Wilder Wirrwarr jagt vorbei in wachen Träumen. Ich sehe wimmelnde
schwarze Menschenmassen, höre donnerndes Getöse, schaue auf häßliche
Berge von Stein, die einen erschauern lassen ob der Schönheit ihrer
Wucht. Ueber wogendes Hafenmeer huschen Schiffsriesen ohne Zahl und an
den Wasserrändern strecken sich weithin ins Land wie Bienenkorbzellen
die Behausungen von Millionen von Menschen. Wo ist das Herz Neuyorks?
Welche Kraft pumpt den belebenden Arbeitsstrom durch seinen Riesenleib?
Wo muß man Neuyork packen, um es zu verstehen? Es wird die
Eingangspforte zur neuen Welt genannt, und wahrlich, Millionen von
Menschen sind durch sein Tor geschritten. Ist das sein Wesen? Ist es
eine Pforte nur?
Die Traumbilder huschen vorbei.
Vor einigen Monaten stand ich wieder einmal auf der _Great Oxford
Street_ in London und sah die Menschenmassen und die endlosen
Wagenreihen sich vorbeiwälzen. Da war der Eindruck so leicht zu
erfassen. Denn ein Kind hätte verstehen können, daß in diesem
Häuserwirrwarr und Menschengedränge das Herz Großbritanniens pulsierte,
das Hirn Englands schuf und dachte, der Mittelpunkt des Weltreichs sich
befand. Auch da ließ sich das beängstigende Einzelgetöse gar leicht zu
großem Zug zusammenfassen.
Neuyork aber ist geheimnisvoll.
Ein gescheiter Mann nannte es einmal das Wunderkind mit dem
Wasserkopf unter den Städten der Welt. Der anscheinend so unförmige
und häßliche Kopf aber sehe nur aus wie ein Wasserkopf und enthalte
in Wirklichkeit ein ganz ausgezeichnet entwickeltes Gehirn. Dieser
Wunderkinder-Vergleich ist sehr gut. Neuyork ist kindlich jung. Noch
nicht einmal dreihundert Jahre alt. Denn im Jahre 1626 war es, als die
Niederländer, gescheite Leute und tüchtige Seefahrer, die feine Nasen
für einen ideal guten Hafen hatten, auf der Insel Manhattan landeten
und das niederländische Dörfchen Neuamsterdam gründeten. Ganz genau auf
dem Fleck, wo jetzt die Wolkenkratzer gen Himmel ragen. Der Witz der
Weltgeschichte wollte es, daß dieses kleine Häuflein von holländischen
Männern den Menschen des Erdenflecks, auf dem sie hausten, in die
Jahrhunderte hinein Geist von ihrem Geist und Denken von ihrem Denken
vererben sollte -- Millionen von Menschen, die auch kein Tröpflein des
alten Holländerbluts in ihren Adern haben sollten. Und trotzdem -- --
Die Neuamsterdamer waren, in scharfem Gegensatz zu ihren Nachbarn,
den neuenglischen Puritanern, weder Idealisten, noch Fanatiker,
noch instinktive Republikaner. Sondern die Mynheers hatten gutes,
dickes, solides Kaufmannsblut und wollten Geschäfte machen in ihrem
Neuamsterdam. Nur Geschäfte. Recht gute Geschäfte. Sie sind auch sehr
reich geworden.
Und sie sind es, die dem Neuyork der Zukunft seinen Stempel aufgedrückt
haben!
Wenn man der Stadt der Geheimnisse überhaupt einen ganz großen
allgemeinen Zug nachweisen kann, so ist es der Charakterzug ihrer
holländischen Gründer:
Den Gulden mehren! Geschäfte machen um jeden Preis! Ob anständig oder
unanständig, aber auf jeden Fall! Her mit dem Dollar!!
Die schwerfälligen Neuamsterdamer mit den tuchenen Kniehosen, den
plumpen Schnallenschuhen, und dem Geldsinn sind längst vermodert und
leben nur noch in wenigen Hunderten Familien der Neuyorker Aristokratie,
ihren direkten Nachkommen, die sich _knickerbockers_ nennen nach der
Beinbekleidung ihrer Vorfahren -- Kurzhosige. Das sind die Roosevelts,
die Van Straatens, die Vanderveldes, die Yonkers. Diese alle sehr
reichen und zum Teil sehr bedeutenden Leute sind zwar ahnenstolz in
ihrer Art, legen aber auf das holländische Blut in ihnen recht wenig
Gewicht. Nein, der Dollar ist es, in dem die vermoderten alten Holländer
fortleben; in der brausenden Dollarluft, die über Neuyork dahinpfeift,
tummeln sich ihre Seelen. Nirgends in der Welt hat je das liebe Geld so
hart geherrscht als in der Meerstadt, über die des Nachts die
Strahlenbündel vom Haupte der Freiheitsstatue leuchten. Sie sind immer
harte Leute gewesen, diese Neuyorker, und Gold war stets ihre Losung.
Aus Neuamsterdam wurde Neuyork.
Keiner der geldgierigen Holländer durfte es erleben und keiner hat es
nur geahnt, daß Schiffe über Schiffe den Atlantischen Ozean durchqueren
sollten nach der kleinen Felseninsel am Hudson, und Millionen über
Millionen von Menschen sich durch die amerikanische Eingangspforte in
das neue Land drängen. Daß das meiste von dem Geld und ein weniges von
dem Menschenmaterial dieser Millionen an der Türschwelle der neuen Welt
hängen bleiben sollte. An Neuyork. Das Wunderkind wuchs erschreckend.
Dock wurde an Dock geklebt, ohne Ueberlegung, ohne Plan; dicht am
Straßenrand wurden die Anlegepfosten ins Meer gerammt und die
Anlegestege gebaut. Haus wurde Haus auf den Leib gepackt auf Manhattan.
Immer mehr wurden die Menschen. Der Wasserkopf war da. Das ungesunde,
anormale Wachstum; das hastige Gestalten nach den Forderungen des
Augenblicks, das der sonderbarsten Stadt der Welt ihren Stempel
aufgedrückt hat.
Das Gepräge des Chaotischen.
Als ob die treibenden Gewalten sich rauften und um Licht und Luft und
Dasein hätten ringen müssen; die Schiffahrt, der Binnenhandel, der
Außenhandel, der Ortshandel, die Finanzen. Nichts griff klar ineinander,
sondern alles war Wirrwarr. Neuyork ist niemals nur der große Welthafen
gewesen, nach dem von allen Erdenteilen Schiffe steuern; oder nur die
große Kaufmannsstadt, in der die von anderen geschaffenen Werte zur
Münze umgeprägt werden; oder nur die große Finanzstadt, in der die
Milliardenkämpfe zwischen den Großen des Landes ausgefochten werden
müssen -- sondern stets eine wirre Verbindung von allen diesen Dingen;
eine Hölle von gegensätzlichem Streben. Den inneren Zwiespalt zeigt
scharf das Aeußere der Stadt. Mir ist die grandiose Freiheitsstatue auf
der winzigen Felseninsel _Liberty Island_ mitten im Neuyorker Meer
niemals als tiefbrünstiges Symbol der Volksseele der neuen Welt
erschienen, sondern ich habe mich stets nur lachend gewundert, woher nur
in aller Welt diese Holtergepolter-Neuyorker sich jemals die Zeit
nahmen, an so abstrakte Dinge wie Freiheit und Symbolik auch nur zu
denken. Sonst sind sie doch praktisch nur; erstens praktisch, zweitens
praktisch, drittens praktisch, und viertens sonst überhaupt gar nichts.
Sie schmissen Dampferpier neben Dampferpier hin, wo er gerade nötig war;
sie bevölkerten Hoboken mit ekelhaften kleinen grauen und schwarzen
Dreckhäusern, weil das für die Notwendigkeiten der Schiffahrtsleute
gerade praktisch war; sie türmten dort, wo um die Milliarden gefochten
wird, im Herzen der Insel Manhattan, die Häuser himmelragend in die
Lüfte empor, daß die staunende Welt schaudernd die Augen aufriß und
lange Zeit das moderne Märchen vom Wolkenkratzer nicht recht glauben
wollte -- weil jeder Zoll Boden auf Manhattan ein Vermögen kostete und
die Luft darüber auch nicht einen Pfennig. Die Einfachheit dieser
Kalkulation wirkte gigantisch. Doch man jagt mit Sturmschritten in
Neuyork, und auch für den Wolkenkratzer hatte selbstverständlich nur der
Mann Zeit übrig, der ihn zwecks Dollarverdienens erbaute. Die anderen
grinsten beifällig, dachten aber gar nicht daran, die Konsequenzen des
Wolkenkratzersystems zu ziehen und so etwas wie ein einheitliches
Stadtbild zu schaffen.
So, wie der primitive Amerikaner sich ein praktisches rundes Loch in
seinen teuren Lackstiefel schneidet, wenn ein Hühnerauge ihn drückt, so
erbaute der Neuyorker seine Stadt. Neben dem Wolkenkratzer blieb die
Hütte stehen, dicht daneben. Auf die Hütte folgt womöglich eine winzige
Kirche, auf die Kirche wieder ein Wolkenkratzer, dann ein Häuschen, dann
ein Haus, dann wieder ein Wolkenkratzer. Und in diesen Tagen noch muß
der nur einigermaßen nachdenkliche Beschauer des Broadway und der
Manhattan-Gegend sich verzweifelt an den armen gequälten Schädel fassen
und ausrufen:
Wehe mir! Wie soll ich es begreifen, daß neben dem Riesen der Zwerg
wohnt! Daß Dieses so gigantisch ist und Jenes so erbärmlich klein!
