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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1909 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
In der im Original gewählten Frakturschrift wird nicht zwischen
den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ unterschieden. Zur Übertragung in
die heute üblichen Antiquaschriftarten wurden aber im Register die
Einträge getrennt nach den beiden Anfangsbuchstaben aufgeführt.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Negerleben in Ostafrika.
[Illustration: _Karl Weule_]
Negerleben in Ostafrika.
Ergebnisse
einer ethnologischen Forschungsreise.
Von
~Dr.~ Karl Weule
Professor an der Universität und Direktor des Museums
für Völkerkunde in Leipzig.
Mit 196 Abbildungen, darunter 4 bunte Vollbilder,
und einer Karte.
Zweite Auflage.
[Illustration]
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1909.
Vorwort.
„Ort, Datum, Adresse, kurz, ein Briefkopf -- also die üblichen
Reisebriefe!“ Gemach, mein Herr oder meine Gnädigste! Schon zwischen
Brief und Brief besteht, trotzdem er heute den Charakter des
Kunstwerks längst verloren hat, ein Unterschied; um wieviel mehr beim
Reisebrief, dessen Form und Inhalt in ungleich höherem Grade durch
die Umstände, aus denen heraus er entsteht, bedingt werden. Ehrlich
will ich zudem -- falls die Briefform nun einmal ein Verbrechen ist
-- gestehen, daß die Kapitel dieses Buches ihre jetzige Form erst in
Leipzig angenommen haben. Meine Reise besaß auf Grund ihrer besonderen
Ziele auch einen ganz besonderen Charakter. Ich sollte den Menschen
erforschen, sollte in den Sitten und Gebräuchen, den Erzählungen und
Mythen die Negerpsyche ergründen. Das bedingte einen unausgesetzten,
innigen Verkehr mit den schwarzen Leuten. ~Masumgumso~ nennt der
Suaheli die Tätigkeit, die ich ein halbes Jahr hindurch getrieben habe;
unsere Wörterbücher übersetzen das mit „Unterhaltung“. Das trifft den
Sinn meines ~Masumgumso~ nur so obenhin; dieses hatte stets den
ernsten Hintergrund der wissenschaftlichen Forschung, nicht den des
Zeitvertreibs. ~Maneno~, Worte, waren es gleichwohl, aus denen
es sich zusammensetzte. Kann nur der Leser eine geeignetere Form der
Darstellung nennen als die von mir gewählte, die die gesamten Eindrücke
eines bestimmten, soeben zum Abschluß gelangten Zeitraumes noch
gänzlich unverwischt, dabei jedoch harmonisch ineinander verarbeitet
und wissenschaftlich vollkommen verwertbar wiedergibt, ohne dabei in
das trockne Einerlei des Tagebuches zu verfallen?
Meine Ostafrikareise liegt bereits um mehr als ein Jahr zurück; eine
Unsumme von Berufsgeschäften hat mich an der sofortigen Herausgabe
meiner Eindrücke gehindert. Der drohenden Gefahr des Verblassens dieser
Eindrücke bin ich dadurch begegnet, daß ich über die Geschehnisse
und Ergebnisse jener Reise genau Buch geführt, ja, wo es die Zeit
zuließ, sogar Wortlaut und Tonfall des ~Masumgumso~ schriftlich
festgehalten habe. Vieles habe ich gleichzeitig an Verwandte und
Freunde berichtet, besonders an den trefflichen Alfred Kirchhoff,
den ich leider nicht mehr wiedersehen sollte. Bei meiner Rückkehr am
letzten Januar 1907 war er bereits schwer krank; am 8. Februar ist er
verschieden.
Aus meinen gewissenhaften Aufzeichnungen habe ich das jetzige Buch
zu komponieren vermocht, ohne den einzelnen Auftritten im Busch und
im Urwald, auf dem Marsch und im Negerdorf Gewalt anzutun, und ohne
die Milieustimmung zu verderben. Das ist wichtig, gerade bei jenen
einzelnen Bausteinen, aus denen das große Gebäude der Wissenschaft
vom Menschen von vielen Mitarbeitern nach und nach errichtet werden
soll. Weltbewegende Ereignisse bleiben dem Negerleben im allgemeinen
vorenthalten; da macht die Stimmung, aus der das kleine Geschehnis
geboren wird, alles. Daß ich sie +immer+ getroffen hätte, möchte ich
nicht behaupten; im großen und ganzen wird der Leser indes mit mir
zufrieden sein können; mir persönlich steigen jedenfalls beim Lesen
meiner Zeilen alle die seltsamen Szenen, deren Zeuge ich gewesen bin,
wieder mit einer Deutlichkeit vor das Auge, als hätte ich erst gestern
vom dunkeln Weltteil Abschied genommen.
Zum nicht geringen Teil verdanken wir die Anschaulichkeit unseren
modernen Forschungsmitteln. Die photographische Kamera ist freilich
nicht mehr neu, doch bewährt auch sie sich noch immer, sogar weit
besser, will mich dünken, als in der Hand der Reisenden früherer
Jahrzehnte. Das bringen die feinen Objektive und die guten Platten
mit sich. Auf meine mehr als tausend tadellosen Aufnahmen von Land und
Leuten irgendwie stolz zu sein, habe ich darum keinerlei Ursache.
Neuer ist schon der Phonograph, und kaum erst in die exotische
Völkerforschung eingeführt der Kinematograph. Die Leistungen der
Sprech- und Singmaschine haben den Vorzug, auch den Lesern eines
Buches zu Gesicht und zu Gehör gebracht werden zu können; ich
habe darum wenigstens eine kleine Auswahl der von mir gesammelten
Eingeborenenlieder abgedruckt. Der Kinematographenfilm ist das
Demonstrationsmittel des Vortragssaals; zugleich ist er das Archiv der
dahinschwindenden Sitten unserer Naturvölker. In dieser Eigenschaft
sollte seine Anwendung mit allen Mitteln und in größter Ausdehnung
angestrebt werden, solange es noch Zeit ist. Es liegt in der Natur der
Sache, daß er seinem eigenen Herrn, der ihn selbst mit den Szenen aus
dem Eingeborenenleben bedeckt hat, am meisten erzählt; ihn versetzt er
schon beim Aufblitzen des ersten Bildchens in das alte Forschungsgebiet
zurück. Der Anschaulichkeit des Buches kommt damit auch er, wenn auch
nur indirekt, zugute.
Mein gänzlicher Mangel an musikalischer Bildung hat die Transkription
meiner Lieder durch musikalische Freunde bedingt; gern statte ich den
Herren Dr. von Hornbostel in Berlin und Dr. Albert Thümmel in Leipzig
den wohlverdienten Dank ab.
