Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit; denn es fiel ein

fremdes schönes Licht in die bangende Seele, und der vermühte Leib

vergaß über dem beschwingten Gange die Not der verflossenen Zeit.

Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges. Der Weg? Es war kein

Weg, es war weißer schlafender Waldgrund, und der klirrende Frost

zerwehte vor dem beseligten Wanderschritt.

Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme des Gebirges singen

hörte, und wo er hohe Mauern aus glitzerndem Schnee durch den Wald

gezogen hatte, lehnte sich das Weib an eine der weißen Wände ... es

war, als wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige Singen

der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten, ehe ich

hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie setzte sich nieder und

sah die tiefe Spur, die ihre Füße in den Schnee getreten hatten, und

wunderte sich, daß ein Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter

schreiten könnte ...

»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel wandert man durch alle

Mühsal der Erde ...«

Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres Scheinen in sie. Und

das blaue heitere Scheinen war das Sterben; denn als der Frühling über

die Berge stieg und die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute

in ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer war unter ihnen,

und als er den silbernen Ohrring sah, den die fremde Tote trug, lief

er zu Herrn Peter Squenz in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit

ihm gehen; denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus

Sinsheimer. --

Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon in allen

Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden, als sie im

Frühlingshause noch niemand ahnte.

Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen, sah Mali

eilige Frauen gegen die Hütte der Laufer streben, verkündete das dem

Fräulein Veronika und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu

bringen, da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke an dem

metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen Lärm, daß auch der

Jockele mit Augen voll Einsamkeit und Bestürzung herzulief; er hatte

naturforschenderweise in der Gartenhütte gesessen.

Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend wichtig

und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm von dieser Stunde an eine

Taktlosigkeit und Gemütsroheit nachreden würde, die sie mit sehr

spitzem Munde als »einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt

die Anwesenheit Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge den

Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann berichtete er.

Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem Lehnstuhl, als hinge sich in

dieser Stunde ein Bienenschwarm unter ihr an die Polster des Sessels;

in Jakobus löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen im

Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und überlegte, ob sie

nicht die Flamme ihres Zornes über diesen Herrn Squenz werfen sollte.

Der faltete drinnen ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf

den Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen

Väslein und legte ihn daneben ...

Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort --

»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören, Herr Squenz, und

bitte Sie, das Haus zu verlassen ... Sehen Sie denn nicht, welche

Verwüstungen Sie anrichten?«

Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah nichts. Dann

entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber Tante Veronika lehnte

sich im Stuhle zurück und bezeigte ihm so vollkommene Abwesenheit und

tiefe Entrüstung, daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete

ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel hinter ihm mit

strafender Empörung vor die Tür schlug. Dann kam sie herein; denn sie

hatte Fräulein Sinsheimer von Verwüstungen reden hören -- sie hielt

ihre Anwesenheit in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für

durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock in einemfort

hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte das Bedürfnis, jedes

ihrer zornwütigen Worte mit einem Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß

am Fenster, hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem

Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein Schuljunge in

raschem Kinderärger nachgerufen und wovor man ihn im Haus eine lange

lichte Jugend hindurch behütet hatte -- in dieser Stunde hatte

Peter Squenz mit der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten

Ochsenbauern und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis gerissen

und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen. Es war alles

durcheinandergestürzt, was Tante Veronika in den Jahren aufgebaut

hatte, und sie fand sich nicht mehr in sich selber zurecht. Da legte

die alte Mali dem Jockele ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß

ihm die Augen überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand auch

warme Worte windigen Trostes -- denn welches Menschen Rede vermöchte

das wildgewordene Meer eines im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?

Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in das Gartenhaus

gehen und sehen, wie wir es machen können.«

Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder herein und sagte:

»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart getroffen habe!

Daß eine Zigeunerin im Bergwinter verkommen ist, die ich nicht kenne,

ist ein Jammer, und der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter

gewesen sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt -- sie hat auch

gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe -- aber sie zerreißen

sich nun die Mäuler in der ganzen Gegend über mich. Vielleicht ist das

auch nicht so schrecklich, wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt

meine ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil die

Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter getan hat.«

Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten Wirtschafterin

wendete sich das Herz um, und sie kam mit Gründen einer landläufigen

und gefühlsseligen Moral, daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von

seiner Mutter rede.

