Die Bahnzüge folgten einander in kurzen Zwischenräumen, und Tobias sah

sie jedesmal mit offenem Munde vorübertoben.

Die Mutter selbst hatte ihren Spaß an seinen drolligen Grimassen.

Das Mittagessen, bestehend aus Kartoffeln und einem Restchen kalten

Schweinebraten, verzehrte man in der Bude. Lene war aufgeräumt, und auch

Thiel schien sich in das Unvermeidliche mit gutem Anstand fügen zu

wollen. Er unterhielt seine Frau während des Essens mit allerlei Dingen,

die in seinen Beruf schlugen. So fragte er sie, ob sie sich denken

könne, daß in einer einzigen Bahnschiene sechsundvierzig Schrauben

säßen und anderes mehr.

Am Vormittage war Lene mit Umgraben fertig geworden; am Nachmittag

sollten die Kartoffeln gesteckt werden. Sie bestand darauf, daß Tobias

jetzt das Kleine warte und nahm ihn mit sich.

»Paß auf ...« rief Thiel ihr nach, von plötzlicher Besorgnis ergriffen,

»paß auf, daß er den Geleisen nicht zu nahe kommt.«

Ein Achselzucken Lenes war die Antwort.

* * * * *

Der schlesische Schnellzug war gemeldet und Thiel mußte auf seinen

Posten. Kaum stand er dienstfertig an der Barriere, so hörte er ihn auch

schon heranbrausen.

Der Zug wurde sichtbar -- er kam näher -- in unzählbaren, sich

überhastenden Stößen fauchte der Dampf aus dem schwarzen

Maschinenschlote. Da: ein -- zwei -- drei milchweiße Dampfstrahlen

quollen kerzengrade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff

der Maschine getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell,

beängstigend. Sie bremsen, dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten

die Notpfiffe schreiend, den Widerhall weckend, diesmal in langer,

ununterbrochener Reihe.

Thiel trat vor, um die Strecke überschauen zu können. Mechanisch zog er

die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin über

die Geleise. -- Jesus Christus! war er blind gewesen? »Jesus Christus --

o Jesus, Jesus, Jesus Christus! was war das? Dort! -- dort zwischen den

Schienen ... Ha--alt!« schrie der Wärter aus Leibeskräften. Zu spät.

Eine dunkle Masse war unter den Zug geraten und wurde zwischen den

Rädern wie ein Gummiball hin und her geworfen. Noch einige Augenblicke,

und man hörte das Knarren und Quietschen der Bremsen. Der Zug stand.

Die einsame Strecke belebte sich. Zugführer und Schaffner rannten über

den Kies nach dem Ende des Zuges. Aus jedem Fenster blickten neugierige

Gesichter und jetzt -- die Menge knäulte sich und kam nach vorn.

Thiel keuchte; er mußte sich festhalten, um nicht umzusinken wie ein

gefällter Stier. Wahrhaftig, man winkt ihm -- »nein!«

Ein Aufschrei zerreißt die Luft von der Unglücksstelle her, ein Geheul

folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend. Wer war das?! Lene?! Es

war nicht ihre Stimme und doch ...

Ein Mann kommt in Eile die Strecke herauf.

»Wärter!!«

»Was gibt's?«

»Ein Unglück!« ... Der Bote schrickt zurück, denn des Wärters Augen

spielen seltsam. Die Mütze sitzt schief, die roten Haare scheinen sich

aufzubäumen.

»Er lebt noch, vielleicht ist noch Hilfe.«

Ein Röcheln ist die einzige Antwort.

»Kommen Sie schnell, schnell!«

Thiel reißt sich auf mit gewaltiger Anstrengung. Seine schlaffen Muskeln

spannen sich; er richtet sich hoch auf, sein Gesicht ist blöd und tot.

