Ich vermag mich sonst im allgemeinen keiner übergroßen Geistesgegenwart

zu rühmen, aber in diesem Augenblick muß ich wirklich blitzschnell

gedacht haben; denn kaum hatte ich neben Merker Platz genommen, um

im schnellsten Tempo zum Gouvernement behufs näherer Aufklärung zu

fahren, da hatte ich auch schon die verschiedenen Möglichkeiten

eines Ersatzgebietes in Betracht gezogen, für den immerhin doch

sehr wahrscheinlichen Fall, daß meine Irangi-Expedition endgültig

aufgegeben werden müsse. In Daressalam gab es in jenen für mich

kritischen Tagen keinen Kenner der Verhältnisse, der nicht gesagt

hätte: „Ach was, der Iraku-Aufstand ist ja gar kein Aufstand; das ist

lediglich eine Bagatelle, ein Streit um ein paar Ochsen, sicherlich

aber etwas, was sehr bald beigelegt sein wird.“ Gleichwohl mußte ich

dem stellvertretenden Gouverneur, dem stets gleich liebenswürdigen

Geheimrat Haber, vollkommen recht geben, wenn er mir einwarf, ein

Geograph könne jenes Gebiet nach wie vor mit voller Seelenruhe

durchstreifen, unbeschadet der vier Kolonnen deutscher schwarzer

Schutztruppen, die von Moschi, Mpapua, Kilimatinde und Tabora radial

ins abflußlose Gebiet hineinmarschiert seien. Etwas ganz anderes sei

es mit einer ethnographischen Expedition, die könne nur in absolut

ruhigen und ungestörten Gebieten arbeiten; keins von beiden sei aber

dort oben augenblicklich und für absehbare Zeit zu erwarten. Ob ich

nicht nach dem Süden wolle, ins Hinterland von Lindi und Mikindani?

Das Land da unten sei zwar auch Aufstandsgebiet, aber es habe den

Vorzug, den Aufstand beendet zu sehen; vor allem hätten die Wamuera

sehr nachhaltige Hiebe bekommen, so daß ihnen und auch den anderen

Völkern jenes Gebietes die Lust zu neuen Übergriffen für einige

Zeit vergangen sein werde. Zudem sei im Süden verhältnismäßig viel

Militär aufmarschiert, sowohl Schutztruppe wie Polizei; starke Posten

hielten die strategisch wichtigsten Punkte besetzt, eine ausreichende

Leibwache aber oder eine persönliche Schutztruppe wäre mir dort unten

ganz sicher, während ich für das Manyaragebiet auf höchstens ein paar

Rekruten rechnen dürfe.

[Illustration: Dampfer Rufidyi, nach einer Zeichnung des Suaheli Bakari

(s. S. 450).]

[Illustration: Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi.]

Mein vieljähriges Studium der afrikanischen Völker hat mir zu keiner

Zeit bessere Dienste geleistet als jetzt. Aus erklärlichen Gründen

war ich über das vorgeschlagene neue Forschungsgebiet nicht so gut

unterrichtet wie über das mir so jäh entglittene, aber ich wußte doch

immerhin, daß dort eine ganz ähnliche Anhäufung vieler Völkerschaften

vorhanden ist wie im Norden; auch konnte ich mit einiger Bestimmtheit

beurteilen, in welcher Weise ich meine neue Expedition aufzufassen

und durchzuführen haben würde, um sie zu einem erfolgreichen Ende zu

bringen. Dennoch habe ich mich wohl gehütet, den neuen Plan schon jetzt

in seinen Einzelheiten zu entwerfen und zu durchdenken; dazu wäre

im übrigen auch gar keine Zeit mehr gewesen, denn ich mußte eilen,

wenn ich nicht wieder Wochen verlieren wollte. Das Einverständnis der

Landeskundlichen Kommission und des Kolonialamts war bald eingeholt,

meine Lasten waren gepackt, zwei Boys und ein Koch längst gedungen.

Zum 19. Juni stand die Fahrt des kleinen Regierungsdampfers „Rufidyi“

nach dem Süden bevor. Schnell ließ ich mich vom Gouvernement mit

der einzigen Karte vom Südbezirk, die zur Zeit verwendbar war,

„ausstatten“; ebenso rasch hatte mich das trefflich geleitete

Zentralmagazin mit zwei Dutzend stämmiger Wanyamwesiträger versehen;

andere unumgänglich nötige Besorgungen und Formalitäten waren ebenfalls

im Nu erledigt -- kurz, eigentlich ehe ich mich versah, befand ich mich

an Bord und in der Ausfahrt des Hafens von Daressalam.

