Auf eine andere Art, die den _reinen_ malerischen Mitteln näher

steht, ging zu ähnlicher Aufgabe der Sucher des neuen Gesetzes der

Form--_Cézanne_. Er verstand aus einer Teetasse ein beseeltes Wesen

zu schaffen oder richtiger gesagt, in dieser Tasse ein Wesen zu

erkennen. Er hebt die "nature morte" zu einer Höhe, wo die äußerlich

"toten" Sachen innerlich lebendig werden. Er behandelt diese Sachen

ebenso wie den Menschen, da er das innere Leben überall zu sehen

begabt war. Er bringt sie zu farbigem Ausdruck, welcher eine _innere

malerische Note_ bildet und preßt sie in die Form, welche zu abstrakt

klingenden, Harmonie ausstrahlenden, oft mathematischen Formeln

heraufgezogen werden. Nicht ein Mensch, nicht ein Apfel, nicht ein Baum

werden dargestellt, sondern das alles wird von Cézanne gebraucht zur

Bildung einer innerlich malerisch klingenden Sache, die Bild heißt.

So nennt auch schließlich seine Werke einer der größten neuesten

Franzosen--Henri _Matisse_. Er malt "Bilder" und in diesen "Bildern"

sucht er das "Göttliche" wiederzugeben[11]. Um dieses zu erreichen,

braucht er keine anderen Mittel, als den Gegenstand (Mensch oder sonst

etwas) als _Ausgangspunkt_ und die der Malerei und nur ihr eigenen

Mittel--_Farbe und Form_.

Durch rein persönliche Eigenschaften geleitet, als Franzose speziell

und vorzüglich koloristisch begabt, legt Matisse Schwerpunkt und

Übergewicht auf die Farbe. Ebenso wie Debussy kann er sich lange nicht

immer von der gewohnten Schönheit befreien: der Impressionismus rollt

ihm im Blut. So trifft man bei Matisse unter Bildern, die von großer

innerer Lebendigkeit sind, von dem Zwange der inneren Notwendigkeit

hervorgerufen, auch andere Bilder, die, hauptsächlich durch äußere

Anregung, äußere Reize entstanden (wie oft denkt man da an Manet!),

hauptsächlich oder ausschließlich nur das äußere Leben besitzen. Hier

wird die spezifisch französische verfeinerte, gourmante, rein melodisch

klingende Schönheit der Malerei auf eine über Wolken stehende kühle

_Höhe_ gezogen.

Nie unterliegt _diesem_ Schönen der andere große Pariser, der Spanier

Pablo _Picasso_. Immer durch Selbstäußerungszwang geführt, oft

stürmisch hingerissen, wirft sich Picasso von einem äußeren Mittel

zum anderen. Wenn eine Kluft zwischen diesen Mitteln liegt, so macht

Picasso einen tollen Sprung, und da steht er auf der anderen Seite zum

Entsetzen seiner unmenschlich dichten Schar der Nachfolger. Gerade

wähnten sie ihn erreicht zu haben. Nun muß wieder das mühsame Hinab und

Hinauf beginnen. So entstand die letzte "französische" Bewegung des

Cubismus, über welche im Teil II ausführlich gesprochen wird. Picasso

sucht durch Zahlenverhältnisse das Konstruktive zu erreichen. In seinen

letzten Werken (1911) kommt er auf logischem Wege zur Vernichtung des

Materiellen, nicht aber durch Auflösung desselben, sondern durch eine

Art Zerstückelung der einzelnen Teile und konstruktive Zerstreuung

dieser Teile auf dem Bild. Dabei scheint er aber merkwürdigerweise

den Schein des Materiellen beibehalten zu wollen. Picasso scheut vor

keinem Mittel zurück, und wenn ihn die Farbe im Problem der rein

zeichnerischen Form stört, so wirft er sie über Bord und malt ein

Bild mit Braun und Weiß. Diese Probleme sind auch seine Hauptkraft.

Matisse--Farbe. Picasso--Form. Zwei große Weisungen auf ein großes Ziel.

