Die Farbe nicht. Die Farbe läßt sich nicht grenzenlos ausdehnen.

Man kann sich das grenzenlose Rot nur denken oder geistig sehen.

Wenn man das Wort Rot hört, so hat dieses Rot in unserer Vorstellung

keine Grenze. Dieselbe muß mit Gewalt, wenn es nötig ist, dazu

gedacht werden. Das Rot, was man nicht materiell sieht, sondern sich

abstrakt vorstellt, erweckt andererseits eine gewisse präzise und

unpräzise innere Vorstellung, die einen rein inneren, physischen

Klang hat[2]. Dieses aus dem Wort klingende Rot hat auch selbständig

keinen speziell ausgesprochenen Übergang zu warm oder kalt. Dasselbe

muß noch dazu gedacht werden, wie feine Abstufungen des roten Tones.

Deswegen nenne ich dieses geistige Sehen unpräzis. Es ist aber

auch zur selben Zeit präzis, da der innere Klang bloß bleibt, ohne

zufällige, zu Einzelheiten führende Neigungen zu warm und kalt usw.

Dieser innere Klang ist ähnlich dem Klang einer Trompete oder eines

Instrumentes, welchen man sich vorstellt bei dem Wort "Trompete" usw.,

wobei die Einzelheiten ausbleiben. Man denkt sich eben den Klang ohne

die Unterschiede, welche er erleidet, durch Klingen im Freien, im

geschlossenen Raum, allein oder mit andern Instrumenten, wenn ihn ein

Postillion, ein Jäger, ein Soldat oder ein Virtuose hervorruft.

Wenn aber dieses Rot in materieller Form gegeben werden muß (wie in der

Malerei), so muß es 1. einen bestimmten Ton haben aus der unendlichen

Reihe der verschiedenen Rot gewählt, also sozusagen subjektiv

charakterisiert werden, und 2. muß es auf der Fläche abgegrenzt

werden, von anderen Farben abgegrenzt, die _unbedingt_ da sind, die

man in keinem Falle vermeiden kann und wodurch (durch Abgrenzung und

Nachbarschaft) die subjektive Charakteristik sich verändert (eine

objektive Hülse erhält): hier spricht der objektive Beiklang mit.

Dieses unvermeidliche Verhältnis zwischen Farbe und Form bringt

uns zu Beobachtungen der Wirkungen, welche die Form auf die Farbe

ausübt. Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer

geometrischen gleicht, hat ihren innern Klang, ist ein geistiges Wesen

mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind. Ein Dreieck

(ohne die nähere Bezeichnung, ob es spitz, flach, gleichseitig ist) ist

ein derartiges Wesen mit dem ihm allein eigenen geistigen Parfüm. In

Verbindung mit anderen Formen differenziert sich dieses Parfüm, bekommt

beiklingende Nuancen, bleibt aber im Grunde unveränderlich, wie der

Duft der Rose, der niemals mit dem des Veilchens verwechselt werden

kann. Ebenso Kreis, Quadrat und alle anderen möglichen Formen[3]. Also

derselbe Vorfall, wie oben mit Rot: subjektive Substanz in objektiver

Hülse.

Hier kommt die Gegenwirkung der Form und Farbe klar zutage. Ein Dreieck

mit Gelb ausgefüllt, ein Kreis mit Blau, ein Quadrat mit Grün, wieder

ein Dreieck mit Grün, ein Kreis mit Gelb, ein Quadrat mit Blau usw.

Dies sind alle ganz verschiedene und ganz verschieden wirkende Wesen.

Dabei läßt sich leicht bemerken, daß manche Farbe durch manche Form in

ihrem Wert unterstrichen wird und durch andere abgestumpft. Jedenfalls

spitze Farben klingen in ihrer Eigenschaft stärker in spitzer Form (z.

B. Gelb im Dreieck). Die zur Vertiefung geneigten werden in dieser

Wirkung durch runde Formen erhöht (z. B. Blau im Kreis). Natürlich ist

es andererseits klar, daß das Nichtpassen der Form zur Farbe nicht als

etwas "Unharmonisches" angesehen werden muß, sondern umgekehrt als eine

neue Möglichkeit und also auch Harmonie.