Und im allgemeinen wird er, trotz aller Ehrfurcht für das Riesenhafte,
den Eindruck einer kolossalen Verrücktheit haben. Denn überall ist das
gleiche Chaos, die gleiche Ungereimtheit. Dicht an die groteske
Wolkenkratzergegend schließen sich die Avenuestraßen im
Wolkenkratzersquare, die wie eine völlig andere Welt anmuten. In ihrer
palastartigen Vornehmheit sehen sie aus, als sei in ihnen ein Stück des
aristokratischen Londoner Westendes mit Haut und Haaren und Haus und
Grund ausgegraben und nach Dollarika verpflanzt worden. Die Bowery dort
mit ihrem Tingeltangelgedröhne und widerlichem Spektakel von
Schwindelgeschäften könnte sehr wohl ein Fetzen des niedersten Paris
sein -- und die fürchterlichen grauen Häuser in den luftverpesteten
schmalen Straßen im Ostende, wo die Aermsten zu Dutzenden in einem
Zimmer wohnen, sind wie ein Abbild der _slums_ in Whitechapel. Doch
dazwischen dehnen sich Parks, weiten sich Spielplätze, die den
Städtebauern der alten Welt eine so ungeheure Anregung gegeben haben,
daß sie noch jahrelang nachwirken wird; strecken sich ins Land hinein
entzückende Villenstraßen, die ein Vorbild sind und ein Muster des
billigen eigenen Heims an den Rändern der großen Stadt.
So jagen sich Schritt für Schritt fast die verwirrend grotesken
Gegensätze im Städtebild Neuyorks. Und doch löst sich immer wieder als
einzig bezeichnend und allein wichtig der Häuserriese im Herzen
Manhattans von allen anderen Bildern los:
Der Wolkenkratzer.
Der fünfundzwanzigstöckige, der fünfzigstöckige, der
fünfundsiebzigstöckige Wasserkopfriese ist das Wahrzeichen Neuyorks und
sein Symbol, sein Stolz und seine Schande zugleich. Ist er doch der
Bienenkorb, in dem man die sonderbaren Menschenbienen am besten
schwirren sehen kann. Dort wohnt die Seele Neuyorks.
Jene anderen Viertel, die man so typisch nennt, sind nicht neuyorkhaft.
Es ist nichts Wunderbares, daß an der großen Türschwelle aller Nationen
so viele Fremde haften geblieben sind, mag es auch verblüffen, wenn man
feststellt, daß in Neuyork mehr Italiener wohnen als in Rom, mehr
Deutsche als in Breslau, mehr Franzosen als in der durchschnittlichen
Provinzstadt Frankreichs, mehr Juden endlich als an irgend einem Orte
der Welt zusammenhausen. Es scheint einem etwas ganz Natürliches, durch
winkelige Trödelstraßen zu schreiten, in denen fast nur »jiddisch«
gesprochen wird, und durch Viertel, wo man sich nur verständigen kann,
wenn man der italienischen Sprache mächtig ist. Und doch hat es wieder
etwas Erschütterndes, daß diese Leute ihr Völkischsein so völlig
mitgenommen haben in die neue Welt. Sie leben und lieben, sprechen und
denken, wie sie es in Italien taten; sie essen die Makkaronis und
trinken den Chianti ihrer Heimat, und träumen von dem glücklichen Tag,
an dem einst die italienische Sonne wieder auf sie scheinen wird. Sie
werden dann mit den paar hundert amerikanischen Dollars kleine
Landeigentümer geworden sein. Von dem aber, was Neuyork ist, trennt
diese Leute eine Unendlichkeit, auch wenn sie zehnmal ein Bürgerpapier
unterschrieben und zwanzigmal einen Amerikaner in den Stadtrat oder in
den Kongreß gewählt haben. Die gleiche Unendlichkeit scheidet die große
Masse der armen Juden von dem Wesen Neuyorks. Darin sind sich die
Fremden im großen Sinne alle gleich; Juden oder Deutsche oder Italiener
oder Slaven. In ihrer Gesamtheit bedeuten sie für Neuyork nichts weiter
als ungewöhnlich billiges und ungewöhnlich leicht traktables
Menschenfutter für die große Tätigkeitsmaschine; Menschenfutter, das von
einigen wenigen Leuten, die nationale Eigenart wohl kennen und sie
schlau auszunutzen verstehen, ausgepreßt wird wie eine Zitrone. Von
Tausenden dieser Fremdlinge lächelt einem, der sehr stark oder sehr zähe
oder sehr gescheit ist, der große Erfolg. Und dieser Eine nur immer ist
für Neuyork wichtig und Neuyork für ihn. Die Anderen sind Schatten, die
da kommen und gehen, die einige Männer reich und einige Industrien
lebensfähig machen.
Einst haben die Fremdlinge Neuyork geschaffen. Heute sind sie nur eines
seiner Anhängsel in dem Chaos, dessen einziger fester Punkt der Begriff
des Wolkenkratzers ist, ins Unendliche ausgedehnt, ins Symbolische
übertragen. --
Und der Guldensinn der Neuamsterdamer...
Wie der Wolkenkratzer einem bis ins Fabelhafte gesteigerten
Nützlichkeitssinn sein Dasein verdankt -- die Steinriesen Manhattans
wirken wie fanatische Prediger der Zweckmäßigkeit und der Arbeit -- so
ist der Neuyorker schlechtweg ein Zweckmäßigkeitsmensch. Er verkörpert
amerikanischen Kaufmannsgeist auf das Intensivste und sein leiser Stich
ins Uebertreibende charakterisiert das Wesen dieses Geistes erst recht.
Auf die einfachste Formel gebracht: Der Dollar regiert über das Land und
regiert noch härter im intensiven Neuyork. Doch was bei dem
Neuamsterdamer etwas unendlich Grobes, simpel Geldgieriges, abstoßend
Häßliches war, hat sich bei seinem Nachkommen von heutzutage zu einem
großartigen Glaubensbekenntnis an Arbeit, Leistung, Tätigkeit
verfeinert, vergrößert, veredelt. Das bloße Geldverdienen ist zu einem
Hohelied der Arbeit geworden. Der Neuyorker kämpft beileibe nicht nur
um den Dollar, um reich zu werden, sondern der Kampf an und für sich ist
ihm Notwendigkeit, Pflicht, Stolz, Liebe. Derjenige, der nicht mehr in
der Arbeit steht, ist ihm ein Nichts, eine Null. Der hat sein Bestes
weggegeben und ist eine Drohne, die essen mag und schweigen. Der hat
nicht mehr mitzureden und wenn er Millionen besäße. Es gibt in dieser
Stadt der reicheren Leute fast gar keinen oder gar keinen Reichen, der
sich aufs Altenteil setzte, um sich seines Goldes in Ruhe zu erfreuen.
Die weltbekannten Milliardäre, die sich mit größerem Recht vielleicht
als mancher Fürst, Herrscher nennen könnten, arbeiten in ihren Büros in
der Finanzstraße Wallstreet gerade so viel und angestrengter vielleicht
als der arme Arbeiter irgendwo in einem Weltwinkel, der mit
großaufgerissenen Augen von diesen Milliarden liest und sich unter ihren
Besitzern glücksfreudige Genießer vorstellt, erstaunliche Geldprotzen,
die im Golde wühlen und vom Golde schlemmen.
In Wirklichkeit arbeiten diese Leute schwer und überlassen in geduldiger
Amerikanerart das Genießen und Verschwenden ihren Frauen und Töchtern.
Die mögen sich mit Brillanten behängen und englische Herzöge heiraten
und in ihrem Kreise der oberen Vierhundert Tollheiten von wahnsinnigen
Gastmählern und unerhörten Verschwendungsorgien ersinnen. Er, der Herr
des Geldes, bleibt aus freiem Willen sein Knecht. Ihm ist am wohlsten,
wenn er von seinem Schreibtisch aus in einem menschenabgeschlossenen
Privatkontor die Telegramme in die Welt hinausjagt, die Entscheidungen
trifft, die Pläne ersinnt, die die ungeheure Macht des Geldes in
arbeitende Bewegung treiben. Sie sind oft genug und am meisten in ihrem
eigenen Lande die Geißeln der Menschheit genannt worden, diese
überreichen amerikanischen Milliardäre, die in ihrer gigantischen
Brutalität, ihrer übermenschlichen Goldeinsamkeit, ihrem Druck auf die
große Masse der Menschen eine der eigentümlichsten Erscheinungen
amerikanischer Art bilden. Sie gehören zu den Unbegreiflichkeiten der
Welt. Der eiserne Wille, die enorme Intelligenz, der unheimliche
Wagemut, der Hunderte, Tausende von Millionen zusammenrafft, ganz
gleichgültig, ob auf ehrlichem oder unehrlichem Wege, und die Zustände
vor allem, in denen diese Napoleoniden des Goldes überhaupt möglich
sind, erscheinen als etwas nahezu Unfaßbares. Die Widersprüche in ihrem
Leben und Wirken sind unlöslich. Ein Rockefeller -- ein armer, schwer
magenkranker Mann, der sich von Milch ernähren muß -- verfolgt mit
eiskalter Grausamkeit jeden Petroleumproduzenten, der sich seinem Willen
nicht fügt und macht mit voller Ueberlegung Tausende von Menschen, die
ihm im Wege stehen, zu Bettlern. Des Sonntags aber leitet der gleiche
Mann eine Sonntagsschulklasse und predigt jungen Männern Frömmigkeit und
christliche Liebe. Ein Rätsel. Es wäre lächerlich, da an Heuchelei zu
denken, denn Heuchler haben ihre Zwecke und der Petroleumkönig ist schon
in den allerersten Jahren seines kaufmännischen Lebens so reich
geworden, daß er wahrlich Heuchelei nicht nötig hatte.
