Tante Veronika, obwohl sie niemals in himmelblauer Verlobungsseligkeit

herumgeflogen und darüber hinaus von dem anderen Geschlechte so

gründlich stehen gelassen worden war als möglich, kam dennoch nicht auf

den Einfall, es diesen einen entgelten zu lassen und ihn in Entsagungen

zu üben -- nur auf Delikatesse hielt sie und bestand darauf, daß

»solche Sachen« nicht zum Ansehen für andere gemacht seien. Wodurch

aber nicht verhindert wurde, was sie beabsichtigte -- nämlich, daß

der lange schöne Knabe Jakobus die Vorstufe zu einer raschen und

gründlichen Liebesschule durchmachte. Wäre der Lehrstoff weniger

delikat zum Vortrage gelangt, so hätte Jockele vielleicht nicht die

nötige Anteilnahme aufgebracht und wäre davongelaufen. Aber dieser Herr

Prinz war in allen Stücken von einer so vorbildlichen Ritterlichkeit,

daß der Junge während des Winters feststellte: Matthias der Prinz und

Prinzessin Zinzilein wären einander durchaus würdig, und das Mädel

in seiner sonnigen Blondheit wäre nun noch viel schöner geworden ...

Lauter Dinge, an denen der Jockele so viel herumzudenken hatte, daß

er denselbigen Winter in der Folgezeit einmal »die Auferweckung des

Jakobus« genannt hat.

Durch den tiefsten Bergschnee herüber trug Matthias eines Tages

die Nachricht, daß er vom 1. April ab als Revierförster in der

Nachbarschaft des Hörselberges bestimmt sei. Natürlich wollte er nicht

unbeweibt seinen Einzug in das Waldforsthaus halten -- da überkam

den Jockele zum ersten Male die Schwäche der Eifersucht, und zwar auf

beide, die sich ihm gegenseitig wegnahmen.

Er wäre darüber am Ende in die Unzufriedenheit des Flegeltums

hineingewachsen, dem der liebe Gott zur Warnung als äußeres Kennzeichen

das schlaksige Unebenmaß der Glieder anhängt. Aber die Erziehungskunst

der Tante Veronika trieb an ihm eine schöne späte Blüte: sein Takt

gegenüber der waldgesunden Männlichkeit des Schwagers behütete ihn vor

Entgleisungen.

So focht er den ersten Kampf mit sich und der Welt in der Stelle des

Gartenhauses aus; er ward einsilbig, er knurrte auch einmal, wenn er

durch die Stube wippte, aber er setzte sich nicht dem vereinigten

Gelächter der Engel und Menschen aus, die während der Vorbereitungen

zur Hochzeit das Haus bevölkerten. Er arbeitete sich um seine

offensichtliche Zurücksetzung mit großem Eifer herum, entschädigte sich

durch Erzählungen aus dem Gallischen Kriege des Cäsar, den er um diese

Zeit mit dem Pastor las, und hörte mit sieghafter Genugtuung zu, wenn

der ritterliche Herr Matthias das Bekenntnis ablegte, daß sein Schiff

an dieser Klippe fast wrack geworden wäre.

So war Jockele über allem auf ein Nebengeleise rangiert worden.

Da fiel er in der beschaulichen Ruhe seiner Gartenhütte auf eine

Verzweiflungstat: er hatte die Schmetterlinge seiner Sammlung gemalt

und begann, zu jedem die Naturgeschichte zu schreiben. Es war die

erste Arbeit, die er planvoll aufnahm und durchführte. Das Zinzilein,

das ihn am liebsten als »Naturforscher« gesehen, hatte auch Verdienste

an seinen farbigen Tier- und Pflanzenstudien, die oft recht hilflos

waren. Deshalb dachte er, er wollte dem Zinzilein dies »Werk« als

Hochzeitsgeschenk überreichen; denn er wußte, Prinzessin Goldhaar war

mehr als die anderen dazu geneigt, gute Vorsätze als Taten anzusehen.

Mitte März war er damit fertig, und als es der Buchbinder wieder ins

Haus schickte, standen sie in diesem Hause gerade vor der Hochzeit.

Die wenigen Tage surrten noch vorüber; dann kam der stürmische 1.

April, der das Zinzilein dem Frühlingshaus entführte -- Himmel, was war

von dieser blonden Mädchenjugend eine Fülle von Sonne gekommen!

