Gürteljoppe bestanden und hatte ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte
sich freudiger Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte
umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels wetteiferte,
und seine Augen liefen an der gepflegten Bügelfalte hinab, die in den
Aufschlag der Hose versickerte; dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen
über die gelben Schule gestreift -- -- die sehr frühe Stunde fiel ihm
ein, in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter Hingabe für
Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte ...
Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem eine annähernd
höllische Teufelei aufgehen könnte, und fand ihn nicht.
Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung des Augenblicks
geboren? War es Verwirrung gewesen, die der Ueberfall angerichtet
hatte? Oder war es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?
Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete sie die Arme weit
aus wie ein Sommertag, wenn er die Sonne kommen sieht!
Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster seines Herzens
weit auf -- aber der liebe glockenklare Morgenwind lief nicht hinein.
Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der Frühling eine
erwachende Blume! Und als Do ihren wissenden Finger erhob, der da
fragte: »Sie denken wohl ...?« hatte er seine Empörung gegen diesen
Finger geblasen.
Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem morgendlichen
Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem Munde gelegen hatten, am Wegrande
gewachsen!
Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: ein Mädchenmund
voll so staubiger Süßigkeiten müßte von Rechts wegen gekennzeichnet
sein -- und nörgelte eine Stunde lang an der Weltordnung herum.
Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und es blühten da
und dort auf umschatteten Wegen junge Stimmen. Da setzte er sich auf
eine Bank und saß bis an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden
Frauenmund -- ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude am Licht,
ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder dankbarem Traum am
Glück sei, oder ob er blühe wie ein Mohnfeld, lichterloh und in
seelenzehrendem Brand ...
Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half ihm die Küsse
zählen, die verschwenderisch auf diese roten Blumen hingedrückt worden,
und rieb sich die Hände.
So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die Schmerzen in Betrachtung
übergehn‹ ... Er wußte nicht, daß er damit heimlich in die Gärten
Goethes getreten war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf
seine Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter am Wege
durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis auf ihn.
Der Traum des Mittags war aufgestanden und wandelte mit erhobenen
Händen, unter denen es sonnenstill wird. Die goldenen Netze der Luft
fielen über das Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in
dieser Stunde den Seelen der Bäume ...
Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in ein Gespräch kam,
solche Worte aus einer seherischen Erschütterung ihres Herzens zu ihm
redete, wunderte er sich; denn es war eine fremde Art. Die Frauen,
die seither um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer
Sinnlichkeit -- vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. Und Doris
Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll Märzenlicht ... Er lächelte
sich in ein heimliches Vergleichen hinein und merkte, daß Do ihm ihre
Siegeraugen machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die Engel
Feste feierten und grüne Gläser mit sachte spritzendem Moselwein
aneinanderklangen, sondern sie sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?«
Damit verbriefte sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die Füße
gekommen war. Aber er dachte, jener unter die Füße zu kommen wäre
besser, als der Gwendolin unter die Lippen -- zwar ...
Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken stolperten darüber und
stolperten zu einem gelben Buch, das auf der Bank unter der Hängebuche
lag. Es lag auf der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so
von oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von Wolfgang
von Goethe.‹
Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen -- der ganze zwanzig Bogen
umfassende Band, von der ›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war
Zeile für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht,
alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon hinter der ersten
Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: ›August 1784 auf einer
Reise nach Braunschweig, ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite
Strophe des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der
Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« daneben in Blei und
emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte sich sehr für Wolken.‹ Vor
allem waren die Beziehungen zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem
Bemühen gesucht und vermerkt -- gleich zu Anfang der dritten Strophe
der Zueignung: »Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, im Nebel
ließ sich eine Klarheit sehn ...,« war notiert: ›Faust II, 1: Im
Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen.‹
War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?
Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie von Goethe, Herr Jo?«
hinter der damals im Tiefurter Park seine Jugend in so beängstigender
Finsternis gestanden hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren
Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden -- und nun sollte
er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das über ihn fiel? Ein
unersetzbarer Schatz!
Er schaute um sich ... rings waren die schirmenden Aeste der Buche ...
vielleicht hatte einer den Band zum Finden dahingelegt ... ›Zigeuner!‹
sagte er laut und bitter.
Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, las sich das
Herz heiß und dachte: »Ich will es dem Kastellan bringen und will mein
Besitzrecht geltend machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht
meldet. Oder -- ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will jeden
Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben ...« Er dachte sich
ganz wirbelig, und dann schritt er den Gartenweg entlang.