Da die Zahl der Farben und der Formen unendlich ist, so sind auch die

Kombinationen unendlich und zur selben Zeit die Wirkungen. Dieses

Material ist unerschöpflich.

* * * * *

Die Form im engeren Sinne ist jedenfalls nichts weiter, wie die

Abgrenzung einer Fläche von der anderen. Dies ist ihre Bezeichnung im

Äußeren. Da aber alles Äußere auch unbedingt Inneres in sich birgt

(stärker oder schwächer zum Vorschein kommend), so _hat auch jede

Form inneren Inhalt_[4]. $Die Form ist also die Äußerung des inneren

Inhaltes._ Dies ist ihre Bezeichnung im Inneren. Hier muß an das vor

kurzem gebrachte Beispiel mit dem Klavier gedacht werden, wobei man

statt "Farbe"--"Form" stellt: der Künstler ist die Hand, die durch

diese oder jene Taste (= Form) zweckmäßig die menschliche Seele in

Vibration bringt. _So ist es klar, daß die Formenharmonie nur auf dem

Prinzip der zweckmäßigen Berührung der menschlichen Seele ruhen muß._

Dieses Prinzip wurde hier als das _Prinzip der inneren Notwendigkeit_

bezeichnet.

Die erwähnten zwei Seiten der Form sind zur selben Zeit ihre zwei

Ziele. Und deshalb ist die äußere Abgrenzung dann erschöpfend

zweckmäßig, wenn sie den inneren Inhalt der Form am ausdrucksvollsten

zum Vorschein bringt[5]. Das Äußere der Form, d. h. die Abgrenzung,

welcher in diesem Falle die Form zum Mittel dient, kann sehr

verschieden sein.

Aber trotz aller Verschiedenheit, die die Form bieten kann, wird sie

doch nie über zwei äußere Grenzen hinausgehen, und zwar:

1. entweder dient die Form, als Abgrenzung, dem Ziele, durch

diese Abgrenzung einen materiellen Gegenstand aus der Fläche

herauszuschneiden, also diesen materiellen Gegenstand auf die Fläche zu

zeichnen, oder

2. bleibt die Form abstrakt, d. h. sie bezeichnet keinen realen

Gegenstand, sondern ist ein vollkommen abstraktes Wesen. Solche rein

abstrakte Wesen, die als solche ihr Leben haben, ihren Einfluß und

ihre Wirkung, sind ein Quadrat, ein Kreis, ein Dreieck, ein Rhombus,

ein Trapez und die unzähligen anderen Formen, die immer komplizierter

werden und keine mathematische Bezeichnung besitzen. Alle diese Formen

sind gleichberechtigte Bürger des abstrakten Reiches.

Zwischen diesen beiden Grenzen liegt die unendliche Zahl der Formen, in

welchen beide Elemente vorhanden sind und wo entweder das Materielle

überwiegt oder das Abstrakte.

Diese Formen sind momentan der Schatz, aus welchem der Künstler alle

einzelnen Elemente seiner Schöpfungen entleiht.

Mit ausschließlich rein abstrakten Formen kann der Künstler heute nicht

auskommen. Diese Formen sind ihm zu unpräzis. Sich auf ausschließlich

Unpräzises zu beschränken, heißt sich der Möglichkeiten berauben, das

rein Menschliche ausschließen und dadurch seine Ausdrucksmittel arm

machen.

Andererseits gibt es in der Kunst keine vollkommen materielle Form.

Es ist nicht möglich, eine materielle Form genau wiederzugeben: Wohl

'oder übel unterliegt der Künstler _seinem_ Auge, _seiner_ Hand, die

in diesem Falle künstlerischer sind als seine Seele, die nicht über

photographische Ziele hinausgehen will. Der bewußte Künstler aber,

welcher mit dem Protokollieren des materiellen Gegenstandes sich nicht

begnügen kann, sucht unbedingt dem darzustellenden Gegenstande einen

Ausdruck zu geben, was man früher idealisieren hieß, später stilisieren

und morgen noch irgendwie anders nennen wird[6].

