im Nebel herumliefen. Aber nun ging er des Mittags immer den breiten
Gartenweg, und nicht mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke
bei jeder Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.
Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.
Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen sein. Er suchte
vor der Tür in dem aufgeweichten Wege nach der Spur ihrer Füße und fand
sie nicht. Er ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht
hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre -- das Haus war gestorben.
Er riß an dem Klingelstrange, daß die Glocke drinnen jäh aus ihrem
Schlafe schreckte und Sturm läutete -- »Wenn sie jetzt kommt,« dachte
er, »so sag' ich: ›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon
geschehen ist‹ -- und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«
Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit in die Stadt, um
eine ihrer Bekannten zu treffen. Vor jedem Menschen hatte er die Frage
auf den Lippen: »Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«
Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße einbog, war
der Bummel der Weimaraner schon im Einschlafen. Die Rathausuhr schlug
acht. Die Laternen spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige,
und was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen dahinstapfte,
waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem Fauserschen Blumengeschäft
bei dem Gänsemännchen brach noch ein verspäteter Strom Licht in den
Nebel -- Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade drei
rote Nelken in den Gürtel!
Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen gespürt, sie
über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede zu stellen. Nun, da nur die
blanke Scheibe zwischen ihm und ihr war, prallte er zurück -- aber:
»Träf' ich Dich nicht heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte
er, sprang die Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war
geschlossen.
Da öffnete ihm Gwendolin --
»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?« fragte er.
»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie wissen das nicht?«
»Nein. Was soll denn das heißen? -- Nun ja, wir haben doch noch vier
Wochen Krieg miteinander.«
»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich gehe mit Ihnen!«
Das war Gwendolin -- sie hatte ihn schon wieder in beiden Händen.
»Ich gehe nach Hause,« sagte er.
»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in diesen vier Wochen
eigentlich nicht sehen lassen?«
»Vor Ihnen?«
»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir daheim ab. Los!«
kommandierte sie.
Sie gingen über den Markt und gingen über die Sternbrücke. Als sie in
den dunklen Fußweg nach dem Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen
den Mund -- diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht war
wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich voll Sonne getrunken
hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim! Krieg auf Kündigung! Dazu Erika
Flucht, die den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis
eingeschwärzt hat ... Und das alles auf einem kleinen Zirkel Zeit
und Erde! ... Jakobus Sinsheimer stand in der Mitte dieser verrückt
gewordenen Drehscheibe, wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam
das wüste Sehen.
»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt sein? Rede!«
»Frage nur weiter,« sagte er -- »vielleicht rat' ich mich dann aus
meinem Staunen heraus.«
Sie lachte, daß ihm das Herz klang.
»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt das auch noch, sagt
›Du‹ zu mir und stattet mir einen mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich
in acht vor mir!«
»Fällt mir ja gar nicht ein!«
Teufel, wie das lachen konnte! ... Jakobus Sinsheimer fing an,
nachsichtig gegen sich selbst zu werden und dachte an vollkommene
Verzeihung -- »das heißt,« erläuterte er laut, als ob sie seine
Gedanken gehört hätte -- »ich selbst will mir verzeihen. Du bist
hoffentlich vernünftig genug und verzichtest für Dich!«
Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien, und auf dem
breiten Gartenwege lag mitternächtige Finsternis.
»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und legte ihren Arm um
den seinen; da fühlte sie, daß der von Holz war und ohne Bedürfnis,
sich anzuschmiegen.
In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte die Lampe an, und
Licht und Wärme nahmen ihr das Regencape ab --
»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist! Und dahinein
hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«
»Nein,« sagte er -- »der Name Gwendolin Vogelgesang ringelt sich aus
dem Mund als eine Schlange und zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen
ist! ... Ich weiß das leider erst seit diesem Augenblick.«
Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein schmales Band aus
schwarzem Glanztuch geschnallt war, und rückte sich den Lehnstuhl an
den Tisch.
»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.
Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett in der Kammer. Sie
hörte, wie er draußen Wasser in einen Blechtopf goß, dann stellte er
den ganzen Betrieb auf die Diele vor den Ofen und zündete an.
»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich werde Dir morgen einen
Samowar schicken, der kommt auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends
etwas von ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«
»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«
»Du lieber dummer Junge -- selbstverständlich will ich wiederkommen!«
Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke und sagte:
»Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin Vogelgesang! So -- jetzt kriechen
zwei Schlangen auf dem Tische herum ... Ich wollte, Du entsetztest Dich
davor -- vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen Seele und
vor Deinen Tollkirschenaugen.«
»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte Einrichtung ich
bin,« sagte sie.
