»Die Schusterkugel«.
[Illustration]
Die Schönsten.
Zwischen zwei wildreißenden Gebirgsbächen, die sich einen, um nunmehr
einen einzigen reißenden Fluß zu bilden, entsteht eine Landzunge. Auf
solcher Landzunge stand ein großes, weißes Haus. Weithin strahlte es
in reiner Schönheit und hieß darum im ganzen Lande nur »das schöne
Haus«. Glücklich die Menschen, die dort wohnen durften, denn nicht
nur das Haus selber war so wunderbar schön -- es war umstanden von
den herrlichsten, stolzesten Bäumen, umblüht von Matten, die bis
hart an die Ufer der reißenden Bäche mit blauen Enzianen, lichten
Vergißmeinnicht, goldenen Dotterblumen und vielen anderen lieblichen
Blüten besät waren. Das war ein Leuchten prächtigster Farben, ein
Atmen süßester Düfte ringsum, so einzig schön -- passend zu dem schönen
Hause.
In dem schönen Hause wohnte ein Ehepaar in der Blüte der Jahre mit zwei
lieblichen Kindern. Wer das Glück hatte, die Besitzer der blühenden
Halbinsel aus der Nähe zu sehen, dem wurde es auch sogleich klar, warum
das Volk sie nur »die Schönsten« nannte. Sie waren die Schönsten,
das Schönste, was man sich denken konnte. Der Gatte in kräftiger
Männlichkeit, die Gattin in zartester Frauenschöne; die Kinderlein in
wonnigstem Kinderliebreiz. Sie waren sich ihrer Schönheit bewußt und
waren stolz auf dieselbe und pflegten sie als das, was sie war, ein
Geschenk des Höchsten.
Da wurde dem Paare wieder ein Kindlein geboren, ein Kindlein wie alle
anderen, mit runzeliger Haut, winzigem Stumpfnäschen, spärlichem Haar
und rotem Körperchen. Die Eltern lachten. Sie wußten ja, wie bald sich
in ihrer Familie aus solch unansehnlichem kleinen Wesen eine Schönheit
entwickeln würde. Sie lachten -- bis sie merkten, daß es anders kam.
Das kleine Mädchen wuchs und gedieh, aber es wurde von Tag zu Tag
unschöner -- es wurde häßlich von Gestalt und Antlitz und hatte einen
zu kurzen Fuß. Da grämten sich die Eltern, ja sie schämten sich. Nun
würde man sie nicht mehr im ganzen Lande »Die Schönsten« nennen und sie
waren auf diesen Namen doch so stolz gewesen. Es erschien ihnen als
eine große Schande, daß ihnen, den Schönsten, ein so unschönes Kind
geboren war. Sie verbargen es vor den Blicken der Menschen. Als das
Mädchen aber so groß wurde, daß es sich nicht mehr verstecken ließ,
beratschlagten sie, was zu tuen sei, um ihre Schande zu verbergen.
Sie kamen überein, Gisela, so hieß das Kind, zu einer alten Wäscherin
zu geben, die ganz weit unten am Ufer des Flusses ein Häuschen hatte.
Die würde gut für die kleine Häßliche sorgen und sie selber wären vor
der Schande bewahrt, nicht mehr »Die Schönsten« genannt werden zu
können. So wurde Gisela in dunkler Nacht zur alten Bärbel gebracht. Die
Schönsten aber lebten ungestört auf ihrer blühenden Landzunge mit ihren
Kinderlein, zu denen noch ein paar, eines lieblicher als das andere,
hinzukamen.
Unterdessen wuchs Gisela heran, einsam und still, denn die alte Bärbel
hatte ein mitleidiges Herz und wollte nicht, daß das Mädchen bemerkte,
wie häßlich es war. Darum ließ sie es gar nicht mit anderen Kindern
zusammenkommen.
So waren die Blumen im Gärtchen, Katze und Hund, die rauschenden Wogen
des Flusses des Mädchens einzige Gespielen. Den Fluß liebte Gisela mit
ganzer Seele.
Stundenlang sah sie dem Tanzen und Springen der Wellen zu und lauschte
ihrem Murmeln. Tief unter ihrem Kammerfenster rauschten die Wogen
dahin, tagaus, tagein. Aber im Frühling, wenn hoch oben in den Bergen
der Schnee schmolz, wurde der Fluß übermütig und wollte über die Ufer
hinausspringen mit überschäumenden Wassermengen. Dann geschah es, daß
eine Welle hoch, hoch an der Hausmauer emporhüpfte bis zu Giselas
Kammerfensterchen und neugierig durch dasselbe hineinschaute.
[Illustration]
Die Welle trug ein silbern leuchtend Schaumkrönlein auf dem Haupte.
Gisela stand und schaute und lachte und breitete der lustigen Woge die
Arme entgegen. Da geschah es: Die Welle verlor ihr Krönlein! Blinkend
lag es im Mondenschein auf dem Fensterbrett zwischen des Mädchens
Nelken und Rosenstöcken. Lockend lag es da als spräche es: »Nimm mich
hin!« Mit zitternden Fingern ergriff es Gisela. Kühl faßte es sich
an und leicht war's, aber wunderlieblich und strahlend. Schnell trat
das Mädchen vor den kleinen Spiegel, setzte sich die Krone aufs Haupt
und fand sich sehr schön. Das arme Kind wußte ja gar nicht, was wahre
Schönheit ist. Und glücklich war das Mädchen, denn es war einmal
etwas anderes in ihrem stillen Leben, sich zu schmücken und sich zu
bewundern. Vor lauter Freude hörte es nicht, daß unter dem Fenster die
Woge jammerte: »Gib mir mein Krönlein zurück, mein silbernes Krönlein!«
Und vor lauter Freude gewahrte es nicht, daß die Woge mit dünnen,
weißen Fingerlein auf das Fenstersims tastete und nach ihrem Krönlein
suchte.
In der Nacht, als Gisela im Bette lag und es im Häuschen so still war,
da hörte sie wohl ein jämmerliches Stimmchen klagen: »Mein Krönlein!
Gib mir doch mein Krönlein wieder!« Aber sie rührte sich nicht und
blickte seelig auf ihren Schatz, der auf dem Schemmel neben ihrem Lager
lag. »Das behalte ich«, murmelte sie. »Warum soll ich nicht auch ein
Krönlein haben?«
So war es nun immer. Bei Tage achtete Gisela nicht auf die Jammerlaute,
die dem Flusse entstiegen, aber in der Stille der Nacht konnte sie
bald keinen Schlummer mehr finden, so herzzerreißend drang die Klage
der Welle aus der Tiefe zu ihr herauf. Längst war es Sommer geworden
und ruhig rollten nun die Wasser unten im Bette des Flusses dahin ohne
lustige, übermütige Sprünge. Aber die klagende Stimme verstummte nicht.
Eines nachts konnte Gisela es nicht mehr mitanhören. Die Tränen traten
ihr in die Augen. Sie erhob sich vom Bett und öffnete das Fenster. Hell
schien der Mond. Da war es ihr, als blicke aus dem Strudel der Wellen
ein bleiches Antlitz zu ihr empor. Als reckten zarte, weiße Arme sich
sehnsüchtig in die Höhe. »Gib mir mein Krönlein!« flehte ein bleicher
Mund. »Gib es mir, ich bringe Dir etwas Anderes, Schöneres im nächsten
Frühling an Dein Fenster.«
Da neigte sich Gisela weit hinaus und rief: »Gut, bringe mir etwas, das
mich noch mehr beglückt, das mich ganz selig macht, dann sollst Du Dein
Krönlein haben.«
Von dem Tage an schwieg die klagende Stimme und Gisela konnte ruhig
schlafen und sich heimlich ihres Krönleins freuen. Bald hatte sie das
Versprechen der Welle ganz und gar vergessen.
