Es war eine gigantische Unverschämtheit!

Kofferpacken -- kurzes Erklären im Hotel, ich verreise auf einige Tage

-- Feststellen der Zugfahrtszeiten -- _Car_ und _Ferry_ zum

Pennsylvaniabahnhof -- seliges Träumen im Rauchwagen.

Jawohl, da hatte ich endlich das Richtige gefunden.

Neuyork mußte mein Hauptquartier und meine Operationsbasis sein, und wo

etwas im Lande geschah, da mußte ich hin und sehen und schildern, von

kleinen Aufgaben zu großen Unternehmungen wachsend.

Das klang großartig!

Jawohl! Und wenn ich mir heute das Reporterchen von damals vorstelle, so

könnte ich mich totlachen!

* * * * *

Oh, es war sehr schön.

Ich mußte in Philadelphia umsteigen und in Pittsburg umsteigen, und es

war spät abends, als der langsame lokale Zug in den Bahnhof des kleinen

Kohlennestes fuhr. _Padsbury Mines_ hieß es oder so ähnlich. Und meine

Seele jubelte laut. Denn bei dem kleinen Holzhäuschen, das den Bahnhof

vorstellte, leuchteten in grellem Fackelschein blaue Uniformen,

glitzerten blanke Bajonette, blinkten schwarzschillernde Gewehrläufe,

glühten in langen Reihen lodernde Lagerfeuer. Ein großer Lümmel von

Milizsergeant durchstöberte meinen kleinen Koffer und durchfühlte mir

die Taschen nach verbotenen Waffen, und ich pries die Götter, daß ich

gutes, altes, reguläres Armee-Englisch noch so schön flüssig fluchen

konnte. Der Sergeant machte ein dummes Gesicht und führte mich zur

Hauptwache.

»Was wollen Sie hier?« fragte der Leutnant.

»Zeitung. Neuyorker Zeitungssyndikat,« log ich dreist.

»Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie meine Postenlinie nicht

überschreiten dürfen und im Falle der Zuwiderhandlung zu gewärtigen

haben, daß die Posten feuern!«

»_Thank you_,« sagte ich höflich. »Darf ich fragen, wie die Sachen

stehen?«

»Soviel ich weiß, unterhandeln die Führer der Streikenden

augenblicklich mit dem Kohlensyndikat. Heute nachmittag hat ein kleiner

Zusammenstoß stattgefunden. Es sind aber keine Verletzungen

vorgekommen.«

»_Thank you_,« sagte ich.

Worauf ich mich neben den Milizsergeanten ans Lagerfeuer hockte. Nachdem

ich ihm in leisem Flüsterton auseinandergesetzt hatte, was er nicht zu

sein brauche, und was er sich ja nicht einbilden dürfe, und was in der

Flasche in meinem Ueberzieher drin sei, war schönstes Einvernehmen

hergestellt.

»_Well_,« sagte er, »links da drüben, zweihundert Schritt weit weg,

sind die Minen. Die haben wir. Rechts da drüben, in Linie mit dem Feuer

dort, so vier-, fünfhundert Schritte weit weg, sind die Hütten der

Bergleute. Die haben wir nicht. Was los ist, weiß ich nicht recht, aber

die Bande scheint die Minenmaschinen ein bißchen kaput machen und die

Büros ein bißchen anzünden zu wollen. 's sind blutige Anarchisten

natürlich, verdammte Deutsche un' Italiener und so'n Pack, aber ich

nenn's eine gute Sache, daß wir es nicht mit richtiggehenden Amerikanern

zu tun haben, die mit Revolvern umgehen können. Mit Kohlen haben sie

uns geschmissen! Weiber und Kinder immer lustig mit! Korporal Smith hat

ein Kohlenstück von ungefähr fünf Pfund mitten aufs Maul gekriegt. Sein

natürlicher Phonograph sieht jetzt aus wie'n Fußball, gerade so schön

braunschwarz und fast ebenso groß. Es macht aber nichts; er redet

sowieso zuviel. Ich? Verletzt? _Well_, nein; wozu wäre ich denn

Baseballspieler zu Hause, wenn ich nicht Flugkurven abschätzen könnte!

Na, und dann feuerten wir mit Platzpatronen. Die Dinger machten ein

bißchen Lärm, so ungefähr, als wenn man mit der Zunge geschnalzt hätte,

und rochen abscheulich nach rauchlosem Pulver, und natürlich lachten die

Bergleute uns nur aus. _Well_, daraufhin gaben wir's ihnen im Ernst,

über die Köpfe weg, und sie gingen in beschleunigtem Tempo nach Hause.

Das war alles, glaube ich. Aber wie die Bande geschrien und spektakelt

und geflucht hat! Jawohl, es wird wohl bald aus sein. Schade, wir

beziehen für die Zeit des Einberufenseins sehr anständige Löhnung und

mein Chef zahlt mir den Gehalt weiter. Ich bin Schuhclerk -- Pittsburg.

Was sagten Sie, sei in der Flasche?«

-- -- Eine halbe Stunde später ging ich ein bißchen abseits, wie man

eben einmal abseits geht, wenn man am offenen Feuer lagert, und ging

noch ein wenig mehr abseits, und war im Dunkeln, und schlug einen

gewaltigen Bogen nach rechts, um Bahnhof, Lagerfeuer, und die Herren von

der Miliz herum.

Die Lehre vom Werte der Umgehung ist ja eine der einfachsten

militärischen Grundregeln. Langsam arbeitete ich mich in völliger

Dunkelheit auf unebenem Boden die Bahngeleise entlang, bis die

Lagerfeuer kleiner und kleiner wurden und endlich wie glühende Punkte

aussahen. Dann rasch hinüber über die Geleise. Links, in ziemlicher

Entfernung, mußte nach der Schilderung des Sergeanten die Postenkette

sein. Gerade vor mir zeichnete sich eine schwarze Masse undeutlich gegen

den Himmel ab, die Hütten der Bergleute wahrscheinlich.

Auf gut Glück tappte ich auf die schwarze Masse zu, alle Augenblicke

stolpernd, denn der Grund hier war ein Schlackenfeld -- aber heidenmäßig

vergnügt.

Ach, das war endlich wieder einmal nettes natürliches Leben ohne

Handschuhe und Bügelfalte!

Ich kam immer näher.

Aus der schwarzen Masse wurden einzelne dunkle Gruppen und Schatten.

Einen Augenblick leuchtete zwischen den Schatten matter Lichtschein auf,

und ich glaubte, die Umrisse eines größeren Gebäudes zu erkennen. Da

stolperte ich über irgend etwas, fiel, schimpfte leise, und wollte

wieder aufstehen, als plötzlich harte Fäuste von rückwärts mir den Hals

umkrampften. Instinktiv schlug ich mit aller Kraft mit beiden Armen nach

hinten. --

»Tu' das noch einmal,« sagte eine Stimme in hartem, schlechtem

Englisch, »und ich dreh' dir den Hals 'rum! So! Jetzt gehst du

vorwärts, langsam, und denkst daran, daß dicht hinter dir ein Mann mit

einer Spitzhacke ist, der dir im Notfall gern den Schädel einschlägt!«

»_Allright, allright_,« brummte ich. Etwas Gescheiteres fiel mir

nicht ein. Und rieb mir den schmerzenden Hals.

Ich wurde vorwärts gelenkt, gepufft, gestoßen, immer unter denkbar

verständlichsten Anspielungen auf die Spitzhacke und meinen Schädel, sah

dunkle Hütten, eine Art Straße, ein größeres Haus, wurde

hinüberbugsiert, zu einer Tür geschoben, mit einem gewaltigen Puff

hineinbefördert, sah Licht, viele Männer in einem großen Raum, und war

im Nu umdrängt. Leidenschaftliche Stimmen brüllten auf mich ein --

»Ruhe!« schrie der Mann, der mich gefangen hatte, ein riesiger

bärtiger Geselle, der mich bequem hätte erdrücken können.

»Sie haben auf uns geschossen -- 's ist einer vom Büro -- schlagt ihn

tot!«

Wilde Gesichter drängten sich dicht vor meinen Augen, gellende Stimmen

schrien, und ein harter Schlag traf meine Rippen. Da schlug ich zu, dem

nächsten mitten ins Gesicht, und brüllte aus Leibeskräften:

»Ich bin euer Freund -- ich bin euer Freund!«

Es war ein blödsinniger Einfall, aber der Humor der Sachlage wirkte auf

die Leute. Ein schallendes Gelächter brach los. Der Riese zerrte mich

zum Tisch, über dem eine schmutzige Petroleumlampe baumelte, und starrte

mir ins Gesicht.

