Geknalle, Gedröhne --

=Weiter!!=

Und ein wahnsinniges Rennen begann; ein Springen, ein Hetzen, ein

blindes Vorwärtsstürmen, ein Vorwärtsschleppen der Bahre, ein Aufbieten

der letzten Kräfte, und Schüsse knallten hinten, und Geschosse

umzischten uns, und ich ließ aufs Geratewohl feuern. Dann wurde es

still.

»Das Signal!« keuchte Haveland.

In zehn Sekunden war ein Stock geschnitten. Das Feuergeschoß zischte mit

scharfem Knall schnurgerade in die Höhe, aber die Flammengarbe hatte in

der dünnen grellbesonnten Luft nur mäßige Leuchtkraft. Es blieb still.

Nach zweihundert Schritten feuerten wir eine zweite Rakete; dann in

kurzen Zwischenräumen eine dritte, vierte fünfte. Es blieb immer noch

still.

»In zwanzig Minuten haben wir's!« stieß Haveland hervor.

Weiter -- weiter!

Der Schweiß lief in Strömen von mir herab und vor den Augen tanzten mir

glühende Sterne und mein Atem kam und ging mit pumpenden keuchenden

Stößen. Neben mir rannten Menschen, keuchend, stolpernd, fluchend --

weit vorne schwankte die Bahre hart auf und ab. Der Mann mit der kranken

Leber büßte in dieser Stunde seine sämtlichen Sünden. Ich blieb einen

Augenblick lang stehen, den Colt wieder ladend. Fast versagten mir die

Füße den Dienst.

Weiter!

Das Ende des letzten Streiches.

Endlich am Strand. -- Der Dampfer wartet. -- Das überfüllte Boot.

-- Jack und ich bleiben zurück. -- Der Dampfer läßt uns im Stich.

-- Das Kriegsschiff der Vereinigten Staaten. -- Wir geben

Raketensignale und ein Boot holt uns ab. -- Der Marinekadett

verhaftet uns. -- Ein altes Gesicht. -- Eine kleine Ohnmacht. --

Der Wahnsinn der Wirklichkeit. -- Wie durch Billys Hilfe sich alles

in Wohlgefallen auflöste. -- Das Nebelhafte... -- Wie schön es ist,

etwas nicht zu wissen -- -- --

Die Anwandlung von Schwäche war im Augenblick geschwunden.

Denn da weitete sich der Pfad, und wir waren im niederen Gestrüpp, und

der Strand lag knallgelb da, und er war einsam, und greifbar nahe fast

schaukelte der Dampfer in leichtem blauen Wellengang, und dicht bei der

Strandlinie wartete das Boot. Ein brüllendes Hurra! donnerte durch die

Luft.

»Ruhe!« schrie ich. »Ihr könnt auf dem Dampfer brüllen! Schnell!!«

In wenigen Minuten war die Bahre mit dem Kranken durch's seichte Wasser

getragen, ins Boot gehoben -- Männer wateten hinterdrein -- kletterten

über Sitze...

»Halt!« rief der Bootsmann. »Höchstens noch einer!«

Haveland, der am nächsten war, wurde ins Boot gezogen. Jack und ich

blieben zurück. --

Das alles spielte sich blitzschnell ab.

»Wir holen euch in zwanzig Minuten,« rief Haveland noch.

* * * * *

Ich hockte mich in den Sand hin und starrte gleichgültig dem abfahrenden

Boot nach, denn mir war schwach und elend zumute. Kein weißer Mann kann

in einem Tropenklima seine Kräfte bis aufs äußerste anstrengen, ohne

sehr bald zum Ende zu gelangen. Die Luft flimmerte und zitterte. Die

Sonne brannte erbarmungslos. Mein einziger Gedankt war: »Wenn ich nur

schlafen dürfte...«

Plötzlich pfiff Jack schrill durch die Zähne.

Ich sah auf. Das Boot war halbwegs zwischen Strand und Dampfer. Aus dem

Schornstein der _City of Hartford_ qualmten auf einmal schwere

schwarze Rauchwolken -- und -- dort am Horizont kräuselte über einem

hellen Fleck eine zweite Rauchwolke empor. Der helle Fleck wurde

zusehends größer, die Rauchwolke deutlicher, schwärzer...

»Noch 'n alter Dampfer!« murmelte ich schläfrig.