Da, eines Nachts, als wieder Frühlingsstürme das Häuschen umbrausten,
erwachte Gisela. Erschrocken setzte sie sich im Bette auf und lauschte.
»Mach' auf! Mach' auf!« tönte es vom Fenster her. »Ich bringe Dir mein
neues Geschenk und hole mir mein Krönlein. Mach' auf!« Da sprang Gisela
ans Fenster und öffnete und fühlte in ihren Armen die kühle, schäumende
Woge, die wie damals zum Fenster hineinhüpfte.
Zitternd nahm sie die versprochene Gabe entgegen. Ein köstlicher,
leuchtend weißer Schleier legte sich um ihre Schultern. Sie eilte zum
Spiegel und betrachtete sich und gefiel sich sehr. Da streifte ihr
Blick das Krönlein. Das sollte sie nun hergeben! Nein, so schön war der
Schleier denn doch nicht, daß sie das Krönlein dafür opfern mochte!
Unterdessen griff die Woge mit sehnsüchtigen Händen ins Kämmerlein
hinein und schluchzte: »Nun gieb es mir wieder und behalte den
Schleier. Ist er nicht schön?« »Nein,« erwiederte Gisela, »um den
Schleier gebe ich die Krone nicht zurück. Bringe mir etwas viel, viel
Schöneres« und legte den Schleier in die weißen Hände der Woge.
Seufzend sank diese in die Tiefe des Flußbettes zurück. Gisela aber
stand im Schmucke ihres Krönleins vor dem Spiegel. Als die Sommersonne
strahlte -- der Herbst die Bäume im Gärtchen mit goldenen Aepfeln
behing -- der Winter vor die Fensterscheiben weiße Spitzenvorhänge
zauberte, immer war es des Mädchens größte Freude, sich mit dem
Krönlein zu schmücken.
Und wieder ward es Frühling. Der Fluß schwoll an und leichtfüßig hüpfte
die Woge an der Hausmauer hinauf zu Giselas Fensterchen. Diesmal
brachte sie einen Arm voll der herrlichsten, seltensten Blüten, wie
sie nur hoch oben in den Bergen gedeihen, zum Angebinde und forderte
flehend ihr Krönlein dafür. Aber Gisela gab es auch diesmal nicht her
-- so lieblich die Blüten lockten. Wehklagend sank die Woge mit ihrer
Blütenlast wieder hinab. Gisela aber glaubte nicht anders, als daß sie
ihren Schau nun für Lebenszeit behalten würde, daß ihr die Woge nichts
Besseres zu geben hätte.
Und wieder nahte der Frühling. Mit Donnergebrause schoß der Fluß zu
Tal, ließ übermütige Wellen über die Ufer hinausspringen. Wieder
klopfte Giselas Woge mit zarten Fingern an des Mädchens Kammerfenster
und als diese es öffnete, setzte sie vorsichtig und leis ein liebliches
Kind, ein Knäblein, auf das Fensterbrett zwischen Nelken- und
Rosenstöcke.
Gisela sah es und stand gebannt und konnte den Blick nicht von dem
Kinde wenden, das zärtlich die Arme nach ihr ausstreckte.
»Nun gieb mir aber mein Krönlein!« bat die Woge. »Besseres kann ich Dir
ja niemals bringen.«
Da fühlte Gisela tief im Herzen, wie recht die Woge hatte. Daß dies
Kindlein sie so glücklich machen würde wie sonst nichts auf dieser
Erde. Ohne Besinnen nahm sie das Krönlein vom Tische und setzte es der
Woge wieder aufs Haupt. Mit einem Jubellaut sank diese in die Tiefe
zurück und winkte glückselig zu den beiden hinauf, die ihr lachend
nachschauten. Dann nahm Gisela das Bübchen auf den Schoß und sah ihm
tief in die leuchtenden Blauaugen und küßte seinen roten Mund. Noch
nie im Leben war ihr so wohl ums Herz gewesen. »Bübchen,« sprach sie,
»woher kommst Du denn?« Und das Kind erzählte, daß es aus dem »schönen
Hause« zwischen den silbernen Bächen käme. Daß sie zu Hause alle »Die
Schönsten« hießen. Daß es am Bache gespielt hätte, ehe die Woge es
davon getragen. Da kam Erinnerung über Gisela und sie erbleichte. Das
»schöne Haus«, »die Schönsten«! Auch sie war ja dort und zwischen ihnen
gewesen bevor sie in der Nacht hierhergebracht worden. Mit zitternder
Stimme fragte sie: »Sag, mein Kleiner, wieviele Geschwister seid Ihr
denn im »schönen Hause«?«
»Fünf«, krähte der Kleine, »aber«, flüsterte er dicht an Giselas Ohr,
»wir haben noch eine Schwester gehabt. Gisela hat sie geheißen. Die
haben die Eltern weit, weit fortgeschickt, weil sie so sehr, sehr
häßlich ist. Das darfst du aber niemandem erzählen, hörst du. Die
Eltern dürfen nie wissen, daß ich es weiß. Unsere alte Wärterin hat
mir's erzählt, einmal als sie sehr böse war auf unsere schöne Mutter.«
»Weil sie so häßlich war« klang es weiter in Giselas Ohr. »So häßlich.«
Das Kind auf dem Arm ging sie zum Spiegel. »Ja«, dachte sie, »häßlich
bin ich, das sehe ich jetzt neben dem schönen, schönen Brüderlein.«
Aber, daß die Eltern sie darum nicht bei sich behalten hatten -- das
tat so weh, so bitter weh.
Bitterlich mußte sie schluchzen und große Tränen liefen über ihre
Wangen.
Da legte das Brüderlein beide Arme um ihren Hals und sprach: »Nicht
weinen, Schwesterlein, ich hab' dich ja so lieb -- so lieb«.
Gisela mußte trotz ihres Kummers lächeln vor Freude und sie küßte das
Kind und fragte: »Lieb hast Du mich? Bin ich denn nicht zu häßlich zum
liebhaben?«
»Häßlich?« lachte der Kleine, »Du bist doch nicht häßlich. Du bist doch
so gut.«
Und das Mädchen erzählte dem Kinde, daß es seine unbekannte Schwester
sei und daß sie es nun gleich zu den Eltern zurückbringen würde. Im
»schönen Hause« verlebten sie unterdessen Stunden der größten Angst und
Sorge. Die Eltern suchten überall vergeblich nach ihrem Liebling -- in
den Bächen, im Fluß, in den Felsspalten des Gebirges.
Da verzweifelten sie und in ihrem Jammer gedachten sie ihrer
verstoßenen Tochter und meinten, der Verlust des Knaben sei wohl die
Strafe für das an ihr begangene Unrecht. Und sie weinten bitterlich.
Anderen Tages, als die ganze Familie trauernd versammelt war, öffnete
sich leise die Tür und herein trat ein großes, unschönes Mädchen.
»Gisela!« riefen die Eltern und eilten ihr entgegen. »Gisela, unsere
Tochter! Dich schickt Gott zur rechten Zeit um mit uns zu weinen um
unser goldlockiges Kind. Komm und vergieb, daß wir aus törichter
Eitelkeit so unrecht an Dir handelten.«
Da stammelte das Mädchen: »Ich habe Euch vergeben. Aber nicht um mit
Euch zu weinen, bin ich gekommen. Freuen will ich mich mit Euch und
dann wieder gehen.«
Gisela öffnete die Tür und führte den staunenden Eltern das Brüderlein
zu. Da gab es ein Jubeln und Jauchzen und Schluchzen der Freude und
Gisela mußte erzählen, wie sich alles zugetragen hatte.
