Daß die Kunst über der Natur steht, ist keine irgendwie neue

Entdeckung[9]. Neue Prinzipien fallen auch nie vom Himmel, stehen

hingegen im kausalen Zusammenhang mit der Vergangenheit und der

Zukunft. Nur ist uns wichtig, in welcher Lage heute dieses Prinzip

liegt und wohin wir mit Hilfe desselben morgen gelangen können. Und

dieses Prinzip, das muß wieder und wieder betont werden, muß nie

mit Gewalt angewendet werden. Wenn aber der Künstler seine Seele

nach dieser Stimmgabel stimmt, so werden schon von selbst seine

Werke in diesem Ton klingen. Und speziell die heute fortschreitende

"Emanzipation" wächst auf dem Boden der inneren Notwendigkeit, die, wie

schon bezeichnet wurde, die geistige Kraft des Objektiven in der Kunst

ist. _Das Objektive der Kunst_ sucht sich heute mit einer besonders

starken Spannung zu offenbaren. Es werden also die zeitlichen Formen

gelockert, damit das Objektive klarer zum Ausdruck kommen kann. Die

naturellen Formen stellen Grenzen, die in vielen Fällen diesem Ausdruck

im Wege liegen. So werden sie zur Seite geschoben und die freie Stelle

wird für das _Objektive der Form_ gebraucht--Konstruktion zum Zweck

der Komposition. Dadurch erklärt sich der schon heute klar daliegende

Drang, die konstruktiven Formen der Epoche zu entdecken. Als eine der

Übergangsformen zeigt z. B. der Kubismus, wie oft die naturellen Formen

den konstruktiven Zwecken gewaltsam unterordnet werden müssen und

welche unnötigen Hindernisse diese Formen in solchen Fällen bilden.

Jedenfalls wird heute im allgemeinen eine entblößte Konstruktion

angewendet, welche scheinbar die einzige Möglichkeit ist, dem

Objektiven in der Form Ausdruck zu verleihen. Wenn wir aber daran

denken, wie die heutige Harmonie in diesem Buch definiert wurde, so

können wir auch auf dem Gebiete der Konstruktion den Geist der Zeit

erkennen: nicht eine klar daliegende, oft in die Augen springende

("geometrische") Konstruktion, die an Möglichkeiten reichste bzw. die

ausdrucksvollste zu sein, sondern die versteckte, die aus dem Bilde

unbemerkt herauskommt und also weniger für das Auge als für die Seele

bestimmt ist.

Diese _versteckte Konstruktion_ kann aus scheinbar zufällig auf

die Leinwand geworfenen Formen bestehen, die wieder scheinbar in

keinem Zusammenhang zueinander stehen: die äußere Abwesenheit dieses

Zusammenhanges ist hier seine innere Anwesenheit. Das äußerlich

Gelockerte ist hier das innerlich Zusammengeschmolzene. Und dieses

bleibt inbezug auf beide Elemente gleich: in der zeichnerischen und in

der malerischen Form.

Und gerade hier liegt die Zukunft der Harmonielehre der Malerei. Die

"irgendwie" zueinander stehenden Formen haben doch im letzten Grunde

eine große und präzise Beziehung zueinander. Und schließlich läßt sich

auch diese Beziehung in einer mathematischen Form ausdrücken, nur wird

hier vielleicht mehr mit unregelmäßigen als mit regelmäßigen Zahlen

operiert.

_Als letzter abstrakter Ausdruck bleibt in jeder Kunst die Zahl._

Es ist selbstverständlich, daß dieses objektive Element andererseits

die Vernunft, das Bewußte (objektive Kenntnisse--malerischer

Generalbaß) als eine notwendige _mitwirkende_ Kraft unbedingt verlangt.

Und dieses Objektive wird dem heutigen Werk auch in der Zukunft die

Möglichkeit geben, statt "ich war"--"ich bin" zu sagen.

[Footnote 1: Solche Versuche wurden gemacht. Dazu trägt viel bei der

Parallelismus mit der Musik, z. B. "Tendances Nouvelles", Nr. 35: Henri

_Rovel_--Les lois d'harmonie de la peinture et de la musique sont les

mêmes (P. 721).]