Diese Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit (in der Kunst), den Gegenstand

ohne Ziel zu kopieren, dieses Streben, dem Gegenstande das

Ausdrucksvolle zu entleihen, sind die Ausgangspunkte, von welchen

auf weiterem Wege der Künstler von der "literarischen" Färbung des

Gegenstandes zu rein künstlerischen (bzw. malerischen) Zielen zu

streben anfängt. Dieser Weg führt zum Kompositionellen.

[Illustration: Raffael. Die hl. Familie]

Die rein malerische Komposition hat in bezug auf die Form zwei Aufgaben

vor sich:

1. Die Komposition des ganzen Bildes.

2. Die Schaffung der einzelnen Formen, die in verschiedenen

Kombinationen zueinander stehen, sich der Komposition des Ganzen

unterordnen[7]. So werden mehrere Gegenstände (reale und eventuell

abstrakte) im Bild _einer_ großen Form untergeordnet und so verändert,

daß sie in diese Form passen, diese Form bilden. Hier kann die einzelne

Form persönlich wenig klingend bleiben, sie dient in erster Linie

der Bildung der großen kompositionellen Form und ist hauptsächlich

als Element dieser Form zu betrachten. Diese einzelne Form ist so

und nicht anders gestaltet; nicht, weil _ihr_ eigener innerer Klang,

abgesehen von der großen Komposition, es unbedingt verlangt, sondern

größtenteils, weil sie als Baumaterial dieser Komposition zu dienen

berufen ist. Hier wird die erste Aufgabe--die Komposition des ganzen

Bildes--als definitives Ziel verfolgt[8].

So tritt in der Kunst allmählich immer näher in den Vordergrund das

Element des Abstrakten, welches noch gestern schüchtern und kaum

sichtbar sich hinter die rein materialistischen Bestrebungen versteckte.

Und dieses Wachsen und schließlich Überwiegen des Abstrakten ist

natürlich.

Es ist natürlich, da, je mehr die organische Form zurückgetrieben wird,

desto mehr dieses Abstrakte von selbst in den Vordergrund tritt und an

Klang gewinnt.

Das bleibende Organische hat aber, wie gesagt, eigenen inneren Klang,

welcher entweder mit dem inneren Klang des zweiten Bestandteiles

derselben Form (des Abstrakten darin) identisch ist (einfache

Kombinierung der beiden Elemente), oder auch verschiedener Natur

sein kann (komplizierte und möglicherweise notwendig disharmonische

Kombinierung). Jedenfalls aber läßt das Organische in der gewählten

Form seinen Klang hören, wenn auch dieses Organische ganz in

den Hintergrund gedrängt wird. Deswegen ist die Wahl des realen

Gegenstandes von Wichtigkeit. In dem Doppelklange (geistiger Akkord)

der beiden Bestandteile der Form kann der organische den abstrakten

unterstützen (durch Mit- oder Widerklang) oder für denselben störend

sein. Der Gegenstand kann einen nur zufälligen Klang bilden, welcher,

durch einen anderen ersetzt, keine _wesentliche_ Änderung des

Grundklanges hervorruft.

Eine romboidale Komposition wird z. B. durch eine Anzahl menschlicher

Figuren konstruiert. Man prüft sie mit dem Gefühl und stellt sich die

Frage: sind die menschlichen Figuren für die Komposition unbedingt

notwendig oder dürfte man sie durch andere organische Formen ersetzen,

und zwar so, daß der _innere_ Grundklang der Komposition dadurch nicht

leidet? Und wenn ja, so ist hier der Fall vorhanden, wo der Klang des

Gegenstandes nicht nur dem Klang des Abstrakten nicht hilft, sondern

ihm direkt schadet: gleichgültiger Klang des Gegenstandes schwächt den

Klang des Abstrakten ab. Und dieses ist nicht nur logisch, sondern

auch künstlerisch tatsächlich der Fall. Es sollte also in diesem Fall

entweder ein anderer, mehr zum inneren Klang des Abstrakten passender

Gegenstand gefunden werden (passend als Mit- oder Widerklang) oder

überhaupt sollte diese ganze Form eine rein abstrakte bleiben. Hier

wird wieder an das Beispiel mit dem Klavier erinnert. Statt "Farbe"

und "Form" soll der "Gegenstand" gestellt werden. Jeder Gegenstand

(ohne Unterschied, ob er direkt von der "Natur" geschaffen wurde oder

durch menschliche Hand entstanden ist) ist ein Wesen mit eigenem Leben

und daraus unvermeidlich fließender Wirkung. Der Mensch unterliegt

fortwährend dieser psychischen Wirkung. Viele Resultate derselben

werden im "Unterbewußtsein" bleiben (wo sie ebenso lebendig und

schöpferisch wirken). Viele steigen zum "Oberbewußtsein". Von vielen

kann sich der Mensch befreien, indem er seine Seele dagegen abschließt.

