Ich zählte rasch sechzig Dollars ab. »Darf ich bitten?«

»Danke schön, Mr. -- Mr. -- --. Und nun sagen Sie doch, bitte, einer

alten Frau, die Ihre Großmutter sein könnte, wer Sie sind und was Sie

sind. Vor allem aber: Heißt es »Kaohrl« oder »Dscharle«? Sehen Sie,

Sie sind noch sehr jung, und ich mag gern Leute, die frische Gesichter

haben, und vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein. Frauen sind doch

neugierig...«

Prachtvoll! Selbstverständlich wurde ich weich wie Butter und erzählte

eine halbe Stunde mit vollkommener Ehrlichkeit über mich selbst, in sehr

schroffem Gegensatz zu der Verschlossenheit, die ich mir aus praktischen

Gründen angelobt hatte. Von San Franzisko und von Kuba und vom

Signalkorps und von Zeitungsträumen. Und die alte Dame lächelte und

nickte.

»Wir werden gute Freunde sein!« sagte sie endlich.

Sie hielt, das sei gleich gesagt, ihr Wort. Mrs. Bailey ist mir eine

meiner liebsten amerikanischen Erinnerungen. Der Lausbub hatte wiederum

Glück gehabt! Bob Masters, der _stockbroker_, mit dem ich später

befreundet wurde und der seit Jahren im Montgomery wohnte, behauptete

zwar, Mrs. Bailey sei eine gerissene Menschenkennerin und könne höchst

unliebenswürdig sein. Aber Bob war ein häßlicher Zyniker. Und die alte

Dame plauderte und gab mir in stricheligem Schildern ein Bild von den

Leuten, die im Montgomery wohnten. »Lauter junge Leute!« sagte sie

stolz. »Sie sind alle meine Kinder und dumme Kinderstreiche machen sie

wahrlich genug.« Da waren junge Anwälte und Kaufleute und viele Damen,

die im Neuyorker Erwerbsleben ihre »Frau« standen. »Ich setze Sie

vorläufig zwischen Miß O'Bryan und Miß Rafferty,« meinte sie vergnügt.

»Miß O'Bryan ist Weißwarenchef bei Cummings & _Co._, Miß Rafferty

leitet ein stenographisches Büro _downtown_ -- liebe Menschen und

bösartige Flirts alle beide. Da können Sie gleich die Feuerprobe

bestehen. Ja. Meine Herren dürfen sehr wohl flirten mit meinen Damen,

denn Jugend bleibt Jugend, und sie dürfen sie auch mal mitnehmen ins

Theater, aber wenn ich von dummen teuren Soupers bei Delmonico höre und

so was, dann werde ich furchtbar energisch. Ja. Mr. Carlé -- mögen Sie

glücklich sein in meinem Haus!«

Ich verbeugte mich ehrfürchtig.

»So! Ich schicke Ihnen Lizzie, die Ihnen beim Auspacken behilflich sein

wird.«

Und ein flinkes kleines Dienstmädchen legte geschickt Wäsche in Kommoden

und hing Beinkleider auf Bügel und sortierte Krawatten. Wie Hans im

Glück kam ich mir vor. Langsam begann ich die alte Wahrheit zu

begreifen, daß ein Junggeselle nicht teuer genug wohnen kann, um -- viel

Geld zu sparen. Und ich badete und fand draußen im Wohnzimmer

Beinkleider, die fix gebügelt worden waren von der kleinen Lizzie, und

ich pries die guten Götter, die zum erstenmal in all den Jahren mir das

Gefühl beschert hatten, ein Heim zu haben.

Hier war ich zu Hause!

Da klopfte es. Lizzie brachte Visitenkarten und Briefbögen -- mit meinem

Namen und der Adresse des Montgomery. Samt Telephonnummer und

Telegrammadresse! Ich muß ein sehr dummes Gesicht gemacht haben. Langsam

endlich begriff ich, daß dieses Neuyork eine eigentümliche Stadt war und

der Montgomery etwas Besonderes. Entzückende alte Damen -- Briefbögen

binnen einer Stunde -- -- --

Mir wirbelte es im Kopf.

Kling-klang.

In sonorem Klingen ertönte der Gong.

Ein wenig befangen, eilte ich die Treppen hinunter, auf das Lift

verzichtend, sah eine lächelnde alte Dame, ward am Arm gefaßt, und in

Holtergepoltereile zwischen vielen Menschen hindurch an einen langen

Tisch bugsiert.

»_Dears_ -- Mr. Carlé. Ich sagte euch ja schon. Miß Rafferty -- Miß

O'Bryan!«

Ich setzte mich dämlich hin und hielt den Mund.

Mädchen in Schwarz mit weißen Mützchen servierten mit amerikanischer

Fixigkeit. Austern auf Eis, eine Muschelsuppe, Riesensteaks, von ganzen

Lenden, handgerecht transchiert. Ich verbeugte mich links und rechts,

murmelte Höflichkeitsfloskeln, und hätte um alles in der Welt nichts

Gescheites reden können. Wo war nur meine gute Kinderstube geblieben,

auf die ich so stolz war?...

»Weshalb zum Kuckuck,« (ich versuche, den Neuyorker _slang_ getreu

wiederzugeben) -- »weshalb zum Kuckuck reden Sie nicht?« sagte Miß

Rafferty entrüstet.

»Wir beißen nicht,« erklärte Miß O'Bryan.

»Wirklich nicht?«, meinte ich zweifelnd. »Nehmen Sie noch mehr

_french potatoes_?«

»_Yes, thanks_,« sagte Miß Rafferty. »Wie finden Sie meine neue

Bluse?«

»Ein Wunder -- einen Märchentraum -- ein -- mir fehlen die Worte!«

»Das genügt für den Anfang!« erklärte Miß O'Bryan. »Nun passen Sie

'mal auf. Die da heißt Flossy und mich nennt man Nicky. Sie dürfen Miß

Flossy und Miß Nicky sagen. Meinetwegen können Sie das Miß auch

weglassen. Aber seien Sie ein guter Junge und erzählen Sie uns was. Wir

müssen den ganzen Tag arbeiten und möchten uns jetzt amüsieren!«

Ich nahm ein zweites Stück Steak und tappte behutsam unter dem Tisch

nach jener Gegend, wo ich Nickys Füßchen vermutete...

»Nein!« erklärte Nicky. »Das ist zu leicht! Reden sollen Sie!«

»Was ist zu leicht?« fragte Flossy.

»Er ist mir auf den Fuß getreten,« erläuterte Nicky seelenruhig -- und

mir traten die Augen beinahe aus dem Kopf. Diese Nicky fing an, mir zu

imponieren --

»Nicky! Flossy!« erklärte ich weinerlich. »Ich bin ein Fremdling in

dieser großen und schönen Stadt und unwert des Glücks, zwischen den

beiden schönsten Frauen des größeren Neuyork meinen bescheidenen Imbiß

einzunehmen. Sie sehen mich einfach sprachlos. Berückt! Zerschmolzen!

