Augenblick im Vorübergehen hielt er inne, um sich zu mustern. Wirklich!
-- er sah aus wie ein Apostel. Das heilige Blond der langen Haare, der
starke, rote, keilförmige Bart, das kühne, feste und doch so unendlich
milde Gesicht, die weiße Mönchskutte, die seine schöne, straffe Gestalt,
seinen elastischen, soldatisch geschulten Körper zu voller Geltung
brachte.
Mit Wohlgefallen spiegelte er sich. Warum sollte er es auch nicht? Warum
sollte er sich selbst nicht bewundern, da er doch nicht aufhörte, die
Natur zu bestaunen in allem, was sie hervorbrachte? Er lief ja durch
die Welt von Wunder zu Wunder, und Dinge, von anderen nicht beachtet,
erzeugten in ihm religiöse Schauer. Übrigens nahm sie sich gut aus --
die Neuerung dieses Morgens: man konnte ja denken, diese Schnur um den
Kopf habe den Zweck, das Haar zusammenzuhalten. Daß sie einem
Heiligenscheine ähnelte, hatte nichts auf sich. Heilige gab es nicht
mehr, oder besser: der Heiligenschein kam jedem Naturerzeugnis, auch dem
kleinsten Blümchen oder Käferchen zu, und dessen Auge war ein profanes
Auge, der nicht über allem solche Heiligenscheine schweben sah. -- --
Auf der Straße war noch niemand: einsamer Sonnenschein lag darauf; hie
und da der lange, ein wenig schräge Schatten eines Hauses. Er bog in ein
Seitengäßchen, das bergan stieg, und klomm bald zwischen Wiesen und
Obstgärten hin aufwärts.
Bisweilen ein hochgiebliges, altväterisches Häuschen, ein enges, mit
Blumen vollgepfropftes Hausgärtchen, dann wieder eine Wiese oder ein
Weinberg. Der Ruch des weißen Jasmins, des blauen Flieders und des
dunkelbrennenden Goldlacks erfüllte stellenweise die reine und starke
Luft, daß er sie wohlig in sich sog wie einen gewürzten Wein.
Er fühlte sich freier nach jedem Schritt.
Wie wenn ein Dorn aus seinem Herzen sich löste, war ihm zu Sinn, als es
ihm das Auge so still und unwiderstehlich nach außen zog. Das Dunkel in
ihm ward aufgesogen von all dem Licht. Die Köpfchen des gelben
Löwenzahns, gleich unzähligen, kleinen Sonnen in das sprießende Grün des
Wegrandes gelegt, blendeten ihn fast. Durch den schweren Blütenregen der
Obstbäume schossen die Sonnenstrahlen schräg in den wiesigen Grund, ihn
mit goldigen Tupfen überdeckend. So honigsüß dufteten die Birken. Und so
viel Leben, Behaglichkeit und Fleiß sprach aus dem verlorenen Sumsen
früher Bienen.
Sorgfältig vermied er im Aufsteigen irgend etwas zu beschädigen oder gar
zu vernichten, was Leben hatte. Das kleinste Käferchen wurde umgangen,
die zudringliche Wespe vorsichtig verscheucht. Er liebte die Mücken und
Fliegen brüderlich, und zu töten, -- auch nur den allergewöhnlichsten
Kohlweißling -- schien ihm das schwerste aller Verbrechen.
Blumen, halbwelk, von Kinderhänden ausgerauft, hob er vom Wege auf, um
sie irgendwo ins Wasser zu werfen. Er selbst pflückte niemals Veilchen
oder Rosen, um sich damit zu schmücken. Er verabscheute Sträuße und
Kränze; er wollte alles an seinem Ort.
Ihm war wohl und zufrieden. Nur, daß er sich selbst nicht sehen konnte,
bedauerte er. Er selbst mit seinem edlen Gange, einsam in der Frühe auf
die Berge steigend: das hätte ein Motiv abgegeben für einen großen
Maler --: und das Bild stand vor seiner Phantasie.
Dann sah er sich um, ob nicht doch vielleicht irgendeine menschliche
Seele bereits wach sei und ihn sehen könne. Niemand war zu erblicken.
