Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und sein Leben wäre zu weit
abgerückt gewesen von dem der anderen. Er saß eine Stunde und sann sich
brunnentief in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu
anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der wilden Geschichte
mit Hartwig nicht eine einzige Kerze verlöscht von den vielen, die in
ihr leuchteten. Und in ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ
gestoßen worden.
Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug auf und setzte einen
Farbenfleck neben den andern. Aber es kam nichts zustande; denn seine
Gedanken flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu ihrem Schlage
finden.
Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist eine verrückte Sache,
und ich bin darüber ganz von mir selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich
möchte mit Ihnen in die Welt laufen -- vielleicht entdecke ich da den
Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn der jetzt mit Ihnen
redet, heißt etwa Emil Meyer.«
Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte im Zaun über
die Raine und kamen in den Kastanienwald, der an der Viehleite nach
Oberweimar liegt.
»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander gegangen?« fragte
er. »Es sind doch Ferien, und es ist Sommer in der Welt.«
»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar keine Wünsche hatten.«
»Es ist richtig -- ich habe kaum gemerkt, daß ich bis zum Rande voll
Glück war. Aber durch die mancherlei Erlebnisse ist darüber vieles in
den Sand geronnen.«
»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; dann haben Sie
menschenfresserische Gelüste. Aber die soll man Ihnen gern lassen; denn
auch damit hat es bei Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.
So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und Sommerlicht, und
dieser Tag ward ein Meilenstein am Weg ihres Lebens, und sie wußten
es nicht. Doris Rinkhaus hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten
hinweglachen,« aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger Arbeit an
sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben wollte. Einmal
schritten sie zwischen hohem Hafer; es war ganz still, nur der
Sang einer Sommerlerche war noch da und sehr viel Sonne. Da lachte
Doris Rinkhaus und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der
Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die ihnen die Zeit
vertreiben; es sieht aus, als wollten sie immer etwas apportieren, was
ihnen die Laune auf den Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und
langweilen sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück durch das
Wäldchen, das das Webicht heißt -- »Hoffmann von Fallersleben hat in
den Erinnerungen aus seinem Leben manches hübsche dichterische Bild aus
diesem Walde aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch
Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: ›Diese sprossenden
Frühlingskinder strecken im Webicht dem besiegten Winter schon die
Zünglein heraus.‹ Und Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen
sehen ...«
»Das wissen Sie alles?«
»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast stets allein
mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann immer einen Dichter zur
Begleitung gebeten.«
»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich aufbauen?«
»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel Sie wollen.«
Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte Schloß, das einst ein
Bauernhaus gewesen ist, und gelangten in schauerndem Erleben hinein in
die Tage, da sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder
und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und Corona Schröter
bildete, der zu einem Zauberringe geworden ist, in dem Lust, Genie und
Freundschaft vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge und sich
hinüberleben aus einem Jahrhundert in das andere.
Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen des Parks, auf denen
sonst die Allzuvielen dahinwandeln in der Ahnungslosigkeit ihres
Schauens und meinen, was sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber
Weimar -- das Unsichtbare -- ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit
ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. Vielleicht
ist es die Seele der Welt.
»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier durchläuft,« sagte
Jakobus, »und ich habe damals einige Scherze Goethes gesehen, wie sie
die Neugier sich ansieht.«
»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst diese Scherze auf die
Schwelle der Unsterblichkeit versetzt hat?« fragte sie.
»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, vor dem Ewigen
zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe keine Rede, die nicht mit den
Ohren zu hören wäre. Aber vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte,
wie wir so zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und dem
Ufer der Ilm dahinschritten -- vorhin hab' ich einer Aufführung der
›Fischerin‹ beigewohnt -- ich danke Ihnen viele tausend Mal, Fräulein
Rinkhaus!«
Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: »Kommen Sie, jetzt
müssen wir zu Tisch.« Sie waren auch da allein und so voll freudiger
Weihe, daß Doris Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in
den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir abhanden. -- So
haben Sie heute also doch noch den Namen Goethes leuchten sehen, den
der Genius an jenem Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva
ihre Kränze flocht -- ob man damals ahnte, daß er für Deutschland ein
Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und hieß ›Minervens Geburt,
Leben und Taten‹. -- Seckendorff hatte Reime und Musik geschrieben
und Karl August stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das
alles von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz leuchtete
ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, daß sie über ihn
hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort fröhlichen Mutwillens daneben ...