[Footnote 2: Dieser Wirrwarr ist natürlich auch ein präzises Leben,

aber einer anderen Sphäre.]

[Footnote 3: Die eben beschriebene Welt ist doch eine Welt mit dem

ihr unbedingt eigenen inneren Klang, welcher im _Grunde_, im Prinzip

notwendig ist und Möglichkeiten bietet.]

[Footnote 4: Es muß hier wieder ausdrücklich betont werden, daß alle

solche Fälle, Beispiele etc. nur als schematisierte Werte anzusehen

sind. Alles dies ist konventionell und kann durch die große Wirkung der

Komposition und ebenso leicht durch einen Strich geändert werden. Die

Möglichkeiten ziehen sich in unendliche Reihen.]

[Footnote 5: Immer muß unterstrichen werden, daß die Ausdrücke, wie

"traurig, freudig" usw., sehr grober Natur sind und nur als Wegweiser

zu den feinen, unkörperlichen Gemütsvibrationen dienen können.]

[Footnote 6: Wenn das Märchen nicht _im ganzen_ "übersetzt" ist, so

hat es zur Folge ein Resultat, ähnlich dem der kinematographischen

Märchenbilder.]

[Footnote 7: Dieser Kampf mit der Märchenluft ist dem Kampfe mit

der Natur gleich. Wie leicht und oft ganz gegen den Willen des

Farbenkomponisten "die Natur" sich von selbst in seine Werke eindrängt!

Es ist leichter, die Natur zu malen, als mit ihr zu kämpfen!]

[Footnote 8: Ober diese Frage siehe meinen Artikel "Über die Formfrage"

im Blauen Reiter (Verlag R. Piper & Co., 1912). Von dem Werk Henri

Rousseaus ausgehend, beweise ich hier, daß die kommende Realistik in

unserer Periode nicht nur gleichwertig mit der Abstraktion ist, sondern

ihr identisch.]

[Footnote 9: Besonders die Literatur drückte längst dies Prinzip aus.

Z. B. sagt Goethe: "Der Künstler steht mit freiem Geiste über der

Natur und kann sie seinen höheren Zwecken gemäß traktieren ... er

ist ihr Herr und Sklave zugleich. Er ist ihr Sklave, insofern er mit

irdischen Mitteln wirken muß, um verstanden zu werden. (NB!) Ihr Herr

aber, insofern er diese irdischen Mittel seinen höheren Intentionen

unterwirft und ihnen dienstbar macht. Der Künstler will zur Welt

durch ein Ganzes sprechen: Dieses Ganze findet er aber nicht in der

Natur, sondern es ist die Frucht seines eigenen Geistes oder, wenn

man will, des Anwehens eines befruchtenden göttlichen Odems." (Karl

Heinemann, Goethe, 1899, S. 684.) Zu unserer Zeit O. _Wilde_: "Kunst

fängt an da, wo die Natur aufhört" (De Profundis). Auch in der Malerei

finden wir oft solche Gedanken. Delacroix sagte z. B., die Natur wäre

für den Künstler nur ein Wörterbuch. Und: "den Realismus sollte man

den Antipoden der Kunst definieren" ("Mein Tagebuch", S. 246. Bruno

Cassirer Verlag. Berlin 1903).]

VIII.

KUNSTWERK UND KÜNSTLER

Auf eine geheimnisvolle, rätselhafte, mystische Weise entsteht

das wahre Kunstwerk "aus dem Künstler". Von ihm losgelöst bekommt

es ein selbständiges Leben, wird zur Persönlichkeit, zu einem

selbständigen, geistig atmenden Subjekt, welches auch ein materiell

reales Leben führt, welches ein _Wesen_ ist. Es ist also nicht

eine gleichgültig und zufällig entstandene Erscheinung, die auch

gleichgültig in dem geistigen Leben weilt, sondern, wie jedes Wesen

besitzt es weiterschaffende, aktive Kräfte. Es lebt, wirkt und ist

an der Schöpfung der besprochenen geistigen Atmosphäre tätig. Aus

diesem innerlichen Standpunkte ist auch ausschließlich die Frage zu

beantworten, ob das Werk gut oder schlecht ist. Wenn es "schlecht"