Die "Natur", d. h. die stets wechselnde äußere Umgebung des Menschen,

versetzt durch die Tasten (Gegenstände) fortwährend die Saiten des

Klaviers (Seele) in Vibrationen. Diese Wirkungen, welche uns oft

chaotisch zu sein scheinen, bestehen aus drei Elementen: das Wirken

der Farbe des Gegenstandes, seiner Form und das von Farbe und Form

unabhängige Wirken des Gegenstandes selbst.

Nun tritt aber an die Stelle der Natur der Künstler, welcher über

dieselben drei Elemente verfügt. Und wir kommen ohne weiteres zum

Schluß: auch hier ist das _Zweckmäßige_ maßgebend. _So ist es klar, daß

die Wahl des Gegenstandes (= Beiklingendes Element in der Formharmonie)

nur auf dem Prinzip der zweckmäßigen Berührung der menschlichen Seele

ruhen muß._

Also entspringt auch die Wahl des Gegenstandes dem _Prinzip der inneren

Notwendigkeit_.

Je freier das Abstrakte der Form liegt, desto reiner und dabei

primitiver klingt es. In einer Komposition also, wo das Körperliche

mehr oder weniger überflüssig ist, kann man auch dieses Körperliche

mehr oder weniger auslassen und durch rein abstrakte oder durch ganz

ins Abstrakte übersetzte körperliche Formen ersetzen. In jedem Falle

dieser Übersetzung oder dieses Hineinkomponierens der rein abstrakten

Form Soll der einzige Richter, Lenker und Abwäger das Gefühl sein. Und

freilich, je mehr der Künstler diese abstrahierten oder abstrakten

Formen braucht, desto heimischer wird er im Reiche derselben und tritt

immer tiefer in dieses Gebiet ein. Und ebenso durch den Künstler

geführt auch der Zuschauer, welcher immer mehr Kenntnisse in der

abstrakten Sprache sammelt und sie schließlich beherrscht.

Da stehen wir vor der Frage: müssen wir denn nicht auf das

Gegenständliche überhaupt verzichten, es aus unserer Vorratskammer

in alle Winde zerstreuen und das rein Abstrakte ganz bloßlegen?

Dies ist die natürlich sich aufdrängende Frage, welche durch das

Auseinander-setzen des Mitklingens der beiden Formelemente (des

gegenständlichen und abstrakten) uns auch gleich auf die Antwort

stößt. Wie jedes gesagte Wort (Baum, Himmel, Mensch) eine innere

Vibration erweckt, so auch jeder bildlich dargestellte Gegenstand.

Sich dieser Möglichkeit, eine Vibration zu verursachen, zu berauben,

wäre: das Arsenal seiner Mittel zum Ausdruck zu vermindern. So steht

es jedenfalls heute. Aber außer dieser heutigen Antwort bekommt die

oben gestellte Frage die Antwort, die in der Kunst die ewige bleibt auf

alle Fragen, die mit "muß" anfangen: Es gibt kein "muß" in der Kunst,

die ewig frei ist. Vor dem "muß" flieht die Kunst, wie der Tag vor der

Nacht.

Bei der Betrachtung der zweiten kompositionellen Aufgabe, der Schaffung

der _einzelnen_ zum Aufbau der ganzen Komposition bestimmten Formen muß

noch bemerkt werden, daß dieselbe Form bei gleichen Bedingungen immer

gleich klingt. Nur sind die Bedingungen immer verschieden, woraus zwei

Folgen fließen:

1. ändert sich der ideale Klang durch Zusammenstellung mit anderen

Formen,

2. ändert er sich auch in derselben Umgebung (soweit das Festhalten

derselben möglich ist), wenn diese Form in ihrer Richtung verschoben

wird[9]. Aus diesen Folgen fließt weiter eine andere von selbst heraus.