»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.

»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge fort, schon morgen.

Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht und will damit zu Maria

Reh nach Weimar und möchte sie fragen, was +sie+ zu der Sache meint.

Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten habe, komme ich

leichter über alles hinweg.«

»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. »Ich kann Dir in

jedem Monat hundert Mark schicken; wenn Du mit dieser kleinen Summe

auskommst, so will ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen;

denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so wenigem haushalten

müßte.«

»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.

»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, »es ist nicht

viel -- Du weißt das noch nicht. Aber ich denke, es läßt sich schon

machen.«

Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor schulmeisterlichen

Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch erzogen habe, so wird nun auch

sein Leben falsch werden.

Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles zusammen, was er

mitnehmen sollte. Er trug aus dem Gartenhause herüber, was er für nötig

hielt, und sie ließen noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde

bestimmt, daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen Augen der

Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.

Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt war,

begleiteten ihn Veronika und Mali bis auf die Schwelle des Hauses. Sie

hatten alle aufrechte und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte:

»Ich habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem Menschen

Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen solltest, was ich Dir geben

kann! Es würde mir sehr weh tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß

Du zu anderen mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all ihrer

Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir viel Freude geschenkt,

Jakobus, und ich habe die Pflicht und den Wunsch, Dir für dies Glück zu

danken. Du wirst mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei

brav und tapfer -- lebe wohl!«

Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit je, daß ich Dir

alles zu danken habe, was ich bin und wohl auch werde, liebe Tante

Veronika, und ich werde es nie vergessen.«

Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend zu der kleinen

feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit ihren schmalen Lippen auf die

Stirn.

Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, als sich die Türe

geschlossen hatte, und Veronika sagte zu Mali: »Wir sind heute ein

großes Stück dem Ende zugelaufen. Man legt nicht jeden Tag als Maß an

den Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« --

Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen Vormittage ging er

in die stille Straße, die Am Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit

einiger Zeit mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr

kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen Besitze des

Generalintendanten von Vignau liegt.

Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von dem eisernen

Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen führt, kam er sich sehr

tapfer und fast daheim vor; denn er war durch den alten Weimarer Park

herübergegangen, und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich

springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen des Gebirges.

Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen und an den kleinen

Fenstern suchten, ob sie Maria Reh sähen, wußte er: er würde den Damen

alles erzählen, was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte.

Er kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen war,

und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, woher er gekommen sei;

und sein helläugiges Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den

Malerinnen die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen dafür mit

Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer hatte wahrscheinlich längst

von allerlei Vermutungen zu Maria Reh gesprochen ...

Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem Glockenstrange, der aus

einer anderen Zeit kam ... Da hatte ihn Maria Reh auch schon in den

Händen, und ihre weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen --

»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle länger geworden

und haben die Augen ganz voller Himmel -- was will denn das werden?«

Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor -- -- was war das für eine

starke und frohmütige Art!

In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand Doris Rinkhaus in einem

hellblauen Morgenkleide -- ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer;

denn es war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie ein

Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar wie die Mädchen auf

den Bildern Defreggers.

Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine helle

Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel und ein

Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte spielten. Maria Reh ergriff

seine beiden Hände und legte sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:

»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht, aus dem wird etwas

-- es weiß nur noch nicht, wohin es mit ihm will!«

Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und kannten sich schon

seit Anbeginn.

Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom Morgenkaffee

stand noch darauf und daneben lagen viele Krumen. Auf einmal fiel es

Doris Rinkhaus ein, sie müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch

hätten. Da packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen

das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen darüber und

trippelten damit in die Küche. Dann rückten sie an Jakobus heran, daß

die drei Paar Knie zusammenstießen, und Maria Reh sagte: »Schießen Sie

los, junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir in sieben

rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren etlichen Sie jählings

herausgefallen sind. Aber der Freundschaft tut das keinen Eintrag --

und nun mal los: Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden

Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre letzte sein wird?

Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch verfaßt, oder wie ist das?«

»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn Sinsheimer auf!« mahnte

Doris Rinkhaus. »So laß ihn doch erst zu sich selbst kommen!«

Da tat Jockele einen tiefen Atemzug -- es ging nun doch nicht so

leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste gedacht hatte. Er

begann tastend -- ein Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet,

die Steine unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst

auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in ihnen über

seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige. Aber sie hörten ihm mit

Selbstvergessenheit zu. Einmal unterbrach er sich und sah Maria Reh

an: »Wußten Sie schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern

liefen?«

»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute taten

sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch gar zu

komisch-romantisch an -- das Lachen kam einem ja, wenn man ihre

stumpfen Gedanken und plumpen Münder an diesem Rätsel herumraten sah!«

»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie haben mir auf unseren

Waldgängen nichts davon gesagt?«

»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich nichts angehen? Und

wenn Sie selbst gar keine Ahnung gehabt hätten -- warum sollte ich

Ihnen denn einen so großen Schmerz bereiten?«

»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen Sie ganz ehrlich

gegen mich sein?«

»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«

»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem großen Schmerz?«

»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß Ihre Mutter Sie so

lieblos in die Welt gesetzt hat ...«

Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein paarmal durch die

kleine Stube --

»Was meinst Du?« fragte Maria.

»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte sie, »nein, ich

kann es mir nicht denken!« Und es lag über ihrer klugen Stirn und über

ihrem leuchtenden Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen

hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, meine Mutter

hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle gesetzt und hätte sich

nicht mehr um mich gekümmert, dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf

meine Liebe ...«

Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam ein fast

wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, in das er nun

hinausgestoßen war, ehe er daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte

stand sein kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende Märzenmund

hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen war ...

»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn ich mag nicht

immer um mich selbst herumlaufen wie der Fuchs um das Schlageisen, in

dem er sich doch endlich fängt -- nur sagen Sie es mir: wird man auch

hier hinter mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter eine

Zigeunerin war?«

»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.

»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit einem Schlage

berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles ›rasend‹ interessant und warf die

›Donnerwetter‹ hinter ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten

ihr Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig vor den

Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber will ich mit Maria reden, wenn

wir allein sind!« Und Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und

sagte: »Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün Sie um

die Wachtelweizenblüte waren?«

Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf -- nun ja, auf dem Weg

aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter hatte auch viel Erkenntnis

und Einsamkeit gelegen, dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben

Meilensteine stehen sah! ... Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen --

»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir jetzt eine

Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, junger Mann!«

Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn es hier gegangen

wäre -- nun jagten sie ihre Gedanken durch viele Straßen, und als

nichts paßte, verfielen sie auf das Dienerhaus, das neben dem sehr

kleinen Gartenhause stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses.

Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne gedichtet

hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus sagte: es müsse ein ganz

ungeheuer fröhlicher und gescheiter armer Mensch gewesen sein, und er

sei über dem Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und

himmelfröhliches Pfeifen.

Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der angehende Kunstmaler,

hatte zwei Stuben zu ebener Erde und über sich ein Dach. In der einen

hatte mit knapper Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus

vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ sich also sein

Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.

Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei einem alten

Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am ersten Tag erschien ihm

die Sache prächtig; denn er trat an die neue Welt heran mit dem

selbstverständlichen Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden.

Später saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung

und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich zusammenschlagen. Auf

Akt und Landschaft warf er sich mit der fröhlichen Kunst der Jugend

zum Glücklichsein. Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes

Vorwärtskommen, aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer es zu

Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen Lehrern kam. Wege suchen

und Ziele finden, wenn es auch noch so mühsam war, machte ihn warm;

der Regel und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um Menschen

solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen -- die einen sagten:

»Dieser Sinsheimer kann nichts und wird nichts!« Die anderen meinten:

»Sinsheimer ist ein eigenwilliger Kopf, aber er ist aus dem Holze derer

geschnitten, die durchkommen!«

Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung viele Bekannte;

denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den Adern rollte und der berühmt

war von dem Augenblick an, in dem ihn zum ersten Male die Sonne

beschienen hatte -- das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder,

und dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, und die

Augen voller Licht -- »Donnerwetter!« schrieb Doris Rinkhaus hinter

Jakob Sinsheimer. Nach vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch

einen anderem Namen trüge als Jockele -- und das kam ihm von Maria Reh.