Ein Carnegie schenkt den Armen der Welt etwas ganz Großes. Gute Bücher.
Die Bibliotheken, die seinen Millionen ihre Existenz verdanken, schießen
wie Pilze empor in den großen Städten. Wo in der Welt auch nur ein
tapferer Mann einem Menschen das Leben rettet und dabei selbst zugrunde
geht oder an seiner Gesundheit schwer geschädigt wird, da ist helfend
und tröstend der Carnegieschatz für Lebensretter da; viele Millionen von
dem einstigen Stahlkönig der selbstlosen Tapferkeit gewidmet. Der arme
Arbeiter, der dem ertrinkenden Mädchen nachspringt und seine
Selbstlosigkeit mit dem Leben bezahlen muß, hinterläßt Frau und Kinder.
Hier springt Carnegie ein, ob die Tat nun in Amerika geschehen ist oder
in Europa, in England, Frankreich, Deutschland, in Japan oder
Australien. Und diese Carnegiegesellschaft hat sich nicht etwa auf ein
kleinliches Schema festgelegt und verteilt Pfennige, sondern sie gibt
Kapital, auf daß die Witwe sich selbst helfen kann. Die
durchschnittliche Spende beträgt dreitausend Mark, kann jedoch, je nach
den Verhältnissen, eine Höhe von fünfzigtausend Mark erreichen. Der
gleiche Mann jedoch, der in warmem Mitfühlen für wertvolle Menschen
sorgen will, hat als amerikanischer Stahlkönig ein verruchtes System der
Arbeiterausbeutung geschaffen, das jeden sozial denkenden Menschen auf
das tiefste empören muß. Er ließ nicht nur auf Akkordlohn arbeiten --
das »Du erhältst bezahlt, was du dir verdienst!« ist ein gesundes
Prinzip -- sondern er erfand eine sehr feine neue Nuance. Er verlangte
von den vielen Tausenden von Arbeitern der vielen Stahlwerke eine
Mindestleistung im Akkord und zwar eine so hoch bemessene
Mindestleistung, daß der Arbeiter eine versäumte Minute gar nicht
nachholen konnte. Und über den Arbeiter stellte er den Aufseher. Nicht
etwa den altmodischen Aufseher, der halb technisch leitet und halb
polizeilich in Ordnung hält, sondern den modernen amerikanischen
Carnegieaufseher: den »Hetzpeitschenmann«! Den Treiber, den Hetzer, der
die Mindestleistung herauspressen mußte und -- zusammen mit dem Arbeiter
»flog«, wurde sie nicht erreicht. Diese eiskalte kaufmännische
Berechnung ergab ein vorzügliches Resultat. Die Stahlarbeiter schwitzten
sich die Seele aus dem Leib und gaben jeden geschlagenen Tag von den
dreihundert Arbeitstagen des Jahres alles her, was an Kraft in ihnen
war. Natürlich bezogen sie hohe Löhne auf diese Weise und waren sehr
zufrieden. Daß aber ein solcher Arbeiter im Alter von fünfundvierzig
Jahren ein völlig zerrüttetes menschliches Wrack war und überhaupt nicht
mehr arbeiten konnte -- das wußte der Arbeiter vorläufig noch nicht, und
Herrn Carnegie war es sehr gleichgültig.
Die Beispiele ließen sich in die Dutzende hinein wiederholen. Der
Milliardär stellt fast immer eine Reihe der sonderbarsten Widersprüche
dar. Es ist grobes Denken und dummes Denken, wenn man von diesen Leuten
sagt und schreibt, daß die Millionen, die sie mit vollen Händen der
Menschheit schenken, nur lächerliche Goldtropfen seien, gespendet, um
arge Gewissensbisse zu betäuben und sich in der Gunst der gefährlichen
Massen zu halten. Nein, man braucht auch dem Milliardär die
Schenkensfreude nicht wegzudisputieren. Der Einzelmensch und der
Geldriese scheinen eben zwei verschiedene Individuen zu sein... Denn die
Tatsache bleibt bestehen, daß keines der amerikanischen Riesenvermögen
erworben worden ist und erworben werden konnte ohne gewissenloseste
Ausbeutung der großen Massen. Ob die Carnegies ihr Geld durch
Arbeiterausbeutung machten oder die Vanderbilts und Astors durch
ungeheure Verwässerung von Eisenbahnaktien dem Publikum die Dollars zu
Milliarden aus den Taschen lockten -- es kommt immer auf das gleiche
heraus. Die Vielen mußten leiden, um dem Einen die Milliarde zu geben.
Der Milliardär ist eine Abnormität, und das Land, in dem ein einzelner
Mann in einem kurzen Menschenleben Hunderte von Millionen ansammeln
kann, etwas fast Unbegreifliches. Nur eines gibt wenigstens die
Anfangsmöglichkeit eines Verstehens.
Das eine, das für Amerika und die Amerikaner charakteristisch, im
Neuyorker potenziert, im Milliardär verungeheuerlicht ist:
Die heillose Freude an der Arbeit!
Nichts anderes kann diesen armen reichen Milliardär erklären, der im
Golde fast erstickt und sich doch abrackert bis zu seinem Todestag;
nichts anderes diesen Neuyorker, der arbeiten muß, ständig arbeiten, im
Laufschrittempo arbeiten, weil er sonst krank werden würde. Es ist, als
habe sich raffinierte Schöpferkraft einen Spezialwitz für Amerika und
die Amerikaner ausgedacht: Sie hat ins amerikanische Gehirn einen für
ihre Evolutionszwecke sehr praktischen neuen männlichen Ehrbegriff
gelegt!
Die Ehre des Mannes liegt in seiner Arbeit.
Hörst du zu arbeiten auf, so wirst du ehrlos!
So arbeitet der Neuyorker Tag und Nacht. Ein Stück von seiner Art habe
ich am eigenen Leibe verspürt und ich weiß heute noch nicht, da ich
schon längst wieder Europäer geworden bin, ob diese Art etwas wundervoll
Triebkräftiges und Lebenförderndes ist oder ob ihr doch nur die
jämmerliche Angst vor Not und Mangel zugrunde liegt. Ich habe beide
Arten kennen gelernt. Ich habe genau so gelebt wie jene Leute, die der
witzige Henry F. Urban ebenso witzig wie ungerecht Neuyorker
Dollarmaschinen getauft hat. Auch ich verlernte es, bedächtig zu essen
wie ein gesitteter Mensch, weil die knappe Zeit zu Besserem da zu sein
schien; auch ich wachte morgens in unbeschreiblich nervöser
Arbeitsungeduld auf und ging in Arbeitserregung zu Bett; auch mir war
neben der Arbeit alles andere im Tagesleben klein und unwichtig. Ich war
auch einer von denen, die in jener besonderen Art von Lebenskampf
standen, der alle Seiten dieser Arbeitshast gezeitigt hat. Man ist auf
seinen Schädel oder auf seine Hände angewiesen in Neuyork. Man hat für
sich selbst zu sorgen. Man weiß als durchschnittlicher Neuyorker
außerordentlich wenig von seinem Großvater, und einen Urgroßvater hat
man im allgemeinen überhaupt nicht -- und damit keine Tradition, keinen
Familienzusammenhang im großen, ganz gewiß nicht jene Kultur, die immer
erst der zweiten oder dritten Generation erfolgreicher Menschen
beschert wird. So wandelt sich in Neuyork, in dem diese Dinge schärfer
zutage treten als anderwärts in Amerika, die Not zur Tugend.
Die Arbeit wird zur Freude. Niedriges Geldhasten zu hohem Ehrbegriff und
großem Lebensideal. Und man sollte diese fürchterlich zusammengewürfelte
Stadt des Geldes und ihre dahinhastenden Menschen nicht kulturlos
schelten. Mir ist mein Arbeitshasten in Neuyork eine unbeschreiblich
freudige Erinnerung und es will mir scheinen, als hätte dieses
Vorwärtszappeln von Tag zu Tag große Aehnlichkeit mit etwas Schönem
gehabt, Begeisterung! Und wenn ich von dem unglücklichen Dollarneuyorker
lese, den das furchtbare Arbeitsrad seiner freudlosen harten Stadt
unerbittlich vorwärts und immer vorwärts treiben soll, dann denke ich
lachend an die frischen Gesichter und das frohe Wesen dieser angeblich
so bedauernswerten Leute. Ich habe nirgends so viel Frohsinn im
täglichen Arbeitsleben angetroffen, so viel Freude an der Arbeit, so
viel Güte im überbürdeten Menschen... Wenn ein armer Teufel in einem der
Riesenrestaurants Neuyorks um Arbeit vorfrägt, so wird ihm einer der
geplagten Leiter ganz gewiß drei Minuten schenken und als einfache
Selbstverständlichkeit ihn anhören -- in den entsprechenden
Riesenrestaurants von Berlin oder Paris würde man den Kuckuck
dergleichen tun!! Das ist nicht etwa ein ganz vereinzeltes, sondern nur
ein besonders merkwürdiges Beispiel! Dieser hastende, eilende,
schreckliche, rasende Arbeitsroland von Neuyorker, hat immer ein wenig
Zeit und immer ein wenig Güte für das übrig, was man den »lieben«
Nebenmenschen zu nennen pflegt. Man merkt das auf Schritt und Tritt. Der
berüchtigte _policeman_ gibt einem in liebenswürdigster Weise über
alle möglichen und unmöglichen Dinge Auskunft; der reiche Kaufmann
empfängt ohne weiteres einen gänzlich Unbekannten, wenn dieser nur einen
halbwegs vernünftigen Zweck seines Besuches anzugeben weiß; der Nachbar
in der Bar oder im Restaurant hat immer Zeit übrig für eine
Liebenswürdigkeit, einen praktischen Hinweis, eine Verbindlichkeit einem
ihm völlig Fremden gegenüber. Und das ist wieder einer jener
Widersprüche, aus denen der moderne Neuyorker zusammengesetzt zu sein
scheint.
