Geradezu unangenehm wird dieses Pori überall dort, wo die Herren des

Landes unmittelbar vorher gebrannt haben. Links und rechts vom Wege

nichts als eine dicke, schwarze oder graue Aschenschicht; darüber

hingelagert der Leichnam eines vom Sturm gefällten Baumes, der munter

weiterglimmt und glüht; über der Erde aber ein nunmehr durch kein Gras

mehr behinderter, tiefer Einblick in die vordem so undurchsichtige und

undurchdringliche Baumweite. Für den Jäger bedeutet dieser Zustand eine

Lust, denn nun kann er das Wild auf weite Entfernungen erspähen; für

den Wanderer, zumal den mit einer großen Karawane behafteten, ist er

eine Qual. Weniger in der Frühe des Tages; denn dann bindet der starke

Taufall die feinen Staubteilchen noch fest zusammen. Steigt die Sonne

aber höher, so entwickeln sich starke Luftdifferenzen auf engem Raum;

harm- und arglos wandelt man in der glühenden Mittagshitze fürbaß, da

wirbelt’s unversehens vor den Füßen auf; eine schwarze Schlange steigt

in rasenden Spiralen senkrecht empor, tänzelt in koketten Kurven um

den in reinstes Khaki Gekleideten herum und verschwindet dann rasch,

mit leisem Kichern, als wollte sie sich über den Fremdling lustig

machen, seitwärts hinter den Bäumen. Den schwarzen Begleitern hat die

Schlange nichts getan, denn sie sind ja von ihrer Farbe. Doch wie

sieht der Expeditionsführer aus! Zwar ist er nicht zum waschechten

Neger geworden, doch sieht er einem Mohren immerhin ähnlich; unter

diesen Umständen werden die beiden Getreuen, Moritz und Kibwana, im

Lager nachher nichts Eiligeres zu tun haben, als dem Herrn das Bad zu

bereiten und ihn vom Scheitel bis zur Sohle gründlich abzuseifen. Und

„das hat mit ihrem Wehen die Poriwindhose getan!“

Tröstlich ist in diesen kleinen Nöten des Marschlebens der

unverwüstliche Frohsinn der Eingeborenen. Im ehemaligen Aufstandsgebiet

der Wamuera herrschte wenig Stimmung zu Tanz und Lustbarkeit, dazu

erging es den Leuten doch zu schlecht; überall sonst entwickelte

sich, sobald unser Lager nur halbwegs eingerichtet war, unter den

stets scharenweise herbeigeströmten Landeskindern ein in seinem

allgemeinen Verlauf stets gleiches, in seinen Einzelheiten jedoch

stets wechselndes Bild. Der Neger +muß+ wohl tanzen. Wie der Deutsche,

sobald ihn nur irgend etwas über das Stimmungsniveau des Werkeltags

hinaushebt, den unbezwinglichen Drang zum Singen in sich fühlt, so

schart sich der Neger bei jeder Gelegenheit zu seiner Ngoma zusammen.

Ngoma heißt zunächst nichts anderes als Trommel; in übertragener

Bedeutung bezeichnet das Wort jede Festlichkeit, die zum Klang dieser

Trommel gefeiert wird. Diese Festlichkeiten haben vor den unseren den

unbestreitbaren Vorzug voraus, daß bei ihnen Musik, Tanz und Gesang

gleichzeitig ertönen. Die Kapelle trommelt, improvisiert aber auch

zuweilen eine Art Schnadahüpfl; der Kreis ringsum bildet den Chor;

zum Rhythmus des Gesanges bewegt er sich gleichzeitig um die Kapelle

herum. Das ist das gewöhnliche Bild. Es ist bei aller Fremdartigkeit

so reizvoll, daß in den Küstenstädten selbst die „ältesten Afrikaner“

es nicht für unter ihrer Würde halten, von Zeit zu Zeit diesem

Ausdruck autochthonen Volkstums die Ehre einer wenn auch nur kurzen

Anwesenheit angedeihen zu lassen. Andere, weniger angekränkelte Weiße

sind bei diesen Volksfesten hingegen förmliche Habitués, die keinen

Sonnabend abend -- Sonnabend ist der gesetzlich freigegebene Ngomentag

-- vorübergehen lassen, ohne sich stundenlang in den Dunstkreis der

schwitzenden, keuchenden Menge zu stellen.

