Schnell wie ein Blitz kommt über einen die Erleuchtung. Unter den
politischen Neuyorker Angelegenheiten steht da eine winzige Notiz,
daß die Frage der _sweat shops_ durch einen Ausschuß des Stadtrats
geprüft werden soll. Wahrscheinlich ist sie mit einem zynischen
Grinsen in den Satz gegeben worden. Die Zeitungsleute kennen diese
Untersuchungskommissionen Neuyorks. Sie sind hauptsächlich dazu da,
damit die Mitglieder der Kommission Diäten verrechnen können, amtliche
Ausgaben, Taggelder. _Sweat shops_ auch noch! Wenn schon -- man
kennt das. Man kennt das Elend der »Schwitzläden«, in denen arme
Arbeiterinnen in fürchterlich überfüllten Räumen für Hungerstücklohn
zwölf Stunden lang im Tag Weißzeug nähen, und Arbeiter sich beim
Fabrizieren der billigen Konfektion die üblichen Berufskrankheiten
holen, die Schwindsucht vor allem. In Neuyork ist gar nichts Lustiges
mehr am kleinen Schneiderlein. Man kennt das längst. Ganz Neuyork kennt
diese Dinge. Der Arbeitsmarkt ist unerbittlich und richtet sich nach
Nachfrage und Angebot. Da ist nichts zu wollen. Aber ein Bild steigt da
auf, in phantastischem Ahnen geschaut. Man sieht sich im Geist in einer
niedrigen Arbeitshölle, in der viele Menschen hocken, tiefgebeugt über
ihre Arbeit, nadelziehend ohne Unterlaß, nähmaschinentretend. Giftiger
Brodem ihrer Ausdünstung hüllt sie ein. Sie fädeln und treten, und die
Ereignisse ihres Lebens sind die Glockenzeichen, die Arbeitsanfang und
Arbeitsende bedeuten. Man sieht sich Seite an Seite mit einem dieser
Mädchengeschöpfe gehen und verspürt, daß neben einem das nackte Elend
schreitet. Ob es wohl lächelt, dieses Elend, und ganz zufrieden ist in
seiner fürchterlichen Hoffnungslosigkeit? Ob es schreit in bitterer
Anklage? Oder gar stolz ist und befriedigt, weil es dreißig Hemden
nähte im Tag und der andere Sklave an der Nähmaschine daneben nur
neunundzwanzig? Wie lebt dieses arme Geschöpf? Was ißt es, was trinkt
es, wie wohnt es, wie kleidet es sich, wie sehen seine Freuden aus,
welche Leiden muß es erdulden, von welchen Hoffnungen ist es beseelt?
Und man atmet tief auf und weiß, daß man im Schauenstraum ein Stück
Leben gepackt hat, und man verspürt wie rieselnden Glücksschauer die
Freude, die die Zeitung ihren Landsknechten dann und wann beschert, wenn
sie jung und begeisterungsfähig und durch den Zynismus allzugroßer
Erfahrung noch nicht verdorben sind. Nicht nur für Geld und Ehrgeiz
arbeitest du, so jubelt es in diesen Sekunden des Glücks, sondern du
sprichst zu vielen Menschen, und vielleicht vermagst du es, Hirne
nachdenklich zu stimmen und Herzen zu erschüttern, auf daß es diesen
Armen, die da hoffnungslos fädeln und treten, ein ganz klein wenig
besser ergehe. Vielleicht verschaffst du ihnen den Dollar mehr in der
Woche, diesen lächerlichen Dollar dieses reichen Landes, der den
Unterschied bedeutet zwischen Leben und Vegetieren...
Doch man wandelt nicht ungestraft im gewitzten Zeitungslande und atmet
nicht unverseucht die dollarschwüle Luft des brutalen Geschäftsgiganten
Neuyork. Sofort meldet sich der Praktikus:
Gute Sache!
Famose Idee. Richtig erfaßt! Die Zeitung würde verärgert lachen, brächte
man ihr eine volkswirtschaftliche Abhandlung über diese Schwitzläden,
denn längst schon ist dieses Problem von allen Seiten beleuchtet
worden. Sie wird sich freuen dagegen über das lebendige Schildern eines
Schwitzladenmädels und ihres Arbeitstags. Man muß das nur richtig sehen.
Auf die Augen kommt es an. Und man überlegt sich in raschem, geordneten,
zierlichen Nachdenken, wie das gemacht werden muß. Unter welchem Vorwand
man den Schwitzladen aufsucht. Wie man mit dem Mädel spricht. Wie man
sie behandelt. Scharf umrissen wie ein Programm liegt die Arbeitsaufgabe
da. Da ist auch schon der Titel:
»Ein Tag im Leben eines Schwitzladenmädels.«
Und aus dem nervösen Suchen und Tasten wird helle Arbeitsfreude. So, nun
rasch in den Klub. Hören und sehen, was vorgeht. Das Schwitzladenmädel
hat keine Eile.
In wenigen Minuten ist man im Klubrauchzimmer, in dem man sich noch
etwas mehr zu Hause fühlt, als selbst in der gemütlichen kleinen Wohnung
im Montgomery. Der riesige Tisch in der Mitte des Zimmers, hoch bepackt
mit den neuesten Zeitungsausgaben, mit Zeitschriften und _Reviews_,
ist wie ein lieber alter Freund. Die weiten Korbsessel, schwellend mit
vielen Kissen ein jeder, laden zur Beschaulichkeit. Der weißbejackte
Diener macht eine knappe Verbeugung, die mehr ein halb vertrauliches und
halb ehrfürchtiges Kopfnicken ist, und bringt ohne besondere Order den
winterlichen Morgentrunk. Die Whiskykaraffe, ein Kännchen mit heißem
Wasser, ein Tellerchen mit einigen Zitronenscheiben. Man schlürft
schwachen _toddy_, raucht die erste Zigarre --
Es ist ein stetes Kommen und Gehen in dem Raum von hastenden Menschen
mit nervösen Gesichtern, die sich im jagenden Tagewerk fünf Minuten der
Gemütlichkeit im weichen Sessel erhaschen wollen. Langweilige steife
Formen gibt es hier nicht. Man nickt sich zu, spricht in kurzen knappen
Worten, redet nur vom _shop_, von der Arbeit. Holloway kommt und setzt
sich einen Augenblick zu mir.