* * * * *
So löst es sich aus dem unentwirrbaren Rätselnetz der geheimnisvollen
Stadt heraus wie ein Leitfaden. Die dumpfe, graue, häßliche Luft, die
Wolkenkratzerriesen umhüllt und erbärmliche Hütten, märchenhaften
Reichtum und hündisches Elend, wahnsinnigstes Spekulationshasten und
großartiges schöpferisches Arbeiten, alle hohen und niederen Kräfte des
Weltgetriebes, -- hat eine Seele. Denn man kann wahrlich sagen, daß es
über diesem Ungetüm von Stadt wie eine letzte Essenz in der Luft liegt,
aus Großem und Kleinem, aus Schönem und Häßlichem zusammendestilliert:
Arbeit! Schaffen! Tätigkeit!
Und deshalb ist dieses Neuyork, das holländische Kaufleute gründeten und
Fremdlinge aller Nationen ausbauten, zu einem typischen Wahrzeichen des
Reiches Amerika geworden. Denn nur einen einzigen eigenem Charakterzug
hat dieses amerikanische Reich von Fremdlingen aller Nationen Gnaden:
Tätigstes Leben!
Die sogenannte Amerikanerin.
Der Lausbub und die Frauen. -- Die dumpfe Sehnsucht. -- Der
Mädelknopf. -- Der langweilige Zeitungsgeselle. -- Nicky's und
Flossy's Privatansichten. -- Die Frauen meiner Freunde. -- Mrs.
Burton und ihre Ehe. -- Gibt es eine amerikanische Frau? -- Die
Becken-Theorie. -- Die verdienende Amerikanerin. -- Die Tragödie
der Arbeit. -- Frauentypen. -- Die tolle Abstinenzlerin. --
Frauenverehrung? -- Der grobzotige Amerikaner. -- Das Gibsongirl.
-- Tausend Wahrheiten und tausend Widersprüche. -- Es gibt doch
keine »Amerikanerin«!
Mein eigenes Leben in der Stadt der hetzenden Eile und des
Dollarinstinkts als Ehrbegriff war tätig und nur tätig. Die komische und
doch auch wieder stark eigenartige Idiosynkrasie des Zeitungsmannes
verbot Beschäftigung mit allem, das nicht »_copy_«, Arbeit,
Zeitungsresultat produzierte. Was die Rotationspresse nicht brauchen
konnte, war an und für sich eine Nebensächlichkeit -- als Axiom! Alles,
was nicht Zeitungsstoff ergab, war verwerfliches, persönliches
Vergnügen, zulässig in bescheidenem Maße, aber doch verlorene Zeit --
entgangenes Gut!
So fraß man, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, den merkwürdigen
Neuyorker Ehrbegriff vom nur tätigen Leben in sich hinein, und lebte
höchst kulturlos wie die Neuyorker leben.
Kein besseres Beispiel dafür gibt es als die völlig untergeordnete
Rolle, die der weltenversetzende Begriff Frau in meinem Neuyorker
Zeitungsleben spielte.
Es hatte einfach keinen Platz übrig für Frauen!
Praktisch. Theoretisch stand es im Zeichen einer dumpfen Sehnsucht. Es
war dazumal Sitte in Neuyork, daß junge Männer, die gern witzig sein
wollten, in jenem verrückten Knopfloch des Männerrocks, für das kein
korrespondierender Knopf da ist, statt der Veilchen oder Chrysanthemen
ein weißes Emailschildchen trugen. Auf dem stand in roten Buchstaben:
_Girl wanted!_
Mädchen gesucht!
Es war das eine getreue Nachahmung der Ueberschrift in den
Annoncenspalten der Zeitungen, in denen Hausfrauen Dienstmädchen
suchten: _Girl wanted!_ Nur meinten die jungen Männer etwas ganz
anderes. Natürlich fielen die Mädchen immer wieder auf den Witz herein
und lachten, und die angenehme Atmosphäre ausgiebigen Flirts war ohne
weitere zeitraubende Vorbereitungen gegeben. Ich trug zwar keinen
solchen Knopf. Aber in meiner Seele war er stets angeknöpft: _Girls
wanted!_ Nur wollte es der Teufel des tätigen Lebens, daß jedesmal,
wenn der seelische Knopf wirklich einmal zum Vorschein kommen wollte,
schleunigst irgend ein praktischer (höchst interessanter!) Männergedanke
aus irgend einer Hirnecke hervorschoß und den schönen Augenblick
zerstörte. Nicky sagte einmal:
»Ein Mann wie du ist mir noch nicht vorgekommen! Ich möchte nur einmal
erleben, daß du es fertig bringst, länger als fünf Minuten
liebenswürdig zu sein! Bin ich nett zu diesem Mann -- und er erzählt mir
eine alte Mordgeschichte!«
»Verrückt...« brummte ich.
Und schüttelte verständnislos und arg geniert den Kopf.
* * * * *
Und ich lache und lache, daß mir die Feder wackelt in der Hand. Die
guten Götter bescheren mir in diesem Augenblick die Gunst, geisterige
Stimmen aus der Vergangenheit hören zu dürfen, für die ich völlig taub
war, als sie lebendig klangen. Sie schütteln die Köpfchen, die
Neuyorkerinnen von Anno dazumal, und ihre Stimmchen flüstern und lachen.
In grobmännliche Töne übersetzt, würden die Stimmen sagen:
Der Esel!
Der Idiot!
Der langweilige Zeitungsgeselle!
Welch grobgehobelter, seelenloser, verständnisbarer Idiot der Sausewind
von damals doch Frauen gegenüber gewesen sein muß! Sagte einmal Flossy:
»Deine Frau möchte ich nicht sein! Nicht für drei Millionen!«
»Erstens möchte ich nicht dein Mann sein,« antwortete ich, »und
zweitens weshalb nicht?«
»Soso und überhaupt,« meinte Flossy, und in ihre Augen kam der stark
wasserhaltige Seelenblick, den ich kannte und stets instinktiv als
höchst langweilig empfunden hatte.
»Ueberhaupt!« fuhr sie entrüstet fort. »Du würdest lieber in irgend
einer dummen Redaktion vier Stunden verquatschen als bei deiner Frau zu
sitzen und nett zu sein!«
»_Flossy, dear --_«
»Geh weg!«
»Weißt du was -- heute abend wollen wir ins Dachgartenrestaurant gehen.
Den Zigeunerprimas, der dort fiedelt und der so komische Verbeugungen
macht, findest du doch wundervoll!«
»-- und dann erzählst du mir wieder den ganzen Abend von deinen
langweiligen Reportergeschichten und --«
Aber sie ging doch mit.
* * * * *
Eines Abends saßen wir im Klub und stellten lachend einen Anfall von
allgemeiner Trägheit fest. Holloway hatte seine Pflichten auf einen
_assistant_ abgewimmelt, Burton sich vorzeitig aus der Redaktion
gedrückt, und Norris meinte gähnend, heute sollten einmal die anderen
arbeiten an seiner Stelle. Nach Hause gehen aber wollte keiner so recht.
Der eine stimmte für Poker, der andere für ein Varieté, der dritte für
einen Bowerybummel. Bis endlich Dick Burton entschied:
»Gaiety-Theater! Die Tänze sollen sehr hübsch sein. Und wir wollen die
_ladies_ mitnehmen!«
»Gut!« nickte Holloway.
Und es entstand ein allgemeiner Exodus nach den Telephonzellen, um die
Frauen herbeizurufen. Dicky hatte die Polstertüre offen gelassen und ich
hörte deutlich sein --
»Jawohl, ins Gaiety-Theater -- die Kinder sind doch schon im Bett --
bißchen fix, Lizzie, -- jawohl, ich bin hier im Klub -- wir gehen alle
miteinander -- du fährst natürlich mit der _elevated_ -- in dreißig
Minuten kannst du hier sein -- _au revoir, sweetheart_...«
Da riß ich die Augen weit auf und starrte den zurückkehrenden Dicky an,
als sei er auf einmal ein ganz anderer Mensch geworden. Nicht um alle
Welt hätte ich den Mund halten können --
»Bist -- du -- denn -- verheiratet, Dicky?«
»_Very much so_,« antwortete Dick erstaunt. »Aber sehr! Ganz
außergewöhnlich so!«
»Und du hast Kinder?«
»Einen ganzen Hut voll,« grinste Dick. »Vier Stück. Weshalb in aller
Welt denn nicht?«
»Buben oder Mädels?«
»Drei Buben und ein Fräulein,« antwortete Burton und sah mich
verblüfft an. »Weshalb fragst du eigentlich? Bist du nebenbei Agent für
eine Lebensversicherung geworden und soll ich vielleicht dein erstes
Opfer sein?«
Ich aber schnappte nach Luft und sah mich hilflos um. Waren die anderen
vielleicht auch verheiratet? Da lebte und arbeitete ich seit Monaten mit
diesen Männern in engster Gemeinschaft, kannte bis ins Kleinste ihre
Arbeit, ihre Leistungen, ihre Geldverhältnisse, ihre Eigenheiten; sie
waren mir Freunde und Brüder. Aber wo sie eigentlich wohnten -- wie sie
lebten -- und ob sie Frauen und Kinder hatten -- das wußte ich nicht!