Er rennt mit dem Boten, er sieht nicht die todbleichen, erschreckten

Gesichter der Reisenden in den Zugfenstern. Eine junge Frau schaut

heraus, ein Handlungsreisender im Fes, ein junges Paar, anscheinend auf

der Hochzeitsreise. Was geht's ihn an? Er hat sich nie um den Inhalt

dieser Polterkasten gekümmert; -- sein Ohr füllt das Geheul Lenens. Vor

seinen Augen schwimmt es durcheinander, gelbe Punkte, Glühwürmchen

gleich, unzählig. Er schrickt zurück -- er steht. Aus dem Tanze der

Glühwürmchen tritt es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn,

braun und blau geschlagen, blaue Lippen, über die schwarzes Blut

tröpfelt. Er ist es.

Thiel spricht nicht. Sein Gesicht nimmt eine schmutzige Blässe an. Er

lächelt wie abwesend; endlich beugt er sich; er fühlt die schlaffen,

toten Gliedmaßen schwer in seinen Armen; die rote Fahne wickelt sich

darum.

Er geht.

Wohin?

»Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt,« tönt es durcheinander.

»Wir nehmen ihn gleich mit,« ruft der Packmeister und macht in seinem

Wagen aus Dienströcken und Büchern ein Lager zurecht. »Nun also?«

Thiel macht keine Anstalten, den Verunglückten loszulassen. Man drängt

in ihn. Vergebens. Der Packmeister läßt eine Bahre aus dem Packwagen

reichen und beordert einen Mann, dem Vater beizustehen.

Die Zeit ist kostbar. Die Pfeife des Zugführers trillert. Münzen regnen

aus den Fenstern.

Lene gebärdet sich wie wahnsinnig. »Das arme, arme Weib,« heißt es in

den Kupees, »die arme, arme Mutter.«

Der Zugführer trillert abermals -- ein Pfiff -- die Maschine stößt

weiße, zischende Dämpfe aus ihren Zylindern und streckt ihre eisernen

Sehnen; einige Sekunden und der Kurierzug braust mit wehender Rauchfahne

in doppelter Geschwindigkeit durch den Forst.

Der Wärter, anderen Sinnes geworden, legt den halbtoten Jungen auf die

Bahre. Da liegt er da in seiner verkommenen Körpergestalt, und hin und

wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die knöcherne Brust, welche

unter dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die Ärmchen und Beinchen, nicht

nur in den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatürlichsten Stellungen

ein. Die Ferse des kleinen Fußes ist nach vorn gedreht. Die Arme

schlottern über den Rand der Bahre.

Lene wimmert in einem fort; jede Spur ihres einstigen Trotzes ist aus

ihrem Wesen gewichen. Sie wiederholt fortwährend eine Geschichte, die

sie von jeder Schuld an dem Vorfall reinwaschen soll.

Thiel scheint sie nicht zu beachten; mit entsetzlich bangem Ausdruck

haften seine Augen an dem Kinde.

Es ist still ringsum geworden, totenstill; schwarz und heiß ruhen die

Geleise auf dem blendenden Kies. Der Mittag hat die Winde erstickt, und

regungslos wie aus Stein steht der Forst.

Die Männer beraten sich leise. Man muß, um auf dem schnellsten Wege nach

Friedrichshagen zu kommen, nach der Station zurück, die nach der

Richtung Breslau liegt, da der nächste Zug, ein beschleunigter

Personenzug, auf der Friedrichshagen nähergelegenen nicht anhält.

Thiel scheint zu überlegen, ob er mitgehen solle. Augenblicklich ist

niemand da, der den Dienst versteht. Eine stumme Handbewegung bedeutet

seiner Frau, die Bahre aufzunehmen; sie wagt nicht, sich zu widersetzen,

obgleich sie um den zurückbleibenden Säugling besorgt ist. Sie und der

fremde Mann tragen die Bahre. Thiel begleitet den Zug bis an die Grenze

seines Reviers, dann bleibt er stehen und schaut ihm lange nach.