»Ruhe!« sagte er. »Kennen tu' ich dich nicht. Dachte, ich hätte

Mulvaney erwischt, den Aufseher. Wer bist du?«

»Narr, verdammter --« keuchte ich -- »Zeitung, =große= Neuyorker

Zeitung -- will über euch schreiben -- in der Zeitung -- verstehst du

nicht -- Leute wollen wissen -- wissen, was hier los ist --«

»Die Hölle ist los,« sagte der Riese. »Hm, vom Büro ist er nicht --

ruhig, Jungens. Weiter!«

»Bahnhof angekommen -- alles abgesperrt -- hinten rumgegangen!«

»Scheint mir zu stimmen, Jungens!«

Da wurde die Tür aufgerissen und zwei Männer stürmten herein, die mit

einem Satz auf Stühle sprangen. Sie trugen einfache dunkle Anzüge und

runde Hüte, die ihnen in dem Gedränge von verschmutzten blauen und

braunen Arbeitskleidern etwas Feierliches gaben. Sofort wurde es

totenstill. Und eine klingende metallische Stimme schallte durch den

Raum:

»Alles vorbei, Jungens!«

»Im Namen der Union der Bergleute erkläre ich den Streik für beendet.«

»Die Blechmarken sind abgeschafft -- Mulvaney ist entlassen -- die

Preise der Lebensmittel werden nach dem Standard von Pittsburg

reguliert. Wir haben, was wir wollten, Jungens. Die Union hat zu euch

gehalten; haltet ihr immerdar zur Union und ihr werdet noch Diamanten

tragen!«

Eine Hölle von Lärm brach los.

Weiber stürzten zu ihren Männern, lachend und weinend zugleich; alles

schrie, lärmte, zeterte. Die wenigen Amerikaner unter den Bergleuten

erklärten denjenigen fremden _Miners_, die halbwegs Englisch

verstanden, wie der Sieg errungen worden sei, und diese wieder

verdolmetschten es aufgeregt und gestikulierend ihren Landsleuten.

Englische, italienische, deutsche, slavische Worte schwirrten wirr

durcheinander. Es war ein neuer Turm zu Babel. Mir wurden immer wieder

die Hände geschüttelt, und der Riese klopfte mich auf die Schulter, daß

ich in die Knie knickte, und der wollte in gebrochenem Englisch

erzählen, und jener schrie dazwischen, und es wurde tief getrunken und

gellend gejubelt, und ich trank alles in mich ein.

Recht und abermals recht hatten sie, diese armen Teufel, so schien es

mir. Eine winzige Ursache hatte den Streik herbeigeführt. Da war ein

Aufseher gewesen, ein Irländer namens Mulvaney, der das berüchtigte

Hetzpeitschensystem des amerikanischen Unternehmers ein wenig zu straff

durchgeführt hatte. Um Höchstleistungen der Arbeitskraft zu erzielen,

wurde der einzelne Arbeiter bei jeder Versäumnis mit kleinen

Geldstrafen, Zeitverkürzungen, Gewichtsabzügen so gründlich schikaniert,

daß endlich den Bergleuten die Geduld riß. Sie rebellierten gegen die

tägliche Peitsche. Das war ihnen die Hauptsache. Nebenbei fiel ihnen

ein, daß sie auch sonst noch Sorgen hatten. Die lieben Leute in

Pittsburg, denen die Mine gehörte, operierten nach uraltem

amerikanischem Brauch höchst skrupellos mit der endlosen Kette, die das

Geldgetriebe vom Arbeitslohn zum Lebensbedarf in Bewegung setzt. Sie

hatten jede Ansiedlung von Kaufleuten zu verhindern gewußt, und das

Bergwerk selbst lieferte alle Lebensmittel, alle Kleider, alle kleinen

Notwendigkeiten und Genüsse bis hinunter zum Bier. In schlechter

Qualität natürlich und zu hohen Preisen.

Man macht das überall so im Land der sogenannten Freiheit, das den Ruhm

für sich in Anspruch nehmen darf, dieses kluge System ersonnen zu haben.

Sein Witz ist, daß der Unternehmer nicht nur den gewaltigen Unterschied

zwischen Eigenkosten und Verkaufspreis einsteckt und ein glänzend

rentables Geschäft im Geschäft eröffnet, eine Art Warenhaus, dessen

Kunden Zwangskunden sind, weil sie von ihm abhängen, -- sondern er

erspart sich die Hauptsorge des Kapitals, die Lohnzahlung! Er schafft

sich eine eigene Währung! Blechmarken bekamen diese fremden Arbeitstiere

-- der geborene oder auch nur akklimatisierte Amerikaner ist für diese

Sorte Arbeit nicht zu haben -- hübsche blecherne Blechmarken, auch auf

Vorschuß, so viel sie nur haben wollten. In allen Werten vom Dollar bis

zu fünf Cents. Dafür konnten sie in den Läden der Gesellschaft

einkaufen. Wenn der Zahltag kam, so bestand die Bezahlung aus einer

Quittung über einen so und so hohen Betrag in Blechmarken und der

Mitteilung, daß der Arbeiter Soundso noch so und so viel schuldig sei.

Ein recht Sparsamer mochte auch einmal einen Dollar oder zwei in bar

erhalten. Aber das kam selten vor. So rollte die Kette endlos. Ersparte

sich jedoch wirklich einmal ein Arbeiter Blechgeld, so konnte er den

fingierten Wert nicht etwa in wirkliches Geld umtauschen, denn das

verbot ja das Münzgesetz der Vereinigten Staaten! Nein, er mußte sein

Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes aufessen. Oh, der amerikanische

Kapitalist ist ein lieber Mensch! Man bedarf wirklich keiner besonderen

nationalökonomischen Talente, um sich auszurechnen, ein wie ungeheurer

Prozentsatz des gezahlten Arbeitslohnes auf diese Weise wieder in die

Taschen des Arbeitgebers zurückfließt.

Jetzt waren sie abgeschafft, der Aufseher und die Geldmarken. Dem

Aufseher folgte wohl ein anderer, der klüger war, und statt der

Blechmarken bekam jeder Arbeiter sein Einkaufsbuch. Die Form hatte sich

geändert. Die Sache blieb.

Und ich schüttelte den Kopf und starrte in die leidenschaftlichen

Gesichter und versuchte, mir Wort, Mienen, Art einzuprägen. Soldaten von

der Miliz kamen; es wurde gelacht, geschrien, gesungen. Spät nachts

schrieb ich mitten im Lärm ein langes Telegramm, das die Western

Union-Agentur auf dem Bahnhof beförderte. Im Morgengrauen fuhr ich mit

einem Frachtzug nach Pittsburg zurück und im sausenden Pullmanwagen

entstand dann auf der Fahrt nach Neuyork die menschliche Geschichte

eines kleinen Kohlenstreiks.

O ja, sie wurde sofort genommen. Aber meine schönen sozialen Erwägungen

strichen sie mir weg.

»Das verstehst du nicht, Söhnchen,« meinte der maßgebende Mann vom

_Journal_. »Bleib nur hübsch bei den Bilderchen. Bleib bei deinem

menschlichen Interesse!«

* * * * *

Im Grunde pfiff ja wohl auch ich auf die sozialen Erwägungen.

Kaum beschrieben, waren die armen Miners und die klugen Bergwerksherren

schon vergessen, denn neue Pläne mußten schleunigst geschmiedet werden.

Das Wandern begann im Ernst. War doch der erste Flug ins Land hinaus ein

Erfolg gewesen, der nur neue Träume schuf und neues Rebellieren im Blut.

Wenige Tage nach der kurzen Fahrt ins pennsylvanische Kohlengebiet

verließ ich Neuyork abermals, um nach Baltimore zu hasten -- ein

deutsches Schulschiff sollte den Hafen anlaufen, und darüber wollte ich

schreiben; wiederum einige Tage in Neuyork darauf -- dann in eine

Frühlingskolonie armer Neuyorker Kinder am Hudson -- dann nach

Philadelphia, um unter den Größen der Textilindustrie eine Umfrage über

die Wirkung des neuen Zolltarifs zu veranstalten, der damals die Gemüter

stark erregte -- nun nach Chicago zu Buffalo Bill, der »echte« Rauhe

Reiter für seinen riesigen Zirkus angeworben hatte, eine Englandreise

plante, und hochinteressante Dinge über die Ausrüstung seines

Unternehmens zu erzählen wußte -- zurück nach Neuyork...

So begann das Wandern.

Ich aber begann, steif und fest daran zu glauben, daß ich zu großen

Dingen berufen sei!

Nur das Ereignis fehlte noch. Das große Ereignis, von dem jede Freilanze

im Zeitungsdienst Tag und Nacht sehnsüchtig träumt in den sonderbarsten

Vorstellungen. Man möchte auf einem Schlachtschiff sein im Kampf, die

Greuel, die wahnsinnige Aufregung einer Seeschlacht erleben; man müßte

der Freund eines Edison, eines Teßla, sein und in das wundersame Gehirn

solcher Männer hineinblicken können; man sollte täglichen Ehrgeiz und

täglichen Gelderwerb verächtlich weit von sich wegwerfen und ein hartes

Jahr lang unter den Hochseefischern Neufundlands leben -- dann, ja dann

würde endlich das große Federbild gemalt werden können, das Ruhm und

Erfolg bedeutet. Aber die großen Ereignisse sind gar selten und lassen

sich nicht schaffen und werden in einer Zeitungsgeneration nur von

wenigen Männern erlebt. Das weiß ich heute. Große Schilderer werden

geboren. Der Künstler ist unabhängig von Raum, Zeit und Geschehen, denn

ihm können die Runzeln eines alten Weibes eine große Offenbarung sein.