Übrigens fing das merkwürdige Schwatzen -- im Ohr oder gar im Kopf
drinnen, er wußte nicht wo -- wieder an. Seit einigen Wochen plagte es
ihn. Sicherlich waren es Blutstockungen. Man mußte laufen, sich
anstrengen, das Blut in schnelleren Umlauf versetzen --
Und er beschleunigte seine Schritte.
Allmählich war er so über die Dächer der Häuser hinausgekommen. Er stand
ruhend still und hatte alle Pracht unter sich. Eine Erschütterung
überkam ihn. Ein Gefühl tiefer Zerknirschung brannte in ihm angesichts
dieser wundervollen Tiefe. -- Lange ließ er das verzückte Auge
umherschwelgen: -- über alles hin, zu der Spitze des jenseitigen
Berges, dessen schründige Hänge zartes, wolliges Grün umzog. --
Hinunter, wo die veilchenfarbne Fläche des Sees den Talgrund ausfüllte,
wo die weichen, grasigen Uferhügel daraus hervorstiegen, grüne Polster,
überschüttet, soweit die Sehkraft reichte, mit Blüten und wieder Blüten.
Dazwischen Häuschen, Villen und Dörfer, deren Fenster elektrisch
aufblitzten, deren rote Dächer und Türme leuchteten.
Nur im Süden, fern, verband ein grauer, silberiger Duft See und Himmel
und verdeckte die Landschaft; aber über ihm, fein und weiß leuchtend,
auf das blasse Blau der Luft gelegt, schemenhaft tauchten sie auf --
einem ungeheuren Silberschatz vergleichbar -- in langer sich
verlierender Reihe: die Spitzen der Schneeberge.
Dort haftete sein Blick -- starr -- lange. Als es ihn los ließ, blieb
nichts Festes mehr in ihm. Alles weich, aufgelöst. Tränen und
Schluchzen.
Er ging weiter.
Von oben her, wo die Buchen anfingen, traf das Geschrei des Kuckucks
sein Ohr: jene zwei Noten, die sich wiederholen, aussetzen, um dann
wieder und wieder zu beginnen. Er ging weiter, nunmehr für sich und
grüblerisch.
Mysteriöse Rührungen waren ihm angesichts der Natur nichts
Ungewöhnliches, so stark und jäh wie diesmal indes hatten sie ihn noch
niemals befallen. -- Es war eben sein Naturgefühl, das stärker und
tiefer wurde. Nichts war begreiflicher, und es tat nicht not, sich
darüber hypochondrische Gedanken zu machen. Übrigens fing es an, sich in
ihm zu verdichten, zu gestalten, zu erbauen. Kaum daß Minuten vergingen,
und alles in ihm war gebunden und fest.
Er stand still, wieder schauend. Nun war es die Stadt unten, die ihn
anzog und abstieß. Wie ein grauer, widerlicher Schorf erschien sie ihm,
wie ein Grind, der weiter fressen würde, in dies Paradies hineingeimpft:
Steinhaufen an Steinhaufen, spärliches Grün dazwischen. Er begriff, daß
der Mensch das allergefährlichste Ungeziefer sei. Jawohl, das stand
außer Zweifel: Städte waren nicht besser als Beulen, Auswüchse der
Kultur. Ihr Anblick verursachte ihm Ekel und Weh.
Zwischen den Buchen angelangt, ließ er sich nieder. Lang ausgestreckt,
den Kopf dicht an der Erde, Humus- und Grasgeruch einziehend, die
transparenten, grünen Halme dicht vor den Augen, lag er da. Ein Behagen
erfüllte ihn so, eine schwellende Liebe, eine taumelnde Glückseligkeit.
Wie Silbersäulen die Buchenstämme. Der wogende und rauschende,
sonnengolddurchschlagene, grüne Baldachin darüber, der Gesang, die
Freude, der eifrige und lachende Jubel der Vögel. Er schloß die Augen,
er gab sich ganz hin. -- --
Dabei stieg ihm der Traum der Nacht auf: eine fremde Stimmung zuerst,
ein Herzklopfen, eine Gehobenheit, die eine Vorstellung mitbrachte, über
deren Ursprung er grübeln mußte. Endlich kam die Erinnerung --: zwischen
Tag und Abend. Eine endlose, staubige, italienische Landstraße, noch
erhitzt, flimmernde Wärme ausströmend. Landleute kommen vom Felde,
braun, bunt, zerlumpt. Männer, Weiber und Kinder mit schwarzen,
stechenden und glaubenskranken Augen. Ärmliche Hütten schräg drüben.
