Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, wenn junge Leute

ihren Witz auf die verblüffte Menge loslassen, die ihren künftigen Ruhm

verbrieft in der Rocktasche tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest

hat seine geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und

schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der Stadt

schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie Froriep in violettem

Professorentalar mit einer Miene, die der Würde der Sache entsprach,

das Problem des Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht,

damit er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, Cranach

traten aus den Pforten der historischen Häuser, begrüßten mit Humor

und Behagen das närrische Treiben ihrer Stadt und reihten sich fahrend

in den Zug ein. Der Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter

jeden auf den Wagen.

Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee in die

Marienstraße mündet und um das Liszthaus der weiche, grüne Traum weht,

der zu klingen anhebt für den, der mit der Seele hinhorcht -- gleich

beim ersten Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem

Fenster.

Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens -- das lange

Totsein hatte ihm nicht geschadet, und just so, wie er durch das

Gedächtnis der Nachwelt wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte

die Menge mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der voll

ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.

Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu der staunenden

Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.

In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit beim Schopfe;

denn wer hat eine Ahnung, wie putzig und liebenswert die Welt aussieht,

wenn sie betrachtet wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und

von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder durch die

Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als wäre sie eins der blanken

Sonnenpferde?

Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus dem des Herrn

Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin Pauline herausschaute und ihr

Glück über das Volk lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder

einmal Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung gleich

selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe sie in Augen, die

ihr ein helles Hurra von den Steigen emporriefen; denn dieser Franz

Liszt von heute war bei aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein

trefflicher Darsteller lieh, doch nur ein Spiel -- sie aber war noch

die echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte gesteckt

und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen Tuche gewischt hatte

(wiewohl er keinen je in Gebrauch nahm), während er im Vorplatz den

Glanzhut auf dem Aermel bürstete für den Ausgang ...

Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne so strahlende

Menschenblüten hervorgelockt wie in Weimar?

Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie in diesen warmen

Winkeln zwischen den bemoosten Dächern und kleinen Fenstern?

Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß sie sich um die

Stirnen schmiegt wie atmender Duft des Hochwalds? -- -- -- -- -- --

Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein war es nicht, für

das Jockele die Raketen seiner Blicke abbrannte. Das Feuerwerk galt

dem jungen Mädchen, das der Frühling daneben ins Fenster gestellt

hatte. Er hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre schon

über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, daß er auch schon um

die Mitte des Hornung, wenn er gerade die Stare losgelassen, etwas

Rechtschaffenes zuwege brächte.

Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte die Haare voll

Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen Schnecken gedreht. Das ganze

Röckchen und die rosa Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das

silberne Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt

trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.

Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen ringsum hatten alle Hände

voll zu tun, um von dem eben begonnenen Ereignisse kein Korn bunten

Glücks fallen zu lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und

Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein brandendes Meer, das

wogte um den Frühling neben Paulinen und um Jockele auf der Rappstute

als wohlige Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen an,

sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden jedes Wort.

Die unter dem Dreimaster standen hoch und hell im Tage und taten, als

müßten sie zwei Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:

»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! Warum

hab' ich Dich zuvor nie in Weimar gesehen?«

Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln: »Oh, ich kenn' Dich!

Du bist der Maler aus dem Baumwinkel am Horn. Was bist Du für ein

ranker, feiner Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen

und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter standest. Aber Du

nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du den lieben Gott malen, und sahst

mich nicht.«

Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen, ließ er

die Stute ein wenig seitlich treten, und er fing den Strauß ...

Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte Gwendolin und sah das

und sagte zu ihrer Nachbarin: »Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich

wieder zu verheiraten.«

Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es begann,

vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand an den Hut -- natürlich

für den Frühling, und der Frühling wedelte mit Herz und Händen. Und

Jockele stieß den rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal

deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit den Augen ein

mächtiges Fragezeichen in die Luft.

Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das und geriet in

ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du kommst, und wär' es bis

übermorgen!« Und vorn der Jockele dachte, er wäre Kapellmeister

geworden, und schlug mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen

flotteren Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit der Musik

Schritt halten.

So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen war, lustig. Von

oben herab zischten die Papierschlangen, wirbelten die zitternden

Konfetti, und Weimars Ewigkeit schwang sich ein bißchen darüber hinaus

aus dem Staube und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.

Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel. Es war

kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und innerer Aufmachung zu

durchschreiten, aber manchmal stahl Jockele sich doch eine Minute aus

den vielen, vielen, die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und

drückte sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans Herz,

damit sie ganz ihm gehöre.

Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im Liszthause wohl hätte?

Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner passen. Er verfaßte

in träumendem Reiten durch dies Chaos der Lust eine ganze Spalte

Familiennachrichten und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue

über Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob so

etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne Bräutigam wäre;

sehr grüne über ihre allgemeinen Fähigkeiten zu lieben und über ihre

besonderen, ihm die Treue zu halten ...

Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden über die Augen

schlug, um klarer sehen zu können, stand sie noch immer im Fenster des

dunkelgelben Eckhauses am Park, aber sie hatte nun auch den anderen

Buschen Mandelblüten verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen

Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen nennen, und die

vielen, vielen Herzen baumelten über den Köpfen der jungen Männer, die

unter dem Fenster vorübergingen, und jeder konnte eines haben, wenn er

gut danach hüpfen konnte.

Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr nachgegangen, daß ein

Frauenherz eine Einrichtung mit beliebig auswechselbarer Liebe und

Treue sei, und der Sitz in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm

unbequem.

Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief unter ihm, und die

Leute stünden alle auf dem Kopfe und schrien ihre Begeisterung über

das Straßenpflaster. Zuletzt aber setzte sich das ganze Ringsum in

ein wohliges Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine

pfirsichrote Crêpe-de-chine-Beleuchtung.

Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen Becher Sekt in den

Sattel reichte, und Schiller unter die Menge trat und eine erstaunte

Rede hielt, die mit den denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was

rennt das Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« tat

Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die lächelnde Spenderin. Aber

er beging damit einen schändlichen Verrat und trank auf den Frühling im

Liszthause. Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, der

sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen wollte, ward auf einmal

zu Minchen Herzlieb, und »Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz,

und er brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den rosa Blüten

Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem silbernen Becher hinab.

Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve knatternder

Jamben auf das Volk abgefeuert -- Jockele wollte wetten, es wäre ein

Akrostichon auf Minchen Herzlieb gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf:

seitdem das Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz wie

ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus Mandelblüten.

Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte nun alle sein, sang

er leis und laut in die Musik. Das Lied setzte sich nur aus den zwei

Worten Minchen und Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was

ein junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, über das sich

die himmlischen Englein wundern müßten, wenn sie so etwas schmecken

könnten.

Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in der Schützengasse

geleitet hatte und den Knecht sah, der dort auf die Rappstute wartete,

glitt er aus dem Sattel, warf dem Jungen die Zügel zu und versickerte

in die jubelnde Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf er

sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand Minchen Herzlieb

als süße Treuhalterin, hatte die langen Stengel mit den vielen, vielen

Herzen gar nicht in den Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende

Verlegenheit in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder mal

was angerichtet!«

Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch an der gleichen

Stelle fand, und er läutete sich gleich mit allen Glocken in sie

hinein --

»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen Ritte

siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und zweitens ist

Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest der Menschheit -- guten

Tag, Minchen Herzlieb!«

Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das Tirilieren kam auch

über sie --

»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja Sibylle Bach!«

»Auch ganz schön,« sagte er -- »Sibylle Bach ... das geht in den Mund

wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb läuft ins Herz wie der blühende

Frühling! Guten Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und

laß mich hinein!«

Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie hatte es aus ihrem

ahnungsvollen Frauenherzen heraus so eingerichtet und stattete damit

einem Manne, der schon längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen

hatte, eine liebe Dankesschuld ab.

Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs und hatte sechzig

Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte mit Paulinen erlebt; das wirkte

nun über Zeit und Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu

festlichen Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses jungen Männern

die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß zu Minchens Ehre gesagt werden,

daß sie auch zu anderen Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen

Beschäftigung nachging.

So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem die weißen

Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste feierten, verfiel die

alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles Schweigen. Minchen Herzlieb

verhielt sich dann abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf

der Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte Wirbel, auf

dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief immer den gleichen Worten

voraus -- »Ja ja, Dein Großvater hat mich einmal heiraten wollen,

Sibyllchen, aber es ist hernach nichts daraus geworden ...«

Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an den Kindern

heimgesucht durch viele Glieder. Jockele widmete dem alten Herrn im

Himmel ein paar rührende Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise

Schließerin, daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen,

auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte sich voll gütigen

Verständnisses auf den Weg.

Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in den Räumen des

Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; aus allen Winkeln atmete die alte

Zeit, und draußen auf der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und

tanzte mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.

Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango könnte.

»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger Mann mit

vielen Mädchenbekanntschaften universale Kenntnisse besitzen müsse

-- was wissen Sie von Goethe, von Wieland, von Wildenbruch, von dem

›Hauptgeschäft‹, vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von

Tango? -- Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen wollen

als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst verziehen, daß sie

so übel mit ihm verfahren war, und manchmal in diesen Winternächten

im Baumwinkel waren ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren

verzehrenden Küssen heiß geworden.

Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, wenn die jungen

Männer auf die ersten Fragen warteten, die ihnen von einem Mädchen

vorgelegt würden. Diese ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie

ihnen Botschaft bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren Strand

sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach diese Tauben vor allem

Ausschau halten.

Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. Es war ihm

schon zur belustigenden Gewißheit geworden, daß Minchen Herzlieb gar

nicht ahnte, daß er sie zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht

hatte. Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht

entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, daß sie

furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen Vergleichen und

hielt sich an das Greifbare. Das Sofa mit dem Kirschbaumrahmen, durch

den sich zierliche Einlagen schlängelten, sagte zwar ein verwundertes

›Na!‹; denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung

gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war doch wieder nur der

kleine fixe Schlag der Pendule hörbar, und die Geranien am Fenster

waren die Fackelträger.

An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen Herzlieb viel

weicher und ergebungsvoller benahm. Die Liebesstunden mit Gwendolin

waren ein Flammentanz, ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein

Vergehen in feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden

gewesen.

Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute die

Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche in die jungen Halme, voll

Lütütü und hellgrünem Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden

sich alle Mächte des Himmels und der Erde. Gwendolin sprang in eine

Liebesstunde vom Turme -- Minchen Herzlieb dachte daran, ob er hernach

wohl mit ihr zum Faschingsball gehen werde. Wenn er diesen famosen

Einfall hatte, durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für

die ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, nur

+einem+ zu gefallen, stand sie mit lachendem Unverstande gegenüber,

aber es war doch eine schauerliche Süßigkeit, mit der er über sie kam.

Und als er die Perücke ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte,

weil er dachte, Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie

davon nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung in ein

gefährliches Schwanken.

Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die Fenster, und draußen in

der blauen Küche bekam Frau Pauline Apel einen diskreten Husten und

läutete mit zwei Tellern Feierabend.

Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust zum

Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der ganzen Stadt

Minchen Herzlieb.

Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und schwamm in

Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele die vorige Stunde in ihren

Augen suchte, stand sie doch noch darin. Gwendolin dagegen konnte

zwischen zwei Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten --

die Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir mit Deinen

Küssen die Seele aus,« schwuren in der nächsten: »Ich kenne diesen

Menschen nicht.«

Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere von ihm

ab samt Armem Heinrich und Tartarus und Huschs Anfällen; denn das

Mädchen lag ihm im Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte

er sie in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte ihm

noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. Der Wind, der durch die

Windmühlenstraße am Silberblick hinauf in die Felder lief, tat die

vorjährigen Blätter der Clematis auseinander und wollte ein bißchen

gucken, konnte aber nichts sehen.

Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang und leichtsinnig

sein sollte wie das schöne Wetter. Er dauerte drei Vormittage. Der

erste Morgen in den Stadtratstannen und Buchfart war ein wenig

müde, und Jockele war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war

voll Ueberstrom an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen

Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere standen -- in jenem

Gartenteile, in dem der alte Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen die

Eiche gepflanzt -- nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender

Siegerfreude den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum im Tale.

Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und Veilchen und hatte sich

den Frühling hinbestellt. Da spielten sie zu Vieren Küssen.

Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem Grashange gegenüber,

und wie die vier himmelfreudigen Spieler die Zweige der Jungfichte

auseinanderbogen, sahen sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch

kleineren Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor einer

Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und hatte das Tirilieren

wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der stichelhaarige Dackel, war von

seinem Forschertriebe in die Röhre getrieben worden und suchte da nach

Wundern. Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen. Wilhelm

Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau den Rechen geben

lassen, der älter war als er selber, und versuchte sich damit am Ernste

des Lebens.

Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll mit den

Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen goldenen Rahmen. --

Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im Webicht. Es waren

da schon viele Lichter ausgelöscht in der Welt, und was sich an

verfrühten Blumengesichtern aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die

Augen zu, und der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten

zwei Tage.

Es war wieder Februar geworden.

In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein, um sie ein

bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen Jägerhauses an den

Wänden -- auf einmal war Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das

Zinzilein stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf dem

Arme ...

Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die Zeit her!

Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen wie

Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der Schule entlaufen, da hatte es

schon ausgesehen wie ein durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die

weißen Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen Kronen der

Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von innen heraus; wo es seine

Augen hatte, ward's hell, und wo seine liebe Stimme erklang, ward's

warm ... Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr geworden!

Die Sehnsucht faßte Jockele an -- heißer, träumerischer

Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen und Säulen von Gold

in den thüringischen Buchenwäldern stehen. Und seine Seele schwamm

darin mit breiten Schwingen ...

»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb und riß ihm einen

seiner schönen bunten Flügel aus ... »Ich gefalle Dir nicht in Blau,

gelt?«

»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als

Frauenkleider!«

»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie und wurde steil.

Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, die packte die

Frage Minchens und schnickte sie unter den Tisch.

Dann ging die Tür auf --

»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! ... Sie, Jakobus Sinsheimer,

ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ verkauft! Und Sie sitzen mit einer

Ihrer zahllosen Bräute beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit

in die andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese Dame

heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr im Sattel vor dem

Liszthause verheiratet.«

Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung voller Erlösung und

seelenerstürmenden Jubels -- Jockele dachte gar nicht mehr an den

abgerissenen Flügel, er breitete seine Arme weit aus und riß das lange

Mädel an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging daran etwas

in Stücke --

»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels und der Erde!

Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du Zauberin!« Und dann geriet er

über ihre Lippen, und die beiden ranken jungen Menschen schossen

durcheinander wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und

Aesten.

Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. Die Wirtin

sprang hinein und wollte retten, was zu retten wäre. Aber schon in der

Türe kriegte sie die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße:

»Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in Rührung.

Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle und dachte:

»Scheidungsgrund!«

Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken -- es glitt ihr nichts aus

den Händen; denn sie hatte sich gehütet, etwas zu halten; darum setzte

sie sich nun neben das Leben und wartete, ob für sie etwas am Rande

liegen bliebe.

»So -- nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer noch -- waldwild wie

damals -- und tollwüchsig -- und -- -- Hilfe!! Es sind bloß dreihundert

Mark -- Du küßt ja für fünfhundert!«

Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es erst hätte angehen

sollen.

»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.

Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren Aerger und

sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«

»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie tröpfelte ein

bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine, daß es renommiert hätte,

und Gwendolin führte Husch an den Tisch, warf ein paar Hände voll

Frohmut über sie und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder

zurechtschieben, das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes

Juchtrala.

Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken nicht loswerden,

die Sache mit dem Armen Heinrich wäre nur eine Finte, und die lange

Gwendolin hätte den Hieb geschlagen, um ihr -- dem Minchen -- eine

blutige Abfuhr zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld wäre,

und es entstand eine elektrische Schwüle, die der armen Husch auf die

Nerven fiel.

Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche Sekt und einem

Frühstück. -- Ein Münchener Verleger hatte die Zeichnungen für eine

neue Uebertragung des Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der

Kunsthändler hatte dafür -- natürlich samt den vier Tafeln in Oel --

den Betrag geboten; die Verhandlungen waren zwischen ihm und Gwendolin

durch den Draht gepflogen worden.

So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und ein gewöhnlicher

Mensch konnte darüber den Verstand verlieren. Jockele aber ging nur

über die Baumwipfel nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß

ich einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch mitgenommen.«

Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem Luftbad und

setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab; dann ging Gwendolin, die in

der Kurthstraße wohnte, und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über

den Silberblick zu machen, kein Gehör gab.

So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und die knatterte auch

gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest auf dem Sofa Paulinens

und kein Vorfrühlingsglück im Park zu Belvedere gegeben --

Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in Weimar? Und ob er sich

einbilde, daß sie gerade auf ihn gewartet hätte? Und was das für ein

unsauberes Küssen gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang -- pfui

tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die Husch sogar bei

ihm im Hause wohne -- oh!

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 11 / 16 段