Nun, da sie nicht mehr da war, schauerte den Zurückgebliebenen die

Einsamkeit fröstelnd ans Herz. Ueberall lagen Erinnerungen: Blätter

aus zerfallenen Blüten -- das ganze Haus war voll von abgestandenen

Festtagen; es war stief und stoppelfeldig in allen Zimmern, und gegen

die Fenster stieß der Sturm, klirrte der Aprilregen.

Tante Veronika hatte sich fest zugeschlossen, stabte mit dem gelben

Stocke in ihrer Wehmut herum und suchte nach einem liegengebliebenen

Sonnenschein. Es war aber keiner da.

Vielleicht lief das alte Fräulein auch dem Gedanken nach, ob sie denn

zum zweiten Male ganz verwaisen sollte?

Es ist bei den Jahren anders als bei den Menschen -- die Jahre kriegen

im Alter das Rennen, und man muß sich bei guter Zeit vorsehen, will man

sie nicht davonlaufen lassen.

Jawohl, ganz heimlich dachte Tante Veronika daran, wie sie den

Jungen im Hause behalten könnte, ohne daß er an ihrer verzeihlichen

Selbstsucht nicht zur vollen Entfaltung seiner hellen Gaben gelangte.

Aber sie faßte diesen Glauben nicht mit der alten Festigkeit an, weil

ihr das Herz davor bange war. Und diese Bangigkeit verlor sie nicht

mehr. Doch brauchte sie nicht lange an der Frage herumzuraten; denn

eines Tages stand ein Sturm auf, der dem alten Mädchen am Bergwalde den

Jungen aus Haus und Händen wirbelte ...

Zuvor aber kam Maria Reh nach Ibenheim.

Da war der Frühling im vollen Gange und schüttete ein Blühen in die

Gärten, daß es über die Zäune lief.

Weil Fräulein Reh zuerst mit dem Mai durch den sprossenden Buchwald

gestrichen war, kam sie mit Maleraugen voll Entdeckungen und einem

Herzen voll Licht und Himmelblau und trat in das erste Haus, an dem sie

der Weg aus dem Walde vorbeiführte.

Darin wohnten die Laufers. Frau Barbara fing sie gleich in dem Netz

ihrer Freude und schüttelte die ganze Hochzeit und das Glück des

Zinzileins über sie. An diesem Tage nahm Maria Reh die Stube nach dem

Wald hinaus.

Als sie am nächsten Morgen mit der Staffelei in die Bergsonne stieg,

um ihre Sinne vom wilden Farbendrängen zu erlösen, ward sie von dem

Mädchen Mali erspäht. Deshalb schritt bald danach der Jockele von

ungefähr des Weges, um zu sehen, was es wäre. Er kroch erst ein bißchen

um das Malfräulein herum, und weil er noch so zwischen den Lebensaltern

stand, durfte ihn ihre Spätfrühlingsreife ohne Scheu ermutigen. Es

wurden ein paar falterleichte Fragen gewechselt -- die erste ließ

Maria auffliegen. Weil sie den Jockele mit »Sie« anredete, bekam er

einen roten Kopf; denn das passierte ihm zum ersten Male. Aber er fand

sich alsbald in das erforderliche Auftreten und erwies sich dabei als

fertiger Schüler seines Schwagers Matthias.

Am ersten Regentage machte Maria Reh der Tante einen Besuch. Sie trat

auch in das »Laboratorium« und erbat sich den »Herrn Jakobus« als

fröhlichen Malergesellen, nachdem sie seine frischen, aber ungelenken

Versuche gesehen hatte.

Einige Tage später, in denen das junge Buchlaub ganz zu Golde

geschlagen worden, war aus dem komischen »Herrn Jakobus« für das

Fräulein schon der junge Jockele geworden -- manchmal hieß er noch

»Sie, Herr Jockele!« -- und er saß neben ihr im Walde und visierte

mit dem Zielauge über den Bleistift hinweg die Lage der Dinge, die er

skizzierte.

Wieder nach einiger Zeit wanderten sie zusammen in das Forsthaus am

Hörselberge. Da nahm auch Maria ihr Skizzenbuch mit und redete von

lustigen Malerfahrten beider Herzen in ein weltumarmendes Glück.

