[Footnote 4: Es ist hier oft die Rede vom Materiellen und

KANDINSKY

ÜBER DAS GEISTIGE

IN DER KUNST

INSBESONDERE IN DER MALEREI

MIT ACHT TAFELN

UND ZEHN ORIGINALHOLZSCHNITTEN

DRITTE AUFLAGE

MÜNCHEN 1912

R. PIPER & CO., VERLAG

DEM ANDENKEN AN

ELISABETH TICHEJEFF

GEWIDMET

INHALT

VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE

A. ALLGEMEINES

I. EINLEITUNG

II. DIE BEWEGUNG

III. GEISTIGE WENDUNG

IV. DIE PYRAMIDE

B. MALEREI

V. WIRKUNG DER FARBE

VI. FORMEN-UND FARBENSPRACHE

VII. THEORIE

VIII. KUNSTWERK UND KÜNSTLER

SCHLUSSWORT

BILDBEIGABEN

1. Mosaik in S. VITALE (Ravenna)

2. Victor und Heinrich DÜNWEGGE "Kreuzigung Christi" (Alte

Pinakothek-München)

3. Albrecht DÜRER "Beweinung Christi" (Alte Pinaköthek-München)

4. RAFFAELE Santi "Die heilige Familie aus dem Hause Canigiani" (Alte

Pinakothek-München)

5. PAUL CÉZANNE "Die Badenden" (mit Genehmigung von Bernheim

Jeune-Paris)

6. KANDINSKY--Impression "Park" (1910)

7. "--Improvisation No. 18 (1911)

8. "--Komposition No. 2 (1910)

VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

Die Gedanken, die ich hier entwickle, sind Resultate von Beobachtungen

und Gefühlserfahrungen, die sich allmählich im Laufe der letzten fünf

bis sechs Jahre sammelten. Ich wollte ein größeres Buch über dieses

Thema schreiben, wozu viele Experimente auf dem Gebiete des Gefühls

gemacht werden müßten. Durch andere auch wichtige Arbeiten in Anspruch

genommen, mußte ich fürs nächste auf den ersten Plan verzichten.

Vielleicht komme ich nie zur Ausführung desselben. Ein anderer wird es

erschöpfender und besser machen, da in der Sache eine Notwendigkeit

liegt. Ich bin also gezwungen, in den Grenzen eines einfachen Schemas

zu bleiben und mich mit der Weisung auf das große Problem zu begnügen.

Ich werde mich glücklich schätzen, wenn diese Weisung nicht im Leeren

verhallt.

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Dieses kleine Buch war im Jahre 1910 geschrieben. Vor dem Erscheinen

der ersten Auflage (Januar 1912) habe ich weitere Erfahrungen der

Zwischenzeit eingeschoben. Seitdem ist wieder ein halbes Jahr

vergangen und manches sehe ich heute freier, mit weiterem Horizont.

Nach reiflicher Überlegung habe ich von Ergänzungen abgesehen, da sie

noch ungleichmäßig nur manche Teile präzisieren würden. Ich entschloß

mich, das neue Material zu schon seit einigen Jahren sich sammelnden

scharfkantigen Beobachtungen und Erfahrungen aufzuhäufen, die als

einzelne Teile einer Art "Harmonielehre in der Malerei" vielleicht

mit der Zeit die natürliche Fortsetzung dieses Buches bilden werden.

So blieb die Gestalt dieser Schrift in der zweiten Auflage, die sehr

schnell auf die erste folgen mußte, beinahe ganz unberührt. Ein

Bruchstück der weiteren Entwicklung (resp. Ergänzung) ist mein Artikel

"Über die Formfrage" im "Blauen Reiter".

_München_, im April 1912.

KANDINSKY

A.

ALLGEMEINES

[ILLUSTRATION]

I.

EINLEITUNG

Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit, oft ist es Mutter unserer Gefühle.

So bringt jede Kulturperiode eine eigene Kunst zustande, die nicht mehr

wiederholt werden kann. Eine Bestrebung, vergangene Kunstprinzipien

zu beleben, kann höchstens Kunstwerke zur Folge haben, die einem

totgeborenen Kinde gleichen. Wir können z. B. unmöglich wie alte

Griechen fühlen und innerlich leben. So können auch die Anstrengungen,

z. B. in der Plastik die griechischen Prinzipien anzuwenden, nur den

griechischen ähnliche Formen schaffen, wobei das Werk seelenlos bleibt

für alle Zeiten. Eine derartige Nachahmung gleicht den Nachahmungen

der Affen. Äußerlich sind die Bewegungen des Affen den menschlichen

vollständig gleich. Der Affe sitzt und hält ein Buch vor die Nase,

blättert darin, macht ein bedenkliches Gesicht, aber der innere Sinn

dieser Bewegungen fehlt vollständig.

Es gibt aber eine andere äußere Ähnlichkeit der Kunstformen, der eine

große Notwendigkeit zugrunde liegt. Die Ähnlichkeit der _inneren_

Bestrebungen in der ganzen moralisch-geistigen Atmosphäre, das Streben

zu Zielen, die im Hauptgrunde schon verfolgt, aber später vergessen

wurden, also die Ähnlichkeit der inneren Stimmung einer ganzen

Periode kann logisch zur Anwendung der Formen führen, die erfolgreich

in einer vergangenen Periode denselben Bestrebungen dienten. So

entstand teilweise unsere Sympathie, unser Verständnis, unsere innere

Verwandtschaft mit den Primitiven. Ebenso wie wir, suchten diese reinen

Künstler nur das Innerlich-Wesentliche in ihren Werken zu bringen,

wobei der Verzicht auf äußerliche Zufälligkeit von selbst entstand.

Dieser wichtige innere Berührungspunkt ist aber bei seiner ganzen

Wichtigkeit doch nur ein Punkt. Unsere Seele, die nach der langen

materialistischen Periode erst im Anfang des Erwachens ist, birgt

in sich Keime der Verzweiflung des Nichtglaubens, des Ziel- und

Zwecklosen. Der ganze Alpdruck der materialistischen Anschauungen,

welche aus dem Leben des Weltalls ein böses zweckloses Spiel gemacht

haben, ist noch nicht vorbei. Die erwachende Seele ist noch stark unter

dem Eindruck dieses Alpdruckes. Nur ein schwaches Licht dämmert wie

ein winziges Pünktchen in einem enormen Kreis des Schwarzen. Dieses

schwache Licht ist bloß eine Ahnung, welches zu sehen die Seele keinen

vollen Mut hat, im Zweifel, ob nicht dieses Licht--der Traum ist, und

der Kreis des Schwarzen--die Wirklichkeit. Dieser Zweifel und die noch

drückenden Leiden der materialistischen Philosophie unterscheiden stark

unsere Seele von der der "Primitiven". In unserer Seele ist ein Sprung

und sie klingt, wenn man es erreicht sie zu berühren, wie eine kostbare

in den Tiefen der Erde wiedergefundene Vase, die einen Sprung hat.