Außerordentlich ansprechend ist eins dieser Reigenspiele, das von den

Frauen aller Gegenden, die ich bisher berührt habe, bei jeder nur

denkbaren Gelegenheit ausgeführt wird. Es hat den Namen Liquata, das

Händeklatschen. Die Frauen und Mädchen treten zusammen und stellen

sich, die Gesichter nach innen, im Kreise auf. Plötzlich fliegen die

Arme in die Höhe, der Mund öffnet sich, die Füße zucken zum ersten

Takt. Im gleichen Takt und im gleichen Rhythmus setzt nun alles ein,

Händeklatschen, Gesang und Tanz. Mit der eigentümlichen Grazie, die

alle Bewegungen der Negerin kennzeichnet, bewegt sich der ganze Kreis

nach rechts; zuerst erfolgt ein relativ großer Schritt, dem drei

merklich kleinere folgen; diesem Rhythmus ist das Händeklatschen nach

Intensität und Takt genau angepaßt, desgleichen auch der Gesang, den

ich sogleich wiedergeben werde. Plötzlich, bei einem bestimmten Takt,

lösen sich aus der Reihe der Tänzerinnen zwei Figuren los; sie tänzeln

in die Mitte des Kreises hinein, bewegen sich dort in bestimmten, dem

Auge leider nur zu schnell entschwindenden Figuren umeinander herum

und treten dann wieder an bestimmte Stellen des Kreises zurück, um

im gleichen Augenblick zwei anderen Solotänzerinnen Platz zu machen.

So geht das Spiel reihum; unermüdlich, ohne auszusetzen und ohne

Abschwächung setzt es sich Stunde um Stunde fort; unbekümmert auch

um die Babys, die in dem unvermeidlichen Rucksack auf dem Rücken der

Mama alles mitmachen müssen. In dem engen, heißen und oft genug auch

schmutzigen Behälter schlafen, wachen und träumen sie, während die

Mutter die derbe Mörserkeule schwingt oder den schweren Läufer zur

Mehlbereitung über den Reibstein führt; während sie die Felder hackt,

das Unkraut jätet und die Ernte einholt; während sie den schweren

Tonkrug vom weitentlegenen Quell auf dem Kopf nach Hause trägt, und

während sie sich im Tanze wiegt. Es ist kein Wunder, wenn unter

solchen Umständen der Negersprößling über Takt und Rhythmus seines

Volkes schon vollkommen im Bilde ist, kaum daß er das Tragtuch und die

mütterliche Brust verlassen hat. Fast möchte es allein die Reise nach

Ostafrika lohnen, diese winzigen Knirpse von drei und vier Jahren mit

absoluter Sicherheit im Reigen der Alten dahinschweben zu sehen.

Und hier der überaus geistvolle Text zum sinnvollen Spiel! Steht

man dabei und sieht die Frauenwelt im wiegenden Tanz sich regen,

bedient man vielleicht gar den Kinematographen, so achtet man allen

vorgefaßten Absichten zum Trotz doch viel zu wenig auf den Wortlaut des

Tanzgesangs. Baut man dann nach vollendetem Tanz die Teilnehmerinnen

vor dem Phonographentrichter auf, so möchte man schier glauben, man

hätte sich verhört, so inhaltlos ist dieser Sang. Ich habe die Liquata

an den verschiedensten Stellen aufgenommen, aber niemals ist mehr

herausgekommen, als ich hier bieten kann. Hier Text und Tonfall:

[Music:

Chorgesang Händeklatschen

~äh äh*) äh äh äh*) äh~

~_ad infinitum wiederholt_~.

*) ~Kein reines~ [Music: Note: d″], ~sondern ein zwischen diesem

und~ [Music: Note: dis″], ~doch näher an~ [Music: Note: d″]

~liegender Ton~.]

Sie werden zugeben, Herr Geheimrat, übermäßig viel Geist wird in

diesem Liede keineswegs vergeudet; allein, das ist ein Zug, der allen

Negerliedern hier im Süden eigen ist; selbst die Meister des Gesanges

in Afrika, meine Wanyamwesi, liefern in dieser Beziehung nicht

übermäßig viel mehr. Hier können wir wirklich und mit Fug und Recht

sagen: „Wir Wasungu sind doch bessere Sänger!“

[Illustration: Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s. S.

455).]

Sechstes Kapitel.

Umschau.

