Wie jede im Grunde kalte Farbe, läßt sich auch _das kalte Rot_ (wie

Krapplack) sehr vertiefen (besonders durch Lasur). Es verändert sich

auch erheblich im Charakter: der Eindruck des tieferen Glühens wächst,

das Aktive verschwindet aber allmählich ganz. Dieses Aktive ist

aber andererseits nicht so vollkommen abwesend, wie z. B. im tiefen

Grün, sondern läßt eine Ahnung, ein Erwarten eines neuen energischen

Aufglühens wie etwas, was sich in sich zurückgezogen hat, was aber

auf der Lauer liegt und die versteckte Fähigkeit in sich birgt oder

hatte, einen wilden Sprung zu machen. Darin liegt auch der große

Unterschied zwischen ihm und der Vertiefung des Blau, da bei Rot auch

in dieser Lage doch etwas vom Körperlichen zu spüren ist. Es erinnert

doch an ein Element von Leidenschaften tragende, mittlere und tiefere

Töne des Cello. Das kalte Rot, wenn es hell ist, gewinnt noch mehr an

Körperlichem, aber an reinem Körperlichen, klingt wie jugendliche,

reine Freude, wie eine frische, junge, ganz reine Mädchengestalt.

Dieses Bild ist leicht durch höhere klare, singende Töne der Geige

zu musikalischem Ausdruck zu bringen[23]. Diese Farbe, nur durch

Beimischung von Weiß intensiv werdend, ist als Kleidungsfarbe beliebt

für junge Mädchen.

Das warme Rot, durch verwandtes Gelb erhöht, bildet _Orange_. Durch

diese Beimischung wird die Bewegung in sich des Rot zum Anfang der

Bewegung des Ausstrahlens, des Zerfließens in die Umgebung gebracht.

Das Rote aber, welches eine große Rolle im Orange spielt, erhält

dieser Farbe den Beiklang des Ernstes. Es ist einem von seinen Kräften

überzeugten Menschen ähnlich und ruft deswegen ein besonders gesundes

Gefühl hervor. Wie eine mittlere Kirchenglocke, die zum Angelus ruft,

klingt diese Farbe, oder wie eine starke Altstimme, wie eine Largo

singende Altgeige.

Wie Orange entsteht durch das Näherziehen des Rot zum Menschen, ebenso

entsteht durch das Zurückziehen des Rot durch Blau das _Violett_,

welches die Neigung hat, vom Menschen sich weg zu bewegen. Dieses im

Grunde liegende Rot muß aber kalt sein, da das Warm des Rot mit dem

Kalt des Blau sich nicht mischen läßt (durch kein Verfahren), was auch

auf dem Gebiete des Geistigen stimmt.

Violett ist also ein abgekühltes Rot im physischen und

psychischen Sinne. Es hat deswegen etwas Krankhaftes, Erlöschtes

(Kohlenschlacken!), hat etwas Trauriges in sich. Diese Farbe wird nicht

umsonst als passend für Kleider alter Frauen gehalten. Die Chinesen

brauchen sie direkt als Farbe der Trauerkleider. Es ist dem Klange

ähnlich des englischen Horns, der Schalmei, und in der Tiefe den tiefen

Tönen der Holzinstrumente (z. B. Fagott)[24].

Beide letzte Farben, die aus einem Summieren von Rot mit Gelb oder Blau

entstehen, sind von einem wenig labilen Gleichgewicht. Bei der Mischung

der Farben beobachtet man die Neigung derselben, das Gleichgewicht zu

verlieren. Man bekommt das Gefühl eines Seiltänzers, welcher aufpassen

und nach beiden Seiten fortwährend balancieren muß. Wo beginnt Orange

und hört das Gelb, das Rot auf? Wo ist die Grenze des Violetts, welche

es streng von Rot oder Blau trennt[25]?

[Illustration: TABELLE III]

Beide zuletzt charakterisierten Farben (Orange und Violett) sind

der _vierte_ und letzte _Gegensatz_ im Farbenreiche der einfachen

primitiven Farbentöne, wobei sie zueinander stehen im physikalischen

Sinne so wie die des dritten Gegensatzes (Rot und Grün), d. h. als

Komplementärfarben (siehe Tabelle II).

