Aber immer hübsch der Reihe nach.
Nachts um elf Uhr begaben wir uns auf den Galvestoner Frachtbahnhof und
zwar auf krummen Wegen. Hinten herum. Wir kletterten über Zäune und
stolperten über Kohlenhaufen. Jack fanden wir an der Stelle, die ich
verabredet hatte, und ein leiser Pfiff brachte hinter Frachtwagen und
Böschungen hervor meine Leute zusammen. Vorsichtig schlichen wir dem
roten Licht zu, das am Frachtbahnhofende vom Hauptgeleise leuchtete,
stiegen rasch in den leeren Wagen -- ein kurzes »Abdampfen, Jimmy!«
des _conductors_ -- und der Zug setzte sich in Bewegung. Er bestand
aus einer Lokomotive und zwei Frachtwagen; in dem ersten Wagen war unser
Gepäck, im zweiten hockten wir. =Wie= Haveland das gemacht hatte,
inwiefern die Eisenbahngesellschaft beteiligt war, das wußte ich nicht.
Aber der Trick war kindlich einfach.
Nach zehn Minuten Fahrt hielten wir in einem Hafenschuppen am
Wasserrand. Die Lokomotive koppelte ab, dampfte zurück, woher sie
gekommen war, und die Tore wurden sofort geschlossen. In einer halben
Stunde waren die Kisten und die Säcke an Bord des kleinen Dampfers
gebracht, der am Wassertor des Schuppens lag, und wir selbst alle
miteinander in einem Winkel des Laderaums höchst ungemütlich verstaut,
ohne daß irgend jemand draußen auch nur hätte ahnen können, was in dem
Schuppen und dem Dampfer vorging -- worauf wir und insbesondere Haveland
einiges Gewicht legten. Gesellschaftliche Beziehungen zur Hafenpolizei
waren uns augenblicklich sehr unerwünscht! Die Nachtstunden in dem
übelriechenden Loch wären langweilig gewesen, wenn nicht Jack, das
Juwel, immerwährend Geschichten von Pferdedieben und Richter Lynch und
Minenkönigen Nevadas erzählt hätte, die uns die leise bestehende
Verstimmung vergessen ließen. Ich hatte nämlich verschiedene
Whiskyflaschen konfiszieren müssen. Und so etwas nimmt ein Glückssoldat
leicht übel...
Schrille Glockentöne erklangen lärmend -- ding -- ding, ding -- ding,
ding, ding.
»'s geht los!« sagte Haveland, die Mundwinkel nervös zusammenziehend.
Wir saßen da, mit einemmal stille geworden. Gedröhne, Gepolter,
Geräusche. Die Schiffswände erzitterten, die Schraube begann zu
arbeiten, die Glocken klingelten, und langsam wurde aus dem Wirrwarr von
Geräuschen der stete Arbeitstakt des Schiffes. Eine Stunde mochte
vergangen sein, als durch die Luke herab eine knarrende Stimme rief:
»Sie mögen an Deck kommen, meine Herren!«
Wir kletterten die Leiter hinauf.
»Der Bootsmann wird Ihren Leuten die Quartiere zeigen, Mr. Haveland,«
sagte ein kleiner Mann mit fuchsigem Spitzbart, schlichten
knappsitzenden blauen Kleidern, kecker Mütze. »Darf ich die Herren in
den Kartenraum bitten? Steward, drei Gläser, eine Flasche und einen
Syphon!«
»Jack, sieh zu, daß alles in Ordnung ist,« warf ich hin.
»Kapitän Boardmann -- mein Freund und Partner Carlé,« stellte Haveland
vor.
»_Well_,« sagte der Kapitän, »sehr erfreut, Mr. -- was ist es --
Carley? Wir trinken, wenn es Ihnen beliebt, meine Herren, auf glatte
Fahrt und einsamen Weg. Ich muß auf die Brücke. Ich habe die
Steuermannskabinen für die Herren zurechtmachen lassen -- dies ist
sozusagen kein Passagierschiff. Steuermann haust beim Ingenieur -- auf'm
Boden -- Matratze -- nee, ein Passagierschiff ist dies nicht. Sonst
alles in Ordnung, _sir_« (zu Haveland). »Gu--uten Morgen!«
Der Kartenraum war ein Loch.
