Auf diese Weise ist klein Rosas Puppe zugleich mit dem König in den
Himmel gekommen.
[Illustration]
Fürstin Lilie.
Zu ihren Füßen Vergißmeinicht, Verbenen und Heliotrop. Zu ihren Häupten
nur den blauen Himmel -- so stand die stolze Lilie in strahlender
Schönheit inmitten eines herrlichen Parkes. Kerzengerade stand sie
da, Tag und Nacht, edel und schön. Morgens schmückten sie unzählige
Edelsteine -- der Nachttau war's, der sich leise auf sie niedergelassen
hatte. Mittags kleidete der Sonnenschein ihre schlanke Gestalt in
goldene Gewänder. Und wenn die Nacht zur Erde stieg, geschah es oft,
daß das Mondenlicht die Holde in silberweiße Schleier hüllte. Das
kleine Mädchen, das an der Hand einer lieben alten Frau auf den Wegen
des Parkes dahintrippelte, stand oft mit gefalteten Händen vor der
stolzen Lilie und konnte sich nicht sattsehen an ihrer Pracht. Eines
Tages sagte das Kind: »Sieh, Großmutter, wie sie dasteht! Keine andere
Blume hat eine so stolze Haltung, ein so köstliches Kleid und eine so
wunder-wunderbare Krone. Ich glaube, sie ist eine Fürstin. Wir müssen
sie verehren!« Und die Kleine hob mit beiden Händchen ihr Kleidchen
und machte einen tiefen Knix vor der Blume und bat die Großmutter, es
ebenso zu machen. Die lächelte -- dann verneigte sie sich tief vor der
Fürstin unter den Blumen, ruhig und feierlich, wie alte Damen sich
verneigen, wenn der Kaiser des Weges kommt. Seitdem hieß die schlanke
Lilie nur »Die Fürstin« und Großmutter und Enkelin zeigten ihr ihre
tiefe Verehrung durch eine Verbeugung, so oft sie vorübergingen.
Die Fürstin hatte aber auch noch andere Verehrer die Menge. Da war der
weiche Südwind, der sie umschmeichelte und ihr seine Bewunderung ins
Ohr flüsterte. Da waren die buntschillernden Schmetterlinge, die sie
umgaukelten. Die großen und die kleinen Käferlein, die sie umsurrten.
Surr -- surr! Sum -- sum! So ging es den ganzen Tag. Die Fürstin hatte
ein Recht, stolz zu sein auf ihre prächtigen Gewänder, ihre herrlichen
Juwelen und die vielen, vielen Verehrer.
Wenn der Winter in das Land zog, legte sie sich ruhig schlafen zusammen
mit allen anderen Blumenkindern unter die weiche, linde Schneedecke.
Sie wußte ja, der Sommer würde sie in alter, stolzer Pracht wieder
erstehen lassen.
So war es einmal Spätherbst geworden und alle Blumen waren zur Ruhe
gegangen. Da durchwandelten andere Leute laut und herrisch den schönen
Park, Großmutter und die Kleine gingen nicht mehr darinnen umher. Ein
Gärtner nahte mit schwerer Eisenschaufel und eine schrille Frauenstimme
rief: »Hier müssen Rosen gepflanzt werden, viele feuerrote Rosen, damit
die Vorübergehenden vor Staunen stehen bleiben. Fahren sie diese alte
Erde hier fort und bringen Sie gute, neue dafür her.«
Der Gärtner holte eine Karre, schaufelte die Erde hinein, und mit ihr
die Lilie, die jetzt in der unscheinbaren Knolle versteckt im Boden
schlief. Er schob die Karre weit, weit fort in das Gebüsch, schüttete
sie dort aus und ging von dannen.
[Illustration]
Nun schlief die Fürstin ihren Winterschlaf in einem neuen Bette und
wußte es nicht einmal, bis im Frühling alle Blumen erwachten und auch
sie die Augen wieder aufschlug.
»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Ist dies ein Gefängnis, daß es so dunkel
um mich her ist, daß ich so ganz allein bin?«
Dunkle, dunkle Taxusbüsche beschatteten den Winkel, in dem die Fürstin
nun wieder zum Leben erwachte, müde und traurig, denn hier gefiel es
ihr gar nicht. Hier sah sie den blauen Himmel nicht. Kein Nachttau
schmückte ihr Haupt mit Juwelen. Kein goldenes Sonnenkleid umhüllte
sie mehr zur heißen Mittagsstunde. Um sie her am Boden lag in wüster
Unordnung Schutt und Geröll. Und wo blieben Liebe und Verehrung,
die bisher das Glück ihres Lebens ausgemacht hatten? Großmutter und
Enkelin sah sie niemals wieder. Der laue Südwind konnte nicht mehr zu
ihr gelangen. Lichtblaue und weiße Falter umgaukelten nun wohl andere
Blumen -- zu ihr ins dunkle Gebüsch fanden sie nicht mehr den Weg.
Zitternd stand Fürstin Lilie einsam in der Verbannung und weinte
bitterlich.
Da krabbelte und kraspelte es zu ihren Füßen. Unscheinbare braune
Käferlein waren es, die einzigen Freunde, die ihr aus den Tagen ihres
Glanzes in die Verbannung gefolgt waren. Sie wisperten und tuschelten
ihr Worte des Trostes zu, aber Fürstin Lilie hörte nicht auf zu weinen.
Ihr Leben war zu trostlos und öde geworden. Sie achtete gar nicht auf
das Flüstern der kleinen Tierchen.
Eine armselige kleine Abwechslung gab es aber doch in dem Gefängnis
für sie. Durch einen schmalen Spalt in dem dunklen Gebüsch konnte sie
in die Ferne blicken. Da sah sie oft ein großes, schwarzes Ungetüm
vorüberbrausen und hörte es laut fauchen und schnauben und stampfen. So
schnell wie es gekommen war, verschwand es aber auch immer wieder. In
einer besonders dunklen Nacht erwachte sie von den wilden Tönen, die
das Ungetüm ausstieß, und war geblendet. Goldgelbe, silbernschillernde,
rubinrote, himmelblaue Edelsteine spie es fauchend aus. Zu beiden
Seiten des Weges sanken sie hin und waren dann nicht mehr zu sehen.
»Oh, könnte ich diese wenigstens haben, um mich in meiner Einsamkeit
damit zu schmücken. Dann wüßte ich doch einmal wieder, daß ich die
schöne Fürstin Lilie bin,« seufzte die Stolze. -- Das hörten die
Käferlein -- die kleinen, unscheinbaren Käferlein. Ihnen war es ja
bekannt, daß das Ungetüm die Eisenbahn war, und, daß die ersehnten
Edelsteine die Funken waren, die die Lokomotive im Fahren ausspie.
Gerne wollten sie den Wunsch der geliebten Fürstin erfüllen. So flogen
sie denn am nächsten Abend ganz leise zu der Stelle, an welcher der
Eisenbahnzug vorüberbrauste. Auf ihren kleinen braunen Rücken fingen
sie jedes einen der schönen, schillernden Funken auf. Wohl tat es
zuerst ein bißchen weh, aber das ertrugen sie gerne.
In Scharen kamen sie nun dahergeflogen, funkelnd in dunkler Nacht,
und schwirrten hinein in den traurigen Winkel hinten im Gebüsch des
Parkes, und schwebten im Kreise -- ganz leise, um Fürstin Lilie herum.
Dann setzten sie sich ihr aufs Haupt, auf die schneeigen Schultern,
die weißen Hände, und selig zitternd dankte ihnen die also königlich
Geschmückte mit einem lieblichen Lächeln.
Und sehnt auch Ihr Euch einmal nach Fürstin Lilies Juwelen, dann sucht
an warmen Sommerabenden in dunklen Büschen, im Grase am Wegesrande. Da
werden sie Euch lieblich entgegenfunkeln und Euch umschweben, so wie
sie Fürstin Lilie umschwebt haben -- die lieben, kleinen Glühwürmchen.
[Illustration]
Der Wundergarten.
Brüderlein und Schwesterlein lebten in einer niedrigen Hütte mit Vater
und Mutter. Brüderlein half dem Vater im Walde das Holz zu sammeln und
es nach Hause zu fahren. Oder er lief mit ihm weit, weit über Land
um Obst, Kartoffeln und Gemüse einzuhandeln und an andere Leute zu
verkaufen. Schwesterlein aber blieb bei Mutter in der Küche, trocknete
Schüsseln und Teller ab, schälte Kartoffeln und kehrte sogar schon die
einzige Stube des Häuschens mit einem großen, struppigen Besen aus.
Wenn die Kinder fleißig gewesen waren, ging es ans Spielen. Dann holte
Brüderlein seinen alten Baukasten hervor und baute die herrlichsten
Festungen und Schlösser.
Schwesterlein legte ihr Püppchen »Wunderhold« zu Bett in eine große
Zigarrenkiste ohne Deckel und sang ihm ein schönes Wiegenlied vor. War
es aber Sommer und die Sonne schien so schön warm, dann spielten die
Kinder auf der Wiese vor dem Häuschen und sprangen vor Freude in die
Luft und wälzten sich im Grase und die Eltern freuten sich und lachten
mit ihren Kindern um die Wette.
