gewisse psychologische Reize nicht absprechen kann; aber fast
noch interessanter als sie sind mir während meines nunmehr bald
anderthalbmonatigen Aufenthalts an der Küste die Weißen erschienen.
Daressalam ist groß genug und beherbergt so viele Angehörige unserer
Rasse, daß sich dort die Rassengegensätze zwischen Schwarz und Weiß der
Beobachtung durch den Neuling leicht entziehen; die Gegensätze aber
unter der weißen Bevölkerung selbst gleichen sich auf dem weitgedehnten
Raum der großen Siedelung wenigstens bis zu einem bestimmten Grade aus.
Das ungleich kleinere Lindi bietet zu keiner der beiden Möglichkeiten
den Raum; in der Enge seines Milieus und der Einförmigkeit seines
Lebens prallen hier die persönlichen Gegensätze unvermindert und
unabgeschwächt aufeinander, und in erschreckender Klarheit kann man
gerade in einem solchen Nest die ungeheuer rasche und starke Einwirkung
des Tropenaufenthaltes auf das seelische Gleichgewichtsvermögen
einer landfremden Rasse studieren. Es ist nicht meines Amtes, auf
die zum mindesten kuriosen Auswüchse unseres deutschen Klassen- und
Kastengeistes hinzuweisen; wie er selbst hier unter dem halben oder
ganzen Dutzend Europäern seine wenig genießbaren Früchte zeitigt;
wie das durch die soeben erfolgte Einführung der Zivilverwaltung
„entthronte“ Militär über diese Zivilverwaltung lächelt; und wie durch
Hinüberspielen des Sachlichen auf das Persönliche schließlich jedes
Zusammenleben und, was schlimmer ist, auch jedes Zusammenarbeiten
unterbunden werden kann. Dem Neuankömmling, der seine Verwunderung
über solche Verhältnisse äußert, sagt man mit einer Gelassenheit,
die mit der sonstigen dauernden Gereiztheit merkwürdig kontrastiert:
„Ach, was wollen Sie denn; das ist doch nicht bloß hier so; das
finden Sie überall.“ So scheint es in der Tat zu sein, nach allem zu
urteilen, was ich in diesen lehrreichen Wochen vernommen habe. Ich
hoffe indes, daß auch diese unliebsame Erscheinung nur eine von den
vielen Kinderkrankheiten ist, die schließlich jedes Kolonialvolk einmal
durchzumachen hat.
Völlig verständnislos aber stehe ich dem furchtbaren Jähzorn gegenüber,
mit dem jeder auf einen längern Aufenthalt im Lande zurückblickende
Weiße behaftet erscheint. Ich versuche einstweilen, ohne Schimpfwörter
und ohne Ohrfeigen meinen Weg zu gehen, aber man sagt mir einhellig,
ich würde im Laufe der nächsten Monate schon eines Besseren belehrt
werden. Jetzt kann ich in der Tat noch nicht beurteilen, ob es wirklich
nicht ohne Prügel geht: aber ich hoffe es doch.
Bewunderungswürdig ist bei den tiefen Schatten, die das Bild
des Europäerlebens hierzulande verdunkeln, die Virtuosität, mit
der sich die Herren wirtschaftlich zu behelfen wissen. Schon in
dem Kulturzentrum Daressalam denke ich mir das Ehrenamt eines
Messevorstandes nicht ganz leicht, trotzdem es dort Bäcker,
Schlächter und Läden aller Art in Hülle und Fülle gibt; aber wie muß
in dem entlegenen Küstennest der unglückliche Junggeselle sein Hirn
zermartern, um den hungrigen Magen seiner Tischgenossen nicht nur stets
etwas Neues, sondern überhaupt etwas bieten zu können! Der deutschen
Hausfrau, die bloß über die Straße zu schicken oder gar nur ans
Telephon zu treten braucht, mag es, wenn das Schicksal sie an der Seite
des Gatten in einen solchen Winkel Afrikas verschlagen hat, zunächst
seltsam vorkommen, wenn sie auf sichere Lieferung von Fleisch und
Gemüse, von Kartoffeln und Brot überhaupt nicht rechnen kann, sondern
sehr bald merkt, wie weitschauend für alle die tausend Kleinigkeiten,
die von unserm Wirtschaftsbetrieb unzertrennlich sind, vorgesorgt
werden muß. Konserven allein tun es nicht, das verbietet schon der
Preis; da heißt es denn auf Tage, ja unter Umständen auf Wochen
und Monate im voraus disponieren, und außerdem noch aus den wilden
Kräutern, die der schwarze Koch und sein Küchenboy ins Haus schleppen,
genießbare Gerichte herstellen. An der Küste sichert der Reichtum der
Gewässer an eßbaren Fischen noch immer einige Abwechselung; im Innern
fällt auch das weg. Und wenn es dann vorkommt, wie gerade jetzt, daß
selbst der Standard- und Charaktervogel Afrikas, das Huhn, und sein
Produkt, das Ei, versagen, dann steht es schlimm, und die Fürsorge für
eine größere Menschenzahl wird zu einem Problem.
