Am wenigsten von Maria Reh. Man kannte diese Empfindlichkeit auch in
der Stadt. Es gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume,
aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften Flirt gegenüber
ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann die Sage von der himmlischen
Liebe zu Jakobus -- Maria Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war
durchsichtig -- wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen
-- und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den Gedanken
als einen lieben Genossen träumerischer Stunden hätschelte: einen Mann
durch sie zu einem Sieger des Lebens werden zu sehen.
Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer seines Zornes
über sich und sein Werk dahinrasen ließ, weil er nicht hatte einlösen
können, was ihm der Rausch eines schaffenden Glücks versprochen,
da stand sie daneben und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz
bewunderte ihn und jauchzte ihm zu.
Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um ihn gewesen
waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit ihm stand. Maria Reh
lähmte dieser heilige Brand -- sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah
ein Unglück und ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte den
Sieger.
In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh; da hatten die
Gedanken der Freundin freies Spiel, und sie erinnerte sich an Huschs
krankhafte Furcht vor Do und sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht
mit ihren wunderlichen Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen
verschlossen sind.« --
Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen Wälder. Sie fühlte,
wie ihm das Herz aufging in Frohsinn, aber sie quälte sich mit einem
Glück, vor dem ihr bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit
für Jo.
Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht; und vor dem einen
-- vor dem, was die zehntausend anderen für die einsamste Lösung
gehalten hätten, prallte sie zurück.
»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine Stunde lang ganz
frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich darüber und sagte: »Er hat
davongelaufene Jahre einzuholen -- ich werde zu einer Feindin an ihm,
wenn ich nicht rede!«
Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den Wäldern von Ibenheim
von ihm hören wollte: »Ich werde keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber
nun, da er es gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher denn
je.
Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes Alter
und ihr geschlosseneres Menschentum waren, was ihm seine sanfte Scheu
auferlegte. Er kam nicht zu dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare
Art beherrschte, wie es der Mann in ihm forderte -- die anderen Mädchen
hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie gleich in die Hände
bekommen, wie er sie in den Sinnen hatte. Und Husch war gar in ihm
untergegangen. Doris Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel
um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten des Sommers
empfand, als kämen sie ihr von seinen Händen und seinen Lippen. --
Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts zwischen ihnen
war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.
Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah genau so aus wie
jene, mit welcher er den Prinzessinnen der Märchen nachgeträumt hatte,
die sich von vier Schimmeln mit blauen Federstützen auf den Köpfen in
einem goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.
Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes Wünschen nach
junger Kraft und einem jubelnden Sieg über sie selbst.
Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot aufblühen
könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie sagte sich:
»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich heim und habe seit zwei
Jahren ein albernes Spiel mit mir und den Meinen getrieben ...«
Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden jungen Menschen
gelegt werden so oder so -- sie paßte nicht.
Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde, aber sie streiften
mit den Spitzen ihrer Finger die Säume eines Himmels, den sie über
sich gewölbt hatten in ihrer reichen und glaubensvollen Jugend. -- Und
zuletzt hatte sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens
hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare Herrlichkeit war
-- er hatte für ihn um kein Mädchenherz gelegen. --
So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen Bergwalde.
Eins lief dem Herzen des anderen nach, und sie kamen sich doch nicht
näher.
Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der Hörsel und fanden
Matthias Prinz und das Zinzilein und das Kleine, dem der Kopf von
hellgelben Haarringlein umweht war. Es hieß Maria und konnte sein
junges Lachen schlagen wie ein Buchfink.
Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten die Herzen voll
Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke, junge Jägersfrau, war voll
Waldfrische wie einst und suchte nach Geheimnissen an diesen beiden,
wie sie nach Geheimnissen an Jockele gesucht hatte, als seine Augen
voll erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im Jagdhause
jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber das war ein anderes
Glück, als es die hochgemuten Träume suchen, die ausziehen, zu erobern.
An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.
Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden und Freuden des
zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches, der Musterstücke aus
lateinischen Klassikern und des Gallischen Krieges, durchlebt hatte.
Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der wilden Stunde im
Baumwinkel angehört, dazu die lange Geschichte, die vom Tartarus bis
zum Berge der Seligkeiten reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen,
wenn ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein wollte,
nicht nur aus ferner genießender Betrachtung bekannt geworden wäre.
Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den sachte wehenden
Vorhängen saßen, brachte Veronika wieder die Rede darauf. Es lag ihr
daran, den Jungen glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz
freudig in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus in seinen
Tagen gestanden hatte --
»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit ihm sind,«
sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, ihm nicht
wenigstens einen anderen Weg zu +zeigen+. Dieser Weg ist nicht leichter
und nicht schwerer, und doch scheint mir, als würde er durch die
Wissenschaft, durch die Tore einer Universität hindurch zu reinerer
Befriedigung gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird.
Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage zu ihr
zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, daß es so am besten für
ihn wäre.«
Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen Seiten sie alles
Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und schritt ganz in Klarheit und
Freude.
»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, »und könnte
damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung anfangen. Läßt er
dies Jahr jetzt verstreichen oder eine noch längere Zeit, so verschlägt
er sich alle anderen Straßen ins Leben.«
Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, die ihn in die
Akademie geführt hatten. Sie kannten auch beide seine Neigungen viel
zu gut, als daß sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in
die Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend und umschien
Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.
Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht zurück, kniete der
alten Dame zu Füßen und legte ihr die Hände in den Schoß --
»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie mir, daß Sie ihm
nichts von allem verraten, was ich Ihnen nun sage! Sie brauchen mir
meinen Wunsch ja nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich
erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«
Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre Worte als
unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.
Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, und lassen Sie mich
alle Kosten bestreiten! ... Das ist es, wovon er nichts erfahren darf,
bis ich es ihm selber sage -- -- Himmel, was ist mir dies Wort so
schwer geworden!« sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich dränge
mich damit in Sie hinein -- Sie könnten auch meinen: ich dränge mich
zwischen Sie und ihn. Aber nun, da es gesprochen ist, nun kann ich mir
das Herz freireden! ... Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich
werden als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz
verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der in diesen Tagen
aus der andern Zeit über ihn gekommen ist. Ich denke mir die Sache so:
schalten wir drei Jahre der Studien in sein junges Leben, so bereichern
wir ihn, und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, auch
wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche der Kunst ein König
hätte werden können. Dann mag er alles wieder aufnehmen, was einst sein
war; denn von dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit
Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn Sie ihn nicht
jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«
»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte Veronika.
»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen seit jener
Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große Leinwand begeistert
aufrichten sah.«
»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«
»Nein -- ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten.
Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und wie sie auf eine stürmische
talentvolle Jugend an allen Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu
bedeuten,« beruhigte sie.
»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön und glücklich
sagen?« forschte Veronika.
Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau und sagte: »Ich
kann es ja nicht! Er würde mich auch an Sie weisen, weil ich ihm nicht
verraten darf, daß ich ihm die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich
vorkommen als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich es
mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt habe; und er
könnte aufwieglerisch werden und sagen: Probieren Sie das mit einem
anderen oder mit sich selbst!« Da merkte sie, daß sie um die Sache klug
und eindringlich herumredete ... »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte
Ihnen da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht wissen;
denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!« Dann richtete
sie sich auf und trat wieder hinter den blauen Vorhang der Nacht:
»Denken Sie so: was ich selbst bei meinen Eltern niemals durchzusetzen
vermochte, und was ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden
war, das möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen! Ich hoffe,
es wird ein großes Glück -- hätte ich sonst zu Ihnen davon geredet?«
In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein. Veronika sagte:
»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in rauchende
Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares und richtiges Sehen. Ich
will mit Jakobus sprechen -- nein, wir beide wollen mit ihm sprechen;
denn Sie sollen sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich
Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen; denn ich
habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken richtig mit dieser
Jungenjugend verfahren bin.«
So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten Tage danach, zur
Teestunde, baute Tante Veronika sicher und umsichtig den Plan vor ihm
auf. Es konnte natürlich kein Geheimnis daraus gemacht werden, von
welcher Seite er kam.
Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern blieb in
allerschönster Ordnung und fragte besinnlich: wie es denn mit dem Gelde
wäre?
»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.
Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist verlockend, und
Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«
Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb dort allein bis zur
Stunde des Nachtmahls.
Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel hatte zuerst zu
ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher werden.« Und nun wachte dies
Wort eines Kindes noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo
alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr Leben so fest in
den Händen hielt, fing den silbernen Ball und warf ihn ihm zu. Wollte
sie damit sagen: »Jakobus Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe
aus dem Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?« Wollte
man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn schonen? Oder dachten
sie, daß er durch sein wurzelgründiges Verfahren im Baumwinkel diesen
Bankrott selbst angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich
wenden sollte? ... Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis käme, daß
er damals Maria Reh in einen Irrtum hinein gefolgt sei, in den ihn der
Jammer jenes fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte -- was dann?
Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen anfangen, um sich eine
Stellung im Leben zu erkämpfen, vielleicht einen mühseligen, armen
Posten.
Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen geriet. Einst, wenn
Tante Veronika die Augen schloß, mußte er sie beerben. Er hatte sich
nie um ihre Vermögensverhältnisse gekümmert, Wenn sie ihren kleinen
Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens verringerte,
wenn sie in jedem Monate davon nahm, um ihm zu geben -- konnte sie ihn
nicht eines Tages rufen und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir
selbst stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die kleine
Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich
hatte, bis auf den kargen Rest, an dem ich mich ins Grab leben muß.«
Was dann?
Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und -- wenn er mit dem
auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt hatte -- wohl auch noch für
länger, wollte sie mit dankbarer Freude für ihn sorgen.
Aber was dann?
Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.
... »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein gelebt,« sagte er;
»ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen oder nach meiner eigenen.
Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher werde.«
Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens heraus, in die er in
der Gartenhütte geraten war, und es klang, als hätte er ganz vergessen,
daß die Frauen mit ihm zu Tische saßen.
»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich schieben läßt aus
der einen Sache in die andere. Das darf nicht sein, wenn er nahe an
die Zwanzig gerückt und ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon
einmal ein Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat ...«
Darüber wachte er auf und lachte.
»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante Veronika.
»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte seine hellen
Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach Weimar und will zusehen, wie
man so etwas eigentlich macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,«
scherzte er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch
etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch: ich habe einen
solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe, daß ich mich wundere, wohin
das alles über dem Armen Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von
Akten und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht, es ließen
sich drei dicke Bände damit füllen -- aber nun, da ich nicht mehr damit
spielen soll, ist auf einmal nichts Gescheites mehr vorhanden ...« Er
verfiel wieder in das Alleinsein -- »Jakobus Sinsheimer, Du sollst
Student werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du Stein- und
Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst an die Türen der Hochschule
klopfen und Einlaß fordern! ... Es sitzt da einer an seinem Tische und
fragt: Auf welchem Gymnasium waren Sie?«
»Auf keinem.«
»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«
»Es sind keine da.«
»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für eine Vorbildung?«
»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe eine Gruppe aus dem
Tartarus zerhauen. Ich kann die Klassen des Linnéschen Systems seit
vier Jahren vor- und rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern
des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der Grundformen bei
den Organismen. Ich weiß ...«
Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können Sie sich allenfalls ein
paar Kollegs -- nicht ohne Nutzen für sich selbst -- schinden, wenn Sie
sehr viel Zeit haben. Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude
ersetzt Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann ...«
Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem Zuhören darauf los.
Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen Appetit nicht dazu,
dieses Selbstgespräch als prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er
redete mit langen Unterbrechungen.
Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er sich mit Stolz
neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem Hiersein oft von Tante
Veronikas großem Schrankspiegel bestätigen lassen, daß sein hoher,
geschlossener Aufbau mit gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig
geltend machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus
ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart zwar noch bis auf
weiteres zum Opfer fiel. Aber vor den Ohren hatte er sich kecke
Kotelettchen stehen lassen, die ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend
bezeugten.
Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen ungewaschen
daherschreitet, und das den Robespierrekragen und den in der Hand
getragenen Hut sowie ein durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes
Wesen als zur ›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er
geschmackvoll aus dem Wege gegangen.
Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur Schau getragenen
Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad in der Woche dem Menschen genau so
nötig wäre wie jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.
Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu der rauchenden
Auflehnung verstiegen: es wäre eine brüchige Weisheit geworden: ›Sage
mir, mit wem Du umgehst, so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ -- es
müßte heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen,
was Du wirst‹. -- Er hatte wenig Verständnis mit dieser unerhört
rebellischen Anschauung gefunden.
Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg gefahren, erklärte
ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika vereinbart, den Sommer über im
Frühlingshause zu wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende
Fäden aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr schöne und
reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen wollte.
»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu haben bis zum
Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.
»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder ich bleibe in
Weimar -- ich weiß das noch nicht. Ich will aber meine Wohnung im
Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«
»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie ein Siegel. Er
war horchend geworden -- »Ist das etwa, weil ich gedacht habe, ein so
langer und so alter Mensch dürfe sich nicht aus einer Sache in die
andere schieben lassen?«
»Nein,« sagte sie.
