anders geartet als weiterhin westlich. Den größten Teil des Weges,
der Barrabarra, wie er im Trägerjargon heißt, das ist der etwa in
Sektionsbreite geschlagene Weg, auf dem sich der Großverkehr über die
weiteren Entfernungen hin abspielt, begleitet bis ungefähr Nyangao
ein dichter, 3 bis 5 Meter hoher Busch, über den sich vereinzelt
stehende, doppelt und dreifach so hohe Bäume erheben. Aus diesem Busch
herausgespart sieht der weiße Reisende mehrmals an jedem Tagemarsch
zur Linken und zur Rechten des Weges große, freie Stellen. Das ist
Kulturboden; er ist kenntlich am Fehlen jeglichen Unterholzes und an
den verkohlten Stümpfen der größeren Bäume. Zweifellos sind es alte
Dorfstätten. Aber wo sind die Häuser? Und wo sind die Bewohner, die
diesen Erdenfleck urbar gemacht haben? Hier finden Sie, Herr Geheimrat,
einen typischen Zug aus der Völkergeschichte Afrikas, insonderheit
der neueren, wie sie durch die moderne Plantagenwirtschaft und ihr
Arbeiterbedürfnis, sodann auch durch die Notwendigkeit des schwarzen
Askari inauguriert worden ist. An sich und ursprünglich ist der Neger
nicht scheu; im Gegenteil, er ist neugierig und schätzt einen regen
Lebensbetrieb. Aber er kann, vulgär gesprochen, nicht vertragen, daß
man ihm in die Töpfe guckt. Das geschah nun in der neueren Zeit in mehr
als erträglichem Maße. Jede Karawane von Binnenlandnegern, die nach der
Küste marschierte, sei es, um ihre Waren, Wachs, Tabak usw. abzusetzen,
sei es, um sich beim Weißen als Arbeiter zu verdingen, hielt es für
ihr natürliches Recht, sich von den Dorfbewohnern tränken und füttern
zu lassen. Doch auch selbst die Karawane eines Weißen ist geeignet,
derartige Belästigungen für die Dörfler mit sich zu bringen. Wie oft
habe ich es schon jetzt sehen müssen, daß unsere Leute sich bei jedem
Halt in die weit auseinanderliegenden Hütten verteilen, um irgendwelche
Dienste, und sei es auch nur den Trunk aus dem Schöpflöffel, zu
heischen. So gefällig und entgegenkommend der Neger auch sein mag, auf
die Dauer paßt ihm diese ewige Störung doch nicht, und deswegen zieht
er vor, die alten Hütten abzubrechen und die neuen weitab im dichten
Busch zu errichten, durch den nur ganz schmale, kaum auffindbare Pfade
führen.
Anthropologisch hätte man sich im Wamueragebiet unter den Indianern
wähnen mögen, so kupferrot erstrahlt ihre Haut. Ich hielt diesen
starkroten Unterton zunächst für ein besonderes Kennzeichen gerade
dieses Stammes, allein ich habe viele Individuen von ganz gleichem
Farbenkomplex auch später bei den Makua von Hatia, Nangoo und
Chikugwe, vereinzelt auch bei den hiesigen Yao und denen von Mtua
und Mtama getroffen. Überhaupt scheint es mir sehr schwer zu sein,
hier anthropologisch einwandfrei zu arbeiten; die Typen gehen zu sehr
durcheinander und ineinander über, als daß man dem einzelnen seine
Stammeszugehörigkeit an der Nase absehen könnte. Sehr wahrscheinlich
bestehen aber auch gar keine Stammesunterschiede, denn sie alle: die
Wamuera, Wangindo, Wayao, Makonde, Matambwe und Makua gehören der
großen Untergruppe der östlichen Bantu an. Das ist ein Grund mehr, von
meiner an sich so kostbaren Zeit noch weniger auf die Anthropologie zu
verwenden, als ich von Haus aus bereits geplant hatte. Mögen die Herren
mit ihren Meßgerätschaften, ihren Zirkeln und Stangen selbst hierher
gehen. Für uns Ethnographen gibt es einstweilen Eiligeres zu tun.