Mechanisch suchte ich die Strandlinie nach links und nach rechts mit den

Augen ab, denn ich fürchtete die Küstenwachen, die eigentlich durch

unsere Raketen alarmiert sein mußten. Nein; da war niemand. Der helle

Fleck wurde weiß; zeigte die schlanken Linien eines Schiffes. Im

gleichen Augenblick schien es mir, als ob die Lage der _City of

Hartford_ sich verschiebe, und zwanzig Sekunden später konnte ich nicht

daran zweifeln, daß der Dampfer in voller Fahrt nach Norden abdampfte.

»_They've left us!_« schrie Jack, wütend aufspringend. »Diese

hündischen Söhne von Feiglingen lassen uns im Stich!«

»_Exactly!_« sagte ich ganz ruhig -- in meinem Kopf war wohl etwas

nicht völlig in Ordnung -- »und es tut mir nur leid, daß wir keine

Winchesters haben. Die Colts tragen nicht so weit. Hätte ich meinen

Winchester, so würde ich die Herrschaften auf der Brücke dort sehr krank

machen.« -- Mühsam spähte ich durchs Glas nach dem näherkommenden

weißen Fleck. -- »Sei ein guter Junge, Jack, und schneide mir zwei

Stöcke für Raketen. Die Sterne und Streifen habe ich deutlich gesehen --

weiß ist das Dings auch -- ich müßte mich sehr irren, wenn das nicht ein

Kanonenboot der Vereinigten Staaten ist -- deshalb sind die Hunde auch

ausgekniffen -- und ich will's lieber mit Onkel Sam zu tun haben als mit

der dreckigen Gesellschaft, die uns jeden Augenblick über den Hals

kommen kann -- wir wollen zwei Raketen feuern, mein Junge!«

Eine fürchterliche halbe Stunde des Wartens.

Nun war er da, der schlanke weiße Dampfer. Eine Meile weit ungefähr

draußen. Mit zitternder Hand zündete ich die Lunten an, und die

Feuergarben sprühten in die Höhe... Wir waren wohl beide ein bißchen

toll, denn wir rannten wie Verrückte am Strand auf und ab, und knallten

Schüsse in die Luft, so schnell wir laden konnten -- -- und brüllten

wie besessen, denn vom Schiff löste sich ein dunkler Fleck -- kam

schnell auf uns zu...

»Amerikaner! Dachten wir uns!« krähte eine Kinderstimme --

»Was war das für 'n verdammter Dampfer, der da wegfuhr?« --

»Was für 'n Höllengeschäft habt ihr hier?« --

»'rein ins Boot!« --

»Sie sind unter Arrest!« --

»Her mit den Revolvern!« --

»Wir werden Sie schon fixen!«

-- Es ging alles sehr schnell. »Sie sind unter Arrest!« kreischte zum

drittenmal der kindergesichtige Marinekadett, der das Boot kommandierte.

»Das ist mir ver--verdammt an--angenehm...« stotterte ich totmüde, und

doch grinsend. »B--besten Dank! -- -- --«

Und dann waren wir auf einmal an einer weißen Schiffsseite, und irgend

jemand half mir die Stufen einer Kriegsschifftreppe empor, und da

standen, höchst undeutlich für mein Auge, Herren in Uniformen und

insbesondere eine Gestalt in weißem Flanell, mit einem Gesicht, das mir

außerordentlich bekannt vorkam, einem lieben alten Gesicht --

»Guter Gott! Bist du's!« rief es aus dem alten Gesicht.

»Der Kerl sieht wie Billy aus,« stammelte ich, sehr hörbar. »Jawohl,

ich bin es! Ich -- der blödsinnigste verdammte Narr seit Erschaffung

dieser verrückten Welt -- -- --«

»Amen!« sagte eine alte, liebe Stimme.

Hierauf -- sonderbar -- bin ich wohl zusammengebrochen...

* * * * *

Oh ja, die Wirklichkeit ist immer etwas Wahnsinniges.

Das Schiff war der Vereinigte-Staaten-Zollkreuzer »Albatros« (sagen wir)

-- das Schiff heißt =nicht= »Albatros«, und Haveland heißt =durchaus

nicht= Haveland, und Matthews hat einen =ganz anderen= Namen als

Matthews; aber was bedeutet schließlich ein Name? -- und, wie verrückt

doch die Märchen der Wirklichkeit sind! Mein alter Billy vom

Schienenstrang, mein lieber Rauher Reiterleutnant, war -- neuernannter

Konsul der Vereinigten Staaten für Belize, einem verdammten Hafennest

des britischen Honduras, und gondelte vorher im Karibischen Meer noch

ein bißchen herum, weil ein amerikanischer Konsul eine Respektsperson

ist und besonders weil der Kapitän des Zollkutters der Mann seiner

Schwester war! Die Wirklichkeit ist wahrhaft verrückt.

