Wanderwege wurde ihm das Malzeug lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do
sagen können, daß ich heute vielleicht in Ettersburg schlafe ...«
Mit diesem Gedanken lief er seine Straße, und es blühten um ihn noch
andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all die Tage her schon
in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr das Hexenlied vorlesen, wenn die
Schatten auf den Anger traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön
sein, so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen in den
müden Tag strömten.
Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, wenn die sachten
Netze der Nacht fielen? Und ob ihre Augen auch Sterne würden, die immer
als die ersten in der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre
Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos Stimme einmal
gewesen war, nur ein einziges Mal? Und ob sie wieder das Kleid mit
den winden Rosen trüge? Auf einmal summte er das Heideröslein grausam
unmusikalisch vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht,
weil sie noch nicht da war.
Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der Blumenwiese
lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen der ersten Weidenröschen
schwebten als weiße, stille Flugzeuge vorüber.
Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte Gwendolin
ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte er sich an den Waldgrund
und las in den Gedichten. Er geriet wieder an das Hexenlied, und sein
Herz blühte daran auf wie in der anderen Nacht.
Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das Wildrosenkleid
an und trug den Sonnenhut von gestern, und sah gerade so brünett und
heiß aus wie gestern -- so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie
redete genau so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu essen
mitgebracht hätte.
»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«
»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu -- es ist um Mittag
so köstlich und leuchtend hier, daß einem das Ultramarin von der
Palette läuft. Aber jetzt los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es
hing eine Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, und
der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine Glocke aus blauem
Glas, durch die die Welt von draußen hereinschauen mochte, wenn sie
Lust hatte.
Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, die sich beim
ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen sich in eine tiefe
Farbenfreude hinein und sagten sich bei drei Stunden kein Wort und
hatten kaum einmal einen Blick. Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele
da ein gefährliches Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt
gewesen, daß ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch
nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und vergaß, daß er in
klingenden Farben alles so breit und voll hinstreichen wollte, wie er
es gestern bei ihr gesehen hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab,
aus der strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot
vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht war. Sie hatten
sich alle Neugier verbeten, hörten die Mittagsglocke aus dem Dorfe
läuten, sahen, wie die Luft flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber
hindurch, und schwiegen.
Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten und warf den Deckel zu
und trat mit einem Pack raschelnder Papiere in den Schatten des Waldes.
Als ihr Jakobus nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen +müssen+, so
arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich habe ich gewußt,
daß Sie auf alles vergessen, was der Mensch außer Pinsel und Farben
nötig hat!« Dieses ›auf alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in
ihn hinein; es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich freue
mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann will ich Sie immer
reden hören.«
»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief zu ihrer
Staffelei ... »Es ist ein grausames Bild,« sagte er; »es ist herrisch,
und es kann dagegen kein anderes aufkommen. Aber es ist doch königlich.«
»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so nennen. Wenn Sie mich
einmal nicht leiden mögen, sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat
mir die Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich dafür, daß
sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«
»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen das in einer
wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes Ding stellt sich dagegen,
wie sich die Wolken stellen gegen die Feuerfanfaren, die der Himmel
über das Sterben des Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber
ich schäme mich nun nicht -- wenn Sie Wasser sehen, malen Sie Perlen,
und wenn Sie Licht sehen, malen Sie Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird
auf dem Wege durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu einem
himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die Erde ...« So redete er
sich in Flammen.
Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden, der die
Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges Messen an
ihnen beginnt. Aber für mich ist es Wahrhaftigkeit; denn es ist
künstlerisches Erleben.«
Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein Idyll darauf, das
versickerte -- letzte Blütenfreude des Sommers -- in dunkelgrüne kühle
Waldestiefe.
»Ich kann das nicht,« sagte sie -- »Sie suchen die Seele einer Handvoll
Welt, und ich blase eine hinein, die mir gerade paßt.«
Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins Dorf, saßen in dem
Baumgarten des Gasthofs und aßen Pflaumenkuchen.
»Wann gehen Sie?« fragte sie.
»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für die Nacht.
»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«
Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger Schloßgarten fiel das
Blühen über sie. »Ich kann mir denken, daß Ihre Lichtfreude hier
wohnen muß, Gwendolin!« sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue
Weltenwiese jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber im
Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist sie das große
Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen ist sie Sieg, hier ist
sie Liebe; und die Menschen werden leise auf diesen Wegen. Die Tage
liegen darauf wie Falter mit breiten Schwingen -- der Schloßgarten
von Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen ... Darüber gerieten
Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich hinein.