Es gibt nichts Absolutes. Und zwar ist die Formenkomposition, auf

dieser Relativität ruhend, abhängig 1. von der Veränderlichkeit der

Zusammenstellung der Formen und 2. von der Veränderlichkeit jeder

einzelnen Form bis ins kleinste. Jede Form ist so empfindlich wie

ein Rauchwölkchen: das unmerklichste geringste Verrücken jeder ihrer

Teile verändert sie _wesentlich_. Und dies geht so weit, daß es

vielleicht leichter ist, denselben Klang durch verschiedene Formen zu

erzielen, als ihn durch die Wiederholung derselben Form wieder zum

Ausdruck zu bringen: eine wirkliche genaue Wiederholung liegt außer der

Möglichkeit. Solange wir nur für das Ganze der Komposition besonders

empfänglich sind, ist diese Tatsache mehr theoretisch wichtig. Wenn

aber die Menschen durch das Gebrauchen der abstrakteren und abstrakten

Formen (die keine Interpretation von Körperlichem erhalten werden)

ein feineres und stärkeres Empfinden bekommen werden, so wird diese

Tatsache immer mehr an praktischer Bedeutung gewinnen.

Und so werden einerseits die Schwierigkeiten der Kunst wachsen, aber

gleichzeitig wird auch der Reichtum an Formen in den Ausdrucksmitteln

quantitativ und qualitativ mitwachsen. Dabei wird auch die Frage des

"Verzeichnens" von selbst fallen und wird durch eine andere viel

künstlerischere ersetzt: wie weit ist der innere Klang der gegebenen

Form verschleiert oder entblößt? Diese Änderung in den Ansichten

wird wieder noch weiter und zu noch größerer Bereicherung der

Ausdrucksmittel führen, da die Verschleierung eine enorme Macht in der

Kunst ist. Das Kombinieren des Verschleierten und des Bloßgelegten wird

eine neue Möglichkeit der Leitmotive einer Formenkomposition bilden.

Ohne solche Entwicklung auf diesem Gebiete würde die Formenkomposition

unmöglich bleiben. Jedem, den der innere Klang der Form (der

körperlichen und besonders der abstrakten) nicht erreicht, wird

ein derartiges Komponieren stets als bodenlose Willkür erscheinen.

Gerade das scheinbar folgenlose Verschieben der einzelnen Formen auf

der Bildfläche erscheint in diesem Fall als inhaltloses Spiel mit

den Formen. Hier finden wir denselben Maßstab und dasselbe Prinzip,

welches wir bis jetzt überall als das einzige rein künstlerische, vom

Nebensächlichen freie fanden: Das _Prinzip der inneren Notwendigkeit._

Wenn z. B. Gesichtszüge oder verschiedene Körperteile aus

künstlerischem Grunde verschoben und "verzeichnet" werden, so stößt

man doch außer auf die rein malerische Frage auch auf die anatomische,

die die malerische Absicht hemmt und ihr nebensächliches Berechnen

aufzwingt. In unserem Falle fällt aber alles Nebensächliche von selbst

ab und es bleibt nur das Wesentliche--das künstlerische Ziel. Gerade

diese scheinbar willkürliche, aber in Wirklichkeit streng bestimmbare

Möglichkeit, die Formen zu verschieben, ist eine der Quellen einer

unendlichen Reihe rein künstlerischer Schöpfungen.