Deswegen kann der Zug ins Primitive, wie wir ihn momentan erleben, in

der gegenwärtigen ziemlich entliehenen Form nur von kurzer Dauer sein.

Diese zwei Ähnlichkeiten neuer Kunst mit Formen vergangener Perioden

sind, wie leicht zu sehen ist, diametral verschieden. Die erste ist

äußerlich und hat deswegen keine Zukunft. Die zweite ist innerlich

und birgt deswegen den Keim der Zukunft in sich. Nach der Periode der

materialistischen Versuchung, welcher die Seele scheinbar unterlag und

welche sie doch als eine böse Versuchung abschüttelt, kommt die Seele,

durch Kampf und Leiden verfeinert, empor. Gröbere Gefühle, wie Angst,

Freude, Trauer usw., welche auch zu dieser Versuchungsperiode als

Inhalt der Kunst dienen könnten, werden den Künstler wenig anziehen. Er

wird suchen, feinere Gefühle, die jetzt namenlos sind, zu erwecken. Er

lebt selbst ein kompliziertes, verhältnismäßig feines Leben, und das

aus ihm entsprungene Werk wird unbedingt dem Zuschauer, welcher dazu

fähig ist, feinere Emotionen verursachen, die mit unseren Worten nicht

zu fassen sind.

Der Zuschauer heutzutage ist aber selten zu solchen Vibrationen

fähig. Er sucht im Kunstwerk entweder eine reine Naturnachahmung,

die praktischen Zwecken dienen kann (Porträt im gewöhnlichen Sinne

u. dgl.), oder eine Naturnachahmung, die eine gewisse Interpretation

enthält, "impressionistische" Malerei, oder endlich in Naturformen

verkleidete Seelenzustände (was man Stimmung nennt)[1]. Alle diese

Formen, wenn sie wirklich künstlerisch sind, erfüllen ihren Zweck und

bilden (auch im ersten Falle) geistige Nahrung, besonders aber in dem

dritten Falle, wo der Zuschauer einen Mitklang seiner Seele findet.

Freilich kann also ein derartiger Mit- (oder auch Wider-) Klang nicht

leer oder oberflächlich bleiben, sondern die "Stimmung" des Werkes kann

die Stimmung des Zuschauers noch vertiefen--und verklären. Jedenfalls

halten solche Werke die Seele von der Vergröberung ab. Sie erhalten

sie auf einer gewissen Höhe, wie der Stimmschlüssel die Saiten eines

Instrumentes. Aber Verfeinerung und Ausdehnung in Zeit und Raum dieses

Klanges bleibt doch einseitig und erschöpft die mögliche Wirkung der

Kunst nicht.

* * * * *

Ein großes, sehr großes, kleineres oder mittelgroßes Gebäude in

verschiedene Räume geteilt. Alle Wände der Räume mit kleinen, großen,

mittleren Leinwändern behängt. Oft mehrere Tausende von Leinwändern.

Darauf durch Anwendung der Farbe Stücke "Natur" gegeben:

Tiere in Licht und Schatten, Wasser trinkend, am Wasser stehend, im

Grase liegend, daneben eine Kreuzigung Christi, von einem Künstler

dargestellt, welcher an Christus nicht glaubt, Blumen, menschliche

Figuren sitzend, stehend, gehend, auch oft nackt, viele nackte Frauen

(oft in Verkürzung von hinten gesehen), Äpfel und silberne Schüsseln,

Porträt des Geheimrats N, Abendsonne, Dame in Rosa, fliegende Enten,

Porträt der Baronin X, fliegende Gänse, Dame in Weiß, Kälber im

Schatten mit grellgelben Sonnenflecken, Porträt Exzellenz Y, Dame in

Grün. Dieses alles ist sorgfältig in einem Buch gedruckt: Namen der

Künstler, Namen der Bilder. Menschen haben diese Bücher in der Hand und

gehen von einer Leinwand zur andern und blättern und lesen die Namen.

Dann gehen sie fort, ebenso arm oder reich, wie sie eintraten und

werden sofort von ihren Interessen, die gar nichts mit der Kunst zu tun

haben, absorbiert. Warum waren sie da? In jedem Bild ist geheimnisvoll

ein ganzes Leben eingeschlossen, ein ganzes Leben mit vielen Qualen,

Zweifeln, Stunden der Begeisterung und des Lichtes.

Wohin ist dieses Leben gerichtet? Wohin schreit die Seele des

Künstlers, wenn auch sie in der Schaffung tätig war? Was will

sie verkünden? "Licht in die Tiefe des menschlichen Herzens

senden--Künstlers Beruf", sagt Schumann. "Ein Maler ist ein Mensch,

welcher alles zeichnen und malen kann", sagt Tolstoi.

Von diesen zwei Definitionen der Tätigkeit des Künstlers müssen wir

die zweite wählen, wenn wir an die eben beschriebene Ausstellung

denken--mit mehr oder weniger Fertigkeit, Virtuosität und Brio

entstehen auf der Leinwand Gegenstände, die zueinander in gröberer

oder feinerer "Malerei" stehen. Die Harmonisierung des Ganzen auf der

Leinwand ist der Weg, welcher zum Kunstwerk führt. Mit kalten Augen und

gleichgültigem Gemüt wird dieses Werk beschaut. Die Kenner bewundern

die "Mache" (so wie man einen Seiltänzer bewundert), genießen die

"Malerei" (so wie man eine Pastete genießt).

Hungrige Seelen gehen hungrig ab.

Die große Menge schlendert durch die Säle und findet die Leinwänder

"nett" und "großartig". Mensch, der was sagen könnte, hat zum Menschen

nichts gesagt, und der, der hören könnte, hat nichts gehört.

Diesen Zustand der Kunst nennt man l'art pour l'art.

Dieses Vernichten der innerlichen Klänge, die der Farben Leben ist,

dieses Zerstreuen der Kräfte des Künstlers ins Leere ist "Kunst für

Kunst".

Für seine Geschicklichkeit, Erfindungs-und Empfindungskraft sucht sich

der Künstler in materieller Form den Lohn. Sein Zweck wird Befriedigung

des Ehrgeizes und der Habsucht. Statt einer vertieften gemeinsamen

Arbeit der Künstler entsteht ein Kampf um diese Güter. Man klagt

über zu große Konkurrenz und Überproduktion. Haß, Parteilichkeit,

Vereinsmeierei, Eifersucht, Intriguen werden zur Folge dieser

zweckberaubten, materialistischen Kunst[2].

Der Zuschauer wendet sich ruhig ab von dem Künstler, der in einer

zweckberaubten Kunst den Zweck seines Lebens nicht sieht, sondern

höhere Ziele vor sich hat.