»Dreckiger, alter Kasten,« sagte ich.
»N'n' ja,« grinste Haveland. »Boardmann, der alte Spitzbube -- er ist
Kapitän und Eigentümer zugleich -- beabsichtigt auch gar nicht, an
Schönheitskonkurrenzen für Trampdampfer teilzunehmen. Aber seine
Maschinen sind tadellos in Ordnung. Sie kosten ihm ein Drittel der
Profite. Schnellstes Schiff in der Gegend. Wir haben forcierten
Kesselzug und Hilfs-Oelfeuerung und doppeltes Maschinenpersonal, in
Summa sechzehn Seemeilen die Stunde, was kein Mensch ahnt. Dja. Für
Anstrich jedoch gibt er keinen Pfennig aus. Wir sind 'n prima Kern in
dreckiger Schale, mein Sohn!«
»Was meint er mit dem einsamen Weg?«
»Hm. Na, können ja darüber reden. Wir haben eine Ladung für Caracas,
Schnellfeuergeschütze =und= Mausers =und= Patronen für die
venezolanische Regierung, was ganz rechtmäßig ist... Unsere Papiere sind
völlig in Ordnung.«
Ich pfiff grell durch die Zähne und fiel beinahe auf den Rücken vor
Erstaunen.
»Aber,« fuhr Haveland fort, »unter Umständen können auch -- hm --
andere Leute unsere Maxims und die Patronen und so weiter kriegen. Ist
Gefühlssache. Na, und wir möchten gern niemand begegnen, weil wir
vorher, vor unserer eventuellen Ankunft in La Guayra, das ist nämlich
der Hafen von Caracas, gänzlich inoffiziell unseren kleinen Abstecher zu
unserem bewußten Mann machen, was wir uns bei unserer Geschwindigkeit
erlauben können. Dja -- es ist kompliziert. Halte um Gotteswillen deine
Leute in Ordnung. Hast du einen Revolver in der Tasche?«
»Zwei!« sagte ich vergnügt. »Und unsere Route?«
»Gott! Karibische See! Sieh' doch auf die Karte!«
Und kein Wort mehr brachte ich aus ihm heraus, war so recht Haveland.
* * * * *
Stampfe -- stampfe -- ging das Schiff seinen unerbittlichen Weg. Im
steten Dahinfliegen von Dampfern liegt etwas wie die Unabänderlichkeit
des Schicksals. Immer gerade aus. Immer vorwärts. Es war gelbnebelig
draußen, und drückend heiß schon, trotzdem die Sonne kaum aufgegangen
war. Ich stolperte über das unordentliche Deck hin und sah mich nach
meinen Leuten um. Sie lagen, vorne neben dem Matrosenlogis, in winzigen
Kojen in einem dumpfen Raum, der wohl für Geräte bestimmt war, und
schliefen. Mißbilligend stellte ich fest, daß es nach Whisky roch.
»Ein zweitesmal gelingt euch das nicht, Jungens!« dachte ich mir
vergnügt.
Als ich die schmale Leiter wieder hinaufkroch, sah ich auf dem Deck bei
der Donkeymaschine einen verwitterten Graubart knien, der auf ein langes
Stück schwarzgestrichener Leinwand emsig große weiße Buchstaben
pinselte. S -- T -- A -- --. Neugierig trat ich näher, aber der alte
Kerl nahm nicht die geringste Notiz von mir. Da berührte mich eine Hand
an der Schulter, und Haveland stand neben mir, eine Zigarre im Mund,
grinsend wie immer.