Also die Biegsamkeit der einzelnen Form, ihre sozusagen

innerlich-organische Veränderung, ihre Richtung im Bilde (Bewegung),

das Überwiegen des Körperlichen oder des Abstrakten in dieser einzelnen

Form einerseits und andererseits die Zusammenstellung der Formen,

die die großen Formen der Formengruppen bilden, die Zusammenstellung

der einzelnen Formen mit den Formengruppen, welche die große Form

des ganzen Bildes schaffen, weiter die Prinzipien des Mit- oder

Widerklangs aller erwähnten Teile, d. h. das Zusammentreffen einzelner

Formen, das Hemmen einer Form durch die andere, ebenso das Schieben,

das Mit- und Zerreissen der einzelnen Formen, die gleiche Behandlung

der Formengruppen, des Kombinierens des Verschleierten mit dem

Bloßgelegten, des Kombinierens des Rhythmischen und Arhythmischen

auf derselben Fläche, des Kombinierens der abstrakten Formen als

rein geometrischer (einfacher, komplizierter) und geometrisch

unbezeichenbarer, des Kombinierens der Abgrenzungen der Formen

voneinander (stärkerer, schwächerer) usw. usw.--dies alles sind die

Elemente, die die Möglichkeit eines rein zeichnerischen "Kontrapunktes"

bilden und die zu diesem Kontrapunkt führen werden. Und dies wird

der Kontrapunkt der Kunst des Schwarz-Weißen, solange die Farbe

ausgeschaltet ist.

Und die Farbe, die selbst ein Material zu einem Kontrapunkt bietet, die

selbst unendliche Möglichkeiten in sich birgt, wird in Vereinigung mit

der Zeichnung zum großen malerischen Kontrapunkt führen, auf welchem

auch die Malerei zur Komposition gelangen wird und sich als wirklich

reine Kunst in den Dienst des Göttlichen stellt. Und immer derselbe

unfehlbare Führer bringt sie auf diese schwindelnde Höhe: _das Prinzip

der inneren Notwendigkeit!_

[Illustration: Cézanne. Die Badenden]

* * * * *

Die innere Notwendigkeit entsteht aus drei mystischen Gründen. Sie wird

von drei mystischen Notwendigkeiten gebildet:

1. hat jeder Künstler, als Schöpfer, das ihm Eigene zum Ausdruck zu

bringen (Element der Persönlichkeit),

2. hat jeder Künstler, als Kind seiner Epoche, das dieser Epoche

Eigene zum Ausdruck zu bringen (Element des Stiles im inneren Werte,

zusammengesetzt aus der Sprache der Epoche und der Sprache der Nation,

solange die Nation als solche existieren wird),

3. hat jeder Künstler, als Diener der Kunst, das der Kunst

im allgemeinen Eigene zu bringen (Element des Rein- und

Ewig-Künstlerischen, welches durch alle Menschen, Völker und Zeiten

geht, im Kunstwerke jedes Künstlers, jeder Nation und jeder Epoche zu

sehen ist und als Hauptelement der Kunst keinen Raum und keine Zeit

kennt).

Man muß nur diese zwei ersten Elemente mit dem geistigen Auge

durchdringen, um dieses dritte Element bloßgelegt zu sehen. Dann sieht

man, daß eine "grob" geschnitzte Indianertempel-Säule vollkommen durch

dieselbe Seele belebt ist, wie ein noch so "modernes" lebendiges Werk.

Es wurde und wird noch heute viel vom Persönlichen in der Kunst

gesprochen, hier und da fällt ein Wort und wird jetzt immer öfter

fallen über den kommenden Stil. Wenn diese Fragen auch von großer

Wichtigkeit sind, so verlieren sie durch Jahrhunderte und später

Jahrtausende gesehen allmählich an Schärfe und Wichtigkeit, werden

schließlich gleichgültig und tot.

Nur das dritte Element des Rein-und Ewig-Künstlerischen bleibt

ewig lebendig. Es verliert mit der Zeit seine Kraft nicht, sondern

gewinnt an ihr ständig. Eine ägyptische Plastik erschüttert uns heute

sicherlich mehr, als sie ihren Zeitgenossen zu erschüttern vermochte:

sie war an ihre Zeitgenossen noch viel zu stark durch damals noch

lebendig gewesene Merkmale der Zeit und der Persönlichkeit gebunden

und durch sie gedämpft. Heute hören wir in ihr den entblößten Klang

der Ewigkeit-Kunst. Und andererseits: je mehr ein "heutiges" Werk von

den ersten zwei Elementen hat, desto leichter wird es natürlicherweise

den Zugang zur Seele des Zeitgenossen finden. Und weiter: je mehr das

dritte Element im heutigen Werk vorhanden ist, desto mehr werden die

ersten zwei übertönt und dadurch der Zugang zur Seele des Zeitgenossen

erschwert. Deswegen müssen manchmal Jahrhunderte vergehen, bis der

Klang des dritten Elementes zur Seele der Menschen gelangen kann.