in der Form ist oder zu schwach, so ist diese Form schlecht oder

zu schwach, um in jeder Art rein klingende Seelenvibrationen

hervorzurufen[1]. Ebenso ist in Wirklichkeit nicht _das_ Bild "gut

gemalt", welches richtig in Werten (die unvermeidlichen Valeurs der

Franzosen) ist oder irgendwie beinahe wissenschaftlich in Kalt und

Warm geteilt ist, sondern das Bild ist gut gemalt, welches innerlich

_voll_ lebt. Die "_gute Zeichnung" ist auch nur die, an welcher nichts

geändert werden kann, ohne daß dieses innerliche Leben zerstört wird_,

ohne jede Rücksicht darauf, ob diese Zeichnung der Anatomie, Botanik

oder sonst einer Wissenschaft widerspricht. Hier besteht die Frage

nicht darin, ob eine äußerliche (also auch nur immer zufällige) Form

verletzt wird, sondern nur darin, ob der Künstler diese Form, wie

sie äußerlich existiert, braucht oder nicht. _Ebenso müssen Farben

angewendet werden, nicht_, weil sie in der Natur in diesem Klang

existieren oder nicht, sondern _weil sie in diesem Klang im Bilde

notwendig sind_ oder nicht. Kurz gesagt, _der Künstler ist nicht

nur berechtigt, sondern verpflichtet, mit den Formen so umzugehen,

wie es für_ <b>seine</b> Zwecke_ <b>notwendig</b> _ist_. Und weder

Anatomie oder dergleichen, noch das _prinzipielle_ Umwerfen dieser

Wissenschaften ist notwendig, sondern _volle unbeschränkte_ Freiheit

des Künstlers in der Wahl seiner Mittel[2]. Diese Notwendigkeit ist das

Recht auf unbeschränkte Freiheit, die sofort zum Verbrechen wird, wenn

sie nicht auf derselben beruht. Künstlerisch ist das Recht darauf die

besprochene innere moralische Fläche. Im ganzen Leben (also auch in der

Kunst)--reines Ziel.

Und speziell: ein zweckloses Befolgen der wissenschaftlichen Tatsachen

ist nie so schädlich, wie ein zweckloses Umwerfen derselben. Im

ersten Fall entsteht eine Naturnachahmung (materielle), welche für

verschiedene spezielle Zwecke verwendet werden kann[3]. Im zweiten--ein

künstlerischer Betrug, welcher als Sünde eine lange Kette von üblen

Folgen bildet. Der erste Fall läßt die moralische Atmosphäre leer. Er

versteinert sie. Der zweite vergiftet und verpestet sie.

Die Malerei ist eine Kunst und die _Kunst_ im ganzen _ist nicht ein

zweckloses Schaffen_ der Dinge, die im Leeren zerfließen, sondern eine

Macht, die zweckvoll ist, und muß der Entwicklung und Verfeinerung

der menschlichen Seele dienen--der Bewegung des Dreiecks. Sie ist die

Sprache, die in nur ihr eigener Form von Dingen zur Seele redet, die

für die Seele das _tägliche Brot_ sind, welches sie nur in dieser Form

bekommen kann.

Wenn die Kunst sich dieser Aufgabe entzieht, so muß die Lücke offen

bleiben, da es keine andere Macht gibt, die die Kunst ersetzen kann[4].

Und immer zu der Zeit, wo die menschliche Seele stärkeres Leben führt,

wird auch die Kunst lebendiger, da Seele und Kunst in einer Verbindung

von wechselseitiger Wirkung und Vervollkommnung stehen. Und in den

Perioden, in welchen die Seele durch materialistische Anschauungen,

Unglauben und daraus fließende rein praktische Bestrebungen betäubt und

vernachlässigt wird, entsteht die Ansicht, daß die "reine" Kunst nicht

für spezielle Zwecke dem Menschen gegeben ist, sondern zwecklos, daß

Kunst nur für Kunst existiert (l'art pour l'art)[5]. Hier wird das Band

zwischen Kunst und Seele halb anästhesiert. Das rächt sich aber bald,

da der Künstler und der Zuschauer (welche mit Hilfe der' Seelensprache

miteinander reden) sich nicht mehr verstehen, und der letztere wendet

dem ersteren den Rücken oder sieht ihn an wie einen Gaukler, dessen

äußere Geschicklichkeit und Erfindungskraft bewundert werden.