Nicht weit von dem Häuschen zog sich eine lange, hohe weiße Mauer
hin. Herrlich grünende und blühende Bäume sahen stolz über dieselbe
hinweg zu den Geschwistern herunter. Mal neigten sie vornehm kühl das
Haupt, mal nickten sie den Kleinen freundlich zu. Auch flüsterten die
Bäume eifrig miteinander. Sonst schien sich hinter der weißen Mauer
nichts Lebendes zu regen. Eines Tages aber hörte Brüderlein mitten
im Purzelbaumschlagen auf, setzte sich aufrecht ins Gras, hob den
Zeigefinger in die Höhe und lauschte. Schwesterlein sprang vom Boden
auf, ließ alle Blümlein aus ihrer Schürze fallen und flüsterte: »Horch!«
Aus dem Nachbarsgarten scholl jubelndes, seliges Kinderlachen. Da
faßten die Geschwister sich an den Händen, liefen zur Mauer hin und
versuchten dieselbe zu erklettern. Oh weh, es wollte nicht gehen! Vater
und Mutter, die ihnen sicher geholfen hätten, waren fort auf Arbeit.
Endlich gelang es aber doch. Brüderlein nahm Schwesterlein auf seine
Schultern, so daß es leicht hinaufsteigen konnte, und dann zog
Schwesterlein Brüderlein an den Händen hinauf. Da saßen sie nun unter
dem grünen, wehenden Blätterdach und sahen den ganzen blühenden Garten
vor sich und den plätschernden Springbrunnen und die lachenden Kinder
und waren stumm vor Staunen. Da waren kleine Knaben in weißen Höschen,
die spielten mit einem prächtigen großen Hunde. Und kleine Mädchen in
seidenen Kleidern schlugen mit blinkenden Schlägern nach rosenroten,
himmelblauen und goldgelben Federbällen.
[Illustration]
Dann sprangen sie lachend auf eine Bank zu und jedes Mädchen nahm
zärtlich eine große Puppe mit blonden Locken in den Arm und tanzte mit
ihr auf dem grünen Rasen. Und die Sonne schien noch schöner als sonst
und die Vögel jubelten wie noch nie und als dann aus der Ferne eine
silberne Glocke rief und die fremden Kinder ihr Spielzeug ergriffen
und davon schwebten -- nur der Springbrunnen weiterplätscherte und
die Bäume leise flüsterten, sahen Brüderlein und Schwesterlein sich
ganz verdutzt an und glaubten, daß alles nur ein Traum gewesen wäre,
und rutschten von der Mauer wieder herunter. Schwesterlein nahm sein
Püppchen in den Arm, deren Kopf nur eine Kartoffel und deren Kleid
ein Stück von Mutters Schürze war, und Brüderlein spielte mit den
Karnickeln und waren seelenvergnügt. Am nächsten Tage scholl wieder
das fröhliche Kinderlachen aus dem Nachbarsgarten zu ihnen herüber
und wieder erkletterten sie die Mauer und erblickten die gleiche
Herrlichkeit. Und so geschah es mehrere Tage fort. Da wurden die Kinder
traurig, wenn sie in ihr ärmliches Heim zurückkehrten. Ihre billigen
Kleider gefielen ihnen nicht mehr und an Puppe »Wunderhold« mit dem
Kartoffelkopf und an dem alten Baukasten hatten sie keine Freude mehr.
Sie erzählten nun den Eltern, was sie von der Mauer aus gesehen hatten.
Und Brüderlein fragte: »Vater, warum haben es _die_ Kinder so himmlisch
schön?« Und Schwesterlein sagte: »Wie können _denen_ ihre Puppen so
schöne blonde Locken haben und Wunderhold hat keine!«
Da sah Mutter sehr traurig aus und Vater meinte: »Glück muß man haben,
Kinder. Wer das Glück zu finden weiß, der hat's gut.«
Da gingen die Kinder aus, das Glück zu suchen. Jeden Nachmittag, wenn
die Eltern zur Arbeit fort waren, schlichen sie sich leise aus dem
Hause und liefen querfeldein und suchten und suchten, bis sie müde
wurden und die Füße ihnen wehe taten. Das Glück hatten sie nirgends
gesehen.
So gelangten sie eines Nachmittags in eine unbekannte Gegend. Still
war es dort -- keine Seele war zu sehen. Sie standen vor einer hohen
goldenen Gittertüre. Die öffnete sich lautlos ganz von selber und ließ
die Kinder ein. Staunend traten sie in einen herrlichen Garten, der war
noch viel, viel schöner als der Nachbarsgarten zu Hause und, was das
Schönste war, Brüderlein und Schwesterlein waren die einzigen Kinder
darin. »Hier ist unser Glück!« flüsterte Brüderlein. »Ja, ja, unser
Glück!« stammelte Schwesterlein. Und sie nahmen sich bei der Hand und
gingen von Blume zu Blume, von Busch zu Busch. Und sie betrachteten
sich im Spiegel des Sees und schämten sich ihrer schlechten Kleider.
Sie behängten sich mit blühenden Ranken und siehe da -- es wurden
schöne seidene Kleider daraus. Und sie legten große grüne Blätter auf
ihre Köpfe und diese wurden die allerschönsten Hüte.
»Das Glück, das Glück!« jubelten die Kinder. »Hier ist unser Glück!«
Und sie nahmen einen Apfel vom Boden und spielten damit und siehe
da -- er wurde ein goldener Ball. Und sie bliesen die Samen der
weißen Pusteblumen in die Luft und siehe da -- sie wurden rosenrote,
himmelblaue und goldgelbe Federbälle. Mit einem dürren Zweiglein
schlugen sie darnach und es wurde zum blinkenden Schläger. Endlich
wurden die Kinder aber müde und setzten sich und Schwesterlein seufzte:
»Hätte ich doch eine Puppe!«
Da nahm Brüderlein einen Apfel, steckte ihn auf ein Hölzlein und
umwickelte es mit Schwesterleins Tüchlein. »Da, da hast Du eine!«
sprach er. Kaum aber hatte Schwesterlein die Puppe im Arm, da schlug
diese große, blaue Augen auf, die grünen Aepfelwänglein färbten sich
rosig. Blonde Locken umringelten das Wachsköpfchen und Schwesterlein
hatte nun eine ebenso schöne Puppe wie die kleinen Mädchen im
Nachbarsgarten. Das war ein Glück! Die armen Kinder waren ganz betäubt
und saßen wie Prinz und Prinzeßlein inmitten all des herrlichen
Spielzeuges. Tiefer sank die Sonne und wollte bald der Welt gute Nacht
sagen. Da erschrak Schwesterlein sehr, zupfte Brüderlein am Aermel
seines weißen Wämsleins und rief: »Mutter!« und Brüderlein sprang auf
und sah verstört um sich und schrie mit lauter Stimme: »Vater, Vater!«
Schnell packten sie die goldenen Bälle, die Federbälle, die Puppe
in ihre Röckchen und liefen, was sie laufen konnten, zum goldenen
Tor zurück. Lautlos öffnete dasselbe sich vor ihnen, aber -- als sie
hindurchgeschlüpft waren, fiel es hinter ihnen mit lautem »Bum« zu. Im
selben Augenblick fielen die herrlichen, seidenen Kleider von ihnen ab.
Zu ihren Füßen lag statt der schönen Lockenpuppe die häßliche Puppe
mit dem Apfelkopf, und statt der goldenen Bälle kollerten grüne Aepfel
von dannen. Von den bunten Federbällen war nichts mehr zu sehen, aber
in der Luft drehten sich ein paar feine, kleine Samenpinselchen der
Pusteblume. Aus war's mit der ganzen Herrlichkeit -- mit dem endlich
gefundenen Glück. Betrübt kamen die Geschwister zu Hause an und waren
nun noch trauriger über ihre ärmlichen Kleider und das schlechte
Spielzeug, als bevor sie in dem Wundergarten gewesen waren.
Sie wanderten auch noch öfters dorthin, freuten sich der seidenen
Röckchen, des schönen Spielzeugs, aber immer wieder trieb die Sehnsucht
nach den Eltern sie abends heim. Jedesmal aber mußten sie alle ihre
herrlichen Schätze dort zurücklassen und die armen Kinderlein bleiben.
Da fielen ihnen die glücklichen Nachbarskinder wieder ein und sie
dachten, ob sie wohl auch alle ihre schönen Sachen wieder hergeben
müßten, wenn die silberne Glocke sie am Abend zu den Eltern zurückriefe.
Um dies zu erfahren, kletterten sie wieder mal auf die Mauer hinauf und
sahen mit neidischen Augen dem Spielen der Kleinen zu. »Dürft Ihr das
alles behalten?« fragte Brüderlein.
»Gewiß,« antwortete ein trotziger Junge, »das gehört uns doch, hier
gehört uns doch überhaupt alles!«
»Auch wenn Du zu Deiner Mutter zurückgehst, auch dann hast Du das
schöne Kleid an?« fragte Schwesterlein.
»Zu Mutter?« erwiderten die Kinder. »Wir haben ja gar keine Mutter.«
»Oder zu Eurem Vater,« meinten die Geschwister.
»Vater? -- Vater ist immer in der Stadt -- den sehen wir fast nie --
aber er ist sehr reich!«
Da war es, als wenn ein böser, kalter Wind aus dem Garten hinaufwehte,
so kalt, daß Brüderlein und Schwesterlein sehr erschraken und
schnell, schnell von der Mauer herunterkletterten und in ihr Häuslein
zurückliefen.
Da saß Vater am Tische und las die Zeitung und Mutter flickte an einem
Nachtröckchen von Schwesterlein. Da holte Brüderlein wieder seinen
alten Baukasten hervor und Schwesterlein wiegte seine Wunderhold und
es war so still und warm im Stübchen. Mit einemmal hörten die Kinder
ein leises Singen, und als sie aufschauten, saß zwischen ihnen ein
liebliches Wesen mit blonden Locken in einem rosenroten Kleide und
lachte sie an.
»Wer bist Du denn?« fragten die Kinder ganz leise.
»Ich? Ich bin doch das Glück, Ihr kennt mich doch!« erwiderte die
Lichtgestalt.