»'was Neues?«
»Nein. Bei euch?«
»Wie üblich. Hast du Burtons Prozeßbericht gelesen? Glänzend! Gut für
Dick!«
Und er beschäftigte sich angelegentlich mit seinem heißen Whisky. Ich
greife nach der _World_, um Dicks Arbeit, die ich vorhin nur
überflogen hatte, genau zu lesen. Sie ist ein Meisterwerk schildernder
Kunst, von Leben sprühend. Man hört die Menschen sprechen, sieht sie
sich bewegen, atmet die Atmosphäre der Tragik. Und man weiß, daß Dick
Burton spät heute nacht, wenn die Zeitungen zur Presse gegangen sind und
ihre Männer sich noch auf ein Stündchen im Klub versammeln, umjubelt
werden wird wie ein Sieger. Amerikanische Journalisten kämpfen zwar heiß
und bitter um den Tageserfolg, aber sie beneiden sich nicht gegenseitig
in Scheelsucht. Sondern sie geben dem Mann der großen Leistung ein
Bankett...
»Das _Journal_ muß sich heute 'ranhalten!« grinst Holloway. Sein
Lächeln ist ein wenig bittersüß. »Wir kommen sonst ins Hintertreffen.
Hm, die Verhandlung beginnt um Elf. Da hab' ich gerade noch vierzig
Minuten.«
»Machst du die Sache heute selber?«
»Ja. Jefferson und ich.«
»Kannst du mir eine Einlaßkarte für den Zuschauerraum geben oder
verschaffen?«
»Für den Pressetisch, meinst du doch? Nein. Du brauchst aber nur den
Gerichtsvorsitzenden um sein Visum auf deiner Visitenkarte zu ersuchen,
das er dir gern geben wird. Wäre ja noch schöner! Gehst du aus Neugierde
hin? Für dich ist dort nichts zu holen, _old man_.«
»Nicht am Pressetisch! Daß jede Zeitung dort doppelt und dreifach
vertreten ist, weiß ich selber. Aber vielleicht im Zuschauerraum. Es ist
mir beim Lesen von Dicks Arbeit und den anderen Stimmungsbildern
aufgefallen, daß alles beschrieben worden ist, der Angeklagte, die
Geschworenen, die Richter, die Menschenmenge im Zuschauerraum, nur
nicht, was die Leute im Zuschauerraum sagen, was sie sich zuflüstern,
welche Gesichter sie machen, was sie reden nachher draußen auf den
Korridoren, wie sie sich gleichgültig gebärden, vielleicht oder tief
erschüttert sind. Bei dieser Geschichte interessiert doch einfach alles,
und wenn man schon --«
»_Allright_,« sagte Holloway kurz. »Können wir gebrauchen. Du
machst das für uns. Hier, gib dem Gerichtsbeamten meine Karte und einen
Fünfdollarschein. Deine _copy_ muß spätestens um zwei Uhr fertig sein.
Addio. Höchste Zeit!«
Und man stürmt hastend zum Gerichtsgebäude, denn in wenigen Minuten
beginnen die Verhandlungen des dritten Tages dieses sensationellen
Mordprozesses, der ganz Neuyork in Atem hält. Der Zuschauerraum ist
schon vor einer Viertelstunde geöffnet worden und bis auf das letzte
Plätzchen besetzt. Doch der türhütende Gerichtsbeamte hat großen Respekt
vor der Visitenkarte des leitenden Redakteurs des _Journal_ und
inniges Verständnis für den grünen Fünfdollarschein. Die Türe öffnet
sich ein wenig und man drängt sich, gepufft, gestoßen, verwünscht, durch
die eng aneinandergepreßten Menschen, bis ein Plätzchen in einer Ecke
erobert ist. So -- oh! Nun heißt es, ganz Auge sein und ganz Ohr. Sich
schärfstens auf Beobachtung konzentrieren. Es ist elegantestes Neuyork,
das sich da drängt, denn die Einlaßkarten sind schwer erhältlich. Auf
einen Mann kommen mindestens fünf Frauen. Auf den Stühlen da sitzen
Damen, die offenbar der guten Gesellschaft angehören, Damen in kostbaren
Pelzen, wertvollen Straßenkleidern. Nur hören jetzt und schauen. Ein
scharfes Glockenzeichen. Der Angeklagte wird hereingeführt, die Richter
erscheinen, die Verhandlung beginnt. Sie ist im Grunde langweilig. Es
handelt sich um Beweisaufnahme darüber, ob die vergifteten Seltzerpulver
von dem Angeklagten gekauft worden sind, ob einer der vorgeladenen
Apotheker den Angeklagten wiedererkennt, ob das Papier und der
Bindfaden, in denen das Giftpaketchen eingehüllt war, über alle Zweifel
identisch sind mit dem gleichen Papier und demselben Bindfaden, die im
Hause des Angeklagten gefunden wurden. Doch von dem Ergebnis dieser
Beweisaufnahme hängt Leben und Tod ab. Dem Mann dort im eleganten
Prinz-Albert-Rock mit dem energischen, sehr sympathischen Gesicht droht
der elektrische Stuhl. Es ist totenstill geworden im Zuschauerraum.
