Ruhe und hatte sich in eine rauchende, allgemein menschliche Entrüstung
hineingeredet. Darüber konnte er noch lange nicht zu Worte kommen.
Zuletzt wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.
Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen dürfen -- wiewohl
er sie längst noch nicht klar zu sehen vermochte -- und er hätte nicht
das schöne fremde Scheinen des blauen Geldes ums Herz tragen müssen!
Die Rede ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel und war
voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine Türen ein.
Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das ausgeholzte
Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum, und dem Jockele gefror das
Herz vor dieser Millionenschablone bis auf den Grund.
»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!« sagte er.
Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie ihm den Tisch
voll bittere Mandeln getragen hatte, und die Sache bekam eine neue
Wendung; denn Minchen befand sich nicht zum ersten Male in solcher
Lage, aber vordem hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun
war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.
Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei ... »Warum bist Du erst
gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt hast?«
»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«
»Gehabt!«
Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger Erfahrung: »Es
steht schlimm um die meisten Mädchen -- entweder können sie das Feuer
nicht anblasen, oder sie können es nicht unterhalten.«
»Anblasen ...,« sagte sie schokiert.
»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der Lampe. Ihr habt
die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei ein Ding wie ein Spiegel, der
Ja sagt, so oft ihr hineinguckt. Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der
Mann ist des Schauspiels am siebenten Tage müde ...«
Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie wollte zuhören bis
zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹ quälte sie -- -- wenn man einen Mund
hat so voller Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn
Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte Schleifen ... ist das
kein Oel? Aber sie sagte das nicht, sondern wartete, was er meinte.
Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore der Stadt gehörten zu
denen, die in seinem Leben stehenblieben -- nicht, weil er da zwei
Tage einer Liebe begrub, die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen
war, und die ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in
die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das Leben jählings
zerriß.
Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde schien aus
Fernen in sein Herz, die er verloren gab. Aber das Licht von den ersten
Blumensteigen des Daseins leuchtet bis auf die andere Seite, und kein
Leben kommt darüber hinweg.
Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein Schaffen ...
Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben -- er verstand ihn nicht.
Und nun hatte er sein Herz an ein junges Gesicht vertrödelt, weil es
lustig lachen konnte! Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften
Fröhlichkeit gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber
nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und Huschs
Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte, der in die Winkel
fiel -- ach nein, die lockte ihn nicht, aber er war ihr dankbar.
So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach, und Minchen
Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken gekommen. Da fing sie ihn sich
wieder --
»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch halten die Männer
für Narren.«
»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie schnippisch.
»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt das eine, das
nottut.«
Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den Weg gewälzt und
mühte sich eine lange Rede hindurch damit herum. Er sprach von breiter,
schöner Menschlichkeit, in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte,
während der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen Beruf
Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender Sinnlichkeit,
die in Putzsucht geriete und zu der jämmerlichen Frauenhalbheit führe,
die ebenso arrogant wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege
wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer, der sich so
männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer nur mit einer mehr
oder weniger höflichen Verbeugung um ihn herum.
Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du hast da eine wirre
Sache auf mich losgelassen, mit der Du selbst nichts anzufangen weißt!
Wenn Du mich wieder einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl
finden. Jetzt geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«
Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der Glaube an ihre brauchbare
Art war ihr nicht erschüttert worden -- warum auch?
Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so aussehen könnte. Es
war das etwas anderes als bei einem Menschen, der mit dem Reisekoffer
hineinfährt ins Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben.
Aber die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch für
sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an den Rand
eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren zu gehen war nach der
Mädchenweise:
Hüpft's Herz hinterm Mieder,
Wird's inwendig heiß.
Und Küsse sind Lieder,
Die man auswendig weiß.
Schon der Wanderweg durch das Webicht und das Wäldchen um Hases Ruhe
war eine Strapaze gewesen, wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf
dem sie einmal im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber für
solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für allemal -- dieser
Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die genau so aussahen, als mute
er seinem Mädchen zu, daß es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen
sollte ... Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an und
tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten Art nicht
anständig leben ließe. Er hatte seine Augen immer in Gegenden, in denen
die netten Kleider und die tausend interessanten Dinge, die in der
Stadt passieren, gar keiner Rede wert waren.
So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung hinein und daß
sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.
Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In tiefer Dankbarkeit gegen
diesen Tag ging er hin und kaufte einen silbernen Armring. Den brachte
er Husch mit.
Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm. Er hatte mit Husch nie
ein Wort von Liebe gesprochen, nie ein Wort über Gwendolin und Minchen
Herzlieb. Das Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz
schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht. Aber nun
waren die Mädchen zu dritt um ihn gewesen, und die Freundschaft hatte
die Liebe in der Narrenkappe aus dem Lande gejagt.
An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster seines Herzens
auf. Wenn einmal die Unordnung über ihn hereinbrach, daß er aus dem
Hause floh -- Huschs Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er
heimkam, umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige Sauberkeit.
Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes Herz hinweghelfen.
Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er fühlte, daß er sich
eine moralische Schlappe beigebracht hatte, und litt wieder einmal an
sich selbst. Doch ging er aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde
von Tante Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt
war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer Mensch so
verplempern!«
Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen, atmete über dem
großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es ist nicht zu glauben, wie einem
ein so kleines, blankes Mädel das Haus verstauben kann!«
Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen laute
Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.
Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende Gwendolin
im Wege gewesen, und es hätte deshalb ein Zerwürfnis gegeben, das sie
schon auf dem Heimgang ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu
sein brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und wunderte
sich über die Maßen, daß er des frischen Mädchens mit den trällernden
Augen so bald überdrüssig geworden war.
Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete vor Husch immer
wieder in grausamer Selbstentblößung auf den ›langen und tapferen
Menschen‹, der so eigenwillig in seinem Schaffen und seinen Tagen
stand und doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den Weg
kreuzte.
Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war als er, war keine
glückliche Wahl gewesen. Und so weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem
irrenden Herzen in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution
und fand für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war schon
damals voll schöner Sommerreife gewesen, die nun in Ausdehnungen und
Behaglichkeit hineinwuchs; Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den
lieben Gott besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor
Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung gelangt --
sie suchte nach Blumen auf späteren Feldern und liebte bis auf weiteres
über das Zeitliche dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück
Weges geführt ...
So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die Mädchen‹
gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen Haus im Pflaumenwinkel
auf. -- Doris Rinkhaus kam zuletzt und weitab von den anderen. Er
sagte außer ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte
Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus setzen können,
während er mit Minchen Herzlieb das Verbrüderungsfest feierte -- Husch
hätte ihn deshalb nicht scheel angesehen; aber sie geriet an die
Qualen des höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in die
Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren Augen nicht,
daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. Darum: als die Reihe an
Doris Rinkhaus kam, entwischte Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit
und leitete ihn zu klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des
Frühlingshauses.
Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien -- heller,
als er den lieben Glanz empfunden hatte, wie er noch mitten darin
stand. Und sie wurden lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig
gebracht hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe
zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes Zigeunerherz
hineingeboren war.
Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen gefallen. Er hatte
sie nicht mehr gesehen seit jener Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo
haben Sie Ihre waldwüchsige Zigeunergesundheit hingebracht?«
Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte sich nicht in seine
Angelegenheiten und war immer ganz unsichtbar, wenn er sein Herz
auf Abenteuer schickte. Es war, als hätten sie drüben im Gartenhaus
ein Barometer, das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit
verräterischer Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß beide Augen,
wenn sie merkte, daß er wieder einmal in eine blutjunge Geschichte
hineinsegelte, aus der er sich doch alsbald rettete.
So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. Auch den
Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und einem trauernden Auge
betrachtet -- solche Dinge lagen ihr nun einmal nicht.
Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille der Baumwinkel
eingesponnen wurden, hingen sie an den goldgeschmiedeten Lichtketten,
die im Schattengarten umherlagen. Aber nun plätscherte ein
langweiliger Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus der
Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von der kleinen Person am
Silberblick festgenommen worden.
Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und dachte: es wäre
fein, daß von dieser dreitägigen Haft nichts ruchbar geworden.
»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do -- »wie kannst Du
darüber so vergnügt sein?«
»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« lachte Do. »So hol'
ihn herüber und laß ihn die Mädchen abschwören für alle Zeiten!
Warum willst Du nun gerade diesen hübschen, langen Bengel zu einem
Mönch machen? Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im
Ibenheimer Waldmärchen -- das sollte Dich doch nicht zur Beschließerin
seines Herzens machen!«
Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer langer und
schweigender Stunden, über die sie sich oft recht mühsam wieder
zueinander fanden: »Du bist es dem Vertrauen der alten Dame schuldig,
daß Du mal zu einem kleinen Familienrat reisest.«
Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem bekam sie
verzweifelte Augen von diesem Liberalismus artigen Frauentums und
knurrte sich in ein rebellisches Kopfschütteln über verrückte Erziehung
hinein.
Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und hatte eine lange,
eindringliche Parkwanderung mit ihr. Der Regen war fort, ein kalter
Nebel reifte durch die Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm
rauchte, und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die alten
Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling unter dem weißen
Glanze nicht wieder einschliefe.
Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die Mädchen zur
Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde Gwendolin von ausgelassener
Lustigkeit an Maria Rehs komischer Sorge -- die Geschichte mit
Minchen Herzlieb wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel
›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel eine
verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, weil er sie hatte,
der zweite, weil er sie los wurde! Es wäre ein Lustspiel, das diese
Sorte Mädchen in jedem Monat einmal als Heldinnen durchlebte!
Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete sich hinter Tante
Veronika und tat, als wäre sie von ihr als Agentin der Sittenpolizei
eingesetzt.
Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und erschütterndes
Lachen auf sie los.
Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg entlang durch die Kiefern
nach dem Walle des alten Schießstandes und kämpfte dabei einen harten
Kampf ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr für
Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und am Ausgange der
Dinge triumphieren wollte, beschloß sie ein Tagebuch. Darin wollte
sie sich alle Bitternis über den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und
die noch viel leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom
Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan. Es sollte
ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin die Rede sein und von den
Gefahren, die mütterliche Nachsicht über einen Menschen bringen könne.
Und zuletzt -- zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das war
das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen habe! Ein leuchtendes
Talent ist zerbrochen am Zigeunertume des Herzens.«
So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei viel zu früh auf
den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt worden. Sie verfiel von
Stund an in eine selbstquälerische Wachsamkeit. Und weil sie sich vor
Doris Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen verschont
bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte. Aber sie stellte es
so dar, als ob es sich um die Niederschrift von Erinnerungen aus dem
Baumgarten handelte, die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der
langen Abende ersonnen habe.
So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das Papier knirschen hörte,
saß sie ohne die leiseste Anwandlung von Neugier über ihrer Büchern.
Sie dachte sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria
Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer einer
rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude am Dasein.
Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins Scherzen --
»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.
»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«
»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte mit dem Druckknopf
nicht -- sie ist lehrreich.«
»Wie meinst Du das?«
»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt sich dann durch
Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung machen, etwa mit der
Ueberschrift ›von der Niedertracht der leblosen Dinge‹.«
Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim -- die
Zigeunergeschichte und das romantische Sterben von Jockeles Mutter, die
Gartenhütte mit der aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte
Schmetterlingsbuch, Tante Veronika -- -- sie schätzte den Umfang
auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich in die Seele eines
Jungen hineinzudenken. Ueber die erste Schwärmerei, in der sie selbst
doch mittendrein gestanden hatte, schrieb sie sich ein lästerliches
Kopfweh. --
Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst wieder in
schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in erhöhtem Grade der
Gegenstand des Interesses aller Malmädchen geworden. Es war, als
hätten sie ihn über dem heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich
auf einsamer Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf
Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.
Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines Ruhms nicht ahnte
-- -- Spitzenreiter! Es war kein Mädchen in Weimar, das nicht
mindestens eine Handvoll verliebter Konfetti oder zwei Augen voll
Wohlgefallen über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische
Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem Jockele auf dem
Hainturm eingefallen, und zur selbigen Stunde hätte die Husch im
Gartenhaus am Horn schon einen verzückten Leidrausch bekommen ...
Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe Gott den Menschen
gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen an seiner Schöpfung
werden. Wo sie ahnen, weil sie nicht wissen können, geben sie sich
damit eine Zaubervorstellung.
Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus den dreihundert Mark für
den Armen Heinrich dreitausend geworden. »Dreihundert, dreihundert!«
riefen die Besonnenen, aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz
hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel im Aufgehen war.
Während sich die anderen noch schülermäßig in der Aktklasse mühten,
warf er in der Einsamkeit seines Gartenhauses einen unerhörten Glanz
in sein Modell und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an der
Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen -- aber was wollte dies
alles besagen gegen das siebenfache Mirakel: die schöne, klare Doris
Rinkhaus liebte ihn! Die Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein
wildes, geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und sah
sie nicht! -- So redeten die Leute in Weimar von ihm, und was zwischen
diese leuchtenden Fäden hineingesponnen wurde, war nicht minder bunt
und unterhaltsam. Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in
dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter die Menschen
ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der Leiter und steckte bis über die
Ohren im Tartarus. Wer neugierig war und auf dem hohen Wall des alten
Schießstandes dahinwandelte, konnte ihn sehen.
Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die Lippen und erzählte Do:
die Leute wüßten, daß sie an einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die
sich aber gar sehr nach Erde sehne ...
Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem Distelraine, nahm zu
an ofenhafter Ausdehnung und hatte sich schon in eine rechtschaffene
Verbitterung hineingeschrieben.
»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen Klatsch wieder das
springseilhüpfende Jungsein kriegen,« lachte Do, und sie lachte so
lange, bis sie auch Maria Reh von der angenommenen Entrüstung geholfen
hatte. --
Weimar hing nun ganz voll Maienseligkeit -- jawohl, auch der Frühling
ist in Weimar voll inbrünstigerem Glück als anderswo; denn es rauschen
die hellen Ewigkeiten darin um die klingenden Tore der Stadt.
Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit gefangen.
Die Blüten fielen, und die große Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.
Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war, wurde immer
schweigsamer, und auch Maria Reh war nur mäßig beglückt.
»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über seine Kraft geht,«
sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.
»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang hart und
mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und setzte sich zu den
Mädchen an den Gartentisch. Er war versonnen und ließ seine Augen über
die hohen Kastanienwipfel gehen -- er hatte sich den Tag, an dem er
die letzten Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria Reh
hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang --
»Kommen Sie mit -- wir wollen Jakobus Sinsheimer suchen!« lachte sie.
Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen die Hauswand und
gingen zu dritt in die Felder und redeten immerfort von dem Bilde. Do
sagte:
»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind über das hysterische
Mädchen dazu gekommen; aber Ihre gesunde Art hat sich zuletzt nicht
unterkriegen lassen -- das ist es!«
Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt, der ihm seinen
ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand er doch mit gebrochenen Flügeln
vor Do, und Marias scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er
wieder an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger und mit
neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und Schründe übermalen, die
Figuren mit strahlendem Himmel umhängen und sie auf die Spitze eines
Berges stellen, der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das
Bild ›Schmerz‹ heißen.
Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich kommen, und die
nächsten Tage fanden ihn wieder im Baumwinkel. Er legte Himmel über
die Felsen; die Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den
Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die Nachbarschaft
Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg ein umglühter Bergkegel
hervor, wo zuerst die Abgründe des Tartarus gegähnt hatten.
Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen gehabt, verlor sich
dennoch über allem und ward Finsternis.
Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor dem Bilde stand, die in
diesen Tagen nicht gekommen waren, weil er sie darum gebeten hatte,
legte sich ein schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß
er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den Schuppen und
stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit heraus und schlug blindwütig
auf die Leinwand ein, bis sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen
krachend zusammensank.
Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern des Holzes.
Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer und achtete des
niedersausenden Spatens nicht.
Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen Fetzen knien, wie
sie Doris Rinkhaus anstarrte.
Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in das Haus.
Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und streckte ihre
Arme aus und war anzusehen, als käme sie aus dem Grabe.
»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht -- »Sie haben ihn so
von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig geworden.«
»Nein -- +Sie+ sind es gewesen!« sagte Do, und ihre Stimme zitterte zum
ersten Male. Sie wandte sich ab und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm
reden. Aber Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf
die Schwelle.
Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein, und trug sie auf
seinen Armen hinein. Er hatte Do und Maria einen Wink gegeben, daß sie
in ihr Haus gehen sollten, er wollte später hinüberkommen.
Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges Lachen aus
ihm -- zwanzigmal hatte er sie nun so auf sein Lager geschleppt und
war voll Erbarmen mit ihr gewesen ... nun dachte er, er hätte sich
von ihrer krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen
jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich selbst verloren.
Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das Gartenhaus. Er
hatte sich wieder fest in den Händen. Maria Reh war in das Nebenzimmer
geflohen, als sie ihn kommen hörte.
»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch gewesen bin!«
»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte, aber es war ein
kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen, daß Sie die ›Gruppe aus dem
Tartarus‹ auch in Ihrem Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir
nach Ibenheim -- mit mir ganz allein?«
»Wann?«
»Morgen?«
»Heut abend wäre es noch besser.«
»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«