»Dann werde ich sehr einsam sein.«
»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang kaum gesehen
haben?«
»Es ist wahr,« sagte er -- »in Zeiten, in denen ich sehr fleißig
gewesen bin.«
Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er unter den Kastanien
durch den Garten schritt, sah ihn Maria Reh kommen und lief ihm
entgegen.
»Wie steht es mit Husch?« fragte er.
»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,« sagte sie; »er
erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder in Ihre Dienste träte.
Sie haben einen ganz wilden Einfluß auf dies Mädchen gehabt und haben
Sie physisch und seelisch zerbrochen.«
»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht wäre ich
ihr Schicksal geworden.«
»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart -- ›ich habe gar nichts
dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt! Nun müssen Sie doch
auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«
»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«
Er ging mit ihr durch sein kleines Haus -- »Husch ist wirklich nicht
mehr darin!« sagte er, »das haben nicht ihre Hände getan!«
»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«
Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte sich an den Tisch mit
der machtvollen Bank, die am Südzaune steht, und erzählte ihr, wie es
mit Do und mit ihm wäre.
Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan als einen ganz
persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so, als ob sich Do ärgerte, weil
Maria Reh Jakobus aus dem Bergwald in die Akademie gebracht hatte ...
»Nun will sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität führen!«
Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch zwischen den
Zähnen.
»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum drittenmal in die
Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst von Tante Veronika, dann von
Maria Reh, zuletzt von Doris Rinkhaus ... Aber dies dritte Mal findet
Jakobus Sinsheimer seinen Weg allein.«
»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«
Er zog die Achseln -- »Es läßt sich doch nicht so ohne weiteres von der
Hand weisen. Einstweilen: auf gute Nachbarschaft, liebe Maria!«
Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie er sich
abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft -- bis Sie sich
selbst untreu werden!«
In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. Er war wieder
einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen war bis unter das Dach
voll von der anderen Zeit. Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der
Seligkeiten -- es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten dabei,
das er damals mit erschauernder Hand aus dem innersten Herzen Gottes
heraus gemalt hatte.
Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie dann doch nicht.
Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte Worte gehabt, nun fastete
er seine Seele durch eine verlorene Stille und wußte nicht, was das
werden sollte.
Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena -- es jährte sich nun, daß
ihn Gwendolin so hart auf den Rand des Lebens aufgeklopft hatte -- und
eine Stunde später stand er im Zimmer Ernst Haeckels.
Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher er den Mut
genommen hatte, sie zu erleben.
Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er saß in seinem Lehnstuhl
und schaute ihn aus seinen gütigen, hellen Augen an und ließ sich
erzählen, wie es um diesen Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch
geführt, welches jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl
am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.
Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute Wort -- es muß verraten
werden, daß er in diesen Tagen Goethes naturwissenschaftliche Schriften
gelesen hatte und an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam
herangetreten war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl ausgerüstet
anträte.
Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, bleibt lebendig
bis an die Pforten des Todes. Eine Stunde, die das Licht eines großen
Mannes durchstrahlt, wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer
Wunderlampe -- Türen der Finsternis springen vor ihr auf und werden
Glanz, Schlacken werden Brand und Steine fangen vor ihr an zu blühen ...
Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt aus der
Gegend des Tartarus. Er fühlte Flügel, wo er die Arme trug, und es war
wieder eine Fackel in seiner Hand -- just wie damals, als er der Welt
das neue Licht zu bringen hatte.
An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. Er schrieb
einen Brief nach Ibenheim, der war stolz und mutig, aber er hütete sich
doch vor Flügen, die ihm -- so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern
des Berges der Seligkeiten -- ihre Gefahren hatten. Doris Rinkhaus mit
den sichtigen Augen würde diesen Brief auch lesen, und sie war Zeuge
seines jammervollen Absturzes gewesen.
Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe er dem
anderen seine Seele: »Ich will nun doch nicht mit beiden Füßen in das
tiefe Meer springen, das sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter
den Rändern des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine
Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt sein. Ich
will ruhig meines Weges fahren ... Es muß nicht die Matura sein, es
geht auch mit dem Einjährigenzeugnis der Kunstschule, es geht zwar nur
bis zur kleinen Matrikel -- aber wenn dann der Maler den Studierenden
der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen hat, wird es ja
wohl auch weiter gehen. Im Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum
einjährig-freiwilligen Militärdienst ...«
Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur Schwunglosigkeit. Er
verbarg das Glück an dem gefundenen Wege nicht, aber der Tartarus war
zu nahe, und die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu einer
höchst gemäßigten Begeisterung. --