Weg!«

»Sehr gut! Trinken Sie um Gotteswillen 'nen Cocktail, auf meine

Kosten!« rief Flossy.

»_One cocktail -- Manhattan -- on Miss Rafferty!_« befahl ich laut

und hörte drüben, einige Sitze weit weg, Mrs. Bailey lachen. --

»Sie sind 'n guter Junge,« erklärte Nicky. »Es muß ekelhaft sein, da

hereingeschneit zu kommen wie 'n armer Waisenknabe und ausgerechnet

zwischen zwei frechen Dingern, wie Flossy und Nicky es nun einmal sind,

sitzen zu müssen -- --«

»_Yes, too bad._ Einfach scheußlich für Sie, nicht wahr?«

»_Hold up!_« rief ich. »Einen Augenblick, bitte. Erstens möchte ich

Sie bitten, Opernkarten von mir annehmen zu wollen für morgen abend --«

»Für uns alle beide?« fragte Nicky.

»Natürlich! Ich muß aber mitgenommen werden!!«

»_Nix!_« erklärte Nicky. »Nein. Geht nicht. Erst erzählen!«

Und da wurde ich richtig zum zweitenmal butterweich und jungenhaft an

diesem verrückten Abend und erzählte und erzählte in einer

Wahrhaftigkeit, die alles war, nur nicht klug. Eine halbe Stunde lang;

über das Dessert hinaus und über den Kaffee.

»_You're allright_,« sagte Nicky endlich vergnügt. »Ich hätte Sie

gern sehen mögen in Burghausen -- und wie Sie dann mit ihrem letzten

Dollar in Galveston saßen...«

»Wir sitzen alle auf den Knien der Götter,« meinte Flossy. »Man darf

nur nicht 'runterrutschen. Viel Glück, _old man_!«

Und es begab sich an jenem dreifach verrückten Abend, daß ein Mann und

zwei Frauen (das war im Rauchzimmer bei Zigaretten) nach deutscher Art

Arm über Arm ein Glas Bier tranken und lustig gelobten, gute Freunde zu

sein. Und gute Freunde sind mir Nicky und Flossy gewesen, die bösartigen

Flirts. Die Welt ist sonderbar und die verschrieenen Amerikanerinnen

haben ihre Qualitäten.

Seelenvergnügt ging ich ins Bett. Mein letzter Gedanke vor dem

Einschlafen war, daß meine fünfhundertundfünfzig Dollars zum mindesten

drei Monate Montgomery bedeuteten und daß es schon mit dem Teufel

zugehen mußte, wenn -- Ach was, Unsinn! Hier in diesem Neuyork lag das

Geld für mich auf der Straße. Morgen wollen wir damit beginnen, mein

Junge, es aufzuheben...

* * * * *

Ich war spät aufgestanden, und fast allein im Frühstückszimmer.

»_We are snowbound_,« sagte das Mädchen, das den Kaffee brachte.

»Was?«

»_Snowbound_ -- eingeschneit! Die Hochbahn verkehrt nicht, Herr --

die Straßenbahnen fahren nicht -- ist alles abgestoppt -- müssen zu Fuß

in die City gehen!« (=Daß= ich in die City ging, betrachtete sie als

selbstverständlich! Ein männliches Wesen in Neuyork =hatte= eben

Geschäfte zu haben und =mußte= in die City, und wenn es Kanonenkugeln

schneite!)

Rasch sprang ich zum Fenster, schob die Vorhänge beiseite, und starrte

verblüfft auf die Straße hinaus. Alles ringsum war in Schnee gehüllt.

Schwer rieselten die Flocken herab. Am Haus hob sich eine Schneewand

fast bis zur halben Höhe des Fensters, an dem ich stand, und noch höher

türmten sich die weißen Hügel an den Straßenseiten. Nur auf dem

Fußgängerweg war eine schmale Rinne freigeschaufelt worden. Die

Riesenstadt war schneeverweht. Mir fiel ein, daß man ihr nachsagte, sie

sei heiß wie die Hölle im Sommer und kalt wie der Nordpol im Winter...

Eilig verzehrte ich meine Hammelkotelettes, trank meinen Kaffee, und

eilte hinaus auf die Straße, um sofort die untersten Stufen der

eingeschneiten Treppe vor der Haustüre zu verfehlen und bis über die

Knie in Schnee einzusinken.

Vorsichtig tappste ich zu der ausgeschaufelten Rinne.

So hoch waren die Schneehügel auf beiden Seiten, daß sie mir immer bis

an die Schultern reichten und oft weit über Gesichtshöhe; so schmal der

Weg, daß man beim Gehen mit den Armen an Schneewände anstreifte. In der

Mitte der Straße hatte der nächtliche Schneesturm kleine Hügel und Täler

von glattem Weiß gebildet.

Immer noch rieselte es herab. Die Nebenstraße, in der das Montgomery

lag, war fast menschenleer, aber an der Ecke dort, wo die Sechste Avenue

begann, bewegte sich inmitten der Schneemassen eine lange schwarze

ununterbrochene Linie eilfertig citywärts. Das waren Hüte. Die Hüte von

Menschen, deren Körper der Schneewall an der Ecke verdeckte. In der

Sechsten Avenue wurde die Rinne im Schnee breiter, so, daß zwei

Menschen zur Not nebeneinander gehen konnten. An der Ecke mußte ich

minutenlang warten, bis es mir gelang, mich in die vorwärtshastende

Menschenmenge einzudrängen. Dann wurde ich mitgeschoben.

Ein Spaßvogel warf einen Schneeball im Dahinhasten. Sein Beispiel

steckte an, die weißen Bälle flogen, es wurde gelacht und geschimpft.

»Heut' gibt's keinen Strafnickel für Verspätung!« schrie ein Mädel

vergnügt.

Zwei Herren, die vor mir gingen, unterhielten sich laut über die

ungeheure Verkehrsstörung, die der Schneesturm bedeutete. »Mindestens

drei Stunden Arbeitszeit verloren,« hörte ich -- »Züge stecken

geblieben -- keine Frühpost -- die Leute draußen in den _suburbs_

kommen überhaupt nicht durch -- Ladengeschäfte schwer geschädigt -- gut

aber für die Arbeitslosen -- erinnern Sie sich an den Schnee vor drei

Jahren, als...«

»_Mo--oorning papers_ -- Morgenzeitungen!« schrie es jetzt gellend,

und alles lachte. Ein findiger Zeitungsjunge hatte sich aus Brettchen

eine feste Unterlage auf dem Schneewall geschaffen und thronte hoch über

den Köpfen der Passanten. Seine Zeitungen gingen reißend ab. »_Morning

papers_ -- _World_ -- _Wo--oo--rld_ großer Craven-Prozeß...« Ein

wenig weiter hockte ein anderer Gamin oben im Schnee. Er deutete auf

seine kleine Kiste mit Wichszeug und schrie grinsend: »_Bootblack!_

Schuhputzer! Lassen Sie sich die Stiefel putzen, _gents_!« Man lachte

wiederum und schenkte dem Jungen gern einen Nickel für seinen Witz.

