[Footnote 27: Es gibt Perioden der Selbstmorde, der feindlichen

Kriegsgefühle etc. Krieg und Revolution (letztere in kleinerer Dosis

als der Krieg) sind Produkte solcher Atmosphäre, welche durch sie

weiter verpestet wird. Mit dem Maß, mit dem du mißt, wird auch dir

gemessen werden!]

[Footnote 28: Solche Zeiten kennt die Geschichte auch. War eine größere

da, als das Christentum, welches die Schwächsten in den geistigen Kampf

mitriß? Auch im Kriege und der Revolution gibt es Agenzien, die zu

dieser Gattung gehören und die ebenso die Pestluft entdichten.]

[Footnote 29: Mit vielen koloristischen Entschuldigungen brachte in

seinen früheren Bildern diese Zusammenstellung wahrscheinlich als einer

der ersten noch "gestern" Frank Brangwin.]

[Footnote 30: Siehe z. B. den Artikel von _Le Fauconnier_ in dem

Katalog der II. Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München

(1910--11).]

[Illustration]

VII.

THEORIE

Aus der Charakteristik unserer heutigen Harmonie folgt von selbst, daß

es zu unserer Zeit weniger als je möglich ist, eine vollkommen fertige

Theorie zu bauen[1], einen konstruierten malerischen Generalbaß zu

schaffen. Solche Versuche würden in der Praxis zum selben Resultat

führen, welches z. B. die schon erwähnten Löffelchen Leonardo da

Vincis gebracht haben. Aber zu behaupten, daß es in der Malerei nie

feste Regeln, an Generalbaß erinnernde Prinzipien geben wird, oder daß

dieselben stets nur zu Akademismus führen werden, wäre doch übereilt.

Auch die Musik kennt ihre Grammatik, die aber wie alles Lebende sich in

großen Perioden verändert, die andererseits gleichzeitig, als Hilfe,

als eine Art. Wörterbuch immer erfolgreiche Anwendung fand.

Unsere Malerei ist aber wieder heute in einem anderen Zustand; ihre

_Emanzipation_ von der direkten Abhängigkeit von der "Natur" ist im

allerersten Anfange. Wenn bis jetzt die Farbe und Form als innere

Agentien verwendet wurden, so war es hauptsächlich unbewußt. Das

Unterordnen der Komposition einer geometrischen Form wurde schon in

alter Kunst angewandt (z. B. bei den Persern). Das Bauen aber auf der

rein geistigen Basis ist eine lange Arbeit, die erst ziemlich blind

und aufs Geratewohl beginnt. Dabei ist es nötig, daß der Maler außer

seinen Augen auch seine Seele kultiviert, damit sie auch fähig wird,

die Farbe auf ihrer Wage zu wiegen und nicht nur beim Empfangen der

äußeren Eindrücke (auch freilich hie und da der inneren), sondern als

bestimmende Kraft beim Entstehen ihrer Werke tätig ist.

Wenn wir schon heute anfangen würden, ganz das Band, das uns mit

der Natur verknüpft, zu vernichten, mit Gewalt auf die Befreiung

loszusteuern und uns ausschließlich mit der Kombination von reiner

Farbe und unabhängiger Form zu begnügen, so würden wir Werke schaffen,

die wie eine geometrische Ornamentik aussehen, die, grob gesagt,

einer Krawatte, einem Teppich gleichen würden. Die Schönheit der

Farbe und der Form ist (trotz der Behauptung der reinen Ästheten oder

auch der Naturalisten, die hauptsächlich auf "Schönheit" zielen) kein

genügendes Ziel in der Kunst. Wir sind eben infolge unseres elementaren

Zustandes in der Malerei sehr wenig fähig, von ganz emanzipierter

Farben-, Formenkomposition schon heute ein inneres Erlebnis zu

erhalten. Die Nervenvibration wird freilich vorhanden sein (wie etwa

vor kunstgewerblichen Werken), sie bleibt aber hauptsächlich im

Bereiche der Nerven stecken, weil sie zu schwache Gemütsvibrationen,

Erschütterungen der Seele hervorrufen wird. Wenn wir aber bedenken, daß

die geistige Wendung ein direkt stürmisches Tempo angeschlagen hat, daß

auch die "festeste" Basis des menschlichen Geisteslebens, d. h. die

positive Wissenschaft, mitgerissen wird und vor der Tür der Auflösung

der Materie steht, so kann behauptet werden, daß nur noch wenige

"Stunden" uns von dieser reinen Komposition trennen.