»Das Glück bist Du? Wie kommst Du denn dann hierher zu uns?« frug
Brüderlein.
Da lachte das Glück hellauf und zwitscherte: »Ihr seid aber mal dumm,
Ihr Menschlein! Ich war doch schon immer, immer hier an Eurem Tisch
gesessen.«
Da sprangen die Geschwister auf und küßten Vater und Mutter und riefen:
»Wir haben ja schon lange das Glück -- das Glück wohnt ja schon immer
bei uns -- das Glück! Das Glück!«
[Illustration]
Gevatter Langbein.
Trauer herrschte im ganzen Lande: Der junge Kronprinz war gestorben und
hinterließ keine anderen Geschwister. Die Königin Mutter wollte schier
vergehen vor Kummer, war es doch erst wenige Jahre her, daß sie den
König, ihren Gemahl, begraben hatten, und nun stand sie ganz allein auf
der Welt.
Dem Lande aber war die Hoffnung der Zukunft, der kleine Thronerbe,
genommen. Was sollte nun werden?
Wohl gedachten einige Greise einer jahrhundertealten Weissagung, welche
lautete: »Dem herrscherlosen Lande wird dennoch ein König erstehen. Das
Knäblein, in dessen Schoße man dereinst die Königskrone finden wird,
soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen.« Die jungen Leute
aber lachten der alten Weissagung und schüttelten ungläubig die Köpfe
in den Städten und auf dem Lande.
Die armen Bauersfrauen, an deren Schürze oft 3 und 4 Kindlein hingen,
hatten inniges Mitleid mit der reichen und doch so armen kinderlosen
Königin. -- -- -- -- -- --
In einer elenden Hütte am Waldesrande war eben ein Knäblein angelangt,
das erste. Glückstrahlend lag die junge Mutter am Abend im Bette mit
ihrem Kleinen und wollte eben einschlafen. Da regte sich's hinter der
Kammertür. Eine große, schwarze Gestalt trat mit feierlichen Schritten
herzu.
Die Frau meinte nicht anders, der Eindringling wäre einer der Paten des
Kindes, der sich seinen schönsten Bratenrock angezogen hätte, um sie
und den kleinen Jungen zu besuchen.
»Nur näher, nur herein, Herr Gevatter!« rief sie und winkte ihm
freundlich mit der Hand.
Geschmeichelt trat der Gerufene näher und laut mußte die junge Mutter
lachen. Der Storch war es, der alte, schwarze Storch! Der einzige, der
in der Gegend nistete.
Der aber trat mit gravitätischen Schritten an das Bett und trug seinen
langen, roten Schnabel stolz erhoben. »Herr Gevatter« hatte ihn
noch niemand genannt. Durch das laute Lachen der Bäuerin waren die
Nachbarsleute herbeigerufen worden. Die standen nun alle im Zimmer
umher und lachten und freuten sich. Die Kinder aber jubelten: »Storch,
Storch Steiner! Mit die langen Beiner! Der hat ja 's Mäxchen gebracht!«
Damals glaubten die Kinder noch an das alte Ammenmärchen, daß der
Storch die Kinder bringt. Wir wissen heute ja längst, daß der liebe
Gott die kleinen Geschwister schickt. Von dem Tage an hieß der schwarze
Storch nur noch »Gevatter Langbein«. Und er war stolz auf den Namen
und trug ihn mit Würde und Hoheit. Er benahm sich aber auch wie ein
richtiger Gevatter. Wo Mäxlein war, da war auch er. Stand auf einem
Bein neben der Wiege des Kindes und bewachte seinen Schlummer, und wenn
die Mittagssonne zu heiß auf Mäxleins Gesicht schien, zog er mit seinem
langen Schnabel ganz vorsichtig die Gardinen zu. So wuchs der Knabe
fröhlich heran, treu behütet von Vater, Mutter und dem guten Gevatter
Langbein. Dem machte es ganz besondere Freude, als das Kind die ersten
Schritte machte. Da packte er's mit seinem Schnabel fest, fest hinten
am Hemdenzipfel, und hielt es so vorsichtig und gut wie eine Mutter.
Und Mäxlein jubelte und jauchzte und war seelenfroh mit seinem lieben
Gevatter Langbein.
Dann kamen die trüben Wintertage, da konnte der kleine Max nicht
mehr vor der Türe im Sonnenschein mit Ringelblumen und Kieselsteinen
spielen. Da mußte er im Zimmer bleiben und langweilte sich. Das
sah Gevatter Langbein und dachte ernstlich nach, wie er dem Kinde
Unterhaltung verschaffen könnte. Endlich reiste er heimlich ab und ging
auf die Suche nach schönem, blinkendem Spielzeug. Am Weihnachtsabend,
als der Christbaum brannte, war auch der Gevatter plötzlich wieder
da und trug in seinem Schnabel ein Körbchen mit den herrlichsten
Geschenken: Bretzeln, Zinnsoldaten, Hampelmänner, Trompeten, -- alles
lag in dem Körbchen und war für Mäxchen bestimmt. Das war ein Jubel
ohne Ende und auch Langbein konnte sich vor Freude gar nicht lassen
und sprang fröhlich klappernd auf seinen langen Stelzbeinen im Zimmer
umher. Langbein hatte den kleinen Jungen eben allzu lieb. Darum war
er auch nicht wie die anderen Störche im Herbst in südliche Länder
gezogen. Er konnte sich von dem Kinde nicht trennen. Nun hatte Mäxchen
Beschäftigung genug mit all den schönen Sachen. Die Bretzeln waren bald
aufgezehrt, aber mit dem Hampelmann und den Soldaten ließ es sich zu
schön spielen, und in die Trompete blies er mit vollen Backen wenn er
auf Langbeins Rücken im Stübchen umherritt. Taterata!!
[Illustration]
Endlich aber hatte auch diese Freude ein Ende. Der Hampelmann wurde
zu alt und humpelte nicht mehr. Die Soldaten hatten im Kriege Köpfe,
Arme und Beine verloren. Die Trompete hatte keine lustigen Töne mehr im
Bauch, so sehr Mäxlein auch die Backen aufblies und hineintutete. Da
weinte das Kind bitterlich. Das konnte der Gevatter nicht mit ansehen
und ging schnell wieder auf Reisen. Weit, weit flog er bis in die
Hauptstadt des Landes. Da sah er in den Schaufenstern der herrlichen
Läden viel schönes Spielzeug, aber es sah alles so zerbrechlich aus.
Das würde doch wieder nicht lange halten, meinte er. Er suchte nach
etwas ganz besonders Schönem, Unzerbrechlichem. --
Im Schlosse sollte abends das Ordensfest stattfinden -- das einzige
Fest, das seit dem Tode des kleinen Kronprinzen noch gefeiert wurde.
Da wurden die prachtvollen Säle gekehrt, geschrubbt, gebohnt, daß sie
abends schön sauber wären, und nach langer Zeit wieder zum ersten Male
die Fenster zum Lüften geöffnet.
Neugierig umflog Gevatter Langbein das weite Schloß und blickte zu den
Fenstern hinein. Was er da alles sah, blendete ihn schier. Das Schönste
aber war ein blinkender, edelsteinleuchtender, goldener Gegenstand, der
auf purpurrotem Kissen lag. Das war etwas für Mäxchen! Das mußte er
haben. Leise, leise huschte Langbein durchs Fenster hinein, ergriff die
leuchtende Königskrone und flog mit ihr in hohem Bogen weit über Seen,
Flüsse und Berge zum Dorfe zurück. Nun hatte Mäxchen ein Spielzeug
wie keines der anderen Kinder eines besaß, und unzerbrechlich war es
auch, so viel er es auf dem Fußboden auch hin- und hertrudelte. Im
Königsschlosse herrschte unterdessen die größte Unruhe. Die Krone war
spurlos verschwunden. Laut jammernd liefen die Minister umher und
heimlich flüsterten sie untereinander: »Das bedeutet das Ende! Unser
Königreich ist verloren!«
Nur wenige, sehr alte Männer lächelten geheimnisvoll, gingen zur
Königin und sprachen: »Gedenket der alten Weissagung, vielteure
Landesmutter. -- Das Kindlein, in dessen Schoße die Königskrone
gefunden wird, soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen.
Gedenket dessen wohl und lasset nun im ganzen Lande nach diesem Kinde
suchen. Der Verlust der Krone bedeutet uns Glück -- nicht Unglück.«
Da sandte die Königin berittene Boten aus, daß sie nach dem zukünftigen
Könige forschten. Lange Zeit geschah es vergebens. Schon war der
Sommer wieder ins Land gezogen und Königin und Volk wollten gerade die
Hoffnung auf Erfüllung ihrer Sehnsucht aufgeben. -- Da geschah das
Wunderbare: Ein kleines Häuflein von den Abgesandten der Königin ritt
durch ein Dörflein und kam am Ende desselben vor eine arme Hütte. Da
sahen die Männer ein eigenartiges Bild. Auf der Schwelle des Hauses saß
ein kleiner Knabe und hielt einen blanken Gegenstand im Schoß. Neben
dem Kinde aber stand gravitätisch auf einem Bein ein alter, schwarzer
Storch und sah den Nahenden neugierig entgegen. --
Die fürchteten sich aber keineswegs vor dem großen Vogel, stiegen von
den Pferden, traten näher und schlugen vor Freuden die Hände über dem
Kopf zusammen. Da war sie ja endlich, die verschwundene Krone! Und wie
es seit Jahrhunderten vorausgesagt worden war, lag sie im Schoße eines
Kindleins, eines Knäbleins. Einer der Männer hob Mäxlein vom Boden auf,
setzte ihm die Krone auf seinen dicken, blonden Lockenkopf und alle
riefen nun laut: »Hoch lebe unser kleiner Kronprinz, unser zukünftiger
König!«
Die Eltern, die der Lärm aus dem Hause gelockt hatte und denen die
Reiter nun alles berichteten, konnten sich vor Staunen und freudigem
Schreck nicht fassen. Aber sie begannen doch zu weinen, als einer der
Männer nun ihren Knaben zu sich aufs Pferd hob und sie eilends mit ihm
davonritten.