Da begegnete ihm eine Dame --
»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band Goethe auf der Bank
unter jener Buche gefunden ...«
»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut dabei in der Hand,
»ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; denn ich sah, daß der
Eigentümer den Verlust sehr schmerzlich empfinden würde.«
»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche Fräulein mit jenem
norddeutschen Ausdrucke, den er selbst von Tante Veronika angenommen
hatte. Da faßte er Mut --
»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten, alle Anmerkungen
in einen eigenen Band zu übertragen?«
»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete sie. »Ich komme
von weit her -- ich bin eine Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein
Herr -- eine Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung:
ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen Tagebüchern redet
als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese letzte Fassung ist der Welt noch
vorenthalten; er selbst redet von einem Schelmenstück, das er damit
beabsichtigte -- bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben
verfolgen, dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen -- und er ist
hingegangen in den Garten Am Horn zu Weimar und hat während der letzten
Jahre seines Lebens die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten,
in den er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August 1831 die
Handschrift vergraben.«
Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter einem Jägerhütchen
hervor und stürmte auf ihn ein mit kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.
»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe, so wollen Sie
diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im Garten des kleinen Hauses
entdecken?«
»Ich +werde+ sie entdecken!«
»Dann -- dann müßten Sie aber wohl den ganzen Garten umwühlen?«
»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«
»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!« stammelte
Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen Vorsehung zu erkennen,«
sagte er, schon mit allen Sinnen hineingebettet in den schwärmerischen
Ton des Fräuleins Erika Flucht -- »mein Weg führt mich täglich an jenem
Garten Goethes vorüber ... Haben Sie ihn vorhin nicht den ewigen
Tempel genannt? Auch ich wohne in einem Gartenhäuschen am Horn.«
»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die Hand und
versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung ›der ewige Tempel‹
zu erläutern. Dann erhob sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen
Geste nach Weimar:
»Gab die liebende Natur,
Gab der Geist Euch Flügel,
Folget meiner leichten Spur --
Auf, zum Rosenhügel!«
Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu sofortigem Aufbruche, und
weil seine Augen dies Ahnen spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl
nicht, daß der Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg
heißt?«
»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als wüßte ich gar
nichts.«
»Sehen Sie -- und die Stelle, die ich Ihnen soeben vorsprach --
ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, denen der Geist Flügel
schenkte, folgt mir ... unter dem von Geisterstimmen umraunten Rasen
des Rosenhügels findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen
sind +voll+ von solchen Rufen und Lockungen nach dem Geheimnisse, das
er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. Kommen Sie, sehen Sie
mit Ihren Augen die Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das
königliche Vermächtnis schlug!«
Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn -- noch zitterte der
Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den die Frühlingsgaben
Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, nun ruderte er schon wieder mit
schwunghafter Leichtherzigkeit hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und
fühlte: die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.
Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief er der Frau hinein,
er werde das Malzeug in den nächsten Tagen holen lassen.
Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs über einem
verspäteten Mahle zueinander: das Glück, aus gerütteltem Ueberflusse
Weisheit zu spenden, führte Erika Flucht -- die Frage Dos: Was wissen
Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr ... Aber er selbst war viel zu sehr
bedrängt vom Erleben. Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und
kam sich vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind fangen
wollte; da rettete der sich vor den tappenden Händen in einen blühenden
Kirschbaum und wirbelte einen Haufen Silberzindel herab -- und der
lange Mensch Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch der
gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle Teilnahme.
Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte auf halbem Wege
warten; denn zwischen Lipp' und Kelchesrand warf Erika Fluchts
stürmende Begeisterung den Peneios, den Olymp, Persephoneien und
Orpheus und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.
Das geschah an dem gleichen Tische, um den die Scherben der vor vier
Stunden jäh zerbrochenen Liebe lagen.
Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und Persephoneia
unentdeckte Welten für ihn waren? ...
Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele die Arme um die
Kante des Tisches, als wären auf der Platte tausend surrende Firlchen
losgelassen -- Knöpfe, die auf dem durchgesteckten Holze tanzen --
und gebärdete sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines
hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles Beginnen. Darum
sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes Fräulein, bitte, nehmen Sie
eine Zigarette.«
Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als Gwendolin
Vogelgesang, die oft sogar beim Malen rauchte, und gedachte nun
Feuer mit Feuer zu dämpfen; auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so
hinnehmen lassen als von einem mühseligen Geschäft -- und mild lächelnd
senkte sich die Ruhe über sie.
Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war, lenkte er das Gespräch
nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis -- »Durch die Kronen der Bäume
wehen Duftwogen aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,« sagte
er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber Erika Flucht warf sich
gleich in diese Wogen hinein und sprach, als läse sie ihm vor: »In
Ettersburg vollendete Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes
›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt. Goethe
spielte den Orest, und -- wenn ich nicht irre -- Karl August den
Pylades.«
»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung heraus und
rang mit sich, ob er ihr erklären sollte, daß er für die nächste Stunde
nicht mehr aufnahmefähig sei -- wegen des Erlebnisses vom Vormittag,
oder weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem Fleiße
baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?
Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den Roman seines
Lebens. Darüber traten sie die Wanderung nach Weimar an, und der
Bericht war auf eine Meile verteilt.
Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe der Sternbrücke
heraus in den weimarischen Park. Ein später Nebel spann aus dem
abendruhigen Spiegel der Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem
Glanz: er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem Wasser
lag.
Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht sprach unter dem
Silberschleier hervor, der sich auf ihre Seele gelegt hatte, sprach ein
paar Verse Goethes -- »auch aus diesen Versen von der Sphinx ruft das
Geheimnis von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.
Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen. Und Jockele war
gefaßt.
Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause fragte er: »Sie
redeten von dem ewigen Tempel -- wo ist er?«
»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen Walpurgisnacht
-- dies ist die Landschaft! Rechts die Ilm, die Goethe den Peneios
nennt; links der Rosenberg oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden.
Und daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem
Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor Oberweimar
hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war ein Exerzierplatz. Sehen Sie --
so führt der Dichter selbst alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu
dem Schatze seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie die
Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:
In des Olympus hohlem Fuß
Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß;
Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
Benutz' es besser, frisch! beherzt!
Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben wollte,
unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, von der er als von
dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er
klarer den Weg dazu weisen?«
Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. Aber der Gedanke
an den Reif, den der Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe
seines Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein Herz
lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel heraus:
»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von Goethes Hand in der
Tat nie gesehen?«
»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung seines Tagebuchs aus
der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« Erika Flucht zitierte aus einem
sicheren Gedächtnis alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. Sie
hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem sie in ahnender
Erleuchtung nachzog.
Da waren sie an die untere Pforte des Gartens gelangt.
Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den Schlüssel
übergeben, damit ich des Traumes Deutung nachspüre, so oft mich der
Geist ergreift. Sieben Stufen führen empor -- eine geheiligte Zahl!«
Das silberne Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume. --
»Blick auf, hier steht bedeutend nah
Im Mondenschein der ewige Tempel da!
Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand erriet, was
mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst fand ich unter Moos dies
Mosaik, und eingelegt in das Gestein das Zeichen des Pentagrammas.
Goethe setzte dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels -- aber
die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber ...«
»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens immer ›Tempel‹, Fräulein
Flucht?«
»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage trägt die
Grundform eines altchristlichen Heiligtums -- dieser Weg nach
Osten stellt das Hauptschiff dar, jener das Querschiff --, dort in
der Verlängerung des Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen
Abschluß, Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten
Linden andeutete, und an der gleichen Stelle wie in der Basilika, der
Hochaltar: das Allerheiligste mit dem Tisch aus Stein, um den Sie
den welligen Saum des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das
Altarbild, die Tafel mit den Versen:
Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten;
Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«
»Und der Faust?« fragte er erschüttert.
»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes sein als die Folie
zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis -- ›blick auf, er steht bedeutend
nah!‹ ruft der Dichter der Menschheit ins Herz -- aber sie versteht
seine Mahnung nicht ... Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu
seinem Faust vergraben.«
Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und Veränderungen, die in
dem unteren Garten während der letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen
worden waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des
umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete, daß sie des Rätsels
Lösung brächten -- vergebens!
In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie abgereist war.
Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen und sagte,
wenn sie wiederkäme, würde sie der Enthüllung des Vermächtnisses,
das ›in den Fuß des Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher
sein. --
Seine Tage -- die letzten im lichten Scheinen des Jahres, die es
im Scheiden abbrennt als ein königliches Feuerwerk, zogen dahin
in tapferer Feindschaft gegen Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin
Vogelgesang getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber, wenn es
einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.
Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er rief sich den
Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte zu ihm: »Wie denken Sie
über die vergrabene Handschrift zum Faust?« Es war komisch -- er
nannte das Bild mit den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des
Märztages immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust gekreuzten
Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie es ihre Gewohnheit war,
wenn sie einen Angriff plante oder sich eine Stellung zu erfolgreicher
Verteidigung eroberte --
»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche Idee vor der
Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da die Handschrift in der Tat fehlt
und die Tagebuchaufzeichnungen Goethes den Schluß auf eine zurzeit
verlorene Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch jeden
Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber ich halte die Kette der
Schlüsse jenes Fräuleins doch für eine sehr phantastische Anreihung und
glaube nicht, daß sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze
leuchtet.«
Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche Zwiegespräch
gefordert hatte, beschied sich damit nicht --
»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«
»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung zu phantastisch
erscheint -- vor allem aber: es gehört doch eine merkwürdige Auffassung
von der Psyche eines ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein
derartiges Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch
aussieht.«
»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen Stücken, Do!«
»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört der unbegreifliche Mut
einer Frau dazu, darauf ein Gebäude zu errichten.«
Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen nieder.
Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten Gartenhäuschen
tiefer in Goethe und die Gedankengänge Erika Fluchts hinein -- bis zu
selbstvergessender Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust wurde
auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln. Er probierte jeden
an den vielen Türen, die der Dichter vor dem ›großen Schelmenstück‹
seines Lebens aufgerichtet hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz
bewahrte und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen --: ›Von der
Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da geschrieben, und er fand die
Verse, die Goethe mit Bezug auf den Hügel seines Gartens gedichtet
haben mußte, wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das Ilmtal
dargestellt war:
Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen --
Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!
Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht mit geheimnisreicher
Inbrunst ihre Deutung gegeben, verweilte er lange. Ihre Fragen klangen
ihm in den Ohren -- Glocken, die am längsten läuten: »Was soll diese
Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene Handschrift wäre?«
Er las:
Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
In Berges Adern, Mauergründen
Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden;
Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft?
Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.
Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des Mephistopheles:
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.
Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen?
Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte ...
Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht durch die zähe
Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris Rinkhaus den Kopf mit den
unbarmherzig hellen Augen und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht
-- und dennoch überzeugt's mich nicht!«
Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem ›Lichte von drüben‹
sich über den Fall auseinanderzusetzen -- es war kurzweiliger, als
immerfort Erika Flucht im Geiste reden zu hören, die die ganze
Papiergeldgeschichte auswendig wußte. --
»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit, wie die
Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte er und pochte mit
den Fingern auf die bedruckten Seiten, als gälte es, den Geist Dos, den
stets verneinenden, für diesen Himmel zu gewinnen --
Doch kann ich nicht genug verkünden,
Was überall besitzlos harrend liegt.
Der Bauer, der die Furche pflügt,
Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,
Salpeter hofft er von der Leimenwand
Und findet golden-goldne Rolle,
Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand ...
Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,
Die Bauernarbeit macht Dich groß,
Und eine Herde goldner Kälber,
Sie reißen sich vom Boden los.
Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do hätte aufhorchen
müssen, wenn sie im Garten gewesen wäre. Aber der Nebel kroch draußen
über das Gras, zog seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin
schlafmüde Blätter.
So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am wärmelnden Ofen
dachte, hatte sie immer die gleichen mitleidlosen Augen.
Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die trauliche niedere
Stube und wußte die Szene auswendig wie Erika Flucht. Aber die
Freudigkeit der Gefolgschaft hatte er verloren.
An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht: »Manchmal fällt
himmelfrohes Leuchten in mich und ich grüße Sie in Ihr beseligtes
Suchen. Aber zuletzt steht doch stets der Zweifel -- ich kann Ihnen
nicht mehr helfen, verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers,
der sich nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne Ihres
wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch: ich habe meinen
Schatz gefunden, indem ich hinter dem Lichte wanderte, das Sie vor mir
hertrugen -- sehen Sie zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung
werde!«
Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über diese Dinge
geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das Vermächtnis« und er erkannte
daraus, daß sie ihres Traumes Deutung nicht näher gekommen war.
Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm genannt, aber sie
lächelten doch zuletzt über ihn hin -- ›im Finstern sind Mysterien zu
Haus‹.