In erster Linie soll dann der Künstler die Lage zu ändern versuchen,

dadurch, daß er seine Pflicht _der Kunst_ und also auch _sich

gegenüber_ anerkennt und sich nicht als Herr der Lage betrachtet,

sondern als Diener höherer Zwecke, dessen Pflichten präzis, groß und

heilig sind. Er muß sich _erziehen_ und vertiefen in die eigene Seele,

diese eigene Seele vorerst pflegen und entwickeln, damit sein äußeres

Talent etwas zu bekleiden hat und nicht, wie der verlorene Handschuh

von einer unbekannten Hand, ein leerer zweckloser Schein einer Hand ist.

_Der Künstler muß etwas zu sagen haben, da nicht die Beherrschung der

Form seine Aufgabe ist, sondern das Anpassen dieser Form dem Inhalt_[6].

Der Künstler ist kein Sonntagskind des Lebens: Er hat kein Recht,

pflichtlos zu leben, er hat eine schwere Arbeit zu verrichten, die oft

zu seinem Kreuz wird. Er muß wissen, daß jede seiner Taten, Gefühle,

Gedanken das feine unbetastbare, aber feste Material bilden, woraus

seine Werke entstehen, und daß er deswegen im Leben nicht frei ist,

sondern nur in der Kunst.

Und daraus geht von selbst hervor, daß der Künstler dreifach

verantwortlich ist, im Vergleich zum Nichtkünstler: 1. muß er sein ihm

gegebenes Talent wieder erstatten, 2. bilden seine Taten, Gedanken,

Gefühle, wie die jedes Menschen, die geistige Atmosphäre, so daß sie

die geistige Luft verklären oder verpesten und 3. sind diese Taten,

Gedanken, Gefühle das Material zu seinen Schöpfungen, welche noch

einmal wieder an der geistigen Atmosphäre tätig sind. Er ist nicht nur

"König", wie ihn Sar Peladan nennt, in dem Sinne, daß er die große

Macht hat, sondern auch in dem Sinne, daß auch seine Pflicht groß ist.

Wenn der Künstler Priester des "Schönen" ist, so ist auch dieses Schöne

durch dasselbe Prinzip des _inneren Wertes_ zu suchen, welchen wir

überall gefunden haben. Dieses "Schöne" ist nur durch den Maßstab der

_inneren Größe_ und _Notwendigkeit_ zu messen, welche uns bis jetzt

überall und durchweg richtige Dienste geleistet hat.

_Das ist schön, was einer inneren seelischen Notwendigkeit entspringt.

Das ist schön, was innerlich schön ist_[7].

Einer der ersten Vorkämpfer, einer der ersten seelischen Komponisten

in der Kunst von heute, der die Kunst von morgen entspringen wird,

Maeterlink, sagt:

"Es gibt nichts auf Erden, das nach Schönheit begieriger wäre und

sich leichter verschönt, als eine Seele.... Darum widerstehen auch

sehr wenige Seelen auf Erden der Herrschaft einer Seele, die sich der

Schönheit hingibt"[8].

Und diese Eigenschaft der Seele ist das Öl, durch das die langsame,

kaum sichtbare, zeitweise äußerlich stockende, aber fortwährende,

ununterbrechbare Bewegung des geistigen Dreiecks nach vor- und aufwärts

möglich ist.

[Footnote 1: Die z. B. sogenannten "unmoralischen" Werke sind entweder

überhaupt unfähig, eine Seelenvibration hervorzurufen (dann sind

sie nach unserer Definierung unkünstlerisch), oder sie verursachen

_auch_ eine Seelenvibration, indem sie eine in irgendeiner Beziehung

richtige Form besitzen. Dann sind sie "gut". Wenn sie aber, von dieser

seelischen Vibration abgesehen, auch rein körperliche Vibration

niederer Gattung, (wie es zu unserer Zeit genannt wird) erzeugen, so

dürfte man daraus nicht den Schluß ziehen, daß das Werk, aber nicht die

auf dies Werk durch niedrige Vibrationen reagierende Persönlichkeit zu

verachten ist.]