"_Verstehen_" ist Heranbildung des Zuschauers auf den Standpunkt

des Künstlers. Oben wurde gesagt, daß die Kunst das Kind ihrer Zeit

ist. Eine derartige Kunst kann nur das künstlerisch wiederholen, was

schon die gegenwärtige Atmosphäre klar erfüllt. Diese Kunst, die

keine Potenzen der Zukunft in sich birgt, die also nur das Kind der

Zeit ist und nie zur Mutter der Zukunft heranwachsen wird, ist eine

kastrierte Kunst. Sie ist von kurzer Dauer und stirbt moralisch in dem

Augenblicke, wo die sie gebildet habende Atmosphäre sich ändert.

* * * * *

Die andere, zu weiteren Bildungen fähige Kunst wurzelt auch in ihrer

geistigen Periode, ist aber zur selben Zeit nicht nur Echo derselben

und Spiegel, sondern hat eine weckende _prophetische Kraft_, die weit

und tief wirken kann.

Das geistige Leben, zu dem auch die Kunst gehört und in dem sie eine

der mächtigsten Agentien ist, ist eine komplizierte aber bestimmte und

ins Einfache übersetzbare Bewegung vor- und aufwärts. Diese Bewegung

ist die der Erkenntnis. Sie kann verschiedene Formen annehmen, im

Grunde behält sie aber denselben inneren Sinn, Zweck.

In Dunkel gehüllt sind die Ursachen der Notwendigkeit, "im Schweiße

des Angesichts", durch Leiden, Böses und Qualen sich vor- und aufwärts

zu bewegen. Nachdem eine Station erreicht ist und manche bösen Steine

aus dem Wege geschafft sind, werden von einer üblen unsichtbaren Hand

neue Blöcke auf den Weg geworfen, welche manchmal scheinbar diesen Weg

gänzlich verschütten und unerkennbar machen.

Da kommt aber unfehlbar einer von uns Menschen, der in allem uns gleich

ist, aber eine geheimnisvoll in ihn gepflanzte Kraft des "Sehens" in

sich birgt.

Er sieht und zeigt. Dieser höheren Gabe, die ihm oft ein schweres

Kreuz ist, möchte er sich manchmal entledigen. Er kann es aber nicht.

Unter Spott und Haß zieht er die sich sträubende, in Steinen steckende

schwere Karre der Menschheit mit sich immer vor- und aufwärts.

Oft ist schon lange nichts von seinem körperlichen Ich auf Erden

geblieben, dann sucht man alle Mittel, dieses Körperliche aus Marmor,

Eisen, Bronze, Stein in gigantesken Größen wiederzugeben. Als ob etwas

läge an diesem _Körperlichen_ bei solchen göttlichen Menschendienern

und Märtyrern, die das Körperliche verachteten und nur dem _Geistigen_

dienten. Jedenfalls ist dieses Heranziehen des Marmors ein Beweis, daß

eine größere Menschenmenge zu dem Standpunkt angelangt ist, wo einst

der jetzt Gefeierte stand.

[Footnote 1: Leider wurde auch dieses Wort, welches die dichterischen

Bestrebungen einer lebendigen Künstlerseele zu bezeichnen hat,

mißhandelt und schließlich verspottet. Gab es je ein großes Wort,

welches die Menge nicht sofort zu entheiligen suchte?]

[Footnote 2: Die wenigen einzeln stehenden Ausnahmen zerstören dieses

trostlose, verhängnisvolle Bild nicht, und auch diese Ausnahmen sind

hauptsächlich Künstler, deren Credo das l'art pour l'art ist. Sie

dienen also einem höheren Ideale, welches im _ganzen_ ein zielloses

Zerstreuen ihrer Kraft ist. Äußere Schönheit ist ein die geistige

Atmosphäre bildendes Element. Es hat aber außer der positiven Seite

(da Schönes = Gutes ist) den Mangel des nicht erschöpfend ausgenützten

Talentes--(Talent im Sinne des Evangeliums).]

[Illustration]

II.

DIE BEWEGUNG

Ein großes spitzes Dreieck in ungleiche Teile geteilt, mit der

spitzesten, kleinsten Abteilung nach oben gewendet--ist das geistige

Leben schematisch richtig dargestellt. Je mehr nach unten, desto

größer, breiter, umfangreicher und höher werden die Abteilungen des

Dreiecks.

Das ganze Dreieck bewegt sich langsam, kaum sichtbar nach vor-und

aufwärts, und wo "heute" die höchste Spitze war, ist "morgen"[1] die

nächste Abteilung, d. h. was heute nur der obersten Spitze verständlich

ist, was dem ganzen übrigen Dreieck eine unverständliche Faselei ist,

wird morgen zum sinn- und gefühlvollen Inhalt des Lebens der zweiten

Abteilung.

An der Spitze der obersten Spitze steht manchmal allein nur ein Mensch.

Sein freudiges Sehen ist der inneren unermeßlichen Trauer gleich. Und

die, die ihm am nächsten stehen, verstehen ihn nicht. Entrüstet nennen

sie ihn: Schwindler oder Irrenhauskandidaten. So stand beschimpft zu

seinen Lebzeiten auf der Höhe Beethoven allein[2]. Wie viele Jahre

wurden gebraucht, bis eine größere Abteilung des Dreiecks an die Stelle

gelangte, wo er einst einsam stand. Und trotz allen Denkmälern--sind

denn wirklich viele bis an diese Stelle empor gestiegen[3]?

In allen Abteilungen des Dreiecks sind Künstler zu finden. Jeder

von denselben, der über die Grenzen seiner Abteilung hinaufblicken

kann, ist ein Prophet seiner Umgebung und hilft der Bewegung, der

widerspenstigen Karre. Wenn er aber nicht dieses scharfe Auge besitzt,

oder dasselbe aus niedren Zwecken und Gründen mißbraucht oder schließt,

dann wird er von allen seinen Abteilungsgenossen völlig verstanden

und gefeiert. Je größer diese Abteilung ist (also je tiefer sie

gleichzeitig liegt), desto größer ist die Menge, der des Künstlers Rede

verständlich ist. Es ist klar, daß eine jede solche Abteilung nach

dem entsprechenden geistigen Brot bewußt oder (viel öfter) gänzlich

unbewußt hungert. Dieses Brot wird ihr von ihren Künstlern gereicht und

nach diesem Brot wird morgen schon die nächste Abteilung greifen.