Die enganliegende Lebensart im Frühlingshause, die das Werk der Tante

Veronika war, fand sich bei Maria Reh nicht. Sie war ein blondes,

schlankes Mädchen mit einem Teutoburgerwaldgesicht und einem freien

Hals, an dem über dem Blusenausschnitt unter dem Nacken der erste

Rückenwirbel kräftig hervortrat; denn er hatte zu tun, den Kopf mit dem

klingenden Haar und dem klaren, kühnen Gesicht zu tragen.

Natürlich behauptete Maria, sie wäre viel größer als Jockele. Als sie

einander aber mit entschuhten Füßen und aufgelegtem Skizzenbuch an

einem Waldstamme maßen, war zwischen den beiden Strichen gerade nur so

viel Raum, daß ein Sonnenstrahl hindurchkriechen konnte.

Diese Messung fand auf dem Wege zu dem Berge der Frau Venus statt. Und

weil es eine so sonnevolle Waldfahrt war, gelangten sie erst im roten

Lichte des Spätnachmittags in das Forsthaus und standen beide über und

über in Blüte. Deshalb läutete das prinzliche Paar gleich mit allen

Glocken, und das Lachen schoß als goldene Raketen in die Waldnacht vor

dem traulichen alten Jägerhause. Dabei wurde festgestellt, daß der

Jockele in sechs Wochen um sechs Jahre älter und ritterlicher geworden

sei, und er, dem das Haar so wellig und schwarz um die Stirne wehte,

hatte die Augen voll feuchten Glanzes.

Das Zinzilein schaute fast erschrocken in dies heiße Licht, das aus

einem tiefen Himmel kam. Aber der Jockele sagte: daran wäre die Sonne

schuld, die über Tag hineingeronnen, und daran wäre schuld, daß diese

Augen nun Dinge zu suchen und zu sehen hätten, von denen das Zinzilein

samt seinem jungen Herrn Förster gar nichts ahnte. Er sagte das aus

einem gläubigen Jungenherzen heraus; aber das Zinzilein mußte doch auf

der Hut vor sich selber sein, daß sie ihn nicht für ganz erwachsen nahm

und ein bißchen an ihm herumklopfte ... denn auch das Zinzilein war in

diesen sechs Wochen gelehrig gewesen und verstand sich auf Männeraugen.

Sie blieben in dieser Nacht im Forsthaus, und am Morgen wußte der

Jockele, warum ihn das Zinzilein manchmal mit so rätselhafter

Lustigkeit ansah, hinter der immer ein sehr großes und sehr leuchtendes

Ausrufezeichen stand. Sie schliefen in den Zimmern im oberen Stockwerk,

und ihre Betten standen Wand an Wand. Der Hochwald hauchte die Kraft

durch die weiche Nacht, die die Kerzen zur Frühlingsfeier aus den

schwarzen Tannen treibt, und irgendwo unter den Fenstern brach ein

Brunnen aus dem schwarzen Stein und flüsterte der Nacht wunderliche

heimliche Reden ins Ohr. Als Jakobus an das Fenster trat, hauchte ihn

die Südwand des Zimmers mit einer süßen Schwüle an, daß er erschrak;

denn es war, als legte Maria Reh die Arme um ihn.

Er löschte das Licht, das ihm das Zinzilein aufs Zimmer gebracht

hatte. Die blaue warme Finsternis tat ihm wohl -- und da merkte er,

das Zinzilein hatte die Rätsel seiner Augen schon erraten, ehe er noch

wußte, daß sie darin waren. Aber nun, in der Stille dieser Waldnacht,

nun war das Wunder da: er sah in der Finsternis! Es stand ein hohes

blondes Frauenbild vor ihm, reif wie ein Aehrenfeld im Sommer, wenn

der Duft von gebackenem Brote über die wogenden Halme zu schwimmen

beginnt, und Maria Reh war schön wie eine Königin. Er blieb immer in

der Nähe der Wand, in die des Tages die Sonne gesickert war, und fühlte

den warmen fremden Odem ... Mitten darin stand Maria Reh in ihrer

leuchtenden Ueberlegenheit und zog ihn an sich und küßte ihn mit ihren

roten Lippen auf den Mund. »Was bist Du für ein lieber stolzer Junge,«

sagte sie. -- »Stolz?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, daß ich immer

so vor Ihnen knien möchte wie heute an dem warmen Waldhange, wo der

Wachtelweizen in tausend blauen Lichtern brannte? Und wissen Sie denn

nicht, daß ich Ihr Edelknabe bin, Sie liebe, liebe blonde Königin?« Da

hörte er ihr klingendes Lachen, und sie nahm seinen Kopf zwischen ihre

Hände und küßte ihn auf die Stirn ...