Dies war nicht die richtige Zeit zum Stiefelputzen!

Weiter, immer weiter. An allen Ecken gab es Drängen, Aufenthalt,

Stockungen. Die wenigen Straßengevierte zum Broadway hin brauchte ich

fast eine Stunde.

Da sah ich Stufen, die zu einem Zigarrenladen führten, sprang hinauf und

faßte oben Posto. Unübersehbar dehnte sich links und rechts die

ungeheure Verkehrsader Neuyorks, der Broadway. Doch wo gestern abend

Tausende und Abertausende von Wagen und Gefährten unter ohrenbetäubendem

Lärm in ununterbrochener Reihe den weiten Platz zwischen den

Fußgängerwegen überflutet hatten, war es jetzt still und weiß. Wo

sinnverwirrend Farbe über Farbe sprühte und blitzschnelle Bewegung sich

jagte, breiteten sich starr gerade Linien -- das Weiß der Straße, das

dumpfe Graubraun der Häusermassen, die Schneelinie der Dächer. Nur

Beiwerk waren heute die Menschen, die sonst in ihrer ungeheuren Masse

das Bild beherrschten; die schwarze Linie da auf beiden Seiten sah

sonderbar dünn und unbedeutend aus. Alles hatten sie erdrückt, die

zarten Schneeflocken; die Menschen, den Wirrwarr des Riesenverkehrs, die

grelleuchtenden Farben.

Aber schon gingen Tausende von Feinden dem sieghaften Weiß zu Leibe. Die

langausgedehnten Arbeiterkolonnen sahen ärmlich und winzig aus auf der

ungeheuren Strecke, doch unter ihren Schaufeln flog der Schnee

aufspritzend zur Seite in großen Fetzen, und hier und dort fraß schon

scharfes Laugensalz schwarze Flecke in die Straße. In wenigen Minuten

änderte sich das Bild. Lebendiges Leben riß die stille Schneedecke fort.

Wagen tauchten auf dort unten, Schneepflüge wühlten, dichter wurden die

schwarzen Flecke, Arbeiterkolonnen ballten sich zusammen, stemmten sich

an, schaufelten, schleuderten. Aus den Seitenstraßen arbeitete es ihnen

entgegen. --

Und mit triumphierendem Gongklingeln kam über die befreiten Schienen der

erste Straßenbahnwagen.

»_'morning!_« sagte eine Stimme hinter mir. Sie gehörte dem Mann vom

Zigarrenladen.

»_'morning_,« antwortete ich.

»Viel Schnee!«

»Ziemlich.«

»Schlecht fürs Geschäft!«

»Ziemlich.«

»Gut für _business_ in Gummiüberschuhen, nich'?«

»_Yes, no doubt._«

»Mein' ich auch. Wünschte, daß ich heute in Gummischuhen machen könnte.

_Well_, macht nichts aus. Uns Neuyorker kann das bißchen Schnee nicht

bluffen. In zwei Stunden haben sie's weggeschuftet, die Leute vom

_Street Cleaning Department_. Sin' wir nich' groß in solchen Sachen,

wir Neuyorker, eh?«

»Sehr groß!« sagte ich und flüchtete.

Dieser eiskalte Neuyorker hatte mich richtig angesteckt! Jetzt

interessierte auch mich die weiße Schönheit da auf der Straße nicht

mehr, noch das grandiose Bild des durch grandiose Naturgewalt gehemmten

Riesenmechanismus. Sondern es fiel mir auf einmal ein, daß ich doch

sehr große Eile hatte, zu den Leuten vom _New York Journal_ zu kommen.

Mühsam krabbelte ich im Gewimmel vorwärts zum Wolkenkratzer-Square, ins

_New York Journal_ Gebäude, und sauste im schnellsten Expreßlift, das

mir bis jetzt vorgekommen war, zum Redaktionsstockwerk empor. Als das

Ding aufwärts schoß, war mir, als versinke mein Magen irgendwohin in die

Gegend der Stiefelsohlen, und als es hielt -- ruck -- war der Magen

urplötzlich wieder da. Aber in der Kopfgegend, dicht unter den Haaren.

Plakate, die nicht gut übersehen werden konnten, so laut brüllten sie,

wiesen alle Besucher nach Zimmer 733, einem kahlen Raum, in dem viele

Leute schon warteten. Die Wände waren mit anzüglichen Sprüchlein in

fetter schwarzer Blockschrift förmlich austapeziert:

»Wir haben keine Zeit zur Unterhaltung!«

»Sagen Sie uns schnell, was Sie wollen, und Sie erhalten Bescheid, ob

uns das interessiert.«

»Reden Sie nicht über Politik!«

»Niemand wird vorgelassen ohne schriftliche Anmeldung.«

Diese Neuyorker haben doch den Teufel im Leib, dachte ich mir, drückte

mich aus dem Zimmer und erwischte auf dem Gang einen greisenhaft

gerissen aussehenden Jüngling von etwa vierzehn Jahren, dem ich meine

Karte, die nagelneue Karte mit der Adresse des Montgomery, in die Hand

drückte.

»Bring' das dem _managing editor_!« sagte ich.

»_Nix!_« erklärte das Kind. »Zimmer 733!«

»Lieber Sohn!« sagte ich. »Beeile dich. Hier ist ein halber Dollar!«

Auf die Karte schrieb ich: »Früher beim San Franzisko Examiner!«

»_Yes, sir_,« sagte das Kind, verschwand und meldete in einigen

Minuten:

»Mr. Holloway läßt bitten!«

Der Mann, der im Zimmer 849 an einem riesigen Rollschreibtisch saß,

umgeben von pneumatischen Tuben, Telephonen, Papierstößen, wandte sich

mir mit einem scharfen Ruck zu.

»Mr. Carlé? Vom San Franzisko Examiner?«

»Früher vom San Franzisko Examiner.«

»_Yes, yes._ Froh, Sie kennen zu lernen.« Er betrachtete meine Karte

in offenbarem Mißtrauen, aber auf einmal hellte sich sein Gesicht auf.

»Sind Sie etwa der Deutsche, der zu den Soldaten gelaufen ist?«

»Jawohl,« grinste ich.

»Gut. Mc. Grady erzählte davon. Er war neulich in Neuyork. Gelegentlich

müssen Sie mir erzählen, wie es Ihnen gegangen ist; augenblicklich aber

habe ich gerade fünf Minuten für Sie. Natürlich wollen Sie bei uns

ankommen! Zwei Dutzend _first class_ Leute vom Bau möchten das auch.

Sie haben nicht die geringste Aussicht. Folgendes kann ich für Sie tun

--« (Er kritzelte etwas auf eine Karte). »Suchen Sie den

Journalisten-Klub auf, geben Sie diese Karte dem Sekretär, und Sie

werden, als unser Gast vorläufig, uns alle kennen lernen. Lassen Sie

sich von den Jungens berichten, wie die Verhältnisse hier liegen.