+Massassi+, 25. Juli 1906.

Seit reichlich einer Woche bin ich in Massassi. Mein Heim ist eine im

reinsten Yaostil gebaute Hütte, die von den Eingeborenen auf Befehl des

kaiserlichen Bezirksamts eigens für durchreisende weiße Herren gebaut

worden ist. Die Hütte oder, wie man wohl sagen muß, das Haus, denn es

ist ein stattlicher Bau von zirka 12 Meter Länge bei 6 Meter Tiefe,

liegt außerhalb der Boma, welche den hiesigen Polizeiposten beherbergt.

Es ist ein Ovalbau, dessen Dachform aufs täuschendste einem umgekehrten

Boote gleicht. Das Material der Wände ist wie überall im Lande Bambus

und Holz, das innen und außen sauber mit grauschwarzem Lehm verputzt

ist. Im Gegensatz zu den Eingeborenenhäusern hat mein Palais den

Vorzug von Fenstern. Das heißt: Fensterscheiben fehlen; kriecht man

abends unter sein Moskitonetz in das Tippelskirchsche Feldbett hinein,

so schließt man vorher die Luken mit Türen aus derben Bambusstäben.

Der Fußboden ist, wie auch in allen Eingeborenenhütten, gestampfter

Estrich. Er läßt sich im allgemeinen ziemlich sauber halten, ist aber

nicht für die scharfen Kanten europäischer Stiefelabsätze eingerichtet;

sie richten in ihm sehr bald erhebliche Verwüstungen an. Das ganze

Innere stellt ein ungeteiltes Ganzes dar, das lediglich unterbrochen

wird durch die zwei gleichsam in den Brennpunkten der Ellipse stehenden

Pfeiler, auf denen das schwere Strohdach ruht. Dieses ragt nach außen

und unten hin weit über die Hauswand hinaus, wird an seinem Außenrande

von einer weiteren Ellipse von kürzeren Pfeilern getragen und bildet

damit jenen schattigen, breiten Umgang um das ganze Haus, der unter

dem Namen Barasa ein unumgänglicher Bestandteil jedes ostafrikanischen

Wohngebäudes ist. --

Mit dem Namen Massassi bezeichnen die Eingeborenen einen ganzen

Bezirk. Er ist geologisch, geographisch, botanisch und ethnographisch

gleich interessant. Sehr bald hinter Nyangao, von der Küste aus

gerechnet, beginnt die berühmte lichte Baumgrassteppe; gleichzeitig

treten die Ränder des Makondeplateaus im Süden und der verschiedenen

kleinen Hochländer im Norden des Lukuledi immer weiter zurück. So

wandert man Tag um Tag in vollkommen horizontaler Ebene und in gleich

einförmiger Vegetation dahin. Das ist nichts weniger als anregend und

interessant. Aber was ist das? Eine glänzend graue, riesige Felswand

grüßt bei einer Biegung des Weges unverhofft über das endlose Meer

dürrer Baumkronen herüber. Man atmet auf und vergißt angesichts des

neuen landschaftlichen Reizes alle Müdigkeit. Auch der Schritt der

schwerbelasteten Träger wird schneller. Plötzlich hört der Wald, der

mit der Annäherung an jenen Fels dichter, grüner und frischer geworden

ist, auf; statt der einen steilen Felswand erblickt das Auge nunmehr

aber eine ganze lange Reihe solcher Berggipfel, die sich dem Scheine

nach quer über unseren Weg hinüberzieht und ihn versperrt. Doch dem

ist nicht so, denn hart am Fuß der ersten dieser Kuppen schwenkt

auch der Weg nach Südsüdosten ab, um nunmehr die ganze Bergreihe in

nächster Nähe zu begleiten. Wo sie endlich zu Ende geht, da ist auch

er zu Ende, denn dort liegt, eingebettet in einen förmlichen Kreis

von Bergkindern, wie der Neger in seiner Sprache sagen würde, d. h.

zwischen niedrigen, nur 100 oder wenige 100 Meter hohen Hügeln, die

Militärstation Massassi.

[Illustration: Inselberg von Massassi.]

