbst angedrohte Prügel nützen nichts; es ist, als ob
das auch sonst schon so schwerfällig arbeitende Hirn der schwarzen
Gentlemen sich hier ganz einlullte. Mechanisch bauen sie das Gestell
auf; mechanisch breiten sie Korkmatratze und Decken aus; ebenso stumpf
und dumpf errichten sie schließlich den Kunstbau des Moskitonetzes. Die
Soldaten sind längst von dannen geeilt; da erst schleppen meine Herren
Diener das Schlafgerät ins Zelt hinein.