Diese verwöhnten Frauen haben nichts Weiches, nichts Weibliches mehr.
Ihre Gesichtszüge sind straff angespannt. In ihren Augen ist die Gier
nach der Sensation und irgend etwas, das fast an ein wildes Tier
erinnert. Wie ein Keuchen geht es durch die stillen Reihen, wenn eine
Aussage, das Wort eines Zeugen, die Frage eines Richters wichtig
erscheint. Alle diese Menschen im Zuschauerraum spannen ihre Nerven an
zum Zerreißen... Und man schaut und schaut und prägt sich Gesichtszüge
ein, und Aeußerlichkeiten von Toiletten, und versucht zu erraten, was in
diesen Gehirnen vorgeht. Da -- der Drogist Soundso beschwört, dem
Angeklagten häufig Seltzerpulver verkauft zu haben! Und seine
Seltzerpulver nur sind in rosa Umschläge gehüllt!! Es sieht bös aus für
den Angeklagten! Die Gesichter werden noch härter, die Augen noch
gieriger, Frauenkörper beugen sich noch weiter vor, die Dünste der
Parfüms vermischen sich mit scharfem Schweißgeruch, das Keuchen wird zu
leisem aber messerscharfem Flüstern... Plötzlich erhebt sich der
Vorsitzende. Die Verhandlung wird aus irgend einem Grunde für einige
Stunden unterbrochen. Sekundenlang noch ist es still, denn die Hälse
recken sich nach dem Angeklagten, der abgeführt wird, und starre Augen
folgen ihm. Dann aber bricht ein Babel von Getöse los. Rücksichtslos
drängen, schieben, stoßen die Damen zur Ausgangstüre, schwatzend,
redend, zeternd. Die Gesichter sind knallrot vor Aufregung --
»Er hat's getan!«
»Ob heute noch das Todesurteil ausgesprochen wird?«
»Großer Gott -- nie wieder nehme ich ein Seltzerpulver...«
»Darf man dem armen Mann Blumen in die Zelle schicken?«
»Er hat's doch nicht getan! Man braucht ihm ja nur ins Gesicht zu
sehen, um das zu wissen, Maud!«
So schwirrt und flüstert und schreit es in grellen Stimmen und man läßt
sich schieben und stoßen und strengt nocheinmal Auge und Hirn zum
völligen Erfassen an. Jawohl, der Eindruck ist gepackt. Die Idee war der
Mühe wert...
Rasch ins Zeitungsgebäude, eine kurze Meldung bei Holloway, dann
schreiben. Die Arbeit ist kinderleicht unter dem frischen Eindruck des
Gehörten und Gesehenen, und kurz vor drei Uhr, gerade noch zur richtigen
Zeit saust die fertige »_copy_« durch die pneumatische Tube von
Holloways Schreibtisch hinauf in die Setzerei --
»_Bye -- bye_, Holloway! Sei gut zu dir selber! Ueberarbeite dich ja
nicht!«
»_Get out!_« ist die Antwort. »'raus mit dir!«
Und man besteigt die schwindelerregende Bestie von Expreßlift in dem
angenehmen Bewußtsein, einen interessanten Arbeitstag hinter sich zu
haben. Worin man sich gründlich irrt. Zwar weiß man das noch nicht,
aber schon vermischt sich im Unterbewußtsein mit dem frohen Gefühl
getaner Arbeit das rastlose Weiterhetzen, die Sorge um neues Schaffen.
Während das Lift abwärts stürzt, denkt man an das einem vorläufig
unbekannte Mädel in dem vorläufig unbekannten Schwitzladen. Wie mag es
aussehen, dieses arme Mädel? Wo ist der Laden, dessen geringste
Kleinigkeit mit den Augen des Verstehens erfaßt werden soll?
Ruck, hält das Lift. Hm. Ja. Zweifellos würde der oder jener im Klub
auch über diese Seite Neuyorker Lebens Bescheid wissen, aber man wird
darauf verzichten, sich aus Kollegenkreisen Informationen zu holen. Das
wäre nicht sportsmäßig. Bleibt das Adreßbuch, persönliches Suchen -- hm,
es ist im Grunde sehr einfach. War doch eine famose Idee! Große Sache,
dieses Schwitzladenmädel...
* * * * *
Der innere Mensch meldet sich verstimmt und hungrig, denn es ist drei
Uhr nachmittags, und reichlich spät zum Lunchen. Rasch erst zum Barbier
dort an der Ecke. Seine dampfend heißen Tücher, die er auf die
empfindliche rasierte Haut auflegt, sein kribbelndes Shampoonieren mit
behenden Fingerspitzen machen frisch und lebendig. Dann in die nahe
Wallstreet, die Straße der Großbanken, der Börse, des Geldes, die jetzt
schon tot, einsam, verlassen daliegt, während sich vor einer halben
Stunde noch auf ihren Randsteinen spekulationswahnsinnige Menschen
stießen und drängten, um von der flutenden Dollarluft ein Atemschnappen
zu erhaschen. Dort in der Nebenstraße liegen enggedrängt die teuren
kleinen Lunchrestaurants, in denen ich häufig speise, weil ich noch
lange nicht genügend Amerikaner bin, um zur Mittagszeit meinen Magen mit
eiskalter Milch und schwerverdaulichem Kuchen zu malträtieren, wie das
der richtige Dollarmann tut. Freilich ist mein Essen amerikanerhaft
genug. Es ist den aufgepeitschten Nerven ganz unmöglich, in Stille und
beschaulicher Ruhe sich mit den Aufgaben des Augenblicks zu
beschäftigen, dem Genießen von Speisen. Sondern ich stürze hastig den
appetitanregenden _Manhattan Cocktail_ hinunter, schon vertieft in die
Seiten eines neuen Magazins -- und ich kann auch nicht etwa geruhsam
lesen! Weil der Zeitungsteufel einen nie verläßt und sogar beim Essen
rumort. Ist der Artikel da gut gemacht? Ist er wirkungsvoll? Wie hättest
du das geschrieben? Ich löffle die Suppe, ohne auf den Suppenteller zu
gucken, eilig, denn es wird rasch serviert, greife nach den neuen
Zeitungen, überfliege die Spalten, empfinde das Gebrachtwerden des
Koteletts als Störung, lasse den Inhalt der winzigen Gemüseschälchen
gedankenlos kalt werden, vermenge mechanisch das Glas Claret mit
sprudelndem Sauerbrunnen.