Da fielen ihr die Eltern um den Hals und dankten ihr von Herzen und als
sie baten, nun für immer zu Hause zu bleiben und sie leise fragte: »Bin
ich Euch denn nicht zu häßlich«, antworteten beide wie das Bübchen:
»Häßlich? Du bist doch nicht häßlich. Du bist doch so gut!«
Und Gisela blieb bei den Eltern und diese erzählten es allen Leuten,
wie unrecht sie an ihrem Kinde gehandelt hätten und waren nun doppelt
liebevoll zu ihr.
[Illustration]
Feuerseelchen.
Wo ein Feuer ist, da ist auch ein Seelchen. Ihr kennt es aber nicht.
Ihr seht nur das Tüchlein, das es lustig schwingt, wenn das Feuer
brennt -- und nennt das Rauch. Unter dem Teekessel, im Herdfeuer, im
Stubenofen, im Fabrikschornstein haust es, das Feuerseelchen. Es ist
ein lustiges Ding und meint es gut mit den Menschen und singt und
jauchzt ihnen etwas vor, aber verstehen tuen es nur wenige und diese
wenigen das sind die Dichter. Die unterhalten sich ganz richtig mit dem
Feuerseelchen und lieben es und sind an Winterabenden ganz glücklich,
mit ihm allein im Stübchen zu sein. Solch ein Feuerseelchen hat es
gut. Haust es unter dem Teekessel, so lebt es mitten in der frohen
Kinderschaar neben Vater und Mutter und nimmt an allem Menschenglücke
teil.
Lebt es im Ofenloch, so hört es mit an, was Großvater und Großmutter
sich erzählen aus alter, alter Zeit. Und hüpft es im Küchenherd umher,
da darf es tanzen zu den munteren Gesängen der jungen, frohen Köchin
und in die Töpfe schauen, in denen es brodelt und kocht -- und den
guten Bratengeruch riechen. Aber, aber so ein armes Feuerseelchen im
Fabrikschornstein: Tief, tief unten im eisernen Ofenloch sitzt es
geduckt und hört nur das Donnern und Stampfen der großen Maschinen. Das
ist kaum auszuhalten.
Wenn es den blauen Himmel sehen will, muß es mühsam in dem hohen, engen
Schornstein emporklettern. So dunkel und schwarz ist es darinnen und es
riecht so häßlich nach Ruß und Teer.
So ein armes, verlassenes Fabrikfeuerseelchen war es auch, das weit
draußen vor der Stadt in einem häßlichen Ofen hausen mußte. Bei Nacht
kauerte es unter der Asche versteckt schlafend tief unten im Feuerloch.
Da war es dann still, nur hin und wieder piepste eine Maus oder der
Nachtwächter öffnete die Ofentür und sah hinein, ob das Feuer auch ganz
erloschen sei. Vor dessen bärtigem, bösem Gesicht hatte Seelchen große
Angst und war jedesmal froh, wenn die schwere Ofentür wieder zuklappte.
Am Morgen, wenn der Ofen wieder tüchtig geheizt wurde, erwachte
Feuerseelchen zu neuem Leben, dehnte und reckte sich in den hellen
Flammen, hüpfte zwischen ihnen hin und her und schaute voll Sehnsucht
hoch, hoch in die Höhe über sich, wo ein kleines, rundes Loch ein
Stücklein blauen Himmel zeigte. Wenn dann das Feuer munter prasselte,
die Flammen lustig in den Schornstein hinaufflackerten, schwang
Feuerseelchen sich auf ihnen in die Höhe und kletterte dann mühsam im
Innern des Schlotes hinauf, setzte sich hoch oben auf den Rand des
Schornsteines und atmete tief die frische Himmelsluft ein. Dann saß es
ganz still und sah sich im Kreise um. Aus den anderen Schornsteinen
auf den Häusern tief unter Seelchen grüßten dann viele, viele andere
Feuerseelchen zu ihm hinauf. Schnell ließ dann Fabrikfeuerseelchen sein
Tüchlein in die blaue Luft wehen zum Gegengruß -- jeden Tag. Das war
ein lustiges Spiel.
Aber auf die Dauer wurde es etwas langweilig. Seelchen sehnte sich nach
etwas Anderem, Neuem, zur Unterhaltung. Sein Blick schweifte ringsum
über Häuser, Wiesen, Felder, Hügel dahin. Da sah es tief unter sich in
einer Senkung einen tiefblauen kleinen See. Wie der da so friedlich
lag, so still. Wie ein Stückchen Spiegelglas, das man zwischen hohe
Gräser und wehende Farrnkräuter hingelegt hätte. Ruhig spiegelte der
Himmel sich darinnen.
So lange Feuerseelchen auch dorthin blickte, nichts rührte sich. Der
See schien zu schlafen.
Das verdroß das übermütige, lebhafte Ding und böse rief es: »Herr
jemineh, hat denn das Wasser gar keine Seele?«
»Es hat eine!« antwortete eine vorüberfliegende Taube. »Es hat auch
eine Seele!« und flog lachend davon.
»Es hat eine Seele, also doch,« flüsterte Feuerseelchen und stellte
sich ganz steil hoch oben auf den Rand des Schlotes, ließ sein Tüchlein
in der Luft wehen und sang hinunter. »Erwache, erwache, Wasserseelchen,
daß wir uns ein wenig unterhalten können. Erwache!« Aber unbeweglich
ruhte der kleine See zwischen seinen grünen Ufern.
[Illustration]
Jeden Tag hoffte nun Feuerseelchen auf das Erwachen des
Wasserseelchens, sang ihm seine schönsten Lieder hinunter, winkte mit
dem Tüchlein und weinte dann herzbrechend vor Enttäuschung. Das sah
Skriba, der Dichter, der im nächsten Hause hoch oben im Dachkämmerlein
wohnte, und wunderte sich.
Als nun der Jammer dort in der Höhe gar kein Ende nahm, öffnete er
eines Tages sein Fenster, machte aus seinen beiden mageren Händen ein
Sprachrohr und rief hinauf:
»Feuerseelchen, was fehlet Dir?
Ich will Dir helfen! Vertrau Dich mir.«
Da lachte Feuerseelchen unter Tränen und jubelte: »Daß ich nicht eher
an Dich gedacht habe, Du guter Dichterling. Du einziger Mensch, der uns
versteht.« Und es erzählte ihm seinen Kummer.
Da stützte Skriba den Kopf in die Hand und dachte nach. Nach einer
Weile rief er hinauf:
»Willst Du Wasserseelchen seh'n,
Mußt Du früh aus dem Bette geh'n.
Wenn kaum die Sonn' am Himmel steht,
Sein Schleier in den Lüften weht.«
Der Spruch war leicht zu verstehen. Am frühen Morgen sollte
Feuerseelchen nach Wasserseelchen Ausschau halten.
Ueberglücklich winkte es dem Dichter zu und tanzte vor Freude rund um
den Rand des Schornsteines herum.
Am Abend duckte es sich nicht wie sonst untätig in die Ecke des
Ofenloches. Leise nahm es einen Funken des erlöschenden Feuers,
versteckte ihn unter ein Aschenhäufchen und hütete ihn wohl vor
den arglistigen Augen des Wächters. Beim Erwachen des ersten
Morgenlüftchens war auch Feuerseelchen munter, blies mit vollen Backen
in die gehütete Glut, daß heller Schein in den Schlot hinaufzüngelte,
schwang sich auf ihm in die Höhe, kletterte, kletterte und stand
nun bei Sonnenaufgang hoch oben auf dem Schornstein. Schwacher
Tagesschein beleuchtete die Gegend. Kaum konnte man noch Täler und
Höhen unterscheiden. Aber über der Stelle, wo der kleine See ruhte,
da regte sich's. Erst war's, als wenn nur die Luft über dem Wasser
sich leise bewegte, aber bald sah Feuerseelchen ganz deutlich einen
hell-blau-grauen Schleier wehen.