Aber Gevatter Langbein tröstete sie und sprach: »Ihr seht Euer Mäxchen
bald wieder, denn auch Ihr müßt nun in die Hauptstadt ziehen und werdet
in einem schönen Hause wohnen und herrliche Kleider tragen und in
goldener Kutsche fahren. Ich fliege aber sogleich hinterher und weiche
auch ferner nicht von Eures Knaben Seite.«
Mit großen Schritten eilte nun der Gevatter noch einmal ins Häuschen.
Dort rieb er mit einem feuchten Waschlappen tüchtig seinen roten
Schnabel, daß er schön blank weithin leuchtete, reinigte seinen
schwarzen Gehrock von jedwedem Stäubchen und versteckte unter seinem
linken Flügel ein Stück Brot, eine Bretzel und eine fette Leberwurst,
die für das Frühstück des Bauern auf dem Tische bereit lagen. Er hatte
nämlich erfahren, daß es an Königshöfen mit dem Essen gar oft nicht
weit her sei.
Dann nahm er gerührten Abschied von den Eltern des zukünftigen Königs
Max und heidi -- gings im Fluge der Großstadt zu.
Rechtzeitig langte er im Schlosse an, um der feierlichen Handlung
beiwohnen zu können. Dort waren die Königin, Minister, hohe Herren und
Damen und viel Volks um Mäxchen versammelt, der auf seidenen Windeln
in einem goldenen Korbe thronte. Hinter dem Korbe stellte der Gevatter
sich auf und machte sein allerwürdigstes Gesicht. Nun sprach der
Minister: »Geehrte Anwesende! Unsere Sehnsucht ward erfüllt. Dem Lande
wurde der erhoffte Kronprinz bescheert. Das geweissagte Wunder ist
geschehen. Hoch unser kleiner Kronprinz Max!«
»Hoch! Hoch! Hoch!« jauchzte es durch den Saal.
Da wurden einige Stimmen laut und riefen: »Wie geschah denn das Wunder?
Laßt es uns wissen.«
Alles schwieg.
Endlich trat Langbein vor, verneigte sich und erzählte wie er dem
Kindlein die Krone gebracht habe.
Laut jubelte das Volk. Aber einige Stimmen erhoben sich dagegen und
riefen: »Wo ist denn da das geweissagte Wunder? Das ist doch ganz
natürlich zugegangen. Es ist der rechte Kronprinz nicht.«
Schreiend umdrängte das Volk den goldenen Korb.
Niemand sah das listige Schmunzeln in Langbeins Zügen.
Niemand sah, wie Langbein mit seinem Schnabel die Windeln ordnete,
wie Langbein mit seinem Schnabel unter seinem linken Flügel einen
Gegenstand hervorzog und denselben schnell unter Mäxchens kleinem
Hinterteil versteckte.
»Es ist der rechte Kronprinz nicht!« »Er ist es doch!« so riefen
alle durcheinander. Da begann das Kind bitterlich zu weinen. Endlich
erbarmten sich die Hofdamen seiner, hoben ihn empor und -- starrten
wie gebannt in den Korb hinein.
»Das Wunder!« »Da ist es ja, das Wunder!« riefen sie.
In Mäxchens seidenen Windeln lag eine schöne, blanke Leberwurst.
»Hoch! Hoch!« riefen nun alle Anwesenden und verneigten sich tief vor
dem Kinde.
»Er ist der rechte Kronprinz! Das geweissagte Wunder, hier ist es! Noch
nie fand man in den Windeln eines Kindes eine Leberwurst.« Der Jubel
wollte kein Ende nehmen.
Endlich traten die Minister zusammen, besprachen sich heimlich und
hingen dann feierlich um Gevatter Langbeins Hals das Großkreuz des
silbernen Piepvogelordens.
[Illustration]
Das Lied der Mutter.
Friedel war ein lieber, lieber Bub, den alle Leute gut leiden mochten.
Immer war er freundlich und lustig wenn er mit seinen Spielkameraden
zusammen war. Schon von weitem hörte man sein helles Lachen. Nur, wenn
er allein im Zimmer saß, oder in der Laube hinten im Garten, oder am
Bach, wo die Fischlein springen, da wurde er oft ganz still und traurig
und mußte weinen. Dann dachte er an sein Mütterlein, das er so lieb
gehabt hatte, so lieb, wie man gar nicht beschreiben kann, und das nun
nicht mehr bei ihm war, weil der liebe Gott es zu sich in den schönen
Himmel genommen hatte. Solch ein Mütterlein, wie sein Mütterlein
gewesen war, hatte kein anderes Kind das wußte er immer besser, je
älter er wurde. So schön war Mutter gewesen, wie ein Engel. Und so
herrliche Lieder hatte sie gesungen den ganzen Tag, wie die Vögel im
Walde es tuen. Des Abends hatte sie ihn in den Schlaf gesungen mit
einem Lied, das war eigentlich gar kein Lied, es war wie ein süßer
Hauch. Es hatte keine Worte gehabt -- nur Töne, aber nie wieder hatte
er ein so schönes Lied gehört. Den Anfang hatte er wohl behalten und
summte ihn oft vor sich hin, wenn er ganz allein war. Aber wenn er an
eine bestimmte Stelle kam, dann wußte er nicht weiter. Dann quälte
er sich und suchte in seinem Kopfe nach den fehlenden Tönen, aber er
fand sie nicht und war sehr traurig darüber. Als er größer wurde,
zeigte es sich, daß er der Mutter Talent für die Musik geerbt hatte.
Mit Leichtigkeit lernte er die Noten, die auf dem Papier die Töne
darstellen, und lernte sie auf dem Klavier zu spielen und sie zu singen.
Nun suchte er in allen Musikheften, ob er nicht in einem von ihnen das
Lied der Mutter fände. Er suchte, suchte, aber fand es nicht. Da weinte
er oft bitterlich.
Das sah nun sein Mütterlein im Himmel droben und hatte keine Ruhe,
weil ihr Kind sich so sehr grämte und sie ihm nicht helfen konnte.
Darum bat sie den lieben Herrgott: »Bitte, bitte, laß mich nur solange
wieder hinunter auf die Erde, bis ich dem Friedel mein Wiegenlied
gelehrt habe. Er kann es ja nirgends finden, mein armer Bub. Es steht
ja nirgends geschrieben. Ich habe es mir ja selber für ihn ausgedacht.«
Als der liebe Gott den Schmerz der Mutter sah, sprach er: »Dein Sohn
soll nicht länger weinen. Schwebe in der Nacht zu ihm hinunter und
singe ihm Dein Liedchen vor.«
Ueberselig war da die Mutter und bedankte sich bei Gott Vater.
Als die Nacht kam, saß die Mutter als schöner, lichter Engel an
Friedels Bett und sang ihm das Lied so lange vor, bis auch er es bis
zu Ende singen konnte. Wie selig war da Friedel! Aber am Morgen, als
er erwachte und sah, daß er ganz allein war und merkte, daß alles nur
ein Traum gewesen, versuchte er wenigstens das Liedchen zu singen, wie
er es im Traume so schön gekonnt hatte. Da mußte er nun erst recht
bitterlich weinen, denn mitten im Gesang blieb er stecken. Den Schluß
hatte er wieder vergessen. Oben im Himmel aber saß seine Mutter traurig
auf einem Wolkenkissen und dachte darüber nach, wie sie ihren Friedel
von seinem Kummer erlösen könnte.
Da vernahm sie ein leises Rauschen in den Lüften, und als sie aus
dem Himmelsfenster schaute, sah sie, daß ein feiner Regen zur Erde
niederging. »Ihr Regentröpfchen!« sprach sie, »die Ihr die Erde
befruchtet, daß sie Blüten und Früchte trägt, die Ihr den Menschen so
viel Segen bringt, bringt meinem Friedel das Lied seiner Mutter.«
Und sie neigte sich weit aus dem Himmelsfenster hinaus und sang den
Tröpflein ihre Melodie vor.
Die trugen sie hinunter zur Erde und: »Punk -- punk! Punk -- punk!«
hörte es Friedel in die Dachrinne und gegen die Fensterscheiben
schlagen und dachte: das klingt mir doch so bekannt -- wie ein Lied! --
Daß es das Lied seines Mütterleins war, das verstand er nicht.
Da verzweifelte die Mutter im Himmel und in ihrer Not bat sie den
Abendwind, sich ihres Friedels anzunehmen, ihm ihr Schlummerlied
vorzusingen. Der lauschte aufmerksam ihrem Gesang und versprach, sein
Bestes zu tun.
In den Aesten der großen Linde vor Friedels Zimmerchen rauschte und
flüsterte er und hatte keinen Ton des schönen Liedes vergessen. Wohl
horchte Friedel auf und dachte: Heute weht der Wind einmal schön! Aber
das Lied der Mutter erkannte er nicht.