Sollten Sie uns Manuskripte einsenden, so werde ich mich Ihres Namens

erinnern. Auf Wiedersehen bei einem »Stein« voll guten deutschen Biers!

So froh, Sie kennen gelernt zu haben!«

Händeschütteln -- Türe -- bums!

Korridor -- Lift -- menschenwimmelnde Riesenhalle -- Straße --

Dahinstolpern...

Zum richtigen Bewußtsein kam ich eigentlich erst dann wieder, als ich

drüben an der Ecke ein deutsches Restaurant entdeckte und bei einem Glas

Bier in einem stillen Winkel saß. »Was hast du eigentlich erwartet?«

fragte ich mich wütend. »Glaubst du vielleicht, der Mann würde dir

unter Freudentränen um den Hals fallen und dich flehentlich bitten, doch

um Gotteswillen nur ja nicht für ein anderes Blatt als das _Journal_

zu arbeiten? Dir herzlich danken, daß du nur gleich gekommen bist? Dir

ein fürstliches Gehalt anbieten? Dir drei Stunden lang haarklein

erzählen, wie es beim Journal und in der Neuyorker Zeitungswelt zugeht?

»Hattest du das wirklich im Ernst erwartet?«

Aber trotz aller nachträglichen Vernunft war mir zumute, als sei ich

heimtückisch von hinten mit einem Guß eisigen Wassers überschüttet

worden -- Guten Tag -- freut mich -- Sie wollen bei uns ankommen? -- Sie

haben nicht die geringste Aussicht -- adieu -- empfehl' mich!

Herrgott, das war ja ein süßer Anfang!!

Im Zeitungsgetriebe.

Ich diktiere den ersten Artikel. -- Bei Flossy. -- Das Gummimädel.

-- Das erste Honorar. -- Im Zeitungsklub. -- Die Tamaniten. -- Wie

man von Ideen lebt. -- Zeitungsatmosphäre. -- Die Tat der Miß

Flynn. -- Eine große Sensation und ihre Folgen. -- Landsknechte der

Feder. -- Der Marschallstab im Füllfederhalter. -- Das kleine

Herrgöttlein!

Auf der Visitenkarte, die der _managing editor_ mir gegeben hatte,

stand:

»Lieber Jack! Ich führe hiermit Mr. Carlé ein« -- hm, wenigstens

etwas. Es war doch ein Haufen Zufallsglück dabei, daß Mc. Grady in

Neuyork gewesen war. Aber man hat eben Glück. Das war einfach

selbstverständlich. Ja, da würde ich hingehen, morgen, oder übermorgen,

oder irgendwann -- ja, und die _boys_ kennen lernen und das würde sehr

nett sein -- -- nun, und vielleicht auch nützlich...

Jetzt aber hieß es arbeiten!

Jetzt gerade erst recht.

Jetzt sofort!

Und liebevoll betastete ich die Westentasche, in der die grünen

Dollarscheine steckten, denn die waren besser als alle Empfehlungen

und konnten mehr helfen als Glück und Menschen. Wir wollen sie

doch schleunig auf Nummer sicher bringen, mein Sohn! So wanderten

fünf Minuten darauf vierhundertundfünfzig Dollars über den

Einzahlungsschalter der _First National Bank of New York_, und ich

war zum erstenmal im Leben Besitzer eines Scheckbuchs. Das kam mir noch

viel imposanter vor als das bare Geld, und ich wurde sehr vergnügt.

* * * * *

Eine halbe Stunde später.

»Guten Tag,« sagte kurz angebunden und befremdet Flossy. »Was kann

ich für Sie tun?«

Das war nämlich nicht die übermütige lustige Flossy, wie ich sie gestern

abend kennen gelernt hatte, sondern Miß Florence Rafferty, Inhaberin der

_Hurry-Up_-Schreibstube im _Sun Building_ (die Adresse hatte ich mir

telephonisch vom Montgomery erfragt), Herrin einer Anzahl von

Angestellten, _businesswoman_.

»Ich möchte diktieren. Was kostet das?«

»In die Maschine oder Stenogramm?«

»In die Maschine.«

»Das berechnen wir nach Zeit. Einen Dollar die Stunde.«

»Schön. Ich pflege jedoch beim Diktieren zu rauchen.«

»Das sind wir gewöhnt. Miß Whitmann -- Diktat!«

Das schlanke kleine Ding ging mit straffen energischen Schritten voran

und führte mich in eine winzige Schachtel von kleinem Zimmerchen mit

schallsicheren, dickgepolsterten Türen und Wänden, und setzte sich

wortlos an die Maschine. Ich stürmte auf und ab in dem kleinen Raum,

meine Gedanken ordnend. Es gab nur ein Thema, über das ich im Augenblick

schreiben konnte: Fort Myer und das Signalkorps. Langsam begann ich zu

diktieren. Mit unglaublicher Geschwindigkeit flogen Miß Whitmanns Finger

über die Tasten. Sie arbeitete glänzend --

Aber was hatte das Mädel nur?

Ich betrachtete das schmale Gesicht, die fidelen Augen, das kleine

Stumpfnäschen verstohlen von der Seite. Da -- jetzt wieder!

Schnitt mir das Balg etwa gar Grimassen? Sie verzerrte das Gesicht, sie

schien zu lachen nun, zu schmunzeln dann, zu feixen jetzt, und ich

wartete entsetzt darauf, daß sie mir auch noch die Zunge herausstrecken

sollte... Sie machte die komischsten Gesichter -- sie grinste -- sie

verdrehte die Augen -- sie arbeitete auf ihren Kiefermuskeln herum, daß

dicke Muskelstränge an den Mundwinkeln sich zeigten! Donnerwetter! Hatte

ich etwas Lächerliches an mir?

Da kam mir plötzlich die Erleuchtung.

Selbstverständlich: Das Mädel kaute einfach Gummi. Kaugummi! Zähes Zeug,

das nach Schokolade oder Pfefferminz schmeckte und durch seine Zähigkeit

Unterkiefer gegen Oberkiefer wie ein schnellendes Gummiband in steter

Bewegung hielt. Das Mädel war eben ein nervöses Produkt einer

hetzarbeitenden Zeit und mußte etwas Zappeliges zu tun haben. Sie kaute

Gummi, wie alle Neuyorkerinnen kauen und alle Neuyorker ständig rauchen!

Nun störte mich das Grinsen nicht mehr...