Über sie her einfältiges, katholisches Aveglockengebimmel. Er selbst
bestaubt, müde, hungernd, dürstend. Er schreitet langsam, die Leute
knien am Wegrand, sie falten die Hände, sie beten ihn an. Ihm ist weich,
ihm ist groß.
Er lag und hing an dem Bilde. Fieber, Wollust, göttliche Hoheitsschauer
wühlten in ihm. Er erhob sich Gott gleich.
Nun war er bestürzt, als er die Augen auftat. Wie eine Säule aus Wasser
brach es zusammen und verrann.
Sich selbst fragend und zur Rede stellend, drang er ins Waldinnere. Er
machte sich Vorwürfe über sein verzücktes Träumen; es kam wider seinen
Willen und Entschluß. Die Wucht seiner Gefühle machte ihm bange, dennoch
aber: es konnte sein, daß seine nagende Angst ohne Grund war.
Übrigens wuchs die Angst, obgleich es ihm jetzt gerade ganz klar wurde,
daß sie grundlos war.
Sie hatten ihn wirklich verehrt, die Italiener, deren Dörfer er zu Fuß
durchzogen hatte. Sie waren gekommen, um ihre Kinder von ihm segnen zu
lassen. Warum sollte er nicht segnen, wenn andere Priester segnen
durften? Er hatte etwas -- er hatte mehr mitzuteilen als sie. Es gab ein
Wort, ein einziges wundervolles Wortjuwel: Friede! Darin lag es, was er
brachte, darin lag alles verschlossen -- alles -- alles.
Blutgeruch lag über der Welt. Das fließende Blut war das Zeichen des
Kampfes. Diesen Kampf hörte er toben, unaufhörlich, im Wachen und
Schlafen. Es waren Brüder und Brüder, Schwestern und Schwestern, die
sich erschlugen. Er liebte sie alle, er sah ihr Wüten und rang die
Hände in Schmerz und Verzweiflung.
Mit der Stimme des Donners reden zu können wünschte er glühend.
Angesichts der tosenden Schlacht, auf einem Felsblock, allen sichtbar,
stehend, mußte man rufen und winken. Zu warnen vor dem Bruder- und
Schwestermord, hinzuweisen auf den Weg zum Frieden war eine Forderung
des Gewissens.
Er kannte diesen Weg. Man betrat ihn durch ein Tor mit der Aufschrift:
Natur.
Mut und Eifer hatte die Angst seiner Seele allmählich wieder verdrängt.
Er ging, nicht wissend wohin, predigend im Geiste und bei sich selbst zu
allem Volke redend: ihr seid Fresser und Weinsäufer. Auf euren Tafeln
prangen kannibalisch Tierkadaver. Laßt ab vom Schlemmen! Laßt ab vom
ruchlosen Morde der Kreaturen! Früchte des Feldes seien eure Nahrung!
Eure seidnen Betten, eure Polster, eure kostbaren Möbel und Kleider,
tragt alles zusammen, werft die Fackeln hinein, daß die Flamme himmelan
schlage und es verzehre! Habt ihr das getan, dann kommt -- kommt alle,
die ihr mühselig und beladen seid und folgt mir nach! In ein Land will
ich euch führen, wo Tiger und Büffel nebeneinander weiden, wo die
Schlangen ohne Gift und die Bienen ohne Stachel sind. Dort wird der Haß
in euch sterben und die ewige Liebe lebendig werden.
Ihm schwoll das Herz. Wie ein reißender Strom stürzte der Schwall
strafender, tröstender und ermahnender Worte. Sein ganzer Körper bebte
in Leidenschaft. Mit hinreißender Stärke überkam ihn der Drang, seine
ganze Liebe und Sehnsucht auszuströmen. Als müsse er den Bäumen und
Vögeln predigen, war ihm zumut. Die Kraft seiner Rede mußte
unwiderstehlich sein. Er hätte das Eichhorn, welches in Bogensprüngen
zwischen den Stämmen hinhuschte, mit einem einzigen Worte bannen und zu
sich rufen können. Er wußte es, wußte es sicher, wie man weiß, daß der
Stein fällt. Eine Allmacht war in ihm: die Allmacht der Wahrheit.