Auch die Ornamentik ist freilich kein ganz lebloses Wesen. Sie hat

ihr inneres Leben, welches uns entweder nicht mehr verständlich ist

(alte Ornamentik), oder nur ein alogischer Wirrwarr ist, eine Welt,

wo sozusagen erwachsene Menschen und Embryos gleich behandelt werden

und gesellschaftlich gleiche Rollen spielen, wo Wesen mit abgerissenen

Körperteilen auf ein Brett mit selbständig lebenden Nasen, Zehen und

Nabeln gestellt werden. Es ist der Wirrwarr eines Kaleidoskopes[2], wo

der materielle Zufall und nicht der Geist der Urheber ist. Und trotz

dieser Unverständlichkeit oder Unfähigkeit, überhaupt verständlich

zu werden, wirkt auf uns die Ornamentik doch, wenn auch zufällig und

planlos[3]: ein orientalisches Ornament ist auch innerlich ganz anders

als ein schwedisches, negerisches, altgriechisches usw. Nicht ohne

Grund ist es z. B. allgemein gebräuchlich, Musterstoffe als lustig,

ernst, traurig, lebhaft usw. zu bezeichnen, d. h. mit denselben

Adjektiven, welche von den Musikern stets gebraucht werden (Allegro,

Serioso, Grave, Vivace etc.), um den Vortrag des Stückes zu bestimmen.

Es ist zum großen Teile möglich, daß das Ornament auch einst aus der

Natur entstand (auch die modernen Kunstgewerbler suchen ihre Motive

in Feldern und Wäldern). Aber wenn wir auch annehmen würden, daß

keine andere Quelle als äußere Natur gebraucht war, so wurden doch

im guten Ornament andererseits die Naturformen und Farben nicht rein

äußerlich behandelt, sondern vielmehr als Symbole, die schließlich

beinahe hieroglyphisch angewendet wurden. Und gerade deswegen wurden

sie allmählich unverständlich, und wir können nicht mehr ihren inneren

Wert entziffern. Ein chinesischer Drache z. B., welcher in seiner

ornamentalen Form doch sehr viel präzis Körperliches beibehalten hat,

wirkt auf uns so wenig, daß wir ihn ruhig in Eß- und Schlafzimmern

vertragen können und nicht stärker als einen Tischläufer mit gestickten

Gänseblümchen empfinden.

[Illustration: Kandinsky. Impression Nr. 4]

Es wird sich vielleicht zum Schlüsse unserer jetzt dämmernden Periode

wieder eine neue Ornamentik entwickeln, die aber kaum aus geometrischen

Formen bestehen wird. Heute aber, an der Stelle, an der wir angelangt

sind, würde ein Versuch, diese Ornamente mit Gewalt zu schaffen, dem

Versuch gleichen, eine kaum angedeutete Knospe durch Gewalt der Finger

zur Blume öffnen zu wollen.

Wir Sind heutzutage noch fest an die äußere Natur gebunden und müssen

unsere _Formen_ aus ihr schöpfen. Die ganze Frage ist nun die: wie

dürfen wir das machen? d. h. wie weit darf unsere Freiheit gehen, diese

Formen zu ändern und mit welchen Farben dürfen sie verbunden werden?

Diese Freiheit darf so weit gehen, so weit das Gefühl des Künstlers

reichen kann. Von diesem Standpunkte aus ist zugleich zu sehen, wie

unendlich groß die Notwendigkeit der Pflege dieses Gefühls ist.

