d. h. der Verwendung des Afrikafonds in erweitertem Maße zur
systematischen Erschließung unserer Schutzgebiete, setzt erst mit
dem ersten Kolonialkongreß von 1902 ein. Von allen Wissenszweigen,
der Geographie und Geologie, der Anthropologie und Ethnographie, der
Zoologie und Botanik, der vergleichenden Rechtswissenschaft wie der
Linguistik und der jungen vergleichenden Musikforschung, wurde damals
der gleiche Ruf erhoben, mit dem Erfolge, daß wir drei Jahre später,
bei dem zweiten Kolonialkongreß im Oktober 1905, schon imstande
waren, für die einzelnen Disziplinen die dringendsten Arbeiten und
die Hauptforschungsfelder klar zu bezeichnen. Dennoch hätte die
Inangriffnahme der Arbeit selbst wohl noch lange gute Wege gehabt,
hätten wir nicht in der „Kommission für die landeskundliche Erforschung
der deutschen Kolonien“ und ihrem energischen und tatkräftigen
Vorsitzenden, unserm trefflichen Leipziger Mitbürger Professor Dr.
Hans Meyer, einen Hilfsfaktor bekommen, der die ganze Angelegenheit
ohne jedes weitere Federlesen aus dem deutschen Normalzustand endloser
Beratungen mit einem Schlage in die Tat umsetzte. Die Herren Dr.
Jaeger und Eduard Oehler, die Sie, meine Damen, dort am Ende des Decks
lustwandeln sehen, und ich sind die leibhaftigen Belege für diese
ungewohnte deutsche Schnelligkeit, denn tatsächlich sind wir die ersten
Auserwählten, die im Auftrage jener dem Kolonialamt angegliederten
Kommission den alten Traum der deutschen Wissenschaft verwirklichen zu
helfen beauftragt sind.
[Illustration: Dolcefarniente in einem Hofe von Daressalam.]
„Jene beiden jungen Herren gehen zu rein geographischen Zwecken hinaus;
sie sollen das interessante vulkanische Verwerfungs- und Bruchgebiet
zwischen dem Kilimandscharo und dem Victoria-Nyansa untersuchen; ich
dagegen bin beauftragt, in etwa demselben Gebiet etwas Ordnung in das
dortige Völkerchaos zu bringen. Dort, in dem Distrikt um den Manyara-
und den Eyassi-See und in der Zone südlich von beiden, wimmelt es
nämlich von Völkern und Völkchen, die der Völkerkunde trotz mehr
als zwanzigjähriger Bekanntschaft mit ihnen noch recht viele Rätsel
aufgeben. Sie als ‚Afrikanerinnen‘ werden ja hoffentlich nicht von
dem allgemeinen Entsetzen gepackt wie Ihre Schwestern daheim, wenn
afrikanische Orts- und Völkernamen auf Sie herniederprasseln, und
so kann ich es wohl wagen, Ihnen zu erzählen, daß es hier u. a. das
Volk der Wassandaui gibt, von dem man weiß, daß es in seiner Sprache
Schnalzlaute hat wie die Hottentotten und Buschmänner, und von dem man
vermutet, daß es der vergessene Rest einer uralten Urrasse ist. Ihnen
verwandt sollen die Wanege und Wakindiga sein, beide am Eyassi-See
schweifend. Aus der ganzen riesigen Afrikaliteratur, von der ich im
Laufe der zwanzig Jahre meiner ernsthaften Beschäftigung mit diesem
Erdteile doch immerhin einen bedeutenden Teil kennen gelernt habe, ist
mir niemals etwas so spaßhaft erschienen wie der Umstand, daß unsere
ganze bisherige Kenntnis dieser Wakindiga tatsächlich auf dem Besitz
eines Feldstechers in den Händen des Hauptmanns Werther beruht. Dieser
schneidige Reisende, der dieses abflußlose Gebiet zu Anfang und in der
Mitte der 1890er Jahre zweimal mit großem Erfolge bereist hat, hat
nämlich von der Existenz dieser Stämme zwar gehört, von ihnen selbst
aber nichts als mit Hilfe seines Fernglases ein paar Hütten gesehen.