»Wasserseelchen, Wasserseelchen!« rief es laut und schwenkte vergnügt
sein Tüchlein. Und jeden Morgen begrüßten sich nun die beiden Seelchen
so. Wenn die Sonne höher stieg, verwehte Wasserseelchens Schleier in
den Lüften und wieder ruhte der See totenstill im Grünen.
Das ärgerte Feuerseelchen nun bald auch, daß es nie mit Wasserseelchen
zusammenkommen konnte, um mit ihm zu spielen und zu tanzen. Da begann
hoch oben auf dem Schornstein der alte Jammer. Wieder half der gute
Dichter dem armen Ding.
»Du kannst zum Wasser nicht gehen --
Das Wasser aber zu Dir.
Laß einen Brand entstehen
Und fröhlich tanzet Ihr!«
So sang Skriba und Feuerseelchen ließ sich das nicht zweimal sagen.
In einer Ecke des Ofenloches häufte es fleißig glühende Funken auf.
Als dann der Abend kam, hockte es innen vor der Ofentür und blies mit
vollen Backen die Funken durchs Gitter hinaus in den Fabrikraum -- und
wartete.
Bald roch es von draußen gar brenzlig; bald kroch dicker Rauch zur
Spalte hinein; bald hörte man laut rufen: »Feuer! Feuer! Es brennt in
der Fabrik!«
Und nun geschah es: In großen Eimern und Kübeln schöpften die Männer
das Wasser aus dem See und gossen es in die prasselnden Flammen.
Im Nu sah man da Wasserseelchens dampfblauen Schleier und
Feuerseelchens rauchgraues Tüchlein wehen. Munter sprangen die beiden
Seelchen auf einander zu, faßten sich bei den Händen, wirbelten in den
Flammen umher und tanzten -- tanzten, bis von dem Fabrikgebäude mit dem
hohen Schornstein und von dem Hause, in dessen Dachkammer der Dichter
wohnte, nichts mehr zusehen war -- aber auch gar nichts.
[Illustration]
Wie Peterle trocken Brot essen lernte.
Butter und Marmelade, und Pflaumenmus -- das alles schmeckt gut auf der
Brotschnitte! Das fand Peterle auch und aß stets vergnügt seine Stullen
bis auf das letzte Krümchen auf.
Dann aber kam eine Zeit der größten Not über das Vaterland. -- Da hieß
es, trocken Brot essen. Die größeren Geschwister gewöhnten sich ganz
schnell daran. Peterlein aber, das Nesthäkchen, streikte.
»Brot ohne Schmier, nein Mutter, das esse ich aber nicht!« jammerte er,
worauf Mutter nichts weiter erwiderte als: »Du ißt es, mein Sohn, so
gut wie wir alle!«
»Hm«, dachte Peter, »das meinst Du wohl so!« und verkroch sich zum
Nachdenken in seinen Lieblingswinkel hinter der Laube. Das Stück
trocken Brot hielt er unversehrt in der Hand.
Als er dort grübelnd saß, kam gackernd ein Huhn daher und suchte Futter
am Boden. Peterle sah das Huhn an, dann das Brot in seiner Hand und
schon war's geschehen! Das Brot lag im Grase, das Huhn pickte gierig
daran herum. Peter frohlockte. »Ich esse bestimmt kein trocken Brot!«
dachte er. »Wozu gibt es denn Hühner und Spatzen?« Von nun an jammerte
er nicht mehr, so daß Mutter ihm öfters voll Zufriedenheit mit der
Hand über den Lockenkopf streichelte. Da wurde Peter aber doch rot vor
Verlegenheit, besonders, wenn eben draußen auf dem Hofe ein Huhn so
recht zufrieden und satt gackerte.
Jedoch das Schicksal schreitet schnell. Immer konnte es ja nicht so
weitergehen.
Zuerst fiel es Mutter doch auf, daß Peterle gar nicht mehr satt zu
machen war. Immer wollte es noch mehr zu essen haben, sogar von den
dicken weißen Bohnen, von denen er sonst sehr bald genug hatte. Das
erschien der Mutter merkwürdig und als es eines Tages nur grüne
Kräutersuppe gab und Peter weinte, weil er nicht satt war, meinte sie:
»Wie kannst Du denn so hungrig sein, Du hattest doch um 10 Uhr ein
besonders dickes Stück Brot?«
Da verschnappte er sich und brüllte: »Wenn ich es aber doch gar nicht
gegessen habe!«
Da ging der Mutter ein Licht auf -- nein -- verschiedene Lichtlein.
Am nächsten Tage spürte sie Peter leise nach und sah nun, mit welcher
rührenden Liebe er sein Brot unter Hühner, Enten und Spatzen verteilte.
Sie sagte aber gar nichts als: »Von jetzt an ißt Du Dein Brot immer bei
mir in der Küche auf, mein Junge.« Und Peter verstand wohl, was sie
meinte.
Würgend und kauend stand nun der Junge jeden Tag eine Stunde neben dem
Herde, wo die Mutter das Mittagessen kochte, und dachte: »Das riecht
gut -- das riecht besser als mein Brot ohne Schmier schmeckt!« Aber
gegessen wurde nun das Brot, dafür sorgten Mutters wachsame Blicke,
die wie Schutzmänner daneben standen. Eines Tages wurde Mutter vor die
Haustüre gerufen. Der Mann mit dem großen Wagen voller kreischender,
flatternder Gänse war gekommen und Mutter mußte sich für den Winter
10 Stück davon aussuchen. »Ha«, machte da Peter und benutzte die
Gelegenheit, sein trockenes Brot nicht zu essen. Aber wo sollte er es
nun lassen, daß es Mutter nicht fände?
Da fiel sein Blick auf das offene Feuerloch -- und drinnen lag das Brot.
Kaum aber hatten die Flammen es ergriffen, da gab es einen
fürchterlichen Knall, die Herdringe flogen in der Küche umher, ein
feurig leuchtendes, riesengroßes Weib mit brennenden Haaren entfuhr dem
Feuerloch, packte Peter mit eisernem Griff und schoß mit ihm durch den
Schornstein hinaus. Jetzt muß ich sterben! war Peters letzter Gedanke.
Dann schwanden ihm die Sinne.
Als er wieder erwachte, sah er, daß das feurige Weib mit ihm weit über
die Felder lief in glühendem Sonnenschein.
Da packte ihn die Angst. Mit beiden Fäusten stieß er um sich und
schrie: »Laß mich los! Wer bist Du denn, Du böse Frau? Ich will zurück
zu Mutter!« »Das sollst Du auch!« lachte das Riesenweib. »Aber erst
komm' mal mit. Ich bin die Roggenmuhme und will Dich schnell lehren,
trocken Brot zu essen.«
Sie stieg mit ihm eine Anhöhe hinab in ein finsteres Loch. Darinnen
kroch sie ganz tief hinein -- immer tiefer und zog Peter nun an der
Hand hinter sich her. Und je weiter sie krochen, um so heißer wurde es,
so daß Peter das Wasser von der Stirne lief.
Endlich stand die Frau stille und strich mit der Hand leise über die
Decke des niederen Gewölbes. Da wurde diese hell und durchsichtig und
hing voll lauter zarten Fäserchen und Fädchen.
»Siehst Du das?« fragte die Roggenmuhme. »Das sind alles die Wurzeln
des Kornes, aus dem das Brot gemacht wird. Jede Wurzel trägt einen
Halm, jeder Halm trägt eine Aehre. Nun zähle sie mal -- so -- mit dem
Finger.«
Und Peterle zählte und es war fürchterlich heiß und als er bis 100
gekommen war, wollte er aufhören.
»Weiter!« rief die Muhme und sah sehr böse aus.