Doch es ist merkwürdig, selbst die hartgesottensten Junggesellen
unter den deutschen Herren wissen dieses Problem zu lösen, nicht
immer elegant und sicherlich auch nicht immer zur vollkommenen
Zufriedenheit kritisch veranlagter Vorgänger im Amte, aber doch so, daß
zum mindesten der Neuling des Staunens und der Bewunderung voll ist.
Eine Berühmtheit in der ganzen Kolonie ist auf kulinarischem Gebiet
seit langem ~Dr.~ Franz Stuhlmann, der Begleiter Emin Paschas
auf dessen letzter, verhängnisvoller Reise, ein tüchtiger Ethnograph
und seit langem der Hüter und Pfleger der afrikanischen Pflanzenwelt,
soweit sie in den Dienst des Menschen gestellt werden kann. Stuhlmann
steht im Ruf, aus jedem Unkraut am Negerpfad ein wohlschmeckendes
Gericht herstellen zu können; er gilt als lebendiges Kochlexikon für
die Tropen. Andere haben es noch nicht soweit gebracht, doch erscheint
mir noch immer erstaunlich, was z. B. der Hauptmann Seyfried aus
den elementarsten Ingredienzien zu schaffen vermag, wie er salzt
und pökelt, wie er selbst bei der jetzigen Wärme vollwertige Gelees
herzurichten weiß, und wie vielgestaltig stets seine Tafel gedeckt ist.
Mit einem Irrtum der Heimat möchte ich gleich hier endgültig aufräumen.
„Herrgott, bei der Hitze kann man doch sicherlich nichts essen“, das
ist ein Ausspruch, der uns in Deutschland in Gesprächen über die Tropen
auf Schritt und Tritt an die Ohren schlägt. Und doch, wie ganz anders
liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit! Zunächst einmal ist die Hitze
durchaus nicht so unmenschlich groß, wie man das bei uns so annimmt,
wenigstens nicht während der Trockenzeit, wo an der Küste bei Tage
stets eine frische Seebrise weht; sodann aber ist der Stoffwechsel in
den Tropen ungleich reger als bei uns. So wundert es nicht einmal den
Neuling, wenn er sieht, daß die alten „Afrikaner“ schon in aller Frühe
ein sehr umfangreiches erstes Frühstück zu sich nehmen, bei dem Fleisch
verschiedener Zubereitung, aber auch Früchte keine geringe Rolle
spielen. Mittags tut es auch der kleine Beamte dort nicht unter zwei
Gängen und Nachtisch, und abends nach dem Dienst folgt dann bei allen
Ständen und Berufen eine Mahlzeit, die wir bei uns zulande hier dreist
als Festdiner bezeichnen würden. Diese ganze, anscheinend so üppige
Lebensweise verdient aber alles andere als Tadel und Mißbilligung;
sie ist im Gegenteil physiologisch durchaus berechtigt und notwendig,
soll der Körper den nachteiligen Einwirkungen des Klimas auf die Dauer
widerstehen. Den Neuankömmling wundert dieser Appetit deswegen nicht,
weil er ihn unbewußt teilt. Ich schlage in dieser Beziehung schon in
Europa eine ganz gute Klinge, aber was ich hier leiste, würde mich
sicherlich zum Schrecken mancher deutschen Hausfrau stempeln.