Einige Beispiele werden das zweite Glied der Frage ziemlich ausreichend

beantworten.

Die stets erregende, isoliert betrachtete, warme rote Farbe wird

ihren inneren Wert wesentlich verändern, wenn sie nicht mehr isoliert

ist und als abstrakter Laut bleibt, sondern zum Element eines Wesens

verwendet wird, indem sie mit einer naturellen Form verbunden wird.

Dieses Summieren des Rot mit verschiedenen naturellen Formen wird auch

verschiedene innere Wirkungen verursachen, die aber durch die ständige

sonst isolierte Wirkung des Rot verwandt klingen werden. Verbinden

wir dieses Rot mit Himmel, Blume, Kleid, Gesicht, Pferd, Baum. Ein

roter Himmel bringt uns auf die Assoziation mit Sonnenuntergang,

Brand und dergleichen. Es ist also eine "natürliche" (diesmal

feierliche, drohende) Wirkung, die dabei entsteht. Nun hängt freilich

sehr viel davon ab, wie die anderen Gegenstände, die mit dem roten

Himmel kombiniert werden, behandelt werden. Wenn sie in eine kausale

Verbindung gestellt werden, und auch mit für sie möglichen Farben

verbunden werden, so klingt das Naturelle im Himmel noch stärker. Wenn

aber die anderen Gegenstände sehr von der Natur entrückt sind, so

können sie dadurch den "natürlichen" Eindruck des Himmels abschwächen,

eventuell sogar vernichten. Ziemlich ähnlich wird die Verbindung des

Rot mit einem Gesicht ausfallen, wo das Rot als Gemütserregung der

gemalten Figur wirken kann, oder durch eine spezielle Beleuchtung

erklärt wird, wobei derartige Wirkungen nur durch große Abstraktion der

anderen Teile des Bildes zerstört werden können.

Rot im Kleid ist dagegen ein ganz anderer Fall, da das Kleid von jeder

beliebigen Farbe sein kann. So ein Rot wird am liebsten eventuell als

"malerische" Notwendigkeit wirken können, da das Rot hier allein ohne

eine direkte Assoziation mit materiellen Zielen behandelt werden kann.

Aber es entsteht doch eine gegenseitige Wirkung von diesem Rot im Kleid

auf die mit diesem Rot bekleidete Figur und umgekehrt. Wenn z. B.

die ganze Note des Bildes eine traurige ist und diese Note besonders

in der in Rot gekleideten Figur konzentriert ist (durch die Stellung

der Figur in der ganzen Komposition, durch ihre eigene Bewegung,

durch Gesichtszüge, Haltung des Kopfes, Farbe des Gesichtes usw.),

so wird dieses Rot im Kleid als Gemütsdissonanz ganz besonders stark

die Traurigkeit des Bildes und besonders dieser Hauptfigur betonen.

Unbedingt würde hier eine andere Farbe, die selbst traurig wirkte, den

Eindruck schwächen durch Verminderung des dramatischen Elementes[4].

Also wieder das schon erwähnte Prinzip des Gegensatzes. Das dramatische

Element entsteht hier nur durch Einschließen des Rot in die gesamte

traurige Komposition, da das Rot, wenn es ganz isoliert ist (also

auch auf die ruhige Spiegelfläche der Seele fällt), bei gewöhnlichen

Zuständen nicht traurig wirken kann[5].

Wieder anders wird es stehen, wenn dasselbe Rot an einem Baum verwendet

wird. Der Grundton des Rot bleibt, wie in allen erwähnten Fällen. Dazu

wird sich aber der seelische Wert des Herbstes anschließen (da das Wort

"Herbst" allein eine seelische Einheit ist, wie es auch jeder reale,

abstrakte, unkörperliche, körperliche Begriff ist). Die Farbe verbindet

sich vollständig mit dem Gegenstand und bildet ein isoliert wirkendes

Element ohne den dramatischen Beiklang, welchen ich bei Anwendung des

Rot am Kleide eben erwähnt habe.

