Innern, was es bei seinem äußern Anblick verspricht. Freilich ist die
lange, gewundene Gasse, in der die Inder ihre Läden und Werkstätten
haben, ebenso häßlich, wenn auch hie und da nicht ohne malerischen
Anstrich, wie die entsprechenden Stadtteile von Mombassa, Tanga und
Daressalam, doch liegen die Eingeborenenhütten in den anderen Teilen
des weitläufig angelegten Städtchens alle in frisches Grün eingebettet.
Im Straßenleben walten gegenwärtig zwei Elemente vor: der Askari
und der Kettengefangene; beide stehen in inniger Wechselbeziehung
zum soeben beendeten Aufstand. Von der Schutztruppenkompagnie Nr. 3
liegt zwar der bei weitem größte Teil augenblicklich an strategischen
Punkten im Innern, in Luagala auf dem Makondeplateau, und in Ruangwa,
dem ehemaligen Gebiet des Häuptlings Seliman Mamba, weit hinten im
Wamueralande; trotzdem aber bleibt für die Garnison noch genug Khaki
übrig, ja, die ockerbraune Farbe unserer Soldatenbluse ist sogar
eine ständige Erscheinung im Straßenbilde. Überall in der Umgebung
der beiden Bomen, der alten Polizeiboma sowohl wie auch der neueren
Schutztruppenkaserne, zeigen sich lange „Ketten“, vor und hinter denen
je ein reisiger Krieger als Aufsichtsposten schreitet. Diese Ketten
sind, wie der Name sagt, durch Eisenketten aneinander gefesselte
Strafgefangene, die in dieser Weise ihre Schuld sühnen. Was ist bei
uns daheim im Reichstag über die Barbarei dieser Art von Strafvollzug
alles geredet worden, und wie oberflächlich ist die Mehrzahl der Redner
sicher über die Psyche und das Rechtsgefühl des Negers unterrichtet
gewesen! Immer und immer wieder haben berufene Federn, d. h. Männer,
die auf Grund eines langen Aufenthalts im Lande auch das Volk und
seinen Charakter kennen, darauf hingewiesen, daß für den Schwarzen ein
bloßes Einsperren keine Strafe, sondern eher eine direkte Anerkennung
seiner mehr oder minder großen Schandtat sein würde; aber wie wenig
hat das genützt! Wir Deutsche müssen nun einmal schablonisieren und
selbst so verschieden geartete Rassen wie Weiß und Schwarz über ein
und denselben Kamm scheren. Freilich, eine Annehmlichkeit ist das
Zusammengekettetsein mit rund einem Dutzend Leidensgenossen unter
keinen Umständen, wenngleich die Kette seitlich des Halses durch einen
weiten Ring läuft, so daß für den Einzelnen wenigstens eine geringe
Bewegungsfreiheit besteht; welche Unzuträglichkeiten bringt allein
die ungleiche körperliche Organisation in bezug auf die Befriedigung
natürlicher Bedürfnisse mit sich! Doch zu ihrem Vergnügen werden die
Leute ja auch nicht angekettet.
[Illustration: Seliman Mamba.]
Besonders schwere oder gesellschaftlich hervorragende Übeltäter
scheinen übrigens den Vorzug der Einzelhaft zu genießen. In den
Gesprächen der wenigen Europäer, die augenblicklich in Lindi leben,
kehrt am häufigsten der Name Seliman Mamba wieder; er hat im Aufstande
des Südbezirks so lange die Führung innegehabt, bis man ihn schließlich
erwischt hat, und nun harrt er im Lazarett von Lindi der Vollstreckung
des jüngst über ihn gesprochenen Urteils. Da er eine ganze Reihe von
Menschenleben, auch das von Europäern, auf dem Gewissen hat, so hat
er sein Schicksal wohl verdient. Als historische Persönlichkeit, die
in den Annalen unserer Kolonie zweifellos lange weiterleben wird,
war Seliman Mamba wohl der Verewigung seiner Züge würdig, und darum
habe ich ihn eines schönen Tags im Hofe des Lazaretts photographiert.
Der Mann war sichtlich leidend und konnte die schwere Kette nur mit
größter Anstrengung mit sich tragen. Seine unmittelbar bevorstehende
Hinrichtung wird für ihn in jeder Beziehung eine Erlösung sein.