Plötzlich schlägt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, daß es

weithin schallt.

Er meint sich zu erwecken, »denn es wird ein Traum sein, wie der

gestern,« sagt er sich. -- Vergebens. -- Mehr taumelnd als laufend

erreichte er sein Häuschen. Drinnen fiel er auf die Erde, das Gesicht

voran. Seine Mütze rollte in die Ecke, seine peinlich gepflegte Uhr fiel

aus der Tasche, die Kapsel sprang, das Glas zerbrach. Es war, als hielt

ihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, daß er sich nicht

bewegen konnte, so sehr er auch unter Ächzen und Stöhnen sich frei zu

machen suchte. Seine Stirn war kalt, seine Augen trocken, sein Schlund

brannte.

Die Signalglocke weckte ihn. Unter dem Eindruck jener sich

wiederholenden drei Glockenschläge ließ der Anfall nach. Thiel konnte

sich erheben und seinen Dienst tun. Zwar waren seine Füße bleischwer,

zwar kreiste um ihn die Strecke wie die Speiche eines ungeheuren Rades,

dessen Achse sein Kopf war; aber er gewann doch wenigstens so viel

Kraft, sich für einige Zeit aufrechtzuerhalten.

Der Personenzug kam heran. Tobias mußte darin sein. Je näher er rückte,

um so mehr verschwammen die Bilder vor Thiels Augen. Am Ende sah er nur

noch den zerschlagenen Jungen mit dem blutigen Munde. Dann wurde es

Nacht.

Nach einer Weile erwachte er aus einer Ohnmacht. Er fand sich dicht an

der Barriere im heißen Sande liegen. Er stand auf, schüttelte die

Sandkörner aus seinen Kleidern und spie sie aus seinem Munde. Sein Kopf

wurde ein wenig freier, er vermochte ruhiger zu denken.

In der Bude nahm er sogleich seine Uhr vom Boden auf und legte sie auf

den Tisch. Sie war trotz des Falles nicht stehengeblieben. Er zählte

während zweier Stunden die Sekunden und Minuten, indem er sich

vorstellte, was indes mit Tobias geschehen mochte: Jetzt kam Lene mit

ihm an; jetzt stand sie vor dem Arzte. Dieser betrachtete und betastete

den Jungen und schüttelte den Kopf.

»Schlimm, sehr schlimm -- aber vielleicht ... wer weiß?« Er untersuchte

genauer. »Nein,« sagte er dann, »nein, es ist vorbei.«

»Vorbei, vorbei,« stöhnte der Wärter. Dann aber richtete er sich hoch

auf und schrie, die rollenden Augen an die Decke geheftet, die erhobenen

Hände unbewußt zur Faust ballend und mit einer Stimme, als müsse der

enge Raum davon zerbersten: »Er muß, muß leben, ich sage dir, er muß,

muß leben.« Und schon stieß er die Tür des Häuschens von neuem auf,

durch die das rote Feuer des Abends hereinbrach, und rannte mehr als er

ging nach der Barriere zurück. Hier blieb er eine Weile wie betroffen

stehen und schritt dann plötzlich, beide Arme ausbreitend, bis in die

Mitte des Dammes, als wenn er etwas aufhalten wollte, das aus der

Richtung des Personenzuges kam. Dabei machten seine weit offenen Augen

den Eindruck der Blindheit.

Während er, rückwärts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stieß er

in einem fort halbverständliche Worte zwischen den Zähnen hervor: »Du --

hörst du -- bleib doch -- du -- hör doch -- bleib -- gib ihn wieder --

er ist braun und blau geschlagen -- ja ja -- gut -- ich will sie wieder

braun und blau schlagen -- hörst du? bleib doch -- gib ihn mir wieder.«

Es schien, als ob etwas an ihm vorüberwandle, denn er wandte sich und

bewegte sich, wie um es zu verfolgen, nach der anderen Richtung.