Mit der Arbeit ging es sehr rasch. Ich fühlte instinktiv, daß sie ein

Erfolg sein würde. Der Stoff erfüllte alle Bedingungen der

amerikanischen Zeitung. Er brachte durchaus Neues, mit genauer

Sachkenntnis gesehen, war bildhaft, hatte Raum für Schilderung, und

konnte obendrein auf besondere Daseinsberechtigung im Zeitungssinne

Anspruch machen, weil er Gelegenheit gab, eine Forderung zu stellen:

Mehr Mittel für das Signalkorps -- noch rascheren Ausbau des technischen

Zentrums Fort Myer! So konnte man sich mit ein bißchen patriotischem

Glorienschein umgeben. Jawohl, es war eine gute Sache. Ich erzählte vom

Linienlegen in Kuba. Kurz, drastisch; von der Arbeit weniger Hände mit

primitivsten Werkzeugen; dem Anschwellen des Korps und der Hetzarbeit in

Fort Myer. Ich fabrizierte gerissene Ueberschriften, machte

Unterabteilungen, korrigierte, ergänzte. Und sandte die »_copy_«, die

ungefähr eine Seite des Journal umfassen mußte, mit kurzem

geschäftsmäßigem Begleitschreiben an Holloway. Mir war ein wenig

bänglich zumute, als ich das doppelte des ungefähr wahrscheinlichen

Honorars forderte. Aber nur die Lumpe sind bescheiden ...

Abends ging ich seelenvergnügt mit Flossy und Nicky ins Theater.

Am nächsten Morgen erhielt ich ein kurzes formelles Annahmeschreiben vom

_Journal_ mit einem Scheck über die geforderte Summe, hundert

Dollars; und da war ich wieder auf der Lebenslinie angelangt und

schwelgte in tausend Träumen und sah alle Himmel voller Geigen.

* * * * *

Dick Burton, Lokalredakteur der »_World_«, kam von seiner Arbeit in

den Klub wie allnächtlich, warf die Zeitungen auf dem Stuhl neben mir

auf den Boden, und setzte sich zu mir hin. Tiefe Schatten lagen unter

seinen Augen und dort, wo der buschige Schnurrbart aufhörte, zuckte es

nervös um seine Mundwinkel. Es war gegen zwei Uhr morgens.

»Pass' auf -- das sind meine Zeitungen,« knurrte ich.

»In die Verdammnis mit den Zeitungen!« sagte er. »Wollen lieber 'n

Glas Bier trinken. Ich muß noch mit jemand reden, sonst kann ich nicht

schlafen, und die anderen spielen alle Poker da drin, also _hands up_,

mein Junge! Idiotisch übrigens, die Spielerei. Es ist mir unbegreiflich,

daß jemand mir mein bißchen Geld nehmen dürfen soll, ohne daß ich ihm

wenigstens eine 'runterhauen kann! Uebrigens, deine Heilsarmeegeschichte

hab' ich genommen, muß aber dreihundert Zeilen streichen. Viel taugt sie

nicht.«

»Danke.«

»Bitte. Prosit! Ja -- Tammany hat's also wieder!« Er sah starr vor

sich hin.

»Eine interessante Neuigkeit!« sagte ich bissig (seit zehn Uhr abends

war im Klub von nichts anderem gesprochen worden)!

Burton lachte kurz auf.

»Jawohl, eine interessante Neuigkeit. Sämtliche Kandidaten der

Tammanypartei sind wiedergewählt worden; der Bürgermeister, der

Schatzmeister, die Stadträte, alle miteinander, die saubere

Gesellschaft. »Uir sitze' so frohlik beisamme',« heißt's nicht so? Es

ist zum Totschießen. Durch die freie Wahl des souveränen Volks dieser

verrückten Stadt, haben wir den ganzen Schwindel amtlicher Gaunerei

glücklich wieder auf dem Hals. Diebstahl, Erpressung, verpestete

Polizei, und so weiter! Das ist doch interessant! Nachdem fast alle

Neuyorker Zeitungen, ein halbes Jahr lang dem Schafskopf, der sich

Neuyorker Bürger nennt, haarklein vorerzählt haben, daß die politische

Stadtpartei, die den schönen Namen Tammany führt, aus Spitzbuben

reinsten Wassers besteht -- nachdem wir absolute Beweise geliefert haben

-- nachdem die Spatzen auf der Straße es schon pfeifen, wie es aussieht

in der Verwaltung Neuyorks! Einstimmig beinahe wird die Bande

wiedergewählt! Erdrückende Majorität! Weshalb bin ich wütend? Weil das

beweist, daß wir, wir Zeitungsmenschen, keinerlei Einfluß, auch nicht

eine Spur von Einwirkung, auf die Millionen von Menschen in Neuyork

haben, die täglich lesen, was wir schreiben. Dreck sind wir, mein Sohn.

Gar nichts sind wir! Machen uns täglich kaput im kleinen Tagewerk, und

wenn wir wirklich einmal Großes und Wertvolles zu schaffen glauben, dann

ist's umsonst geschrieben, wie dieses schöne Tammanybeispiel beweist.

Hoh, wer möchte nicht amerikanischer Journalist sein! Geh' und verkaufe

Hosenträger, mein Junge, solange es noch Zeit ist. Ich bin schon zu alt

dazu. Brr -- wollen von was anderem reden. Fritz, noch zwei Bier. Also

deine Salvation-Army-Idee ist _allright_. Wie bist du

daraufgekommen?«

»Durch die Zeitung, wie immer. Eigentlich durch dich, nebenbei

bemerkt.«

»Wieso?«

»So auf Umwegen. Du erwähntest neulich in einem bissigen Ausfall gegen

die Polizei die Heilsarmee. Sagtest, sie leistete mehr im Kampf gegen

Verbrechen und Elend als sämtliche Schutzleute Neuyorks zusammen

genommen. Ich ging also ins Hauptquartier der Hallelujaleute,

interviewte den General, und bekam viel Großzügiges und Gescheites zu

hören. Aber es taugte gar nichts für mich, weil das alles schon dutzende

Male gesagt und geschrieben worden war.«

»Hätt' ich dir vorher sagen können.«

»Weiß ich. Als ich wieder auf die Straße kam und mich wunderte, ob aus

dem mageren Interview etwas zu machen wäre, war es Abend. Vor dem

Hauptquartier ordneten grobe Polizisten Hunderte von armen Teufeln in

die berühmte _bread line_ ein, die Brotlinie, den Gänsemarsch der

Armut. Stundenlang mußten die Reihen stehen und warten und langsam

vorrücken, bis jeder ein Stück Brot und seine Schlafkarte an der Türe

der Heilsarmee bekam. Da dachte ich mir, es müßte interessant sein und

höchst wichtig obendrein, herauszubekommen, wie diese Leute zur

Brotlinie gesunken waren. Wie es ihnen in Neuyork erging und was sie

über Neuyork dachten! Ich nahm mir die letzten zwanzig Mann der Linie

beiseite, führte sie ins nächste _Quick Lunch_ Restaurant, fütterte

sie und ließ sie erzählen. Resultat: »Zwanzig Schicksale«!«

»Gut!« sagte Dick Burton. »Wie jung man sein muß, um so einfach zu

arbeiten!«

»Das kostet dich noch ein Bier --«

»_Done._ War aber nicht bissig gemeint -- im Gegenteil. Bin heute nur

Zyniker. Trinken wir Höll' und Verdammnis den Tammaniten! So. Dies ist

ein höchst wunderbares Land. Ich, der ich kaum einen Steinwurf weit weg

von diesem Hause geboren bin, in dem wir hier sitzen, kenne es nicht,

noch kenne ich die Stadt, in der ich mein Leben lang gearbeitet habe. Du

auch nicht. Wir alle nicht. Später einmal, mein Sohn, wirst du daheim im

Vaterland über uns Amerikaner erzählen und schreiben, denn du bist

allzusehr Teutone, um nicht früher oder später heimwärts zu gravitieren.