O, es löste sich alles in Frieden und Wohlgefallen auf.

Ich erzählte Billy haarklein, wie sich das alles zugetragen hatte (wenn

der Teufel Haveland zu holen gedachte, so hatte er entschieden meinen

Segen!) und der Rest war ein großes Gelächter.

»Offiziell weiß ich von nichts!« sagte Kapitän -- -- nun, wenn ich

einen Namen nennen wollte, müßte ich doch lügen.

»Ich garantiere, daß er den Mund hält!« warf Billy ein.

Und ich nickte, und so wurde die Sache als Zeitungswert auch noch

versaut...

Muß ich erwähnen, daß Billy und ich uns Geschichten erzählten, die

siebenundzwanzig dicke Bände gefüllt hätten? Muß ich angeben, daß Jack

einen saftigen Anteil von den englischen Sovereigns des guten Haveland

erhielt? Ist es nicht selbstverständlich, daß das Schiff uns in Port

Kingston, Jamaika absetzte, und daß wir am gleichen Tag Plätze auf dem

Postdampfer nach Neuorleans belegten?

* * * * *

So endete die Expedition ins Nebelhafte.

Sie ist hingeschrieben worden nach dem Erinnern der Wirklichkeit, wie

die Bilder eines Films aus der Wirklichkeit aufgenommen werden. Es fehlt

nur der erklärende Verbindungstext der Lichtspielbühne...

Und damit hat es seine Bewandtnis.

Vor einigen Monaten war ich auf dem Sprung, nach London zu fahren und

aus den ausgezeichneten amerikanischen Zeitungsregistraturen des

Britischen Museums die Wechselwirkung zwischen venezolanischen

Verhältnissen und Maßnahmen des interessierten amerikanischen Kapitals

zu der genauen Zeit meines letzten lustigen Streichs festzustellen.

Vielleicht hätte sich dann nach Wochen mühseligen Suchens ein

Anhaltspunkt ergeben. Diese oder jene Tatsächlichkeit, die eine

erklärende Kombination ermöglicht haben würde... Ohne Zweifel standen

hinter dem Mann, den ich Haveland nenne, bedeutende Geldinteressen, denn

unsere Flibustierfahrt muß Unsummen gekostet haben. Feststeht ferner,

daß der wirkliche Interessent die Amerikanische Asphalt-Kompagnie war.

Obendrein spielte sich unsere Fahrt kurz vor den internationalen

Verwicklungen mit Venezuela ab, über deren einzelne Gründe Belege

existieren --

O ja, man hätte kombinieren können!

Aber am Ende erschien es mir häßlich, die lustige Romantik der

Wirklichkeit mit grauer Theorie und öden Erklärungsversuchen zu

belasten. Das Geschehen muß für sich selbst reden. Ich fuhr nicht nach

London. Ich bin es zufrieden, mir lachend zu sagen, daß ein kleines

Geheimnis doch viel schöner ist als nüchternes Wissen -- in diesem

besonderen Fall! Ich habe für einen klugen und gerissenen Mann die

Kastanien aus dem Feuer geholt -- leichtfertigst meinen Hals riskiert

(wofür ich heute noch eine gewisse Vorliebe habe!) -- mich um das

Naheliegende, Selbstverständliche, Praktische überhaupt nicht gekümmert

-- einem grotesken Abenteuer in die Zähne gelacht -- und ich möchte, daß

mir die Erinnerung so bleibt, wie sie ist. Echt! Unverwässert! Ich will

gar nicht wissen, was mit der _City of Hartford_ geschah -- und ob

Castro die bestechenden Schnellfeuergeschütze wirklich bekam -- und wie

dieser Spitzbube von Haveland sich endgültig aus der Affäre zog...

Denn es ist manchmal sehr schön -- etwas nicht zu wissen!

Fahrwohl, Amerika!