»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in Ettersburg, weil ich
auf dem Wege zu Dir Deine Küsse darauf gefühlt hatte.«
»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn ... Sie sind einfach süß in
Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«
Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr schwer, ihn anzusehen;
sein Mund, der so wild und süßschmerzlich küssen konnte, verzog sich in
gallebitterem Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über
den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen -- nun war er breiter,
als sie ahnen konnte, und Jockele stand drüben und reichte ihr keine
helfende Hand.
Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem gewölbten Glas über
dem Zifferblatt rief mit heller Stimme neun -- es war die gleiche
Glocke, die schon in Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen
hatte ... Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein, aber die
Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten, der in jeder Dämmerung
ein schwüles Leuchten anhebt und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.
Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die kleine Meißener
Kanne mit Tee und goß für Gwendolin ein. Da ging sie an den Schrank,
nahm für ihn eine Tasse heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.
»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin, »Du bist nicht
nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während sie die Teekanne abstellte,
streifte sie ihm mit der Hand über das Haar -- »Du,« sagte sie, »warum
rauchst Du nicht auf -- ich habe Dich nun schon dreimal dumm genannt!«
»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«
Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern. Den hatte die
Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin hatte ihre Nelken
dazugefügt. Aus diesem Strauße zog er einen Halm Zittergras und tupfte
ihr damit an die Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,«
sagte er.
Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen vier Lichter aus
an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht. »Jockele,« sagte sie,
»denkst Du, ich hätte Dir diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll
Sehnsucht nach ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster
der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.
Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch das Zimmer -- »Du
hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen sollen -- dann wärest Du
nicht so tief untergegangen für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du
bist nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber nicht
verteidigen könntest.«
Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für ihn Komödie
geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann sagte sie mit gesprungener
Stimme: »Ich habe gedacht, es könnte Dir daran gelegen sein ...«
»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren machst?«
Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um ihn. Er wehrte sie
ab --
»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,« knirschte sie und setzte
sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich habe Dich für jünger gehalten,
als Du bist.«
Da lachte er gell auf -- »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich zur Dirne
gemacht!« schrie er. »Aus! -- Und nun sage mir: was weißt Du von Doris
Rinkhaus? Ich werde von ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich
nicht nachdenklich, daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde?
An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus hat einmal
gesagt: Wer den Glauben an die Menschen nicht verlieren will, muß den
Verkehr mit ihnen nach Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun
daran, da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«
»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause wohnen wollte, in
dem einst Maria Reh gewohnt hat. Sie wollte wohl auch wissen, wo Du
daheim wärst, und wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr
schätzt.«
Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz ruhig daran wurde.
-- Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht leicht mit den Menschen, sie war
hellsichtiger als alle ihres Alters, sie war fertig und selbstbewußt,
und was ihr noch zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren
Bewußtheit, mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich
ihre Tage selber.
Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd inmitten der
zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen, und sie haben viele
Feinde.
Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige Egoistin.«
»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der volle Mond, der
in der Hochnacht hängt.«
»Er wärmt nicht.«
»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er -- »manchmal kann
ich mir denken, daß sie über ein dürres Feld schreitet, und es fängt
um ihre Schuhe an zu blühen. Aber es ist richtig: sie redet oft mit
Menschen und ist doch weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein
wie sie, so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung. Ihr
andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine Krone. Oh, wenn
Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt mit Eurer dürftigen Rechnung auf
das andere Geschlecht!«
Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn geworfen hatte,
wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie fanden den Weg nicht; denn
Gwendolins Augen stellten sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst
Du von diesen Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte ihn
wieder unsicher an sich selbst.
»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er -- und sie: »Es ist
schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich glaube, ich könnte Dich
dann richtig lieb haben.«
Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee entlang
und ging noch ein paar Schritte mit ihr draußen vor der Hecke.
»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte gegen Dich nicht so
freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber Du darfst mich deswegen nicht
steinigen und meinen, ich allein trüge die Schuld. Vor solch einem
feuerroten Aufblühen will ich mich aber in Zukunft hüten.«
Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach -- die Nebel schlugen über
ihrem Schatten zusammen.
Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie wäre nach seiner
Aufforderung ohne Säumen gegangen, weil er von Do zu ihr geredet hatte,
und wie die so schön und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb,
weil sie seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.
Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen der Erika Flucht
vom Regale. Da fiel ihm ein, daß es viele Mädchen leicht hätten, neben
den suchenden Sinnen der jungen Männer dahinzuleben -- die heidegraue
Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner schön gefunden!
Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; darüber ward sein
Herz noch versöhnlicher gestimmt, und er fragte sich, ob er Gwendolin
nicht unrecht getan hätte. »Nein -- nur quitt sind wir geworden,«
sagte er. Und am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in helle
Glückseligkeit freuen.
Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber sie hatte kein
Wort dazu geschrieben.
Da suchte er sie während der folgenden Tage in der Stadt zu treffen.
Wie er sie sah, traten sie sich ernst und freundschaftlich gegenüber,
und ehe sie auseinandergingen, sagte er:
»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher Art der
Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen Männer und jungen Mädchen
vertändeln sich aneinander -- aber so zwei wie wir müssen darüber
hinwegkommen. -- Wann besuchst Du mich?«
»Morgen abend -- wenn Du willst,« sagte sie.
Er hatte sich und sie besiegt.
Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter gemacht als
denen anderswo -- nicht, als ob sich die Steuerlokalkommission weniger
anmaßend gebärdete -- o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie
zuletzt immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung
geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht zum Pessimismus. Und
nicht, als ob die Weimarer Bürger und Dichter, die den Hauptteil der
Bevölkerung bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften,
wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen -- o nein, o
siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein ebenso eigenartiges als
lustiges Verfahren herausgebildet. Regnet es, und es beabsichtigt
trotzdem jemand aus einer der grünen stillen Vorstadtstraßen einen
Ausgang, so wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer
Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. Darauf erläßt der
Stadtbaumeister ein Rundschreiben an alle Anlieger der Straße, ob sie
für die Kosten der Instandsetzung aufzukommen gedächten. Wenn diese
zurückgeschrieben haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um ein so
vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann ist seit mehreren Wochen
so trockenes Wetter, daß die Entnahme von Wasser aus der städtischen
Leitung bei Strafe verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt
kann ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die Eingabe, die
bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung übergegangen.
Trotz alledem -- das Glücklichsein ist den Menschen in Weimar leichter
als denen draußen; denn jeder treibt sich an dem andern rasch und
fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz. Es gibt keine
aufdringlichen Nachbarn, und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich
leicht zu grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar,
aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses der
Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie in Ibenheim am Walde; denn
Weimar ist die Stadt mit der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn
der Mond Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele
ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen und Wege das
Scheinen der Ewigkeit.
»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht in geradem
Verhältnisse zum inneren Reichtum eines Menschen,« hatte Doris Rinkhaus
einmal zu Jockele gesagt. Das war zu einer Zeit gewesen, in der er
noch nicht wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in
Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es war die
Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander trafen.
Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß das Glück von
Weimar sich ihm um so inniger ans Herz legte, je heimlicher er sich in
die Stille dieser beseelten Gärten hineinlebte. Er war daheim wie in
den himmelumdrängten Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die Namen
der Großen von Weimar blühten für ihn von allen Fenstersteinen, und er
sah klingende Ewigkeit ranken um alle Giebel.
Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach in das Dasein als
Verirrungen verkümmerter Herzen und Geister, die das Bedürfnis haben,
sich das Firmament der Sterne zu vermauern -- wie er einmal von einem
Dichter hatte sagen hören -- aber er dachte: wie kann man seine Augen
so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem jubilierenden Hochgesang
der Erde! Wie kann man Gott absetzen und den Göttern der Gassen und
Gossen dienen, solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel
dehnen?
Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug mit goldenen
Sporen. Er trug eine blaue Aster am Helm, und die Sonnenrosen lehnten
sich über die Zäune und mußten seinen Weg bescheinen.
Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten Wäldern der Berge und
sah aus wie die Braut des silbernen Reiters: kriegsfroh und sieghaft --
sah aus, als liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie
machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander vorübergingen
-- sie wartete auf die rote Fahne, die Jockele aufzog, sobald sie in
Sicht kam, und freute sich, wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.
Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während Do in Ibenheim
war. Und diese Tante war auch darin eine Ausnahme, daß sie von ihrem
Jungen nicht einen Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige
verlangte.
Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich belaubten
Wipfel gestiegen und blies den Frieden über den Garten. Gwendolin
war da, und während sie beim Tee saßen, brachte Maria Reh -- noch im
Reisekleide -- die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus dem
Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh hatte von den Dingen,
die sich über Sommer zugetragen hatten, keine Ahnung. Und es wäre
noch lustiger gewesen, wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte
begrüßen wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung des
Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte -- nun war aus ihm
ein junger Mann geworden, der seine Erlebnisse hatte, und der auf dem
Wege zu einer Weltanschauung war.
Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und aus dem Kaffee ein
Mittagsmahl. Die Aufwärterin Jockeles wurde in die Küche gestellt;
denn die Damen konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben
während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch gelebt, und er
stand schon wieder hoch darüber auf einer heiteren Höhe, von der er
sich die Welt unter ihm mit Humor betrachtete.
Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die erste Nacht von
Ettersburg auf seinen Lippen leuchten sehen -- auf dem gleichen Munde,
der sich zu dem begeisterungsvollen Ausspruche von der bevorstehenden
Eheschließung mit Gwendolin hinreißen ließ.
Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, weder gegen
die bunten Wälder von Ibenheim noch gegen Maria Reh; und auch er
spielte nicht den Verräter; denn Gwendolin hatte sich Do an jenem
Sonntag in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle seine
Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.
Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers wildes Jahr ein.
Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal, dann stürzte er
sich in ein ausgelassenes Malen. An einem verschneiten Tage betraf
ihn Maria Reh dabei, wie er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen
hinter dem Hause trug -- um die Holzdieme im Zwetschengarten hatten
sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre lag hinter einer
Schneelast. Da wühlte er sich Bahn und warf alle Landschaften der
anderen Zeit zu Staub und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen
Fleiß und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah die
Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht, wußte nicht, was sie
trieben, und es kümmerte ihn nicht, ob sie daheim oder verreist waren.
Er verbrachte Wochen in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der
Büchereinsamkeit seines Hauses. Es gingen alte und junge männliche
Modelle darin ein und aus, und es kam auch ein ganz junges blondes
Mädchen der Armut mit einem Madonnengesichte. Die hatte ihm die
Aufwärterin zugeführt.
Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn Jahre der
Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf diesen Namen getauft.
Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er wollte. An ihrer
sanften Schönheit sannen sich seine Augen in Träume wie vor dem Bilde
des Mondes; und die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte sich
in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes schönes Glück und
litt an der Ahnung, der Märchenglanz werde vergehen, wenn der Schatten
von Menschen darüberfiele.
Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und haßte Doris
Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name von ihm genannt wurde, und
daß sie in Tränen ausbrach, wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.
Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die Damen und
ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten, aber sie war nicht
dazu zu bringen -- »Fordere, daß ich in den Winternächten an der Erde
vor Deinem Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber
beschütze Dich und mich vor jener!«
Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige Küche und
wirtschaftete darin und aß dort, wenn er nicht daheim war. Des Abends
ging sie über den Wall nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter
eine Mansarde in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder da
und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in dem Häuschen mit
blumenhafter Stille und Hingabe an die Sonne, die darin für sie schien,
und dachte: »Wenn diese Sonne untergeht, muß ich sterben.«
Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen, die in eine
Blume verzaubert war. Aus dieser Blume durfte sie um die Mitternacht
herausschreiten. Da schlief der Mann, der die Blume in einen Scherben
gepflanzt hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte die
Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu und war so leise
wie der Sonnenschein, der über die Diele schreitet. Dann zündete sie
Feuer unter dem Herde und setzte das Essen daran, daß es sich bis zum
Morgen koche; denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste
Sonnenstrahl kam -- sonst war es um sie geschehen.
Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus und ward traurig
und sagte:
»Dieser erste Sonnenstrahl -- ich muß dabei an etwas ganz anderes
denken ... davor fürchte ich mich!«
Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit dem Kopfe und
schwieg. Dann sagte sie:
»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst Du es doch, wenn
dieser Sonnenstrahl gekommen ist; denn dann ist es um mich geschehen.«
In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht alle Dinge in
der Stube wieder an den richtigen Platz und in die Stellung bringen,
die sie zuvor gehabt hatten, weil ihre Hände und Augen nicht dazu
geschickt wären. --
Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und schönen Mädchentages
aufgelesen und wohnte noch immer in dem gleichen Dachstübchen, in dem
ihrem Schoße die weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden,
und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn sie in fremden
Gärten und in den Stuben der anderen Leute lag.
Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug tiefer Schmerzen in das
junge Gesicht getragen. Eines Tages saß sie am Fenster -- es war ein
frostheller Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie
dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen Hauses nicht
mehr um sie wäre, und blickte empor zu den kahlen Zweigen, die vom
Winde geschlagen wurden.
Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles Gesicht. Aber
sie merkte es nicht. Es schien ihm, als wandele sie in einem tiefen,
öden Felsentale, das auf allen Seiten verschlossen war, und sie ging
dahin und sah die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen
legen.
Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, blondes Haar
lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.
Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes Kind, das in
erdenfernen Gärten schritt -- einmal auch als die Fee in dem Märchen,
die sich aus der Blume befreite -- da wob sie sich aus sanften Linien,
die zuvor Blütenodem gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt.
Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln entgegen, die dort
auf den lieben Gott warteten.