Da winkte die Mutter einem Zug Schwalben, der am blauen Himmel hin und
wieder flog. Die Vöglein kamen gehorsam herbei und ließen sich von dem
Leid des schönen Engels erzählen. Dann steckten sie ein Weilchen die
Köpfe zusammen und wippten mit den Schwänzen und endlich zwitscherten
sie: »Wir erfüllen Deine Bitte ganz gewiß. Wozu nennt man uns denn
sonst die Liebesboten? Wenn Friedel auch unseren Gesang nicht versteht
-- wir machen uns ihm auch anders verständlich. Wir kennen die Welt und
ihre Einrichtungen ja so genau. Sei nur ganz ruhig und baue auf uns!«
[Illustration]
Am nächsten Tage lag Friedel im Garten auf dem Rasen und träumte in die
blaue Luft hinein, in der die Schwälblein munter singend hin und her
huschten. Aber er hörte nicht auf ihren Gesang. Er war in Gedanken wie
so oft mit Mütterleins Lied beschäftigt und summte erst leise, dann
immer lauter die ihm bekannten Töne, und es war, als wenn das Lied
eine Leiter wäre, auf der er höher, immer höher zum Mütterlein steigen
könnte. Aber plötzlich konnte er nicht weiter, das Lied brach mitten
drin ab, die Leiter war zu Ende. Vor Kummer schlug er nach den Blumen
im Grase und biß mit den Zähnen in die Halme. Endlich aber blickte er
wieder unverwandt sehnsüchtig in die Wolken hinauf. Da bemerkte er
über sich die langen Linien der Telephondrähte und wünschte in seinem
Herzen, daß solch ein Draht doch auch in den Himmel hinaufführen möge.
Wie schön wäre das! Dann würde er den ganzen Tag über mit Mutter
telephonieren und den Hörer gewiß erst wieder anhängen, wenn es Abend
wäre und er ins Bett müßte.
Er konnte den Blick nicht von den blanken Drähten abwenden, auf denen
sich eben die Schwälblein niederließen. Nun saßen sie einzeln und in
kleinen Gesellschaften beieinander im Sonnenschein und rührten sich
nicht, und sangen nicht. Ordentlich feierlich still war es in der Luft.
Gebannt hing Friedels Blick an all den schwarzen Punkten auf den dünnen
Linien.
»Ei, das sind ja richtige Noten,« rief er aus und sprang vom Boden auf.
»Das ist ja, das ist ja!« Jetzt sang er selig die Noten nach. Dann
klatschte er in die Hände und jubelte laut: »Das ist ja Mutters Lied!«
Und die Vöglein saßen ganz still, bis Friedel das Lied so oft gesungen
hatte, daß er es ganz genau kannte. Da winkte er ihnen selig zu und
rief: »Habt Dank, habt Dank, Ihr lieben Schwälblein, nun vergesse ich
es niemals, niemals wieder!« Und Mutter droben im Himmel war nun ganz
glücklich, daß ihr Friedel sich nicht mehr zu grämen brauchte und
immer, wenn er sein Liedel so recht von Herzen sang, daß Blumen, Vögel
und Menschen ihre Freude daran hatten, stimmte Mütterlein glücklich mit
ein, und bald sangen alle Englein im Himmel es mit. Die Schwälblein
aber sind zwitschernd von dannen geflogen. Und eines ist an mein
Fenster gekommen und hat mir die ganze schöne Geschichte erzählt.
[Illustration]
Die Nesselhexe.
Es war im Lande der blauen Sterne. Wohin man blickte, schauten sie
vom Boden auf wie Tausende lieber, blauer Kinderaugen. Als wäre ein
Stück des Himmels zur Erde gesunken, so sahen die breiten, breiten
Felder des Flachses aus, und die Menschen, die ihn gesät hatten, waren
glücklich, denn sie wußten nun, daß sie eine reiche Ernte haben würden.
Sie waren arme Weber und bauten sich selber den Flachs, aus dem sie
die schöne, glatte Leinewand herstellten. Aber die Freude der armen
Leute wurde vernichtet. Krieg überzog das Land. Wilde, berittene
Soldatenhorden rasten über die Felder, über die blauen Sterne hin und
scharfe Pferdehufe zertraten die Hoffnung der Webersleute. Da ging ein
Jammern und Wehklagen durch die Hütten. Weinend standen Männer und
Weiber vor den zertrampelten Feldern und manch wilder Fluch wurde zum
Himmel geschickt. Die sonst fromm und gläubig gewesen waren, zürnten
dem Herrgott und verlernten das Beten. Nur die Gret, die junge Witwe,
die mit ihren beiden Kindern hinten am Waldesrande in einer winzigen
Hütte wohnte, fluchte und jammerte nicht. Sie weinte nur heimlich und
still vor sich hin, wenn sie an kommende Tage des Elends und der Not
dachte. Auch ging sie fleißig zur Kirche wie bisher und betete zu Gott,
daß er ihr helfe und sie und ihre Kleinen vor dem Hungertode bewahre.
Abends las sie eifrig in dem Gebetbuche, das sie von ihrer seligen
Großmutter geerbt hatte. Eines Tages, als sie es wieder zur Hand nahm
und es aufschlug, fand sie darin einen vergilbten Zettel, den sie in
den langen, langen Jahren noch niemals gesehen hatte. Auf dem stand von
unbekannter Hand geschrieben: »Bete und arbeite«.
Lange saß die Gret und dachte nach, woher diese Mahnung wohl kommen
mochte, bis es ihr klar wurde, daß Gott sie ihr gesandt haben mußte.
Von diesem Tage an war sie noch fleißiger im Gebet und in der Arbeit.
Es nahte die Zeit der Beerenlese. Da zog sie früh mit ihren Kindern
aus und sammelte mit ihnen am Bergeshang in glühendem Sonnenbrand
lachende Erdbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren, die sie in der nächsten
Stadt für schönes Geld verkaufte. Dafür erwarb sie dann Brot zum
Lebensunterhalt.
Aber die Leute im Dorfe wunderten sich, daß sie so zufrieden blieb und
niemals dem Herrgott wegen ihres Unglückes zürnte, und verhöhnten sie
darum.
Als der Sommer zu Ende ging und sie nun wohl zum letzten Male Beeren
suchte, hörte sie hoch oben in den Felsen ein jammervolles Klagen. Sie
suchte und fand ein Ziegenböckchen, das sich verstiegen hatte und mit
gebrochenem Fuß im Grase lag. Behutsam trug sie es heim, machte ihm im
Schuppen neben der Hütte ein weiches Lager und kühlte liebevoll das
schmerzende Glied. Die Nachbarn kamen und schlugen die Hände zusammen
und lachten und riefen: »Was willst Du denn mit dem Elendswurm? Das
wird doch nie wieder gesund und Milch gibt es doch auch keine, weil's
ein Bock ist.«
[Illustration]
Aber die Grete kehrte sich nicht an ihre Reden und sorgte weiter
liebevoll für das Tierchen.
Am Tage trug sie es zum Wiesenrain und ließ es dort grasen und oft,
wenn es in der Nacht vor Schmerzen jammerte, sprang sie aus dem
Bett, um ihm das Bein zu kühlen. Eines Nachts, als das Böcklein ganz
besonders schmerzlich klagte, eilte sie flink zu ihm in den Schuppen
und dachte nicht anders, als daß ihre Augen verzaubert wären. Golden
leuchteten die Hörner des Böckchens aus der Tiefe des Stalles ihr
entgegen, und leuchtend heller Schein lag hinter dem Tierchen. Als sie
zitternd näher trat, öffnete es das rosige Schnäuzchen und sprach:
»Gret, brave Gret! Achte auf das, was ich nicht fresse, und denke, es
wäre Flachs!« Sogleich wurde es dunkel im Stalle und auch die Hörner
des Ziegenbockes leuchteten nicht mehr golden. Um Mittag trug sie wie
immer das Zicklein hinaus zum Wiesenrain, ließ es äsen, legte sich
selber daneben ins Gras und paßte genau auf. Da bemerkte sie, daß es
gierig alle Gräser und Halme und Blättlein fraß, aber eine Pflanze
ließ es stehen, die rührte es gar nicht an. Das war die Brennessel. Am
nächsten Tage geschah es ebenso und auch am nächstnächsten. Da dachte
die Gret: Die Brennessel ist's, von der ich denken soll, sie wäre
Flachs. Wo sie nun ging und stand, sammelte sie Brennesselpflanzen und
trug sie heim und behandelte sie ganz genau, wie sie es sonst mit dem
Flachs gemacht hatte, und als sie dann die Stengel genau betrachtete,
da sah sie innen darin genau solche graue Fäden wie im Stengel des
Flachses. Da wußte sie, wie reicher Ersatz ihr nun für die verdorbene
Leinernte beschert worden war und sie jubelte vor lauter Glück und
dachte sogleich an ihre vielen, vielen Leidensgenossen, an die anderen
unglücklichen Weber, und zeigte ihnen ihre Entdeckung. Die aber lachten
sie laut schallend aus und verhöhnten sie wieder und riefen: »Mach nur
zu! Das wird ein feines Zeug werden, Dein Nesselgespinst!«
Die Gret ließ sich jedoch nicht beirren und sammelte fleißig weiter die
verachtete Brennessel. Als der Winter ins Land zog, sahen die Leute
mit Erstaunen die Gret am Fenster sitzen und spinnen. Sie schüttelten
die Köpfe und tuschelten untereinander, die Gret wäre wohl verrückt
geworden -- sie wolle Brennesseln spinnen.
Um Weihnachten hörte man aus dem Häuschen der Gret tagaus, tagein das
Klappern des Webstuhles -- in allen anderen Hütten stand er still. Um
so lauter gingen die Zungen der Weberleute mit Schimpfen und Schelten.