Damals aber wußte ich das nicht und fühlte es nicht, sondern wartete

krampfhaft auf das Ereignis. Quälte mich ab, zermarterte mein Hirn,

träumte, jagte und hetzte dem Geschehnis nach.

Es war töricht, doch wenn ich heute mich des Erinnerns freue, so ist es

in mir wie trauriges Bedauern ob der bitterhart errungenen Weltklugheit.

Ach, das bißchen Weltklugheit! Es gibt schönere und größere Dinge im

Erdenleben, von denen ein Einundzwanzigjähriger nicht viel wissen kann,

aber es ist etwas Wundervolles um junge Lebensgier, die sich noch

jubelnd in törichtes Traumland stürzen kann, weil der schwere Hammer der

Welt und der Menschen bis jetzt abgeprallt ist von den jungen Sehnen.

Ach, was waren das für schöne Zeiten, da man noch so selig glücklich

sein durfte, die eigene Kraft ins Ungemessene überschätzen zu können,

in bunten Träumen nicht nur am hellichten Tag sondern in der Tat. Da man

sich so gar nicht fragte:

»Was werden wir essen? Was werden wir trinken?«

Und so begann denn das Wandern, das so töricht war und doch so schön,

weil es in heißem Sehnen geschah und glühender Freude an der Arbeit.

Meine Freunde rieten mir ab. Die Zeitungen erklärten mir strikt, daß sie

sich nur von Fall zu Fall entscheiden würden und keinerlei Unterstützung

versprechen könnten. Sie alle schalten mich ziemlich deutlich einen

heillosen Narren, der gutes Brot für ungebackenen Kuchen wegwarf. Ich

aber lachte und packte meinen Koffer. Frei wollte ich sein. Irgendwo

wollte ich das große Zeitungsglück suchen. Bald hier, bald dort, wie der

Zufall es bestimmte.

Die Periode des Lebens als wandernder Zeitungsmann umfaßte nicht ganz

drei Monate. Sie führte mich von Stadt zu Stadt in buntem Wechsel, bis

weit in den Westen hinein -- sie brachte eine Hetzarbeit, die eigentlich

auch nicht sehr verschieden war von meinem Neuyorker Berufsleben. In

Cripple Creek schossen sie mir eine Kugel ins Bein, weil ich zufällig

dabeistand, als drei Silbersucher ihre Argumente durch Revolverschüsse

bekräftigten -- auf dem _Cowcatcher_ fuhr ich auch wieder einmal; das

war in der Nähe von Denver -- aber sonst passierte nichts besonders

Schönes! Es ging mir gut, weder besser noch schlechter als in der

Wolkenkratzerstadt.

Es blieb die Sehnsucht nach dem Ereignis. Sie war immer da!

Und wie dann das große Ereignis endlich kam -- das ist eine lustige

Geschichte!

Vor dem letzten Lausbubenstreich.

Im St. Louis'er Palasthotel. -- Der einstige Geschirrputzer und

seine vergnügte Stimmung. -- Weshalb ich nach St. Louis gekommen

war. -- Sergeant O'Bryan der Polizeizentrale. -- Was der betrunkene

Mann verriet. -- Die Leichenräuber. -- Ihr Geständnis und meine

»_copy_«. -- Frederick Haveland, der Mann mit den vielen Namen.

-- Der Gentleman mit der dunklen Existenz. -- _Dynamite-Johnny_,

der Dynamit-Kapitän. -- Von Flibustiern und Gesetzlosigkeit. --

Haveland macht mir einen Vorschlag. -- Mein großes Ereignis. --

Eine nebelhaft unklare Expedition nach Venezuela: Der letzte

Lausbubenstreich...

Folgendermaßen spielten sich die Dinge ab:

Ich saß im Palasthotel in St. Louis, so um zehn Uhr morgens herum, und

aß vergnügten Sinnes ein gewaltiges Frühstück. Kleine Pfannkuchen zum

Beginn, und eine Tasse schweren schwarzen Kaffees, und einen Manhattan

Cocktail, und ein kleines Steak vom Grill -- und als schönste

Delikatesse ein großes Lachen, das zwei ganz verschiedene Gründe hatte.

Grund Nummer eins:

Der _chief waiter_ da, der Oberkellner, der mir so besorgt und

diensteifrig ein weiches Kissen zwischen Rohrstuhllehne und Rücken

schob, so respektvoll das schlanke Kristallglas auf schwerem Silberbrett

präsentierte, war ein alter Bekannter! Und zwar aus Zeiten, wo er jede

Bekanntschaft mit mir entrüstet abgelehnt hätte! Armseliger

Kupferputzer war ich gewesen da droben in der Höllenküche im dritten

Stock dieses Hauses vor wenigen Jährchen -- Luft war ich damals für Mr.

Oberkellner, unangenehme Atmosphäre -- und was das kleine Frühstück

heute kostete, bedeutete in jenen Zeiten zehn Tage der Qual und des

Schweißes. Und ich lachte leise vor mich hin und genoß reine Freuden

einer besonderen Art von Eitelkeit, einer grotesken Abart von Humor, wie

wohl nur der Emporkömmling sie genießen mag, und empfand ungemessenen

Respekt vor mir selbst. Feinfühlig mögen die Empfindungen gerade nicht

gewesen sein, aber sie waren von grundehrlicher Menschlichkeit. Man

dejeuniere, bitte, einmal in einem Hotel, in dem man einst Kupferputzer

gewesen ist, und man wird blitzartig schnell gewisse an und für sich

unsympathische Regungen des Protzentums mit großem und liebevollem

Verständnis betrachten lernen. So frühstückte also der Küchenjunge von

anno dazumal _en grandseigneur_ und schwelgte in protzigen Freuden.

Grund Nummer zwei:

Ich war nach St. Louis von Chicago aus gekommen -- dort hatte ich den

Weizenspekulanten Leitner interviewt, aber mit miserablem Resultat -- um

über die skandalösen Verhältnisse in den niederen Varietés zu schreiben,

die nach Zeitungsmeldungen damals großes Aufsehen erregten. Der

_Outsider_ macht derartiges besser als der Kenner der Verhältnisse,

der dazu neigt, manches als gegeben und bekannt vorauszusetzen. Darunter

leidet die Schilderung. Das erste aber, was ich hörte, als ich auf dem

St. Louis'er Bahnhof aus dem _Chicago Flyer_ stieg, war die schneidend

grelle Kinderstimme eines Zeitungsboys:

»_Extra! Extra special. The variety scandal! All about the variety

scandal!_«

Schleunigst kaufte ich mir mit gemischten Gefühlen das Zeitungsblatt,

der _St. Louis Globe Democrat_ war es, und stellte nach einem kurzen

Blick auf die Ueberschriften unter noch weit gemischteren Gefühlen

sofort fest, daß der Mann vom _Democrat_ genau das getan hatte, was zu

tun meine Absicht gewesen war. Er hatte Varieté auf Varieté unter die

Lupe genommen, die Grellheiten herausgepackt, und geschildert,

geschildert, geschildert. Ausgerutscht, Hänschen! Die _copy_ hatte die

_Associated Press_, das große amerikanische Telegraphenbüro,

sicherlich schon längst über ganz Amerika weitertelegraphiert, und die

Reise nach St. Louis, der Pullmanwagen, die Hotelkosten waren im

Handumdrehen zu einer persönlichen Luxusausgabe ohne Zweck und Verstand

geworden.

Mißmutig schlenderte ich umher und kam in eine Polizeiwache, die

_police central_, die Hauptstation, in der ich aus alten Zeiten

bekannt war. Ein betrunkener Irländer wurde hereingeführt, der gewaltig

lärmte und nach der üblichen Polizeimethode nicht gerade sanft behandelt

wurde. Das reizte den Betrunkenen noch mehr. Er verfluchte mit

kräftigsten Flüchen den Wachsergeanten und den Polizisten, der ihn

verhaftet hatte, und den Kneipwirt, in dessen Kneipe er verhaftet worden

war. Abermals regnete es Püffe und Stöße, und der sinnlos Betrunkene

beruhigte sich plötzlich. Er murmelte nur verworrene Worte vor sich hin.

Von einer verdammten Kirchhofgeschichte, und einem Pat, der ihn betrügen

wolle, und ihm solle man nur ja nicht weißmachen, daß die Doktors nicht

schon längst bezahlt hätten. Niemand beachtete ihn.

»Sperrt den Mann in eine Zelle!« befahl der wachhabende Sergeant.

»Die Anklage wird auf Betrunkensein und Ruhestörung erhoben werden.«

Ich hatte gedankenlos zugehört, aber plötzlich hatte sich in meinem Kopf

eine Ideenverbindung hergestellt. Von einer Kirchhofsgeschichte hatte

der Betrunkene etwas gelallt...