Die Gneiskuppen von Massassi sind in der geologischen Literatur

über Afrika hochberühmt; sie sind aber auch etwas Einzigartiges,

nicht ihren petrographischen Bestandteilen nach, sondern wegen ihrer

enggeschlossenen Reihenform. Orographisch wird dieser ganze Osten

Afrikas, in dem ich mich befinde, charakterisiert durch „Inselberge“,

wie sie der Geologe Bornhardt nennt. Der Name ist gar treffend; würde

sich der Erdteil um etliche hundert Meter senken, oder der Indische

Ozean um ebensoviel steigen, so würde das ganze Lukuledital, auch

das des Umbekuru und des Rovuma, sicher auch das mancher Flüsse von

Portugiesisch-Ostafrika, fernerhin dann die ganze riesige Ebene

westlich vom Wamuera- und vom Makondeplateau, einen gewaltigen See

bilden. Über dessen Oberfläche würden hier im Westen lediglich diese

klobigen, plumpen Gneiskuppen als winzige Inseln hervorragen, während

nach der Küste zu die genannten Plateaulandschaften sozusagen die

Kontinente auf diesem Stück Erdoberfläche darstellen würden.

Im allgemeinen sind diese Inselberge völlig regellos über das ganze,

weite Land zerstreut. Klettere ich auf eine der kleinen Kuppen

unmittelbar hinter meinem Wohnhaus, so vermag ich nach Norden, Westen

und Süden eine fast unabsehbare Schar dieser merkwürdigen Gebilde zu

überblicken. Meist liegen sie einzeln oder in Gruppen angeordnet da;

nur eine Anzahl von Tagereisen weiter im Westen häufen sie sich in der

Madjedjelandschaft in dichter Scharung zusammen. In unmittelbarster

Nähe bildet dann die Massassikette die andere Ausnahme. Der

Regellosigkeit der Anordnung entspricht auch eine große Verschiedenheit

der Höhe; viele dieser Kuppen sind nur winzige Hügel; andere wieder

ragen steil und unvermittelt noch 500 Meter und mehr über die hier bei

Massassi schon reichlich 400 Meter hochgelegene Ebene empor. Damit

erreichen also die höchsten dieser Berge die Höhen unserer deutschen

Mittelgebirge.

Über die Entstehung dieser seltsamen Bergformen habe ich als

Nichtgeologe natürlich kein Urteil. Nach Bornhardt, der in

seinem großartigen Werke „Zur Oberflächengestaltung und Geologie

Deutsch-Ostafrikas“ (Berlin 1900) die erdgeschichtlichen Züge dieses

Landschaftsbildes in bewunderungswürdiger Plastik geschildert

hat, sind alle diese Inselberge Zeugen eines uralten und niemals

unterbrochenen Kampfes zwischen der aufbauenden Tätigkeit des Meeres

und der abflachenden, nagenden, grabenden, erniedrigenden Wirkung des

fließenden Wassers und der Atmosphärilien. Er sieht diese Gegend zur

Primordialzeit als eine ungeheure Ebene lückenlosen Urgneises. In

sie gruben die Bäche und Flüsse im Laufe der Zeit ihre Täler, alle

in mehr oder weniger gleicher Richtung. Es blieben also nach Ablauf

dieses langdauernden Prozesses langgestreckte Bergrücken zwischen jenen

einzelnen Tälern stehen. Dann kam aber eine andere Zeit: an die Stelle

der Zerstörung trat die der Auflagerung; wo vordem Regen, Quellen,

Bäche und Ströme das zerkleinerte und zersetzte Gestein abwärts und

meerwärts getragen hatten, flutete jetzt das Meer selbst; es füllte

die Täler wieder aus und deckte auch wohl den ganzen, alten Schauplatz

mit seinen Sedimenten zu. Diese Sedimente wurden im Laufe weiterer

Zeiträume selbst wieder zu hartem Gestein. Und abermals wechselte

die Szenerie; wieder lag der Boden trocken, und wieder konnten Wind,

Regen und strömendes Wasser ihr Zerstörungswerk beginnen. Aber sie

arbeiteten diesmal in anderer Richtung; hatten sie den Detritus

vordem nach Norden oder Süden geführt, so schleppten sie ihn diesmal

rechtwinkelig dazu nach Osten. Und sie feilten und feilten, trugen

die ganze Oberdecke ab und zernagten auch die langen Rücken, die als

Reste der ersten Zerstörungsperiode noch übriggeblieben waren. Und als

sie schließlich auch dieses Urgestein bis zur Sohle der ersten Täler

hinweggenagt hatten, siehe, da zeigte sich, daß als kümmerlicher Rest

der alten, stolzen Gneisdecke lediglich diese in den Kreuzungspunkten

der beiden Abrasions- und Erosionsrichtungen gelegenen festen Kerne

übriggeblieben waren. Das sind eben diese Inselberge. Die Bornhardtsche

Theorie ist kühn; auch setzt sie ganz unmeßbare Zeiträume voraus, aber

sie ist als der plausibelste von allen Erklärungsversuchen allgemein

angenommen worden. In jedem Fall ist sie ein glänzender Beweis der

Kombinationsgabe deutscher Gelehrter.