Ein ganz anderer Fall endlich ist ein rotes Pferd. Schon der Klang

dieser Worte versetzt uns in eine andere Atmosphäre. Die naturelle

Unmöglichkeit eines roten Pferdes verlangt unbedingt ein ebenso

unnaturelles Milieu, in welches dieses Pferd gestellt wird. Andernfalls

kann die Gesamtwirkung entweder als Kuriosität wirken (also nur

oberflächliche und ganz unkünstlerische Wirkung), oder als ein

ungeschickt aufgefaßtes Märchen[6] (also als begründete Kuriosität

mit unkünstlerischer Wirkung). Eine gewöhnliche, naturalistische

Landschaft, modellierte, anatomisch gezeichnete Figuren würden mit

diesem Pferd einen solchen Mißklang bilden, welchem kein Gefühl folgen

würde und was in Eins zu verbinden es keine Möglichkeit geben würde.

Wie dieses "Eins" zu verstehen ist, und wie es sein kann, zeigt die

Definierung der heutigen Harmonie. Daraus ist zu schließen, daß es

möglich ist, das ganze Bild zu spalten, in Widersprüche zu tauchen,

durch alle Art äußere Flächen zu führen, auf alle Art äußeren Flächen

zu bauen, wobei aber die _innere Fläche_ immer dieselbe bleibt. Die

Elemente der Konstruktion des Bildes sind eben jetzt nicht auf diesem

Äußern, sondern nur auf der _inneren Notwendigkeit_ zu suchen.

Der Zuschauer ist auch zu sehr gewöhnt, in solchen Fällen einen "Sinn",

d. h. einen äußerlichen Zusammenhang der Teile des Bildes, zu suchen.

Wieder hat dieselbe materialistische Periode im ganzen Leben und also

auch in der Kunst einen Zuschauer ausgebildet, welcher sich dem Bilde

nicht einfach gegenüberstellen kann (besonders ein "Kunstkenner")

und im Bilde alles mögliche sucht (Naturnachahmung, Natur durch das

Temperament des Künstlers--also dieses Temperament, direkte Stimmung,

"Malerei", Anatomie, Perspektive, äußerliche Stimmung usw. usw.), nur

sucht er nicht, das innere Leben des Bildes selbst zu fühlen, das

_Bild_ auf sich direkt wirken zu lassen. Durch die äußeren Mittel

geblendet, sucht sein geistiges Auge nicht, _was_ durch diese Mittel

lebt. Wenn wir ein interessantes Gespräch mit einem Menschen führen,

so suchen wir uns in seine Seele zu vertiefen, suchen die innere

Gestalt, seine Gedanken und Gefühle und denken nicht daran, daß er sich

Worte zu Hilfe nimmt, die aus Buchstaben bestehen, daß die Buchstaben

nichts wie zweckmäßige Laute sind, die zur Entstehung das Einziehen

der Luft in die Lunge brauchen (anatomischer Teil), durch Ausstoßen

der Luft aus der Lunge und spezielle Stellung der Zunge, Lippen usw.

eine Luftvibration verursachen (physikalischer Teil), die weiter durch

das Trommelfell usw. zu unserem Bewußtsein gelangen (psychologischer

Teil), die eine Nervenwirkung erzielen (physiologischer Teil) usw. ins

Unendliche. Wir wissen, daß alle diese Teile bei unserer Unterhaltung

sehr nebensächlich sind, rein zufällig, als momentan notwendige äußere

Mittel gebraucht werden müssen und daß das _Wesentliche im Gespräch_

die Mitteilung der Ideen und Gefühle ist. Ebenso sollte man sich zum

Kunstwerk stellen und sich die direkte abstrakte Wirkung des Werkes

dadurch verschaffen. Dann wird mit der Zeit die Möglichkeit sich

entwickeln, durch reine künstlerische Mittel zu sprechen, dann wird es

überflüssig werden, Formen aus der äußerlichen Welt zum innerlichen

Sprechen zu leihen, die uns heute die Gelegenheit geben, Form und Farbe

verwendend, dieselben im innern Werte zu vermindern oder zu steigern.