Nicht geringe Schwierigkeiten bereitet die Wiedergabe gewisser
Bantusprachlaute durch unser deutsches Alphabet; am größten sind sie
beim Laute „tschi“. So hart wie ihn unsere Sprechweise bedingt, ist
der Laut nicht; das „t“ ist kaum hörbar; aus diesem Grunde habe ich
vorgezogen, die Silbe nach dem Standardalphabet „chi“ zu schreiben.
Das Buch ist Stückwerk. Natürlich. Wie sollte es dem einzelnen Forscher
auch möglich sein, die Gesamtheit der Lebensformen einer ganzen Rasse
zu erfassen! Selbst einer Rasse wie der des Negers. Wir nennen den
schwarzen Mann Naturvolk; für uns klebt er am Boden, mit dem er bei
seiner offenkundigen Ruhelosigkeit gleichwohl nicht verwachsen scheint.
Nur scheint; in Wirklichkeit ist er bodenständig wie kaum ein anderer
Teil der Menschheit. Afrika ist Sitz und Heimat des Negers seit jeher;
in seinen weiten Räumen ist er entstanden; dort ist er physisch zu dem
geworden, was er heute ist; dort hat er auch seine Kultur entwickelt.
Diese Kultur ist anders als die unsrige; sie ist sicherlich nicht so
hoch; doch gewährt auch sie ein ganz bestimmtes, scharf umrissenes
Bild. Ob es reizvoll ist, sich in dieses Bild zu vertiefen? Lies dies
Buch: es hat in breiten, kräftigen Strichen eine Anzahl Züge jenes
Bildes festzuhalten versucht. Nachher magst du selbst urteilen.
+Leipzig+, 19. September 1908.
=K. Weule.=
Inhaltsverzeichnis.
Seite
+Vorwort+ V
+Erstes Kapitel.+ Die Ausreise 1
+Zweites Kapitel.+ Die Ziele 15
+Drittes Kapitel.+ Es kommt anders 30
+Viertes Kapitel.+ Lehrzeit an der Küste 42
+Fünftes Kapitel.+ Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke 64
+Sechstes Kapitel.+ Umschau 87
+Siebentes Kapitel.+ Einleben ins Volkstum 102
+Achtes Kapitel.+ Marsch nach Süden. Meine Karawane 136
+Neuntes Kapitel.+ Bei Matola 170
+Zehntes Kapitel.+ Mit und unter den Yao 194
+Elftes Kapitel.+ Weitere Ergebnisse 238
+Zwölftes Kapitel.+ Rovuma-Idyll und Zug ins Pori 254
+Dreizehntes Kapitel.+ Unyago überall 283
+Vierzehntes Kapitel.+ In voller Ernte 297
+Fünfzehntes Kapitel.+ „Und will sich nimmer erschöpfen und
leeren“ 338
+Sechzehntes Kapitel.+ Schlußzeit in Newala 388
+Siebzehntes Kapitel.+ Wiederum zum Rovuma 405
+Achtzehntes Kapitel.+ Die Meisterzeit 429
+Neunzehntes Kapitel.+ Zur Küste zurück 477
+Zwanzigstes Kapitel.+ Rückblick 495
+Register+ 515
Abbildungen.
Seite
Karl Weule (Titelbild)
Kap Guardafui 1
Hafen von Daressalam 3
Eingeborenentanz in Daressalam 6
Straße im Eingeborenenviertel von Daressalam 10
Karte der großen Karawanenstraße. Eingeborenenzeichnung 15
Dolcefarniente in einem Hofe von Daressalam 19
Im Europäerviertel von Daressalam 24
Bucht von Lindi 30
Dampfer Rufidyi. Eingeborenenzeichnung 32
Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi (Separatbild) 33
Reede von Lindi 37
Arabische Dhau. Eingeborenenzeichnung 41
Kettengefangene. Eingeborenenzeichnung 42
Seliman Mamba 45
Yao-Frauen von Mtua (Separatbild) 49
Mädchen aus Lindi 51
Tanz der Weiber in Daressalam 53
Alter portugiesischer Turm in Lindi 55
Unter Palmen 57
Die Ngoma Liquata. Eingeborenenzeichnung 64
Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal (Separatbild) 65
Mueramann und Yao 67
Ruinen der Missionsstation Nyangao 71
Wamuerafrau 76
Muerajüngling 77
Muerafrau mit Unterlippenpflock 79
Lichte Baumgrassteppe mit Barra-barra (Separatbild) 80
Massassiberge. Eingeborenenzeichnung 87
Inselberg von Massassi 89
Unsere Mtandibesteigung. Eingeborenenzeichnung 95
Buschbrand auf dem Makonde-Plateau (bunte Tafel) 96
Wanyassa-Jäger mit Hund. Eingeborenenzeichnung 102
Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe 107
Lager in Massassi 111
Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene
(Separatbild) 112
Taubenschlag und Speicher 120
Marschbereit vor Massassi 123
Rattenfalle 125
Antilopenfalle 127
Perlhuhnfalle 129
Falle für Großwild 129
Yaohütte 135
Meine Karawane auf dem Marsche. Eingeborenenzeichnung 136
Yao-Gehöft in Chingulungulu (Separatbild) 136
Lager in Mwiti 142
Jalousie mit Swastika 147
Yaohäuptling Nakaam 149
Hofinneres in Mwiti 155
Ältere Makondefrau im Festschmuck (Separatbild) 160
Hüttentypus der Rovuma-Ebene 162
Hüttengrundriß 162
Ruhelager und Herd Susas 165
Yaofrauen mit Nasenpflock 167
Makuakindergrab 168
Matolas Gehöft 170
Matambwefrau mit reichem Narbenschmuck (Separatbild) 176
Arm-Chronologie 183
Yaohäuptling Matola 185
An den Wasserlöchern von Chingulungulu 189
Makondefrauen von Mahuta (Separatbild) 192
Pombegelage 194
Lager in Chingulungulu 195
Zwei Makuamütter 198
Frau am Mörser. Eingeborenenzeichnung 206
Mehlbereitung in einem Eingeborenengehöft (bunte Tafel) 208
Plauderstündchen 209
Affenraubzug. Eingeborenenzeichnung 211
Barde Sulila 215
Yao-Ngoma in Chingulungulu 223
„Waldschule“ im Pori bei Chingulungulu (Separatbild) 224
Yao im Masewekostüm 227
Yao-Masewe in Mtua 237
Elefantenherde. Eingeborenenzeichnung 238
Dorf des Wangonihäuptlings Makachu (Separatbild) 240
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti 242
Feuererzeugung 245
Fischtrocknen am Rovuma 253
Freske in Akundonde 254
Mein Begleiter Nils Knudsen 255
Zwei Matambwemütter 257
Bergbaufeld Luisenfelde 263
Flötenkonzert der Unyago-Knaben (Separatbild) 264
Der Unglücksvogel Liquiqui. Eingeborenenzeichnung 265
Yaogräber in Akundonde 267
Daggara im Walde bei Akundonde 269
Der Festhüttenring Lisakassa im Walde bei Akundonde 271
Lachende Schönheiten 275
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. I. (Separatbild) 280