»Du, Minna« -- seine Stimme wurde weinerlich, wie die eines kleinen

Kindes. »Du, Minna, hörst du? -- gib ihn wieder -- ich will ...« Er

tastete in die Luft, wie um jemand festzuhalten. »Weibchen -- ja -- und

da will ich sie ... und da will ich sie auch schlagen -- braun und blau

-- auch schlagen -- und da will ich mit dem Beil -- siehst du? --

Küchenbeil -- mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie

verrecken.«

»Und da ... ja mit dem Beil -- Küchenbeil ja -- schwarzes Blut!« Schaum

stand vor seinem Munde, seine gläsernen Pupillen bewegten sich

unaufhörlich.

Ein sanfter Abendhauch strich leis und nachhaltig über den Forst, und

rosaflammiges Wolkengelock hing über dem westlichen Himmel.

Etwa hundert Schritt hatte er so das unsichtbare Etwas verfolgt, als er

anscheinend mutlos stehenblieb, und mit entsetzlicher Angst in den

Mienen streckte der Mann seine Arme aus, flehend, beschwörend. Er

strengte seine Augen an und beschattete sie mit der Hand, wie um noch

einmal in weiter Ferne das Wesenlose zu entdecken. Schließlich sank die

Hand, und der gespannte Ausdruck seines Gesichts verkehrte sich in

stumpfe Ausdruckslosigkeit; er wandte sich und schleppte sich den Weg

zurück, den er gekommen.

Die Sonne goß ihre letzte Glut über den Forst, dann erlosch sie. Die

Stämme der Kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes Gebein

zwischen die Wipfel hinein, die wie grauschwarze Moderschichten auf

ihnen lasteten. Das Hämmern eines Spechtes durchdrang die Stille. Durch

den kalten, stahlblauen Himmelsraum ging ein einziges verspätetes

Rosengewölk. Der Windhauch wurde kellerkalt, so daß es den Wärter

fröstelte. Alles war ihm neu, alles fremd. Er wußte nicht, was das war,

worauf er ging, oder das, was ihn umgab. Da huschte ein Eichhorn über

die Strecke, und Thiel besann sich. Er mußte an den lieben Gott denken,

ohne zu wissen warum. »Der liebe Gott springt über den Weg, der liebe

Gott springt über den Weg.« Er wiederholte diesen Satz mehrmals,

gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit zusammenhing. Er unterbrach

sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn, »aber mein Gott, das ist ja

Wahnsinn.« Er vergaß alles und wandte sich gegen diesen neuen Feind. Er

suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, vergebens! Es war ein

haltloses Streifen und Schweifen. Er ertappte sich auf den unsinnigsten

Vorstellungen und schauderte zusammen im Bewußtsein seiner

Machtlosigkeit.

Aus dem nahen Birkenwäldchen kam Kindergeschrei. Es war das Signal zur

Raserei. Fast gegen seinen Willen mußte er darauf zueilen und fand das

Kleine, um welches sich niemand mehr gekümmert hatte, weinend und

strampelnd ohne Bettchen im Wagen liegen. Was wollte er tun? Was trieb

ihn hierher? Ein wirbelnder Strom von Gefühlen und Gedanken verschlang

diese Fragen.

»Der liebe Gott springt über den Weg,« jetzt wußte er, was das bedeuten

wollte. »Tobias« -- sie hatte ihn gemordet -- Lene -- ihr war er

anvertraut -- »Stiefmutter, Rabenmutter,« knirschte er, »und ihr Balg

lebt.« Ein roter Nebel umwölkte seine Sinne, zwei Kinderaugen

durchdrangen ihn; er fühlte etwas Weiches, Fleischiges zwischen seinen

Fingern. Gurgelnde und pfeifende Laute, untermischt mit heiseren

Ausrufen, von denen er nicht wußte, wer sie ausstieß, trafen sein Ohr.