Der Winter nahm seinen Abschied mit Sturmgebraus. Heißer wurden die
Strahlen der Sonne und beschienen auf der Wiese vor Grets Häuschen
breite Streifen selbstgewebten Zeuges, die die Gret dort zum Bleichen
hingelegt hatte. Mit ihrer Gieskanne ging sie hin und her und begoß
den Stoff und die Sonne tat ihre Schuldigkeit und bleichte das Gewebe,
bis es weithin leuchtete, weil es so wunderbar weiß geworden war wie
die allerschönste Leinewand. Als das die Leute im Dorfe sahen, ergriff
sie wilder Neid. Wütend drohten sie der Gret mit den Fäusten über den
Zaun hinweg und schrien: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Da ist
Zauberei dabei!« Und sie nannten sie von nun an »die Nesselhexe«. Aber
die Gret ließ sie reden und war ihnen nicht böse darum. Im Gegenteil!
Sie bot ihnen freundlich an, ihnen zu zeigen, wie sie es machen mußten,
um aus der verachteten Nessel so schönes Zeug zu gewinnen. Aber sie
hörten nicht auf ihr freundliches Angebot und liefen scheltend von
dannen.
Die Gret war nun im siebenten Himmel mit ihren beiden Kinderlein. In
der Stadt war sie alsbald berühmt für ihre schönen Nesselstoffe und
bekam hohe Preise für dieselben bezahlt, denn durch das Kriegsunglück
konnte man sonst nirgends welche kaufen. Sie wurde bald eine reiche
Frau. Konnte eine Kuh kaufen, die ihr ein Kälbchen brachte, konnte ein
Schweinchen mästen und Hühner anschaffen und wäre nun ganz glücklich
gewesen, hätte sie bei den anderen Dorfbewohnern nicht so viel Elend
und Unglück sehen müssen. Oft versuchte sie es ganz schüchtern, sie
zur Verwertung der Brennesselfaser zu bewegen, aber immer vergebens,
und nicht selten hörte sie sie hinter sich herrufen: »Nesselhexe!
Nesselhexe!«
Was aber alles gute Zureden und alle Liebe der Gret nicht vermochte,
das erreichte endlich die liebe Eitelkeit bei den Leuten. Als eines
Tages, wie jetzt immer, alle Dorfbewohner in schäbigem, zerfetztem
Gewand zur Kirche kamen, erschienen Gret und ihre kleinen Mädchen in
herrlichen neuen, seidenglänzenden Kleidern. Da reckten die Leute die
Hälse und sperrten vor Neid und Staunen die Mäuler auf und konnten
sich nicht sattsehen an den feinen Stoffen. Als der Gottesdienst
vorüber war, schlichen sich die Dorfkinder leise an Grets Kinder heran,
befühlten ihre feinen Kleider. Und auch die Frauen traten herzu und
betrachteten mit großen, glänzenden Augen den Feststaat der Gret.
Anderen Tages erschien in Grets Hütte eine eitle Frau, um ihr Geheimnis
zu erfragen, am nächsten kamen gar vier und so wurden es immer mehr.
Sie sagten, ihre Kinder hätten ihnen keine Ruhe gelassen, sie wollten
auch so schön gekleidet gehen. Im Grunde war es aber nur die liebe
Eitelkeit, die sie dazu zwang -- sie gestanden es nur nicht ein.
So kam es, daß im nächsten Sommer alle Einwohner des Dorfes Brennesseln
sammelten, um daraus schöne Stoffe zu machen -- daß nun alle Not ein
Ende hatte.
Die Gret hieß nun aber nicht mehr »die Nesselhexe«. Sie wurde weit und
breit geachtet und geliebt.
Ihr Ziegenböcklein aber, das ihr so viel Glück ins Haus gebracht, hat
sie hoch in Ehren gehalten und liebevoll gepflegt bis zu seinem Tode.
[Illustration]
Das Guckerohr.
Was man ein Sonntagskind nennt, das wißt ihr Kinder ja schon lange und
auch, daß ein solches sieht, hört und erlebt, was andere Menschenkinder
nicht sehen, hören und erleben.
Heute will ich Euch einmal erzählen, was einem Sonntagskinde an einem
schönen Sommermorgen im Walde begegnete.
Flipsius war schon ein älterer Herr, aber noch gesund und munter,
seines Zeichens Glasschleifer.
Im Winter saß er fleißig hinter dem Tische in seiner Werkstatt und
schliff die herrlichsten Glassachen.
Wenn aber der Frühling ins Land kam, Berge und Täler das schöne grüne
Kleid mit den bunten Blümlein darin anzogen, dann duldete es Flipsius
nicht mehr zu hause.
Dann zog er aus in Gottes Wunderwelt und lauschte und horchte und
äugte, daß ihm ja keine von allen ihren Schönheiten entginge.
Es war im Hochsommer vor Sonnenaufgang, da griff Flipsius zum
Wanderstabe und schlich zum Hause hinaus. Er wollte einmal sehen,
wie es in aller Herrgottsfrühe draußen in der Natur zugeht. Mit ganz
leisen, vorsichtigen Schritten, daß er ja in der Dämmerung kein
Würmchen und kein Blümlein zertrete, betrat er den grünen Wald.
Da war es so still wie in der Kirche. Unter grünen Farnblättern
schliefen Eidechsen und Frösche. Behutsam verkroch er sich unter die
breiten Blätter des Huflattich und wartete geduldig. Endlich erscholl
von der höchsten Spitze einer Tanne der leise Pfiff eines Vögleins --
und wieder -- und noch einmal.
Da reckte Flipsius vorsichtig die Nase aus seinem Versteck hervor, roch
die würzige Morgenluft und sah allzugleich, daß Frau Sonne mit ihren
ersten, rosigen Strahlen die Kronen der Bäume streichelte.
Wups verkroch er sich wieder hinter die Blätter. Er wollte ja sehen,
aber selber nicht gesehen werden.
Jetzt ließen schon mehrere Vöglein ihre Stimme erschallen und als gar
ein Nußhäher mit lautem Schrei sein Erwachen ankündigte, da wurde es
rings lebendig.
Dicht neben Flipsius regte es sich. Eine Amsel kam geschäftig
dahergetrippelt und machte sich mit Klopfen und Pochen an der breiten
Spalte in der Rinde einer morschen Eiche zu schaffen bis aus dem Innern
des Stammes ein feines Stimmchen antwortete.
Da bog Frau Amsel mit ihrem Schnabel ein Farnkraut beiseite, das den
Eingang versperrte und heraus schlüpfte ein Elflein zart und rosig,
rieb sich die Augen, gähnte recht herzhaft und schaute umher, ob auch
kein Lauscher in der Nähe sei.
[Illustration]
Dann hüpfte es vergnügt zu einem großen Fliegenpilz, in dessen Mitte
sich eine Menge Tautropfen gesammelt hatten, ließ das Hemdlein aus
allerfeinstem Nebelbatist herunter bis auf die zarten Füße und wusch
Gesicht, Brust und Arme, daß es eine Lust war.
Flipsius lächelte und hielt den Atem an -- es sah ja gar zu lieblich
aus.
Als nun das ganze Geschöpfchen schön sauber war bis hinter die winzigen
Ohren, griff die kleine Elfe zum Handtuch aus Spinnengewebe, das
nebenan auf einer Distelstaude hing und trocknete und rieb sich ab;
zuletzt kamen die Aeuglein daran. Da stieß sie einen gellenden Schrei
aus, so daß Flipsius sich vor Schreck beinahe verraten hätte, hielt
beide Hände vor's Gesicht und rief: »Mein Auge! Oh mein Auge! Helft mir
doch! Herbei! Herbei!«
Da kamen von allen Seiten viele, viele andere Elflein herbeigeeilt,
besahen das kranke Auge, betrachteten das Handtuch, das an dem Schmerz
schuld sein sollte und rangen ratlos die Hände.
Endlich erschien Frau Amsel, brachte auf einem Frauenmantelblatt
kühlenden Morgentau für das geschwollene Auge und sagte: »Ich hole
den Doktor Humpelpumpel. Mit Eurem Heulen und Zetern ist da nicht
geholfen!« und flog eilends davon.
Nun konnten die kleinen Elflein sich nicht genug tun mit Bedauern und
Streicheln und »ach! und oh!«
Die arme Kranke saß mitten unter ihnen auf einem Baumstumpf und
weinte bitterlich. Als dann endlich der Doktor Humpelpumpel kam,
wußte Flipsius sogleich, daß er zum Geschlecht der Zwerge gehörte und
warum er den Namen Humpelpumpel führte. Er hatte einen kurzen Fuß und
humpelte ganz fürchterlich. Dafür aber hatte er eine riesengroße,
spitze Nase und sah dadurch sehr gescheit aus. Er besah sich sofort das
kranke Auge, runzelte die Stirne, pfiff durch die Zähne und lachte.
»Da haben wir ja schon den Schaden! Einen Augenblick!« Mit spitzen
Fingern griff er zu. Elflein schrie herzzerreißend.
»Da, da ist das ganze Malheur -- ein Spinnenbein war im Handtuch
gehängt und hat sich im Augapfel festgehakt!« sagte er. »Ich habe
es natürlich sofort entdeckt!« Stolz warf sich Dr. Humpelpumpel in
die Brust. »Morgen früh komme ich wieder nachsehen. Bis dahin kühlen
Sie das Auge nur weiter, mein schönes Fräulein!« Hier machte er eine
herrliche Verbeugung und verschwand.
»Ein Spinnenbein!« riefen die Elfenfreundinnen. »Wer hätte das gedacht?
Ja, ja, man kann nicht vorsichtig genug sein!«
Nun wartete Flipsius bis das ganze kleine Volk sich in den Schatten
verkrochen hatte, dann ging er vergnügt heim. Was er erlebt hatte, das
sah doch nur ein Sonntagskind. Wie gut ist's, am Sonntag geboren zu
sein!