Darüber hatten sie nie geredet!
»Ist Holloway auch verheiratet?« fragte ich leise.
»Gewiß. Was hast du denn heute?«
»M--m--mm--« brummte ich.
So verwundert war ich und so bodenlos neugierig, daß ich die Minuten
zählte bis zum Eintreffen der geheimnisvollen Frauen. Es dauerte auch
nicht lange, bis der Diener kam und dann immer wieder kam und immer
meldete, eine Dame warte im Empfangszimmer. Zu den geheiligten
Klubräumen selbst hatten Frauen natürlich keinen Zutritt. Der
betreffende Herr verschwand dann mit einer geradezu unheimlichen
Promptheit. Man läßt Frauen nicht warten in Amerika. Zufällig war Mrs.
Burton die letzte der eintreffenden Damen, und ich ging mit Dick
hinüber.
»_Halloh, Dick_,« sagte händeschüttelnd eine schlanke Dame, so jung,
schlank, zierlich und kleinmädchenhaft, daß der Verdacht in mir
aufstieg, Dicky müsse die Anzahl seiner Kinder renommistisch übertrieben
haben. Drei Buben und ein Mädel und -- Gott verdamm' mich, das kleine
Dings da...
»Mr. Carlé, Lizzie -- Mrs. Burton.«
»So erfreut, Sie kennen zu lernen!« sagte eine Kinderstimme. »Gehört
habe ich von Ihnen längst, und Ihre Arbeit kenne ich natürlich auch!«
Ich schnappte nach Luft.
Was? Nicht nur Kinder hatte das Kind, sondern sogar von unserer Arbeit
wollte es etwas wissen oder gar verstehen? Ich sah die anderen Frauen,
sie schienen alle jung und alle schlank zu sein, kaum an und machte nur
mechanisch meine Verbeugungen, weil ich meine Augen nicht von dem
merkwürdigen Kind lassen konnte. Im Varieté, es war eine _leg show_,
wie der Amerikaner diese noch klaftertief unter der europäischen
Operette stehenden Tanz- und Singgeschichten nennt, ein »Wadentheater«,
kümmerte ich mich wenig um die Bühne und die Beine, sondern
hauptsächlich um das Kind mit dem blonden Haar und dem Riesenhut, das
vor mir saß. Ich gedachte sie nachher gründlich zu interviewen, diese
Mrs. Burton.
Das war einmal eine neue Sorte! Leise lachend überlegte ich mir, daß ich
in meinen sechs Jahren amerikanischen Lebens doch recht wenig von Frauen
und Frauentum kennengelernt hatte, was bei der Art dieses Lebens ja
durchaus nicht zum Verwundern war. Aber komisch kam ich mir doch vor mit
meinem tölpelhaften Nichtwissen. War man da hurradix viele Tausende von
Meilen umhergekugelt -- wußte ganz genau, weshalb die Neuyorker Frau
notwendigerweise ein anderes Menschenkind sein mußte als die San
Franziskoer Frau -- vermaß sich kühnlich, ganz bestimmte Ansichten über
den verrohenden Einfluß großen Reichtums auf weibliche Reichtumsträger
zu haben -- lachte grimmig und wissend, wenn die amerikanische
Frauenmanie wieder einmal besonders groteske Verehrungsformen annahm --
und -- -- stand nun da wie vor einem unfaßbaren Rätsel, als einem die
doch nicht gerade gänzlich unfaßbare Tatsache gegenübertrat, daß
Männer, die man kannte, Frauen hatten... Heute, da sich mit scharfem
Erinnern besseres Verstehen paart, ist eine Lizzie Burton, das Kind,
eine Verkörperung des besten amerikanischen Frauentyps. Vielleicht mehr.
Bescheiden im Fragen bin ich nie gewesen. »Erzählen Sie mir alles über
sich selber!« bat ich das Kind schon bei den Austern im Restaurant.
»Wie unamerikanisch!« lachte Mrs. Burton. »Was ist das Problem? Wenn
Sie einen vernünftigen Grund anzugeben wissen, so würde ich vielleicht
-- --«
»Das Problem ist folgendes: Wie ist es möglich, daß ein Mann wie Dick
Burton, den ein lebenausfüllender Beruf so ziemlich die ganzen 24
Stunden des Tages in Anspruch nimmt, noch Zeit für Frau und Kinder übrig
hat? Ich meine, wie macht er es?«
Das Kind machte ein nachdenkliches Gesicht. »Sitzt mein Hut gerade?«
fragte es. »Ja? Sie sollten sich wirklich eine Frau nehmen...«
Und dann erzählte mir diese gute und gescheite Frau in sonderbar
großmütterlicher Art -- ein kleiner Junge schien ich mir ihr gegenüber
-- wie zwei Kameraden sich ihr Leben teilten. Es waren nur Andeutungen,
kurze Strichelchen. Ich hörte mit grenzenlosem Erstaunen, daß diese Frau
die Arbeit ihres Mannes Gedanken um Gedanken, Zeile um Zeile fast,
mitlebte, die Persönlichkeiten und die Leistungen der Neuyorker
Zeitungswelt weit besser kannte als ich, der ich mitten in diesem Leben
stand, und Kinder erzog dabei, und genug eigenen Ehrgeiz übrig behielt,
sich an Frauennovellen zu versuchen. Fast sonderbarer noch wirkte es
auf mich, daß dieser Dick Burton, der rasende Arbeiter, der »gemütliche
Junge«, der anscheinend immer im Zeitungsgebäude oder im Klub war, es
doch fertig brachte, viele Stunden im Tag mit seiner Frau zu verleben
und seine Zeit auf das Raffinierteste einteilte, um ebenso raffiniert
darüber zu schweigen. Wie gut der Amerikaner den Mund halten kann, wußte
ich längst; wie gründlich er diese Tugend übt, wenn es sich um sein
Eigenstes handelt, lernte ich jetzt. Und nahm eine Lehre mit, die
merkwürdigerweise dem Lausbuben später eine Art Ideal werden sollte.
Sagte das »Kind«:
»Ihr Männer -- und mit euch die meisten Frauen -- glaubt immer, die Ehe
sei eine ganz sonderbare Sache, so eine Art Dauerkonzert von Engelmusik
mit gelegentlichen Teufelsmißtönen zur Abwechslung, auf jeden Fall aber
ein grandioses Ereignis, dem (das sagt ihr, wenn ihr klug seid) das
langweilige Ebenmaß folgen muß, das alle großen Ereignisse beschattet.
In Wirklichkeit aber ist die Ehe, mein lieber Junge, etwas ungeheuer
Einfaches. Zwei gute Freunde hausen eben zusammen und sind bald ernst,
bald traurig, bald toll ausgelassen, bald selig begeistert, wie der Tag
und die Stunde es bringen mag. _That's all._ Das ist alles. Kameraden.
Dabei ist es weder dem Mann verboten, zu verehren, noch der Frau, zu
bewundern, aber der Witz ist das Gutfreundsein. Kapiert?«
* * * * *
Was damals nebensächliches Schauen, naives Zugucken, ziemliches
Nichtverstehen war, verdichtet sich heute in der Reife des Urteils aus
tausend kleinen Erinnerungen an Hunderte von weiblichen Menschen zu
einem Bild der amerikanischen Frau.
Doch erfasse ich es wirklich recht?
Gibt es denn eine amerikanische Frau?
Kann man aus dem Zettelkasten der Erinnerung tatsächlich ein
Schublädchen hervorziehen, das die Aufschrift trägt: Die Amerikanerin???
Sind wir nicht =Menschen= allzumal auf dieser runden Erdkugel? Männer
oder Frauen erst in zweiter Linie? Einander gleich und ebenbürtig,
lächerlich wenig im Grunde doch nur beeinflußt von der abweichenden
Kompaßnadel nationaler, klimatischer, gesellschaftlicher
Spezialeigenarten?
Es scheint mir ein sonderbares Beginnen, die Frauen des
nordamerikanischen Erdteils unter den Hut einer Gesamtklassifizierung
bringen zu wollen. Das wäre fast so komisch als das Streben jenes
englischen Gelehrten, der einst die lapidare Theorie aufstellte:
Amerikanerinnen bringen ihre Kinder schwer zur Welt. Sie leiden
außerordentlich unter der Geburt und sind feststehend unfähig, über drei
Kinder zu produzieren. Ich, der englische Gelehrte Soundso habe die
Lösung gefunden -- --
Meine Untersuchungen gingen von den Indianerstämmen aus, zu neu
eingewanderten Frauen über, zur zweiten Generation dann, und zur
dritten, der typisch amerikanischen, endlich. Diese dritte Generation
von Frauen, die wirklichen Amerikanerinnen, leiden an einer
eigentümlichen Verhärtung der Knochensubstanz, die gleichzeitig eine
Verengerung der ausschlaggebenden Beckenknochen oder vielmehr deren
völlige Unbeweglichkeit herbeiführt!