[Footnote 1: Zöllner, Wagner, Butleroff-Petersburg, Crookes-London

usw. Später Ch. Richet. C. Flammarion (sogar der Pariser "Matin" hat

die Äußerungen des letzteren unter dem Titel "Je le constate, mais

je ne l'explique pas" vor etwa zwei Jahren gebracht). Endlich C.

Lombroso, der Schöpfer der anthropologischen Methode in der Frage des

Verbrechens, geht mit Eusapia Palladino zu gründlichen spiritistischen

Sitzungen über und anerkennt die Phänomene. Außer noch anderen

Gelehrten, die auf eigene Faust sich solchen Studien widmen, bilden

sich allmählich ganze wissenschaftliche Vereine und Gesellschaften,

die dieselben Zwecke verfolgen (z. B. Société des Etudes psychiques

in Paris, die sogar Berichtreisen in Frankreich veranstaltet, um

das Publikum mit den von ihr erzielten Resultaten in einer durchaus

objektiven Form bekannt zu machen).]

[Footnote 2: Sehr häufig wird in solchen Fällen das Wort Hypnose

gebraucht, dieselbe Hypnose, welcher in ihrer ersten Form des

Mesmerismus verschiedene Akademien verächtlich den Rücken kehrten.]

[Footnote 3: Siehe z. B. Dr. Steiners "Theosophie" und seine Artikel in

"Lucifer-Gnosis" über Erkenntnispfade.]

[Footnote 4: H. P. Blawatzky: Der Schlüssel zur Theosophie. Leipzig,

Max Altmann 1907. Das Buch erschien in englischer Sprache in London

1889.]

[Footnote 5: Zu solchen Hellsehern des Niederganges gehört in der

ersten Linie auch Alfred Kubin. Mit unüberwindlicher Gewalt wird man

in die schauerliche Atmosphäre der harten Leere hineingezogen. Diese

Gewalt entströmt den Zeichnungen Kubins ebenso wie seinem Roman "Die

andere Seite".]

[Footnote 6: Als in Petersburg unter Maeterlinks eigener Leitung einige

von seinen Dramen aufgeführt wurden, ließ er selbst bei einer Probe, um

einen fehlenden Turm zu ersetzen, einfach ein Stück Leinwand hängen.

Es war ihm nicht wichtig, eine fein nachgeahmte Kulisse verfertigen zu

lassen. Er tat so wie die Kinder, die größten Phantasten aller Zeiten,

immer in ihren Spielen tun, wenn sie einen Stock für ein Pferd ansehen

oder aus bekannten Papierkrähen ganze Regimenter Kavallerie in ihrer

Phantasie machen, wobei ein Kniff in der Krähe plötzlich aus einem

Kavalleristen ein Roß bildet (Kügelgen: "Erinnerungen eines alten

Mannes"). Dieser Zug zur Anregung der Phantasie des Zuschauers spielt

im jetzigen Theater eine große Rolle. In dieser Beziehung hat besonders

viel gearbeitet und erreicht die russische Bühne. Dies ist ein nötiger

Übergang vom Materiellen zum Geistigen des Theaters der Zukunft.]

[Footnote 7: Dieses tritt klar zutage bei Vergleich der Werke

Maeterlinks und Poes. Und dies ist wieder ein Beispiel für das

Fortschreiten auch der künstlerischen Mittel vom Materiellen zum

Abstrakten.]

[Footnote 8: Viele Versuche haben gezeigt, daß eine derartige geistige

Atmosphäre nicht nur Helden, sondern jedem Menschen zugute kommt.

Die Sensitiven können z. B. nicht im Zimmer bleiben, wo vorher ein

Mensch war, welcher ihnen geistig widerwärtig ist, wenn sie von dessen

Anwesenheit auch nichts wußten.]

[Footnote 9: "Die Musik", X, 2, S. 104. Auszug aus der "Harmonielehre"

(Verlag der "Universal Edition").]

[Footnote 10: Siehe z. B. Signac: "De Delacroix au Neo-impressionisme".

(Deutsch erschienen im Verlag Axel Juncker, Charlottenburg 1910).]