»Kann ich Sie fünf Minuten lang allein sprechen, Sergeant?« fragte

ich.

»Jawohl, gewiß,« sagte der. »Watson, verlassen Sie das Büro. Was

gibt's?«

»Wer war der Mann?«

»Der Betrunkene? Bummler, Levéebummler, uns wohlbekannt, hat schon

allerlei Strafen. Bestiehlt betrunkene Matrosen, raubt Güter von den

Stapelplätzen, hat uns aber in letzter Zeit verschiedene Informationen

gegeben. Augenblicklich liegt nichts gegen ihn vor. Er wird morgen früh

ins Gebet genommen und unter Umständen laufen gelassen. Das ist nichts

für Sie.«

»Das weiß ich noch nicht, Mr. O'Bryan. Vielleicht ist das, was ich mir

denke, barer Unsinn. Aber hören Sie zu: Ich komme von Chicago, und man

hat dort von nichts anderem geredet als von den berüchtigten

Leichenräubern, die auf Kirchhöfen Leichen für Sezierzwecke stehlen. Es

waren --«

»Weiß ich, weiß ich!« unterbrach mich der Sergeant.

»Natürlich. Ich erwähne den Fall nur, damit Sie verstehen, wie ich auf

meine Vermutungen komme. Während Sie vorhin mit dem Polizisten sprachen,

hat der Verhaftete allerlei konfuses Zeug geschwätzt. Darunter wörtlich

folgendes:

›Verdammte Kirchhofgeschichte -- der Hund von einem Pat will mich

betrügen -- soll mir nur nicht weißmachen wollen, die Doktors hätten

nicht sofort bezahlt.‹

»Wenn man nun, Sergeant, vierundzwanzig Stunden vorher viele Spalten

über einen großen Prozeß gegen Leichenräuber gelesen hat wie ich, so

macht es einen stutzig, einen Angehörigen der kriminellen Klasse über

Betrogenwerden in einer Kirchhofssache sprechen zu hören. Das wäre

alles. Was sagen Sie dazu?«

»Daß ich Ihnen Dank schulde,« sagte der Detektivsergeant. »Es mag

nichts sein, es kann aber auch sehr viel dahinter stecken.«

Und sofort fing der polizeiliche Apparat zu arbeiten an. Der erwähnte

Pat, der Inhaber einer berüchtigten Kneipe an der Mississippi-Levée

wurde mitsamt seinen Gästen scharf überwacht. Beamte stellten schon in

den ersten Morgenstunden fest, daß auf dem großen Zentralfriedhof am

Südende der Stadt, wo fast nur Arme begraben wurden, frische Gräber,

offenbare Spuren von neu umgeschaufelter Erde zeigten, die verdächtig

waren. Um die Verbrecher nicht zu verscheuchen, wurden nicht einmal die

Friedhofsbeamten ins Vertrauen gezogen, sondern eine geheime nächtliche

Ueberwachung des Friedhofs organisiert.

Diese Detektivarbeit machte ich mit. Zwischen mir und O'Bryan war ohne

viele Worte ein echt amerikanischer Handel abgeschlossen worden; die

Neuigkeit sollte mir und nur mir allein gehören, während dem

Detektivsergeanten alle Glorie der Entdeckung zufallen mußte.

Drei Nächte des Frierens und der Aufregung verbrachte ich Seite an Seite

mit O'Bryan auf dem Kirchhof in einem Oleandergebüsch, auf dem Bauche

liegend, und nichts rührte und regte sich in all den qualvoll langen

Stunden, in denen ich oft schaudernd daran dachte, daß diese

Ueberwachung wochenlang dauern und dann völlig erfolglos sein konnte...

In der vierten Nacht regnete es in Strömen. Wir lagen wiederum in dem

verwilderten Oleandergebüsch, inmitten der Hunderte von Gräberreihen, in

einer Wasserlache, die ständig größer und kälter wurde, und ich fluchte

auf St. Louis und die Polizei und die Verbrecher. Es war schwarzfinstere

Nacht. Da blitzte sekundenlang Lichtschein auf, hundert Schritte

vielleicht vor uns. Das Klirren eines Spatens auf einen Stein hallte

schrill und grell durch das Regengeplätscher. Dann wurde es wieder still

und dunkel. Durch meine erstarrten Glieder brauste die Erregung wie ein

glühender Feuerstrom, und den Sergeanten neben mir hörte ich schwer

keuchen in kurzen heiseren Atemstößen. Einmal glaubte ich, da vorn

Gestalten unterscheiden zu können. Nach Minuten, die qualvoll lang

erschienen, packte er mich am Arm, zog, schob mich vorwärts, und Zoll

für Zoll krochen wir auf die Stelle zu, wo der Lichtschein aufgeflammt

war. Und plötzlich schrillte seine Signalpfeife mit fürchterlichem

Gellen und im gleichen Augenblick krachte sein Revolver und andere

Pfeifen antworteten jäh, und blendendweißer Lichtschein flammte auf.

Schüsse krachten. Ich war entsetzt aufgesprungen. Die Lichter der

Blendlaternen huschten, suchten, zitterten blitzschnell, vereinigten

sich zu einem hellen Lichtkreis.

Da war ein offenes Grab. Verstreute Erde. Ein schwarzer Sarg daneben,

erdumkrustet. Drei Männer standen da, geduckt wie Katzen, mit verzerrten

Gesichtern um sich starrend, die angstvollen Züge hell beleuchtet von

dem erbarmungslosen weißen Licht. Einer der Männer hielt einen Revolver

in der ausgestreckten Hand.

»Fallen lassen!« befahl eine Stimme.

Der Revolver fiel. Und rasch sich bewegende Schatten schoben sich in den

Lichtkreis, und Handfesseln klickten, und von der Straße her dröhnte der

Gong des heransausenden Polizeiwagens. O'Bryan gab seinen Unterbeamten

rasch kurze Befehle. Wachen wurden aufgestellt, Verhaftungen angeordnet.

Dann stießen harte Fäuste die drei Männer in den Wagen, und im Galopp

ging es nach der Zentralstation. Die schmutzstarrenden, nässetriefenden

Verbrecher wurden sofort in das Büro geführt, der Polizeistenograph

herbeigeholt und das Verhör begonnen.

O'Bryan hatte die Männer kaum eine Viertelstunde lang mit Drohungen und

Versprechungen bearbeitet, als sie das Geständnis ablegten, sie hätten

in den letzten drei Monaten siebzehn Leichen gestohlen. Eine ganze Reihe

von Mittelspersonen hatten dabei die Hände im Spiel gehabt.

Es handelte sich offenbar, wenn es sich auch schwer nachweisen ließ, um

einen der in Amerika nicht seltenen Fälle von Leichenraub zu

wissenschaftlichen Zwecken. Die Gesetze verbieten die Auslieferung von

Leichen an Universitäten oder private Mediziner unter allen Umständen,

wenn nicht eine entsprechende testamentarische Verfügung des Gestorbenen

vorliegt. Das reiche Material der europäischen Seziersäle, die Leichen

von Verbrechern, die Leichen der mittellos in den öffentlichen

Krankenhäusern Gestorbenen, steht also dem amerikanischen Mediziner

niemals zur Verfügung, sondern er muß Verträge mit lebenden Personen

abschließen, ihm ihren Körper nach ihrem Tode zu überlassen. So herrscht

ein steter Mangel an Sezierobjekten. Es kommt immer wieder in dieser und

jener amerikanischen Stadt vor, daß Leichname gestohlen und an Mediziner

verkauft werden. Die Seziersäle zahlen gutes Geld, und es werden

beileibe keine unbequemen Fragen gestellt, wenn nur ein

testamentarischer Kaufvertrag gezeigt werden kann. Und der läßt sich

leicht genug fälschen. So war es auch hier gewesen.

Muß ich erwähnen, daß ich die ganze Nacht hindurch fieberhaft schrieb im

Polizeibüro?

Muß ich betonen, daß ich die Kraßheit der Dinge noch krasser färbte? Daß

meine Geschichte von den Leichenräubern fürchterliche, knallgelbe,

ekelhafte Sensation war?

Muß ich erzählen, daß sie mir viel Geld brachte? Muß ich hervorheben,

wie wundervoll ich sie fand und wie ehrlich ich überzeugt war, ein

hervorragendes Stück schildernder Zeitungsarbeit geschaffen zu haben?

Und mit einem kleinen Herrgöttlein nicht getauscht hätte! Nein; das ist

sonnenklar selbstverständlich: Ging doch meine sensationelle Geschichte

durch alle Blätter und erregte gewaltiges Aufsehen!

* * * * *

So saß ich im Palasthotel von St. Louis, in dessen Küche ich vor kaum

drei Jahren Töpfe geputzt hatte, und war stolz.

Da legte sich eine Hand auf meine Schulter und eine sonore Stimme sagte

gemütlich:

»Na, lieber Junge, haben sie dich immer noch nicht gehenkt?«

Und neben mir stand vergnügt grinsend Frederick Haveland, der Mann, der

immer lachte und stets alle Menschen fragte, weshalb in aller Welt sie

noch nicht gehenkt worden seien.