Nur mit dem Alkohol will es nicht recht. So gern und mit soviel
Verständnis ich daheim mein Glas Bier oder mein Glas Wein zu würdigen
weiß, und so eifrig wir Reisenden auch noch an Bord den Vorräten des
„Prinzregent“ an Münchener und Pilsener zugesetzt haben, seitdem ich
an Land bin, habe ich Bier überhaupt nicht mehr, Wein aber nur in ganz
geringen Quantitäten getrunken; an das Nationalgetränk der weißen
Deutsch-Ostafrikaner aber, Whisky und Soda, habe ich mich noch nicht
gewöhnen können. Für Lindi ist diese Enthaltsamkeit verständlich, denn
hier gibt’s kein Eis; doch auch in Daressalam, wo die Bierbrauerei
von Schultz die ganze Stadt täglich mit Eis versorgt, habe ich den
alkoholischen Getränken keinen Geschmack abgewinnen können. Für meine
Reise ins Innere gereicht mir dies sehr zum Vorteil, denn ich bin unter
diesen Umständen der Mitnahme irgendwelcher Flaschenbatterien überhoben.
Erfreulicherweise nähert sich mein unfreiwilliger Küstenaufenthalt
jetzt seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist Herr Bezirksamtmann Ewerbeck
aus dem Innern zurückgekehrt; er ist liebenswürdigerweise bereit, mit
mir schon übermorgen wieder aufzubrechen, um mich mit einem Teil der
Polizeikompagnie durch das Aufstandsgebiet der Wamuera bis Massassi
zu geleiten. Im mittlern Lukuledital gibt es für ihn noch mancherlei
zu tun; die meisten Rädelsführer aus dem Aufstande sind zwar bereits
längst gefangen und zieren als „Kette“ die Straßen von Lindi; nach
anderen wieder wird noch immer gefahndet. Das wird noch manches Schauri
kosten. Von Massassi muß Herr Ewerbeck sofort wieder nach Lindi zurück,
um hier die Reichtagsabgeordneten feierlich zu empfangen, die im August
auf ihrer vielbesprochenen Studienreise nach Ostafrika auch den Süden
der Kolonie auf kurze Zeit besuchen wollen. Möge die koloniale Idee im
deutschen Volk durch diesen Besuch der acht Männer immer festeren Fuß
fassen, dann soll es an einer Zukunft dieses Landes nicht fehlen!
Mein erster Blick in das Innere war übrigens keineswegs freundlich. Im
Laufe des Reitkursus, den Herr Hauptmann Seyfried mir seit einiger Zeit
erteilt, sind wir eines Abends auch auf den Kitulo geritten. Es ist ein
langgestreckter, ziemlich steiler Höhenzug von 175 Meter Seehöhe, der
sich unmittelbar hinter Lindi erhebt und die schmale Sandebene, auf der
die Stadt liegt, vom Innern des Landes trennt. Als Wahrzeichen unserer
Kultur trägt dieser Kitulo bereits seit Jahren einen Aussichtsturm. Als
ich diesen auf einer allerdings etwas gebrechlichen Leiter erstieg,
war die Sonne bereits untergegangen, und der ganze Westen, also
gerade der Teil des dunklen Kontinents, in den ich in den nächsten
Tagen eindringen will, breitete sich als eine dunkle, drohende Masse
vor mir aus. Einen Augenblick nur wollte es unheilverkündend in mir
aufsteigen, doch rasch besann ich mich auf mein altes Glück, das mich
noch niemals verlassen hat. „Ach was, ich zwinge dich doch“, sagte ich
halblaut, steckte mir mit philosophischer Ruhe eine neue Zigarre an
und erkletterte zum Heimritt den Rücken des mir von der Schutztruppe
in liberalster Weise auch für die Expedition zur Verfügung gestellten
Maultiers.
[Illustration: Die Ngoma Liquata, wie sie von mir kinematographiert
wird. Zeichner der Trägerführer Pesa mbili, ein Mnyamwesi (s. S. 451).]
Fünftes Kapitel.
Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke.
+Massassi+, 20. Juli 1906.
Herrn Geheimrat +Kirchhoff+, Mockau bei Leipzig.
Ihnen, Herr Geheimrat, traue ich zu, zu wissen, wo mein gegenwärtiger
Aufenthaltsort auf der Karte zu finden ist, vielen andern im
Lande der Dichter und Denker allerdings nicht, denn mit den
topographischen Kenntnissen ist es bei uns, das wissen Sie als
alter Hochschullehrer noch viel besser denn ich als junger, selbst
bei der akademischen Jugend gar schlimm bestellt. Und doch könnte
mancher Kolonialinteressent sehr wohl selbst über die Lage eines
Ortes wie Massassi unterrichtet sein, denn in seiner Art ist es ein
kleines Kulturzentrum. Seit fast einem Dritteljahrhundert wirkt hier
die englische Mission, und seit der Niederschlagung des Aufstandes
behauptet auch ein schwarzer Gefreiter mit einem Dutzend schwarzer
deutscher Soldaten in einer eigens dazu angelegten Boma tapfer das Feld
gegen etwaige neue Kriegsgelüste unserer schwarzen Brüder.