Plötzlich hörte der Wald auf. Fast erschreckt, geblendet, wie jemand,
der aus einem tiefen Schacht aufsteigt, sah er die Welt. Aber es hörte
nicht auf in ihm zu wirken. Mit eins kam Richtung in seine Schritte. Er
stieg niederwärts, den abschüssigen Weg laufend und springend.
Wie ein Soldat, der stürmt, das Ziel im Auge, kam er sich nun vor.
Einmal im Laufen, war es schwer sich aufzuhalten. Die schnelle, heftige
Bewegung aber weckte etwas: eine Lust, eine Art Begeisterung, eine
Tollheit.
Das Bewußtsein kam, und mit Grausen sah er sich selbst in großen Sätzen
bergab eilen. Etwas in ihm wollte hastig hemmen, Einhalt tun, aber schon
war es ein Meer, das die Dämme durchbrochen hatte. Ein lähmender Schreck
blieb geduckt im Grunde seiner Seele und ein entsetztes, namenloses
Staunen dazu.
Sein Körper indes, wie etwas Fremdes, tobte entfesselt. Er schlug mit
den Händen, knirschte mit den Zähnen und stampfte den Boden. Er lachte
-- lachte lauter und lauter, ohne daß es abriß.
Als er zu sich kam, zitterte er. Fast gelähmt vor Entsetzen, hielt er
den Stamm einer jungen Linde umklammert. Nur mit Vorsicht und stets in
Angst vor der Wiederkehr des Unbekannten, Fürchterlichen ging er dann
weiter. Aber er wurde doch wieder frei und sicher, so daß er am Ende
über seine Angst lächeln konnte.
Nun, unter dem festen Gleichmaß seiner Schritte, angesichts der ersten
Häuser, kam die Erinnerung seiner Soldatenzeit. Wie oft, das Herz mit
dem tauben Hochgefühl befriedigter Eitelkeit zum Bersten gefüllt, hatte
er als Leutnant, an der Seite der Truppe, unter klingendem Spiele Einzug
gehalten. Er dachte es kaum, und schon hatte in seinem Kopfe die
markige, feurige Marschmusik eingesetzt, durch die er so oft fanatisiert
worden war. Sie klang in seinem Ohr und bewirkte, daß er die Füße in
Takt setzte und Kopf und Brust ungewöhnlich stolz trug. Sie legte das
sieghafte Lächeln um seine Lippen und den lebendigen Glanz in seine
Augen. So marschierend lauschte er zugleich in sich hinein, verwundert,
daß er so jeden Ton, jeden Akkord, jedes Instrument scharf unterschied,
bis auf das Nachschüttern des Zusammenschlags von Pauke und Becken. Er
wußte nicht, sollte ihn die Stärke seiner Vorstellungskraft beunruhigen
oder erfreuen. Ohne Zweifel war es eine Fähigkeit. Er hatte die
Fähigkeit zur Musik. Er würde sicher große Kompositionen geschaffen
haben. Wie viele Fähigkeiten mochten überhaupt in ihm erstickt worden
sein! Übrigens war das gleichgültig. Alle Kunst war Unsinn, Gift. Es gab
andere, wichtigere Dinge für ihn zu tun.
Ein Mädchen in blauem Kattun, mit einem rosa Brusttuch, eine Kanne aus
Blech in der Hand, welches augenscheinlich Milch austrug, kam ihm
entgegen. Er hatte sie mit dem Blick gestreift und bemerkt, wie sie
erstaunt über seinen Anblick still stand und groß auf ihn blickte. Sie
grüßte dann kleinlaut mit ehrfürchtiger Betonung, und er ging gemessen
und ernst dankend an ihr vorüber.
Sofort war alles in ihm verstummt. Weit hinaus wuchs er im Augenblick
über seine bisherigen kleinen Vorstellungen. Wenn er noch etwas wie
Musik in seinem Ohre trug, so war es jedenfalls keine irdische Melodie.