Heute noch kann ich keine Nebelkrähe sehen, ohne an Frederick Haveland

denken zu müssen. Sein Gang hatte etwas krähenhaft Wackelndes,

Schweres, Possierliches; seine fast schwarzen Augen glitzerten

rund und spitzbübisch; über dem dicken Schädel sträubte sich ein

grauschwarzer Krähenschopf. Ein Wandervogel war er auch. Wenn er einmal

geruhte, Neuyork auf eine ebenso kurze wie tolle Periode aufzusuchen,

so haben wir ihn niemals Haveland genannt noch Frederick noch Fred,

sondern immer bei einem seiner zahlreichen periodischen _sobriquets_.

Den Pokerteufel -- er plünderte einen mit absoluter Sicherheit gräßlich

aus, nur um die Dollars sofort auf Nimmerwiedersehen an irgend einen

bedrückten Zeitungsmenschen zu verleihen -- den Mäusemann -- da hatte

er die Schrecken des _delirium tremens_, die krabbelnden weißen

Mäuschen und die züngelnden Schlangen, so wundervoll geschildert, daß

wir alle wie auf Kommando drei Tage lang nur Sodawasser tranken und

zwar ohne Whisky -- den Lokomotiventöter -- da hatte er in Texas zwei

Lokomotiven mit Volldampf aufeinander losfahren lassen, mit einem

Explosionsresultat ersten Ranges, das der verrückten Eisenbahn viel

Geld des lieben, zuschauenden, schwer zahlenden Publikums und ihm

großen Ruhm einbrachte -- vor allem aber den Generalfresser, denn

Frederick Haveland hatte es fertig gebracht, als Kriegskorrespondent

in Kuba den kommandierenden General Shafter in seinem eigenen

Hauptquartier so anzubrüllen, so gröblich zu beleidigen, daß er um ein

Haar standrechtlich erschossen worden wäre. Man wußte von ihm, daß er

eigentlich Zivilingenieur war, immer in allen möglichen Unternehmungen

steckte, sich in den unwahrscheinlichsten Weltwinkeln herumtrieb, und

Manuskripte extraspezialen ersten Ranges lieferte, wenn es ihm an der

Zeit dünkte, wieder einmal etwas zu schreiben. So mancher zerbrach sich

über ihn den Kopf. Wahrscheinlich aber war er nur einer von den wenigen

Hunderten von Menschen der Welt, die es verstehen, ihren natürlichen

Vagabundeninstinkt zu nähren -- und dabei Gentlemen zu bleiben und Geld

zu verdienen.

Dieser Frederick Haveland setzte sich umständlich zurecht, streckte die

langen Beine aus, und grinste.

»Weshalb haben sie dich eigentlich in Neuyork 'rausgeschmissen?«

fragte er.

»Was!« sagte ich entrüstet. »Mit Tränen in den Augen haben sie mich

gebeten, ich möchte doch um Gotteswillen dableiben! Mann, sie wollten

mir das Honorar verdreifachen! Aber ich hatte meine großen Talente

entdeckt und Neuyork war mir zu klein geworden.«

»Richtig! Unangenehmes kleines Dorf!« grinste er.

»Zu klein! Und so wandere ich durch dieses große und schöne Land --«

»Und kriechst auf nassen Kirchhöfen herum, wenn du Glück hast!«

ergänzte Frederick Haveland. »Schöne gelbe Sache. Brüllt zum Himmel. Es

ist übrigens weiter nicht wunderbar, daß niemand so übertreibt wie die

ganz Jungen. Merkwürdig ist nur, daß wir Aelteren trotz unserer Weisheit

gern wieder ganz jung sein möchten. Und wie geht dir's? In Neuyork --

ich hatte dort mit einem Mann zu reden -- haben sie mir gesagt, du seist

entweder vor einem Mädel davongelaufen oder plötzlich verrückt geworden

-- --«

»Das würden sie naturgemäß sagen!« meinte ich und lachte.

»Naturgemäß! Oho! Sind wir schon so gescheit geworden?«

Er grinste sein Grinsen, aus dem man nicht recht klug wurde, und

urplötzlich kam, ganz gegen meine Art eigentlich, ein sonderbares Gefühl

über mich, als müßte ich so etwas wahren wie Selbstbewußtsein und Würde.

»Ich mag ein Narr sein,« sagte ich, mich in den Stuhl zurücklehnend,

»lieber Haveland. Ich mag doppelt ein Narr sein in den Augen eines

Mannes von Erfahrung. Aber diese närrische Arbeit, bei der ich mich

entschieden mehr plagen muß, macht mir närrische Freude, und ich

verspüre keine Lust mehr, darüber zu scherzen. _Confound it_, wenn

ich's verstehe, doch --«

Da warf Haveland die Hände hoch, wie einer, dem eine Pistole vor den

Kopf gehalten wird.

»_Forgie' us all_,« lächelte er, Schottisch quotierend. »Vergib'

uns unsere Sünden. Sie ist auch wahrlich nicht schön, diese Gewohnheit

von uns Zeitungsmenschen, unsere eigenen Affären stets in die Parabel

des schlechten Witzes zu verkleiden. Vergiß aber nicht, daß wir mit

wirklichen Narren nicht scherzen würden, weder ich noch du. Und nun

wollen wir ernsthaft reden, wenn es dir gefällig ist. Kennst du -- nein

-- weißt du etwas über _Dynamite-Johnny_?«

»Den Dynamit-Kapitän? Natürlich!«

Kapitän John O'Brian war wohlbestallter Lotse des Neuyorker Hafens

gewesen, so um das Jahr 1896, als ihn der Zufall, der die rechten

Männer auf den rechten Fleck stellt, in Verbindung mit den

amerikanischen Vertretern der kubanischen Insurgenten brachte, vor allem

mit Mr. Palma, dem Haupt der kubanischen Junta in Neuyork. Die

kubanischen Revolutionäre brauchten damals nichts so nötig als Waffen

und abermals Waffen und wiederum Waffen. Nur von Amerika konnte ihr

Kriegsbedarf kommen. Da sie aber nicht als kriegführende Partei

anerkannt wurden, so war für ihre Waffenfrachten nach der Insel der

Wasserweg nicht nur durch die Kriegsschiffe Spaniens versperrt, sondern

auch durch die Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten, die nach

internationalem Gebrauch den Waffenschmuggel verhüten mußten. Ein

Kapitän, der den Insurgenten Waffen zuführte, lief also doppelte Gefahr:

Mit Mann und Maus von einem spanischen Kreuzer in Grund und Boden

geschossen zu werden, oder aber von einem amerikanischen Kreuzer

beschlagnahmt, was für den Kapitän lange Zuchthausjahre bedeuten konnte.

Der abenteuerliche Neuyorker Lotse nun war der rechte Mann für die

abenteuerliche Aufgabe. Mit unerhörter Schlauheit verstand er es, bald

in dem Hafen von Neuyork, bald in dem Hafen von Jacksonville in Florida,

die Kriminalbeamten -- die spanische Regierung hatte die Pinkertons, die

berühmte amerikanische Detektivagentur zur Verhütung des

Waffenschmuggels engagiert -- und die Hafenpolizei immer wieder hinters

Licht zu führen, in dunkler Nacht heimlich zu laden, und in sausender

Fahrt mit seinem schnellen Hochseeschlepper nach irgend einem

Rendezvousort an der kubanischen Küste zu jagen. Dort warteten

Revolutionäre, und die gefährliche Ladung wurde in rasender Eile

gelandet, konnte doch jeden Augenblick ein spanisches Kriegsschiff der

Küstenpatrouille auftauchen. Ueber die Fahrten des abenteuerlichen

Kapitäns wurde stets in der amerikanischen Presse berichtet, aber es

gelang den Behörden der Vereinigten Staaten niemals, ihn vor den

Gerichten zu überführen, oder gar sein Schiff und ihn _in flagranti_

zu fangen, obgleich Hunderttausende für seine Ueberwachung ausgegeben

wurden. Nichts schreckte den Dynamit-Kapitän ab. Dutzendemal feuerten

spanische Kriegsschiffe auf sein Schiff, und immer wieder entrann er mit

knapper Not. Seinen Beinamen erhielt er durch ein charakteristisches

Vorkommnis. Der »_Dauntless_«, sein Hochseeschlepper, hatte Dynamit

für Kuba geladen. Die gefährlichen gelben Stangen waren in dickwandige

Holzkisten verpackt, die Patronenkisten sehr ähnlich sahen. Niemand auf

dem Schiff war das bekannt. Als bei der Landung an der kubanischen Küste

die Insurgenten an Bord kamen, um zu löschen, hatten sie es

begreiflicherweise sehr eilig, sich mit Patronen zu versehen, und

schickten sich schleunigst an, eine große Kiste zu erbrechen. Emsig

schlug ein Kubano mit einem schweren Beil auf den Deckel los. O'Brian

oben auf der Kommandobrücke regte sich nicht im mindesten auf.