Ueber dem Kusse schloß er die Augen und fühlte ihn hinabrinnen als ein

wundersames himmelfremdes Glück bis in sein Herz.

Und er ward durstig nach dem blutroten Leben ihres Mundes -- aber

er dachte nicht daran, sie zu küssen, sondern +sie+ mußte es sein,

die sich über ihn beugte und ihm aus der Gnade ihres Königinnentums

reichte, wonach er so sehnsüchtig war ...

So sahen die Verheerungen aus, die dieser jubilierende Montag in

Jakobus Sinsheimer angerichtet hatte. Weit über die Mitternacht hin

schwamm er in einem rosenroten Meere von Seligkeit ... Auf einmal

wachte er auf -- der Morgenhahn warf seinen Ruf wie eine goldene Lanze

durch das Fenster! Jockele erwachte sehr nüchtern; er hatte sich in den

Schlaf gefreut; denn er dachte, der Traum würde die Fäden noch viel

schöner weiterspinnen, die er ihm in die Hand gegeben. Nun hatte ihn

die Nacht darum betrogen.

Aber die falterleichte Jugend, als sie die Wipfel so voll klingender

Sonne sah, brachte sein Herz gleich wieder zum Fliegen.

Er schritt leise die Treppe hinab und fand Zinzilein und Matthias schon

draußen beim Morgenkaffee unter der großen Buche. Im Zimmer Marias war

der Vorhang noch vor das Fenster gezogen.

Jockele hatte nichts dagegen, daß Matthias gleich danach das Gewehr

umhängte und in den Wald ging; denn nun nahm er des Schwagers Platz

ein, weil er von da aus das Fenster an Marias Zimmer immer im Auge

haben konnte.

Das Zinzilein belustigte sich in aller Heimlichkeit ganz ungemein.

Es war ein blanker Morgentisch gedeckt, wie es zu den hellen Herzen und

der Welt voll Licht paßte, und als Maria Reh -- schon fix und fertig --

endlich den Vorhang zur Seite zog, flogen ihr die sehnsüchtigen Augen

des Jungen ans Herz. »Na, da ist sie ja!« jubelte das Zinzilein, und

Jockele wurde ganz stolz, weil sie seine Schwärmerei gemerkt hatte

und doch in der Ordnung zu finden schien. Man plätscherte noch eine

Viertelstunde in Lachen und Sonne, dann segelten die beiden auf ihrem

glückhaften Schiffe davon.

Jakobus war nach dem Erlebnisse vom Abend zuvor wie verwandelt, gestern

war er ein Malschüler gewesen, heute war er ein glückseliger Page.

Maria Reh ließ sich seine scheue Liebe gefallen und hätte nicht das

geringste einzuwenden gehabt, wenn sie etwas weniger ungefährlich

gewesen wäre. Sie war nun auch viel sanfter zu ihm; denn sie sah, der

Junge war ganz von sich, und diese erste Jugendschwärmerei fiel über

sie wie der Duft einer Blume, die ohne Gift ist.

Mittags, als sie wieder an dem Hange ruhten, über dem der Wachtelweizen

mit den himmelblauen Spitzen seiner Stengel als ein sonnenstiller See

blühte, strich Maria mit ihrer Hand über sein Gesicht; da lehnte er den

Kopf an die Erde und ließ ihre Stirn so über sich kommen und sah seinem

Glücke tief in die Augen. Dann sagte er: »Ich bin sehr froh, daß Sie so

lieb zu mir sind!«

»Sind das Zinzilein und Fräulein Veronika nie so gewesen?« fragte sie

aus ihrem wissenden Herzen heraus.

»Aber das ist doch etwas ganz anderes, Fräulein Maria!« Und er erfaßte

ihre Hand und legte sie über seine Augen.

Weiter geschah auf diesem langen, langen Frühlingsgange nichts, aber

als sie in der Dämmerung nach Hause kamen, waren sie beide ganz still

geworden, und Maria sagte sehr weich und mitleidvoll zu ihm: »Auf

morgen -- nicht wahr?«

Da küßte ihr der Junge die Hand und ging mit gefährlich feuchten Augen

von dannen.