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. II. (Separatbild) 280
Der alte Medulla, sein Pfeifchen anbrennend 281
Mädchen-Unyago im Makondeweiler Niuchi 283
Tanz der Frauenmaske Njohowe in Newala 288
Stelzentänzer bei den Makonde. Eingeborenenzeichnung 292
Unser Lager in Newala 297
Der Verfasser im newalenser Winterkostüm 298
Zwei Gelehrte von Newala 301
Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) 304
Wasserschöpfende Makondefrauen. Eingeborenenzeichnung 305
Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß 307
Negerpfad im Makondebusch 313
Die Urmutter. Holzskulptur eines Makondekünstlers 317
Der allgemein übliche Türverschluß 321
Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro 322
Auf der Suche nach dem Schlüsselloch 323
Gelbgießer beim Schmelzen des Messings 327
Wanyassa-Töpferei in Massassi (Separatbild) 329
Makuatöpferei in Newala 334
Rindenstoffherstellung in Newala 336
Makua-Masewe in Newala 338
Makuafrauen 343
Kindertragart bei den Negermüttern. Eingeborenenzeichnung 345
Anwendung des Wurfstocks 347
Anwendung der Wurfschlinge 349
Beim Naturaspiel 350
Natura 350
Kreiselspiel 351
Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu (Separatbild) 352
Am Xylophon Mgoromondo 353
Makondekinder 359
Negertelephon. ~Unasikia?~ Hörst du auch? 360
~Ndio!~ Jawohl! 361
Negertelephon 361
Drei Vegetarier vom Makuastamm 362
Kakallefestzug beim Unyagoschlußtag 363
Maskentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) 368
Wiedergabe eines Eingeborenenliedes durch den Phonographen
(bunte Tafel) 384
Frau aus dem Makondestamm 385
Grabbäume an der Boma von Newala 388
Mehlopfer 397
Rovumalandschaft (Separatbild) 400
Knotenschnur 401
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf 405
Ububa-Kranker 411
Madyaliwa, Saidi und Makachu 415
Blick von Nchichira auf den Rovuma (bunte Tafel) 417
Matambwefischer. Eingeborenenzeichnung 421
Waldverwüstung im Rovumatal 425
Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira 427
Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland 429
Der Wali von Mahuta 431
Mutter und Kind 432
Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira (Separatbild) 432
Yao mit Ziernarben 433
Makonde mit Ziernarben 434
Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben 435
Makuafrauen mit Ziernarben 436
Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben 437
Ein mißglückter Verschönerungsversuch 438
Pseudochirurgie 439
Rückenziernarben einer Makuafrau 440
Bauchtätowierung eines Makondemannes 441
Makondemasken 443
Litotwe 444
Wangoni-Frauen von Nchichira (Separatbild) 448
Bwana Pufesa, der Herr Professor. Eingeborenenzeichnung 457
Diabolospieler auf dem Makondeplateau 458
Ein afrikanisches Diabolo 459
Makondefrau im Festgewand 461
Zwei Wamueragelehrte. Eingeborenenzeichnung 463
Makondeweiler in der Gegend von Mahuta (Separatbild) 464
Askari in Interim 467
Die lichte Baumgrassteppe und ihre Tierwelt.
Eingeborenenzeichnung 477
Wanduwandus Grab 483
Große Ngoma in der Boma von Mahuta (Separatbild) 488
Einzugstoilette. Zähneputzen meiner Begleitmannschaft 491
Der Verfasser im Porikostüm 493
Der Fels von Aden 495
Karte.
Der Südosten Deutsch-Ostafrikas. Maßstab 1 : 1000000.
[Illustration: Kap Guardafui (s. S. 27).]
Erstes Kapitel.
Die Ausreise.
+Daressalam+, am Pfingstsonntag 1906.
An Frau Professor +Weule+, Leipzig.
Daß ich das schönste Fest des Jahres -- denn dafür halte ich Pfingsten
im Gegensatz mindestens zur gesamten deutschen Jugend -- unter Palmen
verleben würde, hätte ich ein halbes Jahr zuvor noch nicht zu ahnen
gewagt. Aber es ist so; seit zwei Tagen weile ich in der Hauptstadt von
Deutsch-Ostafrika und damit an einem Fleckchen Erde, dem auch Leute,
die weiter und mehr gereist sind als ich, noch manchen Reiz abgewinnen
können. Nicht daß die Szenerie an sich etwas Großartiges oder gar
Überwältigendes hätte; im Gegenteil, überragende, wuchtige Berge oder
stattliche Ströme fehlen gänzlich; auch die weite Fläche des offenen
Ozeans trägt unmittelbar nichts zum Bilde bei, denn Daressalam liegt
landeinwärts und ohne nennenswerten Ausblick auf das offene Meer. Was
den Zauber des hiesigen Landschaftsbildes ausmacht, das ist vielmehr
wohl eine der glücklichsten Vereinigungen von blitzendem Wasser,
leuchtendem Grün und strahlender Sonne, die man sich denken kann.
Die Einfahrt in den Hafen selbst läßt den Neuling die kommende
Schönheit nicht ahnen; ein von Korallenbänken eingeengtes, überaus
schmales, durch seine scharfen Biegungen an die Steuermannskunst hohe
Anforderungen stellendes Fahrwasser führt auf den Scheitelpunkt einer
scheinbar ausgangslosen, flachen Bucht zu. Plötzlich aber gleitet das
Schiff über diesen Scheitelpunkt hinaus in einen außerordentlich engen,
von steilen, grünen Uferbänken begrenzten Kanal, der sich, noch ehe der
Reisende sich von seinem Erstaunen erholt hat, zu einer weitgedehnten,
glitzernden, von Schiffen bedeckten Wasserfläche erweitert. Das ist die
berühmte Bucht von Daressalam. Daß wir Deutschen einem solchen Hafen
zuliebe das alte Karawanenemporium Bagamoyo mit seiner offenen Reede
aufgeben und dafür das bis dahin nahezu unbekannte Negerdorf Daressalam
zum Vorort der Kolonie machen mußten, versteht man angesichts der
offenkundigen Vorzüge dieser Örtlichkeit vollkommen, auch ohne erst
jahrelang im Lande geweilt zu haben.
Mombassa und auch Sansibar habe ich ausreichend genießen können; das
deutsche Tanga hingegen ist mir auf der Herfahrt versagt geblieben.