Seitdem schleppen sich die bloßen Namen wie ein kostbarer Besitz durch
alle die zahllosen kolonialen und völkerkundlichen Schriften, die Jahr
für Jahr mit dem Anspruch des Gelesenwerdens auf den Arbeitstisch des
Gelehrten und den Schreibtisch des Gebildeten herniederregnen.
„Eine ganze Gruppe ebenfalls noch recht wenig scharf bestimmter Völker
stellen dann die Wafiomi, die Wairaku, Wa-Uassi und Wamburru dar, auch
die Waburunge; sie alle stehen im Verdacht des Hamitentums, haben zum
Teil recht merkwürdige Kulturformen ausgebildet, laufen aber Gefahr,
unter dem Ansturm der neuen Verhältnisse ihre Eigenart noch schneller
zu verlieren als so manches andere afrikanische Volk. Schon aus diesem
Grunde ist ihre systematische Aufnahme nötig, solange es noch Zeit ist.
„Das gleiche gilt auch von einem wirklichen Völkerrest, als welcher die
Tatoga oder Wataturu unzweifelhaft aufzufassen sind. Sie sollen eine
dem Somali verwandte Sprache reden, leben aber heute über ein so weites
Gebiet zerstreut, daß bei ihnen die Gefahr des Verschwindens ihres
Volkstums womöglich noch größer ist als bei den anderen. Die letzten
der für mich in Frage kommenden Stämme sind schließlich die Wanyaturu,
die Wairangi und Wambugwe. Sie alle gehören zu der großen Völkergruppe
der Bantu, haben sich aber gleichwohl eine auf ihrer Isolierung
beruhende Eigenart des Kulturbesitzes so treu bewahrt, daß auch sie
sehr wohl eine Reise lohnen.“
„Und was wollen Sie, Herr Professor, bei allen diesen Stämmen und
Stämmchen? Etwa bloß für Ihr Leipziger Museum sammeln, oder hat die
Völkerkunde von heute auch noch andere, höhere Ziele?“
„So ein Museum, meine Gnädigste, ist ja in Wirklichkeit, das wird
auch der engherzigste Philister zugeben müssen, eine ganz lehrhafte
Einrichtung; kann es wenigstens sein, wenn seine Aufgaben und Ziele
richtig erfaßt worden sind. Aber wie wollte die Völkerkunde ihren
schon an und für sich soviel angefeindeten Rang als Wissenschaft
behaupten, wenn sie nichts Höheres und Besseres kennte, als bloß Bogen,
Pfeile und Speere und die tausend andern Sachen zusammenzutragen,
aus denen sich der Bestand unserer Sammlungen zusammensetzt! Dieses
Sammeln und Konservieren stellt vielmehr nur einen, ich möchte sagen,
den elementaren Zweig unserer Arbeit dar; es soll uns in den Stand
setzen, die äußere, materielle Kultur der Naturvölker auch dann noch
vor Augen zu haben, wenn diese Völker selbst längst zivilisiert oder
ausgestorben sind. Der andere, höhere Teil ist die Aufnahme des
geistigen Kulturbesitzes, also alles dessen, was auch den Stolz unserer
eigenen Kultur ausmacht. Dem Laien mag es scheinen, als ob Neger und
Indianer, Papuanen und Australier gänzlich bar allen solchen Besitzes
seien: wir anderen wissen indessen sehr wohl, daß selbst noch der
niedrigste Volksstamm einen bestimmten Kulturbesitz sein eigen nennt.
Nach außen mag der zwar armselig erscheinen, in Wirklichkeit ist er
ebenso differenziert und aus ebensoviel Einzelheiten zusammengesetzt
wie der unsrige. Anfänge der Wirtschaft, Anfänge sozialer und
staatlicher Gliederung sind überall vorhanden, und gerade die sozialen
Verhältnisse so manchen Wildstammes spiegeln noch heute Züge wider,
die vor Jahrtausenden auch unsern Vorfahren eigen gewesen sind.
Anfänge der Technik, Waffen und Werkzeuge, Schmuck und Kleidung,
Bauwerke und Verkehrsmittel -- sie sind längst als ein Gemeingut der
Menschheit erkannt worden. Auch die Sprache, Anfänge der Kunst und
der Wissenschaft, religiöse Urideen und eine oft recht verwickelte
Rechtspflege, alles das gehört ebenfalls zu unserm Forschungsgebiet.