Ueber die Gründe war sich der gelehrte Herr nicht recht klar, glaubte
jedoch an besondere atmosphärische Einflüsse und erwog sogar höchst
ernsthaft, ob nicht die ungeheuerlichen Ausdünstungen des Großen
Salzsees das böse Karnickel sein könnten...
Oh ja, man glaubt das in Amerika!
Man ventilierte bänglich die Beckenfrage -- eine Zeitlang zum wenigsten.
Genau so glaubt man in Europa, daß es eine merkwürdige typische
Amerikanerin gebe, die ganz bestimmte Eigenschaften haben müsse. Das
gibt es nicht! Und so möchte ich mich dagegen verwahren, eine
Schubladenetikette prägen zu wollen. Sondern, was ich von der
Amerikanerin gesehen habe, von ihr weiß, über sie las, sei gegeben als
ein Bildchen -- Menschen daran zu erinnern, daß wir überall in erster
Linie =Menschen= sind und bleiben.
* * * * *
Die amerikanische Frau...
Wieder ist der alte Trick wirksam, über die feinen Dunstgebilde einer
Zigarette hinweg in die dunkle Ecke zu starren, bis es sich im Schatten
regt und rasch huschend Bilder sich bilden und im Gedankenreich
Gestalten kommen und verschwinden.
Da ist eine Neuyorker Straße, wimmelnd von Neuyorkerinnen, die zu ihrer
fleißigen, tüchtigen Tagesarbeit eilen, groß behutet, elegant beschuht,
sündhaft teuer oft umhüllt. Sie arbeiten wie der Teufel, acht Stunden
lang im Tag, reden eine Jargonsprache, die hart ist und grausam nüchtern
wie der amerikanische Dollar, sind gerissener, schlauer, berechnender
als die Männer neben ihnen, wenn sie auch verhältnismäßig selten die
absolute Freude an der Arbeit, die fast ideale Schaffensbegeisterung des
amerikanischen Mannes erreichen. Mir schwebt unbestimmt ein Zitat vor,
das wahrscheinlich falsch ist, aber auch dann gescheit: Ein Pfaffe ist
entweder eine wandelnde Tragödie oder eine unanständige Posse... So das
durchschnittliche Neuyorker Mädel.
Eine Tragödie entweder von Arbeit, so hart, daß es einem das Herz
beklemmen könnte, wenn man daran denkt, und einem jämmerlichen
Mietzimmerchen, und einem todmüden Mädel, das spät abends heimlich ihre
Taschentücher im Waschbassin wäscht, und Garderobe flickt, und über dem
Spiritusapparat das kleine Bügeleisen erhitzt, die Bluse zu plätten, die
nun einmal tadellos sein muß. Und dann halb im Schlaf, auf dem Bett
sitzend, jenes Haarbürsten, fünfzig Bürstenstriche links, fünfzig
Bürstenstriche rechts, das dem müden Mädel allabendlich wie eine
Höllenplage vorkommt und doch getan werden muß, weil ein gepflegtes
Aeußeres zum Fortkommen im Leben genau so gehört wie die Arbeit selbst.
Gebürstet muß werden, mag der Rücken auch noch so schmerzen und die
Augen sich auch noch so sehr gegen das Offenhalten sträuben, und
beileibe darf es das arme Ding nicht versäumen, die Nagelhäutchen mit
dem Beinstäbchen zurückschieben und die Nagelflächen zu glätten, mag es
sich auch halbtot gähnen dabei. Denn das Geschäft verlangt gepflegte
Hände. Man kann diesen Tageslauf von schwerer Arbeit und jämmerlichem
Sichabplagen um die unbedingte Notwendigkeit einer gefälligen äußeren
Erscheinung die Tragödie der mittleren amerikanischen Frauenarbeit in
Warenhaus und Geschäftskontor nennen. Die Kehrseite der Tragödie, die
vom zierlichen Lustspiel bis zur, wie gesagt, unanständigen Posse
reicht, ist dann natürlich das Ausnützen der geschäftlich nötigen,
gefälligen äußeren Erscheinung zu Theaterbilletts, nicht anscheinend
sondern wirklich eleganter Garderobe, netten kleinen Abenddiners,
wunderschönen Blumen, die schließlich die Essenz jener lustigen und im
Grunde harmlosen Liebesverhältnisse sind, von denen es nur so wimmelt im
Lande der anscheinend grenzenlosen Frauenverehrung. Und die unanständige
Posse tritt dann in Erscheinung, wenn an Stelle der gelegentlichen,
netten Diners gewohnheitsmäßiger Sekt tritt und die elegante, kleine
Wohnung. Es gibt eben kein Klischee. Im Prinzip soll und muß von Rechts
und Moral wegen das amerikanische Weib eine Göttin sein -- in der Praxis
wird ihr häufig genug die weniger anspruchsvolle Rolle einer Amorette
zugewiesen...
Die Bilder in der Schattenecke huschen.
Und die Gestalten sind sich merkwürdig unähnlich. Da ist das süße,
verlogene, amerikanische Geschöpfchen, das Billy mit Teddy betrügt und
Teddy mit Joe, und Joe mit Nr. 4 und so weiter durchs große Einmaleins,
und mit sechzehn Jahren schon lügen und schwindeln kann, daß sich die
stählernen Balken eines Wolkenkratzers vor Entsetzen biegen könnten;
extra dazu geschaffen scheinend, den gräßlichsten Unfug in Herzen und
Taschen anzurichten. Da ist in grellem Gegensatz das frische, gesunde,
selbstbewußte Mädchen, das sein junges Leben nach dem gesunden Grundsatz
lebt, ein »anständiger Kerl« zu sein. Da sind amerikanische Frauen, die
träge in den Tag hineinleben, sich von ihren dummen Männern verehren
lassen, und jeden hart verdienten Dollar zum Fenster hinauswerfen, ohne
einen anderen Besitztitel auf Verehrung zu haben, als den einen, daß ein
gütiges Geschick sie mit dem weiblichen Geschlecht bedacht hat -- da
sind aber auch, und zwar so zahlreich wie die Göttinnen, nämlich zu
Hunderttausenden, die tüchtigen weiblichen Menschen, die verheiratet,
oder unverheiratet, ihre Pflicht tun und vor sich selber und den anderen
den Kopf hochhalten, weil sie Respekt vor sich haben.
Da ist die Leichtsinnige, die Prüde, die küchenfuchsige Frau, deren
Lebensstolz und Lebenszweck ihre Kuchen sind und sonst nichts; da ist
die Affenmutter, die ihren kleinen Bengel mit heißer Mutterliebe zu
einem Scheusal von Menschen verzieht; da ist die giftmischende
Klatschbase, da ist die Gesellschaftsgans -- sie alle sind im lieben
Dollarland so häufig und so selten wie anderwärts auch.
Wie darf man eigentlich von »der amerikanischen Frau« reden, wenn die
einen Betschwestern sind, die sich mit Abscheu von jedem männlichen
Wesen wenden würden, das nur ein einzigesmal bei dem sündhaften Genuß
eines Glases Bier ertappt worden ist, und die anderen tolle
Bacchantinnen, bei deren Wackeltänzen einem guten alten griechischen
Satyr ob dieser grotesken Verzerrung des Geschlechterspiels die Haare
auf dem Bockskopf zu Berge stehen würden?
Wie kann man sich klar sein über das Wesentliche in der Stellung der
amerikanischen Frau, wenn im gleichen Erinnern sich so verschiedene
Vorstellungen begegnen wie die folgenden:
Gab's da zu meiner Zeit eine Mrs. Wieheißtsiegleichnoch -- ich habe den
Namen vergessen, aber die Persönlichkeit ist kulturgeschichtlich -- aus
Kansas City im Staate Kansas. In die war der Wassergeist der
Abstinenzler gefahren. Schön und gut. Ansichtssache. Weniger schön und
gut aber war es, daß sie sich eine innere Stimme fabrizierte, die ihr
allsogleich befehlen mußte, die Trinkstätten des Teufels zu vernichten.
Das unangenehme alte Weib -- zum Verständnis der Situation muß betont
werden, daß die Dame weder jung noch schön war -- nahm also ihr
Küchenbeil, begab sich in die nächste Bierkneipe und schlug sämtliche
Gläser und vor allem die teuren Spiegel kurz und klein. Das war in
Kansas City, wo in einigen Tagen in allen Wirtschaften die Gläser rar
wurden. Sie dehnte dann, weil's so schön war und die Wasserapostel
lauten Beifall heulten, ihren Siegeszug über ganz Amerika aus. Ohne in
ein Irrenhaus eingesperrt zu werden, ohne Folgen als gelegentliche
kleine Geldstrafen, ohne daß sich auch nur einer der brutalisierten
Wirtschaftesitzer gewehrt, die Megäre gepackt und aus seiner Wirtschaft
hinausgeworfen hätte!
Denn so tief ist, so sagte man damals halb kopfschüttelnd, halb
entzückt, in der amerikanischen Oeffentlichkeit die Verehrung des
Amerikaners für den Begriff Frau, daß er selbst in solchen Fällen das
Geschlecht respektiert. Sehr schön!