Doch ich wollte Ihnen, Herr Geheimrat, erzählen, wie schlecht es
den Wamuera augenblicklich ergeht. Wie Sie wissen, hat sich dieser
Völkerstamm geschlossen am Majimaji-Aufstande beteiligt; es hat
eine ganze Reihe von Gefechten gegeben; schließlich aber haben die
schwarzen Krieger und ihre Angehörigen es doch vorgezogen, sich vor
den siegreichen Deutschen im Busch zu verbergen. Ein Aufenthalt im
Freien während der Regenzeit ohne ausreichendes Obdach ist sicherlich
keine Annehmlichkeit; tritt nun, wie hier, noch hinzu, daß die Leute
nicht geerntet haben, weil sie am Beginn der Regenzeit nicht haben säen
können, so ist Tod und Verderben die unausbleibliche Folge. Jetzt,
wo die Haupträdelsführer zumeist gefaßt und in sicherem Gewahrsam
an der Küste sind, kommen die Überlebenden langsam wieder aus ihren
Verstecken hervor. Aber wie sehen sie aus, die Ärmsten! Mit einer noch
dickeren Schmutzkruste bedeckt als gewöhnlich, zum Skelett abgemagert,
mit Hautkrankheiten an zahlreichen Stellen des Körpers, entzündeten
Augen, und dabei einer Ausdünstung, daß einem schlecht werden möchte!
Doch sie erscheinen wenigstens wieder vor den Weißen, was als Zeichen
des neugefestigten Zutrauens zu unserer Herrschaft von nicht zu
unterschätzender Bedeutung ist.
Einige sehr starke Marschstunden hinter Nyangao passiert man den
Herrschersitz des „Sultans“ Hatia. Er ist nach Namen und Zahl der
Vierte auf diesem winzigen Makuathrone. Das Grab seines Vorgängers
Hatias III. liegt in einer tiefen Höhle auf dem Ungurueberge.
Dieser ist, richtiger gesprochen, eine Bergnase, die nach Norden weit
aus dem Makondeplateau in die Lukulediniederung vortritt. Man sieht
ihn von der Barrabarra aus schon tagelang vorher mit seinem rötlich
strahlenden Steilabsturz, den man treffend als das Wahrzeichen des
ganzen mittleren Lukuledigebietes bezeichnen darf. Auch in Sage und
Mythus der hiesigen Völker spielt der Berg die größte Rolle. Um ihn
rankten sich schon vor der Beisetzung Hatias III. die Sagen der
Vergangenheit; jetzt aber, wo der tote Negerfürst dort in dunkler,
jedem Uneingeweihten verbotener Schlucht von den Taten seines Lebens
ausruht, ist der Ungurue im Volksglauben zu einem Heiligtum geworden,
auf dem in mondhellen Nächten der verstorbene Herrscher seiner Gruft
entsteigt, die Geister seiner Untertanen um sich schart und mit ihnen
zur nächtlichen Ngoma antritt.
Hatia IV. war erst unmittelbar vor unserer Ankunft in seine
Residenz zurückgekehrt; er hatte an der Küste für einige Zeit Muße
gehabt, über seine Beteiligung am Aufstand nachzudenken. Jetzt machte
er mir den Eindruck eines völlig gebrochenen Mannes, dem es körperlich
ebenso schlecht erging wie seinen Untertanen; er wohnte nicht besser
als diese und hatte auch sicherlich ebensowenig zu beißen wie sie. An
dem Tage, wo wir für einige Zeit bei Hatia haltmachten, war er doppelt
traurig; wenige Stunden vorher hatte ein starker Löwe, der wegen seiner
Frechheit im ganzen Lande berühmt ist, aus seiner nächsten Nähe eine
Frau geholt; noch sah man die ungeheuren Pranken im Sande abgedrückt,
so daß man den Weg des Räubers um die Hütte herum genau verfolgen
konnte. Entgegen aller Löwengewohnheit hatte das Tier seine Beute fast
am hellen Tage direkt aus der Hütte herausgeholt. Mann, Frau und Kind
hatten friedlich in dieser gesessen; da war der schwere Körper des
Tieres auf die zunächst sitzende Frau gestürzt. Der Ehemann hatte zwar
versucht, die Gattin zu halten, aber er war krank und schwach, und
so hatte das Tier spielend gesiegt. Längere Zeit noch hatte man das
„~nna kufa, nna kufa~, ich sterbe, ich sterbe“ der Unglücklichen
im Pori verhallen hören. Zu helfen hatte keiner vermocht. Denn einmal
besaßen die Leute nach dem Aufstand keine Gewehre, und selbst wenn
sie diese gehabt hätten, würde ihnen das Pulver gefehlt haben, dessen
Einfuhr seit einiger Zeit gesperrt ist.