Der Grund aber für das eifrige Studium, das wir Kulturvölker auf diese
Dinge verwenden, das ist derselbe menschliche Wissensdrang, der uns
auch zu den Polen treibt, trotzdem dort keine wirtschaftlichen Werte
locken: wir wollen ergründen, welchen Entwicklungsweg unsere eigene
hohe Kultur in allen ihren Phasen genommen hat und welches ihre ersten
Anfänge gewesen sind.
„Die Völkerkunde dokumentiert sich also im Grunde genommen als
Kulturgeschichte, was keinen Einsichtigen überraschen kann.
Gleichzeitig ist sie auch eine Geisteswissenschaft im besten Sinne
des Wortes, denn auf ihr und ihren Vorarbeiten bauen sich unsere ach
so stolzen Geisteswissenschaften im landläufigen Sinne ausnahmslos
auf. Gerecht wird sie dem Zweck dadurch, daß die Ethnologie oder
vergleichende Völkerkunde alle Lebensäußerungen der Rassen, Völker
und Stämme auf ihren psychischen Ausgangspunkt hin untersucht, um
auf diesem unendlich mühseligen und langwierigen, doch keineswegs
langweiligen Wege zu einer Wissenschaft vom Menschen an sich, um im
Bastianschen Sinne zu sprechen, zu gelangen. Das aber können wir nur,
wenn wir im Besitz einer möglichst großen Zahl von Einzelbeobachtungen
sind; diese wieder können nur auf wissenschaftlichen Reisen gewonnen
werden, am besten natürlich durch wissenschaftlich geschulte Kräfte.
Sie begreifen demnach, meine Damen, warum und wozu man mich unter
diesen Umständen hinausschickt.“
Eine kleine Pause, keine des Entzückens, sondern offensichtlich der
Erschöpfung bei meinen beiden Opfern festzustellen, hatte ich nach
diesem Erguß, der für jeden andern als den Gewohnheitshörer deutscher
Professoren allerdings furchtbar sein mußte, nun doch die heimliche
Genugtuung; beide Damen rangen sichtbar nach Luft. Dann aber ermannte
sich das weibliche Auditorium mit rascher Entschlossenheit und
entgegnete:
„Schön, Herr Professor, das begreifen wir, lassen es auch gelten,
ja heißen es sogar gut und wünschen Ihnen jeden Erfolg, in Ihrem
Interesse und auch dem Ihrer Wissenschaft. Aber was wir immer noch
nicht begriffen haben, das ist, warum und wieso Sie schon jetzt, hier
im Angesichte des schlafenden Löwen vom Kap Guardafui, auf Expedition
zu sein behaupten; der Boden eines eleganten Passagierdampfers ruft
doch im Grunde genommen recht wenig den Eindruck eines völkerkundlichen
Forschungsfeldes hervor.“
„Immer Geduld, bitte, meine Damen, die Völkerkunde ist eine
Entwicklungswissenschaft, und so müssen Sie auch mir die Gelegenheit,
mich selbst zu entwickeln, zugestehen. Entwicklungswissenschaft sind
wir insofern, als sowohl der Mensch selbst wie auch seine Kultur sich
nach der Höhe und nach der Breite entwickelt hat. Nicht umsonst spricht
Friedrich Ratzel immer wieder von einer Tiefe der Menschheit, und eines
der interessantesten, allerdings wohl auch schwierigsten Themata der
Anthropologie und Ethnographie wird stets die Verbreitungsgeschichte
der Menschheit über den Erdball hin bleiben.“
„Nun, wir denken, Asien ist die Wiege der Menschheit, und ~ex oriente
lux~ sei die Devise, mit der Sie alle marschieren?“
„Das doch wohl nicht, oder besser nicht mehr, meine Gnädigste. Es
ist immer bedenklich, eine solche Frage als Unterhaltungsgegenstand
anzuschneiden, schon weil man nicht einmal weiß, ob und wann man
ihn wird zu Ende führen können; aber da kein anderes Problem die
biologischen Wissenschaften in der Gegenwart so stark beschäftigt
wie gerade dieses, so will ich Ihnen wenigstens meinen Standpunkt
so weit zu skizzieren versuchen, wie es das Ausgangsgebiet unserer
Unterhaltung, nämlich die weiteren Ziele meiner Expedition, durchaus
erfordert, und wie ich es Ihnen nach meinem Versprechen schuldig bin.