Weitaus erfreulicher als alle diese Einblicke in die Folgen
des Aufstandes sind die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen
Beschäftigung mit meinen eigenen Leuten und den Suaheli gewesen. Meine
Wanyamwesiträger scheinen das tatenlose Stillsitzen nicht vertragen
zu können; vom zweiten Tage unseres Aufenthalts in Lindi an belagern
sie mich von morgens früh bis abends spät mit der stummen oder auch
lauten Bitte, ihnen Beschäftigung zu geben. Das habe ich auch mit
vielem Vergnügen getan; die Leute haben zeichnen müssen, soviel sie nur
wollten, und haben auch in meinen Phonographentrichter singen dürfen,
sooft sich dazu die Gelegenheit bot. Schon jetzt zeigt sich, daß
unsere etwas abenteuerliche und vom Meergott durchaus nicht freundlich
behandelte Fahrt auf dem „Rufidyi“ wenigstens +ein+ versöhnendes
Ergebnis gezeitigt hat: bei meinen Leuten haben sich ihre Leiden und
die daraus entsprungene Behandlung seitens der Schiffsmannschaft zu
einem Liede verdichtet, das sie jetzt gern und oft, mit viel Ausdauer
und auch mit durchaus ansprechender Vortragsart singen. Hier ist es:
[Music:
~Weise A.~
~To_ko_ke_yu_la pa_ka kwä_u_pe To_ko_ke_yu_la mu_me_ri wa_wa
to_ka_ti_a na_nan_ga~
~Weise B.~
~u_lu_ke_yew_one ta_bu wa_wa ta_bu_ya fu_ma kwe_li ya ku_o_la_ga
yu_ku_fu_lu mun_gu su_mi_rai yu_wa_ki_ba_lu.~
]
Dem Inhalte nach heißt das etwa folgendermaßen:
„Wir sind Tag und Nacht, bis zum hellen Tage, an Bord gewesen und
haben dann Anker geworfen. Die Baharia an Bord, die Matrosen, aber
haben gesagt: Ihr Schensi aus dem Innern, ihr werdet euch tot speien.
Aber wir sind doch heil nach Lindi gekommen und haben (zu den Baharia)
gesagt: Ihr habt Gott verspottet (indem ihr sagtet, wir würden
sterben), aber wir sind doch gesund angekommen.“
Diese Sangeslust ist für die Wanyamwesi charakteristisch. Im
Laufe meines unfreiwilligen Aufenthaltes habe ich schon manchen
Photographierbummel unternommen, bei denen mich meine Leute gar zu
gerne begleiten. Dann muß ich die wenigen Gerätschaften, die zu solchem
Vorhaben nötig sind, immer auf möglichst viele meiner Braven verteilen,
damit nur ja auch jeder etwas zu tragen hat. Es dauert dann niemals
sehr lange, bis Pesa mbili, der Mnyampara oder Trägerführer, mit seiner
wohlklingenden Stimme zu singen anhebt, worauf dann prompt und in
bewunderungswürdigem Takt der Chor einfällt. Auch von diesen kleinen
Marschliedern hier eine Probe:
~Kabowé kabowé komässó; Namuki kabowé komässó.
Wambunga kabowé komässó, Namuki kabowé komässó.
Ki kabowé komässó. Wamuera kabowé komässó;
Ki kabowé komässó: Wakumbwa kabowé komässó.~
Wir schießen, wir schießen mit den Augen; die Namuki schießen wir
mit den Augen,
Die Wambunga schießen wir mit den Augen; die Namuki schießen wir
mit den Augen,
Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wamuera schießen wir mit
den Augen;
Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wakumbwa schießen wir mit
den Augen.
Dem Inhalt dieses Liedes nach zu urteilen, müssen die Wanyamwesi
gut deutsch gesinnt sein, denn sie ziehen der Reihe nach gegen alle
aufständischen Völker des Südens zu Felde und zerschmettern sie. Die
Namuki sind identisch mit den Majimaji, den Aufständischen von 1905/06.