Mit einer Empfindung schritt er, wie wenn er trockenen Fußes über Wasser
ginge. So hehr und groß kam er sich vor, daß er sich selbst zur Demut
ermahnte. Und wie er das tat, mußte er sich an Christi Einzug in
Jerusalem erinnern und schließlich der Worte: Siehe, dein König kommt zu
dir, sanftmütig.
Noch eine Zeitlang fühlte er den Blick des Mädchens sich nachfolgen. Aus
irgendwelchem Grunde hielt er im Gehen möglichst genau die Mitte des
Fahrdamms inne, auch als er eine Biegung machte in eine breite, weiße,
sich abwärts senkende Straße hinein. Dabei wie unter einem Zwange
stehend, mußte er immer und immer wiederholen: Dein König kommt zu dir.
Kinderstimmen sangen diese Worte. Sie lagen ihm noch ungeformt zwischen
Gaumen und Zunge. Aus dem unartikulierten Geräusch seines Atems konnte
er sie heraushören. Dazwischen Hosianna, rauschende Palmenwedel,
Jauchzen, bleiche, verzückte Gesichter. Dann wieder jähe Stille --
Einsamkeit.
Er sah auf, voll Verwunderung. Wie leere Kulissen alles. Häuser aus
Stein rechts und links, stumm, nüchtern, schläfrig. Nachdenklich prüfte
er. Allmählich, da es feststand, begann sein Inneres sich daran zu
ordnen. So wurde er klein, einfach, und fing an nüchtern zu schauen.
Hier und da war ein Fenster geöffnet. Der Kopf eines Hausmädchens wurde
sichtbar, man klopfte einen Betteppich aus. Ein Student, schwarzhaarig,
mit wulstigen Lippen, augenscheinlich ein Russe, drehte auf dem
Fensterbrett seine Frühstückszigarette. Und schon wurde es lebendiger
auf der Straße. Die Augen auf den Boden geheftet, unterließ er es doch
nicht, verstohlen zu beobachten. Oft sah er mitten hinein in ein
breites, freches Lachen. Oft bemerkte er, wie Staunen den Spott bannte.
Aber hinter seinem Rücken befreite sich dann der Spott, und dreiste
Reden, spitz und beißend, flogen ihm nach.
Mit jedem Schritt unter so viel Stichen und Schlägen wurde ihm
alltäglicher zu Sinn. Ein Krampf saß ihm in der Kehle. Der alte bittere,
hoffnungslose Gram trat hervor. Wie eine Mauer, dick, unübersteiglich,
richtete sie sich auf vor ihm, die grausame Blindheit der Menschen.
Nun schien es ihm auf einmal, als ob alles Leugnen unnütz sei. Er war
doch wohl nur eine eitle, kleine, flache Natur. Ihm geschah doch wohl
recht, wenn man ihn verhöhnte und verspottete. So empfand er minutenlang
die Pein und Scham eines entlarvten Hochstaplers und den Wunsch, von
aller Welt fortzulaufen, sich zu verkriechen, zu verstecken, oder auf
irgendeine Weise seinem Leben überhaupt ein Ende zu machen.
Wäre er jetzt allein gewesen, würde er den Strick um seinen Kopf, der
wie ein Heiligenschein aussah, heruntergerissen und verbrannt haben. Wie
unter einer Narrenkrone aus Papier, halb vernichtet vor Scham, ging er
darunter.
In enge, labyrinthische Gäßchen ohne Sonne hatte er eingelenkt. Ein
kleines Fensterchen voller Backware zog ihn an. Er öffnete die Glastür
und trat in den Laden. Der Bäcker sah ihn an -- die Bäckersfrau -- er
wählte ein kleines Brot, sagte nichts und ging.
Vor der Tür hatte sich eine Schar Neugieriger angesammelt: eine alte
Frau, Kinder, ein Schlächtergesell, die Mulde mit roten Fleischstücken
auf der Schulter. Er überflog ihre Gesichter, es war nichts Freches
darin, und ging mitten durch sie hin seines Weges.
Mit welchem Ausdruck sie ihn alle angeblickt hatten! Erst die
Bäckersleute. Als ob er des kleinen Brotes nicht zum Essen bedürfe,
sondern vielmehr, um damit ein Wunder zu tun. Und weshalb warteten die
Leute auf ihn vor den Türen? Es mußte doch einen Grund haben. Und nun
gar das Getrappel und Geflüster hinter ihm drein. Weshalb lief man ihm
nach? Weshalb verfolgte man ihn?