Da fiel etwas in sein Hirn wie Tropfen heißen Siegellacks, und es hob

sich wie eine Starre von seinem Geist. Zum Bewußtsein kommend, hörte er

den Nachhall der Meldeglocke durch die Luft zittern.

Mit eins begriff er, was er hatte tun wollen: seine Hand löste sich von

der Kehle des Kindes, welches sich unter seinem Griffe wand. -- Es rang

nach Luft, dann begann es zu husten und zu schreien.

»Es lebt! Gott sei Dank, es lebt!« Er ließ es liegen und eilte nach dem

Übergange. Dunkler Qualm wälzte sich fernher über die Strecke, und der

Wind drückte ihn zu Boden. Hinter sich vernahm er das Keuchen einer

Maschine, welches wie das stoßweise gequälte Atmen eines kranken Riesen

klang.

Ein kaltes Zwielicht lag über der Gegend.

Nach einer Weile, als die Rauchwolken auseinandergingen, erkannte Thiel

den Kieszug, der mit geleerten Loren zurückging und die Arbeiter mit

sich führte, welche tagsüber auf der Strecke gearbeitet hatten.

Der Zug hatte eine reichbemessene Fahrzeit und durfte überall anhalten,

um die hie und da noch beschäftigten Arbeiter aufzunehmen, andere

hingegen abzusetzen. Ein gutes Stück vor Thiels Bude begann man zu

bremsen. Ein lautes Quietschen, Schnarren, Rasseln und Klirren

durchdrang weithin die Abendstille, bis der Zug unter einem einzigen

schrillen, langgedehnten Ton stillstand.

Etwa fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen waren in den Loren verteilt.

Fast alle standen aufrecht, einige unter den Männern mit entblößtem

Kopfe. In ihrer aller Wesen lag eine rätselhafte Feierlichkeit. Als sie

des Wärters ansichtig wurden, erhob sich ein Flüstern unter ihnen. Die

Alten zogen die Tabakspfeifen zwischen den gelben Zähnen hervor und

hielten sie respektvoll in den Händen. Hie und da wandte sich ein

Frauenzimmer, um sich zu schneuzen. Der Zugführer stieg auf die Strecke

herunter und trat auf Thiel zu. Die Arbeiter sahen, wie er ihm feierlich

die Hand schüttelte, worauf Thiel mit langsamem, fast militärisch-steifem

Schritt auf den letzten Wagen zuschritt.

Keiner der Arbeiter wagte ihn anzureden, obgleich sie ihn alle kannten.

Aus dem letzten Wagen hob man soeben das kleine Tobiäschen.

Es war tot.

Lene folgte ihm; ihr Gesicht war bläulich-weiß, braune Kreise lagen um

ihre Augen.

Thiel würdigte sie keines Blickes; sie aber erschrak beim Anblick ihres

Mannes. Seine Wangen waren hohl, Wimpern und Barthaare verklebt, der

Scheitel, so schien es ihr, ergrauter als bisher. Die Spuren

vertrockneter Tränen überall auf dem Gesicht; dazu ein unstetes Licht in

seinen Augen, davor sie ein Grauen ankam.

Auch die Tragbahre hatte man wieder mitgebracht, um die Leiche

transportieren zu können.

Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, entsetzliche

Versonnenheit hatte sich Thiels bemächtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel

Rehe setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten

zwischen den Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum,

da pfiff die Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde.

In dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzen wollte, brach

Thiel zusammen.

Der Zug hielt abermals, und es entspann sich eine Beratung über das, was

nun zu tun sei. Man entschied sich dafür, die Leiche des Kindes

einstweilen im Wärterhaus unterzubringen und statt ihrer den durch kein

Mittel wieder ins Bewußtsein zu rufenden Wärter mittelst der Bahre nach

Hause zu bringen.

Und so geschah es. Zwei Männer trugen die Bahre mit dem Bewußtlosen,

gefolgt von Lene, die, fortwährend schluchzend, mit tränenüberströmtem

Gesicht den Kinderwagen mit dem Kleinsten durch den Sand stieß.

