Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male zu dem

schmerzensvollen Erdenmädchen.

Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes Bild zu stellen,

das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen wollte. Wenn die hohen Bäume

wieder Frühling über sich warfen und nur verirrtes Licht durch die

Wogen der Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.

Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling dieses

Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, und er hatte ihr die

Augen verbinden müssen.

Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als durchleuchtete die

Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, so oft er sie rief. An diesem

Tage sagte er ihr, daß sie mit dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen

Schmerzes dastehen müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden

Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten ...

Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war ohne Grenzen in ihrer

Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: »Du sollst ...«

Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche Kraft kam.

Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren Füßen war, wenn er es ihr

gebot; und sie litt Qualen einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem

namenlosen Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte -- sie

litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die Arme -- nicht

nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem Saume der Berge, über die sie

ihn schreiten sah, und mit jedem Schritte zog er weiter von ihr fort ...

Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres Schmerzes herauf und

brach in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine Hand auf ihr

Haar legte, und nicht hörte, daß er da war und mit ihr redete, nahm er

sie auf die Arme und trug sie auf sein Bett. --

Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber Abstammung und

Erziehung hatten es ihm zur beglückenden Gewohnheit werden lassen, sich

nicht in die Märkte und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen

ihre Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. Wer

der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen vorhanden wären,

der ist gar sehr im Irrtum; denn es ist zu schätzen, daß es an nahezu

fünf Prozent aller neuzeitlichen Kulturstätten annähernd ein Prozent

immer noch ganz vernünftige Leute geben mag.

In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen ist, daß dort

sehr viele Dichter leben.

Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer keineswegs, aber er

legte um das Bild jeden Tages einen Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn

beides nicht zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der Engel und

das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun hatten, so nahm er mit freiem

Weltenlicht und mit Himmel vorlieb.

Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in Erstaunen. Nur

darüber -- dachte er -- würde er sich bis in die goldene Ewigkeit

hinein wundern, daß die Menschen mit dem Himmel fast gar nichts mehr

anzufangen wüßten.

So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den Händen zu halten.

Und das war gut; denn damit findet sich der Mensch durch Nacht und

Licht und findet sich auf die Sonnenraine, die auch mitten durch die

lautesten Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein bißchen

Glück blüht.

Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses Vorstadtwinters

mit einer ungekannten Freude.

Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für landschaftliche Motive

verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer gediehen war, mit dem er sich

den Dichtern gewidmet -- auf einmal waren seine Gedanken bei Doris

Rinkhaus. Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er an

Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch immer dazwischen.

Sie erklärte ihm den Krieg und guckte ihm über die Achsel in jedes

Buch; sie verreiste und blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine

brennende Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die

ewige Lampe.

Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren -- es war das

wilde Jahr!

In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter gemeinhin für

altmodische Tröpfe und ihre Mütter für abgestandene Frauen, die aus

ihrem späten Leben in das Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden

möchten und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt sich

eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der Riese Goliath,

und für den, der daneben steht, wie ein Embryo, an dem schon alles da

ist, aber das Maul ist aus seiner Natur heraus am größten. In diesem

Jahre hält der junge Mann von Begabung die Mädchen und die Ellbogen für

die vornehmsten Einrichtungen und hat niederreißende Gelüste. Wenn man

ihn gewähren ließe, würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt

zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.

Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft alle Gesichtswinkel

verschieben -- auf einmal sieht die Welt aus wie vor den Toren im

November: vor den Toren sind die Schrebergärten mit den tausend

Lauben, die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides wird im

abgeblühten Jahr offenbarer.

Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden Jahres dahin, gerät

in Sand und Nebel und wird besinnlich und gibt dem lieben Gott eine

Gnadenfrist ... Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. --

Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl am Ofen saß. Er

hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur angelehnt und horchte manchmal

hinaus, was es mit Husch wäre.

»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« dachte er.

Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er kannte die Reden der

beiden zur Genüge: Maria Reh sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts,

und ließ sich auf Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden

›Ueberhaupt‹ nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen Fällen von

einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.

Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem regelmäßiggehenden

Atem, daß sie eingeschlafen war.

Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe Zeit gerückten

Eheschließung war diesmal nicht dabei, aber auch nicht die Absicht

einer sanften Entwöhnung. Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der

Frühling in diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie

draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ schuf ...

Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große Sache

am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam die Leinwand, der er

beiläufig zehn Geviertmeter Fläche gab -- und er mußte das von der

Leiter aus malen. Der Gedanke hatte etwas Berauschendes ... so hoch da

droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das Feuer bringt!

Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase hervor -- wahrhaftig,

in den vergangenen drei Tagen, in denen ein Weststurm den Schnee

zusammengekehrt hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und

ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, und hing doch

noch tiefe Winternacht ringsum. So war dies Fünklein Licht aus dem

Frühling herübergeweht, und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel

die silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte den Hut

auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch drei Modelle: einen Mann

auf der Höhe des Lebens und einen, der ganz voll war von dem Klange der

Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe trinken läßt, wenn

der Tod über die letzte Brücke reitet. Und ein Weib.

Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem Vorderstübchen. Sie

stickte und hatte die Füße auf einem Backstein, den sie so oft gegen

den anderen auf dem eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde.

Der Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes Lied.

Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, und daß sie nun

in seinem Bette läge und schliefe.

Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie ist schon viel

freudiger geworden, seit sie um Sie sein darf. Es ist schlimm mit einem

so wunderlichen Mädchen in solcher Zeit -- die Husch hat eine grausame

Lust, leiden zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen

Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß es nicht. Sie ist

über einer ewigen Selbstopferung, und Leiden ist ihr Freude. Aber wenn

sie hier unter dem Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«

Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das dem aussätzigen

Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. Er hatte in dem Gedichte des

Hartmann von der Aue am Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr

sagt:

Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß;

Ist das nicht Not genug, so groß,

Daß Du mit Recht vor Scham vergehst,

Wenn Du so nackend vor mir stehst?

An Beinen bind' ich Dich und Armen;

Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen,

Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!

Ich schneide Dich bis tief zum Herzen

Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir ...

Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, die gleich in

seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.

Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem Vergessen hin.

Das sah die Frau, und weil sie es sich nicht anders deuten konnte,

sagte sie: »Sie sind nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch

nicht mehr schicken soll!«

»Oh, ich brauche sie -- ich brauche sie vielleicht den ganzen Sommer

über!« rief er und sah, wie froh die bleiche Stickerin an seinen Worten

wurde.

Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der Schlüssel wäre, und

ging in einem wilden Glücke davon.

Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die Sternbrücke in die

Wagnergasse, wo er das Modell zum Armen Heinrich wußte, dachte er an

Husch und wie er ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er

war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei Frauen geworden,

die auf den Dächern lebten und sich nicht herabfanden auf die Erde. Er

war ein Mann und eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm

in ihm.

Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch aufgestanden.

Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach Hause gegangen

wäre.

Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles hätte um

ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie ließ sich auch nicht

heimschicken und wurde ganz ängstlich, weil sie fühlte, daß er sie

schonen wollte. Da litt er es, aber er sagte: »Du machst mir damit

große Sorge, daß Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist.

Wenn ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute, so mußt Du es

mir sagen.«

»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach sie -- »ich habe

Dich so weit fortgehen sehen ...«

Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den Gegenstand einer

Auseinandersetzung zwischen Maria Reh und Do. Maria hatte mit Huschs

Mutter gesprochen und von ihr erfahren, warum sie da war und nun

forderte Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden ein Ende

machen.

Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge, der Doris

Rinkhaus aufs höchste befremdete.

»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was geht sie uns an?«

»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück werden kann,«

sagte Maria -- »und überhaupt, wie läßt sich so etwas billigen?«

»Billigen oder nicht -- darauf kommt es gar nicht an! An irgend einem

Mädchen muß ein Junge zum Manne werden! Möchtest Du Dich vielleicht

dazu hergeben? Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten

schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du Dir dabei eine

Rettungsmedaille verdienen willst.«

»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen würde?« fragte

Maria Reh.

»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich, sie hat Vertrauen

zu Jo. Und ich habe es auch. Ich denke: sie würde nicht die Dritte im

Bunde sein wollen; aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige

Platz für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim

behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts von allem.

Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts für ihn, und wenn ich

Jo wäre, so würde ich jeden sehr unsanft hinauskomplimentieren, der

mir in meine Tage reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen,

daß die meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer

Familientradition hineinfahren ins Leben -- Jo aber ist auf eine

Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich kann nicht sehen, daß

er töricht ist oder mit blinden Augen dahintappt.«

Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im Gartenzaun hinter

sich zu.

Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und blätterte in Goethes

Gedichten mit den Anmerkungen. Aber die Bilder dieses Tages drängten

sich zu laut um ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld

geben und sechzig Mark für den Haushalt -- darüber verfiel er in ein

mühsames Rechnen und erkannte, so ging das nicht. Aber Tante Veronika

wollte er nicht helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie

erwogen, so sollte er auch ohne sie ausgeführt werden! Er mußte in den

Bildern zum Armen Heinrich etwas Ordentliches schaffen, etwas, das sich

zu Gelde machen ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und

Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.

Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern an einem

Tische, die voller Pläne für einen großen Faschingszug waren, der im

nächsten Monate abgebrannt werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich

mit der Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache aufbaute;

und Jockele mußte dabei helfen.

Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde im winterlichen

Baumgarten am Horn aufgeschrieben, riesenwüchsig -- die Dreier und

Zweier wurden zu Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und

rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.

Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er zwanzig Tage

niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do genossen, war er ein

gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. Nun saß er in einem Kreise

junger Leute, bei denen das Exempel in der Regel +nach+ dem Vergnügen

ausgerechnet wurde -- da brachte auch er den Armen Heinrich, die Gruppe

aus dem Tartarus, die männliche Fürsorge für Husch und den Prinzen

Karneval zusammen, und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter

mitzumachen.

Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der Kunstschule und

verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches Gespräch.

Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer hast Du Dir einen

neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich mal acht Tage nicht gesehen hat,«

und sie legte einen Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt

war.

Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden wäre, sagte

sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich mit beiden Händen und mit

dem Herzen an und stellst Dich zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm

verheiraten. Wenn Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst,

kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«

»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.

»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und gefährlich.«

Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um ihn, aber er vergrübelte

sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, wie ihm das vordem geschehen

war, sondern dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme,

muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer anderen frühzeitig auf

eigenen Füßen gestanden, aber sie bleibt auch immer dieselbe. Bei einem

Mann ist das eine ganz andere Sache.«

Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten zu genau besehen

und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen konnte. Aber er wußte nicht,

was er Do in diesem Jahre schuldig geworden war, die ihn mit ihrer

sichtigen Klugheit auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das

eigene und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte nicht

zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel oder als wildes

Rankenwerk über eine jugendliche Kraft legen und sie ersticken. --

Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen Glücke durchleuchtet,

daß er gleich alles bereitete, um an dem Armen Heinrich zu beginnen.

Er erzählte ihr die Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das

seelenverwandte Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit hinein, deren

sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste Preislied der

Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, gewann da zum anderen Male Gestalt.

Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen Kopfputze sehr

lieblich aus, und er versank in das süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf

einem Fußschemel und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der

nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen Schmerzes.

Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, daß er Dir Ringe für

Deine Hände und goldene Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun

sitzt er Dir gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen

Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe geopferte Herzblut

eines schuldlosen Mädchens dies Wunder vollbrächte ...« Da trat der

große Schmerz vor sie hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und

sie schlief einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.

Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er Farben und eine Tafel,

machte mit Kohle eine rasche Skizze und begann zu malen.

Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. Das Licht wurde müde,

aber Husch ahnte es nicht. Da hob er sie auf und streifte ihr das

fremde Kleid ab und legte sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.

Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an Tragik

verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes war, so war es doch

ein Rausch, und der mußte verschlafen werden. Mochte der Trank für

Husch süß oder bitter sein, ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die

Sache fing an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu

vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend hatte über aller

Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der Erkenntnis, daß der Sieg

über sich selbst auch den Sieg über jedes unerlaubte Maul bedeutet.

Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich zu einer Zeit kommen,

in der er Husch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte, oder

in der sie in ihrem ekstatischen Schlummer lag.

Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das Mädchen ihren Eltern

offenbart, sie wolle für Herrn Heinrich sterben; das dritte die

Unterredung mit dem Arzte von Salerno, der sie nicht wankend machen

kann in ihrem Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der

verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein unirdisches Licht,

und sie versank in das qualvolle Glück des Martyriums. --

Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich kniete, als der die

Heilung durch die Gnade Gottes empfangen. Aber dazu gebrach ihr die

Kraft des Einfühlens, es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne. Was

sie beseligen konnte, lag in Bitternis und Dämmerung.

An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille reichte nicht

aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift noch sein Pinsel fand, was

blühender Traum in ihm gewesen war.

Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am Gelingen die

Zeichnungen und Tafeln und lief mit Erobererschritten zu Do und Maria.

Sie waren beide überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte

nach Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und sagte: »Es

ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie mal her und lassen Sie sich

angucken.« Sie rückte ihn ins Licht. -- »Na ja! Warum machen Sie sich

so gewaltsam krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«

Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in den Künstler hinein,

was er seinem Stoff entnahm! Sie gedachte es böse mit Ihnen zu machen

und lobt Sie!«

Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria Reh jubelte:

»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren Kopf zwischen diese

Hände nehmen und in den schwarzen Ringeln Ihrer Haare wühlen -- aber es

geht nicht mehr. Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«

Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen Sie sich nicht von

ihr in einen gefährlichen Uebermut hineinloben! Ich klatsche Ihnen von

Herzen Beifall, aber Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen

-- haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert, wie Sie

das malten?«

»Nein.«

»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen und sich Sandalen aus

Rauschgold unter die Füße gebunden?«

»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und die Bergsteigstiefel!«

»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in vier Wochen sind Sie

hysterisch, wenn Sie diese Husch als Modell behalten.«

»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,« sagte Jockele. Aber

er strich sich über Stirn und Augen, als läge da das leise Gewebe einer

Müdigkeit. Er reckte sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er

hätte in diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens vielleicht

auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen geblieben wäre. Aber sie

erfaßte die Gelegenheit und führte neben Dos blankes Reiten drei

spießig gesattelte ›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die

Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.

Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und forderte Sachlichkeit;

denn nach der Erlaubnis, sich dieses oder jenes Modell wählen zu

dürfen, hatte er nicht gefragt.

Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele nahm sein Werk unter

den Arm und empfahl sich höflich und aufrecht. Abends lernte er reiten.

Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte nicht nach

Krankheit oder Gesundheit -- sie fragte: »Kann das einem Menschen

gefallen und kann man es zu Gelde machen?« Sie lief vor und zurück

und lief hin und her, verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen

wir!« Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen. Da

schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹ nach München zu ihrem

Kunsthändler. Und er ging nach Hause und stieg in den Tartarus. --

Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen Himmelswiese

spazierte und die kleinen Engel um sie herum in Scharen Purzelbäume

schossen, wurde die Leinwand zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel

aufgestellt. Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß sie des

Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen konnte, ohne den Unbilden

des ungeschickten Vorjahres ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der

Sonne umzugehen weiß.

Und das Schicksal nahm seinen Gang.

Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren gemacht. Es sollten

fünf Figuren in dem Bilde stehen: Husch und ihre Mutter, ein nackter

Jüngling, ein Mann und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein

schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr nach unten

gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden Frühling ihrer Glieder

ahnen. Die anderen starrten oder schrien oder hoben ihre sehnenden Arme

nach dem Lichte des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.

Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von der Gruppe nur noch

als von seinem ›Monumentalgemälde‹ oder von dem ›Galeriestück‹, oder

in sonstigen Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die

Vorstellung warfen, welche er damit verband.

Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf der Leiter stand und

die Figuren mit Kohle umriß, verbat er sich von den beiden Freundinnen

alles kritische Dreinreden -- er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.

Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt eines maienhaften

kleinen Mädchens durch die Zinzeln des Zaunes, stocherte mit einem

blühenden Mandelzweig hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie

gemünztes Gold in das lichtahnende Gras fiel ... Aber Jockele hörte es

nicht.

Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter vorm

Faschingszug.

Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel und enganliegende

weiße Lederhosen, einen feuerroten Reitrock, Perücke und Dreimaster.

Und die schwarze Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll

Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 10 / 16 段