»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende zwischen mir und

ihr! Wo ist Fräulein Reh?«

Da rief Do Maria herein --

»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und bringen Sie ihr

diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen nicht mehr um mich haben --

ich kann nicht! Sie wissen, was Sie der Frau sagen werden. Und wenn

Sie mehr Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will ihr

geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender geworden durch

mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr schonen sollen.«

»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem Armen Heinrich

abschaffen müssen.«

In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von Lichtern an -- es waren

ihrer so viele, daß sie geblendet dazwischen umhertappte.

Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der himmlischen Liebe

litte, die sie als einfältige Dichtung der Menschen belacht hatte.

War Do in gut gespielter Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite

gestanden voll Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der

ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man sie mit der

Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit die beiden schon bei den

Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet wären?

Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und wurde doch nur

langsam Tag.

Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz und begriff

die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten Ueberzeugungen.

Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt zu bereiten. Er

traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften Schlafes. Und als er so alle

Dinge zusammenwarf, die er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor

der Zeit, in der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht

mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde sich in den Tod

hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte ...

Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der Türe nach dem

Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte sie mit entgeisterten Augen und

halb erstarrten Gliedern hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du

mit mir und Dir beginnen?«

Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und sagte ihr, ob es nicht

besser wäre, man ließe sie noch ein paar Tage kommen. Dann würde sie

fragen, wo er hingegangen sei und was überhaupt geschehen wäre, und

Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten die Mädchen beide

ab und wunderten sich über die Macht, die dies krankhafte Wesen bis

zuletzt über seine Kraft und Jugend behalten hatte.

Gegen Abend reisten sie ab.

Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das ganze wunderliche

Erleben mit ihm.

Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde geblüht und hatte

Jakobus vergeblich gesucht.

Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten Armen ans

Herz.

Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und was war das für

ein Finden der alten Steige und durchsonnten Waldwinkel, die alle

auf ihn gewartet hatten! Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie

schritt, und die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine

Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der Wind und die

Herbstblätter gelaufen waren, und die gelben Wände, über die Regen und

Sonne gegangen, aber kein Menschenfuß -- das alles lag da als eine

schlummernde Welt von Wundern. Und was die jubilierende, sinnende,

träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet hatte, wurde wach und

wandelte, wie es den Klang seiner Stimme hörte.

O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte jung gewesen seid,

was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen der Erde! Was wißt Ihr vom

Glück! Und was wißt Ihr vom Himmel!

Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da pendelte noch die

geschwärzte Weltkugel, die einmal ein Behälter für Schokoladenpfennige

gewesen war, und geriet in ein stürmische Schwingen. Da hingen die

Kästen mit den Schmetterlingen, da war ... es war alles da, was ein

wundertätiges Jungenherz in Verstand und Unverstand als nötig zur

Seligkeit erkannt hatte. Auch die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde

Jockele besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs liegen auch

in dem kleinen Haus am Horn -- aber sie liegen wohl in allen Häusern!«

Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris Rinkhaus jemals

oder gar schon an jenem Tag ihres ersten Zusammentreffens im

Baumgarten am Horn einen Zweibund geschlossen -- aus dem Gefühl einer

Interessengemeinschaft an Jockele -- ist nicht bekannt geworden. Es

ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der alten Dame zu ihrem

Pflegesohne war unbegrenzt von Anbeginn und wollte so bleiben bis

zu dem Augenblick, in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding

geworden wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie war

mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, eigenwillige Herz Dos

eingezogen, als sie in der Kriegszeit zu ihr sagte:

»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies unbegrenzte Vertrauen

gestellt, weil ich meine, es ist keine Grundlage sicherer, Eltern und

Kinder in alles überwindender Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die

Bande des Bluts vermögen das nicht.«

Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus geworden: man

hatte in dem reichen Haus am Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die

sie mit List oder elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie

war aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren nicht zerrissen,

aber die des Vertrauens wollte sie sich erkämpfen; darüber hatte sie

das elterliche Haus verlassen, eine längst Mündige. Und sie wollte

heimkehren, wenn ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen

zugesprochen sein würde. --

In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei Wandel eingetreten. Zuerst

hatte sie ihn gesehen mit den Augen Maria Rehs: als den dunklen,

blauäugigen Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des Lebens

ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus seiner umblühten

Waldjugend rein und schön und schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis

des Lebens geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die ihm

nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter Wunder heimlich in

sein Herz fallen, wie der Frühling fällt in das Herz des Waldes. Und

erschauerte in Ahnung harrender Herrlichkeiten.

Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte die Fülle und

Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus am Walde ward offen für sie --

von Stund an wußte Do, daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die

die Uhr seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.

Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz anders als Maria Reh;

denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig Jahren eine Distelbauerin, Tante

Veronika aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen Welt

unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein Staub in das blanke

Getriebe fiel. Dabei war sie aber immer lächelnd bereit, es auch einmal

putzen zu müssen.

Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel und Erde zumeist

bewunderte, so stand die freundliche Greisin mit den Scheiteln aus

Silber ganz vorn. Und wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen

zumeist liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden

Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten Bändern, dem

gelben Krückstock und dem ganzen sauberen Drum und Dran unter den

Kastanien des durchsonnten Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl

das kleine Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer wohnt?«

Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage auf diese Frage hin auch

gleich in ihr Herz spazieren; denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch

dort sein Kämmerchen gemietet.

Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen über Jockele kam, ward ihm

nicht gekündigt ... aber es hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame

Eifersucht vor alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort

auf dem Schellenknopf.

Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele eine

Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich selber. Und weil sie

auch in ihren Schlummer läuten hörte, reiste sie vor die bunten Tore

des Bergwalds und wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin

über sich selbst.

Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der Sittlichkeit auf, als

Jockele in Huschs Nebelnetze fiel. Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die

›leichtsinnige Lebensauffassung‹ vorwerfen und sagte: »Husch ist ein

Irrtum, aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für den

Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort, das für Maria Reh

zu einem Stachel wurde: »Möchtest Du etwa die sein, an der er seine

Jungmännlichkeit schleift?«

Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen Geschlechts, die so

nahe sind, daß sie sich mit den Händen greifen lassen, aber ihre Rätsel

doch nicht enthüllen; sie sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und

müssen ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.

Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf den Steigen der

Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie müssen Tante Veronika verraten, daß

Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹

gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen, der auch diesen

Berg zu versetzen vermochte.«

»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr rauschende Briefe

geschrieben und habe ihr gesagt, der ›Arme Heinrich‹ wäre nur ein

sanftes, sentimentale Lied auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem

Tartarus‹ dagegen würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen,

unerhörten Instrumenten sein.«

»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte Do, »denn sogar

ein Grabscheit hat mitgespielt.«

»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel anfassen! Wäre es

nicht am besten gewesen, wenn ich auch die Farbentruhe mit zertrümmert

hätte?«

Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn in diesen geheimen

Kammern lagen heiße und freudige Wünsche, vor denen sie selbst

erschrak, wenn sie merkte, daß sie anfingen, sie zu bedrängen.

Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: »Was wissen Sie

von Goethe?« damals hätte sie diese Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm

ausgebreitet.

Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes Frauentum noch

immer nicht zu wehren brauchte -- diese ungeschlossene Kraft reichte

nicht an sie heran -- und vor dem es sich nicht beugen konnte ... aber

es schritten da ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht

hatten, und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die des

langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem Bergwald heraus in die

Arme gelaufen war.

Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört hätte, wäre sie

kampfwütig gegen Do geworden; denn es war ihr Stolz, daß sie dies

Talent im Walde gefunden hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie

an, mit Rührung Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit

allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim kleinen Haus gepflanzt

habe. -- Daß zuletzt doch der weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und

den Jungen jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz in

Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm darüber nicht

schmälern.

Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen künstlerischen

Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten hatte -- wer

aber wollte die Keckheit besitzen und ihm sagen, daß er einer der

vielzuvielen wäre, die einem Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das

sie für die Fackel des Genius hielten? --

Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen worden, nun ward

Do auf einmal bange, einem Quell nachzugraben, der am ersten heißen

Tage wieder versiechen konnte.

Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die Sterne lassen

sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie sich auf dem Wege über die

blauem Berge einmal die Knie zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies

Pflücken der fernen Lichter gedacht?«

Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter dem Kampf um Glück

und Ruhm eines Künstlers? Was denken sich die Menschen dabei? Und was

selbst der Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er Sieg

wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war Glück! Aber wenn er nie

zum Siege führt, dann heißt er Künstlerelend, und sein Symbol ist der

Schmachtriemen. -- Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten

fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu schauen; denn

das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber ertappt -- ich hätte mich

dieser guten, sorglichen Mutter nicht einen Tag lang verborgen! Es

hätte sich dann wohl auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den

Drängen meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch erst an

zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich Tante Veronika und ihre

Bücherei, kannte ich das Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und

mich selber.«

Do kam ins Wundern -- »Davon haben Sie mir nie ein Wort gesagt.«

»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. »Was hat man

überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! Aber nun, da ich mit dem

Grabscheit auf mich losgehauen habe ...,« er blieb stehen und sah

ihr lange und tief ins Herz ... »warum haben mir Zorn und Zufall ein

Ding in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, was tot

ist? ... Kommen Sie,« rief er und faßte sie an der Hand, »wir wollen

jenen glückseligen grünen Waldjahren ein Opfer bringen -- wir wollen

pflanzenhaft und erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit

Maria Reh!«

Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund, der ganz

warm war von dem Lichte, das den junglaubigen Bäumen aus den Händen

fiel, und sie warfen sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen

Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes standen

umher und hauchten aus den ersten offenen Blüten süßes Gift.

Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor gesehen. Hinter ihnen

reckte sich ein schlanker Buchenbestand mit glänzenden Stämmen, der

hatte ein goldenes Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser

an einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte ihm die

Ränder zu bunten Wundern gesäumt.

Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde herum und brach

einen Armvoll davon. Dann setzte er sich neben Do in das gebrochene

Licht und suchte aus seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten

heißen Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte er, daß die

ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster Ordnung war -- selbst

das Linnésche System; aber er warf in seiner Freude tiefe und schöne

Gedanken über das trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein

lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er blätterte weiter in

dem Buche des Glücks, das nun längst ganz oben auf dem Regale seiner

Erinnerungen gestanden hatte -- »Erde, heilige Erde!« rief er und

drückte seine Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief er

und schüttete alle Blüten über Do aus ...

»Wann war das doch, wissen Sie -- wie ich mit dem Grabscheit den Berg

der Seligkeiten zerschlug?«

»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie. --

Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris Rinkhaus.

Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing sie es mit hellem

Lachen und spielte damit als mit einem goldenen Balle; dann ließ sie es

fallen und sagte: »Ach was! Es gibt kein Schicksal!«

Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen und dachte:

»Wie kann ein so kluges, klares Mädchen solch eine Lächerlichkeit

reden!«

»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie dann; »denn ich

habe mein Leben immer nach meinem Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da,

und es lag Gelingen und Freude daneben -- aber Schicksal? Nein und

tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn man stark ist, gibt es

kein Schicksal. Aber jeder Tag wird dazu, der mit Händen voll Gaben an

Dich herantritt, und Du fragst ihn nicht: was will das werden?«

* * * * *

Allein -- es kommen Stunden mit geschlossenen Händen und ahnungsreichen

Augen. Die sehen aus wie Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne.

Und der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich tragen

in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle -- dünke sie ihn nun

ein Paradies oder eine Wüste. Die Menschen sagen dann: »Ich bin an

diese Stelle verschlagen worden -- es ist das Schicksal.« Do sagte:

»Das ist ein Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem

Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet Euch tragen

mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer frohen Hoffnung hingabt.

Wo sind die Tage, die man nicht anders hätte leben können, wenn man

gewollt hätte?«

Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung gegen einen Jenenser

Universitätsprofessor gestanden, der dem jungen Viktor von Scheffel

sehr ähnlich war, und den sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie:

»Das Schicksal eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines

Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, debattierte er mit

lachender Losgelassenheit auf sie hin. Er sagte: »Ich sollte Offizier

werden und trat in die Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich

aus einer gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur

Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille -- meine Augen

waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen Rußland und Frankreich

nicht als Kommandeur des dreizehnten Armeekorps mitmachte.«

Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; denn der gescheiterte

General bewies ihr ihr Recht -- »Sie haben sich einer bunten Hoffnung

an die Schürze gehängt«, lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum

Offizier schlecht erwogen -- das nennen Sie nun Schicksal! Aber ich

will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter machen können:

ein Granatsplitter, der die Tücke des Feindes zertrümmern sollte,

zertrümmerte den Himmel Ihres Auges -- das kann Schicksal sein. Es

muß nicht; denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in

diesen Kasten gebracht werden.«

Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend küssende Sonne,

jubilierende Blumen und trällernde Bäche, und was alles über eine

himmelgesegnete Hochwaldstunde hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und

Sinnenseligkeit, kann Schicksal werden.

Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es vermag sich im Raum

einer Stunde zehntausendmal zu verwandeln.

Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.

Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und flatterte ihren Wünschen

nach. Sie dachte: »Soll ich mit dem Schicksal ein bißchen Verstecken

spielen?«

Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen und Anschläge und

redete mit ihr: »Die Gwendolin hat er geküßt, und die Husch hat er

geküßt -- was ist das für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen

Herzlieb ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit der

behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt gehabt. Am Rhein

sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- weil sie

wußten, daß ich reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn

und hat lodernde Sinne ... Minchen Herzlieb hat tirilierende Augen

und hat die Seidenbluse und das Röckchen voll Frühling ... Husch --

na, Husch hat vielleicht die Seele einer Lilie, die sich als singende

Sehnsucht über das närrische Herz eines Mannes tastet ... und Maria Reh

lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den lustigen Halmen

des Wachtelweizens -- vielleicht hat sie auch ein bißchen gelockt:

›Junge, lieber Junge, komm und rat' mich!‹«

So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen des

Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen nach -- »Vor mich aber

hat er noch nicht einmal seine Augen hingestellt, damit sie sagten: Do,

Du bist auch hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« ... Die

Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten

Glase. »Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal

schäumte wie vor Gwendolin -- man würde sich ja wohl helfen können ...

Und wenn nicht? -- Na ...«

Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen Hände der Sonne

über ihre schlanken Glieder streichen. Es war süß und wohltätig. Sie

bedeckte ihr Gesicht mit dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen,

bunten, sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, und

schloß die Augen.

So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise gehen.

Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er nicht dachte, sie

wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so ruhig weiterspinnen an dem

langen Faden ihrer Erwartung -- warum prickelte er nicht?

Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte sich über

eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht -- -- Jakobus war da

immer neben ihr gewesen und lächelte zurück auf die ferne Zeit seines

jugendlichen Irrtums, in der er auf der Leiter geschwebt und die

›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena

die Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes

gelehrtes Kunststück den ~Dr. phil.~ erworben.

Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum erzählen. Sollte sie

ein bißchen Schicksal spielen, das in Gestalt eines Traumes durch ihren

Schlummer gezogen sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein

unter dem trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten der

Sonne?

Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und schön war der Traum

doch nur deswegen, weil er sie so heiß, heiß lieb hatte und weil sie

geholfen, ihm den Weg zu bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.

Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden Wunsche

nachlaufen und mitten im Jauchzen den Boden unter den Füßen verlieren

und um Hilfe rufen. Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum

erzählte -- mochte er nun im Wachen oder im Schlummer zu ihr gekommen

sein -- dann geschah es ihr wohl, daß sie in ein Paar sehr blaue, sehr

schöne und sehr wehmütige Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog

und sagte: »Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris Rinkhaus

selber. Aber wenn ich den Willen hätte und die Kraft, nachzuholen,

was ich zu diesem Ziele brauche -- wo wäre das Geld?« Dann könnte sie

lächeln und sagen: »Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch

keine Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, werde ich

natürlich auch für das bißchen Geld sorgen ...«

Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in der auch die

klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk des Hutes sickerten,

ganz versiegt waren. Alles heimliche Glück war fort. Sie dachte

den Traum zu Ende -- aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein

Herzbeben. Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: »Dann

würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich werfen, oder er würde

die wilde Art kriegen, in der er mit dem Grabscheit auf sich losschlug,

und würde sagen: ›Wissen Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer

kaufen?‹« Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort -- beides war in

diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke schlug wild und

häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich mit einem wilden Ruck

empor --

»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und warum rufen Sie mich

nicht?«

»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.

»Ach, Unsinn,« sagte sie.

»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«

»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war dumm und kindisch.«

Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der Wille, sich das

königliche Recht der Selbstbestimmung in allen Stücken zu wahren,

zumeist in den Angelegenheiten des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich

verschachern könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern auf sie.

Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art, die nach keiner

Seite hin eigensinnig oder gar verstockt war, sich den Platz an der

Seite eines Mannes zu erkämpfen.

Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück aus dem

Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte lärmende Kleider und

Hüte. Sie haßte die im Schwunge stehende Ausstellung, der die

Mädchen gemeinhin huldigen, und konnte bitter und verächtlich von

ihrem Geschlechte reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte

Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 13 / 16 段