Als er am nächsten Morgen wieder ganz leise in sein Versteck kroch und
durch die Blätter äugte, saß Elflein schon auf seinem Baumstumpf mit
einem großen Verband über dem Auge und wartete auf seinen Leibarzt.
Hin und wieder stöhnte es leise und seufzte ein wenig. Als endlich der
Herr Doktor erschien im schönen, neuen, hellgrauen Sommeranzug, da ließ
Elflein gar das Köpflein tief auf die Brust sinken und tat als wenn's
mit ihm zu Ende ginge. Der Herr Doktor lächelte und streichelte ein
ganz klein wenig das Händchen der Patientin. Dann entfernte er den
Umschlag.
»Ja,« rief er, daß es laut im Walde widerhallte, »ja, was wollen Sie
denn, teures Fräulein? Das Auge ist durch meine Pflege ja vollständig
gesund. Da ist keine Spur von einer Erkrankung mehr zu sehen. Es ist
genau so lieblich und schön himmelblau wie das andere Auge auch!«
Da plinkte und blinzelte Elflein ein wenig und sagte: »Wenn ich doch
aber lange nicht mehr so gut sehe wie vorher! Das ist doch schrecklich!«
»Nun, eine kleine Sehschwäche bleibt nach solchen Verletzungen ja gerne
zurück. Aber, schönes Fräulein, wozu haben Sie denn den berühmten
Geheimen Sanitätsrat Professor Doktor Humpelpumpel zum Arzt? Ich weiß
auch hier Rat. Sehen Sie einmal her. Sehen Sie einmal auf dieses Blatt
am Boden -- hier -- und nun betrachten Sie das gleiche Blatt hier an
der Stelle wo der Wassertropfen liegt. Sehen Sie es da nicht viel
deutlicher?«
»Freilich,« meinte Elflein. »Das ist mal nett. Das hatte ich noch nie
bemerkt. Aber was soll mir das helfen? Ich kann doch nicht die ganze
Welt durch dies Tröpflein betrachten!«
»Doch, doch, das ist's ja eben, meine Gnädige. Die Wissenschaft macht
sich dies Tröpflein zu Nutze. Das heißt: Die Wissenschaft bin in diesem
Falle ich. Mit Hülfe solches Tröpfleins stelle ich einen Sehapparat her
-- ein Guckerohr. Passen Sie auf.«
Er nahm vom Boden ein dünnes hohles Aestlein, tat einen Tautropfen
hinein, ließ ihn nach vorne an die Spitze der Röhre gleiten, sah
hindurch und rief: »Famos, famos! Schauen Sie einmal hindurch!«
Das tat Elflein nun und war begeistert.
»Doktor, Doktor, Sie sind ein Schatz! Wenn ich Sie nicht hätte!«
jauchzte sie und gab ihm einen herzhaften Kuß.
Humpelpumpel stand erst wie versteinert. Dann reckte er sich stolz über
Lebensgröße. Einen Elfenkuß hatte er doch noch nie bekommen. Als der
Doktor gegangen war, lief Elflein mit seinem Guckerohr hin und her. Sah
in den blauen Himmel, in die Berge hinein und wollte nun auch einen
Blick ins Tal werfen. Dazu erklomm es einen kleinen runden Hügel, der
ganz und gar mit einem grünen Moosteppich überzogen war. Sie erklomm
ihn und trippelte munter darauf herum. Hätte sie geahnt, woraus der
Hügel bestand, sie hätte es nicht getan. Sie hätte großes Unglück
verhütet.
Solange es eben ging, hielt Flipsius sich tapfer. Als aber die kleinen
zierlichen Füße der Elfe gar zu lebhafte Sprünge machten, hielt er es
nicht länger aus und mußte laut lachen. Er war eben wie die meisten
Menschen kitzelig und der kleine, runde Hügel, auf dem Elflein stand,
war sein Bauch, der in einer grünen Sammetweste steckte.
Kaum hatte er das schallende Gelächter ausgestoßen, da stürzte Elflein
vor Schreck von seinem schönen Aussichtshügel herunter und als es
davoneilen wollte, schrie es laut auf. Es konnte ja nicht aufstehen.
Es hatte sich bei dem Sturze den Fuß gebrochen. Zum Glück hatte Dr.
Humpelpumpel den Schrei noch vernommen und kehrte eilig zurück. Als er
aber den großen bärtigen Mann im Grase sitzen sah, erschrak er heftig
und wollte davoneilen, aber die Kleine machte so flehende Augen, daß
er sich überwand, zu ihr eilte und sie auf seinen Armen in das Dickicht
trug.
Da saß nun Flipsius, das Sonntagskind und grämte sich über das Unheil,
das er angerichtet hatte.
»Schade! Schade!« murmelte er und ging betrübt nach Hause. Dort
überlegte er noch einmal das ganze Erlebnis und als er an das Guckerohr
dachte, das Humpelpumpel aus einem Aestchen und einem Tautropfen
gemacht hatte, kam ihm ein guter Gedanke. Er konnte ja so viele schöne
Dinge aus Glas machen -- warum sollte er nicht auch einen schönen,
klaren, großen Tropfen schleifen können?
Sogleich ging er an die Arbeit und siehe -- in wenigen Wochen war das
Kunstwerk gelungen. Den Glastropfen faßte er in eine blanke Metallröhre
und Flipsius wurde nun weit und breit als Erfinder des Fernrohres
geehrt und bewundert. Von Dr. Humpelpumpel, der doch eigentlich zuerst
auf den Gedanken gekommen war, wußte niemand. So ergeht es eben den
meisten Erfindern auf dieser Welt.
Wollt Ihr Euch solch ein gläsernes Tröpflein einmal genau betrachten,
so seht nur das Theaterglas an, das Mutter im Beutel hat, wenn sie
schön geputzt in die Oper geht -- oder Vaters Brille, die hat zwei
solche geschliffene Glastropfen.
[Illustration]
Berggeistchens Talfahrt.
Auf den höchsten Höhen des Gebirges, dort, wo ewiger Schnee und ewiges
Eis leuchten, herrscht der Berggeist. Kein menschliches Auge hat ihn
je gesehen, aber die Bäche, die von dort oben mit Donnergepolter
heruntertosen, die erzählen, daß er einen langen, silberweißen Bart hat
und sein Gewand so grau ist wie das älteste Gestein. Auf dem Haupte
trägt er eine Krone von leuchtenden Bergkrystallen. Er regiert dort
oben über Wetter und Winde, über Blitz und Donner. Und damit er seinen
Willen weithin über alle Gipfel kund tuen kann, hat er unter sich
viele, viele kleine, drollige Berggeistchen, die müssen für ihn laufen
und springen. Müssen das Echo wecken, wenn es eingeschlafen ist und
die breiten, schimmernden Nebeltücher hin und her ziehen, vor die Sonne
und wieder zurück, ganz wie der alte Berggeist befiehlt.
Sie haben einen strengen Dienst, die Kleinen, und wenig Zeit für ihre
eigenen Späßchen und Vergnügungen. Am meisten freut es sie, wenn sie
Schneebälle den Berg hinuntertrudeln lassen dürfen. Die machen dabei so
lustige Hopser und Sprünge und werden im Hinabrollen größer und größer,
bis sie so groß sind, wie ein Haus. Dann stürzen sie mit Donnergepolter
ins Tal hinab und nehmen dabei Felsen und Bäume mit. Die Menschen
nennen einen solchen Riesenschneeball Lawine und haben große Angst
davor. Nun war einmal unter der Schar der Berggeistchen ein besonders
pfiffiger und lustiger. Dem wurde es bei der vielen Arbeit und dem
ewigen Hin- und Herlaufen zu langweilig. Besonders seit er einmal ein
Menschenpaar gesehen hatte, das mit Eispickel und Stöcken bewaffnet,
jubelnd und jauchzend auf der allerhöchsten Bergspitze gestanden war.
Da packte ihn die Sehnsucht, mehr von der Welt zu sehen als nur die
öden Gebirgshöhen. Er wollte in das Tal hinab, woher die lustigen
Menschen gekommen waren. Aber wie sollte er das anfangen?
Er wußte sehr gut, daß es streng verboten war, die Grenze des
Bergreiches zu überschreiten. Auch kannte er wohl das Heer von alten
Steinböcken, die dort ringsum aufgestellt waren, um Wache zu halten.
Vor denen hatte er große Furcht.
Wenn Ihr im zoologischen Garten einen Steinbock gesehen habt,
werdet Ihr es verstehen. Wie ein sehr strenger, würdiger
Geheimer-Ober-Schulrat sieht er aus und daß man vor dem sich fürchtet,
das wißt Ihr wohl. -- Berggeistchen überlegte hin und her, wie es seine
Talfahrt am besten machen könne. Endlich fiel ihm etwas ein. Es setzte
sich auf den Erdboden, nahm einen großen Fichtenzweig in beide Hände,
so daß derselbe ihn ganz und gar verdeckte und rutschte so, heidi, den
Berg hinab. Beinah wäre die Talfahrt gelungen, aber leider nur beinah.
Als die alten Ober-Schulräte, ich meine die Steinböcke, den rutschenden
Zweig sahen, dachten sie sich erst nichts dabei. Dann kam es ihnen wohl
in den Sinn, daß die Abfahrt desselben merkwürdig geschwind vor sich
ging. Schnell hoppelten sie herbei, hielten den struppigen, grünen
Wanderer an und erblickten darunter Berggeistlein. Da wurden sie sehr,
sehr böse auf den Ausreißer, grommelten in ihre Bärte hinein und jagten
den beschämten Kleinen schnell wieder den Berg hinauf.