* * * * *

Diese schematische Darstellung erschöpft freilich das ganze Bild des

geistigen Lebens nicht. Unter anderem zeigt sie eine Schattenseite

nicht, einen großen toten _schwarzen Fleck_. Es geschieht eben zu oft,

daß das erwähnte geistige Brot zur Nahrung manchen wird, die schon in

einer höheren Abteilung leben. Für solche Esser wird dieses Brot zu

Gift: in kleiner Dosis wirkt es so, daß die Seele aus einer höheren

Abteilung in eine niedere allmählich sinkt; in großer Dosis genossen,

bringt dieses Gift zu einem Sturz, welcher in immer tiefere und

tiefere Abteilungen die Seele wirft. Sienkiewicz vergleicht in einem

seiner Romane das geistige Leben mit Schwimmen: wer nicht unermüdlich

arbeitet und mit dem Sinken fortwährend kämpft, der geht unfehlbar

unter. Hier kann die Begabung eines Menschen, das "Talent" (im Sinne

des Evangeliums) zum Fluch--nicht nur des dieses Talent tragenden

Künstlers, sondern auch für alle diejenigen, werden, die von diesem

giftigen Brot essen. Der Künstler braucht seine Kraft, um niederen

Bedürfnissen zu schmeicheln; in einer angeblichen künstlerischen Form

bringt er einen unreinen Inhalt, er zieht die schwachen Elemente an

sich, vermengt sie ständig mit schlechten, betrügt die Menschen und

hilft ihnen, sich zu betrügen, indem sie sich und andere überzeugen,

daß sie geistigen Durst haben, daß sie von der reinen Quelle diesen

geistigen Durst stillen. Derartige Werke verhelfen nicht der Bewegung

nach aufwärts, sie hemmen sie, drängen das Vorwärtsstrebende zurück und

verbreiten Pest um sich.

Solche Perioden, in welchen die Kunst keinen hochstehenden Vertreter

hat, in welchen das verklärte Brot ausbleibt, sind _Perioden des

Niederganges_ in der geistigen Welt. Unaufhörlich fallen Seelen

aus höheren Abteilungen in tiefere, und das ganze Dreieck scheint

unbeweglich zu stehen. Es scheint sich ab- und rückwärts zu

bewegen. Die Menschen legen zu diesen stummen und blinden Zeiten

einen besonderen ausschließlichen Wert auf äußerliche Erfolge, sie

kümmern sich nur um materielle Güter und begrüßen einen technischen

Fortschritt, welcher nur dem Leibe dient und dienen kann, als

eine große Tat. Die rein geistigen Kräfte werden im besten Falle

unterschätzt, sonst überhaupt nicht bemerkt.

Die vereinsamten Hungerer und Seher werden verspottet oder für geistig

anormal gehalten. Die seltenen Seelen aber, die nicht in Schlaf gehüllt

werden können und dunkles Verlangen nach geistigem Leben, Wissen und

Vorschreiten fühlen, klingen im groben materiellen Chorus, trostlos und

klagend. Die geistige Nacht sinkt allmählich tiefer und tiefer. Grauer

und grauer wird es um solche erschrockene Seelen, und ihre Träger,

von Zweifeln und Angst gepeinigt und entkräftet, ziehen oft diesem

allmählichen Verdunkeln um sie den plötzlichen, gewaltsamen Sturz ins

Schwarze vor.

Die Kunst, die zu solchen Zeiten ein erniedrigtes Leben führt, wird

ausschließlich zu materiellen Zwecken gebraucht. Sie sucht ihren

inhaltlichen Stoff in der _harten Materie_, da sie die feine nicht

kennt. Die Gegenstände, die wiederzugeben sie für ihr einziges Ziel

hält, bleiben unverändert dieselben. Das "Was" in der Kunst fällt eo

ipso aus. Nur die Frage, "wie" derselbe körperliche Gegenstand zum

Künstler wiedergegeben wird, bleibt allein da. Diese Frage wird zum

"Credo". Die Kunst ist entseelt.

Auf diesem Wege "Wie" geht die Kunst weiter. Sie spezialisiert sich,

wird nur den Künstlern selbst verständlich, die über Indifferenz

des Zuschauers zu ihren Werken zu klagen anfangen. Da der Künstler

durchschnittlich zu solchen Zeiten nicht viel sagen braucht und schon

durch ein geringes "Anders" bemerkt wird und von gewissen Häufchen

Mäzenen und Kunstkennern dadurch hervorgehoben wird (was weiter

eventuell große materielle Güter mitbringt!), so stürzt sich eine

große Menge äußerlich begabter, gewandter Menschen auf die Kunst, die

scheinbar so einfach zu erobern ist. In jedem "Kunstzentrum" leben

Tausende und Abertausende solcher Künstler, von denen die Mehrzahl

nur nach neuer Manier sucht und ohne Begeisterung mit kaltem Herzen,

schlafender Seele Millionen von Kunstwerken schafft.

Die "Konkurrenz" nimmt zu. Das wilde Jagen nach Erfolg macht die

Suche immer äußerlicher. Kleine Gruppen, die sich zufällig aus diesem

Künstler- und Bilderchaos durchgearbeitet haben, verschanzen sich

in ihren eroberten Stätten. Das zurückgebliebene Publikum schaut

verständnislos zu, verliert das Interesse für eine derartige Kunst und

dreht ihr ruhig den Rücken.

Aber trotz aller Verblendung, trotz diesem Chaos und dem wilden Jagen

bewegt sich in Wirklichkeit langsam, aber sicher, mit unüberwindlicher

Kraft das geistige Dreieck vor- und aufwärts.

Der unsichtbare Moses kommt vom Berge, sieht den Tanz um das goldene

Kalb. Aber doch bringt er eine neue Weisheit mit sich zu den Menschen.

Seine für Massen unhörbare Sprache wird zuerst doch vom Künstler

gehört. Erst unbewußt für sich selbst nicht bemerklich, folgt er

dem Rufe. Schon in derselben Frage "Wie" liegt ein verborgener Kern

der Genesung. Wenn dieses "Wie" auch im großen und ganzen fruchtlos

bleibt, so ist doch im selben "Anders" (was wir auch noch heute

"Persönlichkeit" nennen) eine Möglichkeit vorhanden, nicht das rein

harte Materielle allein am Gegenstande zu sehen, sondern auch noch

das, was weniger körperlich als der Gegenstand der realistischen

Periode ist, den man allein und "so wie er ist", "ohne zu phantasieren"

wiederzugeben versuchte[4].

Wenn weiter dieses "Wie" auch die Seelenemotion des Künstlers

einschließt und fähig ist, sein feineres Erlebnis auszuströmen, so

stellt sich schon die Kunst an die Schwelle des Weges, auf welchem sie

später unfehlbar das verlorne "Was" wiederfindet, das "Was", welches

das geistige Brot des jetzt beginnenden geistigen Erwachens bilden

wird. Dieses "Was" wird nicht mehr das materielle, gegenständliche

"Was" der hintengebliebenen Periode sein, sondern ein _künstlerischer

Inhalt_, die Seele der Kunst, ohne welche ihr Körper (das "Wie") nie

ein volles gesundes Leben führen kann, ebenso wie der einzelne Mensch

oder ein Volk.

[Illustration: Mosaik in S. Vitale]

_Dieses Was ist der Inhalt, welchen nur die Kunst in sich fassen kann,

und welchen nur die Kunst zum klaren Ausdruck bringen kann durch die

nur ihr gehörenden Mittel._

[Footnote 1: Dieses "Heute" und "Morgen" ist im Inneren den biblischen

"Tagen" der Schöpfung ähnlich.]