So ging es bis 200 -- 300 -- 400 und immer weiter und Peter konnte vor
Hitze kaum stehen.
[Illustration]
Als er bis 1000 gekommen war, sagte die Frau: »So, nun reicht es wohl.
Soviele Körner müssen Wurzel schlagen und Halme treiben, damit droben
auf der Erde ein Brot gebacken werden kann.«
Und sie nahm Peter fest bei der Hand und kroch mit ihm wieder aus dem
Erdloche heraus und lief in glühender Hitze mit ihm weiter. Als sie
nun um einen Berg herumbogen, wehte ihnen ein böser Wind entgegen und
schlug ihnen Regen und Hagelkörner ins Gesicht und peitschte wie wild
die Halme eines beinahe reifen Winterroggenfeldes.
»So, da stell' Dich hin -- dicht daneben und steh' gerade und still!«
sagte die Muhme.
Da stand er nun neben den wogenden Halmen und konnte wie diese sich
kaum aufrecht halten. Und wurde vom Sturme gestoßen und gebogen und
mußte aushalten. Denn wie zu Hause Mutters Augen, so standen hier die
Augen der Roggenmuhme Wache, daß alles richtig geschah.
Und der Regen klatschte auf seinen Kopf herab, daß die Haare ganz
schwer wurden, aber immer, wenn er sich duckte oder fortlaufen wollte,
rief die Muhme: »Sieh auf die Halme, wie sie ihre Pflicht tuen, damit
Ihr undankbaren Menschen Brot zu essen habt.«
Endlich erhob sich die Frau von dem Stein, auf dem sie gesessen, nahm
Peter bei der Hand und sprach: »Komm weiter!«
Sie gingen bis zu einem nahen Felde, auf dem das Korn geschnitten
wurde. Da drückte die Muhme Peter eine Sichel in die Hand und befahl
ihm, mit den Leuten zu arbeiten. Die sahen den Knirps spöttisch von der
Seite an, verhöhnten ihn auch. Er aber mußte schneiden, schneiden in
sengendem Sonnenschein. Ebenso erging es ihm in einer Scheune, wo die
Leute beim Dreschen waren. Der schwere Dreschflegel riß ihn beinahe zu
Boden, aber er mußte dreschen, dreschen bis er zusammenbrach.
»Ich habe solchen Hunger!« rief er da zum ersten Male.
»So,« meinte die Muhme, »das glaube ich wohl. Aber das Brot, das Du
essen möchtest, ist noch lange nicht fertig. Komm zur Mühle!«
In der Mühle mußte er die schweren Getreidesäcke tragen und in die
Mahlgänge ausschütten. Und später die Säcke mit fertigem Mehl auf den
Speicher schleppen. Nun mußte er weinen vor Müdigkeit.
Da sah ihn die Muhme zum ersten Male freundlich an und sprach: »Nun
haben wir nur noch einen Weg. Nun gehen wir zum Bäcker.«
Da erwachten Peterles Lebensgeister aufs neue und er schritt tapfer
drauflos. Und tapfer half er dem Bäcker den Teig zu kneten und die
großen Brote zu formen. Dann schob er sie mit aller Kraft seines
kleinen Leibes auf einer großen Schaufel in den glühenden Backofen und
zog sie, als sie fertig gebacken waren, wieder heraus.
Als er sich nun aber nach der Roggenmuhme umsah, war sie verschwunden.
Da flehte der Knabe den Bäcker an: »Um Gottes Barmherzigkeit willen,
schenkt mir ein Stücklein Brot!« Und er mußte sich schnell hinsetzen,
sonst wäre er umgefallen vor lauter Schwäche.
Der schnitt ihm ein großes Stück Brot und gab es ihm.
Und Peterle biß in das trockene Brot, als wenn es das schönste
Butterbrot gewesen wäre, so herzhaft und glücklich.
Er wußte nun, was es heißt, Hunger zu haben, und wieviel Segen und
Pflichttreue und Arbeit dazu gehört, bis ein einziges Brot auf dem
Ladentische des Bäckers liegt.
Die Roggenmuhme hatte ihn gelehrt, trocken Brot zu essen, und wer
darüber am glücklichsten war, das war Peterles Mutter.
[Illustration]
Prinzessinnenhände.
Der schöne junge König saß noch immer einsam auf dem Throne. Der
goldgestickte Sessel zu seiner Rechten blieb leer.
So manche junge, liebliche Prinzessin schielte nach demselben hin und
dachte in ihrem Herzen: »Könnte ich doch dort sitzen im langen samtenen
Schleppkleide, die blinkende Krone auf dem Haupte! Könnte ich doch des
jungen, schönen Königs Gemahlin werden!«
Manche dachte so und weinte nachts ihre Kissen naß, denn Königin wurde
sie nicht.
Zwar wollte der junge König sich gerne verheiraten und dem Lande eine
Königin geben. Zwar mußten einmal im Jahre an seinem Geburtstage alle
Prinzessinnen des Reiches und der Nachbarreiche vor ihm erscheinen, daß
er unter ihnen die Gattin wähle -- aber die Rechte fand er nie. Und
ganz eigen war es, wie er sich bei dieser Prinzessinnenschau benahm.
Er blickte nicht nach dem Antlitz der jungen Schönen. Er sah nicht
auf ihre edle Gestalt. Nur die Hände ließ er sich zeigen -- nur sie
betrachtete er und schüttelte dann jedesmal verneinend das Haupt. So
viele schöne, zarte, beringte, feine Prinzessinnenhände er auch sah,
nie gefielen sie ihm. Nun dachten die Prinzessinnen nicht anders, als
daß ihre Hände dem jungen Könige noch immer nicht schön genug wären.
Sie sannen nur noch darüber nach, wie sie dieselben pflegen könnten.
Wuschen sie mit Morgentau, badeten sie in süßer Mandelmilch, ließen sie
vom Mondenlichte bescheinen, bis sie zart und weiß schimmerten wie die
Blütenblätter der Lilie.
Da war besonders ein feines, blondes Prinzeßchen mit Namen Gerda, das
hatte den jungen König von Herzen lieb und sehnte sich Tag und Nacht
darnach, seine Gemahlin zu werden. Aber auch ihre Hände fanden keine
Gnade vor des jungen Königs Augen.
So stand wieder einmal des jungen Königs Geburtstag im Kalender, der
Tag der Brautschau. Am Tage vorher waren natürlich alle Prinzessinnen
sehr aufgeregt.
Um sich zu zerstreuen, machte Prinzeß Gerda im nahen Walde einen
Spaziergang in Begleitung ihrer sechs jungen Hofdamen. Singend und
scherzend hüpften diese auf dem weichen Moose umher. Nur Prinzessin
Gerda ging toternst ihren Gedanken nach. Plötzlich kreischten die sechs
Fräulein entsetzt auf und fuhren aufgeregt auseinander. Da erwachte
Prinzeß Gerda aus tiefem Sinnen und als sie vor sich auf den Weg
blickte, sah sie dort eine dicke, aufgeblasene, braune Kröte, die, sich
mühsam vorwärtsschleppend und hinkend, langsam den Weg überquerte. Das
eine Bein des armen Tieres war gebrochen.
»Oh, Du armes, armes Tierchen!« rief Prinzessin Gerda, kniete nieder
und streichelte mit ihren feinen, weißen, edelsteinfunkelnden Fingern
die verletzte Kröte. Staunend und kopfschüttelnd standen die Hofdamen
und wagten vor Grausen und Ekel nicht näherzutreten.