Aus der Zeitung guckt ein eingebildetes Gesicht hervor, das blasse
Gesicht des Schwitzladenmädels. Und da ist der eingebildete Laden. Mit
dem Mann dort werde ich kurz, scharf, energisch sein, mich als
Polizeimenschen ausgeben nötigenfalls; dem Mädel werde ich wunderschöne
Blumen schenken und...
Mein Auge gleitet mechanisch über den Finanzteil der Zeitung, für den
mir das Verständnis mangelt und der mich eigentlich kaum interessiert.
Es bleibt haften an einer krassen Ueberschrift in fetten
Blockbuchstaben, und die paar Worte treffen mich wie ein Schlag:
»Cyrus F. Reddington verschluckt wiederum eine Eisenbahn!«
Es ist mir zwar unendlich gleichgültig, daß der Finanzmagnat eine
Eisenbahn gekauft, ihre Aktien an sich gebracht, sie »verschluckt« hat,
wie die Zeitung sich echt amerikanisch ausdrückt, aber ich bin entsetzt
darüber, daß ich monatelang in Neuyork leben konnte, ohne auch nur ein
einzigesmal an Frank Reddington zu denken und ärgerlich obendrein (der
neuigkeitjagende Zeitungsteufel ist immer gegenwärtig!), daß ich eine so
wertvolle Verbindung so völlig vergessen konnte. Das Schwitzladenmädel
ist jetzt wie weggeblasen! Lustige Bilder steigen vor mir auf aus den
lustigen Zeiten in San Franzisko, als Frank Reddington, der
Milliardärssohn, und ich mit blutigen Händen verdammt salzige _cods_
in das wertvollere Dasein eines Stockfisches hinüberhäuteten und
schnitten. Und wie wir uns vorgekommen waren wie Fürsten damals, als wir
die hart verdienten Dollars einstrichen, der Milliardärssohn und ich. Ob
Franky wohl in Neuyork war? Heidi, was würde der für Augen machen! Zur
Feier rasch ein Glas Sekt aus einer der winzigen Viertelflaschen, die
für den amerikanischen Gebrauch besonders hergestellt werden in
Frankreich, und dann zur _First National Bank_ --
Der Gang zu den Privatkontoren ist nicht etwa von einem einzigen
Cerberus bewacht, sondern von dreien, die ich nacheinander zu passieren
habe. Der erste versucht natürlich, mich zu bestimmen, mich mit meinen
»Geschäften« an den »_manager_« zu wenden, und ist höflich und milde
ungläubig, als ich erkläre, daß ich Mr. Reddington persönlich zu
sprechen wünsche und ihm persönlich bekannt sei; der zweite macht ein
bedenkliches Gesicht, nimmt mir aber wenigstens Hut und Ueberzieher ab;
der dritte, offenbar ein Sekretär, haust in einem Vorzimmer und
unterwirft mich der peinlichen Frage.
»Sie wünschen also Mr. Reddington persönlich zu sprechen?« sagte er.
»Jawohl.«
»Darf ich um Ihre Karte bitten?«
Er studiert die Karte, aber sie sagt ihm offenbar nichts Wissenswertes.
Es ist ihm augenscheinlich unangenehm, aber er wird deutlich:
»Eh -- es tut mir sehr leid, -- aber Mr. Reddington senior ist verreist
und Mr. Reddington junior nur in ganz dringenden Fällen zu sprechen. Ich
muß Sie also schon bitten --«
»Mein Fall ist außerordentlich dringend!« sage ich. Und möchte am
liebsten bis an die Decke springen vor Vergnügen. Kaum kann ich mir das
Lachen verbeißen. Franky ist also wirklich in Neuyork, halleluja!
Franky ist Bankmensch geworden! Franky ist in leitender Stellung und
eine verfluchte Respektsperson!! -- es ist einfach zum Schießen! Aber
ich nehme gravitätisch meine Karte und schreibe darauf:
»_On important business regarding the salted codfish trust of San
Francisco_ -- in wichtigen Geschäften betreffend den Stockfisch-Trust
von San Franzisko!«
»Hm,« murmelt der Sekretär.
»Aber bitte!« sage ich pikiert.
Endlich verschwindet er mit der Karte, wahrscheinlich, um der
Respektsperson zu berichten, da draußen stehe ein gemeingefährlicher
Verrückter und Mr. Reddington solle doch lieber beim Fortgehen die
Hintertüre benützen. Im nächsten Augenblick wird die Türe aufgerissen --
Und da steht Franky, der leibhaftige Franky, nicht um eine Spur
verändert, packt mich am Aermel mit dem alten harten eisernen Griff,
sieht mich einen Augenblick an aus den alten lustigen Augen, und sagt
ernst zu dem Sekretär:
»Mr. Higgins, ich habe wichtige Dinge mit diesem Herrn zu besprechen
und darf unter keinen Umständen gestört werden!«
Und da sitzen wir schon in dem vornehmen Privatkontor der Großbank
hinter dick gepolsterten Türen und sprechen, wie hier wohl selten
gesprochen wird --
»Jetzt will ich aber verdammt sein!« schreit Franky. »Bist du's
wirklich, du verrückter alter Narr? Ist es auch wahr? Weshalb hast du
nie etwas von dir hören lassen? Mann, wie geht's, wie geht's?«
»Einen Augenblick!« sage ich. »Ich muß erst nach Luft schnappen.