[Footnote 11: Siehe seinen Artikel in "Kunst und Künstler" 1909, Heft

VIII.]

[Illustration.]

IV.

DIE PYRAMIDE

So stellen sich allmählich verschiedene Künste auf den Weg, das zu

sagen, was sie am besten sagen können, und durch die Mittel, die jede

von ihnen ausschließlich besitzt.

Und trotz oder dank dieser Absonderung, nie standen in den letzten

Zeiten die Künste, als solche, einander näher als in dieser letzten

Stunde der geistigen Wendung.

In allem Erwähnten sind die Keime des Strebens zum Nicht-naturellen,

Abstrakten und _zu innerer Natur_. Bewußt oder unbewußt gehorchen sie

dem Worte Sokrates: "Erkenne dich selbst!" Bewußt oder unbewußt wenden

sich allmählich die Künstler hauptsächlich zu ihrem Material, prüfen

dasselbe, legen auf die geistige Wage den inneren Wert der Elemente,

aus welchen zu schaffen ihre Kunst geeignet ist.

Und aus diesem Streben kommt von selbst die natürliche Folge--das

_Vergleichen_ der eigenen Elemente mit denen einer anderen Kunst. In

diesem Falle zieht man die reichste Lehre aus der Musik. Mit wenigen

Ausnahmen und Ablenkungen ist die Musik schon einige Jahrhunderte die

Kunst, die ihre Mittel nicht zum Darstellen der Erscheinungen der

Natur brauchte, sondern als Ausdrucksmittel des seelischen Lebens des

Künstlers und zum Schaffen eines eigenartigen Lebens der musikalischen

Töne.

Ein Künstler, welcher in der wenn auch künstlerischen Nachahmung der

Naturerscheinungen kein Ziel für sich sieht und ein Schöpfer ist,

welcher seine _innere Welt_ zum Ausdruck bringen will und muß, sieht

mit Neid, wie solche Ziele in der heute unmateriellsten Kunst--der

Musik--natürlich und leicht zu erreichen sind. Es ist verständlich, daß

er sich ihr zuwendet und versucht, dieselben Mittel in seiner Kunst zu

finden. Daher kommt das heutige Suchen in der Malerei nach Rhythmus,

nach mathematischer, abstrakter Konstruktion, das heutige Schätzen

der Wiederholung des farbigen Tones, der Art, in welcher die Farbe in

Bewegung gebracht wird usw.

Dieses Vergleichen der Mittel verschiedenster Künste und dieses

Ablernen einer Kunst von der anderen kann nur dann erfolg- und

siegreich werden, wenn das Ablernen nicht äußerlich, sondern

prinzipiell ist. D. h. eine Kunst muß bei der anderen lernen, wie sie

mit _ihren_ Mitteln umgeht, sie muß es lernen, um dann _ihre eigenen_

Mittel _prinzipiell_ gleich zu behandeln, d. h. in dem Prinzip, welches

_ihr allein_ eigen ist. Bei diesem Ablernen muß der Künstler nicht

vergessen, daß jedes Mittel eine ihm geeignete Anwendung in sich birgt

und daß _diese_ Anwendung herauszufinden ist.

In Anwendung der Form kann die Musik Resultate erzielen, die die

Malerei nicht erreichen kann. Andererseits bleibt hinter manchen

Eigenschaften der Malerei die Musik zurück. Z. B. hat die Musik die

Zeit, die Ausdehnung der Zeit zur Verfügung. Die Malerei aber kann

dagegen, indem sie den erwähnten Vorzug nicht besitzt, in einem

Augenblick den ganzen Inhalt des Werkes dem Zuschauer bringen, wozu

wieder die Musik nicht fähig ist[1]. Die Musik, die von der Natur

äußerlich ganz emanzipiert ist, braucht nicht irgendwo äußere Formen

für ihre Sprache zu leihen[2]. Die Malerei ist heute noch beinahe

vollständig an die naturellen Formen, aus der Natur geliehene Formen

angewiesen. Und ihre Aufgabe ist heute, ihre Kräfte und Mittel zu

prüfen, sie kennen zu lernen, wie es die Musik schon lange tut, und zu

versuchen, diese Mittel und Kräfte in rein malerischer Weise zum Zweck

des Schaffens anzuwenden.