Er horchte gespannt und wurde bald inne, daß er ein Gefolge von Kindern
hinter sich hatte. Durch Kreuz- und Quergehen über kleine Plätze mit
alten Brunnen darauf, absichtlich umkehrend und die Richtung wechselnd,
vergewisserte er sich, daß der kleine Trupp nicht von ihm abließ.
Warum verfolgten sie ihn und ließen sich nicht genügen an seinem
Anblick? Erwarteten sie mehr von ihm? Hofften sie in der Tat von ihm
etwas Neues, Außergewöhnliches, Wundervolles zu sehen? Es kam ihm vor,
als spräche aus der eintönigen Hast der Geräusche ihrer Füße ein starker
Glaube, ja mehr als dies: eine Gewißheit. Und plötzlich ging es ihm hell
auf, weshalb Propheten, wahrhaftige Menschen voll Größe und Reinheit, so
oft am Schluß zu gemeinen Betrügern werden. Er empfand auf einmal eine
brennende Sucht, einen unwiderstehlichen Trieb, etwas Wundervolles zu
verrichten, und die größte Schmach würde ihm klein erschienen sein im
Vergleiche zu dem Eingeständnis seiner Unkraft.
Bis an den Limmatquai war er inzwischen gelangt, und noch immer folgten
ihm die Kleinen. Einige trabten, die größeren machten unmäßig lange
Schritte, um ihm nachzukommen. In abgebrochenen Worten, mit dem
feierlichen Flüsterton der Kirche vorgebracht, bestand ihre
Unterhaltung. Es war ihm bisher nicht gelungen, etwas von dem, was sie
sprachen, zu verstehen. Plötzlich aber -- er hatte es ganz deutlich
gehört -- wurden die Worte »Herr Jesus« ausgesprochen.
Die Wirkung eines Zaubers lag in diesen Worten. Er fühlte sich
aufgehoben durch sie, gestärkt, wiederhergestellt.
Jesus war verhöhnt worden: man hatte ihn geschlagen, angespien und ans
Kreuz genagelt. In Verachtung und Spott bestand der Lohn aller
Propheten. Sein eigenes bißchen Leiden kam nicht in Betracht. Kleine,
feige Nadelstiche hatte man ihm versetzt. Ein Zärtling, der daran
zugrunde ging!
Zum Kampf war man da. Wunden bewiesen den Krieger. Spott und Hohn der
Menge ... wo gab es höhere Ehrenzeichen?! Die Brust damit geschmückt,
durfte man stolz und frei blicken. Und überdies: aus dem Munde der
Unmündigen und Säuglinge hast du dir dein Lob zugerichtet.
Vor einer Frau, die Orangen feilbot, blieb er stehen. Sogleich hielten
auch die Kleinen im Laufen inne, und ein Haufe Neugieriger staute sich
auf dem Bürgersteig. Er hätte seine Früchte gern ohne alles Reden
gekauft. Mit einer Spannung warteten die Leute auf sein erstes Wort, die
ihn befangen und scheu machte. Ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß er
eine Illusion zu schonen hatte, daß es von der Art, wie er sprach,
abhing, ob seine Hörer ihm weiter folgten oder enttäuscht
davonschlichen. Aber es war nicht zu vermeiden, die Hökerfrau fragte und
schwatzte zu viel, und so mußte er endlich reden.
Er war beruhigt und zufrieden, sobald er seine eigene Stimme vernahm;
etwas Singendes und Getragenes lag darin, eine feierliche und gleichsam
melancholische Würde, die, wie er überzeugt war, Eindruck machen mußte.
Er hatte sich kaum je so reden hören, und indem er sprach, wurde ihm das
Reden selbst zum Genuß, wie dem Sänger der Gesang. Auf der Brücke, unter
die hinein der blaugrüne See seine Wellen schlug, hielt er abermals an.
Über das Geländer gebeugt, nahm er aufs neue Licht, Farbe und Frische
des Morgens in sich auf. Der ungestüme, stärkende Wind, der den See
herauffuhr, wehte ihm den Bart über die Schulter und umspülte ihm Stirn
und Brust wie ein kaltes Bad.