Ich habe mich von vornherein keinen Augenblick der Erwartung

hingegeben, eine Forschungsreise sei ein Vergnügen, aber die

3¼ Tage, die ich an Bord dieses „Dämpflings“, wie der alte

Schutztruppenhauptmann Seyfried den „Rufidyi“ und seinen gleich kleinen

Bruder „Rovuma“ spöttisch, aber mit Recht zu nennen pflegt, werden mir

auch, selbst wenn es mir im Innern des Landes einmal schlecht gehen

sollte, noch lange in Erinnerung bleiben! Das liegt teilweise an einem

Mangel an eigener Voraussicht selbst; statt erst noch im Klub von

Daressalam vor der Abfahrt gut und reichlich zu frühstücken, habe ich

mir von dem schwarzen Schiffskoch einen Kaffee vorsetzen lassen, der in

Verbindung mit dem durch und durch „klitschigen“ Schwarzbrot und der

recht ranzig schmeckenden Konservenbutter schon auf dem festen Lande

ein wirksames Brechmittel gewesen wäre, der aber auf dem im steifen

Südwestmonsun wie toll schlingernden und stampfenden Schiffchen das

unvermeidliche Unglück sehr schnell hereinbrechen ließ. „Rufidyi“

und „Rovuma“ sind keine eigentlichen Passagierdampfer, sondern sie

dienen mehr zur Verteilung der Post über die lange Küste hin und zur

Bewältigung kleinerer Frachten. Infolgedessen sind für etwaige Reisende

keine Unterkunftsräume vorhanden; man erklimmt im Ausgangshafen die

Kommandobrücke und wohnt, ißt, trinkt und schläft auf ihr, bis man ans

Ziel kommt. Bei ganz geringer Anzahl geht das noch an; da haben die

Feldbetten, ohne die man ja in Ostafrika überhaupt nicht reisen kann,

nachts noch eben Platz nebeneinander; wie es aber sein mag, wenn sechs

oder acht Herren und dazu vielleicht gar noch eine Dame sich in diesen

Raum von der Größe eines mäßigen Zimmers teilen müssen, wage ich mir

kaum auszumalen.

Bei meinem eigenen Weh habe ich mich um das Wohl meiner Mannschaft kaum

zu kümmern vermocht. Moritz und Kibwana, meine beiden Boys, und Omari,

der Koch, sind weitgereiste Gentlemen, die das Schaukeln und Pendeln

des „Rufidyi“ mit stoischer Ruhe über sich haben ergehen lassen;

doch dafür haben meine Wanyamwesiträger ihre sonst so unverwüstliche

Heiterkeit sehr bald eingebüßt. Sie waren alle mit frohem Mut an Bord

gegangen, sich ihren in Daressalam zurückbleibenden Stammesbrüdern

gegenüber damit brüstend, wie weit sie in die Welt hinaus kämen und

was sie alles sehen würden. Wie die 24 sich auf dem unglaublich engen

Achterdeck, das ihnen zudem noch von ein paar Pferden streitig gemacht

wurde, haben einrichten können, ist mir heute noch ein Rätsel; sie

saßen und lagen förmlich übereinander. Bei der Allgemeinheit und

Ausdauer, mit der auch diese Braven dem Meeresgott geopfert haben, muß

es für alle eine herrliche Überfahrt gewesen sein!

Der alte Erdteil Afrika hat nun einmal etwas Starres, Unbewegliches und

Konservatives an sich; das haben wir schon beim Löwen von Guardafui

gesehen, wir finden es aber selbst im amtlich geregelten Dampferverkehr

von heute noch bestätigt. Die Alten fuhren auf See bekanntlich nur

bei Tage; auch die weniger seetüchtigen Naturvölker gehen bei ihren

Fahrten abends stets unter Land; wir Europäer halten es dagegen für

eine unserer ältesten und zugleich höchsten Errungenschaften, daß wir

bei unserer Seefahrt weder auf das Wetter noch auf die Nacht Rücksicht

nehmen. Von dieser Regel bilden indessen „Rovuma“ und „Rufidyi“

eine seltene Ausnahme; sie suchen sich bei ihren Fahrten kurz vor

Sonnenuntergang einen geschützten Schlupfwinkel und fahren erst am

nächsten Morgen beim Tagesgrauen wieder hinaus.