[Footnote 2: Weber, der Komponist des "Freischütz", meinte von

derselben (d. h. die VII. Symphonie Beethovens): "Nun haben die

Extravaganzen dieses Genius das Nonplusultra erreicht; Beethoven ist

nun ganz reif fürs Irrenhaus." Bei der spannenden Stelle zu Beginn

des ersten Satzes auf pochendem "e" rief Abbé Stadler, als er sie zum

ersten Male hörte, einem Nachbar zu: "Es kommt immer noch das--"e"--es

fällt ihm eb'n nix ein, dem talentlosen Kerl!" ("Beethoven" von August

Göllerich, siehe S. 1 in der Serie "Die Musik", herausgegeben von R.

Strauß.)]

[Footnote 3: Sind nicht manche Denkmäler eine traurige Antwort auf

diese Frage?]

[Footnote 4: Es ist hier oft die Rede vom Materiellen und

Nichtmateriellen und von den Zwischenzuständen, die "mehr oder weniger"

materiell bezeichnet werden. Ist _alles_ Materie? Ist _alles_ Geist?

Können die Unterschiede, die wir zwischen Materie und Geist legen,

nicht nur Abstufungen nur der Materie sein oder nur des Geistes? Der

als Produkt das "Geistes" in positiver Wissenschaft bezeichnete Gedanke

ist auch Materie, die aber nicht groben, sondern feinen Sinnen fühlbar

ist. Was die körperliche Hand nicht betasten kann, ist das Geist? In

dieser kleinen Schrift kann nicht darüber weiter geredet werden, und es

genügt, wenn keine zu scharfen Grenzen gezogen werden.]

[Illustration]

III.

GEISTIGE WENDUNG

Das geistige Dreieck bewegt sich langsam nach vor- und aufwärts. Heute

erreicht eine der untersten größten Abteilungen die ersten Schlagworte

des materialistischen "Credo"--religiös führen ihre Einwohner

verschiedene Titel. Sie heißen Juden, Katholiken, Protestanten usw.

In Wirklichkeit sind sie Atheisten, was einige der Kühnsten oder

Beschränktesten auch offen bekennen. Der "Himmel" ist entleert. "Gott

ist gestorben". Politisch sind diese Einwohner Volksvertretungsanhänger

oder Republikaner. Die Angst, den Abscheu und Haß, welchen sie gestern

gegen diese politischen Ansichten hegten, haben sie heute auf die

Anarchie übertragen, die sie nicht kennen und von welcher ihnen

nur der schreckeinflößende Name bekannt ist. Ökonomisch sind diese

Menschen--Sozialisten. Sie schärfen das Schwert der Gerechtigkeit, um

der kapitalistischen Hydra den tödlichen Hieb zu versetzen und das

Haupt des Übels abzuhauen.

Da diese Einwohner dieses großen Abteiles des Dreiecks nie selbständig

zur Lösung einer Frage gekommen sind und stets in der menschlichen

Karre durch sich selbst opfernde Mitmenschen, die stets hoch über ihnen

standen, gezogen wurden, so wissen sie nichts von diesem Schieben,

welches sie stets nur aus großer Entfernung beobachtet haben. Sie

stellen sich deswegen das Schieben sehr leicht vor und glauben an

einwandfreie Rezepte und an unfehlbar wirkende Mittel.

Die folgende tieferliegende Abteilung wird von der oben beschriebenen

blindlings auf diese Höhe gezogen. Hält sie aber noch fest an der alten

Stelle, sträubt sich vor Angst, ins Unbekannte zu geraten, um nicht

betrogen zu werden.

Die höheren Abteilungen sind religiös nicht nur blind atheistisch,

sondern sie können ihre Gottlosigkeit durch fremde Worte begründen

(z. B. Virchows eines Gelehrten nicht würdigen Satz: Ich habe viele

Leichen seziert und nie dabei eine Seele entdeckt.) Politisch sind sie

noch öfter Republikaner, kennen verschiedene parlamentarische Bräuche,

lesen in den Zeitungen die politischen Leitartikel. Ökonomisch sind sie

Sozialisten verschiedener Nuancen und können ihre "Überzeugungen" durch

viele Zitate unterstützen. (Von Schweitzers "Emma", durch das "Eherne

Gesetz" von Lasalle, zum Marxschen "Kapital" und noch viel weiter.)

In diesen höheren Abteilungen kommen allmählich noch andere Rubriken

vor, die in den eben beschriebenen fehlten: Wissenschaft und Kunst,

wozu auch Literatur und Musik gehören.

Wissenschaftlich sind diese Menschen Positivisten und anerkennen nur

das, was gewogen, gemessen werden kann. Das übrige halten sie für

denselben manchmal schädlichen Unsinn, für welchen sie gestern die

heute "erwiesenen" Theorien hielten.

In der Kunst sind sie Naturalisten, wobei sie bis zu einer gewissen

Grenze, die von anderen gezogen wurde und an die sie deswegen

unerschütterlich glauben, Persönlichkeit, Individualität und

Temperament des Künstlers anerkennen und auch schätzen.

* * * * *

In diesen höheren Abteilungen ist trotz der sichtbar großen Ordnung,

Sicherheit und trotz den Prinzipien, die unfehlbar sind, jedoch

eine versteckte _Angst_ zu finden, eine Verwirrung, ein Wackeln und

eine Unsicherheit, wie in den Köpfen der Passagiere eines großen,

festen überseeischen Dampfers, wenn auf der hohen See bei in Nebeln

verschwundenem festen Land sich schwarze Wolken sammeln und der düstere

Wind das Wasser zu schwarzen Bergen auftürmt. Und dies ist dank ihrer

Bildung. Sie wissen, daß der heute angebetete Gelehrte, Staatsmann,

Künstler noch gestern ein ausgespotteter, keines ernsten Blickes

würdiger Streber, Schwindler, Pfuscher war.

Und je höher in dem geistigen Dreieck, desto sichtbarer tritt mit

ihren scharfen Kanten diese Angst, die Unsicherheit zutage. Erstens

finden sich hier und da Augen, die auch selbst sehen können, Köpfe,

die zu Zusammenstellungen fähig sind. Derartig begabte Menschen fragen

sich: Wenn diese Weisheit von vorgestern durch diese von gestern und

die letztere von der von heute umgeworfen wurde--kann es dann nicht

auch irgendwie möglich sein, daß die von heute von der von morgen auch

umgeschmissen wird. Und die Mutigsten von ihnen antworten: "Es liegt im

Bereiche der Möglichkeiten."

Zweitens finden sich Augen, die das sehen können, was von der heutigen

Wissenschaft "noch nicht erklärt" wurde. Derartige Menschen fragen

sich: "Wird die Wissenschaft auf dem Wege, auf welchem sie schon lange

sich bewegt, zur Lösung dieser Rätsel kommen? Und wenn sie dazu kommt,

wird man sich auf ihre Antwort verlassen können?"