Mit ihrem ungemein steilen Anstieg und der Unmittelbarkeit, mit der

diese wuchtigen Steinmassen der Ebene entsteigen, wirken alle diese

Berge, wo sie auch immer erscheinen, beherrschend auf die Umgebung

ein; wo sie aber so wundervoll geschlossen auftreten wie hier im

Mkwera, im Massassi, Mtandi, Chironji, Kitututu, im Mkomahindo, und

wie sie alle heißen die großen und die kleinen Erhebungen hier in

meinem Gesichtskreis, da sind sie etwas Unvergleichliches und dem

Forscher Unvergeßliches. Wird erst einmal die geplante Südbahn das

Stromgebiet des Umbekuru durchschneiden, so wird es keinen lohnenderen

Ausflugspunkt für unsere Weltreisebureaus geben als die Bergreihe von

Massassi!

Auch floristisch kommt der Besucher auf seine Kosten. Weilt man erst

im Schatten dieser Berge, so ist die Öde und Eintönigkeit des Pori

mit einem Schlage vergessen; Pflanzung reiht sich an Pflanzung,

Beet an Beet; Hirsefelder der verschiedensten Varietäten neigen

ihre fruchtschweren Kolben und Rispen in dem frischen Morgenwinde,

der nach der stickigen, heißen Luft des tagelangen Porimarsches

eine wahre Erquickung ist. Bohnen aller Art, Kürbisse und Melonen

erfreuen das Auge durch ihr frisches Grün; rechts und links vom Wege

breitet der Mhogo, der Maniok, seine sperrigen Zweige. Wo aber alle

jene Fruchtpflanzen noch eine Lücke gelassen haben, da klappert

die Basi-Erbse in ihrer Schote. Möglich ist diese für den Süden

Deutsch-Ostafrikas erstaunliche Fruchtbarkeit nur durch die geologische

Beschaffenheit des Bodens. Wohin der Fuß auf der großen Barrabarra

getreten ist, und wohin das Auge nördlich und südlich geschaut hat,

überall ist lehmiger Sand und sandiger Lehm an der Zusammensetzung der

obersten Erdschicht in erster Linie beteiligt; nur an Stellen größerer

Wasserwirkung sind hie und da nackte, glatte Gneisfelsen zutage

getreten, oder aber die Fußsohle ist knirschend über harte Quarzite

dahingewandert. Lediglich wo diese mächtigen Gneiszeugen das Einerlei

unterbrechen, da findet das den wirtschaftlichen Wert des Landes

prüfende Auge sich in vollem Maß befriedigt. Gneis verwittert leicht

und gibt einen guten Boden. Das haben auch die Schwarzen seit langem

entdeckt, und wenn sie auch die weniger fruchtbaren Teile ihrer Heimat

durchaus nicht verschmähen, so sind diese Zonen um die Gneisinseln doch

stets das bevorzugte Ziel autochthoner Besiedelung gewesen. Massassi

mit seiner gewaltigen, sich stundenlang hinziehenden Ausdehnung ist ein

typisches Beispiel eines solchen wirtschaftlichen Verständnisses.