[Illustration]
Die Kröte aber hielt in ihrem mühseligen Gange inne, sah Prinzeß
Gerda mit großen, erstaunten Augen an und sagte: »Du geliebtes,
herzensgutes Kind! Mit den himmlischzarten Fingerlein streichelst
Du mein ekliges, warziges Fell! Mit den schönen, schönen
Prinzessinnenhänden!«
»Ach!« seufzte Prinzeßchen und besah traurig seine Finger. »Ach! Schön
nennst Du sie? Dem Könige gefallen sie aber gar nicht und ich habe doch
nur den einen einzigen Wunsch, daß sie ihm endlich gefallen möchten,
dem jungen Könige, den ich so lieb habe und dessen Gemahlin ich doch so
furchtbar gerne werden möchte!«
»So -- so,« murmelte die Kröte und lächelte mit ihrem breiten
Krötenmaule so süß, wie man es bei diesen Tieren selten sieht. »So --
so? -- Na -- na? -- Da soll ich alte Humpelliese dem schönen Kindchen
wohl dazu verhelfen, daß aus dem Prinzeßchen eine kleine Königin wird?
Ja, ja, ich weiß es wohl, daß der junge König bei der Wahl seiner
Gemahlin nur nach den Händen sieht und ich weiß auch, warum er dies
tut. Nun geh einmal dorthin, liebes Kind, und pflücke die Wolfsmilch,
die da am Wege steht. Du kennst sie doch, die Wolfsmilch?«
»Ja, die niedliche Blume,« sprach Prinzeßchen, »die die vielen, vielen
kleinen Blättchen und die hübschen, rötlichen Blüten hat.«
»Ja, die ist's,« erwiderte die Kröte. »Aber wie oberflächlich ihr
Menschenkinder doch alles betrachtet und benennt! Was Du da als
Blättchen ansiehst, sind nämlich lauter kleine Stiele, und die paar
rötlichen Blättchen an der Spitze, die Du Blüten nennst, das sind die
eigentlichen Blätter. Merke Dir das, Kind. Und nun zur Sache. Die
Pflanze zerdrücke zwischen den Fingern, benetze mit dem weißen Saft,
der ihrem Stengel entquillt, tüchtig Deine Hände und ich verspreche
Dir, Deine Hände ganz allein werden Gnade vor des Königs Augen finden
und Dich wird er zu seiner Gemahlin machen.«
So eifrig rieb nun Prinzessin Gerda ihre Finger mit dem weißen
Wolfsmilchsafte ein, daß sie gar nicht bemerkte, wie die Kröte leise
lachend von dannen humpelte.
Dann ging sie mit freudig klopfendem Herzen heim.
Wie groß aber war der Schrecken der Prinzessin, als sie am nächsten
Morgen beim Erwachen entdeckte, daß ihre wohlgepflegten Finger durch
das Einreiben mit dem Safte der Wolfsmilch ganz und gar mit braunen
Flecken übersät waren. »Oh, die böse Kröte,« rief sie. »Das ist der
Dank für meine Freundlichkeit gegen sie. Und wie häßlich hat sie mich
belogen!«
Unter Weinen und Jammern rieb und wusch sie nun ihre zarten Hände. Die
Flecken verschwanden nicht.
Am Abend, als alle anderen Prinzessinnen bei der Brautschau dem Könige
ihre Hände hinstreckten, stand Prinzeß Gerda traurig abseits und
versteckte die ihren beschämt auf dem Rücken.
Im Kreise umstanden die Schönen den König und warteten und jede hoffte
in ihrem Herzen, daß ihre Hände heute dem Könige gefallen würden und er
sie zu seiner Königin machen würde. Der König betrachtete nacheinander
ganz genau die vielen zarten Finger, die sich ihm entgegenstreckten.
Dann lächelte er wehmütig, schüttelte den Kopf und wollte grade betrübt
die Stufen zum Throne einsam und allein emporsteigen, als er Prinzeß
Gerda stehen sah, die scheu zu Boden blickte und die Hände auf dem
Rücken versteckte. Leise trat er zu ihr und sprach: »Warum stehst Du
hier so verlassen und zeigst mir heute Deine Hände nicht? Wünschest Du
Dir nicht mehr, meine Gemahlin zu werden?«
»Ich kann sie ja nie, nie mehr sehen lassen; sie sind zu häßlich!«
erwiderte Gerda.
»Zeige sie!« gebot der König. Da mußte Prinzeßchen gehorchen und
streckte dem König ängstlich ihre Fingerlein entgegen. Der warf nur
einen Blick auf dieselben, dann stutzte er, sah Prinzeßchen tief in
die Augen und sprach: »Endlich habe ich das Glück gefunden, das ich so
lange schon suchte. Du, Prinzessin Gerda, Du wirst meine Gemahlin und
die Königin meines Landes.«
Prinzessin Gerda war vor freudigem Schreck ganz benommen, als der König
sie bei der Hand nahm und sie zu dem Thronsessel führte. Die vielen
neidischen Blicke aber, die ihr die anderen Prinzessinnen zuwarfen, die
spürte sie bis tief ins Herz hinein.
Wieder ergriff der König ihre Hand, küßte sie und sprach laut zu den
Versammelten: »Ich habe nun eine Königin gewählt und wollt Ihr wissen,
warum meine Wahl just auf Prinzessin Gerda fiel? Weil ich an den
braunen Flecken, die Ihr an ihren Händen erblickt, sehe, daß sie ihre
Tage nicht mit Nichtstun zubringt. Daß sie arbeitet. Eine Königin
aber, die nicht arbeitet, wäre für die anderen Frauen ihres Reiches ein
schlechtes Beispiel.«
Als die Prinzessin dies hörte, wurde sie tieftraurig und sprach: »Wenn
Ihr so denkt, lieber König, kann ich Eure Gemahlin nicht werden. Ich
habe ja noch nie in meinem Leben gearbeitet. Die Flecken an meinen
Händen kommen ja nur von dem giftigen Saft der Wolfsmilch her, mit dem
ich sie eingerieben habe.« Und nun erzählte sie die ganze Geschichte
von der Kröte mit dem gebrochenen Bein und allem, was diese ihr
geraten, gesagt und versprochen hatte. Darnach schickte Prinzeß Gerda
sich an, die Stufen des Thrones wieder hinabzusteigen, und weinte
bitterlich.
Da ergriff der junge König ihre Hand, küßte die Prinzessin auf den Mund
und sagte: »Und dennoch wirst Du meine Gemahlin! Du hast aus lauter
Mitleid und Herzensgüte mit Deinen zarten Prinzessinnenhänden die ekle
Kröte gestreichelt. Du wirst aus Liebe zu mir und zu Deinem Volke auch
arbeiten, wenn es nottut.«
»Das werde ich,« sprach schlicht die Prinzessin und lehnte das Haupt
glückselig an die Schulter des Königs. Sie hat ihr Versprechen
treulich gehalten. Als schwere Zeiten über das Land kamen, hat sie
ihre feinen Hände nicht geschont und gearbeitet wie eine einfache
Tagelöhnersfrau. Wenn dann der König an den schönen Fingerlein
einen Flecken entdeckte, fragte er neckend: »Hast Du sie wieder mit
Wolfsmilch eingerieben?« Dann lachten sie beide. Sie waren sehr
glücklich bis an ihr Ende.
[Illustration]
Wie Klein-Rosas Puppe mit dem König in den Himmel kam.
Warum der Brunnen vor dem Nachbarhause das Engelbrünnlein hieß, das
wollten die Kinder wissen.
Weil es nun so schön warm im Zimmer war, die Bratäpfel im Ofen so
lustige, unmanierliche Tönchen von sich gaben, die Kinder den ganzen
Tag über brav gewesen waren, war Mutter so recht guter Laune und ließ
sich erweichen.