[Footnote 2: Diese unbeschränkte Freiheit muß auf dem Grunde der

inneren Notwendigkeit (die man Ehrlichkeit nennt) basiert sein. Und

dieses Prinzip ist nicht nur das der Kunst, sondern das des Lebens.

Dieses Prinzip ist das größte Schwert des wirklichen Übermenschen gegen

das Philistertum.]

[Footnote 3: Es ist klar, daß diese Naturnachahmung, wenn sie von der

Hand eines Künstlers stammt, welcher seelisch lebt, nie eine ganz

tote Wiedergabe der Natur bleibt. Auch in dieser Form kann die Seele

sprechen und gehört werden. Als Gegenbeispiel können z. B. Landschaften

Canalettos dienen zu den traurig berühmten Köpfen von Denner (Alte

Pinakothek in München).]

[Footnote 4: Diese Lücke kann auch leicht durch Gift und Pest

ausgefüllt werden.]

[Footnote 5: Diese Ansicht ist eins der wenigen idealen Agentien zu

solchen Zeiten. Es ist ein unbewußter Protest gegen den Materialismus,

welcher alles praktisch zweckmäßig haben will. Und das beweist

wieder, wie stark und unverwüstlich die Kunst ist und die Kraft der

menschlichen Seele, die lebendig ist und ewig, die betäubt, aber nicht

getötet werden kann.]

[Footnote 6: Es ist doch sicher klar, daß hier die Rede von der

Erziehung der Seele ist und nicht von einer Notwendigkeit, gewaltsam

in jedes Werk einen bewußten Inhalt hinein zu pressen oder diesen

erdachten Inhalt gewaltsam künstlerisch zu bekleiden! In diesen Fällen

würde nichts als leblose Kopfarbeit entstehen. Es wurde auch schon

oben gesagt: Geheimnisvoll entsteht das wahre Kunstwerk. Nein, wenn

die Künstlerseele lebt, so braucht man sie durch Kopfgedanken und

Theorien nicht zu unterstützen. Sie findet selbst etwas zu sagen, was

dem Künstler selbst im Augenblick ganz unklar bleiben kann. Die _innere

Stimme der Seele_ sagt ihm auch, welche Form er braucht und von wo sie

zu holen, ist (äußere oder innere "Natur"). Jeder Künstler, welcher

nach dem sogenannten Gefühl arbeitet, weiß, wie plötzlich und für ihn

unerwartet die von ihm ersonnene Form ihm widrig erscheint, wie "wie

von selbst" sich eine andere, richtige an die Stelle der ersteren,

verworfenen stellt. Böcklin sagte, daß ein richtiges Kunstwerk wie eine

große Improvisation sein muß, d. h. Überlegung, Aufbauen, vorherige

Komposition sollen nichts als Vorstufen sein, auf welchem das Ziel

erreicht wird, welches dem Künstler selbst unerwartet erscheinen kann.

So soll auch die Verwendung des kommenden Kontrapunktes verstanden

werden.]

[Footnote 7: Unter diesem Schönen wird selbstredend nicht die äußere

oder sogar innere im allgemeinen Verkehr angenommene Moral verstanden,

sondern _alles_ das, was auch in der ganz untastbaren Form die Seele

verfeinert und bereichert. Deshalb ist, z. B., in der Malerei jede

Farbe innerlich schön, da jede Farbe eine Seelenvibration verursacht

und jede Vibration bereichert die Seele. Und deshalb endlich kann alles

innerlich schön sein, was äußerlich "häßlich" ist. So ist es in der

Kunst, so ist es im Leben. Und deshalb ist nichts "häßlich" im inneren

Resultat, d. h. in der Wirkung auf die Seele der anderen.]

[Footnote 8: Von der inneren Schönheit. (K. Robert Langewiesche Verlag.

Düsseldorf und Leipzig. S. 187.)]