So grenzt die Vertiefung in sich eine Kunst von der anderen ab, so

bringt sie die Vergleichung wieder zueinander im _inneren_ Streben. So

merkt man, daß jede Kunst ihre Kräfte hat, die durch die einer anderen

nicht ersetzt werden können. So kommt man schließlich zur Vereinigung

der eigenen Kräfte verschiedener Künste. Aus dieser Vereinigung wird

mit der Zeit die Kunst entstehen, die wir schon heute vorahnen können,

die wirkliche _monumentale Kunst_.

Und jeder, wer sich vertieft in die verborgenen _inneren_ Schätze

seiner Kunst, ist ein beneidenswerter Mitarbeiter an der geistigen

Pyramide, die bis zum Himmel reichen wird.

[Footnote 1: Diese Unterschiede sind, wie alles in der Welt, relativ zu

verstehen. Im gewissen Sinne kann die Musik die Ausdehnung in der Zeit

vermeiden und die Malerei--diese Ausdehnung anwenden. Wie gesagt, haben

alle Behauptungen einen nur relativen Wert.]

[Footnote 2: Wie kläglich Versuche ausfallen, die musikalischen Mittel

zur Wiedergabe der äußeren Formen zu brauchen, zeigt eng verstandene

Programmusik. Es wurden noch letzthin solche Experimente gemacht.

Froschgesänge, Hühnerhöfe, Messerschleifen nachzuahmen, ist wohl einer

Varietébühne ganz würdig und kann als unterhaltender Spaß ganz lustig

wirken. In der ernsten Musik aber bleiben solche Ausschweifungen nur

lehrreiche Beispiele, für Mißerfolge "Natur zu geben". Die Natur hat

ihre eigene Sprache, die auf uns mit einer unüberwindlichen Macht

wirkt. Diese Sprache ist nicht nachzuahmen. Wenn man einen Hühnerhof

musikalisch darstellt, um die Stimmung der Natur dadurch zu schaffen,

den Zuhörer in diese Stimmung zu versetzen, so kommt klar zutage,

daß es eine unmögliche und nicht nötige Aufgabe ist. Eine derartige

Stimmung kann von jeder Kunst geschaffen werden, aber nicht durch

äußerliche Nachahmung der Natur, sondern durch künstlerische Wiedergabe

dieser Stimmung in ihrem _inneren_ Wert.]

B.

MALEREI

[ILLUSTRATION]

V.

WIRKUNG DER FARBE

Wenn man die Augen über eine mit Farben besetzte Palette gleiten läßt,

so entstehen zwei Hauptresultate:

1. es kommt eine rein _physische Wirkung_ zustande, d. h. das Auge

selbst wird durch Schönheit und andere Eigenschaften der Farbe

bezaubert. Der Schauende empfindet ein Gefühl von Befriedigung, Freude,

wie ein Gastronom, wenn er einen Leckerbissen im Munde hat. Oder es

wird das Auge gereizt, wie der Gaumen von einer pikanten Speise. Es

wird auch wieder beruhigt oder abgekühlt, wie der Finger, wenn er Eis

berührt. Dies alles sind jedenfalls physische Gefühle, welche als

solche nur von kurzer Dauer sein können. Sie sind auch oberflächlich

und hinterlassen keinen dauernden Eindruck, wenn die Seele geschlossen

bleibt. Ebenso wie man bei Berührung von Eis nur das Gefühl einer

physischen Kälte erleben kann und dieses Gefühl nach dem Wiedererwärmen

des Fingers vergißt, so wird auch die physische Wirkung der Farbe

vergessen, wenn das Auge abgewendet wird. Und ebenso, wie das physische

Gefühl der Kälte des Eises, wenn es tiefer eindringt, andere tiefere

Gefühle erweckt und eine ganze Kette psychischer Erlebnisse bilden

kann, so kann auch der oberflächliche Eindruck der Farbe sich zu einem

Erlebnis entwickeln.