Und es wird großer Mist sein, lieber Freund! Wie alles, was über Amerika

und die Amerikaner geschrieben wird. Man sagt uns Männern von der

Zeitung nach, daß wir den Finger am Pulsschlag des öffentlichen Lebens

haben --«

Er hob andächtig den Krug.

»-- und das ist wieder eine von unseren verdammten verlogenen Phrasen.

Nirgends haben wir einen Finger! Nichts wissen wir! Dreck sind wir!

Hallo -- Holloway!«

»Hallo, Kinder. Was treibt ihr?«

»Ich versuche,« lachte Dick Burton, »diesen jungen Dachs Demut zu

lehren.«

»Das ist entschieden eine nette Ausrüstung für einen

Zeitungsmenschen!« grinste Holloway.

»Sei bescheiden, Franky! Hast nicht auch du täglich

fünfmalhunderttausend Menschen -- das ist doch so ungefähr eure Auflage

-- gepredigt und bewiesen, daß Tammany der Schandfleck Neuyorks ist, daß

diese Politiker, die das Schicksal einer Millionenstadt in ihren Händen

halten, verrottet sind bis ins Innerste? Daß sie stehlen und betrügen

und die anständigen Menschen an der Nase herumführen? Nun, was hast du

ausgerichtet, du einflußreicher Zeitungsmann?«

Frank Holloway lehnte sich weit in den Sessel zurück und sah ernst vor

sich hin.

»Ich glaube an dieses Land und seine Kräfte!« sagte er endlich. »Was

wir hier in Neuyork erleben, ist nur ein Abklatsch, ein Ausschnitt im

Kleinen, verrotteter politischer Zustände, die aber immer nur Ausnahmen

sind und bleiben müssen. Der und jener unserer politischen Führer ist

verderbt. Eine Zeitlang vermag er sich durch Tricks und Mätzchen und

Bestechung armen Stimmviehs zu halten. Dann aber wird er hinweggefegt,

wie sie alle hinweggefegt worden sind von Zeit zu Zeit. Denn dieses Land

ist im tiefsten Grunde knochenehrlich. Es begeht Fehler, aber es wird

die Fehler automatisch in seiner Entwicklung gutmachen. Wenn ich im

Geiste die ungezählten Heerscharen sehe, die aus allen Ländern in unsere

neue Welt geströmt sind, so will es mir scheinen, als sei von ihnen nur

übrig geblieben, was tüchtig, wertvoll, lebenskräftig war. Die anderen

sind zermalmt worden in unserem brutalen Daseinskampf. Noch kämpfen ihre

Kinder und ihre Kindeskinder. Sind wir doch die jüngste aller Nationen.

Aber der Grund ist gelegt. Es ist nichts als ein Wachsen und Werden,

wenn wir, das einzige freie und völlig selbstbestimmende Volk der Welt,

uns mit vom Daseinskampf getrübten Sinnen von einigen Milliardären

knechten lassen, weil wir in diesem harten Leben das Geld nun einmal

anbeten müssen wie es scheint: wenn wir Schurken dulden, weil die Besten

unter uns keine Zeit haben, für Ehrlichkeit zu kämpfen; wenn wir, die

vielen Freien, uns von einigen ausbeuten lassen. Und einst wird die Zeit

kommen, wo dieses ungeheure Land sich an seine Freiheit gewöhnt haben

und alles abschütteln wird, was alt und verfault ist: Die irischen

Politiker, die englische Pfäfferei, die puritanische Lüge, den schlauen

Geschäftsschurken der alten Oststaaten...«

»Gut!« sagte Dick Burton. »Ich achte persönlichen Enthusiasmus. Ich

persönlich jedoch glaube, daß mit zunehmendem Reichtum die Sache immer

fauler werden wird bei uns. Die Zukunft gehört dem smarten begabten

Juden. Schon jetzt leitet er unsere Banken, schreibt unsere Bücher,

dichtet unsere nationalen Lieder -- --«

»Ich hab' eine Idee!« unterbrach ich ihn. (Wenn Dicky auf den

amerikanischen Juden und auf den Neuyorker Juden im besonderen zu

sprechen kam, wurde er langatmig und langweilig. Außerdem ungerecht!)

»Hoih! Er hat eine Idee!« schrie Holloway, sah mich jedoch dankbar an.

»Aber nicht für dich! Dir gegenüber ist sie vertraulich, denn die kann

nur Dick machen, weil er eine Dame im Stab hat.«

»_Allright._«

»Dick, wenn du meine Idee akzeptierst, muß sie honoriert werden.«

»Selbstverständlich. Wie gerissen dieser Jüngling schon ist!«

»Entschuldige, ich muß von dem bißchen Ideenhaben leben. Es ist nämlich

in diesem Falle sehr fraglich, ob ich überhaupt mitarbeiten könnte.

Also, es ist mir heute und gestern aufgefallen, daß nach verschiedenen

kurzen Berichten über an und für sich unbedeutende Gerichtsverhandlungen

die verhafteten Mädchen zu geringeren Strafen verurteilt wurden, als das

üblich ist. In den Berichten hieß es ferner, daß die Mädchen sich über

die ihnen gewordene Behandlung beschweren wollten, aber nicht zu Wort

kamen. Ich habe nun das Gefühl, als ob da etwas nicht in Ordnung sei. Ob

ich recht habe oder nicht, ist aber für meine Idee ziemlich

gleichgültig. Was ich dir vorschlage, Dick, ist, daß die Flynn, eure

Reporterin, sich auf der Straße als »unordentliche Person« verhaften

läßt --«

»Oho!« rief Dick.

»-- alles mitmacht, sich auf die Wache bringen läßt, in die

_tombs_« (das Neuyorker Zentralgefängnis), »vor den Richter. Sobald

sie verurteilt ist, greifen wir ein. Wir werden dann von der Flynn

erfahren, wie die Verhältnisse in der Weiberabteilung sind und haben

unter Umständen -- wenn nämlich die Dinge so liegen, wie ich das vermute

-- einen authentischen Fall, gegen den alles Ableugnen nichts ausrichten

kann. Selbstverständlich ist das nicht eine gewöhnliche Sensation

sondern ernste Arbeit, die von großer Tragweite sein kann.«

»Gut!« sagte Dick Burton.

Holloway nickte und pfiff leise vor sich hin.

»Dick,« sagte er plötzlich, »wir wollen die Sache miteinander machen.