„Die Völkerkunde hat es mit der Heimatfrage des Afrikaners von jeher
sehr leicht genommen; das Element, an dessen Wohnsitzen wir schon seit
Suez entlang fahren, nämlich die Hamiten, ist von allen Autoren der
Anthropologie und Ethnographie ausnahmslos über das Rote Meer von Asien
her herübergenommen worden. Ziemlich allgemein hat man sich bezüglich
des Zeitpunktes dieser Wanderung mit relativ kurzen Zeitabmessungen
begnügt, ja der neueste Autor auf diesem Gebiet afrikanischer
Völkerkunde, der durch sein Massai-Buch bekannte Hauptmann Merker, der
dieses hochwüchsige Volk übrigens für die Semiten in Anspruch nimmt,
will den Zeitpunkt der Wanderung und auch ihren Weg genau berechnen
können; er setzt ihn um 5000 Jahre zurück.
[Illustration: Im Europäerviertel von Daressalam.]
„Doch auch für die Hauptmasse der Bevölkerung Afrikas, für die Sudan-
und Bantuneger, ist die Annahme einer fremden Urheimat ziemlich
allgemein; auch diese beiden Gruppen sollen von Nordosten, also aus
Asien her, über den Durchgangspaß des Roten Meeres in ihre heutigen
Sitze eingedrungen sein.
„Gegen diese letzte Theorie einen energischen Vorstoß zu unternehmen,
habe ich mir vor einigen Jahren in der Schrift ‚Zu Friedrich Ratzels
Gedächtnis‘ das Vergnügen gemacht. Soweit die ganze Negerfamilie in
Betracht kommt, spricht nichts, aber auch absolut nichts dafür, daß
ihre Vorfahren jemals anderswo gesessen hätten als in dem Gebiet, das
sie im großen und ganzen noch heute innehaben. Kein Zweig der großen
Gruppe ist nachweisbar jemals im Besitz irgendwie bemerkenswerter
nautischer Kenntnisse gewesen, und keiner hat auch jemals den Fuß aufs
hohe Meer gesetzt.
„Aber ist denn das durchaus auch nötig, werden Sie mir einwerfen, wird
nicht die ganze Gesellschaft entweder über die Landenge von Suez oder
über die schmale Meerenge von Bab el Mandeb gewandert sein? Wir haben
die letztere ja erst vor zwei Tagen passiert; sie ist doch so schmal,
daß man von einem Ufer das andere deutlich erblicken kann.
„Sehr richtig, meine Damen, aber so einfach ist das Problem denn
doch nicht. Für den Menschen beansprucht die moderne Anthropologie
ebensolange Zeiträume wie für unsere höhere Tierwelt; den
Diluvialmenschen erkennt auch unsere straffste Orthodoxie seit langem
an, und an den Tertiärmenschen würde man sich selbst dann gewöhnen
müssen, wenn er nicht schon an sich ein logisches Postulat wäre. Mit
diesem Herniedersenken des Jugendstadiums unserer Spezies in frühere
geologische Perioden wird nun aber das Problem der Herausbildung
der Menschenrassen zu einer Aufgabe, die nicht bloß durch Messungen
an Schädel und Skelett gelöst werden kann, sondern an der neben der
Paläozoologie vor allem auch die Erdgeschichte, also die historische
Geologie, tatkräftig mitzuarbeiten haben wird. Soweit ich die Sachlage
zu übersehen vermag, werden die in Frage kommenden Wissenschaften
sich schließlich wohl auf nur drei Urrassen einigen: die weiße, gelbe
und schwarze, die je ihren Herausbildungsherd auf bestimmten alten
Dauerkontinenten gehabt haben müssen. Ein solcher Dauerkontinent
bestand in der Tat lange geologische Zeiträume hindurch auf der
südlichen Halbkugel. Einen großen Rest von ihm stellt das heutige
Afrika dar; kleinere hat man in der indonesisch-papuanischen Inselwelt
und in Australien zu sehen. Die Verbreitung der schwarzen Rasse von
Senegambien im Westen bis Fidji im Osten erklärt sich auf diese Weise
spielend.
