Da stieß Lottchen Lenchen am Ellenbogen und flüsterte: »Weihnachten!«

Und Lenchen antwortete: »Ja, Weihnachten! -- aber wo denn?« Dann saßen

sie wieder still; nur daß Lottchen an ihrer Nase spielte und Lenchen

die Fingergelenke knacken ließ.

Da fiel kurz und schnell ein heller Lichtschein durch's Fenster und

verschwand gleich wieder. Die Kinder schauten hinaus -- schauten und

erblickten in der Ferne über dem Walde ein helles Leuchten und Strahlen.

»Da, da ist ja Weihnachten!« flüsterte Lenchen und Lottchen stellte

sich auf das Fensterbrett und drückte die Nase gegen die Scheiben und

Lenchen machte es ihr nach.

»Da ist Weihnachten -- da müssen wir hin!« flüsterte Lenchen und

öffnete ganz leise das Fenster.

Da sahen sie vor dem Fenster eine herrliche goldene Treppe, die führte

hinab in das Gärtchen. Die stiegen sie ganz vorsichtig hinunter und

gingen Hand in Hand hinaus auf die Landstraße. Nun suchten sie mit den

Augen den hellen Schein über dem Walde. Der war aber nicht mehr zu

sehen. Da fürchteten sich die Kinder sehr und wollten wieder umkehren.

Plötzlich hörten sie über sich ein feines Schnarren und als sie in

die Höhe sahen, flog da ein reizender kleiner Engel mit silbernen

Flügeln und hatte ein blankes Rauschgoldröcklein an. Das Englein winkte

ihnen und flog immer vor ihnen her. So kamen sie in den Wald auf einen

breiten Weg. Rechts und links standen ernste, hohe Tannenbäume Spalier,

so wie die Soldaten es machen, wenn der König vorüberkommt. Und

Lenchen und Lottchen hätten große Angst gehabt, wenn ihnen das liebe

Englein nicht den Weg gezeigt hätte. Da begann das Englein zu fingen

und die Kinder stimmten mit ein in das schöne Lied: »O du fröhliche,

o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit« und marschierten tapfer

drauflos. Endlich hörte der breite Weg auf und sie standen vor einem

engen, dunklen Waldpfade.

»Wer kommt in mein Reich?« rief eine laute Stimme. »Was sucht Ihr hier?«

Ein riesengroßer, bärtiger Mann trat aus dem Dunkel und fragte: »Was

sucht Ihr denn bei mir, Ihr Kinder, he?«

»Weihnachten suchen wir!« antworteten zitternd die Kleinen. »So, das

ist aber merkwürdig. Warum sucht Ihr Weihnachten denn nicht zu Hause

wie andere Kinder auch?« meinte der Riese.

»Da ist doch keines« erwiederte Lottchen und Lenchen weinte.

»Hm« machte der große Mann, »da ist keines? Wohl weil Ihr nicht artig

gewesen seid, he?«

»Nein,« jammerte Lenchen.

»Nein,« sagte Lottchen.

»Nun, warum denn?« fragte der Riese.

»Weil Mutter im Bette liegt und krank ist.«

»So,« sagte der Bärtige und zog ein großes, buntes Schnupftuch aus

dem Sack und schneuzte sich fürchterlich laut, damit die Kinder nicht

sahen, daß er aus Mitleid mit ihnen weinte.

»So, so? Na, dann kommt. Dann wollen wir mal zusammen Weihnachten

suchen.« Er nahm die beiden Schwestern bei der Hand und führte sie

freundlich den dunklen Weg entlang. Und wieder flog das Englein singend

über ihnen.

Da frug der Riese die Kinder nach ihren Namen.

»Ich heiße Lottchen.«

»Und Du?«

»Lenchen.«

»So,« meinte er, »Lottchen und Lenchen. Das sind schöne Namen. Und wie

mag ich wohl heißen, was meint Ihr?«

[Illustration]

»Knecht Rupprecht!« schrie das dreistere Lottchen.

»Der Weihnachtsmann!« flüsterte Lenchen.