Gleichzeitige Veröffentlichung, gleichzeitige Polemik, gemeinsames

Vorgehen. Das scheint mir in diesem Falle notwendig, wenn es auch von

unseren Gepflogenheiten abweicht, damit die Herren von der

Tammanypolizei nicht sagen können, das sei wieder einmal nur ein

boshafter Angriff einer einzelnen gelben Zeitung.«

»Abgemacht,« sagte Dick Burton. »Nun lass' den Jungen da reden. Die

Flynn wird die Aufgabe übernehmen, glaube ich.«

»Es kommt vor allem darauf an,« meinte ich, »daß sie sich nicht das

geringste zuschulden kommen läßt und völlig unschuldig verhaftet wird.

Bei den Verhältnissen im Tenderloindistrikt, die wir alle kennen und die

doch nie so recht bewiesen werden konnten, wird das sehr leicht möglich

sein. Die Flynn muß sich ganz einfach und unauffällig anziehen und

abends in den Nebenstraßen bei der Bowery spazieren gehen. Weder zu

schnell noch zu langsam. Sie darf nicht auf- und abgehen und nie

dieselbe Straße zweimal passieren. Selbstverständlich wird sie sehr bald

dem einen oder dem anderen der Detektivsergeanten des Tenderloin

auffallen. Selbstverständlich wird er sich die übliche Bestechung von

ihr holen wollen. Natürlich ist er auch zu dumm, um etwas zu merken, und

wird die Flynn prompt verhaften, sobald sie nicht zahlt.«

»Sehr gut!« sagte Dick Burton. »Mann, wo hast du nur deine

großartigen Ideen her! Natürlich sind wir drei stets in der Nähe, um

beschwören zu können, daß die Flynn sich einwandfrei verhalten hat.

Kommt sie dann vor den Richter, so sind wir mit unseren eidesstattlichen

Versicherungen da. Ja. Also abgemacht, Holloway?«

»Ja. Unter der Bedingung, daß Miß Flynn auf das genaueste über alle

Fährlichkeiten informiert wird, denen sie unter Umständen entgegengeht.

Es gibt da brutale Leibesuntersuchungen und derartiges.«

»Das ist selbstverständlich. Miß Flynn gehört übrigens einer sehr guten

Neuyorker Familie an. Es wird ihrem Ruf nichts schaden, wenn sie im

Interesse der Aermsten der Armen eine tapfere Tat wagt. Ich denke, wir

gehen jetzt schlafen. Wo treffen wir uns morgen?«

»Hier. Um zwei Uhr,« sagte Holloway.

* * * * *

Wenn ich mir jenen Abend, von dem mich fünfzehn Jahre nun trennen, eine

sehr lange Zeit in einem Leben der Unrast, aus der Erinnerung wieder

erträume, so ist mir, als wären die Menschen von damals wieder lebendig

geworden, als sei ich mitten im Wirrwarr der Dinge. Ich höre die Männer

reden, ich sehe ihre Gesichtszüge, ich verspüre wieder die prickelnde

Aufregung der »Großen Sache«. Ich sehe die kleine Miß Flynn im einfachen

Kleidchen und rundem Schleierhut mit grellroten Flecken der Aufregung im

merkwürdig energischen Gesicht -- die lärmende grellerleuchtete Straße,

-- den vierschrötigen Polizeimenschen, der brutal auf sie einspricht --

den heransausenden Gefängniswagen, den Menschenauflauf, das Drängen und

Schieben von blauröckigen Polizisten. Die durchwachte Nacht steht mir

vor Augen, der Polizeigerichtshof in früher Morgenstunde, das scharfe,

kurze Verhör, die entrüstete Beschwerde der in ihrer ganzen Weiblichkeit

aufs tiefste verletzten Reporterin, das ungläubige Kopfschütteln des

Tammanyrichters. Ich höre das harte geschäftsmäßige Urteil wegen

gewerbsmäßiger Unzucht. Und ich sehe die aschenfahlen Gesichter der

beiden Polizeibeamten, als Holloway plötzlich aufsprang und in

öffentlicher Gerichtssitzung die Polizeibehörden der erpresserischen

Freiheitsberaubung beschuldigte. Die Arbeit dann, das Hetzen, das

Höllenbild, das Zeile um Zeile in einem stillen Zimmer des Worldgebäudes

entstand, die zornbebende Frau, die uns erzählen mußte, weil sie unfähig

zum Niederschreiben war...

Es galt, auf das Vorsichtigste zu mildern, weil die Urenkel der

Puritaner kräftige Worte nicht vertragen können, aber was geschrieben

wurde, war immer noch deutlich und wahr genug. Im Lande der

Frauenverehrung war ein Mädchen auf den fadenscheinigsten Verdacht hin

als Dirne verhaftet und im Weiberzimmer des Gefängnisses schlimmer

behandelt worden als Tiere behandelt werden.

Der Bericht entsetzte ganz Neuyork. Die _grand jury_, die

eigentümliche amerikanische Einrichtung eines Geschworenengerichtshofes

in staatsanwaltschaftlicher Funktion, der Mißstände zu prüfen und

Anklagen zu erheben hat, nahm sich der Angelegenheit an, und später

wurden einige Polizeibeamte zu empfindlichen Strafen verurteilt. Die

öffentliche Meinung aber setzte wenigstens einige wichtige Veränderungen

im Neuyorker Polizeiwesen durch.

Im Zeitungsklub beglückwünschte man mich, den jungen Anfänger, von links

und von rechts, denn diese Männer, die kalt und zynisch im

Sensationsgeschäft schachern konnten, sahen doch den Höhepunkt und das

Große ihres Berufes in sozialer Hilfeleistung.

* * * * *

Und wieder sehe ich die Menschen, und höre den Zeitungslärm, in dem ich

arbeitete. Gräßlicher Lärm war es; Hasten, Ueberstürzen, Holtergepolter

tagaus tagein. Aber diese Arbeit hat Freuden beschert, wie sie der

Erfolgreichste und Tüchtigste nicht größer und schöner erleben kann. So

stolz kam man sich vor jeden Tag, weil an jedem Tag von neuem gerungen

und gekämpft werden mußte! Denn der Landsknecht der Feder hatte es

wahrlich nicht leicht!

_Free lances_, Freilanzen, Landsknechte, Glückssoldaten der Zeitung

werden im Zeitungsland des Dollars die merkwürdigen Männer genannt, von

denen ich damals einer von den ganz kleinen war. Ihre Zahl ist eine sehr

große. Die Tüchtigen behaupten sich in ihrer unabhängigen Stellung, die

anderen wenden sich, wenn sie lange genug gehungert und Träume geträumt

haben, irgendeinem Dollarberuf zu, der etwas weniger aufreibend und

etwas mehr nahrhaft ist. Einige wenige finden Unterschlupf als

festangestellte Journalisten. Die ganz wenigen endlich, die übrig

bleiben, werden große Männer und schaffen die moderne Romantik der

amerikanischen Literatur.