»Im bürgerlichen Seeleben heißen wir »_City of Hartford_«,« sagte
er. »Hübscher Name. Und sehr respektabel. Da wir aber in dringenden
Privatgeschäften reisen, und unterwegs nicht gesehen und nicht gemeldet
zu werden wünschen, so nehmen wir einen Fetzen Leinwand, malen
Buchstaben darauf, nageln den neuen Namen über Heck und Bug, und sind --
presto -- auf einmal der Dampfer »_State of New York_«. Der existiert
wirklich, sieht uns ungemein ähnlich, und fährt auch irgendwo hier
herum. Im Jamaikageschäft. Wie verblüffend einfach es doch ist, ein
bißchen zu schwindeln!«
So fuhren wir also auf einem falschnamigen, mit Geschützen
vollgepfropften, verdächtig schnellen, richtig blockierten, aber doch
wieder krummwogigen Dampfer gen Venezuela. Zu was nun eigentlich? Dja,
das war mir wahrhaftig völlig gleichgültig!
Je geheimnisvoller das Ereignis -- desto großartiger!
In Venezuela.
Auf dem Karibischen Meer. -- Das Erschlaffende der Tropenfahrt. --
An Ort und Stelle. -- Die geheime Landung. -- Der Fußpfad im
Urwald. -- »_Santa madre de Dios_«. -- Das einsame Haus. -- Der
kranke Mann darin. -- Wie Percy F. Matthews und Fred Haveland sich
einigten. -- Zurück zum Dampfer. -- Wir werden beschossen. --
Geplänkel im Urwald. -- Die Raketen. -- Weiter, weiter!
Stampfe -- stampfe...
Und mit den Seemeilen rollten die unerträglichen Tage dahin, gefolgt von
den unerträglicheren Nächten. Dann und wann tauchten, wie frei schwebend
in der Luft, im glasigen Himmel Inseln und Landstrecken auf, undeutlich,
nebelhaft, wolkenartig, oder ein Schiff in der Ferne wie eine
vorbeihuschende Erscheinung -- aber immer da waren die Unbarmherzigkeit
der Glutsonne des Karibischen Meeres und die Schlaflosigkeit der
feuchtschwülen Nächte. Ein wüster Traum der Trägheit schien das Leben
und ein zu hassender Feind die ewig glatte Wassermasse; ekles Einerlei
ihre ewig gleiche Bläue. Man schwankte auf Deck des Morgens nach
fiebriger Schwitznacht, berührte eine glühendheiße Reeling, ließ sich
stöhnend in den Dampferstuhl fallen, dessen Brettchen so heiß waren wie
die Lagerstätten eines türkischen Bades; man rauchte, man trank gierig
eisgekühlte Getränke, fast nichts essend, man verträumte im Halbschlaf
den Tag im Dampferstuhl. Ungeheuerliche Willenskraft gehörte dazu, zu
sprechen, ohne dem Menschen, mit dem man sprach, eine Beleidigung ins
Gesicht zu schleudern; übermenschliche Anstrengung erforderte es, die
Pflichten des Bemutterns den sechzehn Männern gegenüber zu erfüllen, die
vorne am Bug auf Decken und Matratzen herumlagen, spielend, sich
zankend, knurrig wie Hunde. Ich ließ aus Revolvern auf die zierlichen
Delphine schießen, die um das Schraubenwasser spielten und die
farbenglitzernden Leiber mit Blitzesschnelle umherschleuderten, aber es
war träger Sport und schlechter Sport, und den Fischen geschah kein
Leid; ich ließ die Leute sich gegenseitig mit Seewasser übergießen und
machte Scherze dabei, über die weder ich selbst noch irgend jemand
anders lachte; ich verteilte Kleider, ließ Waffen probieren, hielt
Besprechungen ab, schlichtete Streitigkeiten, erzählte Geschichten --
und tat das alles wie im Halbschlaf; wie eine Maschine, wie eine Uhr,
die ihre aufgezogene Federkraft abschnurrt.
Das änderte sich mit einem Schlag.