[Illustration]

SCHLUSSWORT

Die beigefügten sechs Reproduktionen sind Beispiele der konstruktiven

Bestrebungen in der Malerei.

Die Formen dieser Bestrebungen zerfallen in zwei Hauptgruppen:

1. die einfache Komposition, die einer klar zum Vorschein kommenden

einfachen Form unterordnet ist. Diese Komposition nenne ich die

_melodische_;

2. die komplizierte Komposition, die aus mehreren Formen besteht, die

weiter einer klaren oder verschleierten Hauptform unterordnet sind.

Diese Hauptform kann äußerlich sehr schwer zu finden sein, wodurch die

innere Basis einen besonders starken Klang bekommt. Diese komplizierte

Komposition nenne ich die _symphonische_.

Zwischen diesen zwei Hauptgruppen liegen verschiedene Übergangsformen,

in welchen das melodische Prinzip unbedingt vorhanden ist.

Der ganze Entwicklungsvorgang ist auffallend dem in der Musik ähnlich.

Abweichungen in diesen beiden Vorgängen sind Resultate eines anderen

mitspielenden Gesetzes, welches aber schließlich immer bis jetzt dem

ersten Entwicklungsgesetz unterlag. So sind diese Abweichungen hier

nicht maßgebend.

Wenn man in der _melodischen Komposition_ das Gegenständliche entfernt

und dadurch die im Grunde liegende malerische Form entblößt, so findet

man primitive geometrische Formen oder die Aufstellung einfacher

Linien, die einer allgemeinen Bewegung dienen. Diese allgemeine

Bewegung wiederholt sich in einzelnen Teilen und wird manchmal

durch einzelne Linien oder Formen variiert. Diese einzelnen Linien

oder Formen dienen in diesem letzten Falle verschiedenen Zwecken.

Sie bilden z. B. eine Art Abschluß, welchem ich den musikalischen

Namen "fermata" gebe[1]. Alle diese konstruktiven Formen haben einen

einfachen inneren Klang, welchen auch jede Melodie hat. Deswegen

nenne ich sie die melodischen. Durch Cézanne und später Hodler zum

neuen Leben geweckt, bekamen diese melodischen Kompositionen zu

unserer Zeit die Bezeichnung der _rhythmischen_. Das war der Kern der

Wiedergeburt der kompositioneilen Ziele. Daß die Beschränkung 'des

Begriffes "rhythmisch" auf ausschließlich diese Fälle zu eng ist, ist

auf den ersten Blick klar. Ebenso wie in der Musik _jede_ Konstruktion

einen eigenen Rhythmus besitzt, ebenso wie in der ganz "zufälligen"

Verteilung der Dinge in der Natur auch _jedesmal_ ein Rhythmus

vorliegt, so auch in der Malerei. Nur ist in der Natur dieser Rhythmus

uns manchmal nicht klar, da uns seine Ziele (in manchen und gerade

wichtigen Fällen) nicht klar sind. Diese unklare Zusammenstellung wird

deshalb arhythmisch genannt. Diese Teilung in das Rhythmische und

Arhythmische ist also vollkommen relativ und konventionell. (Geradeso

wie die Teilung der Konsonanz von der Dissonanz, die im Grunde nicht

existiert.)[2].

[Illustration: Kandinsky. Komposition Nr. 2]

Kompliziertere "rhythmische" Komposition mit einer starken Andeutung

des symphonischen Prinzips sind viele Bilder, Holzschnitte, Miniaturen

usw. der vergangenen Kunstepochen. Man erinnere sich nur der alten

deutschen Meister, der Perser, Japaner, der russischen Ikonen und

besonders der Volksblätter usw. usw.[3]

In beinahe allen diesen Werken ist die symphonische Komposition

noch sehr stark an die melodische gebunden. D. h. wenn man das

Gegenständliche entfernt und dadurch das Kompositionelle entschleiert,

so kommt eine Komposition zum Vorschein, die aus dem Gefühle der

Ruhe, der ruhigen Wiederholung, der ziemlich gleichmäßigen Verteilung

gebaut ist[4]. Unwillkürlich kommen alte Chorkompositionen, Mozart

und schließlich Beethoven in Erinnerung. Das alles sind Werke, die

mehr oder weniger mit der erhabenen, ruhe- und würdevollen Architektur

eines gotischen Domes verwandt sind: Gleichgewicht und gleichmäßige

Verteilung der einzelnen Teile ist die Stimmgabel und die geistige

Basis solcher Konstruktionen. Solche Werke gehören zu der Übergangsform.