[Illustration: Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal.]
Ich habe es vorgezogen, mich bei den Soldaten einzuquartieren;
nicht etwa aus unkirchlichem Sinn und aus unfrommem Geiste heraus,
sondern weil die beiden Reverends auf der etwa eine Stunde von uns
entfernt gelegenen Missionsstation schon bejahrt und der Schonung
bedürftig sind. Zudem hat man ihnen die Station während des Aufstandes
niedergebrannt, so daß sie augenblicklich in ihrem frühern Kuhstall
ein mehr idyllisches als angenehmes Dasein führen. Trotzdem fühlen
sich die beiden alten Herren, wie ich mich bei zwei längeren Besuchen
überzeugt habe, außerordentlich wohl, und besonders Reverend Carnon,
der jüngere von beiden, interessierte sich für den „~Emperor and his
family~“ so lebhaft, als wenn er nicht in einem weltverlassenen
Negerdorf, sondern vor den Toren Londons mitten in der Kultur lebte.
Nur Mr. Porter läßt etwas nach; er ist aber auch schon hoch in den
Siebzig und seit Jahrzehnten im Lande. In früheren Jahren hat gerade
der ältere der beiden Missionare sich nachdrücklich mit dem Volkstum
seines Missionsgebiets, mit der Volkskunde der Wanyassa, Yao und
Makonde beschäftigt, so daß ich bis gestern hoffte, von ihm und
seinem regsameren Amtsbruder für meine Studien viel zu profitieren.
Aber ich habe eine Enttäuschung erlebt; sooft ich bei dem solennen
und durchaus nicht dürftigen Frühstück, das die beiden Geistlichen
uns zwei Weltkindern, Herrn Ewerbeck und mir, darboten, auf die
Völkerverhältnisse der Umgebung zu sprechen kam, erfuhr das Gespräch
unweigerlich eine Ablenkung in dem Sinne, daß man wieder zur „Family“
des deutschen Kaisers zurückkehrte, und vor allen Dingen natürlich
zum Emperor selbst. Er muß doch auch den anderen Nationen mächtig
imponieren!
Aber Sie, Herr Geheimrat, wollen erklärlicherweise mehr von Afrika und
seinen schwarzen Leuten hören als von den weißen Eindringlingen, und
seien sie selbst in der friedlichen Gestalt des Missionars gekommen.
Mit meiner Landung in Lindi am 22. Juni war mein Reiseplan im
Grunde genommen von selbst gegeben. Wenn man einen Blick auf die
Karte Ostafrikas wirft, findet man, daß die äußerste Südostecke
bevölkerungsstatistisch sich wie eine Insel aus der völkerleeren
Umrandung heraushebt. Wirklich ist auch, wie das der leider zu früh
verstorbene Geologe Lieder so treffend geschildert hat, das Gebiet
nördlich vom mittleren und zum Teil auch des oberen Rovuma, bis weit
über den Umbekuru und bis hoch in das Hinterland von Kilwa hinauf,
auf Hunderte von Kilometern hin schweigendes Pori, menschenleere
Wildnis, in der heute kein Negerdorf mehr von der friedlichen, dichten
Bevölkerung zeugt, die noch Roscher, Livingstone und von der Decken vor
nahezu einem halben Jahrhundert in diesen Gebieten vorgefunden haben.
Nur ein schmales, der Küste in einiger Entfernung entlang laufendes
Band verknüpft diese Völkerinsel mit dem Norden; ein anderes, ungleich
schwächeres verbindet es den Rovuma hinauf mit dem Nyassagebiet.
[Illustration: Mueramann und Yao.]