Da erzählte sie denn, daß der Brunnen früher gar keinen besonderen
Namen gehabt hätte. Eines Tages aber war großer Kummer im ganzen
Dorfe. Ein liebes, kleines, pausbäckiges Büblein war so lange auf dem
Brunnenrand herumspaziert, bis es hineingefallen war. Weil aber alle
Leute auf dem Felde bei der Arbeit waren, hatte niemand das jämmerliche
Schreien des Kleinen gehört und so konnte er aus dem nassen, kalten
Wasser nicht wieder herausgezogen werden. Da aber wuchsen ihm tief
unten im Brunnen zwei herrliche Flüglein, er wurde ein liebes Englein,
flog aus dem Brunnen heraus, plusterte und schüttelte sich, daß das
Wasser nur so umherspritzte, flog hinauf zum lieben Gott in den Himmel
und niemand hat das herzige Büblein je wiedergesehen.
»Ah«, riefen da die Kinder und sahen durch das Fenster zum bestirnten
Nachthimmel auf und beneideten das Büblein, das so flink ein Engel
Gottes geworden war.
Nun durfte es ja immerzu mit den anderen Engeln um die Wette singen und
spielen.
Die kleine Rosa schwieg zuerst ganz still, dann aber fragte sie:
»Mutter, wird denn jeder, der hineinfällt, ein Englein?«
»Nicht jeder, nur die ganz kleinen Kinder, die sich noch nicht selber
helfen und nicht wieder herausklettern können,« antwortete die Mutter.
Der Winter verging, der Frühling kam. Die Kinder spielten Ringelreihen
oder flochten Blumenkränze und setzten sie sich auf. Der Sommer folgte
und brachte Beeren und schöne Pilze und niemand dachte mehr ans
Geschichtenerzählen.
Vater und Mutter arbeiteten bis abends spät draußen auf dem Felde, die
größeren Kinder mußten ihnen helfen. Die kleineren durften die Ziegen
hüten und die Gänse. Das war des Jahres schönste Zeit.
Wenn dann der Abend kam, war die ganze liebe Familie so müde, daß ihnen
allen die Augen zufielen und es im Hause neben dem Engelbrünnlein
schon mäuschen-, mäuschenstill war, wenn der gute Mond über den Wald
herübergewandelt kam.
So war es auch eines Abends mäuschenstill. (Hört Ihr Kinderlein?) Nur
das Brünnlein rauschte und der Bach, der an der Seite aus dem Brünnlein
herausfließt, murmelte und rieselte.
Jetzt aber paßt auf! Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte.
Also, der Mond schien so schön hell, daß man alles ganz genau sehen
konnte. Da öffnete sich an dem Hause neben dem Engelbrünnlein leise,
leise die Türe und ohne Schuhe und Strümpfe, im Nachthemdlein kam die
kleine Rosa geschlichen, just wie sie aus dem Bettlein gestiegen war.
»Ei, ei,« dachte der Mond, »was gibt es denn da? Das kleine Mädchen
gehört doch in die Federn!«
Er zog ein ganz schiefes, böses Gesicht, so ärgerlich war er.
Aber die kleine Rosa merkte nicht, daß jemand sie so böse ansah. Munter
trippelte sie drauflos und hielt dabei mit beiden Händen ihr buntes
Holzpüppchen fest.
Immer ärgerlicher wurde das Gesicht des Mondes, denn die kleine Rosa
ging nun geradeswegs auf den Brunnen zu.
Er schnitt dem Kinde die bösesten Gesichter, furchte die Stirne,
runzelte die Brauen, öffnete den Mund ganz weit. Es half alles nichts.
Klein Rosa stieg auf den Rand des Brunnens und deutlich hörte er sie
sagen: »Ein Englein möchte ich haben, ein richtiges mit Flügeln, das
fliegen kann. Liebes Engelbrünnlein, mache mir aus meinem Püppchen
ein Engelein.« Dann beugte sich die kleine Rosa weit vor, gab ihrem
Püppchen einen Kuß und tauchte es vorsichtig ins Wasser.
Der Mond aber war nun gar nicht mehr böse. Nein, er lächelte liebevoll
und gütig und sandte einen seiner silbernen Strahlen aus, daß er dem
Kinde helfe. Und siehe da, der Strahl tauchte in den Brunnentrog,
berührte leise das Holzpüppchen, und als die Kleine die Puppe wieder
aus dem Wasser hob, hatte sie schöne, goldene Flügel am Rücken. Laut
jubelte das Kind und erzählte es dem Monde, den Wolken, den Bäumen, den
schlafenden Häusern: »Ich habe ein Englein, ein richtiges Englein! Mein
Püppchen ist ein Englein geworden!«
Und sie nahm das Englein in beide Hände und rief: »Englein flieg!
Englein flieg!«
Aber das Englein flog nicht. Es war eben doch nur ein Puppenenglein --
kein Menschenenglein. Und soviel die Kleine es auch in der Luft schwang
-- es rührte sich nicht und die goldenen Flügel blieben unbeweglich.
Da weinte die kleine Rosa bitterlich.
Das hörte der alte Nachtwächter des Dorfes und kam so schnell
herbeigelaufen, wie es seine schweren Stiefel und das mächtig große
Tuterohr erlaubten.
[Illustration]
»Was, das ist ja die Rosa, die hier so schreit!« rief er. »Die Rosa
mitten in der Nacht und im Hemde! Ei der Tausend -- was werden die
Eltern dazu sagen? Schnell, schnell, zurück ins Bett!«
Flink ergriff er das Kind bei der Hand und zog es mit sich fort dem
Hause zu. So schnell mußte Rosa laufen, daß sie ihr Englein aus der
Hand fallen ließ. Da half alles Jammern und Schreien nichts -- der böse
alte Nachtwächter ließ nicht los und brachte Rosa zu den Eltern.
Das Englein war in den Bach gefallen.
Erst drehte es sich ein paarmal im Kreise herum, stieß hier mit einem
Flügel, da mit einem Händchen an einen großen Stein -- dann ging es
heidi! immer weiter, immer weiter, dahin auf den Wellen des Baches.
Als der Morgen graute, schwamm Rosas Englein bereits in einem großen,
breiten Strom. Die Sonne beschien seine goldenen Flügel, so daß sie
weithin leuchteten.
Das sah aber niemand als der liebe Gott und die Vögel, die über den
Fluß dahin flatterten.
Aber um Mittag, als die Sonne schön warm schien, fanden bei einem Dorfe
die Fischer in einem ihrer Netze das Puppenenglein, das sich darin
gefangen hatte. Sie trauten ihren Augen nicht und wunderten sich und
lachten und wollten das Englein mit nach Hause nehmen.
Da schüttelte der älteste Fischer den Kopf und sagte: »Tut das ja
nicht! Das bringt Euch Unglück ins Haus. Seht Ihr denn nicht, daß das
einer von den geschnitzten Englein von unseres Heilandes Altar ist? Den
hat ein Bösewicht gestohlen und ihn dann aus Furcht vor Strafe in den
Strom geworfen. Laßt ihn wieder schwimmen.«
Da taten die Männer, was der Alte gesagt hatte und Englein wurde von
den Wellen immer weiter getragen, vorbei an Wäldern, Feldern und
Ortschaften.
In einer großen, großen Stadt mit vielen Türmen lagen am Ufer des
Stromes mächtige Kähne, auf denen allerhand Waren aufgestapelt waren.
Da gab es Fässer, und Kohlen und Gemüse. Am lustigsten sah ein Kahn
aus, auf dem es nur rotbackige und goldgelbe Aepfel gab.
Und lustig waren die beiden Alten, ein Männlein und ein Weiblein, die
ihr schönes Obst an die vorübergehenden Städter verkauften.