Als Beispiele der neuen symphonischen Kompositionen, in welchen das

melodische Element nur manchmal und als einer der untergeordneten Teile

Anwendung findet, dabei aber eine neue Gestaltung bekommt, habe ich

drei Reproduktionen nach meinen Bildern beigegeben.

Diese Reproduktionen sind Beispiele drei verschiedener Ursprungsquellen:

1. direkter Eindruck von der "äußeren Natur", welcher in einer

zeichnerisch-malerischen Form zum Ausdruck kommt. Diese Bilder nenne

ich "_Impressionen_";

2. hauptsächlich unbewußte, größtenteils plötzlich entstandene

Ausdrücke der Vorgänge inneren Charakters, also Eindrücke von der

"inneren Natur". Diese Art nenne ich "_Improvisationen_;

3. auf ähnliche Art (aber ganz besonders langsam) sich in mir bildende

Ausdrücke, welche lange und beinahe pedantisch nach den ersten

Entwürfen von mir geprüft und ausgearbeitet werden. Diese Art Bilder

nenne ich "_Komposition_". Hier spielt die Vernunft, das Bewußte, das

Absichtliche, das Zweckmäßige eine überwiegende Rolle. Nur wird dabei

nicht der Berechnung, sondern stets dem Gefühl recht gegeben.

Welche unbewußte oder bewußte Konstruktion aller drei Arten meiner

Bilder zugrunde liegt, wird wohl dem geduldigen Leser dieses Buches

klar sein.

Zum Schluß möchte ich bemerken, daß meiner Ansicht nach wir der Zeit

des bewußten, vernünftigen Kompositionellen immer näher rücken, daß

der Maler bald stolz sein wird, seine Werke _konstruktiv_ erklären zu

können (im Gegensatz zu den reinen Impressionisten, die darauf stolz

waren, daß sie nichts erklären konnten), daß wir schon jetzt die Zeit

des zweckmäßigen Schaffens vor uns haben und endlich, daß dieser Geist

in der Malerei im organischen direkten Zusammenhang mit dem schon

begonnenen Neubau des neuen geistigen Reiches steht, da dieser Geist

die Seele ist der _Epoche des großen Geistigen_.

[Footnote 1: Siehe z. B. das Mosaik in Ravenna, welches in der

Hauptgruppe ein Dreieck bildet. Zu diesem Dreieck neigen sich immer

weniger bemerklich die übrigen Figuren. Der ausgestreckte Arm und der

Türvorhang bilden die fermata.]

[Footnote 2: Als Beispiel dieser klar daliegenden melodischen

Konstruktion mit offenem Rhythmus ist in diesem Buch das Bild von

Cézanne "Die Badenden" gebracht.]

[Footnote 3: Melodische Kompositionen mit symphonischen Anklängen sind

viele Bilder Hodlers.]

[Footnote 4: Hier spielt eine große Rolle die Tradition. Und ganz

besonders in der volkstümlich gewordenen Kunst. Solche Werke entstehen

hauptsächlich zur Blütezeit einer Kulturkunstperiode (oder greifen

in die nächste ein). Die ausgebildete offene Blüte verbreitet die

Atmosphäre der inneren Ruhe. Zu Keimungszeiten sind zu viel kämpfende,

zusammenstoßende, hemmende Elemente da, als daß die Ruhe eine sichtlich

überwiegende Note bilden könnte. Im letzten Grunde ist natürlich jedes

ernste Werk doch ruhig. Diese letzte Ruhe (Erhabenheit) ist nur für den

Zeitgenossen nicht leicht zu finden. Jedes ernste Werk klingt innerlich

so, wie die ruhig und erhaben gesagten Worte: "ich bin da". Liebe oder

Haß dem Werke gegenüber verduften, lösen sich auf. Der Klang dieser

Worte ist ewig.]

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 7 / 7 段