Bei diesem Zusammenströmen aus aller Welt ist es kein Wunder, wenn

die Frage nach der Stammeszugehörigkeit der Massassileute ein wahres

Völkerchaos zur Antwort gibt: Makua, Yao, Wangindo, einzelne Makonde,

und zu alledem ein großer Prozentsatz von Küstenleuten; das sind die

freiwillig hergewanderten Elemente dieses kleinen Kulturzentrums. Zu

ihnen allen kommt ein Konglomerat von Stammeselementen des innersten

Afrika, das hier unter dem Namen Wanyassa zusammengefaßt wird. Diese

Wanyassa sind der lebende Beweis eines menschenfreundlich im höchsten

Sinne gedachten Experimentes, das leider nicht in dem Umfange gelungen

ist, wie es von jenen Philanthropen erwartet und erhofft wurde. Gerade

der Süden des heutigen Deutsch-Ostafrika ist vor Jahrzehnten der

Schauplatz des lebhaftesten Sklavenhandels gewesen; durch diese leicht

gangbaren, damals noch dichtbevölkerten Gefilde hat sich der von den

Arabern Sansibars und der Küste genährte und gepflegte Sklavenhandel

mit Vorliebe bewegt. Die Lage von Kilwa Kiwindje an einer Meeresbucht,

die so flach ist, daß wohl eine arabische Sklavendhau, nicht aber

die Überwachungsschiffe sittenstrenger Mächte dort landen und ankern

konnten, ist noch heute eine sprechende Erinnerung an diese dunklen

Zeiten der auch sonst nicht übermäßig sonnigen Geschichte Ostafrikas.

Um das Übel an der Wurzel zu fassen und es um so sicherer auszurotten,

haben englische Menschenfreunde viele Jahre hindurch die unglücklichen

Opfer, die in der Sklavengabel des Weges daherkeuchten, von ihren

Glaubensboten, den Missionaren, aufkaufen lassen und als freie

Männer angesiedelt. Das ist vor allem im Bannkreis der Gneiskuppen

von Massassi geschehen. Die christliche Welt hat die stille Hoffnung

gehegt, aus jenen Befreiten dankbare Glaubensgenossen und tüchtige

Menschen heranbilden zu können. Doch wenn man das Urteil erfahrener

Landeskenner hört, so gehört schon eine bedeutende Dosis von

Voreingenommenheit dazu, um in diesen befreiten Bekehrten etwas

Besseres zu sehen, als es die übrigen Neger sind. Es ist nun einmal so

und wird sich mit keinem Mittel wegleugnen lassen, daß das Christentum

dem Schwarzen nicht recht „liegt“, viel weniger jedenfalls als der

Islam, der ihm alle seine geliebten Freiheiten anstandslos beläßt.

Ich persönlich habe übrigens von irgendwelchen Nachteilen des

Charakters dieser Massassileute bis jetzt nichts gemerkt; wer mit mir

in Berührung gekommen ist, hat sich ebenso freundlich benommen wie

alle übrigen Landeskinder. An solchen Berührungen hat es trotz der

Kürze meines hiesigen Aufenthaltes bisher keineswegs gefehlt; ich habe

mich mit aller Energie, der ich fähig bin, in die Arbeit gestürzt und

habe die Überzeugung, daß ich bereits einen großen Teil des hiesigen

Volkstums mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.

Gleich der Anfang meiner Studien war außerordentlich vielversprechend.

Die Missionsstation Massassi liegt eine kleine Stunde weit

nord-nordöstlich von uns unmittelbar unter der Steilwand des Mtandi.

Dieser Mtandi ist der imposanteste Berg in der ganzen Kette; er steigt

nahezu senkrecht gleich hinter den Strohhütten der Mission in einer

riesigen Wand in die Höhe, um oben, 940 Meter hoch, in einer flachen

Kuppe zu endigen. Herr Bezirksamtmann Ewerbeck und ich hatten schon

beim Vorbeireiten am Tage unserer Ankunft in Massassi beschlossen,

diesem Mtandi einen Besuch abzustatten, und schon an einem der nächsten

Tage haben wir den Plan ausgeführt. Die Sache entbehrte nicht eines

gewissen Reizes; schon früh um 4½ Uhr, bei stockdunkler Tropennacht,

waren wir beiden Europäer und etwa ein halbes Dutzend unserer

Träger und Boys, sowie Ewerbecks Maskatesel und mein altes Maultier

marschbereit. So rasch es die Dunkelheit erlaubte, ging der Zug aus

der Barrabarra dahin, um in der Höhe des Mtandi links abzuschwenken.

Am Fuße des Berges blieben die Reittiere nebst ihren Wärtern zurück;

wir andern aber begannen unter Umgehung des Stationsgeländes unsere

Kletterübung.