Sie sahen sich nun an jedem Tage. Jockele saß neben ihr im Walde und

zeichnete, was sie ihm aufgab. Des Morgens suchte er sie stets mit

scheuer Freude; denn vor Nacht war sie immer in so königlichen Bildern

um ihn, und dann ließ er sich von ihren sachten Händen in den Schlaf

streicheln.

Sie fühlte auch, was sie ihm war, und war darum auf der Hut vor sich

selber, damit der Glanz nicht von ihr abfiel, den seine erwachenden

Sinne um sie träumten.

Er hätte am liebsten gehört, wenn sie ihn »Du« genannt hätte, aber die

Scheu, sich lächerlich zu machen, hielt ihn davor zurück, es ihr zu

sagen; wenn er in den heimlichen Stunden zwischen Schlaf und Wachen mit

ihr allein war, mußte sie es doch machen wie er wollte!

Ueber allem befiel ihn ein ruheloser Eifer, ihr mit seinen Zeichnungen

zu gefallen. Sie lobte ihn leicht und oft; das hatte ihm zuerst

wohlgetan; dann peinigte es ihn; denn er dachte, es wäre eine

unverdiente Gefälligkeit. Er sagte ihr das auch einmal und verstimmte

sie damit; das dauerte drei Tage, und am vierten ging sie zu einer

Stelle im Walde malen, die sie ihm nicht verraten hatte. Da geriet er

in eine qualvolle Unruhe, lief den ganzen Tag im Walde herum und war

heilsfroh, als er sie gefunden hatte. Aber die Abende, in denen er sich

ihr ans Herz träumte, waren seit einiger Zeit nicht mehr so wonnevoll

wogend und rosenrot, und sie wurden es noch weniger, als sie eines

Tages an ihrer Bluse auf dem Rücken einen Druckknopf nicht geschlossen

hatte. Wenn sie vor der Staffel stand und sich ein wenig zurückbeugte,

sperrte sich diese Stelle des Verschlusses immer auf und ließ ein Stück

Spitze ihres Hemdes sehen.

Das peinigte ihn; denn es stimmte gar nicht zu den königlichen Bildern

seiner Frühlingsträume. Er arbeitete mit heißerem Eifer, um Maria

vor seinen törichten Augen zu schonen. Aber immer wieder blitzte das

schmerzende Weiß in seine Arbeit -- da nahm er den Feldstuhl und setzte

ihn so, daß er ihre Rückseite nicht sehen konnte, und begann eine neue

Zeichnung.

Einige Tage später war der Druckknopf wieder offen. Da sagte er zu

ihr, er könne diese Bluse nicht leiden. Sie redeten eine Weile in

scherzendem Ernste, und weil sie so überlegen tat, wehrte er sich --

»Jawohl, nicht leiden, weil immer ein Knopf daran offen ist!«

»O weh,« sagte sie lachend, »und das haben Sie gesehen und haben ihn

nicht zugedrückt?«

Sie fand also dabei gar nichts. Aber sie ahnte auch nicht, daß ihr

großes Licht in seinem Herzen darüber zu einer matten Sonnenscheibe

geworden war. Dann knurrte er ein bißchen vor sich hin, und sie

redeten danach einmal vom Wetter und daß der Herbst schon so

unfreundlich durch das Gebirge kroch.

An ihrer Freundschaft änderte dieser Vorfall nichts, aber über die

Vergänglichkeit des Rausches der Liebe begann Jockele in diesen Tagen

der ersten Nebel doch nachzudenken ...

Er ging in die Reifkälte des Oktobers aufrechter und fertiger, als er

durch die fallenden Blüten des jungen Jahres gegangen war.

Da sie sich wieder einmal maßen, war er über Maria Reh hinausgewachsen,

was ein wildes Siegesgeschrei zur Folge hatte, und seine Arme baumelten

nicht mehr um ihn herum wie Schlaghölzer am Dreschflegel. Er hatte auch

Fräulein Sinsheimer mit auffälliger Sicherheit erklärt, er wolle Maler

werden und -- vom Herbste des nächsten Jahres an -- die Weimarische

Kunstschule besuchen. Im Herbste des nächsten Jahres war er siebzehn

vorbei.

Veronika, die mit Maria Reh mehrfach über sein Talent gesprochen hatte,

gab ihr ruhevolles Einverständnis und war froh, daß die Dinge sich so

fügten. Seine mancherlei Studien vor und in der Natur waren nun gewiß

auch für seinen künftigen Beruf nicht zwecklos gewesen, und die alte

Dame brauchte sich nicht zu sorgen, daß ihr der Junge dereinst den

Vorwurf machte, sie hätte den Unterricht planlos betrieben -- nein,

nein, die Sache war ihr so in allen Stücken recht.

