Winkel des Schuppens gefunden hatte, und darin steckte die zerknüllte
Geldtasche und machte eine schmerzensreiche Verbeugung vor Doris
Rinkhaus. Die hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe
Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb -- nun aber
sprach sie über die Männer im allgemeinen und teilte sie ein in Helden,
Dummköpfe und Kinder. Die Helden kämen hier gar nicht in Frage;
denn sie wüchsen spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten
ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen und von der
fixen Idee befallen seien, sie wären als würdige Vertreter des starken
Geschlechts in die Weltregierung eingesetzt und wären so etwas wie die
Staatsminister des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die Kinder
-- aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn sie beizeiten einer
gescheiten Frau in die Hände fielen ...
Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors und sagte: »Darüber
müssen Sie mal einen öffentlichen Vortrag halten.«
Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander erbost hatten,
und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur zwei Jahre älter und dennoch
um ein Menschenalter gescheiter wäre als er?
»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche Tatsache
empfinde, bis ich wieder Geld habe,« sagte er.
»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen! -- Sie müssen also
heute an Tante Veronika schreiben, ich bringe Ihnen Briefpapier und
eine Marke.«
»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie, ich mache
mich auch dort lächerlich?«
Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen; sie ließ es
ihn aber nicht merken.
»Es muß doch irgendetwas geschehen!«
»Natürlich -- ich hungre die zwanzig Tage, und wenn es nicht mehr geht,
fresse ich Gras.«
Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.
Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte einen Zweck hätte,
aber sie sagte dennoch: »Sie gehen augenblicklich mit zu mir hinüber
und essen sich satt! Ich lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag
und Abend -- zwischendurch gibt es nichts!«
»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber es wird sich nicht
anders machen lassen. Ein Trost ist, daß es zwischendurch nichts gibt,
sonst würde ich für meine Eselei ja gar nicht gestraft werden.«
Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der klaren
Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit ganzer Seele hin. Maria
Reh war schon seit drei Tagen in ihre westfälische Heimat gereist und
blieb über Pfingsten fort.
Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie nicht auch?«
»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, erzähl' ich Ihnen
diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze Jahr hier.«
»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. »Ich muß erst
weiter abrücken von den Dingen und Menschen, die dort um mich gewesen
sind, seit ich vor der Tür aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer
allein geblieben, aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu gut,
und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir herumnagen.«
»Augen, die an einem herumnagen ...,« wiederholte sie nachdenklich,
-- »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; jener Herr Fridolin
Hartwig hat auch solche Augen. Vielleicht nur Frauen gegenüber ... Es
gibt viele Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen sich
dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie damit auf ein Feld
geraten war, auf dem die Jugend Jockeles noch nicht säete. Sie dachte
auch, vielleicht wäre sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn
Maria Reh hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen auf,
die gar nicht so widerlich sind.« -- Nun ja, Maria Reh, mit ihrem
sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! Maria Reh stand nicht
mehr weit von der Schwelle der Dreißig.
»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß findet,«
sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte und keinen Freund oder
keine Freundin. So ist es auch mit ihrer Kunst -- sie malt tausend
Landschaften und kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese
›Malerinnen‹; sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt
an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber nicht von einem
gewaltigen Willen und überzeugendem Talente geführt worden sind. Nun
halten sie zwar erträglich damit Haus, aber sie finden sich darüber
doch nicht zu einem Glücke des Lebens.«
»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.
»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf einer fortwährenden
Selbstentschuldigung, oder nicht einmal das -- sondern sie sind froh,
daß sie ihr Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, die
sie -- sind sie Frauen -- auch zu physischem Ruin führen.«
Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz andere Kräfte lebendig,
es war ein Licht in ihr in einer fast wilden, unbändigen Helligkeit,
das nun in ihn hineinstürmte.
»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.
»Mit mir auch nicht!« lachte sie -- »sonst wär' ich nicht so querköpfig
geworden. Querköpfig daheim und querköpfig unter den Menschen. Ich ecke
an, wo ich mich sehen lasse.«
»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.