Meiner alten Begeisterung für alle körperlichen Übungen folgend, habe
ich auch an Bord des „Prinzregenten“ geturnt und mir im Golf von Aden
den linken Fuß versprungen. Vermutlich ist das Fersenbein verletzt,
jedenfalls macht mir jedes Auftreten große Pein. Für eine halbjährige
Inland-Expedition mit ihren Märschen und Strapazen eröffnen sich mir
damit nette Aussichten. Von den beiden englischen Zentralpunkten stellt
Sansibar die Vergangenheit, Mombassa die Gegenwart und noch mehr die
Zukunft dar. Zwar ist die Lage Sansibars auf einer der Festlandküste
in ausreichendem Abstande vorgelagerten Insel ein Vorzug, den ihr auch
die glänzendste Entwicklung aller gegenüberliegenden Festlandstädte
niemals wird rauben können, werden doch die Hauptlinien sowohl des
wirtschaftlichen wie auch des geistigen Verkehrs von allen diesen
Küstenplätzen aus immerdar radial in Sansibar zusammenlaufen; aber
unleugbar ist seit der Fertigstellung der Ugandabahn doch Mombassa
das eigentliche Einfallstor in das Innere und wird es nach Maßgabe
der heute kaum erst angebahnten wirtschaftlichen Erschließung der
zentralafrikanischen Landschaften in stets fortschreitendem Grade
bilden. Ob unsere leider immer nur erst geplanten großen deutschen
Inlandbahnen den bereits gewonnenen großen Vorsprung Mombassas in
absehbarer Zeit oder überhaupt jemals werden einholen können, muß die
Zukunft lehren. Hoffen wir das Beste!
[Illustration: Hafen von Daressalam.]
Mich als alten Geographen, der sich mit Vorliebe und seit langer Zeit
mit der Umfassung der Erdoberfläche durch den Menschen beschäftigt hat,
haben Mombassa und Sansibar mehr von der geschichtlichen als von der
kolonialwirtschaftlichen Seite interessiert. Wie unendlich wenig wissen
selbst gebildete, ja gelehrte Kreise von der reichen Erforschungs-
und Erschließungsgeschichte und der bunten politischen Vergangenheit
dieses Erdenwinkels am Westufer des Indischen Ozeans! Gerade in
diesem Jahre feiern des französischen Admirals Guillain grundlegende
„~Documents sur l’histoire, la géographie et le commerce de l’Afrique
orientale~“ ihr halbhundertjähriges Jubiläum; diese Tatsache
braucht indessen mit einigem Recht bei uns nur dem Spezialisten auf dem
Gebiet der Kolonialgeschichte bekannt zu sein. Um so betrübender aber
ist es dafür, daß unseres Landsmannes Justus Strandes vortreffliche
„Portugiesenzeit von Deutsch- und Englisch-Ostafrika“ von 1899 so
überaus wenig in weitere Kreise gedrungen ist. Der großen Menge bei
uns gilt Äquatorial-Ostafrika offenbar als ein ebenso jungfräuliches
Kolonialgebiet wie Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika, oder
auch wie der größere Teil unserer Südseebesitzungen. Daß hier im
Osten vor uns und den Engländern sich seit tausend Jahren die Araber
als Kolonisatoren in glänzendster Weise betätigt und bewährt haben;
daß nach ihnen, im Anschluß und als Folge von Vasco da Gamas großer
Indienfahrt ums Kap der Guten Hoffnung von 1498, die Portugiesen eine
umfangreiche Strecke der langen Küste besetzt und jahrhundertelang
gehalten haben, bis das stärkere und nachhaltigere Arabertum sie
wenigstens aus dem nördlichen Teile wieder vertrieben hat -- wie
wenigen ist das geläufig! Und doch sind diese Vorgänge und diese Kämpfe
um Ostafrika eins der interessantesten Kapitel aus der neuzeitlichen
Kolonialgeschichte überhaupt, denn in ihnen tritt zum erstenmal das
junge, europäische Kulturelement einem kampfgewohnten Gegner des
Orients entgegen. Ja, in Wirklichkeit bedeutet jener Kampf um den
nordwestlichen Indischen Ozean nichts Geringeres als die Einleitung zu
jenem weit größern Ringen, das die weiße Rasse seit vierhundert Jahren
um die Oberherrschaft über die Erde schlechthin geführt hat und das
sie schon gewonnen glaubte, bis ihr vor wenigen Jahren das unverhoffte
Emporsteigen Japans das Trügerische dieses Glaubens und vielleicht auch
den Anfang eines ganz neuen Zeitalters zeigte.
Wer nicht bloß hinauszieht, um die äußeren Eindrücke der Gegenwart
auf sich einwirken zu lassen, sondern wer es gewohnt ist, hinter den
Erscheinungen von heute auch die der Vergangenheit zu sehen, oder wer
wie ich den Kulturboden Europas verläßt, um draußen im dunkeln Weltteil
einfache Wilde zu studieren mit dem ausgesprochenen Endzweck, an der
Hand der gewonnenen Ergebnisse mitzuarbeiten an der großen Aufgabe, den
Entwicklungsgang des Menschen selbst wie auch seiner gesamten geistigen
Errungenschaften in allen ihren Teilen aufzuhellen, dem bietet
unzweifelhaft gerade die Reise nach Deutsch-Ostafrika in reicherem Maße
die Gelegenheit zu Aus- und Rückblicken als so manche andere der großen
Routen des modernen Weltreiseverkehrs.
Das hebt bereits dicht hinter den Alpen an. Freilich, zu
anthropologischen Studien gibt selbst die mäßige Geschwindigkeit des
italienischen Schnellzuges keine Gelegenheit. Den ganz unverkennbaren
germanischen Einschlag in der norditalienischen Bevölkerung
festzustellen, bedarf es eines langsamen Durchwanderns der Po-Ebene.
Aber gleichsam als Symbol für die immer und immer wieder erfolgte
Übereinanderlagerung neuer Völkerschichten ist mir schon im Etschtal
und noch mehr in ganz Nord- und Mittelitalien das Übereinander von
nicht weniger als drei Kulturschichten beim Feldbau erschienen.
Getreide am Boden, Fruchtbaumwuchs dazwischen ausgespart, Reben darüber
-- das ist mir, als wenn sich über die alten Italiker und Etrusker die
Langobarden und Goten und viele andere Völker gelagert hätten.