Als die Blätter gefallen waren, war Maria Reh fort. Die Freundschaft

hatte gehalten -- Jockele hatte ihr das Gepäck in das Wagenabteil

gereicht und hatte ihr noch im Schreiten Lebwohl gesagt, als schon die

Räder neben seinen Schuhen rollten.

Aber sie stand nun in seinen Gedanken in einer so rotbäckigen

Menschlichkeit und kernigen deutschen Art, daß er sich wunderte, wie es

ihm möglich gewesen wäre, das alles mit dem Glanze des Märchenkönigtums

zu umdichten.

Auf einmal faßte das Leben mit hartem Griff in den stillen Lauf der

Tage des Hauses am Walde, und es ward eine tiefe Finsternis. Es sah

aus, als wollte sie der Dinge und Herzen Herr werden und alle Freude

in einer Stunde in die Luft sprengen, an der Veronika viele Jahre mit

heiterem Fleiße gebaut hatte.

Tief im Thüringer Wald steht ein Gasthaus an der Straße, etwa drei

Wegstunden von Ibenheim; darin halten Fuhrleute, die über das Gebirge

fahren, ihre Rast; dahin ziehen sommerfröhliche Menschen, wenn ihre

Herzen dürsten nach Bergwind und Tannengrün. Im Winter ist es ein

verlorener Bergwinkel, um den die Stürme Lasten von Schnee mauern.

In jenes Gasthaus trat an einem frostklaren Januartage ein Weib, hatte

in Männerstiefeln lange verschneite Straßen hinter sich getreten und

war in allerlei schlechte Tücher gehüllt. In der Hand trug sie den

Schaft einer jungen Erle, irgendwo am Wege gebrochen und notdürftig

für eine Bergfahrt zugerichtet.

Die Frau sprach ein fremdes und mühseliges Deutsch, und die Wirtsleute

sahen sie aus ihrer tiefen Wintereinsamkeit verwundert und fast

feindselig an.

Sie rückte sich einen Holzstuhl an den Ofen und nestelte Kupferstücke

aus der Tasche ihres Rockes; das ging langsam, denn ihre Hände waren

krumm vor Kälte. Für das Geld bekam sie ein Glas Grog und schüttete den

heißen Trank schluckweis in sich hinein. Darüber kamen ihre erstarrten

Sinne, kam ihr das Herz allgemach wieder in Gang. Die Wirtsleute

begannen, sich an sie heranzufragen. Aber sie hatte abwesende Augen,

leuchtete damit in der großen Gaststube herum und sagte: »Die Fenster

sind alle dick zu von Eis.«

Da merkte der Wirt, es wäre nicht viel mit ihr zu reden, und bedeutete

sie durch Zeichen, ob sie noch ein Glas Grog brauche. »Ja,« sagte sie,

und legte das Geld dafür auf den Tisch. Ihre Augen gingen wieder durch

die Stube und blieben endlich stehen, und die Wirtin, die das kochende

Wasser aus dem Kessel über den Rum schüttete, fragte sie, ob sie krank

wäre.

»Nein,« -- sie überlegte sich nur, wie sie es sagen sollte, was sie

vorzubringen hätte; denn ihre Sprache wäre das Ungarische und sie fände

sich im Deutschen nur mühsam zurecht.

Da taten die Leute ihre Arbeit und warteten, was es mit ihr wäre.

Nach einer Weile sagte sie: »Ist hier vor länger als sechzehn Jahren

ein Kind gefunden worden?«

»Hm, ein Kind gefunden? Das ist eine merkwürdige Frage. Und vor mehr

als sechzehn Jahren?«

Die Wirtin wußte gleich, wohin die Frage zielte. Aber es wachte in ihr

auch schon die Furcht auf vor mühsamen Gängen zum Gericht. Und sie warf

ihrem Mann einen Blick zu, der wollte sagen: gibt acht, aus derlei

Dingen wächst ein Haufen Unkraut!

Deshalb antwortete sie mit hinterhältiger Sanftmut: »Ein Kind? Es ist

davon wohl nichts bekannt worden.« Aber die Neugier brannte sie auf die

Nägel, und der Mann sagte, vor sechzehn Jahren wären sie noch gar nicht

in dieser Gegend gewesen.