Wie ein großer Kreis, wie eine sich in den Schwanz beißende Schlange

(das Symbol der Unendlichkeit und Ewigkeit) stehen vor uns die sechs

Farben, die in Paaren drei große Gegensätze bilden. Und rechts und

links die zwei großen Möglichkeiten des Schweigens; das des Todes und

das der Geburt (siehe Tabelle III).

* * * * *

Es ist klar, daß alle die gebrachten Bezeichnungen dieser nur einfachen

Farben sehr provisorisch und grob sind. So sind auch die Gefühle, die

als Bezeichnungen der Farben gebracht wurden (wie Freude, Trauer usw.).

Diese Gefühle sind auch nur materielle Zustände der Seele. Die Töne der

Farben, ebenso wie die der Musik, sind viel feinerer Natur, erwecken

viel feinere Vibrationen der Seele, die mit Worten nicht zu bezeichnen

sind. Jeder Ton kann sehr wahrscheinlich mit der Zeit einen Ausdruck

auch im materiellen Wort finden, es wird aber immer noch ein übriges

bleiben, was vom Worte nicht vollständig ausgeschöpft werden kann, was

aber nicht eine luxuriöse Beigabe des Tones ist, sondern gerade das

Wesentliche in demselben. Deswegen sind und bleiben Worte nur Winke,

ziemlich äußerliche Kennzeichen der Farben. In dieser Unmöglichkeit,

das Wesentliche der Farbe durch das Wort und auch durch andere Mittel

zu ersetzen, liegt die Möglichkeit der monumentalen Kunst. Hier unter

sehr reichen und verschiedenen Kombinationen ist eine zu finden, die

gerade auf der eben festgestellten Tatsache ruht. Und nämlich: derselbe

innere Klang kann hier in demselben Augenblicke durch verschiedene

Künste gebracht werden, wobei jede Kunst außer diesem allgemeinen Klang

noch das ihr geeignete wesentliche Plus zeigen wird und dadurch einen

Reichtum und eine Gewalt dem allgemeinen innern Klang hinzufügen wird,

die durch _eine_ Kunst nicht zu erreichen sind.

Welche dieser Harmonie an Kraft und Tiefe gleichkommenden Disharmonien

und unendlichen Kombinationen mit dem Übergewicht einer Kunst, mit dem

Übergewicht der Gegensätze verschiedener Künste auf dem Grund still

mitklingender anderer usw. usw. dabei möglich sind, kann jedem klar

werden.

Oft hört man die Meinung, daß die Möglichkeit, eine Kunst durch

andere zu ersetzen (z. B. durch das Wort resp. die Literatur), die

Notwendigkeit der Verschiedenheit der Künste widerlegen würde. Das ist

aber nicht der Fall. Wie gesagt, ist eine genaue Wiederholung desselben

Klanges durch verschiedene Künste nicht möglich. Wenn dieses aber

auch möglich wäre, so würde doch die Wiederholung desselben Klanges

wenigstens äußerlich anders gefärbt werden. Wenn aber auch dies nicht

der Fall wäre, wenn also die Wiederholung durch verschiedene Künste

desselben Klanges ganz genau jedesmal _denselben_ Klang (äußerlich und

innerlich) erzielen würde, so würde auch eine derartige Wiederholung

nicht überflüssig sein. Schon deswegen, weil verschiedene Menschen

für verschiedene Künste begabt sind (aktiv oder passiv, d. h. als

Absender oder als Empfänger des Klanges). Wenn aber auch dieses nicht

der Fall wäre, so würde doch dadurch die Wiederholung nicht einfach

bedeutungslos werden. Das Wiederholen derselben Klänge, die Aufhäufung

derselben verdichtet die geistige Atmosphäre, die notwendig ist zum

Reifen der Gefühle (auch der feinsten Substanz), so wie zum Reifen

verschiedener Früchte die verdichtete Atmosphäre eines Treibhauses

notwendig, eine absolute Bedingung zum Reifen ist. Ein leises Beispiel

davon ist der einzelne Mensch, auf welchen Wiederholung von Handlungen,

Gedanken, Gefühlen einen schließlich gewaltigen Eindruck macht, wenn

er auch wenig fähig ist, die einzelnen Handlungen usw. intensiv

aufzusaugen, wie ein ziemlich dichter Stoff die ersten Regentropfen[26].