In diesen Abteilungen befinden sich auch professionelle Gelehrte,

welche sich erinnern können, wie jetzt feststehende, von Akademien

anerkannte Tatsachen von denselben Akademien im Anfang begrüßt

wurden. Hier befinden sich auch Kunstgelehrte, die anerkennungsvolle

tiefsinnige Bücher schreiben über die Kunst, die gestern unsinnig

war. Durch diese Bücher nehmen sie die Schranken weg, über welche

die Kunst ihren Sprung längst gemacht hat und stellen neue auf, die

diesmal fest und für alle Zeiten auf dem neuen Platze bleiben sollen.

Bei dieser Beschäftigung merken sie nicht, daß sie die Schranken nicht

vor, sondern hinter der Kunst bauen. Wenn sie es morgen bemerken,

so schreiben sie neue Bücher und verlegen geschwind ihre Schranken

weiter. Und diese Beschäftigung wird so lange ohne Veränderung bleiben,

bis eingesehen wird, daß das äußere Prinzip der Kunst nur für die

Vergangenheit gelten kann und nie für die Zukunft. Es kann keine

Theorie dieses Prinzips für den weiteren im Reiche des Nichtmateriellen

liegenden Weg geben. Es kann sich materiell nicht kristallisieren

das, was materiell noch nicht existiert. Der in das Reich von morgen

führende Geist kann nur durch Gefühl (wozu das Talent des Künstlers

die Bahn ist) erkannt werden. Die Theorie ist die Laterne, die die

kristallisierten Formen des Gestern und des vor dem Gestern liegenden

beleuchtet. (Siehe Weiteres darüber in Kap. VII. Theorie.)

Und wenn wir noch höher steigen, so sehen wir noch größere Verwirrung,

wie in einer großen, fest nach allen architektonisch mathematischen

Regeln gebauten Stadt, welche plötzlich von einer unermeßbaren Kraft

geschüttelt wird. Die Menschen, die hier leben, leben wirklich in so

einer geistigen Stadt, wo plötzlich solche Kräfte wirken, mit welchen

die geistigen Architekten und Mathematiker nicht gerechnet haben. Hier

ist ein Teil von der dicken Mauer wie ein Kartenhäuschen gefallen. Da

liegt ein zum Himmel reichender, kolossaler, aus vielen spitzenartigen,

aber "unsterblichen" geistigen Pfeilern gebauter Turm in Trümmern. Der

alte vergessene Friedhof bebt. Alte vergessene Gräber öffnen sich, und

vergessene Geister heben sich aus ihnen. Die so kunstvoll gezimmerte

Sonne zeigt Flecken und verfinstert sich und wo ist der Ersatz zum

Kampf mit der Finsternis?

In dieser Stadt leben auch taube Menschen, die fremde Weisheit betäubt

hat, die keinen Sturz hören, die auch blind sind, da sie fremde

Weisheit geblendet hat, und die sagen: Unsere Sonne wird immer heller,

und bald sehen wir die letzten Flecken verschwinden. Aber auch diese

Menschen werden hören und sehen.

Und noch höher ist _keine Angst_ mehr zu finden. Da geht eine Arbeit,

die kühn an den von den Menschen gestellten Pfeilern rüttelt. Hier

finden wir auch professionelle Gelehrte, die die Materie wieder und

wieder prüfen, die keine Angst haben, vor keiner Frage, und die endlich

die Materie, auf welcher noch gestern alles ruhte und das ganze Weltall

gestützt wurde, in Zweifel stellen. Die Theorie der Elektronen, d. h.

der bewegten Elektrizität, die die Materie vollständig ersetzen soll,

findet momentan kühne Konstruktoren, die hier und da über die Grenze

der Vorsicht gehen und an der Eroberung der neuen wissenschaftlichen

Burg zugrunde gehen, wie sich vergessende, sich den andern opfernde

Soldaten bei dem verzweifelten Sturm einer hartnäckigen Festung.

Aber--"es gibt keine Festung, die man nicht nehmen kann".

* * * * *

Andererseits vermehren sich oder werden nur öfter bekannt solche

_Tatsachen_, die die gestrige Wissenschaft mit dem gewohnten Wort

"Schwindel" begrüßte. Sogar Zeitungen, diese größtenteils gehorsamsten

Diener des Erfolgs und der Plebs, die den Handel mit "was ihr wollt"

treiben, finden sich gezwungen, in manchen Fällen den ironischen Ton

ihrer Berichte der "Wunder" zu beschränken und auch gar zu unterlassen.

Verschiedene Gelehrte, unter welchen sich reinste Materialisten

befanden, widmen ihre Kräfte der wissenschaftlichen Untersuchung der

rätselhaften Tatsachen, die nicht mehr zu leugnen, nicht mehr zu

verschweigen sind[1].

* * * * *

Andererseits endlich mehrt sich die Anzahl der Menschen, welche keine

Hoffnung setzen auf die Methoden der materialistischen Wissenschaft

in Fragen, die mit "Nichtmaterie" oder einer Materie zu tun haben,

die unseren Sinnen nicht zugänglich sind. Und ebenso wie in der

Kunst, welche bei den Primitiven Hilfe sucht, wenden sich diese

Menschen halbvergessenen Zeiten zu mit ihren halbvergessenen Methoden,

um da Hilfe zu finden. Diese Methoden sind aber noch lebendig bei

Völkern, auf welche wir von der Höhe unserer Kenntnisse mitleidig und

verächtlich zu schauen gewohnt waren.

Zu diesen Völkern gehören z. B. die Inder, welche von Zeit zu Zeit

rätselhafte Tatsachen vor die Augen der Gelehrten unserer Kultur

stellen, Tatsachen, die entweder nicht beachtet wurden oder welche

man wie lästige Fliegen durch oberflächliche Erklärungen und Worte[2]

zu scheuchen versuchte. Die Frau H. P. Blawatzky war wohl die erste,

die nach langjährigen Aufenthalten in Indien ein festes Band zwischen

diesen "Wilden" und unserer Kultur gebunden hat. Von hier ab beginnt

in dieser Beziehung eine der größten geistigen Bewegungen, die heute

eine große Anzahl von Menschen vereinigt und sogar eine materielle Form

dieser geistigen Einigung in "Theosophischer Gesellschaft" gebildet

hat. Diese Gesellschaft besteht aus Logen, die auf dem Wege der inneren

Erkenntnis sich den Problemen des Geistes zu nähern versuchen. Ihre

Methoden, die einen vollen Gegensatz zu den positiven bilden, sind im

Ausgangspunkte dem schon Dagewesenen entliehen und werden wieder in

eine verhältnismäßig präzise Form gebracht[3].

[Illustration: V. und H. Dünwegge. Kreuzigung Christi.]