Wie eine riesige purpurglühende Kugel lag der Mond zwischen den

Kieferschäften am Waldesgrund. Je höher er rückte um so kleiner schien

er zu werden, um so mehr verblaßte er. Endlich hing er, einer Ampel

vergleichbar, über dem Forst, durch alle Spalten und Lücken der Kronen

einen matten Lichtdunst drängend, welcher die Gesichter der

Dahinschreitenden leichenhaft anmalte.

Rüstig, aber vorsichtig schritt man vorwärts, jetzt durch enggedrängtes

Jungholz, dann wieder an weiten hochwaldumstandenen Schonungen entlang,

darin sich das bleiche Licht wie in großen, dunklen Becken angesammelt

hatte.

Der Bewußtlose röchelte von Zeit zu Zeit oder begann zu phantasieren.

Mehrmals ballte er die Fäuste und versuchte mit geschlossenen Augen sich

emporzurichten.

Es kostete Mühe, ihn über die Spree zu bringen; man mußte ein zweites

Mal übersetzen, um die Frau und das Kind nachzuholen.

Als man die kleine Anhöhe des Ortes emporstieg, begegnete man einigen

Einwohnern, welche die Botschaft des geschehenen Unglücks sofort

verbreiteten.

Die ganze Kolonie kam auf die Beine.

Angesichts ihrer Bekannten brach Lene in erneutes Klagen aus.

Man beförderte den Kranken mühsam die schmale Stiege hinauf in seine

Wohnung und brachte ihn sogleich zu Bett. Die Arbeiter kehrten sogleich

um, um Tobiäschens Leiche nachzuholen.

Alte erfahrene Leute hatten kalte Umschläge angeraten, und Lene befolgte

ihre Weisung mit Eifer und Umsicht. Sie legte Handtücher in eiskaltes

Brunnenwasser und erneuerte sie, sobald die brennende Stirn des

Bewußtlosen sie durchhitzt hatte. Ängstlich beobachtete sie die Atemzüge

des Kranken, welche ihr mit jeder Minute regelmäßiger zu werden

schienen.

Die Aufregungen des Tages hatten sie doch stark mitgenommen und sie

beschloß, ein wenig zu schlafen, fand jedoch keine Ruhe. Gleichviel ob

sie die Augen öffnete oder schloß, unaufhörlich zogen die Ereignisse der

Vergangenheit daran vorüber. Das Kleine schlief. Sie hatte sich entgegen

ihrer sonstigen Gewohnheit wenig darum bekümmert. Sie war überhaupt eine

andere geworden. Nirgend eine Spur des früheren Trotzes. Ja, dieser

kranke Mann mit dem farblosen, schweißglänzenden Gesicht regierte sie im

Schlaf.

Eine Wolke verdeckte die Mondkugel, es wurde finster im Zimmer, und Lene

hörte nur noch das schwere, aber gleichmäßige Atemholen ihres Mannes.

Sie überlegte, ob sie Licht machen sollte. Es wurde ihr unheimlich im

Dunkeln. Als sie aufstehen wollte, lag es ihr bleiern in allen Gliedern,

die Lider fielen ihr zu, sie entschlief.

Nach Verlauf von einigen Stunden, als die Männer mit der Kindesleiche

zurückkehrten, fanden sie die Haustüre weit offen. Verwundert über

diesen Umstand stiegen sie die Treppe hinauf, in die obere Wohnung,

deren Tür ebenfalls weit geöffnet war.

Man rief mehrmals den Namen der Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.

Endlich strich man ein Schwefelholz an der Wand, und der aufzuckende

Lichtschein enthüllte eine grauenvolle Verwüstung.

»Mord, Mord!«

Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener

Hirnschale.

»Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!«

Kopflos lief man umher. Die Nachbarn kamen, einer stieß an die Wiege.