Man muß sich aber nicht nur in diesem beinahe greifbaren Beispiel

die geistige Atmosphäre vorstellen. Diese ist geistig dasselbe wie

die Luft, die auch rein oder von verschiedenen fremden Elementen

erfüllt sein kann. Nicht nur Handlungen, die jeder beobachten kann,

und Gedanken und Gefühle, die äußeren Ausdruck haben können, sondern

auch ganz versteckte Handlungen, von welchen "niemand was weiß",

nicht ausgesprochene Gedanken, nicht zum äußeren Ausdruck gekommene

Gefühle (also Handlungen im Menschen) sind die Elemente, die die

geistige Atmosphäre bilden. Selbstmorde, Morde, Gewalttaten, unwürdige,

niedere Gedanken, Haß, Feindseligkeit, Egoismus, Neid, "Patriotismus",

Parteilichkeit sind geistige Gestalten, die Atmosphäre _schaffenden_

geistigen Wesen[27]. Und umgekehrt Selbstopfer, Hilfe, reine hohe

Gedanken, Liebe, Altruismus, Freude an anderer Glück, Humanität,

Gerechtigkeit sind eben solche Wesen, die die ersteren, wie die Sonne

die Mikroben, töten und reine Atmosphäre herstellen[28].

Die andere (kompliziertere) Wiederholung ist die, an welcher

verschiedene Elemente in verschiedener Form teilnehmen. In unserem

Falle verschiedene Künste (also realisiert und summiert--die

monumentale Kunst). Diese Form der Wiederholung ist noch gewaltiger, da

verschiedene Menschennaturen verschieden auf einzelne Mittel reagieren;

für die eine ist die zugänglichste die musikalische Form (die überhaupt

auf alle wirkt--die Ausnahmen sind zu selten), der zweiten--die

malerische, der dritten--die literarische usw. Außerdem sind die in

verschiedenen Künsten verborgenen Kräfte im Grunde verschieden, so daß

sie das zu erzielende Resultat auch bei denselben Menschen steigern,

wenn auch jede Kunst auf eigene Faust isoliert arbeitet.

* * * * *

Dieses schwer definierbare Wirken der einzelnen isolierten Farbe ist

der Grund, auf welchem verschiedene Werte _harmonisiert_ werden.

Es werden Bilder (kunstgewerblich--ganze Einrichtungen) in einem

Lokalton gehalten, welcher nach künstlerischem Gefühle gewählt wird.

Das Durchdringen eines farbigen Tones, das Zusammenbinden zweier

nebeneinander liegender Farben durch Beimischung einer zur anderen

ist die Basis, auf welcher oft die farbige Harmonie aufgebaut wurde.

Aus dem eben über Farbenwirkungen Gesagten, aus der Tatsache, daß

wir zu einer Zeit leben, die voll von Fragen, Ahnungen, Deutungen

ist und deswegen voll von Widersprüchen (man denke auch an die

Schichten des Dreiecks), können wir leicht die Folge ziehen, daß

gerade unserer Zeit ein Harmonisieren auf dem Grunde der einzelnen

Farbe am wenigsten passend ist. Vielleicht neidisch, mit trauriger

Sympathie können wir die Mozartschen Werke empfangen. Sie sind uns eine

willkommene Pause im Brausen unseres inneren Lebens, ein Trostbild

und eine Hoffnung, aber wir hören sie doch wie Klänge aus anderer,

vergangener, im Grunde uns fremder Zeit. Kampf der Töne, das verlorene

Gleichgewicht, fallende "Prinzipien", unerwartete Trommelschläge, große

Fragen, scheinbar zielloses Streben, scheinbar zerrissener Drang und

Sehnsucht, zerschlagene Ketten und Bänder, die mehrere zu einem machen,

Gegensätze und Widersprüche--das ist unsere Harmonie. Auf dieser

Harmonie fußende _Komposition ist eine Zusammenstellung farbiger und

zeichnerischer Formen, die als solche selbständig existieren, von der

inneren Notwendigkeit herausgeholt werden und im dadurch entstandenen

gemeinsamen Leben ein Ganzes bilden, welches Bild heißt._

Nur diese einzelnen Teile sind wesentlich. Alles übrige (also auch

das Behalten des gegenständlichen Elements) ist nebensächlich. Dieses

Übrige ist nur Beiklang.