»Falsch geraten! Falsch geraten!« rief der Riese und lachte, daß alles

wackelte.

»Rübezahl!« rief da Lottchen.

»Auch nicht! Ich muß es Euch wohl sagen. Pimsti-Pumsti heiße ich.

Sprecht mal nach: Pimsti-Pumsti. --«

»Das ist lustig! Das ist lustig!« krähte Lottchen. »Pimsti-Pumsti.«

»Pimsti-Pumsti,« flüsterte Lenchen und sah den Riesen erstaunt an.

»Was machst Du denn hier im Walde, Pimsti-Pumsti?« frug Lottchen und

pruschte laut los, weil ihr der Name so sehr komisch vorkam.

»Was ich mache?« antwortete der. »Garnichts mache ich. Das heißt, ich

schlafe das ganze Jahr über in meiner Höhle.« »Na, und heut?« sagte

Lottchen. »Heute schläfst Du doch nicht!«

»Nein, Du kleiner Naseweis, heute nicht. Heute ist der heilige Abend.

Das ist der einzige Tag im Jahre, an dem ich munter bin. An dem ich

nicht schlafen darf, denn da muß ich in jedem Jahre dafür sorgen, daß

auch im Walde Weihnachten ist. Ihr werdet's ja sehen! Da, es fängt

schon an, seht mein Englein!«

Als nun die kleinen Mädchen das Englein mit den Augen suchten, flog es

nicht mehr geradeaus über ihnen. Es flog hin und her, von rechts nach

links, von links nach rechts und berührte mit einem goldenen Stäbchen

die Spitzen der großen Tannen auf beiden Seiten des Weges, der nun

immer breiter wurde. Und wo sein Stab die Baumspitze berührt hatte,

flammte auf derselben ein lichter, strahlender Stern auf. Das sah

herrlich aus. So herrlich, daß die Schwestern immerfort nach dem Engel

und nach den Sternen auf der Spitze der Bäume sahen und gar nicht auf

den Weg. Und hätte der gute Pimsti-Pumsti sie nicht fest bei der Hand

gehabt, sie wären sicher gestolpert und hingefallen.

So gingen sie tapfer weiter und merkten es gar nicht und standen

plötzlich auf einem großen freien Platz. Da ließ Pimsti-Pumsti sie los

und klatschte in die Hände, daß es weithin schallte. Dann sagte er laut

und feierlich das eine Wort: »Weihnachten!«

Da flog das Englein herbei und setzte sich auf die höchste Spitze der

himmelhohen Tanne, die in der Mitte des Platzes stand, und läutete mit

einem silbernen Glöcklein und im Nu erstrahlte der hohe Tannenbaum von

tausend Lichtern und funkelte und glitzerte und war nun ein himmlisch

schöner Weihnachtsbaum. Und auf den großen, schweigsamen Tannen, die

den Platz umstanden, wurde es lebendig. Auf der Spitze einer jeden

ließ sich ein Englein nieder. Und alle sangen nun mit heller Stimme:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!« Dann wurde es still, ganz still, und den Kleinen klopfte

das Herz in der Brust.

Und noch einmal rief Pimsti-Pumsti mit lauter Stimme: »Weihnachten!

Weihnachten im Walde!« Dabei lächelte er freundlich.

Da hörten die Kinder leises Knistern und Knastern im nahen Gesträuch.

Das wurde immer lauter. Und durch die Aeste des Gebüsches nahten sie

alle: Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Dächse, Häslein! Alle, alle

die lieben Bewohner des Waldes. Und auf den Zweigen rührte es sich von

Vöglein aller und jeder Art und von roten und schwarzen Eichhörnchen.

Und alle die lieben Tiere verharrten ganz still und sahen andächtig auf

den Lichterbaum.