In dieser räumlichen Umgrenztheit ist der Südosten, d. h. das
Makondeplateau, das nördlich davorliegende Lukuledital und die weite
Ebene im Westen jenes Hochlandes, das idealste Arbeitsfeld für einen
Mann, der wie ich nur verhältnismäßig wenig Zeit zur Verfügung hat,
in dieser beschränkten Zeit aber doch etwas Abgerundetes liefern
möchte. Die Wamuera, die eigentlich als erstes Ziel gedacht waren,
habe ich zu meinem Kummer einstweilen zurückstellen müssen. Mit
dem kaiserlichen Bezirksamtmann Herrn Ewerbeck bin ich am 11. Juli
von Lindi abmarschiert. Ngurumahamba, der erste bemerkenswerte Ort
an der Lukuledistraße, hat noch ganz Küstencharakter; selbst ein
Steinhaus befindet sich dort unter den Suahelihütten. Aber schon am
zweiten Marschtage kommt man bei Mtua zu dem Völkerstamm der Yao. Sie
stellen den ersten ethnischen Gruß aus dem fernen Innern dar, denn
sie sind der äußerste Vorposten auf der großen Wanderung, die dieser
tatkräftige Völkerstamm seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus
seinen Ursitzen im südöstlichen Nyassagebiet in der Richtung nach der
Küste des Indischen Ozeans ausgeführt hat und noch weiter ausführt.
In bezug auf die Technik der Völkerwanderungen klammern wir uns
immer an das in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht richtige Bild,
das uns von den frühesten Schuljahren an über die Völkerwanderung
~par excellence~, die große Westbewegung unserer Altvorderen
vor anderthalb Jahrtausenden, entworfen wird. Wir denken an Mann und
Roß und Wagen, an eine geschlossene dichte Völkerwelle, die sich
schwerfällig, aber unwiderstehlich über die Länder dahinwälzt. Hier
nichts von alledem. Zwar sind diese Yao von Mtua wanderungstechnisch
nicht typisch für ihre Stammesgenossen, denn sie sind vor etwa einem
Jahrzehnt durch Hauptmann Engelhardt den Wangoni oben am Ostufer des
Nyassa abgejagt und hierher verpflanzt worden; aber sonst vollzieht
sich das Eindringen landfremder schwarzer Elemente hier im Süden ganz
lautlos, fast unmerklich: ein Trupp, eine Horde, eine Gruppe von
Familien, im besten Fall unter der Führung eines Häuptlings, ist eines
schönen Tages da, macht sich im Pori an geeignet erscheinender Stelle
ein Fleckchen urbar, baut ein paar lustige Hütten, und die Einwanderung
ist vollzogen. Mehr oder minder blutige Kämpfe zwischen Autochthonen
und Eindringlingen mögen in früherer Zeit wohl vorgekommen oder gar
die Regel gewesen sein, heute hört man nichts davon. Ob der Neger
toleranter geworden ist, oder ob die feste deutsche Hand, der natürlich
jeder Bevölkerungszuwachs nur lieb sein kann, eine Sinnesänderung
bewirkt hat, muß ich dahingestellt sein lassen.
In ihrem Äußern unterscheiden sich diese Yao kaum merklich von den
Suaheli der Küste; sie sind in genau dasselbe Kanga, den bekannten, in
Holland gefertigten Baumwollstoff mit den lebhaften Mustern gekleidet
wie die Küstenfrauen, wenn auch nicht so kokett, sauber und modern wie
die Mädchen der Modestadt Daressalam, allwo die Modemuster einander
rascher jagen denn selbst in Paris; und sie tragen auch alle denselben
koketten, kleinen Pflock im linken Nasenflügel wie die Damen der Küste.
Ursprünglich indisch, hat dieses „Kipini“, im Kiyao, dem Idiom der
Wayao, Chipīni genannt, seinen Siegeszug über die ganze Ostküste
Afrikas gehalten, und jetzt ist es im besten Begriff, als Sinnbild
höherer Bildung und feinerer Zivilisation auch die fortschrittlichen
Stämme des Innern zu erobern. In einfachster Form ein bloßer Zylinder
aus Pflanzenmark, wird es je nach dem Reichtum der Trägerin in den
besseren Exemplaren aus Ebenholz gefertigt oder gar aus Zinn oder
Silber hergestellt. Die Ebenholzpflöckchen sind fast immer in sehr
zierlicher, geschmackvoller Weise mit Zinnstiftchen ausgelegt. Nach
unseren Begriffen stellt das Chipini zunächst keine Verschönerung
des menschlichen Antlitzes dar; hat man sich aber erst einmal an den
Anblick gewöhnt, so findet man es doch ganz nett und ansprechend, denn
es verleiht dem braunen Gesicht der Trägerin unstreitig etwas Kokettes.