Logisch fließt daraus auch die Zusammenstellung zweier farbiger Töne

miteinander. Auf demselben Prinzip der Antilogik werden jetzt Farben

nebeneinander gestellt, die lange Zeit für disharmonisch galten. So

ist es z. B. mit der Benachbarung von Rot und Blau, dieser in keinem

physikalischen Zusammenhang stehenden Farben, die aber gerade durch

den großen _geistigen Gegensatz_ unter ihnen als eine der stärkst

wirkenden, eine der best passenden Harmonien heute gewählt werden.

Unsere Harmonie ruht hauptsächlich auf dem Prinzip des Gegensatzes,

dieses zu allen Zeiten größten Prinzips in der Kunst. Unser Gegensatz

ist aber der des _inneren_ Gegensatzes, welcher allein dasteht und jede

Hilfe (heute Störung und Überflüssigkeit) anderer harmonisierender

Prinzipien ausschließt!

Merkwürdig, daß gerade diese Zusammenstellung von Rot und Blau dermaßen

bei den Primitiven beliebt war (bei den alten Deutschen, Italienern

usw.), daß sie sich bis heute in den Überbleibseln dieser Zeit (z. B.

der volkstümlichen Form der Herrgottschnitzerei) erhalten hat[29].

Sehr oft sieht man in solchen Werken der Malerei und farbigen Plastik

die Mutter Gottes im roten Hemd mit einem übergeworfenen blauen

Überkleid; es scheint, als ob die Künstler die _himmlische_ Gnade

bezeichnen wollten, die auf den _irdischen_ Menschen gesandt wurde

und das _Menschliche_ durch das _Göttliche_ verdeckte. Logisch fließt

aus der Bezeichnung unserer Harmonie, daß gerade "heute" die innere

Notwendigkeit ein unendlich großes Arsenal der Ausdrucksmöglichkeiten

braucht.

"Erlaubte", "unerlaubte" Zusammenstellungen, der Zusammenstoß

der verschiedenen Farben, das Übertönen einer durch die andere,

vieler durch eine, das Herausklingen einer aus der anderen, das

Präzisieren des farbigen Fleckes, das Auflösen ein- und vielseitiger,

das Zurückhalten des fließenden Farbenfleckes durch zeichnerische

Grenze, das Übersprudeln dieses Fleckes über diese Grenze, das

Ineinander-fließen, das scharfe Abtrennen usw. usw. eröffnen eine

sich in unerreichbare Fernen verlierende Reihe der reinmalerischen (=

farbigen) Möglichkeiten.

Die Abwendung vom Gegenständlichen und einer der ersten Schritte in

das Reich des Abstrakten war in zeichnerisch-malerischer Beziehung

das Ausschließen der dritten Dimension, d. h. das Streben, das "Bild"

als Malerei auf einer Fläche zu behalten. Es wurde die "Modellierung"

ausgeschaltet. Dadurch wurde der reale Gegenstand zum abstrakteren

gerückt, was einen gewissen Fortschritt bedeutete. Dieser Fortschritt

hatte aber sofort zur Folge das Annageln der Möglichkeiten an eine

reale Fläche der Leinwand, wodurch die Malerei einen neuen durchaus

materiellen Beiklang gewann. Dieses Annageln war gleichzeitig eine

Beschränkung der Möglichkeiten.

Das Streben, sich von diesem Materiellen und dieser Beschränkung

zu befreien, vereint mit dem Streben zum Kompositionellen, mußte

natürlich zum Verzicht auf _eine_ Fläche bringen. Es wurde versucht,

das Bild auf eine ideelle Fläche zu bringen, die sich dadurch vor der

materiellen Fläche der Leinwand bilden mußte[30]. So entstand aus

der Komposition mit flachen Dreiecken eine Komposition mit plastisch

gewordenen, dreidimensionalen Dreiecken, d. h. mit Pyramiden (der

sogenannte "Kubismus"). Es entstand aber auch hier sehr bald die

Inertionsbewegung, die gerade auf diese Form sich konzentrierte

und so wieder zur Verarmung an Möglichkeiten führte. Das ist das

unvermeidliche Resultat der äußerlichen Anwendung eines aus innerer

Notwendigkeit entsprungenen Prinzips.