Der Gegensatz (wie das rote Gewand in der traurigen Komposition) kann

unbegrenzt gewaltig sein, muß aber auf einer und derselben moralischen

Fläche bleiben.

Wenn aber diese Fläche auch vorhanden ist, so wird damit die

Farbenfrage in unserm Beispiel nicht ganz gelöst. Die "unnatürlichen"

Gegenstände und die dazu stimmenden Farben können leicht einen

literarischen Klang bekommen, indem die Komposition als ein Märchen

wirkt. Dies letzte Resultat versetzt den Zuschauer in eine Atmosphäre,

welche er, da sie märchenhaft ist, ruhig gelten läßt, und wo er dann

1. die Fabel sucht, 2. unempfindlich oder wenig empfindlich gegen die

reine Farbenwirkung bleibt. Jedenfalls ist in diesem Falle die direkte,

reine innere Wirkung der Farbe nicht mehr möglich: das Äußerliche hat

leicht über das Innerliche Übergewicht. Und der Mensch im allgemeinen

geht nicht gerne in große Tiefen, er bleibt gerne an der Oberfläche,

da dieselbe weniger Anstrengung verlangt. Es gibt zwar "nichts

tieferes als Oberflächlichkeit", aber diese Tiefe ist die des Sumpfes.

Gibt es andererseits eine Kunst, die leichter genommen wird als die

"plastische"? Jedenfalls sobald sich der Zuschauer im Märchenlande

glaubt, ist er sofort gegen starke seelische Vibrationen immun. Und so

wird das Ziel des Werkes zu Nichts. Deswegen muß eine Form gefunden

werden, die erstens die Märchenwirkung[7] ausschließt und zweitens

die reine Farbenwirkung in keiner Weise hemmt. Zu diesem Zweck müssen

Form, Bewegung, Farbe, die aus der Natur (realen oder nicht realen)

geliehenen Gegenstände keine äußerliche und äußerlich verbundene

erzählerische Wirkung hervorrufen. Und je äußerlich unmotivierter z. B.

die Bewegung ist, desto reiner, tiefer und innerlicher wirkt sie.

* * * * *

Eine sehr einfache Bewegung, von welcher das Ziel unbekannt ist, wirkt

schon an und für sich als eine bedeutende, geheimnisvolle, feierliche.

Und das, solange man das äußerliche, praktische Ziel der Bewegung nicht

kennt. Dann wirkt sie als reiner Klang. Eine einfache gemeinsame Arbeit

(z. B. die Vorbereitung zur Hebung eines großen Gewichtes) wirkt,

wenn das Ziel unbekannt ist, so bedeutungsvoll, so geheimnisvoll, so

dramatisch und packend, daß man unwillkürlich stehen bleibt, wie vor

einer Vision, wie vor einem Leben auf anderer Fläche, bis plötzlich der

Zauber fort ist, die praktische Erklärung wie ein Schlag kommt und das

rätselhafte Vorgehen und den Grund desselben bloßlegt. In der einfachen

Bewegung, die äußerlich nicht motiviert ist, liegt ein unermeßlicher

Schatz voller Möglichkeiten. Solche Fälle kommen besonders dann leicht

vor, wenn man in abstrakte Gedanken vertieft hinwandert. Diese Gedanken

reißen den Menschen aus dem alltäglichen, praktischen, zweckmäßigen

Treiben. Deswegen wird das Beobachten solcher einfacher Bewegungen

außerhalb des praktischen Kreises möglich. Sobald man sich aber

erinnert, daß in unseren Straßen nichts Rätselhaftes vorkommen darf,

so fällt im selben Augenblicke das Interesse für die Bewegung aus:

der praktische Sinn der Bewegung löscht den abstrakten Sinn derselben

aus. Auf diesem Prinzip sollte und wird der "neue Tanz" gebaut werden,

der das einzige Mittel ist, die _ganze_ Bedeutung, den ganzen inneren

Sinn der Bewegung in _Zeit und Raum_ auszunützen. Der Ursprung des

Tanzes ist scheinbar rein sexueller Natur. Jedenfalls sehen wir noch

heute dieses ursprüngliche Element im Volkstanze entblößt liegen.