So ist das Überwiegen dieses dritten Elementes im Werk das Zeichen

Seiner Größe und der Größe des Künstlers.

Diese drei mystischen Notwendigkeiten sind die drei notwendigen

Elemente des Kunstwerkes, die fest miteinander verbunden sind, d. h.

sie durchdringen sich gegenseitig, was in jeder Zeit das Einheitliche

des Werkes ausdrückt. Trotzdem haben die zwei ersten Elemente das

Zeitliche und Räumliche in sich, was im Rein- und Ewig-Künstlerischen,

welches außer Zeit und Raum steht, eine gewisse verhältnismäßig

undurchsichtige Hülse bildet. Der Vorgang der Kunstentwicklung besteht

gewissermaßen aus dem Sichabheben des Rein- und Ewig-Künstlerischen

von dem Element der Persönlichkeit, dem Element des Zeitstiles. So

sind diese zwei Elemente nicht nur mitspielende Kräfte, sondern auch

bremsende.

Der persönliche und zeitliche Stil bildet in jeder Epoche viele präzise

Formen, die trotz den scheinbar großen Verschiedenheiten so organisch

verwandt sind, daß sie als _eine Form_ bezeichnet werden können: ihr

innerer Klang ist schließlich nur _ein Hauptklang_.

Diese beiden Elemente sind subjektiver Natur. Die ganze Epoche will

_sich_ abspiegeln, _ihr_ Leben künstlerisch äußern. Ebenso will der

Künstler _sich_ äußern und wählt nur die ihm seelisch verwandten Formen.

Allmählich und schließlich bildet sich der Stil der Epoche, d. h. eine

gewisse äußere und subjektive Form. Das Rein- und Ewig-Künstlerische

ist dagegen das objektive Element, welches mit Hilfe des subjektiven

verständlich wird.

Das unvermeidliche Sichausdrückenwollen des Objektiven ist die Kraft,

die hier als innere Notwendigkeit bezeichnet wird und die aus dem

Subjektiven heute _eine_ allgemeine Form braucht und morgen eine

_andere_. Sie ist der ständige unermüdliche Hebel, die Feder, die

ununterbrochen "vorwärts" treibt. Der Geist schreitet weiter und

deshalb sind die heutigen inneren Gesetze der Harmonie morgen äußere

Gesetze, die in weiterer Anwendung nur durch diese äußerlich gewordene

Notwendigkeit leben. Es ist klar, daß die innere geistige Kraft der

Kunst sich aus der heutigen Form nur eine Stufe macht, um zu weiteren

zu gelangen.

Kurz gesagt, ist die Wirkung der inneren Notwendigkeit und also die

Entwicklung der Kunst eine fortschreitende Äußerung des Ewig-Objektiven

im Zeitlich-Subjektiven. Und also andererseits das Bekämpfen des

Subjektiven durch das Objektive.

Z. B. ist die heutige anerkannte Form eine Eroberung der gestrigen

inneren Notwendigkeit, die auf einer gewissen äußeren Stufe der

Befreiung, der Freiheit geblieben ist. Diese heutige Freiheit wurde

durch Kampf gesichert und scheint, wie immer, vielen "das letzte Wort"

zu sein. Ein Kanon dieser beschränkten Freiheit ist: der Künstler darf

jede Form zum Ausdruck brauchen, solange er auf dem Boden der aus der

Natur entliehenen Formen bleibt. Diese Forderung ist aber, wie alle

früheren, nur zeitlich. Sie ist der heutige äußere Ausdruck, d. h. die

heutige äußere Notwendigkeit. Vom Standpunkt der inneren Notwendigkeit

gesehen, darf eine derartige Beschränkung nicht gemacht werden, und der

Künstler darf sich vollkommen auf die heutige innere Basis stellen,

welcher die heutige äußere Beschränkung genommen wird, und die dadurch

folgendermaßen zu definieren ist: _der Künstler darf jede Form zum

Ausdruck brauchen._

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 3 / 7 段