»Señor!« sagte er nur, »wenn Sie noch lange auf die alte Kiste

loshämmern, fliegen Sie auf direktem Wege zu Ihrer Jungfrau Maria in den

Himmel! Es ist nämlich Dynamit drin!!«

Unten aber auf Deck ertönte ein gellender Schrei, ein zweiter, und im

nächsten Augenblick waren die Insurgenten samt drei amerikanischen

Matrosen über Bord in das flache Wasser gehopst und strampelten wie

wahnsinnig küstenwärts. Der tollkühne Kapitän mußte viel über die

angebliche Harmlosigkeit von Dynamit zusammenlügen, bis er sie endlich

zum Löschen der Ladung überredete.

Das war _Dynamite-Johnny_.

»Also,« sagte Frederick Haveland, »-- _Dynamite-Johnny_ kennst du.

Ich bin zweimal mit Kapitän O'Brian in geschäftlicher und persönlicher

Verbindung gestanden. Im Jahre 1897 machte ich eine ziemlich kitzliche

Fahrt nach Aguadores mit und später einen kleinen Abstecher mit Waffen

nach der Haitischen Küste. Er ist übrigens jetzt Hafenkapitän von

Havana, und der friedlichste kleine Irländer geworden, den man sich nur

denken kann. _Well_ -- der Dynamit-Kapitän ist also eine hübsche

Brücke zu gewissen allgemeinen Begriffen. Er soll dir als Parallele

dienen, und deshalb erwähnte ich ihn. Da du ihn und seine kleine

Abenteuer kennst, so brauche ich über Allgemeines nicht so viel zu

reden. -- Bilde dir mal ein, ich wäre _Dynamite-Johnny_!«

Ich warf meine Zigarre weg und setzte mich aufrecht hin.

»Was ist das, Haveland?«

Diesmal grinste Frederick Haveland nicht.

»Es ist ein einfacher Geschäftsvorschlag,« sagte er leise. »Von Mann

zu Mann. Las gestern deine Kirchhofssache in der _Dispatch_.

Erinnerte mich an dich. Jung und enthusiastisch. Erfuhr auf der

Zentrale, daß du im _Palace_ stopptest. Sagte mir: den schluck' ich

über. Schlage dir vor, gemeinsam mit mir eine kleine Reise nach, sagen

wir im allgemeinen, nach Venezuela zu machen. Dauer unbestimmt, aber

länger als fünf Wochen unwahrscheinlich. Sache nicht gerade gefährlich,

aber auch nicht ungefährlich. Sämtliche Kosten trage ich. Du würdest

unter meinen Orders stehen. Veröffentlicht darf ohne meine Zustimmung

nichts werden. Was für dich dabei herausspringt, ist Risikosache. Wie

denkst du darüber?«

»Abgemacht!« keuchte ich.

Mir war, als stünde mir das Herz still.

Dröhnend hämmerte der Blutschlag gegen meine Schläfen. Ich fühlte, wie

sich die Luft in meinen Lungen staute. Mein Atem kam und ging in kurzen

leise pfeifenden Stößen. Großer Gott, hatte mir da der Zufall endlich,

ach endlich, die Wirklichkeit der Sehnsuchtsträume in den Schoß

geworfen: das große Ereignis! Nicht eine Sekunde der Ueberlegung

bedurfte ich. Nur der einzige Gedanke war in mir: Zugreifen! Zupacken!

Nur nicht tüfteln und deuteln, nur nicht klug sein wollen. Denn in der

Ferne schimmerte das große Ereignis, das Abenteuer.

»Das dachte ich mir!« sagte Haveland, und etwas eigentümlich Warmes

war in seiner Stimme und in seinen Augen. »Aber -- weshalb hast du

augenblicklich ja gesagt?«

»Weil ich, nun, weil ich einmal so bin, und weil der mir bekannte Mr.

Haveland den Vorschlag macht und nicht ein x-beliebiger Mr. Smith oder

Mr. Meyer. Das ist klar.«

»Auch das hoffte ich.«

»Weshalb aber hast du gerade mir den Vorschlag gemacht?«

»Zufall, wie ich sagte. Zerbrach mir seit drei Tagen den Kopf, wo ich

einen geeigneten Partner hernehmen sollte. Einen Partner aber mußte ich

aus bestimmten Gründen haben. Hm ja.« Er sah auf seine Uhr. »10 Uhr

53. Ich darf den 12 Uhr 10 Expreß nach Chicago nicht versäumen -- muß

dort mit einem Mann sprechen. Ich treffe dich am Montag in Galveston,

Texas, im _Planter Hotel_. Ich werde dir einen Scheck über fünfhundert

Dollars für Auslagen ausstellen -- einen Augenblick!«

Er holte ein Scheckbuch hervor und schrieb. Diese absolute Wortkargheit,

diese eiserne Ruhe war mir zuviel, denn am liebsten hätte ich ja

gebrüllt vor Aufregung.

»Ich muß doch etwas wissen, Haveland!« stieß ich hervor.

»Hm, fünfzehn Minuten habe ich noch. Was weißt du über Venezuela?«

»Das Uebliche. Aktuelle.«

»Natürlich. Ich darf noch nicht viel reden, mein Junge. Kannst du dir

denken. Wir wollen aber von der Voraussetzung ausgehen, daß in einem

Staat wie Venezuela, dessen politische und wirtschaftliche Verhältnisse

augenblicklich unstabil sind und den Amerikanern, die seinen Handel

betreiben, ein unerhörtes Risiko aufnötigen, der wirtschaftliche Kampf

des Kaufmannes sich dann und wann in primitiven und brutalen Formen

abspielen muß. Wir wollen auch nicht vergessen, daß der Amerikaner durch

den anstrengenden Aufenthalt in den Tropen nicht gerade energischer

wird. Angenommen nun, daß sich gewaltige amerikanische Geldinteressen

auf Asphaltgewinnung in Venezuela konzentrieren -- angenommen, daß

zwischen der betreffenden Gesellschaft und der bestehenden Regierung

Differenzen entstanden sind, die eine Regelung mit Hilfe der offiziellen

Diplomatie nicht vertragen, _peccatur intra muros et extra_ --

angenommen des weiteren, daß einerseits eine im Gang befindliche

revolutionäre Bewegung der Gesellschaft Vorteile verspricht, und

andererseits die bestehende Regierung den kranken Leiter der

betreffenden Interessen durch Gewaltmaßregeln eingeschüchtert hat -- all

dies angenommen, so ist es sehr begreiflich, wenn die erwähnten

Interessen eine unauffällige Persönlichkeit an Ort und Stelle senden, um

Abmachungen zu treffen und den Gang der Dinge zu beschleunigen.

Vielleicht muß dabei auch ein bißchen geschossen werden. Nicht viel. Nur

gerad, was nötig... Hm ja. Wir sprechen noch über Einzelheiten. Meine

Zeit ist um. Da ist der Scheck. Auf Wiedersehen im _Planters Hotel_ in

Galveston, lieber Junge!«

Und in wackelndem, schwerem Krähengang schritt Frederick Haveland der

Drehtüre zu. Er sah ungemein solide und höchst wohlhabend aus, wie

einer, der sich bürgerlichen Erfolges und geregelter Verhältnisse

erfreut.

Ich sah ihm starr nach.

Wie ich Flibustier wurde.

In Galveston. -- »Na, immer noch nicht gehenkt?« -- Die

undurchsichtige Venezuela-Transaktion. -- Ich lasse mich auf ein

»Geschäft ohne Reden« ein. -- Flibustier. -- Das Werben der

Rekruten. -- Jack, der Nevadamann. -- »Wenn ich heute Haveland

erwischen könnte!« -- Wir schmuggeln uns auf den Dampfer. --

Unterwegs nach Venezuela. -- Die »_City of Hartford_.« --

Klarierte Ladung mit Nebenzwecken. -- Ein kleiner Namenwechsel auf

hoher See.

Der tolle Streich, der im Restaurant des Palace Hotel in St. Louis mit

ein wenig Geplauder und einem völlig unmotivierten Scheck begann, sollte

mein letzter werden im Lande der Unruhe, und sechs kunterbunte,

zappelige, grell ereignisreiche Wanderjahre nett symbolisch beschließen.

Aber hübsch der Reihe nach -- --

Es war in Galveston:

»Jawohl, Herr -- Eis-Tee!« sagte der Negerkellner, rollte die Augen,

wie alle Neger es aus unerfindlichen Gründen tun, und grinste, wie alle

Neger ohne besondere Ursache grinsen. Es war drückend heiß. Ich fühlte,

wie mein Kragen sich langsam in seinen ungestärkten Urzustand

zurückverwandelte, und wunderte mich, ob es wohl der Mühe wert sein

würde, wenn ich die ungeheure Energie aufwendete, eine Treppe hoch zu

meinem Zimmer zu steigen und einen neuen umzubinden. Mit unendlicher

Faulheit, beschleunigte doch jede Bewegung das Erweichen des Kragens,

sah ich mich um. Einige Herren in weißem Leinen oder gelber Rohseide

saßen in den Korbstühlen des Rauchzimmers, Fliegen kletterten an dem

elektrischen Kronleuchter des _Planters Hotel_ hinauf und hinab, ein

trotz allen Drahtgitterschutzes eingedrungener Moskito jagte vergnügt

surrend nach Blutbeute. Da waren vortrefflich gedeihende Palmen, reiner

gelber Sand auf dem Boden, aber schmutzige Fenster, rauchgraue Vorhänge,

zerbrochene Rückenlehnen der Stühle als Symbole der zeitgeheiligten

Schlamperei des amerikanischen Südens. In mir war keine Mißbilligung.