Schämst du dich eigentlich nicht, so zu tun, als hättest du furchtbar
viel Arbeit? Was treibst du? Bist du glücklich auch Milliardär? Solltest
du auch einer von den Schurken geworden sein, die der armen Witwe ihren
sauren Dollar vom Munde wegschnappen? Ich verkörpere die Macht der
Presse, Franky _dear_, und ich rate dir, mir gegenüber recht
vorsichtig zu sein. Alles, was du sagst, wird gegen dich verwendet!«
Frank grinste. Das alte lustige Grinsen.
»Was ich tue? Ich tue das, was der Alte mir sagt, und zwar möglichst
plötzlich. Jawohl, das wäre so ungefähr meine Stellung in der alten
Bank! So! Erst erzähle du! Ogottogott -- wenn ich an die alten
Stockfische in Frisco denke...«
Und er hält mir lachend zwei weiße, wohlgepflegte, schlanke Hände
entgegen, und ich lache auch und strecke zwei weiße, wohlgepflegte Hände
aus. Und dann tanzen wir im Zimmer herum, gebärden uns wie Verrückte,
und versichern uns gegenseitig, ein über das andere Mal, daß die
Stockfischzeiten in San Franzisko doch etwas Schönes waren und etwas
Unvergeßliches sind. Franky ist -- ihr Götter! -- Schatzmeister der Bank
und bezieht einen Gehalt, über den ein europäischer Minister vor Neid
erblassen würde und über den ich die Augen weit aufreiße. Dagegen ist
der kleine Reporter freilich noch der reine Stockfischarbeiter! Eine
geschlagene Stunde lang reden wir und schreien und lachen, bis
schließlich keiner von beiden mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Franky
beneidet mich, weil ich den Krieg mitgemacht habe, ist baff über den
Signalkorpssergeanten, ist begeistert über das freie Zeitungsleben --
ich beneide ihn um die Macht seiner Stellung und seines Geldes, bin baff
über das Vermögen, das er sich durch eigene Operationen (bei Gott,
Operationen sagte er!) schon verdient hat, bin begeistert über das
Arbeiten in der Hochfinanz, von dem er erzählt -- und offenbar findet
der eine immer gerade das schöner, was der andere erlebt hat! Sintemalen
der Zeitungsteufel immer gegenwärtig ist, vergesse ich nicht, mit Franky
zu verabreden, daß ich die unterirdischen Stahlkammern der Bank
besichtigen darf. Denn so 'was lesen die Dollarneuyorker furchtbar gern.
Und dann kommt ein vornehmer alter Herr, sehr gemessen, sehr würdevoll,
und bringt in einer roten Maroquinmappe Briefe zur Unterschrift. Der
Respektsperson! Dem Stockfischarbeiter von ehemals! Rasch verabreden wir
uns noch, heute abend zusammen bei Delmonico zu dinieren --
Eine verrückte Welt!
Ich freue mich auf den Abend wie ein Kind und schlendere seelenvergnügt
den Broadway hinunter. Das Schwitzladenproblem ist vergessen für den
Augenblick. Ich lache nur immer vor mich hin und habe gar keine Lust, an
ernsthafte Dinge zu denken.
Aber das Tagewerk ist doch noch nicht vollbracht, so will es der Zufall.
* * * * *
Eine Krawatte in einem der Schaufenster des großen Warenhauses da lockt
mich, und ich gehe gedankenlos mit den anderen Menschen hinein, die sich
um den Eingang drängen, um sie mir zu kaufen. Fast gewohnheitsmäßig
bleibe ich unten in der Halle einen Augenblick lang stehen, mir das
Gewühl zu betrachten, denn ich habe immer etwas übrig gehabt für diese
Riesenwarenhäuser. Das ist fast vollendete Organisation. Es klingt und
schwirrt und saust über die Drähte, die wie ein Telephonnetz die Räume
überspannen. Körbchen fliegen fortwährend an ihnen hin und her. Jedes
Körbchen enthält das Geld eines Kunden, die Ware, die er gekauft hat,
und seine Rechnung. Es saust in den Kassenraum da oben im ersten Stock
und kommt in einer Minute wieder zurück über den Draht, mit
eingewickeltem Paket, quittierter Rechnung, und herausgegebenem
Kleingeld. Sie haben mir immer imponiert, die Warenhäuser und ihre Art.
Da sehe ich oben bei der Galerie des zweiten Stockwerks eine
dichtgedrängte Menschenmasse und höre, daß es da oben sehr laut und
lärmend zugeht. Sofort wird der neugierige Zeitungsmensch lebendig. Was
ist da los?
Ich springe die Treppe hinauf -- es ist nicht der Mühe wert, das Lift zu
benutzen -- und sehe von der Decke herab Riesenplakate in grellen blauen
Buchstaben hängen:
»_Easter hats!_«
Osterhüte!
Unter diesen Plakaten stehen Tische neben Tischen, bergehoch mit
Damenhüten bedeckt, Osterhüte genannt, weil auch die ärmste
Amerikanerin zum österlichen Frühlingsfest einen neuen Hut haben muß --
-- und zwischen diesen Tischen spielt sich eine Schlacht ab! Eine
Amazonenschlacht!