Wir saßen abends im Kartenraum; Boardmann, Haveland, ich. Schweigend.
Rauchten grüne Jamaikazigarren. Der Kapitän zeichnete den Kurs des Tages
in die Karte ein.
»_Well_, meine Herren,« sagte er plötzlich in seiner wortkargen Art,
»wir schaffen's bis vier Uhr früh; sagen wir viereinhalb Uhr!«
»Gottseidank!« schrie Haveland, aufspringend.
»Besondere Orders?« fragte der Kapitän.
»Nein. Wie verabredet. Andampfen, sofort landen, zurück aus Sicht, und
warten. Das Signal ist eine Rakete.«
»_Very good_,« sagte Boardmann und verschwand.
»Das weitere kommt auf die Umstände an,« erklärte mir Haveland. »Ich
kenne hier jeden Steg. Wir entscheiden von Schritt zu Schritt. Im voraus
beraten, ist Unsinn. Oh, ich vergaß.« Er holte eine Kassette aus der
Kajüte. »Steck' dir diese englischen Sovereigns ein« -- eine Handvoll
Gold war es --. »Sie sind das beste Geld hierzulande.«
»_Allright_,« nickte ich. »Aber --«
»Nicht reden, bitte,« stieß Haveland hervor. Er sah müde und alt aus.
Mir aber war zumute, als sei ich durch einen elektrischen Impuls
urplötzlich wieder frisch, lebendig, stark geworden. Es war ertötend
schwül. Ich jedoch glaubte wirklich, einen frischen belebenden Luftzug
zu verspüren -- ich war ein anderer mit einemmal -- ich hätte jubeln
können...
»Gut Glück!« rief ich lachend. »Gut Glück, Haveland!«
»Dummes Zeug, dummes Zeug,« brummte er. »Schlafe lieber noch.«
Und er warf sich auf das Banksofa rechts, ich auf das Banksofa links.
* * * * *
Kurz nach drei Uhr morgens weckte ich Jack und sagte ihm in wenigen
Worten, es sei soweit. Dann holten wir die anderen aus den Kojen. Die
elektrischen Glühbirnen hatten wir angedreht, vorher aber eine Decke
über die Türe gehängt, denn das Schiff fuhr ohne Lichter. Alles lag
gebrauchsfertig da; die Revolver, die Patronenschachteln, die
sackartigen Feldtaschen mit Zwieback, Konserven, Zitronensaft in
Zinnbüchsen gefüllt, die Feldflaschen mit einer Mischung von Tee,
Rotwein, Eis, vom Steward zurechtgemacht. Auf dem schwingenden Tisch
standen Gläser, eine Kanne mit starkem Kaffee, Teller mit Brot, Fleisch,
Aepfeln, eine Flasche Whisky, und -- etwas sehr Wichtiges -- ein
Medizinfläschchen mit Chininpillen.
»Essen!« sagte ich kurz. »Drei Finger Whisky für jeden Mann und eine
Chininpille. Wir landen in einer halben Stunde. Es wird nicht
gesprochen. Befehle werden nur von mir gegeben, und nichts wird ohne
Befehl getan. Verstanden?«
»_Yes, sir -- yes, sir -- yes, sir -- --_« rieselte es um den Tisch.
»Eure Revolver habt ihr nur zu dekorativen Zwecken. Dies ist ein
Picknick. Wer ohne Order schießt -- verstanden?«
»_Yes, sir -- yes, sir --_« rieselte es wieder.
»Hat irgend jemand irgend etwas zu sagen?«
»Hu--rräh!« begann Jack, aber ich hob rasch die Hand. Dies war nicht
die richtige Zeit, zu lärmen --
Die Schiffsschraube hörte zu arbeiten auf. Ich drehte das Licht ab, und
wir stiegen an Deck. Das große Boot hing ausgeschwungen in den Davits.