Doch auch geographisch hat mir Italien eine große Überraschung
gebracht. Ich entsinne mich, daß eine der ersten kartographischen
Taten meines Lebens die zeichnerische Wiedergabe der Apennin-Halbinsel
gewesen ist. Diese Jugendsünde fällt noch in den Aufenthalt in meinem
hannoverschen Heimatsdörfchen. Ein mir zu Weihnachten geschenkter
kleiner Stielerscher Schulatlas von 1875 reizte mich zum Kartenzeichnen
an. Italien erschien mir als die einfachste Aufgabe; nur das lange
Gebirge machte mir Mühe. Richtig habe ich damals denn auch die ganze
Halbinsel fast lückenlos mit einer riesigen Raupe nach der Lehmannschen
Strichelmanier ausgefüllt. Seitdem war der Apennin in meinem Empfinden
mehr und mehr zusammengeschrumpft; aber beim Durchfahren der langen
Strecke von Modena bis Neapel ist es mir immer mehr zum Bewußtsein
gekommen, daß der hannoversche Dorfjunge mit seinem dumpfen Gefühl
doch eigentlich mehr im Recht gewesen ist als der spätere Privatdozent
für Erd- und Völkerkunde und der heutige Professor. In der Tat
beherrscht das Gebirge die Halbinsel vollkommen; mag man unmittelbar
an seinem Fuß dahinfahren oder aber sich weiter von ihm entfernen,
stets zwingt das Landschaftsbild zu der Überzeugung, daß der Apennin
das starke Rückgrat, alles ihm Anliegende aber nur der mehr als magere
Körper der schlanken Halbinselgestalt ist. Die leichte Schneedecke,
die zur Zeit meiner Fahrt, im ersten Drittel des Mai, alle Spitzen
des Gebirges überzog, während unten alles grünte, war nur noch mehr
geeignet, den Eindruck des Wuchtigen und Gewaltigen zu erhöhen.
[Illustration: Eingeborenentanz in Daressalam (s. S. 43).]
Räumlich ruft Italien samt seinen Meeren uns Söhnen der erdumspannenden
Neuzeit den Eindruck der Enge hervor; auch sie ist entschieden
begründet durch das Überwiegen des Gebirgscharakters, der die schmale
Halbinsel bis auf wenige ebene Stellen erfüllt. Angesichts dieser
Engräumigkeit verliert der Gedanke, daß sie nicht in letzter Linie
für die alten Römer die Veranlassung gewesen ist, so bald und so
nachhaltig den Fuß auf die übrigen Randländer des Mittelmeeres zu
setzen, alles Ketzerhafte. Von Neapel bis zum Stromboli und Sizilien
ist nur ein Schritt, und von Sizilien nach Karthago hinüber ist es ein
noch kleinerer. Unverhältnismäßig geräumig erschien im Mai des Jahres
1906 nur der Golf von Neapel, das vielgepriesene Landschaftswunder der
Alten Welt; in den vier oder fünf Tagen, die ich vor meiner Abreise
an Bord in Neapel und seiner Umgebung verlebt habe, war die Bucht
zu keiner Zeit klar übersehbar, die Fernsicht vielmehr stets durch
einen feinen Nebel verschleiert. Das war ein Nachklang des großen
Vesuvausbruchs vom April; der andere Grund war die Aschenschicht,
die selbst im vesuvfernen Neapel Häuser und Straßen dicht überdeckte
und alles grau in grau erscheinen ließ. Zum Neapolitaner paßt diese
Farbe schlecht; uns arbeitsame Mitteleuropäer berührt er in seiner
rettungslosen Verkommenheit mehr komisch als verletzend; zu seiner
sorglosen Faulheit gehört dann aber natürlich auch der ewig heitere und
klare Himmel, von dem die Reisebücher erzählen, von dem aber so kurz
nach den Schreckenstagen des April nur sehr wenig zu merken war.
Wie kümmerlich es auf den alten Kulturböden des Mittelmeeres um den
Waldbestand bestellt ist, wissen wir seit der Sexta; dennoch mutet den
Reisenden die süditalische und sizilische Landschaft noch fremdartiger
an als die nord- und mittelitalische; sie ist noch waldloser und daher
in den Konturen noch schärfer als der etrurische und romanische Apennin
und die Abruzzen. Was uns Bewohner der norddeutschen Tiefebene aber
am seltsamsten berührt, das sind in der Straße von Messina die sich
fast steil in das Innere des Landes verlierenden Flußtäler. Zu dieser
Jahreszeit scheinen sie entweder nur wenig Wasser zu führen oder
ganz trocken zu liegen, so daß sie den Eindruck breiter Landstraßen
hervorzurufen wohl geeignet sind. Aber wie furchtbar muß die Gewalt
sein, mit der sich nach starken Regengüssen die von keinem Waldboden
zurückgehaltene Wassermasse im Strombett sammelt, um in diesem dem
Meere zuzustürzen. Links und rechts von Reggio, Messina gegenüber,
fallen stark gewundene Flußbetten in großer Anzahl ins Meer, alle hoch
mit Geröll aufgeschüttet; die Brücken aber laufen über sie mit den
Abmessungen hochgewölbter Eisenbahnbrücken hinweg.
Die Fahrt durch das östliche Mittelmeer gehört unstreitig zum
Reizvollsten, was man sich denken kann; schon das Wellenspiel der
prachtvoll blauen Flut ist geeignet, den Sinn für Ort und Zeit selbst
während der nur wenige Tage währenden Überfahrt aufzuheben. Nur eine
Empfindung ist mir in jenen Tagen stets klarer zum Bewußtsein gekommen.
Die dicken Strahlenbündel, die auf den Seeverkehrskarten unserer
wirtschaftsgeographischen Atlanten von allen größeren Hafenplätzen
ausstrahlen, sind nur zu sehr geeignet, in uns die Vorstellung zu
erwecken, daß nun auch in Wirklichkeit und selbst auf hoher See sich
Schiff auf Schiff begegnen müsse. Und doch, wie anders ist das Bild:
Ich habe den Ärmelkanal, die befahrenste Seestrecke der Erde, eine
ganze Reihe von Malen gekreuzt und entsinne mich, kaum mehr als je ein
paar Fischerbarken zu Gesicht bekommen zu haben. Hier im Mittelmeer hat
der erste Dampfer unseren Kurs im Meridian von Alexandrien gekreuzt;
erst unmittelbar vor Port Said und dem Eingang zum Suezkanal hat
sich das Bild durch das Zusammentreffen zahlreicher Dampfer belebt.
Auffällig unter ihnen war uns Reisenden des „Prinzregenten“ eine Gruppe
niedrig gebauter, also wohl englischer Kriegsschiffe, die anscheinend
manövrierten. Auch Torpedoboote waren dabei. Sie alle entschwanden
sehr bald in der dicken, diesigen Luft, die uns auch hier begleitete.
Später, in Port Said, haben wir des Rätsels Lösung erfahren. Auf einem
der dort liegenden englischen Panzer wehte die Flagge auf Halbmast;
eine Nachfrage ergab, daß vor Damiette an den Nilmündungen in der
vergangenen Nacht ein Wirbelsturm gehaust und ein kleines, mit nur neun
Mann besetztes Torpedoboot zum Sinken gebracht hatte. Die von uns am
Morgen gesichteten Schiffe hatten nach dem verlorenen Boote gesucht.