»Hätschelhans!« sagte sie jetzt -- »so hat die Herzogin Anna Amalia in
einem Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete,
daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte stehe. Vielleicht ist ihr
der Gedanke, es zu gründen, an dieser Stelle eingefallen ... Jawohl,
Hätschelhans -- ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen
und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' ich dazu auf
die Welt gekommen, Sie weise zu machen. Was gehen Sie mich eigentlich
an? ... Hätschelhans ist eine feine Bezeichnung für Sie ... Erst das
Fräulein Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus,
dann ... und dann ... na, und dann ... Die Gurke ist einfach erhaben
die müssen Sie probieren!« Dabei schaute sie sich aber schon wieder in
ihr Herz: »Vielleicht bin ich Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und
legte gleich einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn er
sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. Aber er fragte
nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir morgen?« -- »Auf die Entdeckung
Weimars!« lachte sie. Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit
Ihnen wag' ich mich auch nach Ibenheim.«
Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am Ende des Walles
vom alten Schießstande steht, und sah den Tag über dem Silberblick
in sein blutrotes Sterben sinken und erkannte, daß er das nun ganz
anders sah als damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem
›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, meermäßig,
aber unverstürmt, eine korpulente Dame den Wall daher, den Panama
romantisch aufgestülpt ... »Die sieht stets aus, als regnete es,«
dachte er und lachte so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er
sich bei ihrem Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er
kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme und ihre Worte
waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein erbaut ... »Was wissen Sie
von Wildenbruch?« fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese Frage
fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung und sagte: »Daß
er dem deutschen Volke zwanzig Jahre zu früh gestorben ist.«
Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben an ihm herumgefragt
-- zuerst: Was wissen Sie von den Menschen? Was wissen Sie von Goethe,
Herder, Wieland, was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging noch
einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, zu sehen, ob Do
noch in der Weinlaube säße. Da rief sie von oben: »Was treiben Sie denn
da, Jo?« -- »Ich ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte
er. -- »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« -- »Die einzige,
die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus unverhohlener
Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, Kräutern, Moosen und
Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim im Thüringer Walde wachsen. Aber
lassen Sie mir doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem Faden
herunter -- ich will mich bilden!«
Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche Dunkelheit,
und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen darauf hernieder. »Es sind die
Gedichte, und es ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen
nicht gleich in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen Sie
sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug war und der Pack
vor der Mitte des Fensters in neckische Schwingungen geriet, mußte
Jockele ein paarmal danach springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen
Sie, jetzt malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert:
›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«
Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, sich der
Kürze halber Do und Jo zu nennen. Das Fenster ging wieder zu. Fräulein
Rinkhaus ließ sich nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und
auf geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein war,
rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus in befremdende Fernen.
Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte Stearin
auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein und las sich über der
›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. Manchmal stolperte er und rückte
mit dem Schnitt des Buches ganz dicht unter das Licht ... »Es liegen
Feldsteine in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich über diese
holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht erklären. Als er
das Buch zugeklappt hatte, griff er nach den Gedichten -- es war nur
noch ein winziger Stumpf Stearin da -- und fand das ›Hexenlied‹ und
ließ die heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter,
das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie ein Gebet. Er fühlte das
Blut schäumen in seinen Adern und hielt den Band in den Händen, daß
er in den Heften knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine
heilige Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und las laut
in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. Da fiel der Docht
in den flüssigen Talg, und er ließ sich von der Benzinflamme seiner
Feuermaschine leuchten.
Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete droben ganz
leise das Fenster und hörte, daß er mit sich allein sprach. Dann
versickerte auch das kleine Licht, da lief er in das Gras unter den
Bäumen und wunderte sich, daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen
flog. Die Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich
und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: es war eine
Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit aus den Saiten strich,
und die silberne Exzellenz saß am Flügel und begleitete. Verspätete
Leuchtkäfer zogen zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre
goldene Bahn.
Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, dachte er: »Ich
weiß auch von Klavier und Geige nicht mehr, als daß sie da sind.
Sahara! Sie sagen: die Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein
in ihr Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen beginnt,
wenn man es in Wind oder Sonne stellt ... Warum hab ich nicht solch
ein Herz? ... Oha,« lachte er ingrimmig -- »wenn das Mädchen Mali
in der Sandkuhle zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen
Kieselstein auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. Darüber
ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden gesungen worden.«
Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein Licht und war, als ob
es ihn riefe.
Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest geschlossen, es war der
Schein einer Laterne, der sich durch die Hecke und das weite Dunkel des
Gartens gefunden hatte und sich nun im Fenster brach.
Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus in dieser Stunde
bei sich zu haben -- wenn sie jetzt da wäre, würde er ihr alle Türen
seines Herzens aufreißen, und es müßten brausende Ströme von Gold über
sie schießen ... Morgen früh? Ach, morgen früh ist das schöne wilde
Feuer darnieder!
Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, und lehnte sie an
die Mauer unter Dos Fenster und stieg empor. Das Feuerzeug raffte sich
noch auf zu einem halbverlorenen Flämmlein -- er schrieb auf ein Stück
Papier:
»Do -- wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten nicht schlafen!
Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien im Frühling -- nein: ich bin
voller Sterne wie die Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen
ist.«
Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den Rahmen, damit sie
ihn lesen mußte, wenn sie morgens den Vorhang aufzog. Er kletterte die
Leiter wieder hinab und wunderte sich, daß er nicht sprang.
Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen und kam
sich nicht entfernt vor wie eine Brandstätte.
Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein paar Besorgungen in
der Stadt machen wollen, und weil es ein Markttag war, war die Luft
in der Nähe der Sternbrücke auch schon voll von Umgegend, und das
andere Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße Am Horn
herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem Wall den Spiegel des
flachen Beckens zerbricht, den Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte
ihn gleich in den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen
gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes
Semester und von durchschnittlichem Talente. Von diesen dreien sind
Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen oder zu vergeigen, aber das
Teufelsgeschenk einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den
Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. Zu allem besaß
Erich Meyer noch ein Herz von Gold in kaum je dagewesener Echtheit.
So war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite hin fast
lebensgefährlich.
Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender Betrachtung entdeckt
hatte, sprang er gleich den Hang hinab und setzte über die Leutra und
erfuhr, daß Erich Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein
bescheidenes Stipendium erhalten hatte -- dreihundert Mark, die ihm
von einer mitleidigen Fürsprache unter dreifachem Hinweis auf seine
Entsagungs- und Gemütskraft ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich
Meyer mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, und Jockele
sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie flackerndes Sonnenlicht
im Spiele mit den Wassern in Töne um!«
»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, »sondern ich
freute mich gerade darüber, daß ich über jene dreihundert Mark mit
einer Genialität verfügt habe, die mir die Frage nahelegt, ob ich
nicht doch noch umsattele und mich dem Bankfache widme.«
»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem Ernst.
Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie nehmen wollten, und
kamen ins Wippen. Der lange Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien,
weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und
während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn
nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen, stracken, blonden
Haare über dem Rockkragen von links und rechts. Meyer hatte einmal eine
unmöblierte Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer einem Bett und
dem, was er auf dem Leibe trug, kaum etwas. Eine leere Kiste, von der
er behauptete, er brauche sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und
einen Stuhl hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über die
Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um das immerwährendes
Rauschen des Wassers und der Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet,
und die fünf hellhaarigen Mädel des Brückenmannes waren seine treuen
Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber keine richtige
Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für die Musikschule vor,
natürlich umsonst, und war nun in eine Gesprächigkeit verfallen,
die seinem Wesen ganz fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen
alle seine Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das
Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus bezahlt. Das war
die Hauptursache seines hochgehenden Glücks. »Und jetzt hab' ich noch
zehn Mark und gehe, einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung
allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich wohnlich werden.
Kommen Sie, helfen Sie mir beim Einkauf!«
Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz schritten, kreuzte
eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren Weg. Es war Therese Hartwig.
Niedergegangenes Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und was
in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war von den Gewittern
des Lebens zerschlagen. Es war alles hausmachen an ihr. Sie fing
gleich an, ihr Klagelied zu singen; denn sie hatte sich Erich Meyer
schon in besseren Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in
mitleidvolles Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf den stillen
Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, daß er in die rechte
Westentasche griff und darin etwas losmachte. »Es fällt mir eben
ein,« sagte er -- »Fridolin Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark
geliehen. Ich konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie
es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein waren, sagte
Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick zum Glücklichsein. Erst
ist sie die Frau eines anderen gewesen und hat Kinder gehabt. Dann ist
sie jenem mit Fridolin Hartwig davongelaufen -- und nun hat ihr der
Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen lassen.«
Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar nichts besessen
als diese zehn Mark?«
»Natürlich nicht.«
»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts schuldig geworden?«
»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die Frau ist damals doch immer
so freundlich zu mir gewesen, und solch eine tiefe Not kann ich nicht
mitansehen.«
»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal auf,« sagte Jockele,
»ich glaube, Sie passen nicht recht für einen solchen Posten. Was soll
denn nun mit Ihnen werden?«
»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel lassen mich nicht
verderben.«
Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als Jakobus einige Tuben
Farben erstanden, eilte er nach Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen
Wall des Schießstands daherkommen --
»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!« sagte sie.