Sie sind aneinandergedrängt wie Sardinen in einer Büchse, diese bunten
Flecke, die Mäntel, Blusen, Kostüme, Winterhüte bedeuten, und hinter
denen vermutlich Frauengesichter und Frauengestalten stecken. Aber das
wogt und wirrt so hin und her, daß man wirklich nichts sehen kann als
bunte Flecke, rasch sich bewegende Farbenkleckse. Einen Augenblick lang
kämpfe ich mit aufsteigender Feigheit, dann aber stürze auch ich mich in
das Gewühl.
Teufel, die bunten Flecke sind lebendig. Mehr als lebendig!
Bums -- habe ich einen Rippenstoß weg, der mich rachsüchtig auffahren
läßt. Ihm folgt, wie der Donnerschlag dem Blitz, ein zweiter, ein
dritter, ein vierter -- ich werde gepufft, gestoßen, geknufft, wie mir
das schon lange nicht mehr passiert ist. O--ho! Ich bin gar nicht mehr
rachsüchtig. Aus Verstandesgründen. Dieser elementaren Gewalt gegenüber
scheinen mir meine schwachen Männermittel untauglich -- ich ziehe nur
meine Ellbogen krampfhaft in die Höhe und an mich, um die empfindlichen
Weichteile zu schützen. Ich bin sogar sehr vergnügt -- au, das war
wieder ein niederträchtiger Puff -- denn das gibt doch eine wirklich
ulkige Geschichte für die lustige Sonntagsbeilage... au, Donnerwetter!
Absichtlich lasse ich mich ohne eigenen Willen weiterpuffen, um meine
Gefühle ganz echt zu genießen und später ja nicht zu übertreiben. Man
tut das so leicht als Zeitungsmensch! Gottseidank, die Echtheit läßt
nichts zu wünschen übrig! Ich verspüre die spitzen Ellbogen mit
vollendeter Deutlichkeit.
Weshalb, warum jedoch werde ich so gepufft und so gestoßen?
Nur langsam begreift mein männlicher Intellekt den Witz der Sache. Hm.
Hüte zu betrachten und Hüte auszuwählen, mag zwar ein Gedränge
verursachen, aber keine Schlacht. Hm. Doch, jetzt hab' ich's.
»Dies ist mein Hut!« schreit ein Krimmermantel.
»Sie haben ihn mir ja aus der Hand gerissen!« erwidert entrüstet die
Astrachanjacke.
Sie funkeln sich giftig aus schillernden Katzenaugen an -- und ich habe
endlich verstanden! Unter diesen Hüten sind manche außerordentlich
preiswert, lockspeisenhaft billig, halb geschenkt und -- gerade diese
Hüte herauszufischen, ist offenbar der Zweck der Uebung! Da stolziert
eine schlanke Brünette einher. In der linken Hand hält sie ein
blumenbesätes Ungetüm hoch über ihren Kopf und mit der rechten pufft sie
sich freie Bahn, um in der neutralen Zone da drüben eine Verkäuferin zu
finden, die das Geschäft perfekt macht. Ich bekomme einen Nasenstüber
von ihr und sie tritt mich kräftig auf den Fuß...
Es ist einfach unbeschreiblich.
Man drängt sich, pufft sich, balgt sich um die Hüte, aber -- und das ist
für mich gewöhnlichen Mann das völlig Unbegreifliche -- in dieser
bissigen, echten, richtigen Balgerei werden die Hüte selber behandelt
wie Zucker! Wie rohe Eier. Wie Wertpapiere. Sie reißen sich die
_bargains_, die billigen Lockhüte, zwar gegenseitig aus den Händen,
diese Hyänen des Warenhauses, aber mit spitzen Fingern und verflucht
vorsichtig. Hm, ich habe wohl alles gesehen. Jetzt will ich auch einmal
ein bißchen drängeln, weil sonst mein Ehrgefühl leidet. Doch auf dem Weg
zur Freiheit sehe ich erst das Allerschönste.
An dem hochbeladenen Ecktisch dort werde ich auf einmal links zur Seite
gedrängt von einem süßen kleinen Geschöpfchen, und als ich mich
verblüfft umwende, hilft ein zweites Geschöpfchen energisch nach,
während ein drittes mich endgültig noch weiter wegbefördert. Ich recke
den Hals. Was ich da sehe, ist doch der Gipfel!
Das -- ist -- der Oster-hut-trust!
Die Mädels da um den Ecktisch sind offensichtlich Freundinnen und
operieren auf gemeinsame Rechnung und mit gemeinsamen Kräften zum
Schaden der _Outsider_. Wie eine Kette umringen sie den Tisch, und
keiner kommt 'ran, bis sie sich nicht in aller Gemütlichkeit alles
beschaut und den richtigsten, den passendsten, den süßesten Osterhut
ausgewählt haben...
Alle Hochachtung!
Ich bin wieder in der Freiheit. Grinsend betrachte ich das wimmelnde
Gewühl, die gierig zugreifenden Hände, die tanzenden bunten Flecke. Und
ich überlege mir, daß ein schöner Titel wäre:
»Die wilden Weiber des Warenhauses«
-- stelle aber errötend fest, daß man auf gar keinen Fall eine
Amerikanerin ein wildes Weib nennen darf, selbst wenn das süße Geschöpf
auch einmal ein bißchen spektakelt. Der Titel heißt:
»Der Kampf um den Osterhut!«
Nein, das ist nicht schön genug. Der Titel muß heißen:
»Wie ich meiner Frau einen Osterhut kaufen wollte!«
Da kann man so schön dazulügen.
Im Montgomery erzählte ich die Geschichte Flossy, nicht ohne schön dick
und farbig aufzutragen, wie das mein Beruf ist.