Neuorleans ist eine außergewöhnlich interessante Stadt, und es scheint

mir eine beschämende Erinnerung, daß ich all' das Interessante -- die

Mississippi-Levée, den sonderbaren Mischmasch von französischer Grazie

und amerikanischer Grellheit, die wundersamen berühmten Bauten der alten

Stadtviertel -- so ziemlich verträumte, verschlief, übersah. In einem

Mischmasch von Lachen und Mürrischsein...

»O -- du! -- du! --« (so sprach ich zu meinem Spiegelbild, und das

Sprechen ermangelte keineswegs der allergrößten Deutlichkeit) -- »Du!

Geh' doch wieder auf eine Farm und pflücke Baumwolle mit schwarzen

Negern um die Wette! Dazu taugst du! Da hast du ja dein großes Ereignis

gehabt -- nettes Ereignis -- vier Stunden und fünfzig Minuten hat es

gedauert -- reizend, reizend -- o du...«

»Den Mund mußt du auch noch halten -- o, o!«

»Niedlich -- diese Einfalt, mit der du hinter Haveland hergelaufen bist

-- o, o, o,...!«

Aber auf einmal meldete sich ein inneres Stimmchen kichernd:

»Lieber Junge -- es war ja -- jawohl, es war doch wunderschön...«

Und da lachte ich laut und verspürte heißglühende Luft und sah

knallgelben Sandstrand und schüttelte den Kopf und wunderte mich, was

Haveland jetzt wohl trieb, und ich, der Quecksilberige, ich spielte

_solitaire_ im einsamen Hotelzimmer, was auf gut Deutsch _patience_

heißt -- eine wundervoll beruhigende Beschäftigung -- der Kuckuck mag

wissen, wie sie aus den Boudoirs Ludwigs des Vierzehnten nach dem

modernen Amerika gekommen ist, wo jedermann _patience_ legt -- und

grübelte und war ein bißchen krank.

Meine Post kam.

Ich hatte sie mir aus Neuyork, St. Louis, Galveston herbeitelegraphiert.

Und es begab sich, daß unter den Briefen zwei deutsche waren, von meiner

Mutter, mit trüben Nachrichten von Sorgen und veränderten Verhältnissen,

und einmal hieß es -- »hätten wir dich nur hier!« Aber es war

hingeschrieben, wie man von etwas Unmöglichem schreibt.

Da sann ich und sann verstimmt.

Und urplötzlich packte mich ein Gedanke, der mir so ungeheuerlich

schien, so furchtbar, daß ich entsetzt aufsprang und jäh im Zimmer auf

und ab rannte. Der Gedanke fraß sich tiefer ein -- Bilder kamen,

Vorstellungen, Sehnen, Wünschen -- wunderliche Pläne huschten durchs

Hirn -- ich sah ein altes liebes Gesicht -- ich wandelte in alten

Straßen -- und der Gedanke war zum Entschluß geworden...

»Der Wanderweg führt heimwärts!« flüsterte ein zittriges Stimmchen.

»Heiho -- heidi -- etwas Neues!« jubelte der gute, alte, liebe

Leichtsinnsteufel. »Hurra -- etwas ganz Neues! Etwas wundervoll Neues!!

Rasch nur, rasch, rasch, rasch...«

Ich bestellte telegraphisch in Neuyork eine Kabine auf dem nächsten

Europadampfer.

Ich reiste binnen zwei Stunden von Neuorleans ab.

Und schwamm binnen drei Tagen auf dem großen Wasser.

In mir war keine Wehmut, kein Zögern, kein Grübeln. Vorwärts, Neuem

entgegen!

Fahrwohl, Amerika!

* * * * *

Ein Mann, der wirklich kein Lausbub mehr genannt werden könnte, wenn er

auch jung bleiben möchte und fröhlich in die Welt gucken trotz

erschrecklich starken Haarschwunds, und, liebe gute Götter, ein wenig

leichtsinnig auch, sitzt im Schreibstuhl und schreibt und starrt dann

wieder in die Ecke, wo die Bilder huschen, von den alten amerikanischen

Zeiten träumend, in denen er ein Lausbub war.

Wie rasend schnell sie sich abrollten, die Jahre! Wie es sich jagte und

überpurzelte, das Erleben, das Verändern, das Schauen, das Lernenmüssen!

O, wie sie huschten, die bunten, tollen, wirren, grellen Bilder --

gleich -- gleich den lebendigen und doch so märchenhaften Schatten, die

uns weißes Licht aus einem Film an eine Wand wirft...

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3) · 第 21 / 27 题