Und Pimsti-Pumsti lachte vergnügt vor sich hin und rieb sich vor

Freude die großen, breiten Riesenhände. Dann verschwand er hinter

dem Weihnachtsbaum und kehrte mit einem großen Schlitten voll süß

duftendem Heu und prallen Säcken zurück. Das Heu streute er den

lieben Rehen und anderen Tieren hin und aus den Säcken kamen süße

Wallnüsse und braune Haselnüsse zum Vorschein für die Eichhörnchen und

anderen Tiere, die Nußkerne lieben. Da gab es ein Nagen und Knuspern

und Beißen und Knattern, daß es eine Lust war. Es war die richtige

Weihnachtsfestmahlzeit für alle Gäste des guten Pimsti-Pumsti. --

Als die ganze vierbeinige und gefiederte Gesellschaft sich

rechtschaffen sattgegessen hatte, gab der Riese den Tieren allen einen

Wink und so leise, wie sie gekommen, verschwanden sie wieder.

Dann trat er zu den beiden Kindern und sprach: »Macht einmal die Augen

fest zu, ihr Lieben, bis ich in die Hände klatsche. Aber ganz fest zu.«

Das taten die Kinder und rührten sich nicht vor lauter Erwartung, was

nun kommen würde.

Da klatschte Pimsti-Pumsti in die Hände. Die Kleinen waren wie

geblendet.

Rechts und links von dem großen Lichterbaum stand ein kleineres

Bäumchen, eines für Lottchen, eines für Lenchen, ganz und gar mit

Zuckerwerk behangen.

Und unter den Bäumen lagen die herrlichsten Geschenke.

Für Lottchen stand da eine Puppenküche mit blankem Geschirr darinnen,

wie sie sich schon so lange eine gewünscht hatte. Und Kleider und

Schuhe und alles, alles Mögliche.

Und Lenchen fand unter ihrem Bäumchen die große Lockenpuppe mit den

Schlafaugen, die sie immer im Schaufenster des Spielwarenladens in der

nächsten Stadt so bewundert und sehnsüchtig betrachtet hatte. Und auch

Kleider und Schuhe und dasselbe schöne Buch, das Nachbars Grete hatte.

Und sie sprangen an Pimsti-Pumsti in die Höhe vor Seligkeit und Dank

und er neigte sich ganz tief zu den kleinen Mädchen herunter und ließ

sich von ihnen den bärtigen Mund küssen. Dann verschwand er ganz

geheimnisvoll in seiner Höhle und als er wieder herauskam -- ja,

war denn das noch der alte Pimsti-Pumsti? Nein, er war ein großer,

hölzerner Nußknacker geworden, mit ganz steifen Armen und Beinen und

einem großen Maul voll Riesenzähnen.

Am Boden lagen unnatürlich große Nüsse, die durften die Kinder ihm

in den Mund schieben, und als sie dann hinten an seinem langen,

steifen Rockschwanz zogen, gab es einen fürchterlichen Krach, die Nuß

zerbrach und heraus fiel ein Badepüppchen, ein Nähkästchen, ein kleines

Wiegenbettchen und noch vieles mehr. Das war zu schön!

Und wieder ging Pimsti-Pumsti in seine Höhle und erschien alsdann mit

braunem Gesicht, braunen Händen und Füßen, Augen, die aussahen wie

Mandelkerne, und als er sich dann lang am Boden ausstreckte, bekamen

die Kleinen einen großen Schrecken -- er war ja so platt wie ein Brett.

Und er sprach mit einer wahren Grabesstimme: »Greift hier mal hin!«

und zeigte auf sein großes, braunes Ohr. Und »greift da mal hin!« und

streckte ihnen den Arm hin.

Und sie taten zitternd wie er gesagt hatte, und als er rief: »Packt nur

kräftig zu!« -- da hatte Lottchen ein Ohr in der Hand und das war aus

süßem Honigkuchenteig.

Und Lenchen hatte eine Hand ergriffen und auch die war aus braunem

Pfefferkuchen. Da sahen die Kleinen näher zu und merkten: Pimsti-Pumsti

hatte sich in einen Honigkuchenmann verwandelt. Der konnte eben alles.

Und sie knabberten und brachen an ihm herum nach Herzenslust --

bis er lachend in die Höhe sprang. Da war er wieder der alte liebe

Pimsti-Pumsti.