„Und auch für die großen Gruppen der +Mischrassen+ werden wir nach
meiner Ansicht für die Zukunft nicht mehr ohne die Zuhilfenahme
geologischer Veränderungen der Erdoberfläche auskommen. Woher leiten
wir den Hamiten und was verstehen wir überhaupt unter diesem Begriff,
der auffälligerweise eine Völkerzone umschließt, die sich geographisch
lückenlos zwischen die weiße und die schwarze Rasse einschiebt? Wie
will man des fernern die sogenannten Uralaltaier erklären, jene schwer
zu umschreibende Völkermasse zwischen dem mongolischen Urelement
im Osten und dem weißen im Westen? Wird man nicht auch hier auf den
Gedanken kommen müssen, daß der Anstoß zur Entwicklung beider Gruppen,
der Nordafrikaner sowohl wie auch jener Nordasiaten, gegeben wurde
durch eine breite und lange Berührung der alten Urrassen, die nach
Lage der Dinge, d. h. auf Grund der geologischen Veränderungen sowohl
im Südosten des Mittelmeergebietes wie auch im Osten Nordeuropas, nur
durch das Zusammenwachsen der vordem durch Meere getrennten, alten
Kontinentalkerne geschehen konnte? Tatsächlich sind die Landbrücken an
beiden Stellen geologisch sehr jung.
„Derartige Aus- oder richtiger Rückblicke mögen einstweilen noch
ketzerhaft oder als vage Hypothesen erscheinen, ohne Zweifel haben sie
jedoch das Gute, daß sie uns zur Annahme langer Zeiträume auch für die
Entwicklung des Menschengeschlechts zwingen, und das ist ja auch schon
ein Fortschritt. Mir persönlich ist es, solange ich mich mit derartigen
Fragen berufsmäßig beschäftigen muß, immer recht spaßhaft vorgekommen,
daß man für den Menschen die kürzeste Entwicklungszeit annimmt,
trotzdem er das höchst gestiegene Lebewesen sein soll. Logischerweise
kann man von ihm doch nur gerade das Gegenteil annehmen.“
„Und um alles dieses in Ihrem Haupte zu bewegen, müssen Sie, Herr
Professor, erst ins Rote Meer und in den Golf von Aden fahren? Konnten
Sie das zu Hause nicht viel bequemer haben?“
„Das freilich, aber keine von Ihnen, meine Damen, wird leugnen können,
daß die persönliche Kenntnis des Schauplatzes eines Vorganges, wenn
nichts anderes, so doch zum mindesten ein kräftiger Ansporn ist,
sich mit jenem Vorgang selbst und seinen Ursachen noch intensiver zu
beschäftigen, als man das fern von ihm tun würde. Für mich ist demgemäß
die, wie Sie zugeben werden, an sich nicht besonders reizvolle Fahrt
durch das Rote Meer die beste Gelegenheit gewesen, mich mit dem Problem
der Rassenherausbildung recht nachhaltig zu befassen, und Sie verstehen
nunmehr wohl ohne jede Einschränkung, wie recht ich mit der Behauptung
hatte, meine Expedition habe schon längst begonnen.“ --
Vielleicht werden Sie mich schelten, Herr Geheimrat, daß ich derartig
schwierige Materien an solchem Ort und vor solchem Kreise angeschnitten
habe. Sie haben sicher recht damit; andererseits können gerade wir
Gelehrten gar nicht genug Gelegenheiten suchen, unsere Weisheit über
die Hörsäle der Universitäten hinaus in die weitesten Kreise zu tragen.
Wird man auch nicht überall sogleich verstanden, so beginnt doch hier
und da ein leises Interesse zu keimen, das hinterher fröhlich wächst
und später vielleicht die schönsten Früchte trägt.