In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in das Leben, das

Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der sie alle Erscheinungen erfaßte,

die ›Filiale von München-Schwabing‹ genannt hatte. Es ist ein Gemisch

von Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen Zusatz

ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher Genialität. Zu

den äußeren Kennzeichen rechnete Jockele, daß jeder, der in diesem

Leben stand -- sei es Jüngling oder Mädchen -- die unverbrüchliche

Verpflichtung eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten mindestens

einmal die Worte genial, Genialität oder Genie zu gebrauchen. Darüber

gelangte man zu der Annahme, die Genies wüchsen in der Welt wie gelber

Löwenzahn, und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor ihnen

retten.

Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis kam, daß

ein Monat zwanzig Tage länger sein kann als hundert Mark.

Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. Einmal machte

er sich auf den Weg, die Schuld einzufordern. Da schloß ihn der

Kunstschüler gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum

Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er berühmt wäre.

Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine Straße und war froh,

daß er über den alten Schießstand unter den mächtigen Kastanienbäumen

nach Hause gehen konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn

er dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit drei Tagen

nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche trüge. Weil der Magen gegen

solche Behandlung knurrend Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den

Hausgang einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig Weißbrot.

Auf dem Walle des Schießstandes, um den Maienwind und Grün wirbelten,

verschlang er die Semmel und sah dabei manchmal über die Gartenzäune,

ob da wohl einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. Aber

es war niemand da als der Frühling, und der hatte alle Hände voll zu

tun; denn da warteten die tausendarmigen Leuchter der Kastanien und

wollten angezündet sein.

Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und durch die Schlüpfe

des Gartenzauns in die grüngoldene Einsamkeit verschwinden wollte,

setzte sich ein Mann im Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem

blonden Vollbart und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden

Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den Schlüssel

hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: »Ah, Sie wohnen hier?«

»Zu dienen -- in dem ganz kleinen Hause da.«

»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus Sinsheimer. Ich heiße

Fridolin Hartwig.«

»Angenehm. Auch Maler?«

»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für wenige Augenblicke

in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere mich dafür -- man kann Sie

ja wohl darum beneiden.«

»Das wohl!« sagte Jockele. -- Sie schritten über das Gras, das unter

den schon schattenden Obstbäumen noch morgenfeucht war.

»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt gehalten,« begann

Hartwig, »und wollen es im Leben zu etwas bringen, hm?«

»Ich hoffe.«

Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie wieder vor der

Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus den Gartenweg daher und ein

Paar aufdringliche Männeraugen begegneten ihr.

»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?« fragte sie

später. Sie ließ es sich berichten ...

»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie -- »solche, die gern um die Ecke

gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien wie die dünne silberne

Uhrkette um den Hals, die große Silbermünze mitten auf der Brust, und

dies Spazierstöckchen neben so mächtigen Gliedern -- so etwas wirkt auf

mich einfach peinlich.«

»Aber liebes Fräulein Rinkhaus ...«

Sie sprang mitten hinein in seine Rede --

»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein Mann nicht, und

wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich würde das nicht einmal einem

halbwüchsigen Kunstschüler verzeihen.«

»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,« lachte Jockele;

aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum der anderen Tage in ihm.

»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen! Ich glaube, es

ist die höchste Zeit, Sie einmal auszuputzen. Sie laufen seit ein paar

Tagen in der Welt herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen Sie

mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«

Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich her in das

kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend Goldstücke auf die Dielen

gelegt -- Jockele sah dies poesievolle Leuchten zum erstenmal aus dem

nüchternen Gesichtswinkel geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher

Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig, aber sie

unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele Augen, puddeln sich

darüber ins Grab und haben ihr Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel

betrogen.

Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in den Winkel -- es

war weiter nichts da, das sie am Auffahren ihres Geschützes hinderte.

Jockele suchte einen Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie

wollte gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen, da

befiel sie ein letztes Mitleid -- »Mensch, sind Sie krank?« fragte sie.

»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe seit drei Tagen

eigentlich nichts mehr gegessen.«

»Was fällt Ihnen ein, -- sehen Sie denn nicht, daß Sie mich damit

einfach entwaffnen?«

»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!« sagte

Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie vor ein paar Tagen

auseinandergezogen und in die alte Vase gesteckt, als Blume der

Erinnerung an schöne Zeiten.«

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 4 / 16 段