Das Vortragstempo ist ein rasendes Parlando, das eine Wiedergabe in
Notenschrift unmöglich macht. Der Ausruf „ki“ bezeichnet nach der
übereinstimmenden Schilderung Pesa mbilis und der Intelligenteren
unter seinen Freunden den Ausdruck der Kraft, mit dem die Rugaruga,
die Hilfskrieger, dem verwundeten Feinde den Schädel zerschmettern,
und sei es selbst mit dem Stoß oder Schlag der eigenen Ferse. Mit
Wucht stampfen die Sänger bei jedem „ki“ den Boden, daß er erzittert;
fast glaubt man bei diesem „ki“ das Krachen der Schädel zu hören,
so völlig vermögen sich selbst diese friedlichen Söhne des Nordens
von Deutsch-Ostafrika in die Greuel des verflossenen Aufstandes
hineinzuversetzen. Dieses Trutzlied ist nämlich sicher nicht eigene
Komposition meiner Leute; es ist von andern Stammesgenossen übernommen
worden, die im letzten Feldzuge Kriegsdienste als Rugaruga geleistet
haben und sich nun beschäftigungslos in Lindi herumtreiben. Einige von
ihnen habe ich für den Marsch nach Massassi noch als Träger mieten
müssen; sie sind in ihrem ganzen Auftreten viel bestimmter, trotziger
als meine sanften, großen Kinder von Daressalam, so daß ich froh sein
werde, sie nach Erreichung des Zieles wieder loszuwerden. Von ihnen,
denke ich, wird das Lied stammen.
[Illustration: Yao-Frauen von Mtua.]
Da ich nun einmal bei der Musik bin, will ich auch noch ein übriges
tun und ein dem Inhalte nach dem vorigen eng verwandtes Marschlied der
Sudanesensoldaten bringen, welches mir der Sol (Feldwebel) Achmed bar
Schemba und ein paar Sektionen aus der dritten Schutztruppenkompagnie
auf Befehl ihres Kompagnieführers, des trefflichen alten „Afrikaners“
Seyfried, in den Phonographentrichter sangen. Wie aus Erz gegossen,
stand der kleine Sol vor der aufnahmebereiten Maschine; die braunen,
hageren Krieger aber aus Dar For und den Nebenländern traten hinter ihm
an wie auf dem Exerzierplatz: zweigliedrig, genau auf Vordermann. Es
war nicht leicht, sie in die zweckentsprechende Keilform umzustellen.
Das Lied lautet:
[Music:
~Solo. (Weise A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor. (Weise A) stets gleichbleibend.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
]
Nach Aussage der Sänger, die vorwiegend Nubier sind, ist das
Lied im Dialekt von Dar For abgefaßt, ihrer Muttersprache. Eine
wörtliche Übersetzung ist für mich noch nicht zu erlangen gewesen.
Dem Inhalt nach bedeutet der mit beneidenswerter Lungenkraft und
bewunderungswürdiger Ausdauer gesungene Text etwa folgendes:
„Wir sind allezeit stark. Der Jumbe ist aufgehängt worden, auf Befehl
Gottes. Der Hongo, der Rädelsführer im Aufstand, ist gestorben; auf
Befehl Gottes.“
So viel über die Ergebnisse meiner musikalischen Forschung, soweit
sie den hier landfremden Elementen der Wanyamwesi und der Nubier
angehören. Ob die Ngomenlieder, die ich in Lindi bisher von den
Angehörigen einiger Binnenlandstämme, vor allen der Yao, auf der Walze
niedergelegt habe, gelungen sein werden, kann ich noch nicht sagen,
da, wie ich zu meinem Entsetzen merke, meine Aufnahmewalzen unter der
Wirkung der feuchten Wärme anfangen weich zu werden, so daß ich zwar
Aufnahmen machen, aber keine Wiedergaben riskieren kann, ohne die ganze
Aufnahmeschicht zu gefährden. Schöne Aussichten für die Zukunft!