»Das ist nichts für Männer,« sagt Flossy trocken. Sie hat keine Spur
von Verständnis und keine Ahnung von Humor. »Bei einem so billigen
Verkauf muß man doch eben rasch zugreifen. Eigentlich hättest du mir
einen Hut mitbringen können. Diese Männer sind zu ungeschickt!«
»Ich hab' einen wunderschönen für zwei Dollars dreiundneunzig
gesehen,« sage ich boshaft.
»Warum hast du ihn dann nicht mitgebracht?«
»Eine von den _girls_ hat ihn mir aus der Hand gerissen.«
»Zu dumm!«
Und ich lache vor mich hin, stürze mich in den Smoking, der im Lande der
angeblichen Freiheit eine Unerläßlichkeit ist, wenn man Restaurants wie
Delmonicos besuchen will, und sitze eine halbe Stunde später Franky
gegenüber an einem der winzigen Tischchen des berühmten Neuyorker
Schlaraffenheims. Es war ein toller Abend, der mit Cocktails begann,
mit furchtbar viel Mumm endete, und mit schrecklichem Gerede erfüllt
war. Aber er war wunderschön. Beim Nachhausegehen sahen die
Wolkenkratzer beängstigend wackelig aus und der schnurgerade Broadway
merkwürdig schief. Aber an das Schwitzladenmädel dachte ich doch noch.
Nur nicht so recht praktisch, sondern ich sah mich als großen sozialen
Reformator, umjubelt von Abertausenden dankbarer Menschen. Sie
arbeiteten jetzt in großen luftigen Sälen und nur sechs Stunden im Tag.
Sie hatten ihren Lohn verdoppelt bekommen. Alles durch mich!
Es ist etwas Merkwürdiges um die Träume von Weingeistern und
Zeitungsmenschen...
* * * * *
So sah einer von den fröhlichen Tagen im Leben des Zeitungslandsknechts
aus. Es gab aber auch unfröhliche Tage, in denen die nervöse Hast keinen
Erfolg brachte, keine Arbeit, keinen Eindruck.
In ihrer Gesamtheit waren diese Tage, diese Wochen, diese Monate ein
Stück Leben, wie ich es niemals schöner erlebt habe. Ein Geldverdienen
zum erstenmal, das über kleine Tagesnöte weit hinausragte;
Selbständigkeit, immer wieder neue Begeisterung. Ich fühlte mich ganz
als Amerikaner, ganz als amerikanischer Zeitungsmann, und war glücklich!
Aber ich glaube, Dick Burton hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als
er einmal sagte:
»Deine Sachen haben etwas merkwürdig Fremdes. Unamerikanisches! Und
gerade deshalb sind sie interessant!«
* * * * *
Fremd oder nicht fremd -- amerikanisch oder unamerikanisch -- wie das
nun sein mag -- aber gerade diese Neuyorker Landsknechtszeiten haben mir
den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht gegeben, das Bleibende, das
Mittelpunktige in einem bunten Leben:
Den Zeitungsinstinkt!
Wenn heute üble Laune mich plagt, der schwarze Mann hinter mir auf dem
Lebenspferde sitzt, die Dinge des Tages mich schinden, dann gehe ich zu
ihr -- zur Zeitung...
Dort nehmen sie mich auf als Freund und Bruder. Und ich werde jung, jung
wie ich als Zwanzigjähriger war, wenn unter mir der Boden von
Rotationspressen erzittert, und meine Nase die frische Druckerschwärze
einatmet, und die Redaktionsteufelchen hin und her laufen mit den
schmalen Streifen nassen Papiers, und Dutzende von Leuten einen in jedem
gesprochenen Satz zweimal unterbrechen. Die Götter sind immer gütig,
wenn's einem so recht erbärmlich zumute ist, und schenken ganz gewiß dem
Zeitungsmenschenhirn die Fähigkeit, eine Arbeit für die Zeitung zu
ersinnen. Einen Ueberlandflug im Zeitungsdienste, oder eine
Zeppelinfahrt, oder ein Hafenabenteuer. Und dann kommt, belebend und
erfrischend wie verjüngender Jungbrunnen, das alte Hasten, das liebe
Hetzen. Die Arbeit, das Erfassen des Bildes, das begeisternde
Sichhineinfügen, das Geizen mit den Minuten, die rasende Fahrt im
Automobil zur Redaktion, die lange Nacht im fröstelnd kalten
Redaktionszimmer des nächtlich stillen Gebäudes, das Ankämpfen gegen
eilende Zeit in jagendem Schreiben Zeile um Zeile. Das unsinnige Rauchen
-- das Herbeischleppen von Krügen Pilsener Biers durch den schmunzelnden
Nachtportier.
Und dann fährt man im Morgengrauen nach Hause mit zerrauchter Kehle und
zerrütteten Nerven, aber überselig, wieder einmal im alten Geschirr
gearbeitet zu haben. Man ist doch wie jener alte Droschkengaul, der die
Nüstern bläht und galoppierend durchgeht, wenn auf dem Manöverfeld bei
der Straße die lustigen Trompeten zur Attacke schrillen. Einmal ein
Zeitungsgaul, immer ein Zeitungsgaul...
Ja, es ist eine schöne Sache um die Einbildung!
Mindestens zehnmal in diesem Jahre habe ich -- beinahe schon scheint's
eine alte gemütliche Gewohnheit -- mir vorgenommen, ein für allemal und
endgültig zur Zeitung zurückzukehren, um ebensooft den Kuckuck
dergleichen zu tun. Ich lachte dann jedesmal, und ein lustiges Grauen
packt mich und ich denke an das Landsknechtjahr in Neuyork. Nein: solch
ein Jahr konnte nur die Jugend erleben. Es ist aus damit. Bleibt noch
das Saugen an den Hidigeigeipfoten der Erinnerung, und das Lachen.