Reuevoll will ich Ihnen nunmehr wieder etwas mehr, statt mit grauer
Theorie, mit der fröhlichen Wirklichkeit kommen. Vom Kap Guardafui habe
ich ein paar recht hübsche Aufnahmen machen können. Von der Nordseite
her ist dieses Vorgebirge nur wenig imposant; es hat den Anschein, als
ob das Schiff dicht an Land dahinführe; in Wirklichkeit ist man jedoch
5 bis 6 Seemeilen vom Strande ab, und aus diesem Grunde kommt dem
Reisenden die stolze Höhe von nahezu 300 Meter gar nicht zum Bewußtsein.
Eindrucksvoller sieht die Landschaft von Süden her aus; zur Rechten des
Schiffes steigen hier die Berge in nahezu senkrechter Steilheit zu fast
1000 Meter empor, oft überlagert von einer kompakten Wolkenschicht,
die das Gebirge noch stattlicher und gewaltiger erscheinen läßt.
Dennoch wendet sich das Auge immer wieder zum Kap Guardafui zurück.
Höher als von der Nordseite aus erscheint es zwar auch jetzt nicht,
aber es gewährt selbst dem phantasielosesten Reisenden ein Bild, das
allen Ostafrikafahrern unter dem Namen des „schlafenden Löwen“ bekannt
und geläufig ist. Ich halte im allgemeinen nicht viel von derartigen
Personifikationen von Naturgebilden, an dieser Stelle indessen habe
auch ich den Eindruck der Naturwahrheit in vollkommenster Weise
empfunden. Tief ist das wuchtige, mähnenumwallte Haupt auf den Boden,
das ist in diesem Falle der dunkelblau leuchtende Indische Ozean,
niedergeduckt; dicht angeschmiegt liegt die rechte Vorderpranke.
Leider ist das königliche Auge geschlossen; zu welch herrlicher
Symbolik würde dieses unvergleichliche Bild die Phantasie sonst zu
begeistern vermögen! Vor dem Phänomen von heute ist deren Flug nur
lahm. Ursprünglich wachte der Löwe; er behütete den regen Seeverkehr,
den das ausgehende Altertum und das frühe Mittelalter vor seinen
Augen aufrecht erhielten; als Phönizier und Himjariten, Griechen
und Römer, Araber und Neuperser von Westen aus nach Osten und nach
Süden hinaussegelten; als von Osten her zu wiederholten Malen der
mittelalterliche Chinese vorstieß bis in die Bucht von Aden und
vielleicht gar bis ins Rote Meer. Das war eine Zeit, des Wachthaltens
wert! Doch es kam der Islam und es kam der Türke, es kam ferner die
Zeit der Umfahrung des fernen Kaps der Guten Hoffnung und damit die
Brachlegung der ägyptischen und der syrischen Pforte. In stummes,
dumpfes Brüten versank das Rote Meer, versank der Persische Golf. Das
hat Jahrhundert um Jahrhundert gedauert, und dabei ist der Löwe müde
geworden und sanft entschlafen.
„Aber sollte nicht der neue Riesenverkehr des Suezkanals ihn bereits
haben erwecken können oder müssen“, werden Sie mir einwerfen. Darauf
muß ich erwidern: „Nein; das Trägheitsgesetz beherrscht die Welt,
auch ist der Schlaf dieses alten Ozeanwächters so tief, daß lumpige
vierzig Jahre nicht ausreichen, um ihn zu stören; dazu bedarf es
anderer Mittel. Und auch dieses kenne ich. An Bord befindet sich ein
italienischer Capitano, ein prächtiger, stattlicher Mensch, dem die
Abessinier bei Adua leider mit Speerstichen arg zugesetzt haben. Den
fragte ich vorhin, warum denn kein Leuchtturm das Fahrwasser am Kap
Guardafui verbessere; sie als Herren des Landes hätten doch eigentlich
die Pflicht, für so etwas zu sorgen.“
„Das ist richtig, mein Herr, aber haben Sie schon einmal gegen die
Völker dieses Osthorns gekämpft?“ war die Gegenfrage. „Was, glauben
Sie wohl, würden die Herren Somâl dazu sagen, wenn wir ihnen die beste
Gelegenheit zum gewohnten Strandraub nähmen? Ein schwerer Feldzug