Die Zigeunerin hatte das graue Tuch, das sie um den Kopf getragen,

überdem zurückgeschoben; da sahen sie, daß sie im Alter der ergrauenden

Haare stand. Sie hatte ein verkümmertes Gesicht und sehr schöne

schmerzvolle Augen.

»Nun,« begann sie nach einer Weile, »wenn ein Kind gefunden worden ist,

so redet man in einem Gasthause wohl auch nach vielen Jahren einmal

davon; denn Kinder wachsen doch nicht an den Straßenrändern wie die

Disteln.«

Ob es ein Junge oder ein Mädel gewesen wäre?

»Es war ein Knabe, und in der Nähe des kleinen hellgrünen Hauses am

Waldrande war eine Sandkuhle. Ist da nicht ein grünes Haus in der Nähe,

bei dem eine Sandkuhle ist?«

»Es sind etliche Sandkuhlen in dieser Gegend und wohl auch mancherlei

grüne Häuser,« sagte der Wirt, aber es war, als liefen ihr seine

Gedanken nun doch entgegen. »Was haben Sie denn mit jenem Kinde zu tun?«

»Ich bin die Mutter. Ich habe es auf die Schwelle jenes Hauses gelegt

-- es war in einer grauen Frühe und war im hohen Sommer. Ich dachte: in

diesem Hause müßten gute Leute wohnen -- es war alles blank und sauber

daran.«

Da redeten die Wirtsleute leise miteinander, und weil sie dachten,

es wäre besser, dies Weib wäre nicht unter ihrem Dache, rückte die

Wirtin ihren Stuhl herzu und sagte: »Es ist in der Tat einmal von einer

solchen Sache geredet worden« -- was es denn wäre, das sie nach so

vielen Jahren herzöge?

Menschen, die von Reu' und Glauben voll sind, schließen leicht alle

Türen ihres Herzens auf ... und die Zigeunerin erzählte: es lebe in

ihrem Volke die Gabe, das Künftige zu erschauen, und es hätten ihr drei

weise Frauen ihres Stammes gesagt: ihr Kind lebe, aber es könne keine

Rast finden hier und dort ...

So erzählte sie aus der Not ihres abergläubigen Herzens eine

verworrene Geschichte von silbernen Ohrringen, deren einen sie trüge

und die wieder zusammenkommen müßten, und sie erzählte eine noch viel

verworrenere Geschichte von den Seelen, die sich gleich den getrennten

Ringen suchten über Zeit und Ewigkeit hinaus.

Nicht die irrende Not dieses Weibes, nicht das Elend ihres verkümmerten

Leibes hatte bei den Wirtsleuten vermocht, was der närrische Glaube

ihres Herzens vollbrachte ...

Davor wurden ihre Augen weit, und sie liefen mit schauerndem Behagen am

Wunderlichen in das dämmerige Land dieser Seele.

Aber sie scheuten sich, das letzte zu sagen, und gerieten darüber

wieder ins Forschen: wenn sie den Sohn nun für sich haben wollte, ob

sie meinte, daß man ihn ihr gäbe? Er wäre doch nun ein Mensch geworden,

der ihr ganz ferne gerückt sei mit seinen Gewohnheiten und seinen

Kenntnissen.

»Oh,« sagte die Zigeunerin, »ich will nicht sein Glück zerstören,

sondern ich will es erfüllen.«

Da redeten die Wirtsleute in der breiten Mundart ihres Landes

miteinander.

Die Frau war voll Mitleid und sagte:

»Man muß ihr den Weg zeigen!«

Aber der Mann widersetzte sich:

»Sie wird die Geschichte von den Wahrsagerinnen erfunden haben; sie

will sich in das fremde Haus stehlen und dort einnisten, und man wird

uns die Schuld an allem zumessen, was daraus hervorwächst ...«

Dann beschrieben sie ihr den Weg aber doch, der sie über das Gebirge

führte, und nannten ihr den Namen des Dorfes und sagten, sie müsse zum

Gemeindevorsteher gehen und den Ohrring zeigen -- es würde sich dann

schon alles finden.

Danach ging die Zigeunerin fort und wanderte durch den tiefen Schnee

des Waldes und lief einen weiten Weg in dem Dämmerlichte, das zwischen

den Stämmen der hohen Fichten lag; denn die Bäume trugen ein Dach aus

Schnee.

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 3 / 16 段