Als Rächer wird der Neffe und Erbe Hatias IV. auftreten. Er ist
ein hübscher, kohlrabenschwarzer Jüngling mit krausem Schnurrbärtchen
auf der Oberlippe und einem beneidenswert dichten, krausen Haarwuchs
auf der Schädeldecke. Mit einem stolzen Gewehr bewaffnet, ist er mit
uns von Lindi heraufgekommen, um das Gebiet seines Stammes von der
Löwenplage zu befreien. Man kann hier wirklich von einer solchen Plage
reden; es heißt, daß der ganze, lange Weg von Nyangao bis Massassi
unter vier Löwenpaare aufgeteilt sei, die nichts Besseres zu tun haben,
als ihre Wegstrecke nach menschlichen Opfern abzupatroullieren. Selbst
die drei Missionare von Nyangao sind vor dem König der Tiere nicht
sicher; ist es doch kürzlich passiert, daß Pater Clemens auf einem
Spaziergang plötzlich einem großen Löwen gegenüberstand, der ob des
Geschehnisses allerdings ebenso verdutzt war wie der Gottesmann.
Daß der Löwe von Hatia sein Opfer sogar aus dem Hausinnern
holen konnte, verstehe ich angesichts der Bauart der jetzigen
Wamuerahütten recht wohl. Wenn jemand Lust hat, Studien über die
Entwicklungsgeschichte des menschlichen Wohnhauses zu machen, hier
könnte er die Anfänge sehen. Es sind schon bessere Bauten, wenn sich
zu den Seitenwänden auch noch Giebelteile gesellen; zumeist sind diese
Wohnungen nichts mehr und nichts weniger als zwei schräg gegeneinander
gelehnte, aus Strohbündeln notdürftig zusammengearbeitete Wände. Es
kommt hinzu, daß die Wamuera diese Urhütten, wenn man so sagen darf,
wohl oder übel im unberührten Pori haben aufstellen müssen; fehlen
ihnen doch nach dem Verlust aller ihrer Habe -- ihre Dörfer sind als
ihr einziger wertvoller Besitz von unseren Truppen natürlich dem
Erdboden gleichgemacht worden -- selbst die Werkzeuge zur Urbarmachung
der Felder und zum Lichten des Waldes. Freie Plätze scheut der Löwe, im
Pori aber fühlt er sich heimisch; er betrachtet es als sein natürliches
Jagdrevier und schleicht sich in ihm zum tödlichen Sprunge bis dicht an
die Hütten heran.
Eins hätte ich beinahe vergessen, Ihnen zu berichten. Was sind die
berühmten Botokuden mit ihren Lippenscheiben gegen die Völker des
Südens von Deutsch-Ostafrika! Schon in Lindi hatten die Herren mir den
Mund wässerig gemacht mit Erzählungen von dem abenteuerlichen Äußern
der Wamuerafrauen. Aber wie weit sind jene Schilderungen hinter der
Wirklichkeit zurückgeblieben! Bilder sagen hier mehr als lange Worte,
sie sprechen klarer und verständlicher; schauen Sie, Herr Geheimrat,
sich demnach lieber die Typen an, die ich Ihnen gleichzeitig mitsende.