„Geschieht den Engländern gerade recht“, bemerkte bissig eine deutsche
Dame. Keiner von uns anderen hat diesen Standpunkt teilen können; schon
aus politischen Gründen nicht, denn ein solch winziger Verlust schwächt
die englische Riesenflotte nicht im mindesten; aber noch weniger aus
rein menschlichen Gründen, denn auch jene neun verlorenen Braven haben
doch ihre Mütter, Frauen oder Bräute gehabt.
Über Port Said und den Suezkanal darf ich mich wohl ausschweigen;
heute, wo auch von uns Deutschen ein hoher Prozentsatz in dieser
Weltecke bewandert ist, darf sich der Gelehrte andere Gebiete der
Darstellung vorbehalten. Mit dem Eintritt ins Rote Meer habe ich für
meine Person zumal ein mir ganz vertrautes Feld betreten, fast möchte
ich sagen, ein mir zu eigen gehöriges. Den trefflichen Friedrich
Ratzel deckt nun schon mehrere Jahre die Erde, aber nimmer soll es ihm
vergessen sein, daß gerade er es gewesen ist, der die Anregung zu einem
Fundamentalwerk gegeben hat, wie es die Helmoltsche Weltgeschichte
tatsächlich ist. In diesem universalgeschichtlichen Werk, dem die
Kritik fast keinen andern Vorwurf hat machen können, als daß es ein
Sammelwerk, d. h. von 30 oder mehr verschiedenen Männern geschrieben
worden ist, hat mir die eigenartige Aufgabe obgelegen, die Geschichte
der Weltmeere und ihre Bedeutung für die Menschheit zu schreiben.
Das war entschieden etwas Neues und Neuartiges, und es ist, das
kann ich ruhig zugeben, keine leichte Aufgabe gewesen. Sollte ich
dereinst einmal einer Biographie gewürdigt werden, so wird man mir im
Kleinen nachrühmen können, was Ratzel angesichts seiner „Politischen
Geographie“ im Großen für sich in Anspruch nahm: einen gewissen Mut,
wenn auch nur einen literarischen. Leichter und auch angenehmer ist
es in der Tat, geographische oder ethnographische Monographien zu
schreiben, als programmatische Werke von der Art der „Politischen
Geographie“ zu begründen.
[Illustration: Straße im Eingeborenenviertel von Daressalam.]
Von den Monographien über die drei Ozeane ist mir nach allgemeinem
Urteil diejenige über den Atlantischen Ozean am besten gelungen, aber
menschheitsgeschichtlich interessanter ist ganz ohne Zweifel die
über den Indischen Ozean. Vor seinen beiden Nachbarn im Osten und
im Westen hat er vor allem den Vorzug einer recht langen Einwirkung
auf die ihn umgebenden Rassen und Völker voraus; der Stille Ozean hat
geschichtliche Völker -- geschichtlich im Sinne unserer bisherigen,
recht engherzigen und einseitigen Geschichtschreibung gefaßt --
nur an seinem Nordwestrande, in Ostasien; die ganze übrige riesige
Umrandung ist bis fast auf die Gegenwart geschichtlich tot und leer.
Der Atlantische Ozean bietet genau das Gegenbild: seine geschichtliche
Dichte ist auf den Nordosten beschränkt; Afrikas Westküste und
Amerikas Ostküste sind bis auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika
geschichtlich ebenfalls nur in geringfügigster Weise von Belang.
Zwischen diesen beiden Zentren aber, dem mittelmeerisch-europäischen
Kulturkreis im Westen und dem ostasiatisch-indischen im Osten, hat der
Indische Ozean das Bindeglied schon zu Zeiten gebildet, als Atlantic
und Pacific noch absolut leere und unbefahrene Wasserwüsten waren. Das
gilt indessen nicht für den ganzen Indischen Ozean, sondern nur für
seinen Norden und insonderheit für die beiden lang nach dem Okzident
hin gestreckten Buchten des Persischen Golfs und des Roten Meeres.
Heute, wo wir ganze Kontinente mit Eisenbahnen durchqueren und wo
unseren Kanalbauten selbst Bergzüge keine unüberwindlichen Hindernisse
entgegenstellen, bilden wir uns ein, daß Landmassen von der Breite des
Isthmus von Suez oder der ungleich breitern syrischen Pforte, d. h.
des Verbindungswegs zwischen dem Persischen Golf und dem östlichen
Mittelmeer, auf den Schiffsverkehr der Alten hätten abschreckend wirken
müssen. In gewisser Weise ist das auch der Fall gewesen, denn sonst
hätten nicht soundso viel Herrscher des Altertums versucht, den Kanal
von Suez schon vor uns zu bauen; aber wo die Technik nicht hinreicht,
derartige Hindernisse zu überwinden, und wo gleichzeitig das Bedürfnis
für die Kostbarkeiten des Orients so ungeheuer groß ist wie während des
Altertums und des Mittelalters, da lernt man sich bescheiden und sucht
auf dem Wasserwege soweit zu kommen, wie es irgend geht. Nur diesem
Umstande ist die fast lückenlose Benutzung des Roten Meeres in einem
mehrtausendjährigen Zeitraum zuzuschreiben; selbst sein gefährliches
Fahrwasser und die für die Segelfahrt ganz ungünstigen Windverhältnisse
haben an dieser Bedeutung nichts zu ändern vermocht.
Nur +eine+ Periode der Ruhe, ja man möchte sagen eines
Dornröschenschlafs, hat dieses Rote Meer durchgemacht. Das ist die
Zeit, während welcher der zum Bewußtsein seiner Kraft und seiner Macht
gelangte Islam seine schwere Hand auf die Übergangszone zwischen
dem Westen und dem Osten zu legen vermocht hat. Mit dem Durchstich
der Landenge von Suez ist auch der letzte Schatten dieses alten
Hindernisses wie weggeblasen, und wie mit einem Schlage haben das Rote
Meer und der Norden des Indischen Ozeans überhaupt den alten Platz im
Verkehrsleben der Menschheit in vollstem Maße wieder gewonnen.
Als Reisender an Bord eines modernen Dampfschiffes hat man alle
Ursache, auf seine Zeit und ihre Leistungen mit einigem Stolz
herabzublicken. Eine alte Definition des Begriffs „Naturvölker“ geht
dahin, mit diesem Ausdruck alle diejenigen Menschheitsgruppen zu
bezeichnen, die noch von der Natur abhängig sind, noch völlig in ihrem
Bann stehen, im Gegensatz zu den Kulturvölkern, die sich von dieser
Herrschaft der Natur emanzipiert haben. Ist diese Begriffsbestimmung
richtig, so sind wir Europäer in der Tat wenigstens in der Richtung
Kulturvölker im höchsten Sinne, daß wir uns hinsichtlich unseres
Verkehrswesens von der Natur nicht nur befreit haben, sondern sie fast
unumschränkt beherrschen. Welcher andere Zeitraum, welche andere Rasse,
welches andere Volk ist je imstande gewesen, sich seine Verkehrswege
selbst zu wählen, über die Natur und gegen die Natur, wie wir es
hier bei Suez getan haben? Und welches Volk des Altertums oder des
Mittelalters hätte je das Recht gehabt, von sich sagen zu können, daß
es große Meere, ja ganze Ozeane nach Gefallen brachliegen zu lassen
oder durch den Kiel seiner Flotten von neuem zu beleben vermocht hätte,
wie wir es mit dem Roten Meer und dem Norden des Indischen Ozeans getan
haben?