Die beiden saßen gemütlich auf dem Vorderteil ihres Schiffes und
sonnten sich. Da machte Mütterchen große Augen und zeigte mit der
Stricknadel ins Wasser. Und Väterchen rief: »Nanu, was schwimmt denn
da?« und versuchte mit einer langen Stange den blinkenden Gegenstand
aus dem Wasser zu ziehen. Als es ihm endlich gelang, jubelten die
beiden vor Freude und riefen: »Ein Engel! Ein Englein! Das schickt uns
der liebe Herrgott -- das wird uns Glück bringen!«
Und Mütterchen nahm klein Rosas Puppenenglein auf den Schoß und
trocknete ihm mit ihrer Schürze ganz vorsichtig Gesicht und Hände und
Füße und ließ die liebe Sonne auf die goldenen Flügel scheinen, daß sie
wieder schön sauber und blank wurden.
Wie die Kinder freuten sich die beiden Alten an ihrem Schatz.
Da kam eine schwarz verschleierte Dame auf das Schiff um Aepfel
zu kaufen. Die führte an der Hand ein kleines Mädchen mit großen,
traurigen Augen.
Als die Kleine das Puppenenglein sah, lachte sie jedoch sogleich und
lief eilig darauf zu und rief: »Mutter, Mutter, sieh die reizende
Puppe. Bitte, bitte, kaufe sie mir!«
Da sahen die beiden Alten sich an und das Mütterlein sprach: »Mein
liebes Kind, das Püppchen ist nicht zu kaufen. Das hat uns eben der
liebe Herrgott geschickt.« Da schlich das Kind betrübt bei Seite.
Die Mutter aber trat zu den alten Leuten und bat: »Gebt mir das
Spielzeug, wenn es irgend geht. Ihr tut ein gutes Werk. Gott wird es
Euch lohnen. Meine kleine Hilda hat vor wenigen Wochen ihr einziges
Schwesterchen verloren. Seitdem hat sie das Lachen und Spielen
verlernt. Verkauft mir das Püppchen, damit sie wieder eine Freude hat.«
Da legte das alte Mütterlein dem Kinde die Puppe in den Arm und die
kleine Hilda war glückselig und lachte. Als die Mutter mit dem Kinde
das Obstschiff verlassen hatte, fanden die alten Leute im Strickkorbe
des Mütterchens eine Menge Goldstücke, welche die Dame zum Dank
heimlich hineingetan hatte. Da freuten sie sich und der Greis sprach:
»Nun können wir endlich unser altes, morsches Schiff wieder ausbessern.
Das Englein hat uns doch großes Glück gebracht.« »Und,« sagte das
Mütterchen, »und das arme Kindchen hat eine Freude und lacht nun
wieder.«
Am glücklichsten aber war klein Hildes Mutter, denn ihr kleines
Mädchen vergaß nun über dem lieblichen Puppenengel den Kummer über die
gestorbene kleine Schwester. Klein Rosas Püppchen mußte immer bei ihr
sein, bei Tag und bei Nacht und wenn andere Kinder ihre gewöhnlichen
Puppen, die keine Flügel hatten, spazieren trugen, hielt Hilde stolz
ihr Englein im Arm und ließ die Sonne auf seine goldenen Flügel
scheinen. Die glänzten und glitzerten und erfüllten die Herzen der
anderen Kinder mit Neid. Davon merkte die kleine Hilde in ihrer Freude
garnichts, bis sie eines Tages hörte, wie ihre Gespielen hinter ihr
hersangen:
»Ein Englein, das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«
Dabei lachten sie laut und schadenfroh.
Das tat Hildes kleinem Herzen sehr weh. Immer wenn sie ihr Püppchen
herzte und mit ihm spielte, tönte es ihr im Ohr:
»Ein Englein das kann nur liegen!
Hat Flügel und kann nicht fliegen!«
Dann wurde sie traurig und flüsterte: »Englein, flieg! Nur ein
einzigesmal, flieg, mein Englein!«
Dabei hob sie das Püppchen hoch in die Luft.
Aber, wer nicht flog, weil es ja nicht konnte, war das Engelspüppchen.
Als dann ein großer Sturm über die Stadt dahinbrauste, Schornsteine und
Fensterladen zerschlug und Bäume entwurzelte, da öffnete Hilde ganz
heimlich das Fenster, hielt ihre Puppe hinaus und rief: »Nun wird's
schon gehen, Englein, flieg!« Und ehe sie sich's versah, riß der Sturm
ihr ihren Liebling aus der Hand. Nun flog das Englein, aber nicht in
die Höhe, wie richtige Engel es tun in den grauwolkigen Himmel hinein.
Nein, es drehte sich ein paarmal in der Luft und flog dann, plumps! in
die Tiefe, mitten auf den Schoß des Königs, der gerade vorüber fuhr.
Der erschrack sehr, sprang vom Wagensitz in die Höhe und rief dem
Kutscher zu: »Halt! So halt doch Friedrich!«
Der Kutscher griff schnell in die Zügel -- die Rosse standen still.
Im selben Augenblick stürzte dicht vor den Pferden ein hohes,
steinernes Tor durch die Gewalt des Sturmes zusammen. Das hätte den
König erschlagen, wenn er einen Schritt weiter gefahren wäre. Und er
wäre weiter gefahren, wenn nicht das Puppenenglein ihm in den Schoß
gefallen wäre.
»Du bist mein kleiner Lebensretter,« rief der König und hielt das
Püppchen hoch, daß jeder es sehen konnte und das Volk jubelte und
jauchzte.
Der König aber suchte mit den Augen in der Höhe, um zu sehen, woher das
Englein wohl gekommen sein mochte. Da erblickte er klein Hilde weinend
am Fenster stehend und winkte ihr, herabzukommen.
Schnell, schnell kam das Kind die Treppe heruntergelaufen und knixte
vor dem Könige. Nun mußte es ihm die ganze Geschichte erzählen und als
der König erfuhr, daß Hilde ihr Englein hatte fliegen lehren wollen,
da lachte er herzlich und sprach: »Mein liebes, kleines Mädchen, dies
Puppenenglein lernt das Fliegen nie, aber ich schenke Dir eine große,
schöne Engelspuppe, die fliegen kann. Die sollst Du Dir am nächsten
Weihnachtsabend bei mir im Schlosse holen.
Meinen kleinen Lebensretter mußt Du mir aber dafür lassen, nicht wahr,
der darf mich nie mehr verlassen, solange ich lebe.«
Hilde nickte dem König selig zu und lief schnell zur Mutter, um ihr
zu erzählen, was der König ihr versprochen hatte. Der fuhr vergnügt
nach Hause in sein herrliches Schloß. Dort ließ er seinen Hoftapezier
zu sich rufen, der mußte über des Königs Bett einen Himmel aus
hellblauseidenen Wolken anbringen und das Englein darin schwebend
befestigen.
So sah es der König jeden Morgen und jeden Abend und freute sich daran.
Er schlief vergnügt ein und erwachte frohen Herzens, denn sein kleiner
Lebensretter schwebte über ihm.
Für Hilde bestellte er bei einem berühmten Künstler eine schöne, große
Engelspuppe mit goldenen Flügeln. Die trug unsichtbar innerlich eine
Maschine. Wenn man sie mit einem Uhrschlüssel aufzog, flog sie ganz
richtig im Zimmer umher -- und tut es vielleicht heute noch, wenn sie
nicht unterdessen längst »kaputgegangen« ist.
Als dann der König alt und krank wurde und immer im Bett liegen mußte,
war sein einziger Trost das Puppenenglein, das über seinem Bette in
blauen Wolken schwebte. Ihm lächelte er zu -- und das Englein lächelte
wieder. Sie verstanden sich sehr gut. »Wir gehören für immer zusammen!«
das wollte das Lächeln sagen.
In seiner Todesstunde, als der alte König vor Schwäche kaum noch reden
konnte, sprach er: »Mein -- Englein -- gebt -- mir -- mit -- wenn --
ich -- sterbe!«