Und nun aus der mutigen Aufwallung seines Innern stieg es auf als ein
fester Entschluß. Die Zeit war gekommen. Etwas mußte geschehen. In ihm
war eine Kraft, die Menschheit aufzurütteln. Jawohl! und sie mochten
lachen, spotten und ihn verhöhnen, er würde sie dennoch erlösen, alle,
alle!
Nun fing er an, tief und verschlossen zu grübeln. _Daß_ es geschehen
würde, stand nun fest; _wie_ es geschehen würde, mußte erwogen werden.
Man feierte heute Pfingsten, und das war gut. Um Pfingsten hatten die
Jünger Jesu mit feurigen Zungen geredet. Die Feierstimmung bedeutete
Empfänglichkeit. Einem erschlossenen Acker gleichen die Seelen der
Menschen an Feiertagen.
Tiefer und tiefer ging er in sich hinein, bis er in Räume eindrang,
weit, hoch, unendlich. Und so ganz versunken war er mit allen Sinnen in
diese zweite Welt, daß er wie ein Schlafender nur willenlos sich
fortbewegte. Von allem, was ihn umgab, drang nichts mehr in sein
Bewußtsein außer dem Getrappel der Kinderfüßchen hinter ihm.
Gleichmäßig eine Zeitlang, schwoll es allmählich an, wie wenn den
Wenigen, die ihm folgten, andere sich angeschlossen hätten. Und stärker
und stärker immer, als ob aus Einzelnen Hunderte, aus Hunderten Tausende
geworden wären.
Ganz plötzlich wurde er aufmerksam, und nun war es, als ob hinter ihm
drein Heeresmassen sich wälzten.
In seinen Füßen bis in die Knöchel hinauf spürte er ein Erzittern des
Erdreiches. Er vernahm hinter sich starkes Atmen, heißes, hastiges
Geflüster. Er vernahm Frohlocken, kurz abgerissen, halb unterdrückt, das
sich weit zurück fortpflanzte und erst in tiefen Fernen echohaft
erstarb.
Was das bedeutete, wußte er wohl. Daß es so überraschend schnell kam,
hatte er nicht erwartet. Durch seine Glieder brannte der Stolz eines
Feldherrn, und das Bewußtsein einer unerhörten Verantwortung lastete
nicht schwerer auf ihm wie der Strick auf seinem Kopfe. Er war ja der,
der er war. Er wußte ja den Weg, den er sie führen mußte. Er spürte ja
aus dem Lachen und Drängen seiner Seele, daß es ihm nahe war, jenes
Endglück der Welt, wonach die blinden Menschen mit blutenden Augen und
Händen so viele Jahrtausende vergebens gesucht hatten.
So schritt er voran -- er -- er -- also doch er! und in die Stapfen
seiner Füße stürzten die Völker wie Meereswogen. Zu ihm blickten sie
auf, die Milliarden. Der letzte Spötter war längst verstummt. Der letzte
Verächter war eine Mythe geworden.
So schritt er voran, dem Gebirge entgegen. Dort oben war die Grenze,
dahinter lag das Land, wo das Glück im Arme des Friedens ewig ruhte. Und
schon jetzt durchdrang ihn das Glück mit einer Wucht und Gewalt, die ihm
bewies, daß man athletische Muskeln nötig hatte, um es zu ertragen.
Er hatte sie, er hatte athletische Muskeln. Sein Leben, sein Dasein war
jetzt nur ein wollüstiges, spielendes Kraftentfalten.
Eine Lust kam ihn an, mit Felsen und Bäumen Fangball zu spielen. Aber
hinter ihm rauschten die seidenen Banner, drängte und dröhnte
unaufhaltsam die ungeheure Wallfahrt der Menschen.
Man rief, man lockte, man winkte; schwarze, blaue, rote Schleier
flatterten; blonde offene Frauenhaare; graue und weiße Köpfe nickten;
Fleisch bloßer, nerviger Arme leuchtete auf; begeisterte Augen, zum
Himmel blickend, oder flammend auf ihn gerichtet, voll reinen Glaubens:
auf ihn, der voranschritt.