Nur die gewohnten Gegenstände wirken bei einem mittelmäßig

empfindlichen Menschen ganz oberflächlich. Die aber, die uns zum

erstenmal begegnen, üben sofort einen seelischen Eindruck auf uns aus.

So empfindet die Welt das Kind, welchem jeder Gegenstand neu ist. Es

sieht das Licht, wird dadurch angezogen, will es fassen, verbrennt sich

den Finger und bekommt Angst und Respekt vor der Flamme. Dann lernt es,

daß das Licht außer feindlichen Seiten auch freundliche hat, daß es die

Dunkelheit verscheucht, den Tag verlängert, daß es wärmen, kochen und

lustiges Schauspiel bieten kann. Nach der Sammlung dieser Erfahrungen

ist die Bekanntschaft mit dem Lichte gemacht und die Kenntnisse über

dasselbe werden im Gehirn aufgespeichert. Das _stark intensive_

Interesse verschwindet, und die Eigenschaft der Flamme, ein Schauspiel

zu bieten, kämpft mit voller Gleichgültigkeit gegen sie. Allmählich

wird auf diesem Wege die Welt entzaubert. Man weiß, daß Bäume Schatten

geben, daß Pferde schnell laufen können und Automobile noch schneller,

daß Hunde beißen, daß der Mond weit ist, daß der Mensch im Spiegel kein

echter ist.

Und nur bei einer höheren Entwicklung des Menschen erweitert sich immer

der Kreis derjenigen Eigenschaften, welche verschiedene Gegenstände

und Wesen in sich einschließen. Bei hoher Entwicklung bekommen diese

Gegenstände und Wesen inneren Wert und schließlich _inneren Klang_.

Ebenso ist es mit der Farbe, die bei niedrigem Stand der seelischen

Empfindsamkeit nur eine oberflächliche Wirkung verursachen kann, eine

Wirkung, die bald nach beendigtem Reiz verschwindet. Aber auch in

diesem Zustand ist diese einfachste Wirkung verschiedener Art. Das Auge

wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen und noch mehr

und noch stärker von den helleren, wärmeren: Zinnoberrot zieht an und

reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig angesehen

wird. Das grelle Zitronengelb tut dem Auge nach längerer Zeit weh, wie

dem Ohr eine hochklingende Trompete. Das Auge wird unruhig, hält den

Anblick nicht lange aus und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau oder Grün.

Bei höherer Entwicklung aber entspringt dieser elementaren Wirkung eine

tiefergehende, die eine Gemütserschütterung verursacht. In diesem Falle

ist

2. das zweite Hauptresultat des Beobachtens der Farbe vorhanden, d. h.

die _psychische_ Wirkung derselben. Hier kommt die psychische Kraft

der Farbe zutage, welche eine seelische Vibration hervorruft. Und die

erste, elementare physische Kraft wird nun zur Bahn, auf welcher die

Farbe die Seele erreicht.

Ob diese zweite Wirkung tatsächlich eine direkte ist, wie man aus den

letzten Zeilen annehmen kann, oder ob sie durch Assoziation erreicht

wird, bleibt vielleicht eine Frage. Da die Seele im allgemeinen fest

mit dem Körper verbunden ist, so ist es möglich, daß eine psychische

Erschütterung eine andere, ihr entsprechende durch _Assoziation_

hervorruft. Z. B. die rote Farbe kann eine der Flamme ähnliche

seelische Vibration verursachen, da das Rot die Farbe der Flamme

ist. Das warme Rot wirkt aufregend, dieses Rot kann bis zu einer

schmerzlichen Peinlichkeit steigen, vielleicht auch durch Ähnlichkeit

mit fließendem Blut. Hier erweckt also diese Farbe eine Erinnerung an

ein anderes physisches Agens, welches unbedingt eine peinliche Wirkung

auf die Seele ausübt.

Wenn dies der Fall wäre, so würden wir leicht durch die Assoziation

eine Erklärung auch der anderen physischen Wirkungen der Farbe finden,

d. h. zu den Wirkungen nicht nur auf das Sehorgan, sondern auch auf

die anderen Sinne. Man kann eben annehmen, daß z. B. helles Gelb einen

sauren Eindruck macht aus der Assoziation mit der Zitrone.