Nun wollten die Kinder mit ihren schönen Sachen spielen und

Pimsti-Pumsti ging mit ihnen zu ihren Plätzen. Da schlug in der Ferne

eine Uhr -- 1 -- 2 -- 3 -- 4 bis zu 12 dumpfen Schlägen und -- oh

Schreck! Die Lichter am Baume erloschen -- es wurde ganz stockfinster

-- nur am Himmel leuchteten die Sterne.

Wie Lenchen und Lottchen dann wieder zu ihrer lieben, kranken Mutter

zurückgekommen waren, das wußten sie nicht mehr zu sagen, als sie am

nächsten Morgen erwachten.

Sie saßen wieder auf dem Fensterbrett neben dem Rosmarinstock und

rieben sich den Schlaf aus den Augen. Dann erzählten sie ihrem lieben

Mütterlein von Pimsti-Pumsti und dem herrlichen Weihnachtsabend im

Walde.

Mütterlein hörte glückselig zu, dann sagte es: »Seht ihr, seinen

Kindern gibt's Gott schlafend.«

Sie meinte nicht anders, als die Kleinen hätten das alles geträumt.

Wir aber wissen es besser.

[Illustration]

Das Licht vom Himmel.

Tief unten im Keller eines großen, düsteren Hauses lebte ein alter

Schuster mit seiner lahmen Frau. Tag für Tag hörte man aus dem

niedrigen Fenster das Pochen seines Hammers, mit dem er in die Sohlen

der vielen großen und kleinen, groben und feinen Stiefel und Schuhe

kleine Holznägel schlug. Sonst aber war es mäuschenstill im Zimmer,

denn die alte Frau war leider viel zu schwach, um laut reden zu können,

und der Vogel, der im verrosteten Bauer an der Wand hing, war schon vor

Jahren einmal plötzlich tot von der Stange gefallen und saß nun schon

lange leblos und mit Werg ausgestopft neben dem leeren Futternapf.

Am Schnabel war ihm ein Federchen lose geworden und stand lustig

und frech in die Luft. Das sah so aus, als wenn das Vöglein lachte,

aber es sah wirklich nur so aus. Zum Lachen gab es ja nichts in dem

dunklen Stübchen und auch draußen vor dem Fenster nicht. Früher hatte

wenigstens gegen Abend die liebe Sonne durch dasselbe hineingeschienen.

Aber das war nun auch schon lange vorbei, denn auf der anderen Seite

der Gasse hatte man ein hohes Haus mit fünf Stockwerken gebaut und

dieses nahm alle Strahlen der Abendsonne für sich selber und ließ

keinen einzigen für den armen Schuster und seine Frau übrig.

Nun hätte der gute Alte gewiß auch für sein weniges Geld ein helleres

Zimmer bekommen, aber seine liebe Frau begann sofort zu weinen, wenn

er davon sprach, sie in ein anderes Haus zu bringen. »Laß mich hier

sterben, lieber Mann,« sprach sie. »Ja diesem Zimmer, in dem wir jung

und glücklich waren. In dem unsere lieben Kinderchen geboren wurden.«

Dann versprach er, ihren Wunsch zu erfüllen, aber sehr, sehr schwer

wurde es ihm, in dem auch bei Tage fast ganz düsteren Raum zu arbeiten.

Oft rieb er sich die Augen und seufzte leise, wenn es gar nicht

mehr gehen wollte, oder er schlich sich vor die Haustüre und blickte

sehnsüchtig zu dem hellen Himmel auf, der, ach, so hoch und fern

über ihm war. Abends, bevor er die ärmliche Lampe anzündete, ging er

regelmäßig ein wenig vors Haus, um die reine Abendluft einzuatmen.

So stand er wieder einmal in der stillen Straße, über sich den

herrlichen Nachthimmel, der von Millionen Sternen blinkte und

strahlte. --

»Einen von Euch Sternlein in meiner dunklen Kammer und mir wäre

geholfen!« dachte der alte Mann und faltete die Hände.