Für meine Afrika-Expedition hatte ich mich mit Tippelskirchschen

Tropenschnürstiefeln ausgerüstet. Als ich diese in Lindi den „alten

Afrikanern“ zeigte, lachten sie mich aus. Was ich denn mit der einen

kümmerlichen Nagelreihe am Sohlenrande hier in Afrika wolle? Gleich

solle ich die Dinger zum Bruder Wilhelm senden, einem Laienbruder der

Benediktinermission, der sich zu Nutz und Frommen aller Europäer mit

der Verbesserung lederner Gehwerkzeuge befasse. Bruder Wilhelm hat

denn auch eine ganz herrliche Doppelreihe schwerer Alpennägel an meine

Stiefel gesetzt, und ich habe ein Paar von ihnen am ersten Marschtage

von Lindi aus getragen, -- aber dann nicht mehr! Sie zogen die Füße wie

Blei zur Erde, und zudem zeigte sich, daß der schwere Beschlag auf der

feinsandigen Barrabarra absolut überflüssig war. Später habe ich zu

meinen leichten Leipziger Schnürschuhen gegriffen, die das Marschieren

zum Vergnügen machen. Hier auf den scharfen Graten des Mtandi taten mir

die so schnöde behandelten Bergstiefel indessen ausgezeichnete Dienste.

[Illustration: Unsere Mtandibesteigung nach der Zeichnung von Juma (s.

S. 96).]

Ich will die Schilderung meiner Gefühle bei jenem Aufstieg lieber

übergehen! Es wurde heller und heller; wir kamen höher und höher; aber

ein Vergnügen war dieses Kraxeln, einer hinter dem anderen, von Fels

zu Fels und von Baum zu Baum wenigstens für uns beiden sehr behäbigen

und wohlgenährten Europäer keineswegs. Wir haben uns denn auch damit

begnügt, nicht die alleroberste Kuppe zu erreichen, sondern in einem

etwas niedrigeren Vorsprung das Ziel unserer Wünsche zu sehen. Dies

war verständig, denn von der erwarteten großartigen Aussicht war keine

Rede; Nebel in der Höhe, Nebel auch über das ganze weite Land hin, so

daß selbst die längste Expositionszeit so gut wie nichts auf meine

photographischen Platten brachte.

Dieser sonst so erfolglose Aufstieg hat wenigstens ein hübsches,

kleines Denkmal afrikanischer Kunst gezeitigt: eine zeichnerische

Wiedergabe der kraxelnden Karawane. Umstehend ist sie. Die Steilheit

des Berges deutet der schwarze Künstler ganz richtig durch die

senkrechte Stellung der Weglinie an. Das Gewirr von Kreisen und

Kurven am unteren Ende der Linie stellt die Missionsstation Massassi

mit ihren Gebäuden dar: dem Fundament einer Kirche, die, wenn sie

jemals fertig werden sollte, sämtliche bekehrten Heiden Afrikas und

der umliegenden Erdteile aufzunehmen vermöchte, so riesenhaft sind

die Abmessungen; dem ehemaligen Kuhstall, in dem die beiden alten

Reverends nach der Zerstörung ihrer schönen, alten Gebäude durch die

Majimaji ihre primitive Unterkunft gefunden haben; der Mädchen- und der

Knabenschule, beides ein paar große Bambushütten im Eingeborenenstil,

und den Wohngebäuden für das schwarze Lehrerpersonal und die Schüler.

Das Rankengewirr am obern Ende der Linie stellt den Gipfel des Berges

mit seinen Gneisblöcken dar. Die beiden obersten der kraxelnden Männer

sind der Kirongosi, der landeskundige Führer, und einer unserer Leute;

der dritte ist Herr Ewerbeck, der vierte bin ich. Der kaiserliche

Bezirksamtmann ist kenntlich an seinen Achselstücken mit den beiden

Hauptmannssternen; sie gehören zum Dienstanzug dieser Beamtenklasse.

Von allen Attributen der Weißen imponieren sie den Schwarzen sichtlich

am meisten, denn überall, wo z. B. Offiziere auf den in meinem Besitz

befindlichen Eingeborenenzeichnungen erscheinen, ist ihr Dienstgrad

unweigerlich und stets ganz richtig durch die Sterne angegeben worden.

Auch in der Zahl der Chargenwinkel auf den Ärmeln der weißen und der

schwarzen Unteroffiziere irren sich die schwarzen Künstler niemals.

[Illustration: Buschbrand auf dem Makonde Plateau.]

Negerleben in Ostafrika · 第 7 / 40 段