Die theosophische Theorie, die zum Grund dieser Bewegung dient,

wurde von Blawatzky aufgestellt in einer katechismusartigen Form,

wo der Schüler präzise Antworten des Theosophen auf seine Fragen

bekommt[4]. Theosophie ist nach den Worten Blawatzkys gleichbedeutend

mit _ewigwährender Wahrheit_. (S. 248). "Ein neuer Sendbote der

Wahrheit wird von der theosophischen Gesellschaft die Menschheit

für seine Botschaft vorbereitet finden: es wird eine Ausdrucksform

geben, in die er die neuen Wahrheiten wird kleiden können, eine

Organisation, die in einer gewissen Beziehung seine Ankunft erwartet,

um dann die materiellen Hindernisse und Schwierigkeiten von seinem

Wege hinwegzuheben" (S. 250). Und da nimmt Blawatzky an, "daß im

einundzwanzigsten Jahrhundert die Erde ein Himmel sein werde im

Vergleich zu dem, was sie gegenwärtig ist"--damit schließt sie ihr Buch.

Und jedenfalls, wenn auch die Neigung der Theosophen zur Schaffung

einer Theorie, und die etwas voreilige Freude, bald Antwort auf die

Stelle des ewigen immensen Fragezeichens stellen zu können, leicht den

Beobachter etwas skeptisch stimmen kann, so bleibt doch die große, doch

_geistige_ Bewegung da, welche in der geistigen Atmosphäre ein starkes

Agens ist und die auch in dieser Form als Erlösungsklang zu manchem

verzweifelten in Finsternis und Nacht gehüllten Herzen gelangen wird,

doch erscheint damit eine Hand, die zeigt und Hilfe bietet.

* * * * *

Wenn die Religion, Wissenschaft und Moral (die letzte durch die starke

Hand Nietzsches) gerüttelt werden, und wenn die äußeren Stützen zu

fallen drohen, wendet der Mensch seinen Blick von der Äußerlichkeit ab

und _sich selbst zu_.

Die Literatur, Musik und Kunst sind die ersten empfindlichsten Gebiete,

wo sich diese geistige Wendung bemerkbar macht in realer Form. Diese

Gebiete spiegeln das düstere Bild der Gegenwart sofort ab, sie erraten

das Große, was erst als ein kleines Pünktchen nur von wenigen bemerkt

wird und für die große Menge nicht existiert.

Sie spiegeln die große Finsternis, die erst kaum angedeutet

hervor-tritt. Sie verfinstern sich selbst und verdüstern sich.

Andererseits wenden sie sich ab von dem seelenberaubten Inhalt des

gegenwärtigen Lebens und wenden sich zu Stoffen und Umgebungen,

die freie Hand lassen dem nichtmateriellen Streben und Suchen der

dürstenden Seele.

Einer von solchen Dichtern auf dem Gebiete der _Literatur_ ist

Maeterlink. Er führte uns in die Welt, die man phantastisch oder

richtiger übersinnlich nennt. Seine Princesse Maleine, Sept Princesses,

Les Aveugles usw. usw. sind _keine Menschen_ vergangener Zeiten, wie

uns die stilisierten Helden Shakespeares vorkommen. Es sind direkt

Seelen, die in Nebeln suchen, von Nebeln erstickt zu werden bedroht

sind, über welchen eine unsichtbare, düstere Macht schwebt. Die

geistige Finsternis, Unsicherheit des Nichtwissens und die Angst vor

demselben sind die Welt seiner Helden. So ist Maeterlink vielleicht

einer der ersten Propheten, der ersten künstlerischen Berichterstatter

und Hellseher des oben beschriebenen Niederganges. Die Verdüsterung der

geistigen Atmosphäre, die zerstörende und gleichzeitig führende Hand,

und die verzweifelte Angst vor ihr, der verlorene Weg, der vermißte

Führer spiegeln sich deutlich in diesen Werken[5].

Diese Atmosphäre bildet er hauptsächlich durch reinkünstlerische

Mittel, wobei die materiellen Mittel (düstere Burgen, Mondnächte,

Sümpfe, Wind, Eulen usw.) eine mehr symbolische Rolle spielen und mehr

als innerer Laut angewendet werden[6].

Das Hauptmittel von Maeterlink ist die Anwendung des Wortes.

_Das Wort ist ein innerer Klang_. Dieser innere Klang entspringt

teilweise (vielleicht hauptsächlich) dem Gegenstand, welchem das Wort

zum Namen dient. Wenn aber der Gegenstand nicht selbst gesehen wird,

sondern nur sein Name gehört wird, so entsteht im Kopfe des Hörers die

abstrakte Vorstellung, der dematerialisierte Gegenstand, welcher im

"Herzen" eine Vibration sofort hervorruft. So ist der _grüne, gelbe,

rote Baum_ auf der Wiese nur ein materieller Fall, eine zufällige

materialisierte Form des Baumes, welchen wir in uns fühlen, wenn wir

das Wort Baum hören. Geschickte Anwendung wendung (nach dichterischem

_Gefühl_) eines Wortes, eine _innerlich_ nötige Wiederholung desselben

zweimal, dreimal, mehrere Male nacheinander, kann nicht nur zum Wachsen

des inneren Klanges führen, sondern noch andere nicht geahnte geistige

Eigenschaften des Wortes zutage bringen. Schließlich bei öfterer

Wiederholung des Wortes (beliebtes Spiel der Jugend, welches später

vergessen wird) verliert es den äußeren Sinn der Benennung. Ebenso

wird sogar der abstrakt gewordene Sinn des bezeichneten Gegenstandes

vergessen und nur der reine _Klang_ des Wortes entblößt. Diesen

"reinen" Klang hören wir vielleicht unbewußt auch im Zusammenklange

mit dem realen oder später abstrakt gewordenen Gegenstande. Im

letzten Falle aber tritt dieser reine Klang in den Vordergrund und

übt einen direkten Druck auf die Seele aus. Die Seele kommt zu einer

gegenstandslosen Vibration, die noch komplizierter, ich möchte sagen

"übersinnlicher" ist, als eine Seelenerschütterung von einer Glocke,

einer klingenden Saite, einem gefallenen Brette usw. Hier öffnen sich

große Möglichkeiten für die Zukunftsliteratur. In embryonaler Form wird

diese Kraft des Wortes, z. B. schon in den "Serres chaudes" angewendet.

In Maeterlinks Anwendung klingt deswegen düster ein Wort, welches auf

den ersten Eindruck neutral erscheint. Ein einfaches, gewohntes Wort

(wie z. B. Haare) kann in richtig _gefühlter_ Anwendung die Atmosphäre

von Trostlosigkeit, Verzweiflung verbreiten. Und dies ist das Mittel

Maeterlinks. Er zeigt den Weg, auf welchem man bald sieht, daß Donner,

Blitz und Mond hinter jagenden Wolken äußerliche materielle Mittel

sind, welches auf der Bühne noch mehr wie in der Natur "dem schwarzen

Mann" der Kinder gleichen. Wirkliche innere Mittel verlieren nicht so

leicht ihre Kraft und Wirkung[7]. Und das _Wort_, welches also zwei

Bedeutungen hat--die erste direkte und zweite innere--, ist das reine

Material der _Dichtung_ und der Literatur, das Material, welches nur

diese Kunst anwenden kann, und durch welches sie zur Seele spricht.