Die später entstandene Notwendigkeit, den Tanz als Mittel zum

Gottesdienst zu gebrauchen (Mittel zur Inspiration), bleibt sozusagen

auf der Fläche der angewandten Ausnützung der Bewegung. Allmählich

bekamen diese beiden praktischen Verwendungen eine künstlerische

Färbung, die sich durch Jahrhunderte entwickelte und mit der Sprache

der Ballettbewegungen endete. Diese Sprache ist heute nur wenigen

verständlich und verliert immer an Klarheit. Außerdem ist sie für die

kommende Zeit viel zu naiver Natur: sie diente eben nur dem Ausdrucke

der materiellen Gefühle (Liebe, Angst usw.) und muß durch eine andere

ersetzt werden, die imstande ist, feinere seelische Vibrationen zu

verursachen. Aus diesem Grunde haben die Tanzreformatoren unserer Zeit

ihren Blick zu vergangenen Formen gewendet, wo sie auch noch heute

Hilfe suchen. So entstand das Band, welches Isadora Duncan zwischen

dem griechischen Tanz und dem kommenden anknüpfte. Dieses ist also aus

demselben Grunde geschehen, aus welchem die Maler bei den Primitiven

Hilfe suchten. Natürlich ist es auch im Tanz (ebenso wie in der

Malerei) nur ein Übergangsstadium. Wir stehen vor der Notwendigkeit

der Bildung des neuen Tanzes, des Tanzes der Zukunft. Dasselbe Gesetz

der unbedingten Ausnützung des _inneren_ Sinnes der Bewegung, als des

Hauptelementes des Tanzes, wird auch hier wirken und zum Ziele bringen.

Auch hier muß und wird die konventionelle "Schönheit" der Bewegung über

Bord geworfen und der "natürliche" Vorgang (Erzählung = literarisches

Element) als unnötig und schließlich störend erklärt. Ebenso wie in

der Musik oder in der Malerei kein "häßlicher Klang" und keine äußere

"Dissonanz" existiert, d. h. ebenso wie in diesen beiden Künsten jeder

Klang und Zusammenklang schön (= zweckmäßig) ist, wenn er aus der

inneren Notwendigkeit stammt, so wird bald auch im Tanze der innere

Wert _jeder_ Bewegung gefühlt und es wird die innere Schönheit die

äußere ersetzen. Den "unschönen" Bewegungen, die jetzt plötzlich schön

werden, entströmen sofort eine ungeahnte Gewalt und lebendige Kraft.

Von diesem Augenblick an beginnt der Tanz der Zukunft.

[Illustration: Kandinsky. Improvisation Nr. 18]

* * * * *

Dieser Tanz der Zukunft, welcher also auf die Höhe der heutigen

Musik und Malerei gestellt wird, wird in demselben Augenblick die

Fähigkeit bekommen, als das dritte Element, die _Bühnenkomposition_ zu

verwirklichen, welche das erste Werk der _Monumentalen Kunst_ sein wird.

Die Bühnenkomposition wird zunächst aus diesen drei Elementen bestehen:

1. musikalische Bewegung,

2. malerische Bewegung,

3. tanzkünstlerische Bewegung.

Nach dem oben von der reinmalerischen Komposition Gesagten wird jeder

verstehen, was ich unter der dreifachen Wirkung der inneren Bewegung (=

Bühnenkomposition) verstehe.

Ebenso wie die zwei Hauptelemente der Malerei (zeichnerische und

malerische Form) jedes ein selbständiges Leben führen, durch eigene

und nur ihnen allein eigene Mittel sprechen, ebenso wie aus der

Kombinierung dieser Elemente und ihrer sämtlichen Eigenschaften und

Möglichkeiten die Komposition in der Malerei entsteht, geradeso wird

die Komposition auf der Bühne unter Mit- (= Gegen-) Wirkung der

obengenannten drei Bewegungen möglich werden.