Psychologisch hochinteressant ist das Verhalten der Naturkinder
meinen verschiedenen Apparaten gegenüber. Die photographische Kamera
ist, wenigstens an der Küste, nichts Neues und Ungewohntes mehr;
mit ihr hat man demgemäß auch weniger Schwierigkeiten, auch zeigen
sich die Eingeborenen über die Ergebnisse des Verfahrens nicht
merklich erstaunt. Als Übelstand kommt höchstens in Betracht, daß die
Angehörigen des weiblichen Geschlechts sich der Aufnahme meist durch
schleunigste Flucht zu entziehen wissen. Dem war schon in Daressalam
so. Ganz ohne Verständnis hingegen steht das Volk dem Kinematographen
gegenüber; er ist eine „Enchini“, eine Maschine, wie so vieles andere
auch, was der „Msungu“, der Weiße, mit ins Land bringt; und wenn
nun der Weiße eine zierliche Kurbel an dem kleinen schwarzen Kasten
dreht und in dumpfem Rhythmus dabei zählt: 21, 22, 21, 22, so heimelt
den Schwarzen wohl dieser Rhythmus an, da seine Arbeitslieder im
allgemeinen von derselben stumpfsinnigen Einförmigkeit sind, aber
was bei dem ganzen Vorgang herauskommen soll, versteht er nicht im
mindesten; auch ist es ihm vollkommen gleichgültig.
[Illustration: Mädchen aus Lindi.]
Aber der Phonograph, der ist eine Enchini ganz nach dem Herzen
des schwarzen Mannes und auch der schwarzen Frau. Es wird für
mich immerdar, und sollte ich steinalt werden, eine der nettesten
Erinnerungen meines Afrikaaufenthaltes bleiben, wie auf dem
Deversschen Hof in Daressalam sich ein paar Angehörige des zarten
Geschlechts mit dem Apparat abgefunden haben. Nachdem auf dem
hinten im Eingeborenenviertel gelegenen Festplatz die Ngomen der
verschiedenen Völkerschaften, hier der Manyema, dort der Wasaramo,
drüben irgendeines Küstenklubs, sich in ihren zum Teil scheußlichen,
aber durchweg malerischen Kostümen genugsam produziert hatten, war
ich an der Spitze eines nach Hunderten zählenden Teils der Tänzer und
Tänzerinnen vor mein Zimmer gezogen, um hier auch den gesanglichen
Teil festzulegen. Alles war nach Wunsch gegangen; jedesmal aber, wenn
ich die Membranen gewechselt und statt des Aufnehmers den Wiedergeber
eingeschaltet hatte, und wenn dann der vielgliedrige Gesang in genau
demselben Rhythmus und in genau derselben Klangfarbe, mit der er in
den geheimnisvollen Trichter hineingesungen worden war, wieder aus ihm
hervorquoll -- welch grenzenloses und dabei doch freudiges Erstaunen
malte sich dann auf den von der Anstrengung des Singens und Tanzens so
schweißglänzenden Gesichtern! Ganz unfehlbar fiel in jedem Einzelfall
der Chor naiver Seelen ein, um allerdings von den „gebildeteren“
Elementen sehr bald durch spöttisches Gelächter eines Besseren belehrt
zu werden.
Doch den schönsten Ausdruck unbefangenen Naturempfindens gaben
am Schluß der Aufnahme, nachdem ich mit dem geringen Vorrat von
Suaheli-Redensarten, über den ich damals verfügte, meiner Befriedigung
über den Verlauf des Nachmittags Ausdruck verliehen hatte, zwei
weibliche Wesen wieder, die mir vordem nicht nur durch die Eleganz
ihrer Gewandung, sondern mehr noch durch die ungeheure Kraft ihrer
Stimmen aufgefallen waren, mit der gerade sie beide in den unmittelbar
vor ihnen aufgebauten Trichter hineingesungen hatten. Der dichte
Schwarm wich zurück, so daß der Trichter einen Augenblick freistand;
in den freien Raum aber trat zuerst die eine der Schönen, machte vor
dem Apparat einen tadellosen Hofknix und sprach: „~Kwa heri, sauti
yangu~, lebe wohl, meine Stimme!“ Damit trat sie zurück; die andere
schritt herzu, und auch sie wiederholte unter tiefer Verbeugung und
mit bezeichnender Handbewegung dieselben Worte. Psychologisch ist der
Vorgang deswegen so bemerkenswert, weil er offenkundig zeigt, wie dem
Neger das Sinnfälligste auch das Nächstliegende ist; indem beide Frauen
ihr Abschiedswort sprechen, hören sie ja noch selbst, daß sie ihre
Stimme nicht im mindesten verloren haben; trotzdem gilt sie ihnen,
weil sie sie vorher klar und unverkennbar aus dem Trichter haben
heraussingen hören, in diesem Augenblick als eingebüßt, und sie nehmen
förmlich Abschied von ihr.