Auf der Fahrt von Daressalam nach Lindi und Mikindani, der sogenannten

Südtour, wie sie amtlich heißt, ist der erste Nachthafen Simba

Uranga, einer der zahlreichen Mündungsarme des großen Rufidyiflusses.

Die Einfahrt in diesen Stromarm ist nicht ohne Reiz; schon von

weitem erblickt das Auge in der grünen Mangrovenmauer, die für das

ausgedehnte Delta charakteristisch ist, eine Lücke. Durch Bojen im

richtigen Fahrwasser gehalten, fährt das kleine Schiff zwar nicht

schnell, aber doch stetig auf diese Lücke zu. Sie kommt näher und

näher, wird breiter und breiter; links und rechts dehnt sich die

weißschäumende Brandung an den endlosen Korallenriffen, die die ganze

Äquatorial-Ostküste umsäumen, ins Weite. Plötzlich hat man das Gefühl,

dem offenen Meer entflohen und im ruhigen Hafen zu sein. Und, fürwahr,

er ist stattlich genug; wohl 600, ja 800 Meter breit fließt der Strom

ruhig und majestätisch zwischen den grünen Uferwänden dahin, und fast

unabsehbar tief dringt er ins Land hinein. Das Schiff muß, um an

seinen vorgeschriebenen Liegeplatz zu kommen, noch etwa eine Stunde

stromaufwärts dampfen. Melancholisch grüßt von rechts eine aufgelassene

Sägemühle herüber; die stattlichen Gebäude liegen verwaist, die

Maschinen rosten; das Ganze ist ein stimmungsvoller Beleg für das

Trügerische so mancher mit frohen Hoffnungen begonnenen kolonialen

Unternehmung. Im Moment des Sonnenunterganges hört die Schiffsschraube

auf zu arbeiten; der Anker rasselt hernieder, der „Rufidyi“ macht

dicht am linken Ufer fest. Er wird mit Holz geheizt, und zwar mit

Mangroveknüppeln, die hier in den Waldungen des Deltas geschlagen und

an dieser Stelle für die Übernahme an Bord aufgestapelt werden. Das

geschieht unter der Aufsicht eines Försters, den ich leider nicht zu

Gesicht bekomme, da er gerade über Land ist. Beschaulich mag sein

Dasein freilich sein, aber beneidenswert wohl kaum; auch mitten auf dem

breiten Strom umschwirren uns bald dichte Schwärme von Moskitos. An

Land, denke ich, werden sie nicht seltener sein. Da wird der Grünrock

es wohl machen müssen wie ich in Daressalam, wo ich mich in meinem

Anopheles-Dorado, d. h. meinem zwar von herrlichen Kokospalmen und

Mangobäumen überschatteten, dafür aber wenig luftigen und von Moskitos

überreich bewohnten Zimmer, vor diesen Mitbewohnern nur dadurch retten

konnte, daß ich nach Sonnenuntergang mitsamt meinem Arbeitstisch und

meiner Lampe stets unter einem Moskitonetz saß, das von einem Rahmen

herab an der Decke hing. Der auf diese Weise geschaffene Arbeitsraum

war zwar ungeheuer eng, aber er gab dem Insassen doch das Gefühl der

reinsten Freude, nämlich der Schadenfreude. Mochten sich die braven

Anopheles draußen auch noch so blutgierig und in noch so dichten

Schwärmen an die dichten Maschen des Netzes heften, der intelligente

Msungu, der Europäer, war vor ihnen absolut sicher.

[Illustration: Reede von Lindi.]