Da gab es oben am Himmel eine große Bewegung. Die Sternlein plinkten

sich gegenseitig zu, als wollten sie sagen: »Tue Du es!« Oder: »Du

solltest es dem alten Manne zuliebe tuen!«

Siehe da, noch ehe der arme Schuster es gedacht, fiel ein leuchtender,

lieblicher Stern herab zur Erde. Wie festgebannt stand der Alte auf

einem Fleck, dann griff er sich an den Kopf, bewegte sich und lief,

lief, was er nur laufen konnte, immer geradeaus in der Richtung, in

welcher er den Stern hatte fallen sehen. Immer dunkler wurde es um ihn

her. Längst hatte er die Stadt verlassen. Von dem Sternlein war nichts

zu sehen.

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles am Boden liegen.

»Da ist's«, rief er laut, daß es in der Stille der Nacht ganz schaurig

wiederhallte, und stürzte sich auf den hellen Gegenstand. Mit beiden

Händen griff er darnach. Aber seine Hände griffen ins Leere. Nur einige

Sandkörnlein vom Wege blieben an seinen Fingern haften. »Was war das

nur?«

Taumelnd griff sich der Alte an die Stirn. Dann gewahrte er, daß

das vermeintliche Sternlein nichts anderes war als der Schein eines

Lichtleins, der durch den Türspalt einer ärmlichen Hütte auf die Erde

fiel. Leise, leise trat der arme Mann zur Seite. Er schämte sich seiner

Dummheit.

Dann kehrte er um und lief, so schnell seine müden Beine es erlaubten,

zurück zu seiner kranken, schlafenden Frau.

Am nächsten Tage saß er wieder gebückt über der Arbeit und strengte in

der Finsternis seine armen Augen an bis sie tränten.

Als aber der Abend kam und sein Weib eingeschlummert war, überfiel ihn

eine große Unruhe. Das Sternlein hatte es ihm angetan und ließ ihm

keine Ruhe.

Wieder lief er weit, weit ins Land hinein. Von dem Stern war aber keine

Spur zu sehen.

So trieb er es nun viele, viele Abende, aber immer kehrte er traurig

und ohne sein Sternlein wieder heim.

Es war wie eine Krankheit -- wie ein Zauber. Wohin er auch blickte

-- überall sah er das blinkende Sternlein, wie es leise, leise zur

Erde hinabglitt. Ja, er hatte es damals ganz genau gesehen. Irgendwo

mußte es ja liegen, und wartete nun auf ihn, daß er es in seine dunkle

Werkstatt holen würde, damit es darin hell würde.

So wanderte er langsam die Landstraße entlang, denn die müden Füße

versagten schon den Dienst. Gottlob schien der Mond hell auf den Weg,

so daß er sich wenigstens nicht an den vielen Steinen, die umherlagen,

stoßen mußte. Sollte heute sein Wunsch in Erfüllung gehen?

[Illustration]

Forschend suchten seine Augen die Gegend ab und Seligkeit bemächtigte

sich seiner. Da, da drüben in einem Gärtchen vor einem schlafenden

Hause leuchtete es ihm entgegen, eine strahlend helle Kugel, genau wie

der Stern ausgesehen hatte, als er zur Erde hinuntergeglitten war.

Ehrfürchtig, ängstlich nahte der alte Schuster. Ja das war der schöne,

grünschillernde Stern! Inmitten eines Rosenbaumes war er gefallen und

hing nun fest auf der Spitze des Stockes, an welchem das Bäumchen

angebunden war.

»Mein Stern!« flüsterte der alte Mann, griff freudig darnach und hielt

nun zitternd die leuchtende Kugel in den Händen.

Da schrie im nahen Walde ein Käuzchen, so laut und schrill, daß der

Schuster vor Schreck seinen Schatz fallen ließ.

»Klirr-klirr,« machte es zu seinen Füßen, und als er sich bückte, lagen

da die grünschillernden Scherben einer Glaskugel, wie sie manche Leute

zum Schmucke ihres Gartens aufstecken.