Es ist aber kaum möglich, derartige Erklärungen durchzuführen.

Was gerade den Geschmack der Farbe betrifft, so sind verschiedene

Beispiele bekannt, wo diese Erklärung nicht gebraucht werden kann.

Ein Dresdener Arzt erzählt von einem seiner Patienten, den er als

"geistig ungewöhnlich hochstehenden" Menschen charakterisiert, daß er

eine bestimmte Sauce immer und unfehlbar "blau" schmeckte, d. h. wie

blaue Farbe empfand.[1] Man könnte vielleicht eine ähnliche, aber doch

andere Erklärung annehmen, daß gerade bei hochentwickelten Menschen die

Wege zur Seele so direkt, und die Eindrücke derselben so schnell zu

erreichen sind, daß eine Wirkung, die durch den Geschmack geht, sofort

zur Seele gelangt und die entsprechenden Wege aus der Seele zu anderen

materiellen Organen mitklingen läßt (in unserem Falle--Auge). Es wäre

eine Art Echo oder Widerschall, wie man es bei Musikinstrumenten hat,

wenn sie, ohne selbst berührt zu werden, mit einem anderen Instrumente

mitklingen, welches direkt berührt wurde. Solche stark fühlenden

Menschen sind wie gute, vielgespielte Geigen, welche bei jeder

Berührung mit dem Bogen in _allen_ Teilen und Fasern vibrieren.

Bei der Annahme dieser Erklärung muß freilich das Sehen nicht

nur mit dem Geschmack, sondern auch mit allen anderen Sinnen in

Zusammenhang stehen. Dieses ist auch der Fall. Manche Farben können

unglatt, stechend aussehen, wogegen andere wieder als etwas Glattes,

Samtartiges empfunden werden, so daß man sie gern streicheln möchte.

(Ultramarinblau dunkel, Chromoxydgrün, Krapplack.) Selbst der

Unterschied zwischen kalt und warm des Farbentones beruht auf dieser

Empfindung. Es gibt ebenso Farben, die weich erscheinen (Krapplack)

oder andere, die stets als harte vorkommen (Kobaltgrün, grünblau Oxyd),

so daß die frisch aus der Tube ausgepreßte Farbe für trocken gehalten

werden kann.

Der Ausdruck "duftende Farben" ist allgemein gebräuchlich.

Endlich ist das Hören der Farben so präzis, daß man vielleicht keinen

Menschen findet, welcher den Eindruck von Grellgelb auf den Baßtasten

des Klaviers wiederzugeben suchen oder Krapplack dunkel als eine

Sopranstimme bezeichnen würde[2].

Diese Erklärung (also eigentlich doch durch Assoziation) wird aber in

manchen Fällen, die für uns von ganz besonderer Wichtigkeit sind, nicht

genügen. Wer von Chromotherapie gehört hat, weiß, daß das farbige Licht

eine ganz besondere Wirkung auf den ganzen Körper verursachen kann.

Es wurde verschiedentlich versucht, diese Kraft der Farbe auszunützen

und bei verschiedenen Nervenkrankheiten anzuwenden, wobei man wieder

bemerkte, daß das rote Licht belebend, aufregend auch auf das Herz

wirkt, das Blaue dagegen zu zeitlicher Paralyse führen kann. Wenn man

eine derartige Wirkung auch auf Tiere und sogar Pflanzen beobachten

kann, was der Fall ist, so fällt hier die Assoziationserklärung

gänzlich weg. Diese Tatsachen beweisen jedenfalls, daß die Farbe eine

wenig untersuchte, aber enorme Kraft in sich birgt, die den ganzen

menschlichen Körper, als physischen Organismus, beeinflussen kann.

Wenn uns aber die Assoziation in diesem Falle nicht ausreichend

erscheint, so werden wir uns auch in der Wirkung der Farbe auf die

Psyche mit dieser Erklärung nicht begnügen können. Im allgemeinen

ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele

auszuüben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele

ist das Klavier mit vielen Saiten.

Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste _zweckmäßig_

die menschliche Seele in Vibration bringt.

_So ist es klar, daß die Farbenharmonie nur auf dem Prinzip der

zweckmäßigen Berührung der menschlichen Seele ruhen muß._

Diese Basis soll als _Prinzip der inneren Notwendigkeit_ bezeichnet

werden.

[Footnote 1: Dr. med. _Freudenberg_. Spaltung der Persönlichkeit.

(Übersinnliche Welt 1908, Nr. 2, S. 64-65.) Hier wird auch über

Farbenhören gesprochen (S. 65), wobei der Verfasser bemerkt, daß die

vergleichenden Tabellen kein allgemeines Gesetz feststellen. Vgl.

L. _Sabanejeff_ in der Wochenschrift "Musik", Moskau 1911, Nr. 9:

Mit Bestimmtheit wird hier auf das baldige Kommen eines Gesetzes

hingewiesen.]

[Footnote 2: Auf diesem Gebiete wurde schon viel theoretisch und

auch praktisch gearbeitet. Auf der vielseitigen Ähnlichkeit (auch

physikalischer Luft- und Licht-vibration) will man auch der Malerei

eine Möglichkeit finden, ihren Kontrapunkt zu bauen. Andererseits in

der Praxis wurde es mit Erfolg versucht, wenig musikalischen Kindern

durch Hilfe der Farben (z. B. durch _Blumen_) eine Melodie einzuprägen.

Viele Jahre arbeitet auf diesem Gebiete Frau A. Sacharjin-Unkowsky,

welche eine spezielle präzise Methode konstruiert hat, "die Musik von

den Farben der Natur abzuschreiben, die Laute der Natur zu malen, _die

Laute farbig zu sehen und die Farben musikalisch zu hören_". Diese

Methode wird schon seit Jahren in der Schule der Erfinderin angewendet

und wurde vom St. Petersburger Konservatorium als zweckmäßig anerkannt.

Andererseits hat Skrjabin auf _empirischem_ Wege eine parallele Tabelle

der musikalischen und farbigen Töne zusammengestellt, die der mehr

physikalischen Tabelle der Frau Unkowsky sehr gleicht. Skrjabin hat

sein Prinzip im "Prometheus" überzeugend angewendet. (S. Tabelle in der

Wochenschrift "Musik", Moskau 1911, Nr. 9.)]

[ILLUSTRATION]

VI.

FORMEN- UND FARBENSPRACHE

"Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst, Den nicht die Eintracht

süßer Töne rührt, Taugt zu Verrat, zu Räuberei, zu Tücken, Die Regung

seines Sinns ist dumpf wie Nacht, Sein Trachten düster wie der Erebus:

Trau keinem solchen!--_Horch auf die Musik!_" (Shakespeare.)

Der musikalische Ton hat einen direkten Zugang zur Seele. Er findet da

sofort einen Widerklang, da der Mensch "die Musik hat in sich selbst".

"Jedermann weiß, daß gelb, orange und rot Ideen der Freude, des

Reichtums, einflößen und darstellen" (Delacroix).[1]

Diese zwei Zitate zeigen die tiefe Verwandtschaft der Künste überhaupt

und der Musik und Malerei insbesondere. Auf dieser auffallenden

Verwandtschaft hat sich sicher der Gedanke Goethes konstruiert,

daß die Malerei ihren Generalbaß erhalten muß. Diese prophetische

Äußerung Goethes ist ein Vorgefühl der Lage, in welcher sich heute

die Malerei befindet. Diese Lage ist der Ausgangspunkt des Weges, auf

welchem die Malerei durch Hilfe ihrer Mittel zur Kunst im abstrakten

Sinne heranwachsen wird und wo sie schließlich die rein malerische

_Komposition_ erreichen wird.

Zu dieser Komposition stehen ihr zwei Mittel zur Verfügung:

1. Farbe.

2. Form.

Die Form allein, als Darstellung des Gegenstandes (realen oder nicht

realen) oder als rein abstrakte Abgrenzung eines Raumes, einer Fläche,

kann selbständig existieren.

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 2 / 7 段