[Illustration: Tanz der Weiber in Daressalam (s. S. 43).]
Über die Ergebnisse meiner auf die Kunstübung der Schwarzen gerichteten
Studien will ich lieber später im Zusammenhang berichten, wenn ich auf
Grund eines ungleich größern Materials einen breitern psychologischen
Einblick in die Künstlerseele des Negers gewonnen haben werde. So viel
kann ich indessen jetzt schon sagen, daß auch hier aller Anfang schwer
ist, schwer nicht nur für die ausübenden Künstler, sondern mehr noch
vielleicht für den Forscher. In Daressalam war die Sache einfacher;
mein Boy Kibwana, zu deutsch: der kleine Herr, das Herrchen, ein
Jüngling vom Stamme der Wassegedju aus Pangani, der ebensowenig wie der
Koch Omari, ein Bondeimann aus dem Norden der Kolonie, jemals einen
Bleistift oder ein Stück Papier in der Hand gehabt hatte, war schon zu
oft im Dienst von Europäern gewesen, als daß er meinem Auftrage, mir
einmal etwas zu zeichnen, z. B. die Kokospalme vor meinem Fenster oder
meinen Radiergummi, irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen gewagt
hätte; er malte eben drauflos ohne Rücksicht auf den Kunstwert des zu
erwartenden Ergebnisses.
Bei meinen Wanyamwesi, mit denen ich, schon um sie zu beschäftigen,
in Lindi den Anfang gemacht habe, frommt ein einfacher Befehl nicht
viel. Drücke ich einem meiner Getreuen Skizzenbuch und Bleistift in die
Hände mit der Aufforderung, etwas zu zeichnen, so ertönt unweigerlich
und unter einem verlegenen Lächeln ein verschämtes „~Si jui,
Bwana~, ich kann doch nicht, Herr“. Dann heißt es, den Mann nach
seiner Individualität behandeln; man kommt ihm energisch oder auch
mit sanfter Bitte; in jedem Fall aber habe ich gefunden, daß es am
meisten fruchtet, wenn man die Jünglinge bei ihrem Ehrgeiz faßt: „Ach
was, du bist doch ein kluger Kerl, ein ~mwenyi akili~; sieh doch
mal her, dein Freund Yuma da drüben, der doch lange nicht so klug ist
wie du, was kann der schön zeichnen; hier setz’ dich mal hin und male
einmal gleich den Yuma selbst ab.“ Einer derartigen schmeichelhaften
Hervorhebung ihrer Verstandeskräfte haben bisher unter meinen Leuten
nur ganz wenige widerstanden, die, allen aufmunternden Worten zum
Trotz, auch fernerhin dabei blieben, sie könnten’s nun einmal nicht.
Den anderen ist es ergangen wie dem Löwen, der Blut geleckt hat: sie
sind unersättlich, und wenn ich zwei Dutzend Skizzenbücher mitgebracht
hätte, sie würden dauernd alle besetzt sein. Pädagogisch richtiger als
das von mir zuerst eingeschlagene Verfahren, dem Neuling die Auswahl
des ersten Objekts selbst zu überlassen, ist übrigens das andere, nach
dem man den Leuten zunächst einen ihnen ganz vertrauten Gegenstand,
eine Wanyamwesihütte, oder ein Huhn, eine Schlange oder etwas Ähnliches
zu zeichnen empfiehlt. Dann zeigt sich, daß sie mit einigem Zutrauen
zu sich selbst an die Arbeit gehen und daß sie auf ihre Meisterwerke
unbändig stolz sind, wenn ihr Herr auch nur das geringste Wort des
Lobes äußert. Selbstverständlich würde ich niemals auch nur den
Schatten eines Tadels auf die Zeichnungen fallen lassen; es ist ja
nicht der Endzweck meiner Forschung, zu kritisieren und zu verbessern,
sondern lediglich das künstlerische Vermögen der Rasse zu studieren und
die psychologischen Vorgänge beim Werden des Kunstwerks zu ergründen.
