Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und kann darüber mit

sich und der Welt zerfallen; einem Windhund passiert das nicht; denn

sein ganzes Leben ist ein Irrtum.

Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge Mensch -- warum

setzt er sich nicht ein Jahr hinter die Bücher und läßt sich testieren,

was er gelernt hat? Es warten Tausende von jungen Leuten in der Welt

auf ein Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb

unentschlossen davor -- es fehlt ihm der Trieb, und er ist zuletzt doch

nur ein Blender.

Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen wilden und bitteren

Kampf mit sich selbst; denn es ward herrschend, was die Erziehung in

sorgsam gehüteten Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man

ihm ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles will ich

Dir geben, wenn ...« Und auf der anderen Seite stand Maria Reh, die

ihn damals zu sich selbst geführt hatte, und kämpfte um ihn. Sie war

verärgert und hatte der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn

schiffbrüchig machen wollte.

So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, als die langen

Sommerferien Ruhe brachten.

Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber die

Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; denn danach

fragte man ihn in der Oktoberprüfung nicht. Es klangen auch die Worte

Ernst Haeckels in ihm nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten

Semester. Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und Wiese

gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die Naturwissenschaften

gewesen waren, die ihn zur Kunst geführt hatten. Seine Freude an

Farben, Formen und Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als

Künstlerin belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher

Entdeckerlust nachgegangen war.

Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie bedrängte Tante

Veronika nicht, aber sie quälte sich doch an dem ruhevollen Zuwarten

der alten Freundin, und die Frage trat groß und voll Rätsel vor

sie hin: warum diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen

Menschen, der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald zog?

Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die Mitte des Septembers

ein Brief kam, der von der Oktoberprüfung redete, und wie er

wohlgerüstet hineinschritte. Er hätte auch viele Tage gemalt, und die

Sorge um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm zuletzt ganz

aus dem Sinne gekommen ...

Gwendolin hatte Weimar im September für immer verlassen. Ehe sie ging,

hatte sie ihn noch mit Felidora Ritter bekannt gemacht. Das war etwas

ganz Neues, Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein reifes

Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin. Sie war eine

von jenen, welche die Männer -- wenn sie brünett und sehr jung sind

-- schon über dem Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam

für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist gewesen war

wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel und Segel hoch und fuhr der

ährenblonden Felidora entgegen.

Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die Weltkugel aus Blech

an einem dünnen Faden und pendelte, wohin er es stieß.

Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre. Er hatte da einen

Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug hin und her eins auf: dürftiger

Kram, den er kannte, und der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch

nur eine Stunde gebangt? -- Es sah in ihm aus wie in seinem Häuschen,

das er den Sommer über selbst in Ordnung gehalten hatte. Das Gartenhaus

Dos stand nun seit zwei Monaten mit geschlossenen Augen ...

Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene Einsamkeit

Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was ist das mit Dir? Da sitzt

die blonde Felidora in dem Stübchen Gwendolins -- warum nimmst Du sie

Dir nicht? Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen ...«

Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann lief er mit

begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie fand, führte er sie auf dem

alten Wall unter den hohen Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.

»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf diesem Weg ist

Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb gegangen und Maria Reh und

Doris Rinkhaus. Alle in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer ...«

»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er hinzu. »Die anderen

sind alle von selber gekommen, aber Felidora hab' ich gesucht -- schon

seit einer Woche.«

Da ging sie mit in den Baumgarten.

Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in ihrer Stimme war

ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten, voll von zitterndem Glanze.

Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen wie in die

Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«

Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte mich doch vor

Ihnen.«

»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter und schritt mit

ihr über die blanken Netze, die auf der Baumwiese lagen. Da verfingen

sich ihre Füße in den Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.

Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd wäre. Aus den

Feldern zog noch der Duft von gebackenem Brot, aber die Felder waren

längst abgeerntet. Und hin und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras.

Das war unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch einmal so

wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen darin Pfingsten feiern

konnten.

In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit ihren Händen

schützen.

»Es tut nicht weh!« sagte er.

»Nein?« fragte sie.

»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«

»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«

»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«

So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz. Den Hut und

die Handschuhe und die Tasche Felidoras hatten sie noch rasch daneben

hingelegt. Und auf dem hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine

grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen, reifen Früchte

heraus.

Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über sie, und Jockele

rauschte wie das Meer, wenn sich die Morgensonne hineinstürzt.

»So -- nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte sie ernsthaft. »Du

bringst mich ja um mich selber! Jetzt gehen wir hinein, oder wir gehen

hinaus ins Feld, und Du liest mir das Hexenlied vor.«

Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden, an dem der Tag mit

diesem Gedichte aufgereiht war.

Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und sagte: »Denkst Du

denn, man kennt in Weimar nur Deine irdischen Lieben?«

Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden und in

pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos Fenster gestiegen war. Der

mädchenhafte Schwatz, den nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel

ihn jäh an.

In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das Kapitel Maria

Reh heraus und warf es in den Winkel zu dem Fastnachtsspiele Minchen

Herzlieb.

»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn das Leben

verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der Papagei, der nebenan auf der

Mauer steht und alle Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein

Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit oder eine

Geschmacklosigkeit -- und dies alles, weil sie keiner geheiratet hat!«

»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«

»Na ja!« -- Er schütterte sich lachend wieder hinein in die frühere

Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn im Sommerkorn.

»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich berausche mich über

dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«

»Da auch?« neckte sie.

»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und von so

sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie einst, als ich ... als

ich noch Maler war ... Setz Dich so,« sagte er, »mit dem Rücken nach

mir!«

Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den kleinen Ofen ansehen

mußte.

Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine feierliche

Stimme, und dann las er und schaute manchmal auf, ob sie sich nach ihm

umwende.

Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen Augen zu,

schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium hinein. In ein tiefes

Erleben wollüstiger Schmerzen. Es rollte Donner aus der Klosterzelle

des Mönchs Medardus, es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte

der Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte, wandte sich

Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster und fühlte, wie der Schweiß an

seinen Schläfen herniedersickerte. Sie blieben noch lange so.

Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über das verebbende

Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora sprang empor und warf ihre

Arme um ihn und sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch

setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was er werden

soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«

Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen Schlag. Sie

jubelte das mitten in die Stunde hinein, in der er das Kapitel Maria

Reh aus seinem Leben gerissen hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit

von ihm. Husch allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen

Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war. Das Pathos des

Berges der Seligkeiten fiel noch mit schönem, purpurnem Leuchten über

ihn ... Und nun standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und

warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.

Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen Himmel seines

Herzens. -- »Wenn sie das sagt,« dachte er, »so bin ich nichts weiter

als ein Tag in ihrem Leben! Sie will nichts von mir; sie hält keine

Rechnung in den Händen wie Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das

bist Du mir schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung, und

sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«

Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.

»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit drei Monaten

immer so in keuchendem Schwunge ... Naturforscher, Maler, Bräutigam,

Schauspieler, ~Primo amoroso~, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der

Seligkeiten, Zigeuner, Hypnotiseur -- hast Du die Stirn, zu sagen, ich

hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht? Komm!« rief er und

langte den Hut vom Nagel am Türpfosten herab und drückte sich ihn keck

aufs Ohr.

»Wohin?«

»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den Hut -- so, weißt

Du, so!«

Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und nieder und hatte die

Augen voll Hexenlied und Juchhei. Dann warf er den Hut auf den Stuhl

und tobte in Anderthalbmeterschritten durch die Stube.

Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten

Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich glaube, Du bist ein

richtiges Genie.«

»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der langen Reihe der

Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins vorhin vergessen!«

»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht paßt nicht für

Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«

Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von ihm fertigmachen

zum Ausgang.

»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«

»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«

»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht auch solch ein

halbverblödeter Wedekind dabei ist -- ich meine, man könnte sich da

gleich ein paar nette Rollen aussuchen,« lachte er bitter. Aber draußen

unter den Bäumen, durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden

zog, fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.

Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater gingen, wollte sie

nicht kommen. -- Er war froh, als diese Tage vorbei waren; denn danach

trieben sie ihre junge Liebe wild und königlich in die Blüte.

Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen festlich machen

sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am fünften Oktober, sie wurde da

einundzwanzig.

Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und drüben, über die der

Herbst alle Brunnen seiner Kraft ausgoß an Astern und Dahlien. Es war

eine ausgelassene Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen

Königsmäntel dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer

-- es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer und Herbst zum

Ringelreihen finden und noch einmal alle Vogel- und Menschenherzen

abschießen.

Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen drei Jahreszeiten

rüsten lassen; denn seine Seele feierte schon seit einer Woche Hochzeit.

Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie über die

Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut seiner Sinnenfreude

klingend dahinströmte, entlockte ihm Felidora das Gelöbnis: er sollte

zu dem Regisseur gehen und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte

auch sagen »Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal

-- er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm war, ein

bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er ahnte das wartende

Gelöbnis da noch nicht, sondern nur das Verlöbnis, in das er sich

in seiner Art wieder einmal mit aller Frische und Vergessenheit

hineinschwang.

Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich her dagewesen,

den er in der kleinen Standuhr verborgen hatte. Aber die Theaterfreude

Felidoras war nun auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober

rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein Herz in

purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung Gwendolins, sich nicht immer

gleich zu verheiraten, rollten Gott und Teufel in ihm ...

Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt waren und ein

Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an die Fenster klapperte, gellte

das wachsame Uehrlein in seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs

und die Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich

und angstvoll.

»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«

»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er und fand sich

aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.

Auf einmal -- --

»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das Fenster?«

»Herr Sinsheimer! Herr Sins--hei--mer!«

»Unerhört!«

»Herr Sins--hei--mer!«

Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf --

»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand gekommen?«

»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute so früh bestellt!

Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich warte schon seit einer

geschlagenen Stunde -- Sie haben doch gesagt, am Sechsten hätten Sie

die Einjährigenprüfung.«

Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen. Und fünf Minuten nach

acht Uhr stand der Herr Sinsheimer im Nachthemd am Fenster des kleinen

Hauses am Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen Armen

über sich, der auf ihn herniederbrach -- grauenhaft und mitleidlos, wie

nur ein Himmel einfallen kann.

Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende; denn was nun kommt,

ist eine sehr verständige und sehr symmetrische Geschichte, die mit

einem Examen anfängt, mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen

endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei -- und was hernach

kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf aber nicht beschrieben

werden ...

Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte Jakobus Sinsheimer

im Nachthemd in die Hosen. Was aus dem Nachthemd herausschaute,

überschüttete er mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte

inzwischen den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen

Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das Handtuch und die

Zahnbürste auf. Felidora war ein wenig kärglicher gekleidet und hob ihn

in Weste und Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier, stülpte

sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der Verzweiflung erstehen

wollte, die Krawatte schwang er in der Rechten, daß sie hinter

ihm zur Tür hinausflatterte -- er knüpfte sie unter den triefenden

Kastanienbäumen. So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in den

Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus. In den Prüfungssaal ...

Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen; denn das

Thema zum deutschen Aufsatz hatte er längst gegeben, und viele Federn

knirschten schon eifrig übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame

Freundlichkeit über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz zu

durchschauen -- denn das wird ihm erst in diesen Zeilen verraten --

aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb kam ihm der Professor

entgegen und sagte: »Na, Sie werden wohl eine überzeugende Abhaltung

gehabt haben -- Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm

das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich Jockele in den

Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden Umstände viel zu geräumigen

Nachthemds zurecht, überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und

fing an, sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst

zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das Mündliche‹ bestanden.

In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der Prüfung lag,

ereigneten sich zwei Dinge für ihn.

Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte ihm, daß

Doris Rinkhaus mit Tante Veronika eine frohe Fahrt über die Alpen

angetreten hatte -- sie wollten in Sestri-Levante und Nervi den

Winter verbringen. Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante

Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit und

selbstvergessener Sorge für den Jungen, außer der raschen Fahrt nach

Weimar, Ibenheim nicht verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame

aufgeladen und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.

Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen, und er hatte

feierliche Gedanken und sagte: »Was hat diese Tante Veronika für ein

opferfreudiges und großes Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für

ein tapferes und königliches Mädchen!«

Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn gute Vorsätze

haben ihren Platz zwischen den Schwellen und sind einundeinhalb Meter

lang. Deshalb reichen sie noch einen Schritt weit über jede Schwelle

hinweg. --

Das andere Erlebnis betraf Felidora.

Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate Annäherung eines

jungen Bankbeamten gehabt, den ihre Sommeraugen und ihre ährengelbe

Feldstille ernsthaft sehnsüchtig nach ihr machten. Da erteilte sie sich

einen Generalpardon und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.

Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles »Oh!« hervor;

er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos für ihre Wünsche sei,

und daß sie gute Freundschaft halten wollten -- er selbst ginge mit

Semesterbeginn nach Jena studieren.

Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit einem bedauernden

»Ach?« Und er erfaßte ihre beiden Hände und sagte: »Du schönes, hohes

Mädel! Und nun mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte Stunde,

in der Du mich zum Komödianten machen wolltest -- wo ist sie geblieben?«

Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das kleine Haus im

Baumwinkel.

Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele welke Zeichen

des Erinnerns unter den mancherlei Dingen hervor, die er mit

hinübernehmen wollte in das neue Leben.

Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß auch Maria Reh nicht

mehr in das Gartenhaus zurückkehre. Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße

Stille oder grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.

In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen den Zaun gelehnt, an

dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte, und ließ die vielen

Bilder lieben Zusammenlebens der beiden Jahre durch seine Seele gehen.

Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg und stand als

ein großer, schöner Stern an dem Himmel, an dem nun die Nacht des

Vergessens heraufziehen sollte.

Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen, und als hätte sein

Herz keiner andern gehören können, weil sie es fest in ihren Händen

hielt. Warum hatte er ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr

die Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben und ihr

zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet hätte. Aber ihr

blondes Königinnentum verbat sich das. Und er -- -- so zwischen den

Schwellen! --

Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus gegen den

Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei Kastanienstämme aus einer Wurzel.

Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer ihren Namen in die

Rinde: Do -- groß und tief. Und durch das D grub er ein J. Wer nicht

wußte, was diese Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« -- es waren

ihre Namen, beide in einem.

Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle zu dem Gartenhause

stand und ihre Augen wandern ließ über die Stellen frohen Beisammensein

aus den glücklichen Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm

entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher kommen würden,

verstand sie.

Das war der Brief, den er ihr schrieb -- es war der erste, und sie

sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. --

Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den Schlüssel und sagte:

»Wenn ich wiederkäme, dann käm' ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«

In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm beraten, welche

Vorlesungen er belegen sollte, und wurde Student. Er dachte nicht

an die Matura -- erst wollte er ein Stückchen hineinlaufen in die

Wissenschaft.

Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der Stadt, aber er fand

sich da nicht zu sich selber. Und um die Novembermitte, als er vier

Wochen in Unbehagen in der steinernen Straße unter vermauertem Himmel

gelebt hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm

den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. Er konnte nicht

durch die verschlossenen Schlüpfe im Zaun -- da stieg er über und

sprang hinein in den alten, einsamen Winkel, in dem noch die Dieme

gespaltenen Holzes stand, der so wintertraurig und so voll von Leben

war.

»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um den Stamm der

Kastanie, in die er die Namen geschnitten. Er war Maler gewesen und war

Student geworden, aber er hatte nicht leben gelernt in den steinernen

Gassen; nun lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz

an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder -- ich kann nicht daheim

werden unter fremden Menschen, nicht daheim werden in der anderen

Stadt, nicht daheim werden in mir selber. Ich will an jedem Tage nach

Jena reisen -- was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«

Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete sich in eine

tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.

Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und in die Einsamkeit,

die um ihn waren.

Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. Es wurde Frühling

und Sommer.

In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen durfte,

suchte er Farben und Pinsel hervor und den grauen Malerkittel und malte

den Garten von allen Ecken aus, er malte die Häuser -- er malte sich

Schätze der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte

Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden müßte. Er dachte an Do,

für die er dies Bild bestimmte und jenes -- und ob sie wohl einmal

sagen würde, wenn sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer --

den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«

Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.

In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.

Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines Tages ging sie mit

ihm zur Haltestelle der Bahn -- so ganz von ungefähr, und war stolz auf

ihren glücklichen, langen Studenten, der voll von grausam gelehrter

Weltbetrachtung war.

Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus und stürzte der

alten gütigen Frau ans Herz.

Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da er auf das leuchtende

Wunder hinschaute, sagte sie: »Na, Jockele?«

Da zersprang er -- »Do! Do!«

Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit, Doris Rinkhaus

zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen Armen über den

Bahnsteig und in seinem Herzen, in seinen Augen hinauf auf den Berg ins

Frühlingshaus.

Da hatte er sein zweites Examen bestanden -- ~summa cum laude~. Es

dauerte viele Tage, aber das Zeugnis bekam er schon am ersten.

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 15 / 16 段