»Heiliger Himmel« und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem

Blick. Da lag das Kind mit durchschnittenem Halse.

Der Wärter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in

derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn

der diensttuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle

sitzend, wo Tobiäschen überfahren worden war.

Er hielt das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es ununterbrochen

wie etwas, das Leben hat.

Der Wärter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und

bemerkte bald, daß er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe.

Der Wärter am Block, davon in Kenntnis gesetzt, erbat telegraphische

Hilfe.

Nun versuchten mehrere Männer ihn durch gutes Zureden von den Geleisen

fortzulocken; jedoch vergebens.

Der Schnellzug, der um diese Zeit passierte, mußte anhalten, und erst

der Übermacht seines Personales gelang es, den Kranken, der alsbald

furchtbar zu toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen.

Man mußte ihm Hände und Füße binden, und der inzwischen requirierte Gendarm

überwachte seinen Transport nach dem Berliner Untersuchungsgefängnisse,

von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach der Irrenabteilung der

Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune

Mützchen in Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt und

Zärtlichkeit.

Der Apostel

Spät am Abend war er in Zürich angelangt. Eine Dachkammer in der

»Taube«, ein wenig Brot und klares Wasser, bevor er sich niederlegte:

das genügte ihm.

Er schlief unruhig wenige Stunden. Schon kurz nach vier erhob er sich.

Der Kopf schmerzte ihn. Er schob es auf die lange Eisenbahnfahrt vom

gestrigen Tage. Um so etwas auszuhalten mußte man Nerven wie Seile

haben. Er haßte diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerüttel, Gestampf und

Gepolter, mit ihren jagenden Bildern; -- er haßte sie und mit ihnen die

meisten anderen der sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten

Kultur.

Durch den Gotthard allein ... es war wirklich eine Tortur, durch den

Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lämpchens,

mit dem Bewußtsein, diese ungeheure Steinmasse über sich zu haben. Dazu

dieses markerschütternde Konzert von Geräuschen im Ohr. Es war eine

Tortur, es war zum Verrücktwerden! In einen Zustand war er

hineingeraten, in eine Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so

zurücksank und dann wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hölle und

so tosend wurde, daß es alles in einem förmlich zerschlug ... nie und

nimmer würde er nochmals durch den Gotthard fahren!

Man hatte nur einen Kopf. Wenn der einmal aufgestört war -- der

Bienenschwarm da drinnen -- da mochte der Teufel wieder Ruhe schaffen:

alles brach durch seine Grenzen, verlor die natürlichen Dimensionen,

dehnte sich hoch auf und hatte einen eigenen Willen.

Die Nacht hatte es ihn noch geplagt, nun sollte es damit ein Ende haben.

Der kalte, klare Morgen mußte das seinige tun. Übrigens würde er von

hier ab nach Deutschland hinein zu Fuße reisen.

Er wusch sich und zog die Kleider über. Als er die Sandalen unterband,

tauchte ihm flüchtig auf, wie er zu dem Kostüm, das er trug und das ihn

von allen übrigen Menschen unterschied, gekommen war: die Gestalt

Meister Diefenbachs ging vorüber. -- Dann war es ein Sprung in frühe

Jahre: er sah sich selbst in der sogenannten Normaltracht zur Schule

gehen -- der Glatzkopf des Vaters blickte hinter dem Ladentische der

Apotheke hervor, die Tracht des Sohnes milde bespöttelnd. Die Mutter

hatte doch immer gesagt, er sei kein Hypochonder. Der Glatzkopf und das

junge Frauengesicht schoben sich nebeneinander. Welch ein ungeheurer

Unterschied! Daß er das früher nie bemerkt hatte.

Die Sandalen saßen fest. Er legte den Strick, der die weiße Frieskutte

zusammenhielt, um die Hüften und eine Schnur rund um den Kopf.

Bahnwärter Thiel · 第 2 / 4 段