Wie schön sie doch waren, diese Zeiten, und wie sonderbar! Es war für
absolut nichts Platz in dem Gehirn von damals als für Dinge der Zeitung;
es gab einfach nichts anderes im Leben. Ich habe im Laufe eines ganzen
Jahres ganz gewiß nicht mehr als zehn Bücher gelesen, denn das war doch
offenbare Zeitverschwendung, und von den vielen Menschen, die ich kennen
lernte, interessierte mich kaum ein einziger um seiner selbst willen.
Was konnte der? Was wußte jener? Was hatte dieser zu erzählen? War da
etwas daraus zu machen? Die Politik war wunderschön -- wenn sich aus
ihren Tagesereignissen ein Anhaltspunkt für Zeitungsarbeit ergab;
schaffende Männer begeisternd interessant -- wenn sie einem etwas zu
erzählen wußten, das für die Zeitung zu gebrauchen war; das ganze
polternde Neuyorker Leben nur dazu da -- damit man darüber schreiben
konnte! Verrückte Zeiten waren es von einer so völligen
Abgeschlossenheit in ihrer Arbeitsart, daß es einen seltsam anmutet im
Erinnern. Im tiefsten Grunde war man nicht viel besser daran als der
Arbeiter, der tagaus, tagein, und Jahr für Jahr immer das gleiche
Stahlteilchen poliert. Die Zeitung fraß einen auf mit Leib und Seele.
Sie nahm hin, was man selbst hätte erleben sollen; sie machte einen zu
einer Art unpersönlichen Zwischenträgers. Sie ließ Raum für nichts.
Man war der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren!
Neuyork und die Neuyorker.
Im Zeppelin über Hamburg. -- Die deutsche Hansestadt und das
geheimnisvolle Neuyork. -- Der Guldensinn der Mynheers, die Neuyork
gründeten. -- Her mit dem Dollar! -- Das Wunderkind mit dem
Wasserkopf. -- Sein Wachstum. -- Der Geist des Wolkenkratzers. --
Die Ungereimtheit der Gegensätze. -- Neuyorks fremdes
Menschenfutter. -- Der Zweckmäßigkeitsmensch. -- Der arme
Milliardär und seine Rätsel. -- Die Ehre der Arbeit. --
Geldverdienen als Sport. -- Die Seele Neuyorks: Tätigstes Leben.
Im August des Jahres 1912 war es, in einer Mondscheinnacht. Ich stand
still im Gondelfenster des Zeppelinkreuzers Hansa und starrte bedrückt
auf die unbeschreibliche Schönheit unter mir. Wir jagten in weiten
Kreisen über Hamburg. Ein sonderbares Gefühl war in mir, als läge die
Hansastadt da wie ein offenes Buch. Da lagen in scharfen, eckigen,
geometrischen Figuren die Silberbänder und die dunklen Umrisse des
Riesenhafens, der ein unbegreifliches Wirrsal ist für den Beschauer auf
dem Dampfer oder im Motorboot. Von hier oben aus waren die
verzwicktesten Zugänge, die verstecktesten Winkel, die entferntesten
Wasserstraßen, in ihrer Bedeutung und in ihren Zusammenhängen so
sonnenklar zu erkennen, daß es einem wie Schuppen von den Augen fiel.
Aus winzigen Einzelheiten, die unten im Erdgetöse betäuben würden,
wuchs das große Bild. Sie waren nur kleine schwarze Pünktchen, die
Tausende von Dampfern auf den Silberbändern da unten, und sie waren
stumm, denn nur wie leises Summen tönte in den Lüften die nächtliche
Arbeit der deutschen Stadt, die auch nicht eine Sekunde in den
vierundzwanzig Stunden des Tages rastet und ruht... Man schwebte hoch
über erdenschweren Dingen. Man war befreit von der verwirrenden Tyrannei
der Einzelheit. Man sah so deutlich, wie die schwarzen Pünktchen
deutschen Ehrgeiz und deutschen Reichtum in die Welt trugen und
vermehrtes Streben, vermehrten Reichtum zurückbrachten. Man sah die
Milliardenwerte aufgespeichert in jenen langen dunklen Streifen am
Wasserrand da unten und sah sie wandern binnenwärts auf den
Schienensträngen, die wie feine Fäden eines Netzes nach allen Seiten
ausstrahlen. Man sah den großen Zug. Die Wechselwirkung von Geld,
Arbeit, völkischem Ehrgeiz. Und dann kam die lichtflutende innere Stadt.
Die war eigentlich gar nicht wichtig, sondern verkaufte nur den
Menschen, die dem großen Hafenbegriff dienen, was sie zu des Lebens
Notdurft und Freude gebrauchen. In den langen eckigen Straßen dort mit
den unfreundlichen massigen Häusern werden die Pläne ersonnen, die aus
Waren Gold schaffen. Und in den dunkleren Streifen an den Rändern wohnen
sie, die Diener der Hansestadt...
So löste sich, aus der Luft gesehen, das verworrene Getriebe der
Reichtumspforte Deutschlands in ungeheuerste Einfachheit auf.
Und wie heißes Sehnen kommt es über mich:
So möchte ich einmal über der geheimnisvollsten, der unbegreiflichsten,
der am stärksten wirkenden Stadt der anderen Welt über dem Ozean
schweben. Ueber meinem alten lieben Neuyork. Und ein Wundern kommt über
mich, ob die Dollarstadt des Atlantischen Ozeans dem Horcher in den
Lüften wohl auch so sonnenklar von ihrem Sein und Wesen erzählen würde
wie die Markstadt der Nordsee.