Daß das Makondeplateau und seine Umgebung mit zu dem großen Bezirk des
+Pelēle+, der Lippenscheibe, gehört, habe ich bereits seit langer Zeit
gewußt, aber eine brauchbare Abbildung hatte ich in der Literatur bis
zu meinen eigenen Aufnahmen noch nirgends entdecken können. Es scheint
in der Tat so, als wenn meine Vorgänger hier im Lande entweder nicht
haben photographieren können, oder aber, als wenn ihre Apparate bereits
vor der Erreichung des Pelelegebietes dem Klima zum Opfer gefallen
seien!
[Illustration: Muerafrau.]
Das Pelele oder, wie es im Kimuera heißt, Itona, ist auf das weibliche
Geschlecht beschränkt, bei ihm aber ist es allgemein. Es ist ein
Pflock, bei älteren Individuen auch eine wirkliche Scheibe aus
schwarzem Ebenholz oder einem hellen, mittels geschlämmter Tonerde
schneeweiß gefärbten anderen Holz, die sich in die durchlochte und
ausgeweitete Oberlippe zwängt. Selbstverständlich läßt sich nicht
sogleich eine talergroße Itona in diesen Körperteil einfügen, sondern
man fängt mit einem winzig kleinen Fremdkörper an, um im Laufe
langer Jahre das Maximum des Pelele und damit auch den höchsten Grad
landesüblicher Schönheit zu erreichen. Die erste Durchlochung der
Oberlippe erfolgt schon im frühen Mädchenalter, zwischen dem 7. und
9. Jahre; sie geschieht mit dem ahlenförmig zugespitzten Ende des
Rasiermessers. Man versteht die Wunde am Zuheilen zu verhindern, indem
man dünne Fremdkörper, einen Strohhalm oder dergleichen, einfügt.
Systematisch vergrößert man die Zahl dieser Halme und damit die
ursprünglich so enge Öffnung. Später fügt man in sie den spiralförmig
zusammengerollten Blattstreifen eines Palmfieders hinein. Der ist
elastisch und treibt die Öffnung von selbst auseinander. Schließlich
erfolgt die Einfügung des ersten massiven Pflockes. Bei den Wamuera
schwankt dessen Durchmesser zwischen der Stärke eines Fingers und
dem eines Zweimarkstückes; bei den Makonde hingegen sollen diese
Oberlippenscheiben bei älteren Frauen bis zu doppeltem Durchmesser
vorkommen. Sie können sich denken, wie gespannt ich auf dieses Volk
bin. Überhaupt freue ich mich unbändig auf das Makondeplateau; für
unsere Wissenschaft ist es tatsächlich noch eine völlige ~terra
incognita~. Was wird dort alles zu finden sein!
[Illustration: Muerajüngling.]
Mit der Itona haben die Frauen indessen in der Ausschmückung ihres
eigenen Ich noch nicht genug getan; sie ist gleichsam nur die
Krönung des ganzen, großen Gebäudes menschlicher Eitelkeit, das zu
allen Zeiten und von allen Gliedern der Spezies ~Homo sapiens~
aufgerichtet worden ist und immer noch weiter ausgebaut wird, um die
eigene Individualität unter allen Umständen aus der Schar der übrigen
Stammesgenossen herauszuheben; zum stillen oder ausgesprochenen Neid
der eigenen Geschlechtsgenossen, zur Bewunderung für das andere
Geschlecht. Zur Itona tritt bei alten Frauen hier und da zunächst ein
Unterlippenpflock, Nigulila genannt. Lang und schlank, in ein rundes
Knöpfchen auslaufend, ragt er aus der welken Haut hervor; er soll die
Aufmerksamkeit von dieser ablenken und den Beschauer vergessen machen,
daß für die Trägerin dieses Schmuckes die Tage der Schönheit und der
Liebe längst vergangen sind. Ganz allgemein sind dann große Scheiben
oder Pflöcke in den aufgeweiteten Ohrläppchen. Weiterhin aber sieht der
verwunderte weiße Beschauer das Antlitz dieser Schönen mit auffallenden
Gebilden bedeckt. Von ferne gesehen, haben mir diese Frauen den
Aufenthalt in einer deutschen Universitätsstadt vorgetäuscht, wie sie
sich in einer hoffentlich nie erscheinenden Zukunft darbieten könnte.