Was für den Ozeandampfer das Deckwaschen in den frühesten

Morgenstunden, gerade zur Zeit des schönsten Schlafes ist, das ist

für den „Rufidyi“ die Holzübernahme im Simba-Uranga-Fluß und die

Ladungsübernahme auf der freien Reede von Kilwa; in beiden Nächten

bin ich bei dem unausgesetzten Gepolter der geworfenen Gegenstände

und dem ebenso unausgesetzten Gebrüll der Mannschaft nur sehr wenig

zum Schlafen gekommen. Der wirklich wunderbare Sonnenuntergang auf

dem Simba Uranga war dafür ebensowenig eine Entschädigung wie die

wundervoll stimmungsvolle Ausfahrt am nächsten Frühmorgen. Erquickend

hätte erst wieder die frische Brise des Monsuns draußen auf dem offenen

Meer wirken können; aber kaum hatten wir dieses erreicht, so begann der

Meeresgott auch schon wieder sein Opfer zu fordern. Ich weiß nicht, ob

und in welcher Weise ein gesundes Nervensystem auf den Heizungsmodus

des „Rufidyi“ reagieren wird; uns drei seekranken Passagieren, die

wir uns bis Kilwa in die Annehmlichkeiten seiner Kommandobrücke

teilten, ist er furchtbar und unerträglich erschienen. Von den beiden

Schwesterschiffen hat wenigstens der „Rovuma“ einen guten Magen; der

verdaut die etwa 80 Zentimeter lang geschnittenen Mangroveknüppel wie

sie in seinen Kessel hineingeworfen werden. Der „Rufidyi“ hingegen

ist von zarterer Konstitution; sein Magen nimmt die Nahrung nur in

verkleinertem Zustand auf. Kaum erscheint über dem östlichen Horizont

der erste Dämmerschein des grauenden Tages, da kracht, von dem nervigen

Arm eines muskulösen Baharia geschwungen, der schwere Hammer mit

voller Wucht hernieder auf den Stahlkeil, den ein anderer schwarzer

Matrose hilfreich mitten auf den ersten dieser Mangroveblöcke gesetzt

hat. Schlag auf Schlag erdröhnt; das eisenzähe Holz ächzt und stöhnt;

endlich ist der erste Bissen für den gefräßigen Kessel zerkleinert;

in hohem Bogen fliegen die einzelnen Stücke in den engen Heizraum.

Krach! erdröhnt es auch schon von neuem, daß der ganze Schiffskörper

erzittert. Das Spiel wiederholt sich so Stunde um Stunde, den ganzen

Tag hindurch, bis zum Abend hin. Erst dann haben die Negerarme Ruhe;

dankbar aber begrüßen unsere seekranken Gehirne diesen Moment des

Feierabends; denn was in der ersten Stunde noch erträglich erscheint,

jener unausgesetzte Rhythmus des dröhnenden Hammers, in den elf anderen

steigert er sich zur fürchterlichsten Qual.

Meine schwarze Mannschaft hat sich genau so gegeben, wie Kenner

dieser Rasse es mir vorausgesagt hatten. In Daressalam hatte jeder

der Siebenundzwanzig sein Poscho auf vier Tage bekommen, d. h.

die Mittel und zugleich auch den Auftrag, sich für diese Zeit mit

Proviant zu versehen. Schon in Simba Uranga trat der Mnyampara, der

Trägerführer, an mich mit dem Ansinnen heran, für ihn und seine

dreiundzwanzig Untergebenen neue Vorräte zu kaufen; sie hätten bereits

alles aufgegessen. Dieses Mal schützte mich der gänzliche Mangel an

verkäuflichen Lebensmitteln in jenem Urwald vor einer abschlägigen

Antwort; auch Moritz gegenüber, der „fein“, wie er nun einmal ist,

durchaus Fisch haben wollte. Ihn habe ich kühl lächelnd die Treppe

hinuntergeworfen. Aber so sind sie, diese Kinder des dunklen Weltteils;

sie leben stets nur dem Augenblick und sorgen nicht für die Zukunft,

ja nicht einmal für den nächsten Morgen. In Kilwa habe ich richtig

noch ein paar Rupien springen lassen müssen, um diese trotz ihrer

Seekrankheit nimmersatten Gesellen zur Ruhe zu bringen.

Kilwa -- Kilwa Kiwindje genannt zum Unterschied von dem alten, weiter

im Süden gelegenen Portugiesen-Emporium Kilwa Kisiwani -- ist uns

Älteren aus dem Araberaufstande von 1888 in traurigem Angedenken.

Damals haben ein paar Angestellte der Deutschostafrikanischen

Gesellschaft dort ihr tragisches Ende gefunden, lediglich weil unsere

Flotte nicht eingriff. Dieser ist seither mancher schwere Vorwurf

darüber gemacht worden. Heute, wo ich die topographischen Verhältnisse

des Ortes durch eigenen Augenschein kenne, wird mir jener traurige

Vorgang verständlich; die berüchtigten Tiefenverhältnisse der dortigen

Küstenregion bringen es mit sich, daß europäische Dampfer draußen in

fast unabsehbarer Ferne ankern müssen. Daß die Notzeichen der beiden

Unglücklichen damals von unserm Kreuzer aus nicht gesehen worden sind,

begreift man bei dem riesigen Abstande, in dem große Schiffe auf der

Reede ankern müssen, vollkommen.