Gerade in diesem Falle von ausschließlich großer Wichtigkeit soll man

nicht vergessen, daß es auch andere Mittel gibt, die materielle Fläche

zubehalten, eine ideelle Fläche zu bilden und die letztere nicht nur

als eine flache Fläche zu fixieren, sondern sie als dreidimensionalen

Raum auszunützen. Schon die Dünne oder die Dicke einer Linie, weiter

das Stellen der Form auf der Fläche, das Überschneiden einer Form durch

die andere sind als Beispiele für die zeichnerische Ausdehnung des

Raumes genügend. Ähnliche Möglichkeiten bietet die Farbe, die, richtig

angewendet, vor- oder zurücktreten und vor- oder zurückstreben kann und

das Bild zu einem in der Luft schwebenden Wesen machen kann, was der

malerischen Ausdehnung des Raumes gleichbedeutend ist.

Das Vereinen der beiden Ausdehnungen im Mit- oder Widerklang ist eines

der reichsten und gewaltigsten Elemente der zeichnerisch-malerischen

Komposition.

[Footnote 1: P. Signac o. c.--Siehe auch den interessanten Artikel von

K. _Scheffler_--"Notizen über die Farbe" (Dekorative Kunst, Febr.

1901).]

[Footnote 2: Sehr ähnliches Resultat, wie bei dem weiterfolgenden

Beispiel mit _Baum_ Dreieck steht, also die Bewegung. Dies ist von

großer Wichtigkeit für die Malerei.]

[Footnote 4: Wenn eine Form gleichgültig wirkt und, wie man es nennt,

"nichts sagt", so ist dieses nicht buchstäblich zu verstehen. Es gibt

keine Form, wie überhaupt nichts in der Welt, was nichts sagt. Dieses

Sagen gelangt aber oft zu unserer Seele nicht, und zwar dann, wenn das

Gesagte an und für sich gleichgültig ist oder, richtiger bezeichnet,

nicht an der richtigen Stelle angebracht wurde.]

[Footnote 5: Diese Bezeichnung "ausdrucksvoll" ist richtig zu

verstehen: manchmal ist die Form dann ausdrucksvoll, wenn sie

gedämpft ist. Die Form bringt manchmal gerade dann das Nötige am

ausdrucksvollsten, wenn sie nicht bis zur letzten Grenze geht, sondern

nur ein Wink ist, nur die Richtung zum äußeren Ausdruck zeigt.]

[Footnote 6: Das wesentliche des "Idealisierens" lag im Bestreben,

die organische Form zu verschönern, ideal zu machen, wobei leicht

das Schematische entstand und das innere Klingen des Persönlichen

verstumpfte. Das "Stilisieren", mehr aus dem impressionistischen

Grunde emporwachsend, hatte als ersten Zweck nicht die "Verschönerung"

der organischen Form, sondern ihr starkes Charakterisieren durch

das Auslassen der zufälligen Einzelheiten. Deswegen war das hier

entstehende Klingen ganz persönlichen Charakters, aber mit überwiegend

sprechendem Äußeren. Die kommende Behandlung und Veränderung der

organischen Form hat zum Ziel das Bloßlegen des _inneren_ Klanges. Die

organische Form dient hier nicht mehr zum direkten Objekt, sondern ist

nur ein Element der göttlichen Sprache, die Menschliches braucht, da

sie durch Menschen an Menschen gerichtet ist.]

[Footnote 7: Die große Komposition kann selbstverständlich aus

kleineren in sich geschlossenen Kompositionen bestehen, die äußerlich

sogar feindlich einander gegenüberstehen, aber doch der großen

Komposition (und gerade in diesem Falle durch das Feindliche) dienen.

Diese kleineren Kompositionen bestehen aus einzelnen Formen auch

verschiedener innerer Färbung.]