»Wieder nichts! -- Wo bist Du nur mein Sternlein?« seufzte der Alte und

Tränen rollten über seine eingefallenen Backen. Nun gab er das Suchen

auf. Gewiß war der Stern doch nicht für ihn zur Erde herabgekommen und

er hatte sich das nur eingebildet.

Und jeden Tag kamen Leute und brachten Schuhe, die besohlt und geflickt

werden sollten, und die kranke Frau brauchte Essen und Arzeneien, und

darum mußte der Alte arbeiten und Geld verdienen, wenn auch die alten

Augen dabei fast erblindeten.

So kam die erste Maiennacht wieder einmal heran, die Nacht, in der

aller Zauber und aller Spuk auf Erden los ist.

Da stand der Schuster wieder vor seiner niederen Türe und blickte zum

Himmel auf, der dicht mit Sternen besät war. Und die Sternlein winkten

und blinkten und lächelten ihn an, als wollten sie ihm Mut machen.

»Sei es denn,« murmelte er, »einmal versuche ich es noch. Heute finde

ich sicher etwas, das fühle ich. Wer weiß -- alle guten Dinge sind

drei.«

Munter stapfte er los und sang ein Lied dabei. So wanderte er, vorbei

an Hütten, Schlössern und Kirchen, an Gärten und Wiesen. Dann kam

er in einen Wald, darin war es ganz sonderbar. Die Bäume flüsterten

miteinander. Die Blumen sangen leise vor sich hin. Die Vöglein

leuchteten wie lauter Edelsteine und es duftete so schön, wie es nur

im Paradies duften kann. Dem Schuster schwindelte vor lauter Entzücken.

Und als er gar vor einem silbern schillernden See stand, war er ganz

und gar benommen. Inmitten des Sees war es taghell. Da schwebten über

dem Wasser sechs schöne Mädchen in weißen Gewändern immer im Kreise um

eine auf- und niedersteigende, schillernde Lichtkugel.

»Mein Stern!« schluchzte der Alte und sank in die Knie. »Mein Stern!«

Und die Mädchen sangen:

»Lichtlein von oben. Sternlein fein!

Wem wirst du Leuchte und Hilfe sein?

Der dich begehrt, ihm, der dich ehrt --

Ihn wird beglücken dein Schein.«

Da rief der Alte: »Mein, mein ist das Sternlein. Mir hat es Gott

gesandt, daß ich nicht völlig erblinde.«

Da riefen die Mädchen:

»Nun, guter Alter, das werden wir gleich sehen!« Und sie kamen

angeschwebt und nahmen ihn auf ihre Arme und trugen ihn in die Mitte

des Sees.

»Willst Du sie ehren?

Nichts Bess'res begehren?«

sangen die Mädchen.

»Ja,« jubelte der Alte, »die leuchtende Kugel soll mir heilig sein,

auch wenn die Menschen sonst das schönste, hellste, strahlendste Licht

in ihre Häuser bringen, ich behalte mein Sternlein, mein Licht von

oben.«

Dann griff er mit bebenden Fingern nach der auf- und niederschwebenden

Kugel, in die sich das Sternlein bei seinem Sturz in den Wundersee

verwandelt hatte.

Und siehe da -- die Kugel blieb ruhig in seinen Händen.

»Er ist's! Er ist der Rechte! Für ihn war sie bestimmt!« jubelten die

Mädchen und trugen ihn mitsamt seinem Schatz ans Ufer des Sees.

Wie er damals nach Hause gekommen ist, weiß er heute noch nicht. Aber

mit dem Lichtlein von oben ist Helligkeit und Glück in seiner Werkstatt

eingekehrt. Er hält es aber auch hoch in Ehren. Noch heute, wo doch

überall das elektrische Licht leuchtet, so daß man nur zu knipsen

braucht und es wird taghell im Zimmer -- bei ihm könnt ihr noch die

wasserhelle Kugel sehen.

Geht nur und betrachtet sie euch bei dem armen Schuster im Keller

nebenan. Da hängt sie über seinem Arbeitstisch und leuchtet hell. Das

macht das Sternlein, das darin gefangen ist.

Pimsti-Pumsti · 第 3 / 7 题