Es war, als wären sie allein auf der Welt.
Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so sachte mit Himmel
zudecken lassen. Aber unter den Wurzeln heraus atmete die Erde den
berauschenden Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist,
und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher Dämmerungen.
Augen wie junge Menschen, die herumirren in den Rätseln ihres
Frühlings. Augen wie junge Menschen, die über und über in Blüte stehen
und die Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und ihre
klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen, wenn die Erde
birst unter dem Jauchzen des Himmels.
An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte, umarmte sie die heiße
Dämmerung. Da sanken sie hinein, und das Moos war voll vom Dufte später
Veilchen.
Gwendolin saß neben ihm.
»So war es schon einmal,« sagte er -- »damals mit Maria Reh! Da war
ich ein kleiner Junge und hatte Sehnsucht nach ihren Händen.«
Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band Gedichte.
»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und stemmte ihre Ellenbogen auf
seine Brust.
»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander nahe und kamen sich
immer näher --
»Und jetzt?« fragte sie.
»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist das für ein
verrücktes Reden! Komm doch!«
»Komm doch!« lockte sie.
Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff ihren roten,
roten Mund mit den Zähnen -- der Vorhang im Tempel zerriß, und sie
fanden sich mit geschlossenen Augen in das Allerheiligste des Lebens.
Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, und wand sich über
ihm und bekam ihre Lippen los aus der schmerzenden heißen Verheißung
seines Mundes. »Du bist zu wild!« sagte sie.
»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so heiß und schön geworden
-- nun mußt Du das leiden.«
Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein in die
kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die Dorfuhr über die
Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, daß sie noch ganz
allein wach wären. Im Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten
sie sich hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen, in dem
Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters drinnen bei dem Licht.
Gwendolin fing an, sich das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie
in der mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen doch
nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist mir ganz egal! Doch morgen
mußt Du warten, bis ich komme und Dich hole.«
Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in einen abgrundtiefen
Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, daß er nicht mehr an Gwendolin
gedacht hatte, und die Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn.
Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee saß; ein Fink
war auf seinen Tisch geflogen und pickte die Krumen auf.
Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten Tage kam Doris
Rinkhaus. Sie hatte vormittags den Wald nach ihnen durchsucht, sagte
das aber nicht, sondern spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr
durch den Garten des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den
großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen und klug und klar
wie der Tag. Deshalb ging er am Spätnachmittag mit ihr heim, aber das
Malzeug ließ er bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über das
Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu der großen Eiche,
die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, steht. Es war schon
Abend geworden. Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an sein
Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von der Sendung der
Tante Veronika zu reden gehabt, die inzwischen für Jockele eingetroffen
war -- »Die freundliche alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer
ganz unverdienten Güte --« sagte sie ... und da war der Stein durch das
sorglich gehütete Fenster geflogen!
Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit auf Gwendolin
zielen, so finde ich das unbeschreiblich komisch: erst haben Sie mich
auf sie losgelassen, und jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem
Finger und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, fühlen Sie
wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle gegriffen haben, die Ihnen
ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben ist?«
Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie damit hatte
warten lassen, bis die Nacht um sie hing. Das Buschwerk zu beiden
Seiten des Weges von der großen Eiche herauf half bei der gütigen
Finsternis.
Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder -- »So ist das gar nicht
gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser gesagt: Sie sind sehr keck
geworden in diesen vier Tagen.« Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch
die sie in ihn hinein kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend
gewählt, hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. Wollte er
Gwendolin schonen? War er wieder in eine rosenrote Anbetung versunken
wie damals vor Maria Reh, die noch heute lustig davon berichtete? ...
Sie fing also an zu klopfen. -- »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht
daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«
Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus und sagte: »Es war
fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes Mädel.« Er wollte mit vollem
Atem das Lied vom ersten Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen
neben dem Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will Gwendolin
heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg. Es war schrecklich
-- bei dem dramatischen Höhepunkte, bei der Stelle, die er mit wahrer
Heldengröße herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das
ungeheure Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen. Sie lachte
sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte: »Sie sind heute abend
zu ulkig! Sie dürfen deshalb ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir
herüberkommen. Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer
Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«
Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog ihr seine
Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube darüber nach, wie sich das
Spiel für ihn gewinnen ließe.