[Illustration: Alter portugiesischer Turm in Lindi.]
Das letztere erstrebe ich in der Weise, daß jeder meiner Künstler,
sobald er sich für ein Bakschischi, ein Künstlerhonorar, reif hält,
gehalten ist, mir seine Werke vorzuzeigen. Dann erhebt sich stets
ein meist recht langdauerndes, aber für beide Teile doch recht
kurzweiliges Schauri. „Was ist das?“ frage ich, indem ich mit der
Spitze meines Bleistiftes auf eine der krausen Figuren deute. „Mamba“,
ein Krokodil, ertönt es zurück, entweder mit einem leisen Unterton
der Entrüstung oder des Erstaunens über den Europäer, der nicht
einmal ein Krokodil kennt, oder aber in dem bekannten Ton der leisen
Beschämung, daß das Werk so schlecht ausgefallen sei, daß nicht einmal
der allwissende Msungu seine Bedeutung zu erkennen vermag. „So, also
ein Mamba; schön“, heißt es, und der Stift schreibt das Wort neben
die Zeichnung. „Ja,“ fällt nun aber ganz regelmäßig der Künstler ein,
„aber es ist ein Mamba von Unyamwesi“, oder aber „von Usagara“, oder
„vom Gerengere“, oder welcher geographische Begriff hastig hinzugefügt
wird. Unwillkürlich stutzt man und fragt: „Warum? Wieso?“ Und nun kommt
eine lange Erzählung: Das sei ein Krokodil, welches er und seine
Freunde -- folgen deren Namen -- damals gesehen hätten, als sie mit
dem und dem Europäer auf der Reise von Tabora nach der Küste gewesen
seien, und welches beim Übergang über den und den Sumpf oder über den
Gerengerefluß ihn auf ein Haar getötet hätte. Bei der Niederschrift
der ersten Kommentare achtete ich noch nicht sonderlich auf das stete
Anknüpfen an ein bestimmtes Ereignis; jetzt aber, wo ich doch immerhin
schon eine Menge Blätter mit Zeichnungen von Einzelobjekten, seien
es Tiere, Pflanzen oder Erzeugnisse menschlicher Kulturbetätigungen,
und mit ganzen Szenen aus dem Leben Innerafrikas besitze, ist es mir
klar geworden, daß der schwarze Künstler überhaupt nicht imstande ist,
ein Objekt an sich, sozusagen als Abstraktum, und losgelöst von der
Naturumgebung, und zwar einer ganz bestimmten Umgebung, zu zeichnen.
Wenn er den Auftrag bekommt, eine Wanyamwesifrau zu zeichnen, so
zeichnet er unbedingt seine eigene Frau, oder wenn er keine hat, eine
ihm persönlich nahestehende, bekannte; und wenn er eine Wanyamwesihütte
zeichnen soll, so verfährt er genau so: er zeichnet seine eigene
Hütte oder die seines Nachbars. Ebenso verhält es sich auch mit den
Genrebildern. Das sind keine Genrebilder in unserem Sinn, sondern es
ist sozusagen Geschichtsmalerei. Ich besitze bereits eine Reihe von
Szenen, in denen ein Löwe sich auf ein Rind stürzt, oder eine Hyäne den
Menschen angreift, oder wo sonst ein Auftritt aus dem Kampf der höheren
Organismen ums Dasein wiedergegeben wird. Stets heißt es dabei: „Hier,
das ist ein Löwe, und das ist ein Rind, aber das Rind gehörte meinem
Onkel, und es sind ungefähr vier Jahre her, da kam eines Nachts der
Löwe und holte es weg. Und das hier, das ist eine Hyäne, und der hier,
das ist mein Freund X., der auf dem Marsch von Tabora nach Muansa krank
wurde und liegenblieb; und da kam die Hyäne und wollte ihn beißen, aber
wir haben sie weggejagt und haben den Freund gerettet.“
Dies sind nur ein paar Stichproben aus der Art meiner Forschungsmethode
und aus ihren Ergebnissen. Ich habe die Überzeugung, auf dem richtigen
Wege zu sein. Freilich werde ich manchen Fehlschlag erleben und
vieles hinzulernen müssen, aber das ist ja eine allgemein menschliche
Erfahrung, mit der man sich zudem um so leichter abfinden wird, je
tatkräftiger man sich in seine Aufgabe hineinstürzt.