»Ach Unsinn -- oder besser: leider nein; denn was ich schaffe, schaff
ich für mich, zu einem Mehr reicht's nicht aus.«
»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin geworden?«
»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur dazu gegangen, damit
ich aus Verhältnissen herauskam, die mich in ein paar Jahren auch um
das betrogen hätten, was mich heute noch apart -- oder sagen Sie: so
fröhlich eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in
Bonn, er ist ein reicher Mann -- na, was soll ich Ihnen sagen: da
fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins Haus, daß es eine Art
hat! Natürlich -- ich will heiraten -- aber +ich+ will heiraten ... Sie
verstehen ja davon nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre,
hätt' ich studiert -- Kunstgeschichte meinetwegen oder Germanistik,
oder auch Staatswissenschaften, und hätte promoviert -- aus purem
Eigenwillen, wissen Sie. Aber dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in
die Vorlesungen laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem ~Dr.
phil.~, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Da hab ich mich
nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese Stadt, sie ist voll berauschenden
Lebens -- die meisten laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen
und schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, unter dem ihr
kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins Wackeln kommt. Ich bin hier,
weil ich mir hier selbst gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den
Titel einer angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal
... Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten sollen,
wenn Sie mal Weltschmerz haben -- vielleicht hätte ich Sie dann wieder
aufgebaut. Na, Hunger und Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut
abend um sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen Sie wieder an
zu arbeiten. Adieu.«
Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich vor den Tisch am
Fenster, und Jockele ging hinüber in seinen Malraum; er ging wortlos
und dachte, was das mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria
Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit gezeigt wie
jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. Es waren Schauer wollüstiger
Ergebenheit, zu beiden Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der
anderen Art -- dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte sanfte
Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen ergab ... und diese
schöne klare Doris Rinkhaus kam über ihn als ein jauchzender Sieg.
Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens wert schien, aber
er zerbrach sich nicht den Kopf, weder darüber, ob es so in Ordnung
sei, noch darüber, ob es daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur
Frauen um sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben
und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung zu setzen
wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen -- für jeden Menschen ist der
Weg siebenmal um die Erde viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und
zwischen diesem Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt
neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so fest zu, daß ein
großes Glück, welches mit Leichtigkeit den Himmel samt allen Sternen in
die Arme schließt, kaum mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch
zu gucken, ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid aber
bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch -- ein großes Leid tritt
die Tür ein; denn es hat eiserne Füße und Fäuste von Stein.
Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und das war gut;
sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie einer, der in Kniehosen
und hohem Glanzhut durch die Welt läuft. -- Er steckte noch bis
über die Ohren in der landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum
Arbeiten da sei -- eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen
als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das ganze
Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig erträumte
Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm Arbeit und Leben eine
fröhliche Gemeinsamkeit geworden sind.
Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel Himmel erobert,
als sich denken läßt; aber wie sie ihre Weisheit dem Jungen beibringen
sollte, ohne die heillosesten Verwirrungen in ihm anzurichten, das war
ihr dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge gerührt.
Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, erweckte keiner
den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse in ihm -- ein Erbe aus dem
Frühlingshause; und an die älteren unter den Akademikern, die schon
nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die Gelegenheit gefehlt,
heranzukommen. Er arbeitete in diesem Sommer mit immer wachsender
Zähigkeit. Ein über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich
selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem Gartenhause
wieder zusammensuchen. Aber raten konnten sie ihm nicht; denn Doris
Rinkhaus stand diesen Erscheinungen fremd gegenüber, und in Maria Reh
traten sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte sich
schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an ihre erste Leinwand
geriet.
In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott und die Welt
verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte es unter Beobachtung aller
Vorsicht wagen, ihm über den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch
ein ganz passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn einmal
ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria Reh aber wurde
bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage unsichtbar für ihn und
ließ sich nur langsam wieder finden. Er hielt auch diese Entladungen
für ganz in der Ordnung und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er
einem Zusammenstoße zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, in dem
Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem jungen Manne, der
so allein steht und sich seine Stellung in der Welt zu erkämpfen hat,
sammelt sich allerlei Zündstoff -- wo will er denn hin damit?« sagte
Doris Rinkhaus. Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. Sie
hatte sich über manche geheiligte Form und Regel des Kleinbürgertum
hinweggesetzt, aber sie war doch ohne jene königliche Beschwingtheit
der Seele, die der anderen ihren leuchtenden und freien Flug sicherte.
So stand Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche Art
den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich in Gefahr brachte
-- das Barometer maß Tief und Hoch und zeigte so häufig himmelblaue
Beständigkeit, als sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden
kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, aber man schlug
seinetwegen den lieben Gott nicht tot.
Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, aber es war nirgend
Sieg.
Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit Fruchtbäumen, der
nach zwei Seiten durch die Gebäude, nach den anderen beiden durch
Hecken und Zäune begrenzt wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich
der Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her durch die
Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten während des Sommers
häufig. Er kam immer mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf
ein schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte von
einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche Einnahmen beziehe.
Er war auch nie aufdringlich, suchte sich einen Platz in dem sachte
durchsonnten Grase nahe der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht
allzu tiefen und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich
durch die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken zu einem
tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er mit Respekt von sich selber,
oder er brachte seinem jungen Freunde das Heft einer Zeitschrift, in
der sich ein Artikel oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder
befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« -- Wenn es geschah,
daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen Morgenkleide aus dem
jenseitigen Gartenteil in ihr Haus schlüpfte, befiel sein besinnliches
Wesen eine Bestürzung, und er raffte sich zusammen wie einer, der eine
Attacke reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber Doris
Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; nun ließ sie sich
zwar sehen, so oft er da war, aber sie setzte ihn auf einen stummen
Gruß und wußte: ›die nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der
blaue Schein ihres Kleides darin verlöschte -- oder auch noch länger.
Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal sagte Hartwig:
»Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein Rinkhaus ist eifersüchtig auf
mich, oder sie ist hochmütig.«
»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur eigenwillig!«
»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«
»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie wieder -- sie fragte
damals die gleichgültigen Fragen. Aber das ist ja natürlich; denn wir
drei gehören nun doch zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein
Reh kehrt erst im September zurück.«
Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da besuchte Jakobus
Fridolin Hartwig mehrmals; denn die Bilder, die im Sonnenschatten des
Apfelgartens begonnen waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert
werden. Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er nach
den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe sie in ein Kloster
gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, und sie störten mich häufig.
Außerdem konnten wir uns der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das
wir für wünschenswert hielten.«
Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und Hartwig ging hinaus.
Er sprach da mit einem Manne, der sich nicht abweisen zu lassen
schien, und kam nach geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr
Jockele -- haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir eine
Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld in den allernächsten
Tagen zurück ... Nicht? Das ist peinlich! Sie ahnen nicht, mit
welchen Widerwärtigkeiten ein ringender starker Geist zu kämpfen
hat!« Dann ließ er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage
des Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal mit der
Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. ... »Guten Morgen,
Herr Hartwig.« -- »Guten Morgen, Herr Hucke --« Die beiden kannten
sich offenbar schon von früher. Und da war die Sache geschehen.
»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. »Sie haben ja da noch
den Herder.«
»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische Angaben,
und da hab' ich mir noch den Meyer zugelegt -- auf Raten, na, und die
hab' ich ein paarmal vergessen ... das ist doch menschlich, nicht? Wer
soll denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« Hartwig reichte
Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte er, »setzen wir uns einen
Dämpfer auf!«
Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die Sprache gefallen -- --
drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, und dabei das großmännische
Behaben ... Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, das sie
Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris Rinkhaus. Er gab
sich auch gar keine Mühe, Teilnahme zu heucheln oder sein Befremden zu
verbergen, sondern verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später
in die Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.
Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte ihn, daß er
übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch war in dieser Stunde in einer
so fremden Erscheinung vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie
in einem nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der er diesem
Manne gegenübergestanden hatte, bäumten sich alle seine Sinne auf, und
er begriff nicht, wie Doris Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam.
Er berichtete mit einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein
Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und sagte:
»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«
In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder die goldenen Flaggen
des hohen Sommers wehten, malte Jockele im Apfelgarten. Rings lag
bienendurchsummtes Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen
Frauenstimmen auf dem breiten Wege, der von dem eisernen Tore herläuft
-- und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen so besinnlich vor den
Himmel auf die Leinwand tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen
... »Na!« -- Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch die
goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante Veronika neben dem
blauen Morgenkleide den breiten Weg unter den Kastanien daher -- den
Kapotthut auf dem weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem
Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang fiel so zier um
die kleine feine Person, und die schritt so klar und sauber daher wie
ihre Sprache; der gelbe Krückstock stabte immer eine Spanne vor ihrem
rechten Fuße -- das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, es
flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch gar nicht altmodisch.
In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, und den ein
wenig verdrückten Panama weit ins Genick geschoben, so lief er den
Damen entgegen und wagte bei Tante Veronika eine Umarmung, die er in
gefälligerer Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug los
wäre.
»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne dieser freien Augen
über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts merken lassen wollte, war sie
undurchsichtig wie ein Dachziegel. Und jetzt +wollte+ sie sich nichts
merken lassen.
Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor Tante Veronika
aufgegangen wäre, hätte sie sie schon erkannt. Sie hatte im Liegestuhl
unter den Bäumen eine Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen --
die sie überdies nicht im mindesten berührt hatte --, da war das
alte Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, und
der Gedanke war ihr voraufgelaufen: dort hinten, wo die Bäume das
flitternde Gold herniederschütteten, dort müßte es sein! Da flatterte
ihr das blaue Kleid schon entgegen ... »Ich werde Sie doch kennen --
sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«
Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, was sie sagte.
Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten Damen alle.« Und Jockele
meinte: er müßte wohl einen Schritt zurücktreten und sie einmal
ordentlich ins Auge fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr
ganz richtig zu gehen.
Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: »Es ist nicht
sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles -- bitte, treten Sie bei mir
ein, wenn Sie sich ausruhen wollen; ich werde indes an eine Erfrischung
denken.« Und als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es
Fräulein Sinsheimer ein wenig -- »Ich wußte schon seit Deinem ersten
Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich wußte auch, daß diese Studien
unten an den Wänden liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand
er ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, und daß er
manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem ›Laboratorium‹ habe. Tante
Veronika sagte: »Wenn Du nach allem noch länger hier bleiben willst,
läßt sich das ja wohl auch machen ...«
Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; sie sah ihm dabei
ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. Da fing sie in Gedanken gleich
an einzurichten -- hier könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch
besser im Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; dazu
nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. ... Die ganze
Freude, die in der Sorge um den Jungen das späte Glück ihres Lebens
geworden war, hatte wieder ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann
faßte sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie sehen
sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. Vor der Türe wurde
ihre Stimme noch einmal vorsichtig: »Kann man denn vor dem Fräulein
alles reden, was Dich angeht?«
»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen heraus. Und
als Tante Veronika in der sicheren Sofaecke die Lippen mit einem
Himbeerwasser angefeuchtet hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.
»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« fragte sie. Da sah sie
in zwei Paar erstaunte junge Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu
mir gesandt, der mir etwas ausrichten sollte?«
»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«
»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein paar Verschiebungen
leicht wieder ins Gleichgewicht kommen könnte -- mehr als hundert Mark
seien dazu nicht nötig ...«
»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer an etwas herum --
siehst Du denn nicht, daß Du uns beide peinigst?«
»Verstehen +Sie+ mich, Fräulein Rinkhaus?«
»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten sich starr und
weit offen auf die alte Dame.
»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe ans Lachen, »es
scheint, die alte Tante Veronika ist wieder einmal sehr klug gewesen!«
Sie begann, die crèmefarbenen Glacéhandschuhe abzustreifen. -- »Ich
sehe, Sie haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also
erzählen -- doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für heute nicht
erwartet?«
»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«
Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer lachenden Genugtuung:
»Und ich dachte, das Fräulein Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang
genommen, weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig ins
Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich Tag werden! Es ist da
vorgestern ein Herr in Ibenheim erschienen, mit blondem Vollbart und
goldener Brille; er schickte seine Karte herein, und ich habe eine
Stunde mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn er nicht
zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es wäre Dir mit Deinem
Geld ein kleines Malheur passiert ... ein paar Schulden ...«
So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, den jungen
Mann zu rangieren, und Tante Veronika solle ihm nur gleich die hundert
Mark mitgeben ... Das hatte sie ihm aber verweigert und war nun selbst
gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen stand.
So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, den Zehrpfennig für
eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, die ihn bis an die Pforte des
Vergessens führen sollte! Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem
Jungen als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut,
sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, mit dem er
niemals fertig geworden war; denn am Tage darauf, während Veronika
schon längst wieder in ihrem Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus
auf die Malwiese Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus -- Herr
Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner Frau einen Brief
zurückgelassen, darin stand:
»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt müde -- in der Stille
eines Klosters hoffe ich Rast und Sühne zu finden.«
Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort, das er ihr
sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras und ging in das kleine
Haus, das noch ganz voll war von dem hellen Scheine, den Tante Veronika
gestern hindurchgeschienen hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein
Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne und legte das
Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken über die Menschen, mit
denen er in diesen Monaten zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz
finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr helle Sterne,
die hießen Veronika und Doris; und es glimmten noch zwei kleinere in
weiter Ferne herauf: das Zinzilein und Matthias Prinz.