Als sie gegessen hatten und der Samowar summte, setzte sie sich wieder
in den vorigen Gang. »Haben Sie schon Bestimmungen über die Hochzeit
getroffen?«
Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch mehr überhand. »Mein
lieber Junge Jo, wenn Sie nicht so grausam lächerlich aus diesen ersten
verliebten Stunden hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter
Herr Jakobus Sinsheimer -- es senkt sich zwar schon der sachte Schatten
eines Bartes auf Ihren verräterischen roten Mund, aber mit dem Gewaffen
holder siebzehn Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen
nicht fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig, zu
meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein paar Meilen Zeit?
Und glauben Sie, Sie wären der erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch
findet? Und das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen
küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient -- aber geraten Sie darüber
nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein tragisches Pathos übers
Land.«
Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner Stirne stand kalter
Schweiß. »Was geht Sie denn das alles an, daß Sie so in Harnisch
geraten?«
»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich würden,« sagte
sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem wildgewordenen Herzen mit
feurigen Buchstaben etwas von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück
Papier schrieben und es mir vors Fenster hingen, das war jung und
gesund. Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über die lange
Gwendolin kommen -- aber daß Sie jede Seifenblase für eine Weltkugel
halten und den Eroberer spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.«
Sie steckte eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und nun
leuchten Sie sich mal nach Hause.«
Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde für einen Ausbund
von Klugheit gehalten und nicht allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen
Sie hätte, würden wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein Rinkhaus!«
»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie -- »betrachten wir
diese Stunde als Mobilmachung zu einem achtwöchigen Kriege! Am ersten
November wird Friede geschlossen.«
»Und wenn ich dann noch Krieg will?«
»Mir auch recht!« lachte Do.
»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute Nacht.«
Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß herum.
»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen wollen, und damit
ich es nicht merkte, hat sie Esel zu mir gesagt,« dachte er. Aber nun,
da er durch das Stück dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke
vor das kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr
komisch vor -- diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen Flamme hatte
er den ganzen Abend gespielt. Und gestern -- vorgestern sicherlich! --
hatte er geglaubt, es wäre so etwas wie der große Brand in ihm, den der
Sommer des Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde aufführt.
Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein, der sich über dem
Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke zu einer tiefen Verstimmung
auswuchs. Die Liebe, mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge
ausgewählt und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein Herz
schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen alten Mädchen
hatten das im Frühlingshause mit der Sonne ihres Vertrauens für ihn
umschienen -- vielleicht in der gleichen Stunde, in der er sich draußen
am Waldrande gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch ...
Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte sich ...
»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du da aufgemacht hast,
Jakobus Sinsheimer! Es ist der niederträchtigste Vertrauensbruch, der
einem Menschen je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst Deiner
Tage zu nichts -- gib's auf, Jakobus Sinsheimer, Du bist ein Zigeuner.
Wie ein Zigeuner hast Du den Wald zum Nachtquartier gemacht ...«
Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln! Da schlug er mit
der flachen Hand auf das Zünglein Licht und warf sich aufs Bett und
wühlte sich in eine wilde Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte
Gwendolin aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling. Das
Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr Mund blühte wie roter Mohn,
und die ganze Nacht wurde zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten
darin und schlief ein.
Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette fand, fiel ihn der
Jammer an. Aber er raffte sich zusammen, zog andere Wäsche und Kleider
an und begann auszupacken.
Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein, waren dabei immer
um ihn, und er werkte sich in eine vergessende Freude.
Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den Schuppen, schloß er die
Schubfächer des Schrankes auf und fand darin Vorhänge für drei Fenster,
und in dem Kleiderschrank die drei Leisten dazu -- es war auch ein
Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das erkannte, schauerte
ihm die ferne sorgende Liebe durchs Herz, daß ihm ganz bange wurde.
Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte mit allen Glocken
Frieden geläutet -- nein, diesmal sollte sie gewiß nicht triumphieren!
Wenn sie ihm jetzt ihre Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie
gerne ertragen; aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur von
Gwendolin machen.«
Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen war, damals, als
er ihr die Stecknadeln gereicht hatte.
Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen und gewahrte die
Bänder, die da angenagelt waren. Dann pfiff er seine Entdeckerfreude
sachte vor sich hin und kam auch mit den Vorhängen zustande.