[Illustration: Unter Palmen.]
Mein Kraftmesser, der schon auf dem Dampfer im Roten Meer so gute
Dienste zur Herstellung freundschaftlicher internationaler Beziehungen
getan hat, bewährt auch hier wieder seine Zauberkraft. Weiß ich
mit meinen Leuten und ihren Freunden, die sie sich inzwischen in
Lindi erworben haben, gar nichts mehr anzufangen, so drücke ich dem
wackern Pesa mbili, der natürlich in allem den Vorrang haben muß, das
Stahloval in die Hand. Dann drückt er, und mit ihm schaut die ganze
dichtgedrängte Schar der schwarzen Kameraden gespannt aufs Zifferblatt
nach der Kraftleistung, gleich als verständen sie die geheimnisvollen
Zeichen zu deuten, die dort auf dem Messingbogen eingraviert sind.
Verkündige ich dann nach einem Blick meinerseits auf die Skala das
Ergebnis, selbstverständlich mit der bloßen Zahl und unter Weglassung
der Kilogramme, bei denen sich die Naturkinder doch nichts denken
könnten, so wird dieses erste Ergebnis mit einem gewissen, aber wohl
erklärlichen Gefühl der Unsicherheit entgegengenommen. Man weiß ja
noch gar nicht: ist das viel, oder ist das wenig, da noch der Maßstab
des Vergleichs fehlt. Erst beim Zweiten werden subjektive Empfindungen
ausgelöst; hat er statt der 35 Kilogramm seines Vorgängers deren nur
30 gedrückt, so ergießt sich über ihn schon ein Gelächter milden
Spottes; übertrifft er aber den Rivalen, so ist er ein Mwenyi mguvu,
ein Starker, dem man Bewunderung zollt, die er mit lächelnder Würde
entgegennimmt.
So geht das Spiel reihum; man kann es stundenlang mit den Leuten
betreiben, ohne daß sie müde würden. Nur eins fehlt den Intelligenteren
unter ihnen; zwar interessiert es sie zu wissen, wer unter ihnen
selbst der Stärkste oder Schwächste ist, aber um eine höhere und die
eigentliche Vergleichsmöglichkeit mit sich selbst zu gewinnen, möchten
sie doch gar zu gerne erfahren, was ihr Herr und Gebieter zu leisten
vermag. Selbstverständlich tue ich ihnen zum Schluß den Gefallen
und drücke rechts und drücke links. Wenn dann von meinen Lippen das
Ergebnis ertönt, an dem ich zu meiner Genugtuung nicht einmal etwas
zu mogeln brauche, so erschallt einhellig aus aller Munde ein lautes,
bewunderndes „Aah -- Bwana kubwa!“, wörtlich: „Aah -- du großer Herr“,
dem Sinne nach etwa: „Was bist du für ein großer Riese!“
Tatsächlich nehmen wir Europäer, was die Fähigkeit +spontaner+
Kraftentfaltung anlangt, neben dem Neger den Rang von Riesen ein. Ich
habe mir die Einzelzahlen der Leute ziemlich genau gemerkt, auch für
ihre wiederholten Druckübungen, so daß das Moment der Ungewohntheit
und der Ungeübtheit auch bei ihnen ausscheidet; aber wie fallen sie
gegen uns ab! Über 35 Kilo rechts und 26 Kilo links ist mit Ausnahme
eines einzigen, der 40 und mehr Kilo drückte, niemand hinausgekommen,
während ich auch hier in der feuchtwarmen Küstentemperatur nach wie vor
60 und mehr Kilo rechts und 50 und mehr Kilo links erziele. Und dabei
sind meine Leute fast alle stramme Berufsträger mit mächtigem Thorax,
breiten Schultern und prächtiger Oberarmmuskulatur. Ihnen fehlt eben,
worauf ja schon sooft hingewiesen ist, die Fähigkeit, ihre Körperkraft
zeitlich zu konzentrieren, während gerade die Wanyamwesi durch ihre
fabelhafte Ausdauer förmlich berühmt geworden sind.