»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser Erich Meyer ist ein
Genie des Herzens ... Hören Sie!« Und als sie gehört hatte, sagte sie:
»Genie des Herzens! Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus
seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß Stahl im Herzen
haben.«
Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten nach dem Ettersberg.
Erich Meyers gigantische Gemütskraft in ihrem Verhältnis zum Dasein
wurde erörtert und schlug heftige Reden aus ihnen.
Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber fast
vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und das sachte Rauschen der
hohen Fichten lag um sie wie schwarzer Samt.
»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung in Ihnen
angerichtet?« fragte Do.
Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn, aber er
jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme weit aus:
»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren -- warum waren Sie nicht bei
mir?«
Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften, und zog
alle Segel hoch --
»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«
»Dann -- -- ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich geworden!«
»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir eine Vorlesung
über Wildenbruch gehalten?«
»Nein, nein -- ich hatte eine Sehnsucht ... Es war alles wild geworden
in mir, ich dachte, ich müßte die Zähne in blühende Frühlingsgaben
schlagen!«
»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte sie ein bißchen
verächtlich und merkte, daß sie den Ton getroffen hatte, nach dem sie
suchen gegangen war.
»Sagen Sie mir die Worte -- sagen Sie sie mir!« bat er und stand schon
wieder in hohem Feuer.
»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in den Ofen gesteckt.
So kleine Entgleisungen muß eine Freundschaft vergessen können.«
Das klang sehr wohltemperiert.
»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine Entgleisung -- es
war doch fein, und ich war voll purpurnem Lichte wie der Abendhimmel!«
»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,« sagte sie
unwissend.
Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so ergangen?«
Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner roter Luftballon.
Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und sagte, die Sonne
hätte sie verbrannt ... »Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil
sie sich so in Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«
Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen zu schauen und sie
merkte: es standen Sterne darin, die vorher nicht dagewesen waren. Und
sie versuchte ihre Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über
den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das Leben aufging, und
daß sie nun auf einer Wacht sein mußte, die sie die Zeit her lächelnd
für unnötig gehalten hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an
zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris Rinkhaus fühlte,
daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie ein bißchen.
Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen Waldsaum nach
dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings lag die Erde in breiten, bunten
Erntefarben, die im Tale zwischen den Häusern mit den funkelnden
Fenstern versickerten.
Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter einer Staffelei, und
obendarauf war ein breiter Sonnenhut mit einem Kranz aus wilden Rosen.
Wilde Rosen waren auch über das Kleid gestreut.
»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen unter, »das ist
Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«
»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie ihr Name.«
»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«
»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem Wildrosenhute
steckt!«
»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«
Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas pastos auf die
Leinwand gestrichen und ihm eine ganz wundervolle Durchleuchtung
gegeben. Während sie mit Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an
dem Bild in ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über
sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich mit auf
die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten mit der kalten Nadel
arbeitete und derlei Leinwanden nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in
Frankfurt und München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden
bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage gut
durchs Leben.
Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis Abends im Walde
herum und fanden nicht, daß der Spruch: ›~Two is company, three is
none~‹ in allen Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem
Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war, darüber schwammen die
Schmetterlinge in breiten Flügen, und Jockele dachte, er möchte mit
diesem langen, leuchtenden Mädchen auch in der Folge zusammensein.
Darum sagte er:
»Gwendolin, wir wollen den Anger malen -- beide das gleiche Bild.«
»Warum?« fragte sie.
»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,« sagte er sehr
ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und bekam weite und kalte Augen.
Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm das blaue
Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im Zaun -- Do ertappte sich auf
dem mädchenhaften Gedanken, er hätte sie doch wenigstens auffordern
können, mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er sagte: »Ich
werde mir heute eine Niederlage holen.« Da nahm sie ein herbes Wort in
den Mund, ließ es aber nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne
Teilnahme: »Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so kommen -- das
Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie sein.«