[Footnote 8: Starkes Beispiel dafür--die badenden Frauen von Cézanne,

Komposition im Dreieck. (Das mystische Dreieck!) Solches Aufbauen

in geometrischer Form ist ein altes Prinzip, welches zuletzt

verlassen wurde, da es in steife akademische Formeln ausartete, die

keinen inneren Sinn, keine Seele, mehr hatten. Die Anwendung dieses

Prinzips durch Cézanne gab demselben eine neue Seele, wobei das

Reinmalerisch-Kompositionelle besonders stark betont wurde. Das Dreieck

in diesem wichtigen Falle ist kein Hilfsmittel für Harmonisierung

der Gruppe, sondern das laut gebrachte künstlerische Ziel. Hier ist

die geometrische Form zur selben Zeit Mittel zur Komposition in der

Malerei: der Schwerpunkt ruht auf rein künstlerischem Streben bei

starkem Mitklingen des Abstrakten. Deswegen verändert Cézanne mit

vollem Recht die menschlichen Proportionen: nicht nur die ganze Figur

muß zur Spitze des Dreiecks streben, sondern auch einzelne Körperteile

werden immer stärker von unten nach oben wie durch inneren Sturm in die

Höhe getrieben, werden immer leichter und dehnen sich sichtlich aus.]

[Footnote 9: Was man Bewegung nennt; z. B. ein Dreieck einfach nach

oben gerichtet klingt ruhiger, unbeweglicher, stabiler, als dasselbe

Dreieck schief auf die Fläche gestellt.]

[Footnote 10: Der große, vielseitige Meister Leonardo da Vinci

ersann ein System oder eine Skala von Löffelchen, mit welchen

verschiedene Farben zu nehmen waren. Es sollte dadurch ein mechanisches

Harmonisieren erreicht werden. Einer seiner Schüler quälte sich mit

der Anwendung dieses Hilfsmittels, und durch Mißerfolge verzweifelt,

wendete er sich an seinen Kollegen mit der Frage, wie der Meister

selbst mit den Löffelchen umgehe. "Der Meister wendet sie nie an",

antwortete ihm der Kollege. (Mereschkowski: "Leonardo da Vinci",

deutsche Übersetzung von A. Eliasberg im Verlage R. Piper & Co.,

München.)]

[Footnote 11: Der Begriff "Äußeres" soll hier nicht mit dem Begriff

"Materie" verwechselt werden. Den ersten Begriff brauche ich nur als

einen Ersatz für "äußere Notwendigkeit", welche nie über die Grenzen

des anerkannten und also nur traditionellen "Schönen" führen kann.

Die "innere Notwendigkeit" kennt diese Grenzen nicht und schafft

dadurch oft Dinge, die man gewöhnt ist, als "häßlich" zu bezeichnen.

"Häßlich" ist also nur ein Gewohnheitsbegriff, welcher als äußeres

Resultat einer der früher gewirkt habenden und schon verkörperten

inneren Notwendigkeiten noch lange ein Scheinleben weiter führt. Als

häßlich wurde in dieser vergangenen Zeit alles gestempelt, was damals

in keinem Zusammenhang mit der inneren Notwendigkeit stand. Was aber

im Zusammenhang mit ihr war, wurde als schön definiert. Und dieses

letzte mit Recht,--alles, was die innere Notwendigkeit hervorruft,

ist schon dadurch schön. Und wird auch als solches früher oder später

unvermeidlich anerkannt.]

[Footnote 12: Alle diese Behauptungen sind Resultate

empirisch-seelischer Empfindung und sind auf keiner positiven

Wissenschaft basiert.]

[Footnote 13: So wirkt z. B. der gelbe bayerische Briefkasten, wenn

er seine ursprüngliche Farbe nicht verloren hat. Es ist interessant,

daß die Zitrone gelb ist (scharfe Säure), der Kanarienvogel gelb ist

(scharfes Singen). Hier ist eine besondere Intensität des farbigen

Tones vorhanden.]

[Footnote 14: Das Korrespondieren der farbigen und musikalischen

Töne ist selbstverständlich nur relativ. Ebenso wie eine Geige sehr

verschiedene Töne entwickeln kann, die verschiedenen Farben entsprechen

können, so ist es z. B. auch bei dem Gelb, welches in verschiedenen

Nuancen durch verschiedene Instrumente ausgedrückt werden kann. Man

denkt sich bei solchen hier stehenden Parallelismen hauptsächlich den

mittelklingenden reinen farbigen Ton und in der Musik den mittleren Ton

ohne Variierung desselben durch Vibrieren, Dämpfer etc.]