Für den deutschen Reisenden ist diese Genugtuung des modernen
Kulturmenschen um so größer und berechtigter, als er unter den
zahlreichen Dampfern, die ihm im Suezkanal und im Roten Meere täglich
begegnen, in nicht geringer Zahl auch die heimische Flagge vertreten
sieht. Auch der Umstand muß unzweifelhaft zur Stärkung unseres so lange
brachliegenden Nationalstolzes beitragen, daß gerade unsere deutschen
Schiffe so gern von Angehörigen anderer Nationen und besonders von
unsern Vettern von jenseits des Kanals aufgesucht werden. Für mich als
Ethnographen war es ungemein interessant, das gegenseitige Verhalten
der verschiedenen Nationen an Bord zu studieren. Von diesen kamen
allerdings nur die deutsche und die englische ernsthaft in Frage, denn
die geringe Zahl von Italienern, Portugiesen usw. zählte numerisch
nicht mit. Die englische Reisegesellschaft stand sichtlich noch ganz
im Banne der Invasionsfurcht, die ja ihren Ausdruck in zahlreichen
Schriften der letzten Jahre gefunden hat; Le Queux’ „Invasion von
1910“ war bei ihr das am meisten gelesene Buch der Schiffsbibliothek,
und kaum ein Angehöriger dieses Volkes hat sich mit uns Deutschen
unterhalten, ohne nicht schon nach kurzer Zeit die Rede auf dieses
Thema zu bringen.
Zu derartigen Unterhaltungen kam es übrigens erst verhältnismäßig
spät, vom Beginn der Reise aus gerechnet; man ging im Gegenteil
zunächst ziemlich frostig aneinander vorüber. Der Ruhm, diese
Verhältnisse zum Bessern und Angenehmern gekehrt zu haben, gebührt
seltsamerweise einem höchst unscheinbaren Instrument, das zu meiner
anthropologischen Ausrüstung gehört. Im südlichen Roten Meer oder im
Westen des Golfs von Aden zückte ich eines Tags, halb aus Langeweile,
halb um vergleichende Kraftstudien anzustellen, meinen Collinschen
Kraftmesser. Das ist ein aus Stahl geschmiedetes, poliertes Oval,
klein genug, um von der Hand, in die man es flach hineinlegt, je
nach der Kraftentfaltung mehr oder minder stark zusammengedrückt zu
werden. Dabei wird der Druck durch ein Zahnradsystem auf einen Zeiger
übertragen, der seinerseits wieder einen zweiten Zeiger an einem
Zifferblatt vorbeibewegt. Beim Nachlassen des Drucks schnellt der erste
Zeiger in die Ruhelage zurück, während der zweite an seinem Endpunkt
stehenbleibt und unbeweglich den Druck in Kilogrammen anzeigt. Der
Apparat ist eigentlich ein medizinisches Instrument, doch ist er auch
sehr gut geeignet, die Kraftverhältnisse der verschiedenen Rassen
miteinander zu vergleichen; vor allem jedoch scheint er berufen zu
sein, die fremdesten Menschen in kürzester Zeit einander näher zu
bringen. An jenem heißen Morgen hatte ich kaum begonnen, einige Proben
meiner Körperkraft abzulegen, als auch schon die ganze englische
Herrengesellschaft in dichter Masse um mich versammelt war; Jung- und
Altengland witterte einen Sport, für den es ja immer und überall und
unter allen Umständen zu haben ist. Zum Lobe Deutschlands muß ich aber
gestehen, daß auch unsere Herren rasch und vollzählig zur Stelle waren;
ebenso rühmend kann ich sodann vermerken, daß in diesem friedlichen
Wettkampf der Nationen wir Deutschen durchaus nicht unterlegen sind,
sondern gut abgeschnitten haben. Unser gutes deutsches Turnen scheint
demnach als Leibesübung durchaus nicht so minderwertig zu sein, wie es
neuerdings von so vielen berufenen und noch mehr unberufenen Seiten
hingestellt wird.
Auch in seinem Allgemeinauftreten an Bord steht nach meinen
Beobachtungen der Deutsche von heute nicht im mindesten mehr hinter
den seebefahreneren anderen Nationen zurück. Freilich schimmert durch
die Allüren fast jedes Engländers noch immer der alte Anspruch zart
hindurch, der geborene Pächter aller Seeherrschaft im Großen und im
Kleinen zu sein. Aber man fängt doch an, uns anzuerkennen, nicht aus
heißer Liebe zum germanischen Vetter, sondern einfach weil man muß.
Wenn man, um komfortabel zu reisen, auf deutsche Schiffe angewiesen ist
und wenn man daheim und draußen mit einer deutschen Handels- und einer
deutschen Kriegsflotte zu rechnen hat, von denen die eine so nachhaltig
Konkurrenz macht, während sich die andere stetig, wenn auch langsam,
vergrößert, so sind das doch alles Momente, die selbst auf den minder
gebildeten Angehörigen der britischen Nation ihren Eindruck nicht
verfehlen. Nur +eins+ ist gegenwärtig und wohl auch noch für lange Zeit
geeignet, uns in den Augen Altenglands mit dem Fluch der Lächerlichkeit
zu beladen, und das ist der Sansibar-Vertrag! Niemals werde ich die
schadenfrohen Gesichter und nie die spöttisch bedauernden Worte
vergessen, mit der wir unglücklichen Zeitgenossen des seligen Caprivi
bei der Ansegelung Sansibars bedacht worden sind. Mein Freund Hiram
Rhodes aus Liverpool, der ewig Lächelnde und allgemein Beliebte, seiner
heitern Lebensauffassung wegen ganz allgemein „der lachende Philosoph“
genannt, war für gewöhnlich nicht im Besitz beißender Ausdrücke, aber
in bezug auf die famose politische Transaktion von 1890 entsinne ich
mich ganz deutlich, von ihm den Ausdruck: „politische Kinder“ gehört zu
haben. Scharf zwar, aber nicht unverdient! Der nach der Besichtigung
Daressalams denselben Lippen entströmende andere Ausdruck: „Das ist die
schönste Kolonie, die ich je gesehen“, war zwar ein ganz klein wenig
mildernder Balsam, aber -- Sansibar bekommen wir dadurch doch nicht
wieder!