Der gleiche Amerikaner aber, das muß einmal konstatiert werden,
behandelt in getreuer Nachahmung seines englischen Vetters die Aermsten
der Armen unter den Frauen mit einer so gemeinen Brutalität, wie sie
anderswo in Ländern weißer Männer kaum zu finden sein dürfte. Im Bordell
betragen sich die amerikanischen Muster eingefleischter, mit Muttermilch
eingesogener Ritterlichkeit wie Bestien -- als müßten sie sich von der
aufgezwungenen Anbetung von Göttinnen einmal gründlich erholen. Die Dame
eines Hauses im elegantesten Teil des Neuyorker Tenderloin -- die Gäste
der Maison hatten den Abend vorher für Tausende von Dollars Möbel
demoliert, und ich besah mir den Schaden -- erzählte mir einmal in der
unbefangenen Geschäftsmanier ihrer Klasse, sie gedenke ihr Etablissement
in das billige und anspruchslose Ostende der Stadt zu verlegen, denn die
»gute« Gesellschaft ruiniere sie! _Why, they are always jumping the
bill!_ jammerte sie. Sie zahlen nicht! Sie danke verbindlichst für die
üblichen Gesellschaften von sechs oder sieben Herren in Lack und Frack,
die eben von irgend einem vornehmen Ball kämen, »Krach« schlügen bei
ihr, Sekt tränken, und dann Arm in Arm johlend davonzögen, ohne einen
»roten Cent« zu bezahlen. _Policeman?_
»Ach, einen Polizisten fressen diese jungen Teufel einfach auf!...«
erklärte Madame. Das mag nur eine kleine Aeußerlichkeit scheinen --
randalierende, bezechte, »feine« Herren gibt es auch anderwärts. Wer
sich aber einmal von dem Glauben an die immer unbedingte Herrschaft des
Weibes in Amerika heilen will, der gehe in ein amerikanisches Bordell!
Er wird dort von Männern der guten Klasse einen Unterhaltungston,
Ausdrücke, eine tierische Behandlung der Mädchen, Dinge überhaupt, sehen
und hören, die einen halbwegs anständigen Menschen anwidern müssen.
Typisch ist auch in Amerika, daß der scharf zugespitzte Scherz mit
zotigem Einschlag, der anderswo zwar ungezogen, aber graziös ist, stets
in platte Gemeinheit, in brutale Wortdeutlichkeit ausartet. Sie läßt
einem die Haare zu Berge stehen, die amerikanische Zote der guten
Gesellschaft!
Wo bleibt da die Frauenverehrung?
In das gleiche Gebiet gehört das systematische Ausbeuten der
Frauenarbeit, das in Amerika mindestens ebenso schamlos betrieben wird
wie irgendwo in der Welt; in der Textilindustrie vor allem und in der
Konfektion. Die Zustände in der Neuyorker Konfektion, den Schwitzläden,
spotteten zu meiner Zeit jeder Beschreibung und sind heute noch
unverändert.
Was bleibt nun übrig vom Typ der Amerikanerin, der sogenannten
Amerikanerin?
In der Erscheinungen Flucht haftet das Auge auf dem Auffallenden, dem
Außergewöhnlichen.
Wenn wir uns den Begriff Amerikanerin vorstellen, so tritt wohl uns
allen, mögen wir Amerika kennen oder nicht, ein ganz ausgeprägtes,
rassiges »amerikanisch-nationales« Bild von einer Frau vor die Augen,
die mit mädchenhafter Schlankheit die stolze Haltung des
Selbstbewußtseins vereint. Wir sehen eine besonders schön geschwungene
Linie des Halsansatzes, sehr stark abfallende Schultern, einen Mangel an
allem, was man Ueppigkeit nennen könnte, kräftig blondes Haar, und ein
Gesicht, das regelmäßig und schön ist, aber eigentümlich kalt-süß
anmutet. Amerikanerinnen, die so aussehen, gibt es namentlich in der
besten Gesellschaft, gibt es zu Tausenden, vielleicht zu Zehntausenden.
Aber der Typ ist dieses Bild durchaus nicht, sondern wir bilden ihn uns
nur ein, weil -- Mr. Gibson von des amerikanischen Gottes Gnaden, der
berühmte Yankeefederzeichner, sich gerade auf diese Amerikanerin verbiß,
sie tausendmal zeichnete, millionenmal über alle Welt hin reproduzieren
ließ, und sämtlichen Künstlerkollegen von Stift und Pinsel das gleiche
amerikanische Frauenbild in den Schädel hypnotisierte. Wir alle aber
glauben getreulich:
So sieht die Amerikanerin nun eben einmal aus!
Ein ähnlicher Vorgang, das Haftenbleiben am Auffallenden,
Außergewöhnlichen, wiederholt sich in dem allgemeinen Begriff der
sogenannten Amerikanerin. Im gebildeten Durchschnittsgehirn wird der
bloße Artname Amerikanerin augenblicklich und mechanisch eine ganze
Reihe von Vorstellungen auslösen:
Amerikanerin, _Lady_, Rührmichnichtan, märchenhafter Reichtum, Tochter
wunderschön, Mutter gräßlicher Parvenü, hehre Göttin, vor der alles
Staubmännliche in die Knie sinkt, Dollarprinzessin, prachtvolles
Menschenkind, denn lügenfrei und knochenehrlich, und so weiter. Nach
Reflexion ergänzt sich die Reihe der Vorstellungen: Vernünftigere
Erziehung, bessere Stellung der Frau, aber verzerrt zur
Weiberherrschaft; bekannte Sache, sehr erklärlich aus den Zeiten, da in
dem neuen Land die Frauen rar waren...
Das alles ist ebenso gescheit wie dumm, ebenso richtig wie unrichtig.
Man darf nie vergessen, daß in einem Land, das stetig, und zwar immer
von heut auf morgen, stärkster Entwicklung unterworfen ist, sich gar
nichts, aber auch gar nichts klischieren läßt. Ich könnte zum Beispiel
die absolut richtige Behauptung aufstellen:
Amerika ist ein Land, in dem die Männer die Kriminalromane erleben und
fast nur Frauen die Kriminalromane schreiben!
Sämtliche aber an diese Tatsache etwa geknüpfte Folgerungen wären
grundfalsch... Es wird auch in Amerika mit Wasser gekocht und auch die
Amerikanerinnen sind Menschen, wandelnd in der Prozession der
Menschlichkeiten. Sind dumm oder gescheit, fleißig oder träge, anständig
oder unanständig. Weibchen oder Menschen. Aber man kann nicht sagen, daß
eine Amerikanerin bestimmte nationale Eigenschaften haben muß, so etwa
wie sich aus dem amerikanischen Mann als nationaler Begriff die
intensive Arbeit herausdestillieren läßt. Es ist wahr, daß die
amerikanische Frau eine schlechte und verschwenderische Hausfrau ist,
aber es ist ebenso wahr, daß sie sparen kann bis aufs Letzte, wenn die
Not ins Haus kommt. Es ist wahr, daß sie bodenlose Ansprüche an den Mann
stellt, aber es ist auch wahr, daß sie für ihn arbeitet und für ihn
sorgt, wenn es sein muß. Es ist wahr, daß ihr die Pfäfferei und die
Prüderie der Engländer noch in den Knochen stecken, und es ist
ebensowahr, daß sie frei und groß und menschlich denken kann.
Wo ist da das Letzte, das Ausschlaggebende, =das= Amerikanische?
Wo ist die sogenannte Amerikanerin?
Vielleicht hat mir einst die Persönlichkeit Lizzie Burtons diese Frage
beantwortet. Noch ist die Eigenart der Amerikanerin nicht greifbar
deutlich zu erkennen im großen Zug, denn ein Wust von Ueberliefertem
umgibt sie und streitet mit Neuem. Ist doch die anscheinend so echte
Dollarprinzessin nichts weiter als uralter englischer Reichtumsdünkel,
ein wenig freiheitlicher auflackiert; die Prüde, im Grunde ein Produkt
ebenfalls englischen Puritanertums, und durch das amerikanische
Sektenwesen noch ein wenig mehr belastet; die Anspruchsvolle, eine naive
Nachahmerin ihrer nationalen Urgroßmütter, die in Schiffsladungen nach
dem neuen Männerland gebracht wurden und begehrter waren denn
Edelgestein. Mit all diesen Dummheiten kämpft jedoch sicherlich, und
zwar ohne daß die männlichen und weiblichen Leutchen es wissen, in
selbstverständlicher Entwicklung die kerngesunde, praktische,
vernünftige Eigenart des amerikanischen Landes. Und schließlich wird
vielleicht einmal aus der jetzigen sogenannten Amerikanerin, die recht
unamerikanisch sein kann, ein nationaler Typ entstehen. Die praktische,
kluge, stolze Frau, die ihr Geschlecht weder unterschätzt noch
überschätzt, und die Erde der Arbeit mit dem Himmel des Gefühls in
Einklang zu bringen weiß, ohne ein Närrchen zu sein, oder ein
poesieloses Mannweib. Vorläufig aber darf man weder in der
Dollarprinzessin noch in der anspruchsvollen Göttin noch im armen
Arbeitstier die wirkliche Amerikanerin zu erblicken glauben -- denn eine
wirkliche Amerikanerin gibt es noch nicht...
Wie das Wandern wieder begann.
Meine periodische Frühlingsdummheit. -- Das große Neuyork ist zu
klein für mich. -- Die Sehnsucht nach dem großen Ereignis. --
Hinaus! Erleben! -- Die neue Wanderschaft beginnt. -- Journalist im
Herumziehen. -- Der pennsylvanische Bergarbeiterstreik. -- Der
Sergeant wird ausgepumpt. -- Ich schlage der Miliz ein Schnippchen.