Etwas Ähnliches tat in der _Musik_ R. Wagner. Sein berühmtes Leitmotiv

ist ebenso eine Bestrebung, den Helden nicht nur durch theatralische

Ausrüstungen, Schminken und Lichteffekte zu charakterisieren,

sondern durch ein gewisses, präzises _Motiv_, also durch ein rein

_musikalisches Mittel_. Dieses Motiv ist eine Art musikalisch

ausgedrückter geistiger Atmosphäre, die dem Helden voraus-geht, die er

also auf Entfernung geistig ausströmt[8].

Die modernsten Musiker, wie _Debussy_, bringen _geistige_ Impressionen,

die sie oft aus der Natur entnehmen und in rein musikalischer Form in

geistige Bilder verwandeln. Gerade Debussy wird deswegen oft mit den

Impressionisten-Malern verglichen, indem man behauptet, daß er diesen

Malern gleich in großen persönlichen Zügen die Naturerscheinungen zum

Zweck seiner Stücke macht. Die Wahrheit, die in dieser Behauptung

liegt, ist nur ein Beispiel dafür, daß verschiedene Künste zu unserer

Zeit beieinander lernen und in Zielen oft einander gleichen. Es wäre

aber kühn zu behaupten, daß in der gebrachten Definierung Debussys

Bedeutung erschöpfend dargestellt ist. Trotz dem Berührungspunkt

mit den Impressionisten ist der Drang dieses Musikers zum inneren

Inhalt dermaßen stark, daß man in seinen Werken sofort die gesprungen

klingende Seele des Gegenwärtigen erkennt mit allen peinigenden Leiden

und erschütterten Nerven. Und andererseits braucht Debussy auch in

den "impressionistischen" Bildern nie eine ganze materielle Note, die

das Charakteristische der Programmusik ist, sondern bleibt bei der

Ausnützung des _inneren_ Wertes der Erscheinung.

Einen großen Einfluß auf Debussy hat die russische Musik gehabt

(Mussorgsky). So ist es nicht verwunderlich, daß er eine gewisse

Verwandtschaft mit den jungen russischen Komponisten hat, zu welchen

in erster Linie Skrjabin gerechnet werden muß. Es ist ein verwandter

innerer Klang in den Kompositionen der beiden. Und derselbe Fehler

verstimmt oft den Zuhörer. D. h. manchmal werden beide Komponisten ganz

plötzlich aus dem Bereiche der "neuen" "Häßlichkeiten" herausgerissen

und folgen dem Reize der mehr oder weniger konventionellen "Schönheit".

Der Zuhörer fühlt sich oft im wirklichen Sinne beleidigt, da er wie

ein Tennisball fortwährend über das Netz geschleudert wird, über das

Netz, welches die zwei gegnerischen Parteien trennt: die Partei des

äußeren "Schönen" und die des inneren "Schönen". Dieses innere Schöne

ist das Schöne, welches mit Verzicht auf das gewohnte Schöne aus

befehlender innerer Notwendigkeit angewendet wird. Dem nicht daran

Gewöhnten erscheint _natürlich_ dieses innere Schöne häßlich, da der

Mensch im allgemeinen zum Äußeren neigt und nicht gerne die innere

Notwendigkeit erkennt. (Und das ganz besonders heute!) Mit diesem

vollen Verzicht auf das gewohnte Schöne, _alle_ Mittel, die zum Zwecke

der Selbstäußerung führen, heilig heißend, geht heute noch allein,

nur von wenigen begeistert anerkannt, der Wiener Komponist Arnold

Schönberg. Dieser "Reklamemacher", "Schwindler" und "Pfuscher" sagt in

seiner Harmonielehre: "... jeder Zusammenklang, jede Fortschreitung

ist möglich. Ich fühle aber bereits heute, daß es auch hier gewisse

Bedingungen gibt, von denen es abhängt, ob ich diese oder jene

Dissonanz verwende"[9].

Hier fühlt Schönberg genau, daß die größte Freiheit, welche die freie

und unbedingte Atmungsluft der Kunst ist, nicht absolut sein kann.

Jeder Epoche ist ein eigenes Maß dieser Freiheit gemessen. Und über die

Grenzen _dieser_ Freiheit vermag die genialste Kraft nicht zu springen.

Aber _dieses_ Maß muß jedenfalls erschöpft werden und wird jedesmal

erschöpft. Es mag die widerspenstige Karre sich sträuben wie sie will!

Diese Freiheit zu erschöpfen sucht auch Schönberg, und auf dem Wege zum

innerlich Notwendigen hat er schon Goldgruben der _neuen Schönheit_

entdeckt. Schönbergsche Musik führt uns in ein neues Reich ein, wo

die musikalischen Erlebnisse keine akustischen sind, sondern _rein

seelische_. Hier beginnt die "Zukunftsmusik".

Nach den idealistischen Idealen kommen die diese ablösenden

impressionistischen Bestrebungen in der _Malerei_. Die letzteren enden

in ihrer dogmatischen Form und rein naturalistischen Zielen in der

Theorie des Neo-Impressionismus, welcher zur selben Zeit ins Abstrakte

greift: Seine Theorie ist (eine von ihm als universal angesehene

Methode), nicht das zufällige Stück Natur auf Leinwand zu fixieren,

sondern die ganze Natur in ihrer Glanz-und Prachterscheinung zu

bringen[10].

[Illustration: Dürer. Beweinung Christi.]

Ziemlich zur selben Zeit bemerken wir drei ganz andere Erscheinungen:

1. Rosetti und seinen Schüler Burne-Jones mit der Reihe ihrer

Nachfolger, 2. Böcklin mit dem von ihm entsprungenen Stuck und ihren

Nachfolgern und 3. Segantini, dem auch die formellen Nachahmer eine

nichtswürdige Schleppe bilden.

Gerade diese drei Namen wurden gewählt als Charakteristik des

Suchens auf nicht materiellen Gebieten. Rosetti wandte sich zu den

Präraffaeliten und suchte ihre abstrakten Formen wieder zum Leben

zu bringen. Böcklin ging auf das Gebiet des Mythologischen und des

Märchenhaften, wobei er im Gegensatz zu Rosetti in stark entwickelte

materielle körperliche Formen seine abstrakten Gestalten kleidete.

Segantini, der in dieser Reihe äußerlich der materiellste ist, nahm

ganz fertige Naturformen, die er manchmal ins kleinste durcharbeitete

(z. B. Bergketten, auch Steine, Tiere usw.), und immer verstand er,

trotz der sichtbar materiellen Form, abstrakte Gestalten zu schaffen,

wodurch er innerlich vielleicht der unmateriellste dieser Reihe ist.

Das sind die Sucher des Inneren im Äußeren.

Über das Geistige in der Kunst, Insbesondere in der Malerei · 第 1 / 7 段