Haveland stand neben dem Kapitän auf der Brücke und starrte durch ein
Nachtglas zu der dunklen Nebelmasse hinüber, die von Minute zu Minute
schärfer in ihren Umrissen wurde und bald Hügellinien und schwarze
Wälderflecke erkennen ließ. Dann wurde es in fast grellem Uebergang
lichter. Wenige hundert Meter vor uns lag einsamer sandiger Strand, von
dem jäh steile Hügel aufstiegen.
»Gut!« sagte Haveland. »Alles korrekt. Richtiger Platz. Geben Sie den
Befehl, Boardmann!«
* * * * *
Das Boot glitt rasch der knallgelben Strandlinie zu. Haveland, der neben
mir im Heck saß, nahm das Glas kaum von den Augen.
»Siehst du den Einschnitt bei dem Gestrüpp dort?« flüsterte er. »Die
braune Linie? Das ist unser Weg. Früher waren hier Baracken der
Küstenwachen. Sind jetzt verlegt. Die dunklen Punkte dort, ganz weit
rechts. War schon dreimal hier. Waffen gelandet. Der Fußpfad führt fast
schnurgerade hügelan, durch Urwald, drei Meilen weit, bis zu einer
Rodung, die vor fünfzehn Jahren ein verrückter Kalifornier anlegte, um
sich da ein einsames Haus zu bauen. Haus ist noch da, allright. Dort
sitzt unser Mann. Gegend ist im übrigen nicht zu gebrauchen, weil oben
auf dem Plateau sumpfig, aber uralter Rendezvousort für Revolutionäre.
Augenblicklich auch -- was der Haken ist. Kannst du irgend etwas
Menschliches sehen?« Er gab mir das Glas.
»N--nein.«
»_No! Please God, no!!_«
Und leise knirschte der Bootkiel auf Sand, und wir wateten ein Stück
weit in seichtem Wasser und sprangen mit langen Sätzen dem schützenden
Gestrüpp zu. Vom Meer her leuchtete der Feuerball der Morgensonne. Gelbe
Nebelfetzen umhuschten uns, qualmig nun, dann urplötzlich verschwunden,
in leichten Dunst zerlöst, und aus den Bodennebeln wuchsen schreiende
Farben von grünen Riesenranken und geil wucherndem Blattzeug, gelb und
grün und braun, und ungeheuren Bäumen mit schreiendgrünen Blättern, und
das alles begrenzte wie eine Mauer den dünnen brandigroten Pfad, und aus
der Mauer kam schwülheißer verpesteter Odem. Irgendwo in der Nähe
zeterten schrille Vogelstimmen. Ich war an Ranken gestreift und -- stand
stockstill, in maßlosem Ekel meinen Hals abstreifend, meine Hände, meine
Aermel, denn ich war bedeckt mit kleinern Getier, mit winzigen Spinnen,
langbeinigen kleinen Käfern, mit roten, braunen, grünen lebendigen
Punkten -- alles wimmelte.
»Hölle! Was ist das?« schrie Leggy -- das war einer der Cowboys --
»Ameisen? Skorpione?«
»Harmlos, ganz harmlos!« keuchte Haveland. »Vorwärts!«
Springend, laufend, ging es hügelan, dem zerrissenen, hartverkrusteten
Pfad nach, der immer wieder von dornigen Ranken überwuchert wurde und
dann zwischen riesenhaft aufragenden Palmen führte. Wir mußten uns
durchdrängen, die Gesichter schützen, uns vor den tiefen Rinnen im
Boden hüten... So verging eine Stunde härtester Anstrengung. Man kam gar
nicht zur Besinnung. Plötzlich blieb Haveland stehen.
»Hundert Schritt weiter, und wir sind da,« sagte er leise, mich
abseits ziehend. »Ich kann natürlich nicht wissen, ob Matthews -- Percy
F. Matthews, das ist unser Mann -- ob Matthews da ist und ob er allein
ist oder ob seine verdammten Freunde in der Nähe sind.«
Die wuchernden Wände öffneten sich.