Unter normalen Umständen dauert die Fahrt mit dem „Rufidyi“ von

Daressalam bis Lindi drei Tage; wir haben sie indessen in dieser

wahrlich nicht kurz bemessenen Zeit nicht geschafft. Südlich von Kilwa

hört der Schutz auf, den auf der nördlichen Fahrstrecke die große Insel

Mafia und die zahllosen kleinen Koralleneilande vor dem Südwind bieten;

infolgedessen faßt dieser das kleine Fahrzeug mit noch ganz anderer

Kraft als die beiden Tage vorher. Ich bin jetzt der einzige Passagier,

habe also genügend Platz, bin aber trotzdem womöglich noch elender als

zuvor, denn auch das letzte Genußmittel, das mich vordem noch hatte

reizen können, die Apfelsinen, sind gänzlich aufgezehrt. Schon kurz

nach Mittag beginnen Kapitän und Steuermann besorgt ihre Karte zu

studieren.

„Wann werden wir in Lindi sein?“ frage ich müde und matt aus meinem

Liegestuhl heraus.

Eine ausweichende Antwort. Es wird allmählich Spätnachmittag; auf

Steuerbord zeigt sich immerfort das gleiche Bild: eine weiße, krause

Brandungslinie; dahinter der spezifisch grüne Wall der Mangroven.

Kapitän und Steuermann sind noch immer über ihre Karte gebeugt; die

Sonne steht nicht mehr weit vom Horizont.

„Ist jener Vorsprung dort etwa das Kap Banura?“ frage ich, in der

Meinung, jetzt gleich in die unverkennbare Bucht von Lindi einfahren zu

können.

Wiederum eine ausweichende Antwort. Nunmehr wird es mir allmählich

klar, daß auch die beiden Schiffslenker mit den Geheimnissen dieser

Küstenstrecke noch nicht sehr vertraut sein können; wirklich ist der

Kapitän ganz neu, der Steuermann aber fährt nur zum Ersatz für einen

Beurlaubten mit. Wir sind, da die Sonne rasch zur Rüste ging, dann in

die erste beste geräumige Bucht eingefahren, haben dort eine wundervoll

ruhige Nacht verlebt und haben die letzten drei, vier Stunden bis

Lindi am vierten Tage ohne weitern Zwischenfall zurückgelegt. Unser

Zufluchtshafen war die Mtschingabai; sie war weder den beiden Seebären

noch mir bekannt, wohl aber, wie sich nachher herausstellte, den

beiden Maschinisten. Nur war es wie immer, wo Deutsche auf engem Raum

zusammenleben müssen: beide Parteien lebten in grimmer Fehde, aus

welchem Grunde die Herren des Heizraumes es nicht für nötig befunden

hatten, die Kollegen von der Kommandobrücke über den Schiffsort

aufzuklären.

Die Einfahrt in die Bucht von Lindi hat etwas Feierliches an sich.

Hart biegt das Schiff um Kap Banura herum, da weitet sich vor uns

plötzlich ein gewaltiges Becken, wohl 15 Kilometer lang und 5

bis 6 Kilometer breit; die umgebenden grünen Bergzüge sind nicht

hoch, aber doch stattlich zu nennen und stürzen besonders aus dem

Südufer steil zum Meer ab. Der „Rufidyi“ sieht aus wie ein schwarzes

Pünktchen auf dieser weiten, silberglänzenden Fläche. Rasch nähert er

sich dem Städtchen Lindi selbst. Es liegt unter dichten Kokos- und

Kasuarinenhainen malerisch auf einer Landzunge, die gebildet wird durch

die abschließende Rückseite der rechtwinkeligen Bucht und das linke

Ufer eines scheinbar gewaltigen Stromlaufes, der sich über Lindi hinaus

sichtlich noch tief ins Innere fortsetzt. Der Geograph weiß, daß dem

nicht so ist, sondern daß diese wohl immer noch 800 bis 1200 Meter

breite Wasserfläche das Ästuar des winzigen Lukuledi darstellt. Dieser

würde ein solches Bett heute nimmer zu füllen vermögen; was wir als

seine Mündung betrachten, ist vielmehr das tief unter das Niveau des

Indischen Ozeans gesunkene, ganze Flußtal eines weit ältern Lukuledi.

Geologisch sind alle unsere Häfen an dieser Küste gleichen Ursprungs;

ob Daressalam, ob Kilwa Kisiwani, Lindi oder Mikindani, sie alle sind

vollgelaufene Täler. Afrika mit seiner ungefügen Masse sieht auf der

Landkarte langweilig aus, das gebe ich zu; rückt man aber dem Erdteil

selbst auf den Leib, so ist er in allen seinen Teilen interessant.