»Der Teufel mag energisch sein in dieser Hitze!« dachte ich mir nur

und träumte von der Farm hundert Meilen weit weg und den Baumwollfeldern

und dem kleinen Texasstädtchen und den alten lieben Menschen. Wie hoch

ich über dem Erleben vor sechs Jahren stand! Wie alt ich jetzt war und

weise! Wie anders würde ich das heute anfangen, und doch, wie schön war

es gewesen -- -- ein Zusammenfahren, ein blitzschnelles Zuschlagen der

Hand -- da hatte Freund Moskito eingestochen. Genüßlich schlürfte ich

den eisigen Tee.

Und mit einemmal war mir zumute, als säße ich auf den Knien einer

Gottheit und wartete still des schicksalbestimmenden Willens.

»Na, immer noch nicht gehenkt?« sagte eine sonore Stimme.

Und ich fuhr empor wie aus der Pistole geschossen, weil tief innen in

mir gewaltige Erregung war, und stotterte ein idiotisches »_How d' you

do, Haveland_; sehr erfreut, dich zu sehen...«

»Guten Tag, lieber Junge!« sagte Frederick Haveland und grinste.

»Heiß, nicht wahr? Nun, auf der Karibischen See wird es noch viel

heißer sein. Wir wollen aus dem Eistee einen Whisky und Soda machen,

wenn es dir gefällig ist, und uns mit Geschäften befassen. Zeit drängt

ziemlich. Ich habe mit einem Mann in Chicago geredet und meine letzten

Informationen erhalten. Danach sehen die Dinge so aus, wie ich es

befürchtet hatte. Unser Mann sitzt in einem Landhaus -- was man so ein

Landhaus nennt in Venezuela -- nicht weit von La Guayra, was wiederum

nicht weit von Caracas ist, verkonsumiert ungeheure Mengen Chinin und

hat sich verrechnet. Es ist eine lange Geschichte, die ich dir ganz

gewiß nicht erzählen werde. Nur soviel: Unser Mann glaubt, daß Cipriano

Castro im Fallen ist, spekuliert auf politische Baisse mit einer halben

Million Schatzscheine der Vereinigten Staaten, die anderen Leuten

gehören, pflegt schlechten Umgang und ist eigensinnig; wir aber wissen

seit vierundzwanzig Stunden, daß Präsident Castro trotz aller

internationaler Verwicklungen fest im Sattel sitzt, und haben

entsprechende Schritte getan. Teils übers Kabel, teils durch einen Mann,

der jetzt auf dem Neuorleaner Postdampfer wohl schon unterwegs ist. Ich

für meinen Teil habe nun die nette Aufgabe, unseren Mann, der viel weiß,

sehr große Verdienste hat und einen ganz eigenen Kopf, eines Besseren zu

belehren und ihn aus den Händen von Leuten zu befreien, die das

Verbrechen begehen, die verlierende Seite darzustellen.«

»Daraus soll der Teufel klug werden,« sagte ich ärgerlich. »Wofür

hältst du mich eigentlich?«

»Glaubtest du etwa, ich würde dir Informationen auf den Tisch legen,

deren Wert nicht zu ermessen ist?« fragte er eisig kalt. »Geschäft ist

Geschäft. Dies ist ein Geschäft ohne Reden. Möglich ist, daß eine

Zeitungssache ersten Ranges daraus wird, die ich dir überlasse; sicher

ist, daß deine Ausgaben überreichlich gedeckt werden. Großer Gott! Ich

dachte, du seist ein Praktikus =und= ein Draufgänger!«

»Ich habe nachgedacht,« sagte ich.

»Und was ist das Resultat?« sagte Haveland scharf.

»Eine Frage: Weshalb brauchst gerade du gerade mich?«

»Deswegen: Weil Enthusiasten, die auf Kirchhöfen herumkriechen,

entweder nicht gerade häufig sind oder aber gefährlich -- weil ich Leute

mitnehmen muß, so zwanzig Mann -- weil ich mit der Sorte nicht umgehen

kann, denn mich würden sie wahrscheinlich totschlagen -- weil ich

glaube, daß du der rechte Mann bist -- und weil ich für junge Menschen

etwas übrig habe...«

»Abgemacht!« sagte ich kurz.

Ich sehe die Szene vor mir, den Raum. Seine Korbstühle, seine kleinen

Tischchen mit Kupferplatten, die Gläser auf ihnen, seine gleichgültigen

Menschen, die stumpf rauchten, die Hüte im Nacken, oder flüsternd

miteinander sprachen. Den Mann. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit dem

ewigen Lächeln, seinen schönen Mund mit dem eckigen Härtezug um die

Winkel, seine lässige Haltung, sein Selbstbewußtsein, das beherrschte

und überzeugte ohne viel Worte, als ob Energiefunken übersprängen von

einem Menschen auf den andern. Und ein Lächeln stiehlt sich über mich.

Wenn mir Haveland damals gesagt hätte, er gedenke, sich zum Präsidenten

von Venezuela zu machen und mich zu seinem Kriegsminister, so würde ich

das eine höchst verständige und ungemein begeisternde Proposition

gefunden haben...

»Ich bin gebunden,« fuhr er fort. »Ich werde dir sagen, was und

wieviel ich sagen kann.«

Da fragte ich nichts mehr.

* * * * *

Eine Stunde später war ich Flibustier geworden und befand mich in

scharfem Konflikt mit den Gesetzen der Vereinigten Staaten.

Denn ich warb Männer für eine bewaffnete Expedition nach einem fremden

Land. Nichts anderes war es im Grunde. Mir freilich bedeutete es nicht

mehr als einen tollen Streich so ganz nach meinem Herzen, der durch das

lockende große Ereignis nicht nur völlig gerechtfertigt wurde, sondern

einen großartigen Zug annahm, heroischen Charakter. Herrgott, was waren

das für Zeiten! Das vererbte Soldatenblut regte sich. Frau Phantasie und

Herr Leichtsinn, ständige und getreue Mitarbeiter eines der größeren

Gemächer im Lausbubengehirn, müssen feine Tage gehabt haben. Ich hatte

mich außer im _Planters Hotel_ augenblicklich noch in einem zweiten,

billigen Hotel eingemietet, unter dem schönen Namen eines Mr. John

Smith aus Chicago, und ein billiges Köfferchen mitgebracht, nagelneu, in

dem ein nagelneuer fertiggekaufter Anzug verborgen war; ein Anzug, wie

ihn ein beliebiger Galvestoner der einfacheren Klassen getragen haben

würde. Für die Maskerade und das ständige Wechseln vom einfachen Hotel

zum _Planter's House_ und zurück -- ich war bald da, bald dort --

sprachen gute Gründe: es sollte der Neugier nicht so leicht werden,

festzustellen, wer ich war.

Heidi, wie schlau ich mich dünkte! Wie vorsichtig und gewitzigt ich mir

vorkam! Nun trug wirklich, so schien es mir, das Erleben in den

Wanderjahren auf dem Schienenstrang seine praktischen Früchte. Ich,

_ego_, _moi même_, ich und nur ich, das Ich mit einem großen Wir von

Gottes Gnaden geschrieben, war doch ein ganz verteufelter Kerl, denn ich

wußte, wo man die Männer zum Abenteuern herbekam und wie man mit ihnen

redete und auf welche Weise solch' eine kitzliche Angelegenheit

eingeleitet werden mußte!

Wo Kohlenhaufen am Frachtbahnhofende ein gutes Versteck boten für

Eisenbahnwanderer, wo leere Frachtwagen bei den Lokomotivenschuppen

urbilliges Obdach anzeigten, wo in den Sträßchen dicht am Schienenstrang

in kleinen Wirtschaften billiges Bier verkauft wurde, da waren die

Männer zu finden, die man für Venezuela brauchte. Die Richtigen ließen

sich leicht unterscheiden von den Falschen. Drückt doch das harte

Trampleben dem Eisenbahnwanderer bald einen leicht lesbaren Stempel auf.

Der Lebensschwache verludert, wird scheu, hat etwas Unterwürfiges,

während der richtige Bruder Sausewind klare Augen und lustigen Sinn

sich bewahrt.

So einen fand ich in der ersten Viertelstunde.

Er hopste gerade aus einem leeren Frachtwagen eines langsam einfahrenden

Zuges. Brennend rotes Haar hatte er, das vergnügt unter der Mütze

hervorguckte, ein lustiges Gesicht, und eine sechs Fuß hohe Gestalt.

Hosen und Rock waren ganz ordentlich.