Nun war ihm alle Lust zur Talfahrt vergangen. Nun lebte er wieder
tagaus, tagein so, wie der alte Berggeist es verlangte: weckte das
Echo, zog die Nebelvorhänge hin und her und putzte die blanken
Gletscherfirnen, bis sie weithin leuchteten. Da erschien eines Tages
eine Schar junger Männer und junger Mädchen auf dem Berge. Die lachten
und jubelten und sangen, daß es eine Lust war. Sie zündeten ein
großes Feuer an und tanzten im Scheine desselben. Berggeistchen stand
hinter einem Felsen und sah das alles und sein Herz klopfte laut vor
Aufregung. »So lustig sind die Menschen! Und sie singen so schön. Und
so schöne rote Flammen können sie machen, um sich daran zu wärmen! Wir
hier oben müssen immer warten, bis die Sonne so gnädig ist, uns auf dem
Pelz zu scheinen.« So dachte Berggeistchen und ging nun wieder nur mit
dem Gedanken um, wie es unbemerkt durchwitschen und zu den lustigen
Menschen ins Tal kommen könnte.
Endlich hatte es einen guten Einfall. Es rollte sich so lange im dicken
Schnee herum, bis der ihn ganz und gar einwickelte und kullerte nun
als kleine Lawine den Berg hinab. Erst ging's sehr schön, dann aber
wurde ihm himmelangst, es bekam keine Luft mehr. »Was wird denn das?«
stöhnte es noch, dann wußte es von nichts mehr und wäre um ein Haar
erstickt. Zum Glück rollte der große Schneeball gegen einen dicken
Baum, zerschellte und wie in einer weißen Eierschale lag Berggeistchen
darinnen. Erst rührte es sich nicht, als wär's gestorben. Aber bald kam
Leben in den lustigen Kerl. Sein Näschen, das ganz weiß gewesen war,
färbte sich wieder rot. Er schlug die Augen auf, sah sich erstaunt um
und sagte betrübt: »Wieder nix!« Dann klopfte er sich den Schnee ab und
stieg seinen Berg wieder hinauf.
Nun grübelte er aber erst recht. »Beinah' wäre die Reise gelungen
-- nur an der Luft hat mir's gefehlt,« überlegte er. »Das muß doch
zu ändern sein!« Er war ein findiger Kopf. Schon am nächsten Tage
wußte er, wie 's zu machen war. Er suchte sich einen gänzlich hohlen
Baumstamm, der am Boden lag. Den nahm er mit in seine Lawine,
so daß er als Schornstein an der Seite herausragte. Durch den
bekam er Luft und fuhr nun lustig zu Tale, und als er an der alten
Steinbock-Grenzwache vorübersauste, da sprangen die würdigen Herren
ängstlich auf die Seite und schüttelten die Köpfe: »Bei dem Wetter eine
Lawine und solch ein langer Baum darin, merkwürdig!« sagten sie.
[Illustration]
Berggeistchen machte ihnen in Gedanken eine schöne »lange Nase«. In
Wirklichkeit konnte er sie ja nicht machen -- dazu war's in seinem
Gefängnis von Schnee viel zu eng. Es rollte -- rollte -- rollte --
rollte -- endlich lag es ganz still. »Nun bin ich angelangt!« dachte
voll Freuden der kleine Reisende und allsogleich fing er an, mit
Händen und Füßen zu stoßen und zu strampeln. Die Schneehülle barst und
Geistchen lag im Sonnenschein auf einer schönen grünen Wiese. Schnell
sprang es auf und schüttelte sich und trappelte emsig hin und her, denn
es war recht verfroren und auch im Magen war's ihm sonderbar zumute.
Der verträgt es eben nicht, in eine rollende Lawine verpackt zu sein.
Dann sah Geistlein sich rings um und holte tief Atem, aber die Luft
schmeckte ihm nun gleich gar nicht. Die schmeckte ganz genau wie der
Dampf, der aufstieg, wenn oben auf der Höhe die Sonne recht lange auf
ein nasses Fleckchen Erde geschienen hatte. Schnell lief der Kleine
weiter, weil er meinte, an einer anderen Stelle würde die Luft wieder
schön klar und frisch sein, so wie er's gewohnt war. Aber er täuschte
sich. Im Tale weht eben keine Bergluft. Er schnappte und schnappte und
warf einen sehnsüchtigen Blick hinauf zu den schimmernden Gipfeln. Da
kam ein Mann des Weges daher in prächtigen Kleidern. In der Hand trug
er ein Stöcklein mit einem großen goldenen Knopf daran. »Aha«, dachte
Geistlein, »nun wird's lustig,« lief dem Herrn entgegen, verneigte sich
und rief: »Grüß Gott, Mensch!« Der aber sah ihn erst gar nicht an,
stieß mit dem Stock heftig auf den Boden und brummelte: »Tölpel«.
»Nanu«, sagte Geistchen und blickte dem Brummbären bestürzt nach.
Es wußte eben nicht, daß es eine schwere Beleidigung ist, einen
Erdenbürger mit »Mensch« anzureden. Nachdenklich schlich der Kleine
weiter und kam in die Nähe von Wohnhäusern. »Oh, wie still ist's hier,«
seufzte er. »Da brennt kein schönes, rotes Feuer, da lacht niemand, da
singt niemand und doch laufen genug Leute herum.«
Doch endlich, hinter der Hecke, da wurde gesungen und gejauchzt, aber
wie anders klang es als damals oben auf dem Berge, und als Geistchen
genau hinsah, prallte es erschrocken zurück. Gar nicht froh und lustig
sahen die Menschen aus, nein, eher böse. Und sie schlugen mit den
Fäusten auf den Tisch, daß es knallte, und hatten wilde, rote Gesichter.
Schnell lief es weiter. Als es dämmerig wurde, verkroch es sich in
ein Haus und versteckte sich im Zimmer in der dunklen Ecke hinter dem
Kleiderschranke. Im Zimmer war es still. Eine Frau nähte und seufzte
dabei und ein Mann las stirnrunzelnd in einem Buche. Zwei Kinder
stießen und pufften sich heimlich mit den Füßen, daß die Eltern es
nicht sahen. Und Geistchen fror viel, viel mehr als es je auf seinem
Berge gefroren hatte. Wohl entdeckte es, daß die Leute Feuer hatten,
aber es war gar nicht lustig.
Es war eingesperrt in einen großen steinernen Kasten und streckte
nur hin und wieder ein dünnes, rotes Fingerlein durch die schwarze
Gittertüre. Und die Menschen froren wohl auch, denn sie sahen so
griesgrämig aus und gaben sich gegenseitig kein gutes Wort. »Das sind
doch nicht dieselben Menschen, die bei uns oben waren!« flüsterte
Geistchen in seiner Ecke und schüttelte den Kopf. Dann hockte es sich
auf den Boden, aß einen Apfel, den es im Sack hatte, und schlief ein.
Am Morgen schlüpfte es unbemerkt aus dem Hause und ging weiter auf die
Suche nach seinen Menschen, den frohen, glücklichen. Er fand sie nicht.
Daß sie zu ihm nicht freundlich waren, kam wohl daher, daß sie ihn
nicht kannten. Aber, warum waren sie untereinander so fremd und kalt?
Woher kam das nur? Daß sie sich bei jedem Wort so erstaunt ansahen, als
verständen sie sich nicht. Woher kam das nur? Das mußte es erfahren.
Es versuchte nun, sich selber den Menschen zu nähern. Leise schlich
es sich an ein junges, schönes Mädchen heran, ganz, ganz dicht -- und
prallte zurück. An etwas Festes, ganz Durchsichtiges rührte seine Hand
-- von dem Mädchen spürte es nichts. Ebenso erging es ihm bei den
jungen Burschen, den Kindern und Frauen. Es war da etwas, das man nicht
sah um jeden Menschen herum, das man nur fühlte und das es unmöglich
machte, sich ihm richtig, herzlich zu nähern.
Unter einem blühenden Baume stand eine junge Frau mit einem Kindchen
auf dem Arme -- die sah glückselig aus und lächelte Geistchen
freundlich an. Da faßte es sich ein Herz und sprang frisch und frank
auf die Frau zu, um ihr an den Hals zu fliegen. Aber -- oh weh, auch
hier prallte es zurück, fiel auf den Rücken und hielt sich die Nase,
die es sich übel gestoßen hatte. Nun sah es näher hin und bemerkte --
eine dünne, dünne Wand von Glas umgab rings die Frau. Nun wußte er's --
die Menschen in dem Tale lebten jeder ganz für sich allein unter einer
feinen undurchdringlichen Glasglocke -- darum sahen sie so unglücklich
aus. Nur die jungen Mütter hatten ihre ganz, ganz kleinen Kinder mit
unter ihrer Glocke, und darum waren sie die einzigen Menschen in dem
stillen Tale, die nicht einsam und die darum glücklich waren.
* * * * *
Nein, in dem Tale konnte es Berggeistchen wahrlich nicht gefallen. Zum
Glück war der _taube_ Kräutersepp grade auch unten am Waldesrand. Dem
kroch er heimlich, als derselbe schlief, in den Korb, den er immer auf
dem Rücken trug, und ließ sich so wieder, ungesehen von der alten
Steinbockwache, hinauf auf seinen Berg tragen.
Mit einem _lauten_ »Gottseidank« sprang er oben aus der Kiepe, so daß
den alten Kräutersepp, der ja von nichts ahnte, beinah vor Schrecken
der Schlag gerührt hätte.
Nun tut Geistchen freudig seine Arbeit.
Nach dem Tale der armen einsamen Menschen spürt es keine Sehnsucht mehr.
[Illustration]