Als flotter Bursch von Göttingen und Leipzig habe ich zu meiner Zeit
auch ausgesehen wie ein wandelndes Beefsteak, wie man bei uns zu sagen
pflegt, aber gegen diese prachtvollen, schön breit aufgelaufenen
Schmisse der weiblichen Wamueraburschen hätte ich nicht anzukämpfen
vermocht; im Zeitalter der Asepsis findet man dergleichen bei uns
überhaupt nicht mehr. Kommt man dann dem Trupp der Frauen näher, so
lösen sich die Terzen und Quarten zu tausend Einzelheiten auf; lang
ziehen sich die Reihen der Narbenkeloide über Stirn und Wange dahin,
verlaufen wagrecht oder senkrecht, oder bilden die verschiedensten
Figuren. Im einzelnen besteht jedes dieser Muster aus vielen, vielen
Hautschnitten, die, einander parallel, meist senkrecht verlaufen. Man
hat sie seinerzeit am Verheilen verhindert, indem man sie während der
Schorfbildung immer wieder von neuem aufgeschnitten hat. So sind sie
im Laufe von Wochen und Monaten zu merkbaren Wulsten geworden, die
in ihrer Gesamtheit die ganze Physiognomie in entscheidender Weise
beeinflussen.
[Illustration: Muerafrau mit Unterlippenpflock (s. S. 77).]
Und selbst hiermit ist dem Schönheitsbestreben der Wamuerafrauen noch
nicht genug getan. Wenn das Brust und Rücken umhüllende Tuch einmal
zur Seite gleitet, sei es durch eine unbeabsichtigte Bewegung der Frau
selbst oder durch das Vorrücken des von ihr unzertrennlichen Babys von
dem gewöhnlichen Ruhesitz auf dem Rücken der Mutter nach der Hüfte
oder gar nach der Vorderseite, so sieht das erstaunte Auge auch diese
Körperflächen mit denselben oder ähnlichen Mustern übersät wie das
Gesicht. Selbst Gesäß und Oberschenkel sollen von solchen Ziernarben
nicht frei sein. O menschliche Eitelkeit, was treibst du doch für
Blüten! ruft da der Ethnograph. Wollte er aber hinzufügen: Da sind
wir Wasungu doch bessere Menschen, so möchte er sich wohl am besten
unterbrechen. Denn zunächst tragen auch unsere Töchter, Frauen und
Schwestern noch immer recht hübsche Überlebsel genau der gleichen Sitte
in Gestalt ihrer Ohrringe; sodann aber dürfte unser Korsett, soweit es
von seiner Trägerin zu dem Zweck angelegt wird, die Vorzüge der Figur
zu heben, ebensosehr der Diskussion unterliegen wie die geschilderten
Schönheitsmittel der Afrikanerinnen. Ich hebe das Korsett ausdrücklich
als problematischen +Schmuck+ hervor, und auch nur so weit, als es
unsere Mädchen und Frauen verleitet, durch unvernünftiges Schnüren die
inneren Organe zu schädigen und dadurch vielleicht verhängnisvoll auf
die Nachkommenschaft einzuwirken. Als Bestandteil unserer europäischen
Kleidung halte ich es dagegen nicht nur für berechtigt, sondern sogar
für nötig, denn es scheint mir den Zug der mannigfaltigen Gewänder
immer noch besser zu verteilen als ein Paar den Hosenträgern der Männer
entsprechende Schulterbänder. Ein ganz klein wenig muß ich schließlich
sogar meinem Kollegen Max Buchner in München zustimmen, der auch aus
ästhetischen Gründen das Korsett verteidigt. Buchner hat seine berühmte
Reise zum Muata Jamvo tief unten im Kongobecken gemacht; er hat auch
andere Teile Afrikas studiert, die Südsee in den verschiedensten
Richtungen durchkreuzt, kurz, einen großen Teil von der Welt unserer
heutigen Naturvölker mit eigenen Augen gesehen; ihm steht also wohl
ein maßgebendes Urteil zu. Der Münchner Ethnograph meint nun, daß es
auch den Negerinnen und den übrigen mehr oder minder unbekleideten
Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts auf der Erde ganz dienlich
sein würde, ihrerseits zu einem unserem Korsett entsprechenden Gerät
überzugehen. Er wünscht es für diese Frauen nicht als Kleidungs-
und nicht als Schmuckstück, sondern lediglich als Büstenhalter. Und
da hat er ganz recht; so anmutig, vielleicht gar schön der schlanke
Körper der jugendlichen Negerin mit seinen zarten Formen uns berührt,
so widerwärtig wirkt bei den späteren Jahrgängen die durch mehrfache
Geburten und das überlang ausgedehnte Stillen der Kinder bewirkte
Mißbildung der Brüste. Sie sind wahrlich ein nichts weniger als schöner
Anblick, und wenn auch Buchner selbst nicht im mindesten daran denkt,
allen Negerinnen, Indianerinnen und Ozeanerinnen als höchstes und mit
allen Kräften anzustrebendes Ziel unseren europäischen Frauenpanzer
zu wünschen, so ist allen Verfechterinnen unseres viel angefeindeten
Korsetts in dem Münchner Gelehrten doch unstreitig ein ausgezeichneter
Sekundant erstanden.