Eine weite ebene Fläche lag vor uns, eingebettet zwischen starren
Waldwällen, mit hohem Gras, breitblättrigen Pflanzen, rotschimmernden
Bodenflecken. Aus der Mitte leuchtete ein niedriges weißes Holzhaus,
verwahrlost aussehend, flach, verandenumgeben, verlassen anscheinend.
Daneben zwei Hütten. Dicht beim Haus ein Brunnen --
»Nieder!« sagte ich scharf.
Denn aus dem Haus trat ein Mann. Die Gestalt in schmutziger Leinenhose,
offener Jacke, breitrandigem Strohhut schlenderte ziellos umher, eine
Zigarette paffend, guckte zum Himmel empor, sah gen Westen zum Wald
hinüber, kam immer näher. Ich gab Jack einen Wink, und er kroch lautlos
vorwärts, um im Bogen hinter den Mann zu kommen. Nun war der Venezolaner
uns bis auf zehn oder fünfzehn Schritte nahe. Haveland sprang auf,
höflich den Hut ziehend.
»_Santa madre de Dios_...« kreischte der Mann, wandte sich -- und
starrte Jack an...
Haveland, immer Hut in der Hand, redete in raschfließendem, klingendem,
sonorem Spanisch auf ihn ein, ließ Goldstücke blitzen, lauschte auf
Antwort, gab Gegenrede. »Matthews' Diener!« sagte er dann leise zu
mir. »Matthews ist drinnen. General Morales -- das ist der
Rebellenführer, um den sich alles dreht, -- steht mit fünfhundert Mann
eine englische Meile von hier. Matthews erwartet ihn heute nachmittag.
Wir müssen also sofort mit Matthews reden.«
»_Allright_,« antwortete ich. »Jack, behalte den Mann hier. Geht
näher an das Haus heran, laßt euch nicht sehen, haltet nach allen
Richtungen Ausguck, und meldet sofort, wenn jemand kommt. Verstanden,
Jack?«
»_Yes, sir._«
Frederick Haveland aber und ich schritten eilig, hochaufgerichtet, ohne
den Versuch zu machen, uns zu verbergen, über den hitzesprühenden Boden
dem Häuschen zu. Es war einmal weiß angestrichen gewesen; jetzt klafften
an den Wänden große graue und braune Schmutzflecken. Auf der Veranda war
zwischen Pfosten und Rückwand eine sonderbare Hängematte gespannt, ein
Tierfell anscheinend. Wir stießen die Türe auf. Das eine Fenster war
zerbrochen, das andere schmutzig, ein eiserner Kochofen stand an der
linken Wand, leere Konservenbüchsen und Flaschen lagen umher. Nächste
Tür -- nächstes Zimmer. Und ich blieb an der Tür stehen. Auf einem
einfachen eisernen Feldbett in der Mitte des Zimmers lag ein Mann, im
schneeweißen Leinenanzug, und das Gesicht dieses Mannes war schreiend
kupfergelb, zwischen Gelb und Rot, kupfrig. Er hatte sich auf den einen
Arm gestützt, wie aus dem Schlaf aufgeschreckt, und seine Rechte hielt
einen Revolver. Die Augen leuchteten wie Lichter. Ich sah gleichzeitig
den Mann, die Augen, die Waffe, die Kleinigkeiten des Zimmers -- die
schönen Felle am Boden, die eiserne Kassette vor dem Bett, den
schlichten Waschtisch, die Fläschchen und Büchsen auf einem kleinen
Tisch, den Winchester-Repetierer an der Wand. Dann konzentrierte sich
mein Blick auf die Waffe in des anderen Hand. Sie blieb gesenkt.
»Hoho -- Haveland ist's!« sagte der Mann mit dem Kupfergesicht
dünnstimmig.