-- Die Bergleute schlagen mir ein Schnippchen. -- Das Ende des
Streiks. -- Seine Ursachen. -- Ein raffiniertes Ausbeutesystem. --
Die Blechmarkenwirtschaft. -- Journalistenfahrten kreuz und quer.
-- Das Ereignis fehlt immer noch...
Die ganz großen Dummheiten im Leben habe ich immer in den Zeiten des
Jahres gemacht, da der Frühling nahte. Wenn andere Menschen zu sanfter
Lyrik sich neigten und in beifälligen Sehnsüchten des Bibelworts
gedachten, das Alleinsein des Menschen sei nicht gut, dann wurde irgend
etwas in mir gewaltig rebellisch, und die Gehirnkämmerchen, in denen die
Tollheit, der Wandertrieb, die Veränderungssucht eine Zeitlang
wenigstens wohl verwahrt gewesen waren, müssen dann plötzlich ihre
Türchen geöffnet und meinen Schädel mit ihrem gefährlichen Inhalt
überschwemmt haben.
Und so ist es auch an einem Vorfrühlingstag gewesen, an einem jener
wundervollen Tage, deren herbe Luft und junger Sonnenschein wie eine
Verkündung neuer Kraft und neuen Werdens den Menschen packen, als ich
im tollen Verkehrsgebrause den Broadway hinunterschritt und im Gehen
wirre Träume träumte um mein liebes Ich herum.
Ich bin im Luftschlösserbauen nie sparsam mit Material und
Größenverhältnissen gewesen und verzichtete auch diesmal auf alle
Kleinlichkeit. Ich sehe die Luftschlösser noch ganz genau vor mir. Es
ist mir erinnerlich, daß ich in dem rasenden Tempo, das solchen Träumen
eigen ist, einen neuen kubanischen Feldzug erlebte, nur mit dem kleinen
Unterschied, daß ich nicht Signalmann war, sondern kommandierender
General der amerikanischen Armee, um dann mit einem in Träumen furchtbar
leichten Uebergang Zeitungsmilliardär zu werden und als Besitzer von
einigen Dutzend Riesenzeitungen die Geschicke eines Erdteils zu
beeinflussen, und nun, _presto_, neues Zauberbild, das Knirschen und
Rauschen von Eisenbahnbremsen zu hören und den sausenden Luftzug
jagender Fahrt auf der Lokomotive zu verspüren. Ich weiß noch so gut,
als stünde ich wiederum an der Ecke von Broadway und 58. Straße, wie das
Gedränge mich aus den Träumen scheuchte, und ich sehe noch das
entrüstete Gesicht der jungen Dame, der ich in den Arm gelaufen war, und
höre noch das scharfe »_sir!_« ihres Begleiters. Und ich entsinne
mich sehr wohl, wie nun auf einmal meine goldene Frühlingslaune
tollfröhlichen Träumens in bittere Unzufriedenheit umschlug.
Langsam schlich ich mich in mein Zimmer im Montgomery und setzte mich
ans offene Fenster.
Wie das nach Rauch und Schmutz roch trotz aller Frühlingsluft! Wie grau
und düster die Häuser aussahen trotz allen Sonnenscheins und wie
langweilig das lärmende Getriebe da unten doch war, wenn man wußte, daß
es aus gleichgültiger Tagesarbeit strömte und zu gleichgültiger
Tagesarbeit ging. Die Wolkenkratzer, wie waren sie altbekannt und fade;
die riesigen Häusermassen, wie ausdruckslos geworden!
War man denn allezeit verdammt, immer die gleichen Dinge zu sehen und
immer die gleichen Menschen zu beschreiben und immer täglich sich den
Kopf zerbrechen zu müssen darüber, welche Kleinlichkeit morgen wieder
die dollarbringenden Zeilen füllen sollte!
Ich kam mir bemitleidenswert vor.
Ich hatte Sehnsucht.
Die Rebellion in mir war im schönsten Zug.
Ich dachte an die Männer um mich. Dick Burton war vor kurzer Zeit als
Korrespondent nach London geschickt worden; Frank Holloway erst vor
einigen Tagen nach den Philippinen abgegangen, um eine glänzende
Stellung im Stab des amerikanischen Gouverneurs einzunehmen. Unter den
anderen summte und surrte es ständig von Riesenprojekten.
In der knappen bestimmten amerikanischen Art wurde da besprochen, wie
dem Kupfertrust der Garaus gemacht werden sollte, oder die
republikanische Partei gestürzt, oder der Balkankrieg »gemacht«, wenn es
im nächsten Herbst da unten endlich losgehe. »Im Herbst brennt es auf
dem Balkan«, war überhaupt eine stehende Phrase. Der eine sprach mit
Vorliebe davon, einen Schoner auszurüsten und die Südseeinseln zu
befahren; der andere wollte demnächst nach Alaska, um einmal etwas
Gescheites zu schreiben und nebenbei schnell einige Millionen Gold zu
ergraben. Dieser sehnte sich nach dem Wirrwarr südamerikanischer
Republiken, jener wollte die Wracker und Küstenpiraten der kleinen
Floridainseln in ihren Schlupfwinkeln belauschen, ein dritter ein
Reklamebüro gründen, das Amerika mit seinen nagelneuen glänzenden Ideen
faszinieren und natürlich ein Märchenvermögen einbringen sollte. Wo bei
diesen endlosen Projekten der Scherz aufhörte und der Ernst begann,
hätten auch viel ernstere und erfahrenere Leute nicht beurteilen können,
denn Leistungen hatten sie alle schon zu verzeichnen, waren alle
Sausewinde, und gehörten alle einem Lande an, in dem Journalisten häufig
Minister werden, noch häufiger erfolgreiche Politiker, und am
allerhäufigsten Leiter großer kaufmännischer Unternehmungen.
Sollte ich da verwundert und gierig immerdar nur zuhören!
Und ich starrte zum Fenster hinaus und schalt mich einen Narren, der
bienenemsig kleine Dinge zusammenarbeitete und philisterhaft zufrieden
war damit, sich satt zu essen und ein unbekannter kleiner Reporter zu
bleiben. Hinaus mußte man aus diesem Neuyork, wo die großen Namen und
die großen Könner einen bedrängten! Wagen mußte man! Sich rühren und
regen! Erleben, um schildern zu können! Wer rastet, rostet!
Ich holte mir die Argumente nur so aus dem blauen Frühlingshimmel
herunter, zu Dutzenden, zu Hunderten, und kam mir mit jeder Minute
ernster, strebender, bedeutender vor. So etwa, als überschritte ich voll
Wagemut einen Rubikon. Es kam mir gar nicht in den Sinn, als sei ich
vielleicht im Begriff, eine große Dummheit zu machen, sondern es schien
mir, als wäre ich auf einmal sehr gescheit geworden.
Man merke, wie sonderbar Frühlingslüfte manchmal mit Menschen spielen.
Hinaus! Erleben -- die Sehnsucht!
Es war doch einfach nicht zum Ertragen, hier in Neuyork zu sitzen, sein
glänzendes Auskommen zu haben, nicht von Sorgen belastet zu sein, in
bravem Einerlei zu arbeiten -- und zu wissen dabei, daß es irgendwo
draußen noch eine Welt gab, in der etwas los war. Mit Macht trieb es
mich hinaus. So! Nun stand mein Entschluß fest. Fort! Als aber die
Unvernunft glücklich gesiegt hatte, erwog ich ganz vernünftig Mittel und
Wege zur Ausführung. Fünf Minuten lang etwa. Hatte nicht Frank Holloway
beim Abschied gesagt:
»_Stick to the human interest side of it, kid!_«
»Halt dich ans Menschliche, Kleiner!«
Das war nun Zeitungsslang gewesen, aber für den Eingeweihten klar wie
Quellwasser. Die amerikanische Zeitung verlangt nackte Tatsachen und
genaue Einzelheiten, wünscht aber als Garnierung das »menschliche
Interesse«, das auf Herzen und Vorstellungskraft wirkt. Das ist eine Art
Allgemeinrezepts und als solches ein miserabler Mischmasch; wird aber
ehrfürchtig befolgt. Weil ich nun -- so sagte mir Holloway -- in rein
naivem Auffassen nur Menschliches, mir ganz Persönliches schilderte, was
der routinierte Zeitungsmann überhaupt gar nicht mehr fertig brachte, so
wurden meine Sachen eigenartig befunden und genommen.
Denn Zeitungsmann blieb ich natürlich. Nichts anderes war möglich --
Selbstverständlichkeit!
»Halten wir uns also ans Menschliche!« murmelte ich vergnügt vor mich
hin. Und kam mir so begeistert vor, und so tatkräftig, und so
willensstark, und nicht einmal als Ahnung dämmerte es in mir auf, daß
wieder einmal Wandertrieb und Veränderungssucht mich gepackt hatten. Der
Zufall wollte es, daß schon der erste Blick in die Zeitungen mir eine
Aufgabe zeigte, die mir gefiel. In einem Teil der pennsylvanischen
Kohlenregion in der Nähe Pittsburgs war ein Streik ausgebrochen, der zu
schweren Ausschreitungen geführt hatte. Eine Kompagnie der
pennsylvanischen Staatsmiliz war mobilisiert worden. Die Neuyorker
Blätter brachten lange Berichte über die Ursachen des Streiks, die
Aussichten auf Beilegung, die beiderseitigen Interessen, aber
Schilderndes war nicht so recht da.
Hier wollte ich den menschlichen Hebel ansetzen! Ich!