[Footnote 15: ... les nymbes ... sont dorés pour l'empereur et les

prophètes (also für Menschen) et _bleu_ de ciel pour les personnages

symboliques (also für nur geistig existierende Wesen). (Kondakoff, N.

Histoire de l'art bysantin consid. princip. dans les miniatures. Paris

1886--1891. Vol. II, p. 38, 2.)]

[Footnote 16: Nicht wie Grün--welches, wie wir später sehen werden,

irdische, selbstzufriedene Ruhe ist--sondern feierliche, überirdische

Vertiefung. Dies ist buchstäblich zu verstehen: auf dem Wege zu diesem

"über" liegt das "irdische", welches nicht zu vermeiden ist. Alle

Qualen, Fragen, Widersprüche des Irdischen müssen erlebt werden. Keiner

hat sich ihnen entzogen. Auch hier ist innere Notwendigkeit, die durch

das Äußere verdeckt wird. Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit ist die

Quelle der "Ruhe". Da uns aber _diese_ Ruhe am entferntesten liegt, so

können wir uns auch im Farbenreiche dem Überwiegen des Blau innerlich

schwer nähern.]

[Footnote 17: Auch anders als violett, wie dieses weiter unten

bezeichnet wird.]

[Footnote 18: So wirkt auch das ideale, viel gepriesene Gleichgewicht.

Wie gut Christus auch das gesagt hat: "Du bist weder kalt noch

warm...."]

[Footnote 19: Van Gogh stellt in seinen Briefen die Frage, ob er

nicht eine weiße Mauer direkt weiß malen könnte. Diese Frage,

die für einen Nichtnaturalisten keine Schwierigkeiten bieten

kann, da er Farbe als inneren Klang braucht, erscheint einem

impressionistisch-naturalistischen Maler als ein kühnes Attentat auf

die Natur. Diese Frage muß dem letzteren Maler ebenso revolutionär

vorkommen, wie seinerzeit revolutionär und verrückt die Änderung der

braunen Schatten in blaue schien (das beliebte Beispiel vom "grünen

Himmel und blauen Gras"). Wie im letzteren Falle der Übergang vom

Akademismus und Realismus zum Impressionismus und Naturalismus zu

erkennen ist, so ist in der Frage van Goghs der Kern der "Übersetzung

der Natur" zu bemerken, d. h. der Neigung, die Natur nicht als

äußerliche Erscheinung darzustellen, sondern überwiegend das Element

der _inneren Impression_, die kürzlich _Expression_ genannt wurde,

kundzugeben.]

[Footnote 20: Das Zinnoberrot z. B. klingt auf Weiß matt und schmutzig,

auf Schwarz bekommt es eine grelle, reine verblüffende Kraft. Hellgelb

wird schwach, zerfließend auf Weiß; auf Schwarz wirkt es so stark, daß

es sich direkt vom Hintergrunde befreit, in der Luft schwebt und ins

Auge springt.]

[Footnote 21: Grau--Unbeweglichkeit und _Ruhe_. Dieses ahnte schon

Delacroix, welcher Ruhe durch Mischung von Grün und Rot erzielen wollte

(Signac o. c).]

[Footnote 22: Warm und kalt kann freilich jede Farbe sein, aber nirgend

findet man diesen Oegensatz so groß wie beim Rot. Eine Fülle von

inneren Möglichkeiten!]

[Footnote 23: Reine, freudige, oft nacheinander folgende Töne kleiner

Glocken (auch Pferdeschellen) werden im Russischen als "himbeerfarbenes

Klingen" bezeichnet. Die Farbe des Himbeersaftes liegt nahe dem eben

beschriebenen hell und kalt Rot.]

[Footnote 24: Unter Künstlern antwortet man manchmal scherzweise auf

die Frage nach dem Befinden: "ganz Violett", was nichts Erfreuliches

bedeutet.]

[Footnote 25: Das Violett hat auch eine Neigung, zum Lila überzugehen.

Und wann endet dies und fängt das andere an?]

[Footnote 26: Äußerlich ist auf dieser Wiederholung die Wirkung der

Reklame basiert.]

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 5 / 7 段