Der obenerwähnte Versuch Skrjabins (die Wirkung des musikalischen

Tones durch die Wirkung des entsprechenden farbigen Tones zu erhöhen)

ist natürlich nur ein sehr elementarer Versuch, welcher nur _eine_

Möglichkeit ist. Außer dem Mitklange zweier oder schließlich der drei

Elemente der Bühnenkomposition kann noch folgendes verwendet werden:

der Gegenklang, abwechselnde Wirkung der einzelnen, Verwendung der

vollkommenen Selbständigkeit (natürlich äußeren) jedes der einzelnen

Elemente usw. Gerade dieses letzte Mittel hat Arnold Schönberg in

seinen Quartetten schon angewendet. Und hier sieht man, wie stark

der _innere_ Zusammenklang an Kraft und Bedeutung gewinnt, wenn der

_äußere_ Zusammenklang in diesem Sinne gebraucht wird. Man denkt sich

nun die glückerfüllende neue Welt der drei mächtigen Elemente, die

einem schöpferischen Ziele dienen werden. Ich bin hier gezwungen, auf

das weitere Entwickeln dieses bedeutungsvollen Themas zu verzichten.

Der Leser soll nur das für die Malerei gegebene Prinzip auch in diesem

Falle korrespondierend verwenden und auch vor seinem geistigen Auge

wird sich von selbst der glückvolle Traum der Zukunftsbühne stellen.

Auf den verwickelten Wegen dieses neuen Reiches, welche durch schwarze

Urwälder, über unermeßliche Klüfte auf eisige Höhen, an schwindelnden

Abgründen als ein endloses Netz vor dem Pionier liegen, wird ihn mit

unfehlbarer Hand immer derselbe Führer lenken--das _Prinzip der inneren

Notwendigkeit_.

* * * * *

Aus den oben geprüften Beispielen der Anwendung einer Farbe, aus der

Notwendigkeit und Bedeutung der Anwendung "natureller" Formen in

Verbindung mit Farbe als Klang geht hervor 1. wo der Weg zur Malerei

liegt und 2. _wie_ im _allgemeinen_ Prinzip dieser Weg zu betreten

ist. Dieser Weg liegt zwischen zwei Gebieten (die heute zwei Gefahren

sind): rechts liegt das vollständig abstrakte, ganz emanzipierte

Anwenden der Farbe in "geometrischer" Form (Ornamentik), links das

mehr reale, zu stark von äußeren Formen gelähmte Gebrauchen der Farbe

in "körperlicher" Form (Phantastik). Und zur selben Zeit schon (und,

womöglich nur heute) ist die Möglichkeit vorhanden, bis zur rechts

liegenden Grenze zu schreiten und sie zu überschreiten, und ebenso

bis zur linksliegenden und darüber hinaus. Hinter diesen Grenzen (hier

verlasse ich meinen Weg des Schematisierens) liegt rechts: die _reine

Abstraktion_ (d. h. größere Abstraktion als die der geometrischen

Form) und links _reine Realistik_ (d. h. höhere Phantastik--Phantastik

in härtester Materie). Und zwischen denselben--grenzenlose Freiheit,

Tiefe, Breite, Reichtum der Möglichkeiten und hinter ihnen liegende

Gebiete der reinen: Abstraktion und Realistik--_alles_ ist heute, durch

den heutigen Moment, dem Künstler zu Diensten gestellt. Heute ist der

Tag einer Freiheit, die nur zur Zeit einer keimenden großen Epoche

denkbar ist[8]. Und im selben Augenblick ist diese selbe Freiheit eine

der größten Unfreiheiten, da alle diese Möglichkeiten zwischen, in und

hinter den Grenzen aus einer und derselben Wurzel wachsen: aus dem

kategorischen Rufen der _Inneren Notwendigkeit_.

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 6 / 7 段