»Hier! Jack!« rief ich.

Der Mann drehte sich um. »Schon wieder einer!« sagte er gedehnt im

weichen Englisch der Weststaaten. »'s scheint mir, als ob's 'n bißchen

zu viel Eisenbahnpolizei gäbe in dieser Höllengegend, für meinen

bescheidenen Geschmack wenigstens. _Well, and that's allright._ Kann's

nicht ändern. Wieviel brummen sie einem auf für das bißchen

Spazierenfahren in eurem verdammten Loch von der Stadt?«

»Weiß ich nicht,« grinste ich. »Trinken wir ein Glas Bier?«

»Trinken wir -- _well_, ich will Methodistenpfarrer werden, wenn das

nich' komisch ist! Wie heißt das Spiel? Heilsarmee?«

»Nein.«

»Hm, die operieren auch nicht mit Bier. Na, Polizei sind Sie

keinesfalls. Also her mit dem Bier!« -- Da waren wir schon in dem

kleinen _saloon_ gegenüber. »Meinen Respekt!« sagte der Mann mit den

roten Haaren.

»So!« sagte ich. »Können Sie Arbeit gebrauchen?«

»Was für Arbeit?«

»Etwas ungewöhnliche Arbeit.«

»Das hört sich fischig an,« sagte der Rote gemütlich. »Einbrechen is

nich'! Jemand umbringen is nich'! Jemand hauen is nich' -- das mach' ich

nur zum Vergnügen. Aber das Bier ist gut! Weiter!«

Und er lachte mich seelenvergnügt an.

Ich entschied rasch, daß mein Mann einer von der richtigen Sorte war,

und entschloß mich augenblicklich, nicht mehr lange auf dem Busch

herumzuklopfen. Ueberdies drängte die Zeit.

»Es mag etwas für Sie sein,« sagte ich, »und es mag nicht etwas für

Sie sein, aber ich habe viele Leute vom Schienenstrang gekannt, und wenn

Sie mir in drei Worten sagen, was Sie treiben, so will ich Geschäft mit

Ihnen reden.«

Nun ging es blitzschnell:

»Nevada-Mann,« sagte er. »Carson City. Silberminen gearbeitet --

verdammter Narr gewesen und mit dem bißchen Ersparten auf Silber

prospektet -- Kuhtreiber dann -- wieder Silberminen -- Kuba mit Rauhen

Reitern...«

»Was!« ruf ich.

»Roosevelt -- Rauhe Reiter -- hab' mein Entlassungspapier als Korporal

übrigens in der Tasche. 'rumgewurstelt -- setz' mir in den Kopf, daß ich

den sonnigen Süden 'mal sehen will, is aber eine Saugegend. Das wär'

alles.«

»_Allright_,« sagte ich. »Zeitungsmann -- Zeitungssache an Hand, --

handelt sich um eine Geschichte, die mit einer Dampferfahrt anfängt,

irgendwohin, und vielleicht damit endigt, daß man sich seiner Haut ein

bißchen wehren muß, und zwar gegen Niggers -- dazu brauche ich ein

Dutzend Männer, auf die man sich verlassen kann -- Sache dauert etwa

fünf Wochen -- fünfundzwanzig Dollars per Woche -- und nach meinem

besten Wissen tragen ich und mein Freund das wirkliche Risiko und nicht

die Männer mit uns. Das wäre so ungefähr die Idee. Jawohl und hier sind

fünf Dollars, damit Sie den Mund halten. Habe ich darin falsch

kalkuliert?«

»Nee!« sagte der Rothaarige. »Das nenn' ich reden. Stell' mir vor,

daß es so'n bißchen Waffenschmuggel ist nach Haiti oder Südamerika, was

der Sohn meines Vaters nich' sündhaft findet. Und -- für fünfundzwanzig

Dollars in der Woche rutsch' ich augenblicklich nach der Hölle und

wieder zurück, immer vorausgesetzt, daß ich nicht 'n Spitzbube sein muß

dabei! Danke schön und willkommen -- =das nenn' ich Geschäft reden=!«

So fand ich den ersten richtigen Mann.

Jack -- einen anderen Namen hat er nie genannt, und ich habe nie einen

anderen wissen wollen -- ging mit Feuereifer ins Zeug. Er redete wenig

und fragte nichts. Aber er war es, der in einer Nacht und einem halben

Tag den Fremdenverkehr Galvestones, soweit er aus Männern ohne Hab und

Gut bestand, so gründlich durchsiebte, daß mir wenig mehr zu tun übrig

blieb, als Ja und Amen zu sagen. Wir trafen uns alle zwei oder drei

Stunden in verschiedenen kleinen Wirtschaften oder abgelegenen Winkeln

des Frachtbahnhofs, und jedesmal brachte Jack Rekruten mit. Da waren

drei frühere Reguläre, ein Sergeant darunter; zwei Irländer, die sich

schmunzelnd die Lippen leckten, als sie erfuhren, daß die Aussichten auf

eine Rauferei nicht schlecht seien; zwei verwitterte alte Gesellen, die

vor undenklichen Zeiten Vorarbeiter im Panamakanal gewesen waren; ein

paar Cowboys, und etliche junge Menschen ohne Gepräge, aber stark, jung,

gesund, und weltweise in der Art des amerikanischen Westens -- sechzehn

Mann.

»Nette Bande!« sagte Haveland, als ich ihm erzählte.

»Mir gefallen sie ausgezeichnet!« sagte ich. »Daß man dir für deine

doch etwas abseits des Hergebrachten liegenden Zwecke brave

Sonntagsschüler mit glänzenden Charakterzeugnissen zur Verfügung stellt,

kannst du übrigens nicht verlangen!«

»_N--no!_« meinte er grinsend. »Halte sie aber lieber im Zügel von

allem Anfang an!«

»Selbstverständlich!« antwortete ich kalt.

Denn da mit dem Amt zwar nicht immer der Verstand, aber ganz bestimmt

die Anmaßung kommt, so bestand für mich gar kein Zweifel darüber, daß

meine sechzehn Mann gutwillig oder böswillig nach meiner Pfeife zu

tanzen hatten...

Jack war prima! Ganz von selber hatte er sich zu einer Art Adjutanten

gemacht, schafherdete die Gesellschaft, verteilte sie auf

Einlogierhäuser, zahlmeisterte halbdollarweise Amüsiergeld, hielt alles

in gutem Humor, und log wie Ananias, wenn er mit Fragen geplagt wurde.

Ich selber hatte in diesen verrückten drei Tagen die Hände so voll

Arbeit, daß ich kaum zur Besinnung kam, und war so seelenvergnügt dabei,

daß ich mich um alle Welt nicht zur reinen Vernunft hätte zwingen

können. Halb Zeitungsmann sein, halb Glückssoldat, halb praktisch

deichseln, halb nebelhaft ins Unbekannte hineinträumen -- das war so die

richtige Mischung für mein Ich von Anno dazumal. Da sollte man wägen,

fragen, zaudern? Nein, Tropenanzüge für die Bande mußte man vorsichtig

zusammenkaufen; Wäsche, Kautabak, Pfeifentabak, Revolver, gute starke

Messer, vernünftigen Proviant und weiß Gott was alles. Oh, es war sehr

schön!

Ich gäbe so manchen Tausendmarkschein darum, wenn ich noch ein

einzigesmal genau so jung, genau so töricht und genau so absolut

glücklich und zufrieden sein könnte -- -- --

* * * * *

Haveland arbeitete mit subtileren Mitteln.

Da war immer »ein Mann, den er kannte«, und Arrangements, die längst

verabredet waren, und gewichtige Schecks, die Wunder wirkten, und über

allem seinem Tun lag ein geheimnisvoller Schleier. Es ist mir die

lustigste Erinnerung, die sich an diesen verrückten Streich knüpft, daß

ich so kindlich bescheiden, so herzerquickend simpel mit den mageren

Aufklärungen zufrieden war, die Mr. Geheimnistuer Haveland gütigst zu

machen geruhte. Oh, ich wußte gar nichts! Ich weiß heute noch nicht

viel, denn die Ereignisse sorgten dafür, daß die Zusammenhänge mir

verborgen blieben. Ich wußte nicht, wer alles die Hände im Spiel hatte;

ich wußte nicht, was das Endziel eigentlich war; die Gefahr, den Zweck,

das Objekt -- ich kannte sie nicht. Scherte mich auch den Kuckuck darum.

Kann man doch wie betrunken werden von Abenteuerlichkeiten. Man sieht

unklar, träumt im Wachen. Ich fand durchaus nichts besonderes darin, daß

Haveland kaum zwanzig Worte auf die Mitteilung verwendete, wir würden

heute nacht _pull out_, 'rausrutschen; ich wagte nicht, Fragen darüber

zu stellen, wie es kam, daß ein Dampfer fix und fertig für uns dalag;

ich war nur sonnenvergnügt, völlig zufrieden damit, das Meinige, das

Naheliegende zu tun, als getreuer Vasall, und irgend etwas Unerhörtes zu

erwarten.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3) · 第 19 / 27 题