Schon an der Küste hebt es an.

[Illustration: Arabische Dhau. Zeichnung des Mwemba-Askari Stamburi (s.

S. 449).]

[Illustration: Kettengefangene, nach einer Zeichnung des

Munassajünglings Salim Matola (s. S. 451).]

Viertes Kapitel.

Lehrzeit an der Küste.

+Lindi+, 9. Juli 1906.

Afrika ist das Land der Geduldübung. Mit diesem Übelstande haben

sich alle Reisenden vor mir abfinden müssen; auch mir scheint er

nicht erspart werden zu sollen. Erst beinahe drei Wochen tatenlos

in Daressalam, jetzt schon wieder fast ebensolange in einem andern

Küstennest; das ist etwas viel, zumal wenn man für seine Reise so wenig

Gesamtzeit zur Verfügung hat und wenn gerade die schönste Periode des

Jahres, der Anfang der Trockenzeit, unwiederbringlich dahinschwindet.

In Daressalam war der Grund für das lange Hinzögern des Aufbruchs

die Seltenheit des Dampferverkehrs an der Küste; hier in Lindi ist

es die Abwesenheit des kaiserlichen Bezirksamtmanns und die damit

im Zusammenhang stehende Entblößung des Bezirksamts von verfügbaren

Polizeitruppen. Ohne Soldaten soll ich nicht gehen; Soldaten sind aber

erst dann zu haben, wenn Herr Ewerbeck zurück sein wird; folglich

muß ich dessen Rückkehr wohl oder übel abwarten. Aber langweilig

ist die Zeit mir weder in Daressalam, noch hier in Lindi geworden.

Daressalam mit seinem Volksreichtum und seinen vielen Weißen würde

auch schon dem bloßen Touristen genug des Neuen bieten, um wieviel

mehr mir, der ich mich, sooft es nur meine Zeit zuließ, im engsten

Verkehr mit den Eingeborenen für meine Forschungsaufgabe vorbereitet

habe. Ich habe manchen Vor- und Nachmittag in den Hütten und auf

den Höfen der Eingeborenen zugebracht und habe auch wunderhübsche

Ngomenlieder auf der Phonographenwalze festgelegt, ganz abgesehen

von den zahlreichen Liedern, die ich Solosängern verdanke, und den

Spielproben, die Angehörige der verschiedensten Völkerstämme vor

mir in meinem Moskitoparadies auf dem Deversschen Hof auf ihren

Stammesmusikinstrumenten ablegten. An einem Tage hatte das Bezirksamt

von Daressalam in entgegenkommendster Weise sogar ein Ngomenfest eigens

für meine Aufnahmezwecke veranstaltet. Leider sind meine damaligen

kinematographischen Aufnahmen alle verwackelt oder überexponiert,

so daß mir lediglich der Trost einiger passabel gelungener

photographischer Wiedergaben dieser originellen Tänze und die guten

Phonogramme bleiben. Über diese Tänze und ihre Begleitung später mehr.

Hier in Lindi hat mein Aufenthalt nicht so harmlos und friedfertig

begonnen, wie ich es erhofft hatte. Kaum einen Tag nach meiner Landung

mußte ich schon Zeuge der Hinrichtung eines Aufständischen sein.

Angenehm ist eine solche Exekution entschieden selbst für harte Gemüter

nicht; wenn sich dann aber zu dem Verlesen des langen Urteils in

Deutsch und Suaheli auch noch ein bemerkenswertes Ungeschick in den

technischen Vorbereitungen geltend macht, wie das hier der Fall war, so

wird die Prozedur sogar für den gleichgültigsten Schwarzen eine Qual.

Zwar hatte man an dem starken horizontalen Ast des großen Baumes, an

dem in Lindi die Hinrichtungen gewohnheitsmäßig vollzogen werden, zur

Vorsicht gleich zwei Schlingen angebracht; aber als der Verurteilte

schließlich oben auf der Plattform, von der er den unfreiwilligen

Sprung ins Jenseits unternehmen sollte, vor ihnen stand, zeigte es

sich, daß beide nicht einmal bis zur Höhe des Halses herunterreichten.

Die stoische Ruhe, mit der der Delinquent dann das Heranschleppen

einer Leiter und die Verlängerung eines der Stricke abwartete, war für

den Negercharakter mit seiner geringen Einschätzung des eigenen Lebens

jedenfalls außerordentlich bezeichnend.

Negerleben in Ostafrika · 第 3 / 40 段