So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war alles durch viele
Jahre in einer schönen Sonne gewesen -- das ganze kleine Haus schien
sich nun daran heimlich voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte
ihm auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark gewährt, dafür
sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die Wohnung säuberte. Ueber
allem hatte er sich wieder zu sich selber gefunden, und weil er den
Ueberschuß an Seligkeit merkte, packte er ihn in einen Brief und
schickte ihn nach Ibenheim.
Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, und als sein
Verglimmen durch die neuen Vorhänge sickerte, gab er sich der
Wohligkeit des Daheimseins hin. Es war, als legte die sorgte alte Tante
Veronika ihre reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein
braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der abendlichen Lampe
in dem kleinen Haus; die warf die goldenen Fächer ihres Lichts über
die bunte Tischdecke, und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die
Aufschriften der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit.
Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter Weisheit
besaß -- die zweihundert Bände umfaßten die Welt; und es lag in der
Uebergabe dieses Schatzes eine rührende Erklärung der Liebe ...
Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, und wie dessen
großsprecherische Schwächlichkeit strandete an einer Insel der
Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis erkannt; die Nacht im
Jägerhaus am Hörselberg stand in seiner Jugend als eine bunte
Lichtkugel, nach der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete
noch immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener Becher,
von dem er meinte, er wäre reich genug, sein ganzes Leben mit Glanz
zu erfüllen ... So standen viele Tage in der vergangenen Zeit, von
denen er sagte: ich werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein
Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm gefunden
hatte -- dies Heute erkannte er nicht. Es war für ihn eine liebe
freundliche Begegnung von jener lächelnden Innigkeit, die ihn über dem
Kommen Tante Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem
blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert war. Und doch
war dieser Tag eine Weiche, über die das Leben Jakobus Sinsheimers
auf das Geleise lief, das er sich selbst in Spiel und Ernst seiner
Frühlingsjahre gelegt hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der
Jugend sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen den
Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, sie halten Dasein
für Ewigkeit.
Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach Ettersburg, äußerlich
angetan wie ein junger Kavalier. Er wollte an diesem Tage nicht malen,
aber er wollte sich auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren.
Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert Mark im Portemonnaie
geben einem jungen Menschen Haltung.
Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, und die Herrschaften
seien wahrscheinlich im Baumgarten des Gasthofs beim Frühstück.
Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber er wandelte noch
auf Wegen aus Himmelblau seinen heißen Wünschen nach.
Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut sah, ward er
beschwingter Sommerwind und flog ihr entgegen. Der Herr, der mit
Gwendolin an dem übersonnten Tische saß, nestelte ihr aus einem
schäkernden Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und als
der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn eine morgenkühle
Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr überrascht, den Herrn
Sinsheimer zu sehen, und stellte ihn vor als einen Malschüler, mit
dem sie gelegentlich eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine
Farbenskizze gemacht habe.
»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.
»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in eine Art von
Fassung.
Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.
»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin. »Wenn Sie Ihr Malzeug
heute mitnehmen wollen -- meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen
willig alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«
Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand, und nach einer
förmlichen Verbeugung ihres Begleiters hüpften die beiden durch den
Sonnenschatten der Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.
Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm, und während der
Kavalier Jockele sich erhob und zu einem entfernten Tische schritt,
starrten sie einander an -- Jockele als Hypnotiseur, der Kellner
als zweifelndes Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des
Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er sich auf.
»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre Ihre Braut ...«
»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun bringen Sie mir mal
schnell drei Zigaretten und eine Tasse Kaffee.«
»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«
»Kaffee!« brüllte Jockele. -- »Halt, kommen Sie mal her. Sie sind ein
unverschämter Mensch! Da -- zwanzig Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«
Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine Zigarette an und
wirbelte sich hinter seinem zwischen den Fingern drehenden Spazierstock
aus dem Gesichtskreise.
Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem enteilenden Wagen
hervorbrach; der goldene Septemberwind machte sich ein billiges
Vergnügen daraus, mit dem Geräusche rollender Räder und klapperndem
Hufschlag die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen,
ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser Erde,
durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und ein paar Engel
guckten zum Fenster heraus und flatterten mit den Flügeln.
Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er dachte, er
müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren fanfarenden Schreien
das Licht zerreißen. Aber es schoben sich da und dort Frauenköpfe
mit neugierigen Augen durch niedere Fenster; es standen schwätzende
Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm nach; und wie die Gattertür vor
der Auffahrt zum Schloßgarten hinter ihm zuschlug und Falterstille,
mit großen stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte, schlug
sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden Schrei nieder in
Bitternis und Schweigen.