wäre die einzige Folge schon des bloßen Versuchs, sich dort oben
festzusetzen.“
Der Capitano mag mit seinen Worten recht haben; gleichwohl wird sich
Italien auf die Dauer nicht der Notwendigkeit entziehen können,
der internationalen Verpflichtung eines Leuchtturmbaues an jener
exponierten Stelle nachzukommen; schwarz und traurig liegt auch jetzt
der Rumpf eines gestrandeten französischen Dampfers, der in dunkler
Nacht auf der Nordfahrt zu früh nach Westen umbog, an der Küste. Mit
dem Moment aber, wo dieser Leuchtturm seinen Lichtkegel zum erstenmal
über die nächtlich dunklen Weiten des umgebenden Meeres hinaussenden
wird, da wird der Löwe erwachen. Dann wird auch er fühlen, daß seine
Stunde von neuem gekommen ist. Vorbei der tatenlose Dämmerzustand
langer Jahrhunderte, vorbei auch für immer das Sackgassentum jenes
Roten Meeres, das Orient und Okzident räumlich so nahe rückte und doch
so fern voneinander hielt. Freie Durchfahrt, jetzt und immerdar! --
Der Monsun ist eine angenehme Erscheinung, besonders nach dem
erschlaffenden Genuß des Roten Meeres und des Golfs von Aden, doch
wird auch er auf die Dauer eintönig und langweilig. Das rührt daher,
daß die Länge der Seereise die Sehnsucht nach dem Landungshafen immer
stärker werden läßt. Mombassa und Sansibar werden deshalb stets mit
Jubel begrüßt und im Eiltempo genossen. Für Daressalam ist man schon
gemäßigter gestimmt, doch betritt man nichtsdestoweniger auch diese
Stadt mit dem leisen Gefühl einer endlichen Erlösung.
[Illustration: Bucht von Lindi.]
Drittes Kapitel.
Es kommt anders.
+Lindi+, Ende Juni 1906.
Frau Professor +Weule+, Leipzig.
O dieses Afrika! Das Wort aller „alten“ Afrikaner: „In Afrika kommt es
erstens anders, und zweitens als man denkt“ ist mir, solange ich es
über mich habe ergehen lassen müssen, und das sind viele Jahre, stets
als die Quintessenz alles Stumpfsinns erschienen: doch wenn es einem
so ergeht wie mir vor kurzem, dann kann man nicht anders als es jedem
Opfer ebenfalls resigniert ins Gesicht schleudern.
Also der 11. Juni. Für etwa den 20. hatten die beiden Geographen und
ich unsere Abreise von Daressalam nach dem Norden geplant; mit Sack
und Pack und den nötigen Mannschaften wollten wir bis Tanga mit dem
Dampfer, von Tanga bis Mombo mit der Usambarabahn fahren, um vom
Panganital aus den Marsch durch die Massaisteppe auf Kondoa-Irangi
anzutreten. Alle Vorbereitungen waren im besten Zuge. Um sie dem
Abschluß näher zu bringen, stehe ich eines schönen Morgens in
Daressalam in dem Ausrüstungsgeschäft von Traun, Stürken & Devers und
feilsche mit jener Beharrlichkeit und Zähigkeit, die man sich nur als
Leiter eines ethnographischen Museums aneignen kann. Halb gleichgültig
höre ich der Unterhaltung eines der Verkäufer mit einem weißen
Schutztruppenunteroffizier zu, als plötzlich der Name Kondoa-Irangi an
mein Ohr schlägt. Jetzt höre ich schärfer hin: „Ich denke, Sie fahren
morgen mit dem X auf Urlaub nach Deutschland“, sagt der eine. „Hat sich
was, morgen nachmittag marschieren wir ab; ich hab’s ja eben schon
gesagt, in Iraku ist Aufstand“, erwidert der andere.
Kondoa-Irangi, Iraku -- das sind Begriffe, die mich allerdings sehr
angehen. Halb instinktiv wirft’s mich zur Tür hinaus auf die von
blendendem Sonnenlicht überflutete Straße. Rrrrrr rasselt auch schon
das Maultiergespann des Hauptmanns Merker heran: „Halt, Herr Weule,
nach Kondoa-Irangi können Sie nicht“, tönt es laut über die Wollköpfe
der schwarzen Passanten hinweg in mein nicht gerade freudig berührtes
Ohr.