»Guten Morgen, Matthews,« preßte Haveland hervor. »Du siehst krank
aus.«
»Bin ich auch, Freund. Leber! Aber mein Stimmchen sagt mir, daß
Mi--ü--üster Haveland nicht gekommen ist, um sich nach meiner verdammten
Gesundheit zu erkundigen. Reden wir also Geschäft, Haveland. Aber ich
warne dich« -- sonderbar, wie stählern hart die dünne Stimme klang --
»daß du zu spät kommst, mein Lieber. Ich habe gewissen Leuten viel Geld
verdient, und ich gedenke nicht, mir irgend welche Vorschriften machen
zu lassen, wenn ich den Weg klar vor mir sehe, für diese Leute =und=
für mich endlich so etwas wie Millionen fingern zu können. Du hast das
geschickt gemacht, Haveland -- Privatdampfer, direkt, was? -- aber du
kommst zu spät. Wer ist der Mann da?«
»Freund; kommandiert sechzehn Amerikaner, die draußen warten.«
»Sechzehn -- das ist aber unangenehm,« sagte die dünne Stimme ruhig.
»Dann wollen wir das Dings da« -- er ließ den Revolver fallen --
»weglegen. Rede Geschäft, Haveland!«
»Matthews -- du kennst mich?« fragte Frederick Haveland, sich auf
einen Stuhl setzend.
»J--ja. Ich kenne dich.«
»Du weißt, daß ich -- hm, fast immer auf der richtigen Seite bin?«
»Diesmal nicht.«
»Willst du mir einige Fragen beantworten? Aber richtig!«
»J--ja. Lügen hat in unserem Fall keinen Zweck.«
»Gut! Du unterstützst Morales?«
»Jawohl.«
»Wieviel Geld hast du ihm gegeben?«
»Rund sechzigtausend Gold.«
»Und die halbe Million?«
»Noch nicht.«
»Gottseidank! -- Gottseidank! -- Wo ist das Geld?«
»Englische Bank, Jamaika. Andere Leute wissen auch mit praktischen
kleinen Privatdampfern umzugehen, mein Lieber,« piepste die dünne
Stimme. »Und nun hör' zu, Haveland. Ueber dieses Geld verfüge ich,
vielleicht auch noch der liebe Gott, aber sonst ganz bestimmt niemand --
Leber oder keine Leber! Ich kenne dieses Land und ich weiß, daß der
ehemalige Ochsentreiber Castro, der sich jetzt Präsident schimpfen läßt,
die längste Zeit mißgewirtschaftet hat. Morales steht hier mit 500
Mann, in Caracas warten seine Anhänger nur auf ihn, in den Provinzen ist
seit vielen Monaten alles vorbereitet. Es wird ein einziger Schlag sein
in einer schönen Nacht -- Caracas ist nicht weit von hier, mein Lieber
-- und -- aus -- damit. Früher wurde der Fehler begangen, diese Dinge in
entfernten Provinzen anzuzetteln, wir aber schlagen nach dem Herzen und
schlagen schnell.«
»Und die Kompensationen, Matthews?«
»Darüber rede ich nicht.«
»Gut!« sagte Haveland. »Das kann ich verstehen, Matthews! Die Männer,
für die ich spreche, geben keinen roten Heller für Castro. Keinen roten
Heller für Morales. Und sehr wenig -- entschuldige! -- für Percy F.
Matthews. Es ist alles nur pures Geschäft. Wir wissen --« hart, scharf,
schnell kamen die Worte -- »daß seit dreizehn Tagen der Standort deines
Morales in Caracas bekannt ist; wir wissen, daß alle gefährdeten Punkte
schärfstens bewacht werden; wir wissen, daß Castro seiner Leute sicher
ist, denn europäisches Geld ist ihm beigesprungen, das er richtig
verwendet hat -- und wir wissen endlich, daß die Vereinigten Staaten
unsere Ansprüche nicht unterstützen werden, wenn wir uns an Anschlägen
auf die bestehende Regierung beteiligen. Verstehen Sie mich jetzt, Mr.