In das Leben der Binnenlandstämme habe ich in der kurzen Zeit noch
nicht viele, aber doch recht interessante Einblicke zu tun vermocht.
Völkerpsychologisch bemerkenswert war mir während des Marsches nach
Massassi die Beobachtung, daß überall da, wo die Eingeborenen sich
aktiv am Aufstand beteiligt hatten, die Wege in tadelloser Ordnung
waren, während im Gebiet unserer Bundesgenossen hohes Gras, ja selbst
ganze Büsche die Barrabarra nur schwer passierbar machten. Die Braven
und Artigen pochen nun auf ihre Verdienste und sagen sich: „Wir können
es uns jetzt einmal eine Zeitlang leisten; uns wird der Mdachi, der
Deutsche, so leicht nichts tun, nachdem wir so wacker zu ihm gestanden
haben.“ Herr Ewerbeck hat aber trotz alledem den Akiden und den Jumben,
den Bezirkschefs und Ortsvorstehern, recht energisch den Standpunkt
klargemacht. Diese Organe sind nämlich für die Ordnung innerhalb ihres
Bezirks verantwortlich.
[Illustration: Lichte Baumgrassteppe mit Barrabarra in der Gegend von
Chingulungulu.]
Einen großartigen Anblick gewährt Afrika bei Nacht. Saß man während
des Hermarsches im Lager vor seinem Zelt, oder trete ich jetzt abends
vor die Tür der Barasa, des Rasthauses, in dem ich meinen Wohnsitz
aufgeschlagen habe: wohin auch das Auge schaut, ringsum am Horizont
wälzen sich rote Gluten durch die weite Ebene. Das ist das afrikanische
Brennen, ein Verfahren, das die Neger schon seit Jahrtausenden geübt
haben und welches Ihnen, Herr Geheimrat, als dem ausgezeichneten
Kenner der Geographie der Alten, schon seit Ihrer Jugendzeit, wenn
auch vielleicht unbewußt, geläufig ist. Sie wissen ja, als der alte
Karthager Hanno an der Westküste Afrikas gen Süden fuhr, erschreckte
ihn und seine Mannschaften nichts so sehr und nachhaltig als glühende
Feuerströme, die nachts von den Küstenbergen zur Ebene niederflossen.
Nach meiner unmaßgeblichen Meinung haben diese Feuerströme absolut
nichts mit dem Vulkanismus gemein, wie man sooft behauptet hat, sondern
es sind dieselben Brennprozesse gewesen, die von den Bewohnern des
schwarzen Erdteils zur Trockenzeit noch jetzt allnächtlich veranstaltet
werden.