[Illustration: Karte der großen Karawanenstraße mit den
Hauptabzweigungen. Zeichnung des Mumambwemannes Sabatele (s. S. 453).]
Zweites Kapitel.
Die Ziele.
+Daressalam+, 10. Juni 1906.
Herrn Geheimrat +Kirchhoff+, Mockau bei Leipzig.
„Was wollen Sie eigentlich in Deutsch-Ostafrika, Herr Professor?“
Wieviel hundert Mal bin ich von dem Augenblick an, als der Plan meiner
Expedition feststand, wo ich sie vorbereitete und wo ich auf Eisenbahn
und Schiff zu ihrer Durchführung unterwegs gewesen bin, mit dieser
Frage behelligt worden! Nicht von dem Mann des Volkes; dem ist unsere
Kolonie am Indischen Ozean etwas ebenso Nebelhaftes wie den Alten
die ferne Thule; im besten Fall wirft er es mit „Südwest“ oder noch
lieber mit Kamerun in einen Topf, ohne sich allerdings auch in diesem
Fall darüber klar zu sein, in welchem Quadranten unseres Erdballs die
letzteren Kolonien gelegen sind. Für die Popularität der Völkerkunde
ist es unzweifelhaft ein sehr bedenkliches Zeichen, daß gerade die
Gebildeten, ja selbst manche Gelehrte, über die Aufgaben, die eines
Mannes von meinem Schlage da draußen harren, sich auch nicht die
geringste Vorstellung zu machen vermögen. Sie, Herr Geheimrat, sind ja
selbst ein Dritteljahrhundert hindurch deutscher Universitätsprofessor
gewesen und wissen daher, daß ein solcher, und hätte er auch nur
ein Atom Ihrer mit Recht berühmten Redegabe, sich keine Gelegenheit
vorübergehen läßt, über diese besagten Ziele und Aufgaben ein
zünftiges Kolleg zu lesen. Zu Nutz und Frommen von uns beiden und
zur Kenntnisnahme für jeden, der es hören mag, will ich daher denn
auch Ihnen, der Sie als Bearbeiter der Peschelschen Völkerkunde
vollwichtiger Fachmann und Kollege sind, in kurzen Worten wiedergeben,
welche Umstände mich hier an die grüne Bucht am Indischen Ozean geführt
haben und welche Ideen ein junger, aber, das darf ich wohl kühnlich
behaupten, sowohl als Museumsmann wie Dozent nicht ganz erfolgloser
Vertreter der modernen Völkerkunde über die Aufgaben und Ziele seines
nunmehr beginnenden Forschungsunternehmens hegt.
Es waren, wie auch Sie während Ihrer Tätigkeit in Halle so oft
bemerkt haben werden, durchaus nicht die satten Männer, die bisher
ein wirklich ernsthaftes Interesse an dieser unserer Wissenschaft
und ihren vielen Einzelproblemen genommen haben, sondern fast immer
sind es die deutschen Frauen gewesen, die mich während der langen
Seefahrt zu kurzen und langen Aussprachen über das Allgemeine und
das Besondere zu veranlassen versucht haben. Noch vor wenigen Jahren
hätte ich dies Beginnen sicherlich unter der Kategorie „Neugierde“
registriert; heute, wo ich in die Geistesströmungen unserer Zeit
einen tiefern Einblick habe tun können, stehe ich keinen Augenblick
an, es als Wißbegier zu bezeichnen; ja, vielleicht ist es sogar jener
Wissenshunger, über dessen Größe und Allgemeinheit nur der zu urteilen
imstande ist, der Gelegenheit gefunden hat, vor den breiten Massen
unserer Volkshochschulkurse und ähnlicher Unternehmungen zu sprechen.
Die Damen der ersten Schiffsklasse gehören nun zwar für gewöhnlich
nicht zu der dort vertretenen sozialen Schicht, doch sind sie immerhin
Angehörige des weiblichen Geschlechts und damit bewußt oder unbewußt
Vertreterinnen der Frauenfrage überhaupt. Einen schwachen Abglanz
des modernen femininen Wissensdurstes auch bei ihnen zu finden, kann
demgemäß nicht überraschen.
„Also nach Kondoa-Irangi wollen Sie zunächst, Herr Professor, um
von dort Ihre Expedition zu beginnen?“ fragen mich eines Tags, bei
der Einfahrt aus dem Golf von Aden in den Indischen Ozean, die
interessiertesten der Damen, die Gattin eines in ganz Deutsch-Ostafrika
bekannten, tapferen, alten Wissmannkriegers, der jetzt als
Fideikommißbesitzer in Usambara ein beschauliches Dasein führt, und die
Gattin eines höheren Schutztruppenarztes.
„Freilich hoffe ich auch einmal nach Kondoa-Irangi zu gelangen, meine
Damen, aber in Wirklichkeit hat meine Expedition schon lange begonnen“,
konnte ich mit einem Lächeln antworten, das Ihnen, Herr Geheimrat, sehr
wohl verständlich sein wird, das den beiden Damen aber so lange ein
Rätsel blieb, bis ich mich zu folgendem Privatissimum aufschwang.
„Was ich in Deutsch-Ostafrika selbst will, werde ich Ihnen in sehr
wenigen Worten auseinandersetzen können. Wir Deutschen haben seit
jeher die Fähigkeit gehabt und die Neigung besessen, unsere Haut als
Forscher auf allen Gebieten nur zu gern im Dienst oder im Interesse
anderer Nationen zu Markte zu tragen; das ist zu einem Teil die
Folge unserer frühern unglücklichen politischen Zersplitterung und
Schwäche, zum andern ein Ausfluß der uralten germanischen Wanderlust.
Rein zu wissenschaftlichen Zwecken, ohne nationalistisch-egoistische
Nebengedanken, hat nun der Reichstag schon vor Jahrzehnten einen Fonds
ausgeworfen zur wissenschaftlichen Erforschung Afrikas. Das war noch
vor dem Beginn unserer kolonialen Ära. Man hätte nun meinen sollen,
daß dieser Fonds, der mit seinen rund 200000 Mark für die kurze
Spanne eines Jahres eine recht hübsche Summe darstellt, nach unserer
Festsetzung in West- und Ostafrika und in der Südsee ohne weiteres ganz
oder doch wenigstens zum größten Teil zur systematischen Erforschung
und Erschließung dieser unserer Kolonien hätte Verwendung finden
sollen. Das ist indessen nicht oder doch nur in recht unsteter und
recht ungleicher Weise geschehen, zum großen Schmerz aller deutschen
wissenschaftlichen Kreise, die unter diesen Umständen sich nur auf
die gelegentlichen Berichte von Offizieren und Beamten, oder auf
vereinzelte amtliche oder private Forschungsunternehmen angewiesen
sahen.