Percy F. Matthews?«
»Großer Gott!« sagte unser Mann, schwer keuchend. »Gib mir mal die
silberne Spritze dort, Haveland -- und das Fläschchen; nein, das kleine,
blaue -- 's ist nur Kokain -- so! Danke!« Er stach am Oberarm ein und
richtete sich dann langsam auf.
»Ich muß Morales warnen,« sagte er langsam.
»Wie du willst. Ich mache dich aber darauf aufmerksam, daß es meiner
Ansicht nach nur einen einzigen gangbaren Weg gibt, aus dieser Affäre
herauszukommen. Wir müssen augenblicklich fort. Mein Dampfer wartet. Du
darfst mit dieser Sache nichts mehr zu tun haben. Hat Morales etwas
Schriftliches von dir oder irgend jemand?«
»N--ein.«
»Gut. Unser Ziel ist Caracas, und wieviel Geld es uns kosten wird -- --
--«
Er hielt inne, die Augen weit aufgerissen. Ich war in die Höhe
geschnellt.
Geisterig ertönte Geknatter.
Unregelmäßig, rollend, fern, aber klar und deutlich.
Haveland sah mich an.
»Infanteriefeuer!« sagte ich kurz.
»_Hell!_ Morales wird angegriffen! Schnell, Matthews!«
»Ihr müßt mich tragen --«
»Höll' und Teufel! Schnell, schnell, Matthews -- hol deine Leute, Ed --
--«
Wir rissen die eisernen Füße vom Feldbett, fieberhaft arbeitend, denn
das Feuern kam rasend schnell näher, und hatten rasch eine halbwegs
praktische Tragbahre konstruiert. Dann ging es im Laufschritt dem Pfad
zu, vier Mann mit dem Kranken voraus. Matthews fluchte fürchterliche
Flüche dabei, direkt unanständig, und hielt krampfhaft seine eiserne
Kassette fest, die er mit auf die Bahre genommen hatte. Befehle zu
erteilen, war durchaus unnötig; die Leute hatten augenblicklich
begriffen, auf was es ankam -- Eile, schnellste Eile, Blitzeseile, und
sie mochten ahnen, daß es um Haut und Kragen ging. Haveland, Jack und
ich bildeten die Nachhut. Als wir den Waldrand eben erreicht hatten --
die Bahre war voraus -- tauchte drüben ein Reiter auf, gefolgt von
undeutlichen Gestalten, die Gewehre schwangen. Im nächsten Augenblick
knallten Schüsse, und hoch über unseren Köpfen zischten Kugeln.
»Das geht nicht,« sagte ich. »Vorwärts, da vorne! Ihr könnt euch
nachher drei Wochen lang ausruhen! Rasch! Noch schneller! Wer ist das,
Haveland?«
»Weiß nicht,« war die keuchende Antwort. »Wir müssen den Dampfer
erreichen und -- allein erreichen. Sie würden uns niederschießen wie
Hunde, ob's nun Revolutionäre sind oder Regierungstruppen!«
»Versprengte Revolutionäre, wahrscheinlich,« erwiderte ich, rasch
nachdenkend. »Sie haben auf uns geschossen -- das macht die Sache
einfach -- Jack, auf das Pferd, -- niedrig halten, um Gotteswillen --
Leggy, komm' her -- das Pferd dort...«
Mein Colt knallte als erster, und vor dem Pferd spritzten Erdfetzen auf.
Fast gleichzeitig mit meinem zweiten Schuß dröhnte es links und rechts
neben mir. Pferd und Reiter wälzten sich auf dem Boden.
»Hoffe, er hat sich den Hals gebrochen --« schrie Jack jubelnd.
»Gutes Schießen! Das waren fünfhundert Schritt, kalkulier' ich!«
Und wieder schlugen Kugeln um uns ein.
»Weiter!« brüllte ich. »Sie wissen nicht, wer wir sind und wie viele
wir sind! Hier, Leute! Feuert in die Luft -- schnell -- alle sechs
Schüsse -- wollen ihnen Angst einjagen -- so -- soo--!«