Über den Nutzen oder Schaden dieses Brennens ist in unserer
Kolonialliteratur schon viel geschrieben worden; die einen verurteilen
es, weil es den Baumwuchs schädige, die anderen stellen sich auf die
Seite der Eingeborenen und sagen: nur dadurch, daß man das dichte,
hohe Gras und das Unterholz des afrikanischen Urwaldes in regelmäßigen
Zwischenräumen durch Feuer vernichte, könne man des Ungeziefers, das
sich sonst zu Myriaden vermehren würde, einigermaßen Herr werden;
zudem sei die Asche einstweilen noch das einzige Düngemittel großen
Stils. Ich halte mich nicht für berechtigt, den Streit der Meinungen
zu entscheiden; mich fesseln viel mehr allabendlich die prachtvollen
Leuchteffekte der nahen und fernen Flammenherde, die sich in der
dunstigen Atmosphäre in verschiedenster Helle und Farbe widerspiegeln.
Für den Reisenden gefährlich ist übrigens keiner dieser Brände; wo die
Flamme eine Partie vollkommen trocknen Grases erfaßt, da rauscht sie
wohl mit dem Knattern eines lebhaften Kleingewehrfeuers darüber hin;
aber sonst und im allgemeinen müssen die Menschen sogar noch durch
zielbewußtes Weitertragen des Feuerbrandes nachhelfen. In jedem Fall
haben sie Richtung und Ausdehnung des Feuers völlig in der Hand.
Dieses Brennen ist, soweit ich ein Urteil zu fällen berechtigt bin,
nur bei der ganz merkwürdigen Vegetationsform möglich, die den
größten Teil Afrikas charakterisiert und die auch die große, weite
Ebene hier im Westen und Nordwesten des Makondeplateaus in ihrer
ganzen Ausdehnung bedeckt. Das ist die „lichte Baumgrassteppe“, wie
der Geologe Bornhardt sie treffend genannt hat. In der Tat ist diese
Vegetationsform weder ganz Wald, noch ganz Steppe, sie vereinigt
vielmehr beides. Denken Sie sich einen besonders stark verwilderten
bäuerlichen Obstgarten bei uns daheim im deutschen Vaterlande, wo man
leider noch viel zu wenig Gewicht auf diesen Teil des Feldbaues legt,
und setzen Sie unter die struppigen, vereinzelt stehenden Apfel-,
Birnen- und Zwetschenbäume statt des bescheidenen deutschen Grases
dieses zwei, auch drei Meter hohe, fast rohrähnliche afrikanische;
untermischen Sie es dann mit einem dornigen, aber ebenfalls nicht
sehr dichten Unterholz, und verbinden Sie schließlich die Kronen
der nicht übergroßen, d. h. sicherlich nicht über 10 bis 12 Meter
hohen Bäume, die trotz aller Varietäten doch ziemlich allgemein den
Eindruck unseres Ahorns erwecken, durch ein System luftiger Lianen.
Haben Sie das alles getan, so haben Sie, ohne weitere Betätigung Ihrer
Phantasie, diese Vegetationsform, die man hier mit dem allgemeinen
Namen +Pori+ bezeichnet, während im Norden der Name Myombowald
vorwaltet. Während der Regenzeit und unmittelbar nach ihr muß dieses
Pori seine unleugbaren Reize haben, ja Ewerbeck und sein Begleiter
Knudsen singen für diesen Zeitraum sein Lob in den höchsten Tönen.
Jetzt, im Juli hingegen, ist es alles andere als schön; weder
imponiert es durch die Zahl und Stattlichkeit seiner Bäume, noch
erquickt es durch irgendwelchen Schatten, noch bringt die Eintönigkeit
des Geländes Abwechselung in dieses ewige Einerlei, welches den
Reisenden gleich hinter Nyangao und nach dem Übergang auf das rechte
Lukulediufer begrüßt und welches ihn erst nach mehrwöchigem Marsch
hoch oben am oberen Rovuma freigibt. „Das also ist die Üppigkeit
der Tropen, und so sieht ein immergrüner Urwald aus“, dachte ich,
nachdem ich einen Tag lang diesen Genuß gekostet hatte. Genau wie in
bezug auf die angebliche Appetitlosigkeit des Weißen in den Tropen,
müssen wir also auch bezüglich der allgemeinen Vorstellungen von der
vermeintlichen Üppigkeit Äquatorialafrikas für eine bessere Belehrung
unserer Volkskreise sorgen. Sie machen sich sonst von der Zukunft
Deutsch-Ostafrikas übertrieben glänzende Vorstellungen.