Recht schlimm sieht es im Gegensatz zu der gutbebauten küstennahen
Zone im weiteren Hinterlande bei den Wamuera aus. Symptomatisch
für das ganze Unheil, welches der von den Negern so kurzsichtig
heraufbeschworene Aufstand über diesen Teil Afrikas gebracht hat,
ist schon der Zustand von Nyangao. Es ist die Missionsstation der
Benediktiner. Patres und Schwestern wirkten hier bis zum Hochsommer
1905 einmütig an der Bekehrung und Unterweisung der Schwarzen. Dann
drang das Majimaji-Gift, die Zauberwasser-Idee, auch aufs Rondoplateau
und ins mittlere Lukuledital, und ehe die arglosen Glaubensboten sich
des nahenden Unheils versahen, war es schon da. Das Missionspersonal
ist damals nach hartnäckigem Kampf und unter Verlust einer der
Schwestern vertrieben worden, der umfangreiche Gebäudekomplex aber
fiel der Zerstörung durch die Aufständischen anheim. Wie Nyangao
augenblicklich aussieht, zeigt Ihnen die umstehende Photographie. Jetzt
sitzen die drei Väter, die es gewagt haben, auf den alten Arbeitsplatz
zurückzukehren -- sie sind mir übrigens vom „Prinzregent“ her liebe
Bekannte -- mitten auf dem Trümmerhaufen einsam in dem ehemaligen
Schwesternhause; unverdrossen aber und ungebrochen haben sie ihr so jäh
gestörtes Bekehrungswerk von neuem aufgenommen.
Der Majimaji-Aufstand bildet am Lagerfeuer und in den Gesprächen
der Neger noch immer den Hauptgegenstand der Unterhaltung, trotzdem
der Lindibezirk längst wieder beruhigt ist. Seiner Entstehung nach
gehört er zu den interessanteren Erscheinungen der menschlichen
Kriegsgeschichte, lehrt doch auch er, wie allgemein und wie rasend
schnell selbst große Bruchteile einer ganzen Rasse von einer einmal
aufgekommenen abergläubischen Idee ergriffen und zu einer von hoher
Begeisterung getragenen Einheit werden können. Soweit man heute bereits
ersieht, ist die dem Aufstande zugrunde liegende Idee die Abschüttelung
des Jochs der Weißen, das Mittel dazu die Aufrüttelung der gesamten
einheimischen Bevölkerung. Ohne „Daua“, ohne ein Zaubermittel, ist
diese Aufrüttelung beim Neger nur schwer oder gar nicht zu erzielen.
Daher kam auch ganz ohne Frage das Zurückgreifen der Anstifter dieses
verhängnisvollen Krieges auf die Zauberwasser-Daua. Über diese
sind verschiedene Versionen in Umlauf. Nach der einen wohnte der
eigentliche Anstifter an den Panganischnellen des Rufidyiflusses. Er
lehrte, er sei ein Abgesandter Gottes, mit dem er durch die Vermittlung
einer in den Schnellen wohnenden Schlange verkehre. Diese habe ihm
geheißen, allen Männern das heiße Wasser der Quellen bei Kimambarre zu
reichen; dann würden sie Kraft und Mut bekommen, die Deutschen in den
Ozean zu werfen. Das Wasser aber mache zugleich alle Kämpfer gegen die
Kugeln der Europäer unverwundbar.
Die andere Lesart weiß nichts von dieser Schlange und dem heißen
Wasser. Nach ihr, die mehr im Norden der Kolonie, in Usagara, in Umlauf
ist, veranstalteten die Zauberer überall in den Dörfern zunächst
gewaltige Pombegelage. Hatte das Bier dann seine Wirkung getan, so
wurden die Dörfler in den Plan des Rädelsführers eingeweiht; sie
bekamen ihre Daua, über die nichts Näheres gesagt wird, die aber auch
hier die Fähigkeit besitzt, ihren Träger gegen die Kugeln der verhaßten
Deutschen unverwundbar zu machen; die Geschosse verwandelten sich
einfach in Wasser, wenn sie aus dem Gewehrlauf kämen, hieß es. Die
zahlreichen Gefechte haben die Majimajimänner sehr bald eines anderen
belehrt; trotzdem ist der Fanatismus dieser Schwarzen, die selbst gegen
das vernichtende Feuer der Maschinengewehre, der „Bumbum“, bis auf
Speerlänge herangestürmt sind, wahrhaft erstaunlich. --
[Illustration: Ruinen der Missionsstation Nyangao (s. S. 69).]