Es ist ein ganz verrückter Beruf, das Schaffen dieser Landsknechte, und

beileibe nicht zu vergleichen mit dem deutschen freien Schriftsteller

etwa, der seine Feuilletons, seine Essays, sein »Aktuelles« auf dem

freien Zeitungsmarkt verkauft. Das gibt es nicht bei der amerikanischen

Zeitung. Sie kauft wohl Romane von ersten Autoren und bringt

gelegentlich auch eine gute Novelle, aber sie hat kein literarisches

Feuilleton im europäischen Sinne und will keines haben. Sie pfeift auf

den Geist. Den europäischen Literaten kann sie absolut nicht gebrauchen.

Zwar liebt sie Humoristen, aber Humoristen sind in Amerika wie

anderwärts so selten wie die Uneigennützigkeit. Vor allem will die

amerikanische Zeitung:

Erstens Tatsachen!

Zweitens interessante Tatsachen!

Drittens famos geschilderte Tatsachen!

Wer ihr diese bringt, sei er nun Fachmann oder in seinem Urberuf

Präsident der Vereinigten Staaten oder professioneller Lumpensammler,

ist ihr herzlich willkommen und wird glänzend bezahlt -- vorausgesetzt,

daß er den Wert seiner Ware zu würdigen weiß und ohne falsche Scham zu

fordern versteht. Denn _business is business_. Mehr als sie muß, zahlt

auch die amerikanische Zeitung bestimmt nicht.

Nach der Lehre der Anpassung ist also der freie amerikanische

Schriftsteller, wenn er nicht gerade Romancier ist, zu allererst und

überhaupt Neuigkeitsjäger im Lande der Wirklichkeit. Landsknecht im

Zeitungsdienst. Großer Landsknecht, kleiner Landsknecht, mittlerer

Landsknecht, oder minderwertiger Landsknecht, je nach Können, und Laune

Dame Fortunas. Es gibt _free lances_, die tagaus, nachtein, in

schäbigen Bars herumvegetieren, um einen kleinen politischen _boss_ zu

erwischen und ihn zu interviewen -- es gibt solche, die auf eigene

Kosten und auf eigenes Risiko Flibustierexpeditionen ausrüsten,

Südseeinseln erforschen, in nördlichste Eisregionen wandern -- es gibt

_free lances_, die mühselig aus mühselig ergattertem Kleinen einige

Zeilen »_copy_« fabrizieren -- und es gibt geniale Künstler, die aus

ihrer Zeitungsarbeit Kunstwerke flammender Schilderung schaffen.

Einer von ihnen war zum Beispiel Stanley. Ein anderer Richard Harding

Davis. Ein dritter der weltberühmte Ambrose Bierce, der

Kriegsschilderer, der Wereschtschagin der Feder...

Woraus ersichtlich sein mag, daß das Landsknechttum der amerikanischen

Zeitung keinen Anfang hat, kein Ende, keine Grenzen. Es gibt gute _free

lances_ und schlechte _free lances_, so wie es Sonntagsjäger gibt und

Waidmänner...

Der amerikanische Neuigkeitsjäger trägt eben in seinem Füllfederhalter

verborgen den Marschallsstab der schildernden Kunst. Ob er ihn jemals

schwingt, hängt von seinem Hirn ab, von seinen Augen, vom Glück, von

Nerven, Zähigkeit, Genius, von den Männern und den Frauen vor allem um

ihn -- wie alle großen Dinge in dieser Welt.

Selbstverständlich jedoch hatte von dem wirklichen und den endlichen

Zielen dieses Landsknechttums, in dem er arbeitete, der Lausbub von

damals auch nicht die Spur einer Ahnung!

Ich fraß halt auch in Neuyork das tägliche Leben und die tägliche Arbeit

seelenvergnügt genießend, aber höchst gedankenlos in mich hinein. So,

wie ich alles in mich hineingefressen hatte in den fünf amerikanischen

Wanderjahren. Mit gefräßigem Appetit. In vollkommener Wurstigkeit, was

Bekömmlichsein und Verdauung anbetraf. Die Welt war wunderwunderschön.

Die Zeitung ein arkadisches Traumland; die Zeitungsmänner allmächtige

Götter, so schien es mir. Ich selber ein kleiner Herrgott zum

mindesten.

Landsknecht der Feder.

Meine allerersten Nerven! -- Die Morgenarbeit. -- Die Jagd nach der

Anregung. -- Wo sie zu finden ist! -- »Nur nichts Naheliegendes!«

-- Die Schwitzmädel-Idee. -- Wie sie im Zeitungshirn arbeitet. --

Der Sensationsprozeß. -- Mittagessen _à la_ New York -- Der Mann,

mit dem ich einst Codfische pökelte. -- Vom Stockfischarbeiter zum

Hochfinanzier. -- In der Bank. -- Das Warenhaus. -- Die

Amazonenschlacht um den Frühlingshut. -- Der Oster-Hut-Trust! --

Bei Delmonico. -- Träume. -- »Einmal ein Zeitungsgaul, immer ein

Zeitungsgaul.« -- Der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren.

Ich glaube, ich habe mir in jenen Neuyorker Zeiten meine allerersten

Nerven geholt!

Was war das nur für ein Leben!

Da klingelte man des Morgens, knipste das elektrische Licht an und

stürzte sich noch im Bett auf die Zeitungen, die Morgenausgaben des

_Journal_, der _World_, der _Sun_, des _Herald_, des

_American_, der _Times_. Gierig. Fieberhaft. Was war los? Was gab

es? Wo konnte man den Hebel ansetzen? Man nahm die Zeitungen mit in die

Badewanne und man schleppte sie hinunter zum Frühstück; amerikanerhaft

futternd, ohne rechten Sinn für das, was man aß, wie eine Maschine, in

die zu bestimmter Zeit Brennstoff hineingeschaufelt wird. Um 9.30 Uhr

morgens war man glücklich im nötigen Stadium der Arbeitserregung,

verschiedene Grade über normal. Wer in Neuyork lebt, muß mit den

Neuyorkern heulen, und ein Neuyorker kann nun einmal nur unter anormalem

Hochdruck arbeiten, sei er nun Käsehändler oder Trustmilliardär oder

Zeitungsmensch.

Lesen, lesen, lesen!

Ach, schon wieder zehn Minuten vergangen! Husche, husche, die

Riesenspalten hinab -- ruck, auf die andere Seite hinüber. Alles in

Sekunden. Man hat es ja längst gelernt, so zu lesen, wie der

Zeitungsmensch lesen muß: In photographischem Erfassen eines

Zeilenbildes von zehn, zwanzig Zeilen auf einmal mit Hirn und Auge.

Rasch, nur rasch.

Wie macht sich die Arbeit von gestern? Wie ist sie plaziert? Welche

Buchstabengröße hat der _editor_ ihrer Ueberschrift gegeben? Ah, man

atmet auf. Korpus 3: die Ueberschriftgröße, die Sachen von Bedeutung

gegeben wird.

Weiter geht die Jagd. Denn irgendwo in diesen vielen Zeitungsspalten

sind neue Arbeitsaufgaben zu finden, wenn man nur zu suchen weiß. Der

Landsknecht lebt meist von dem, was von den regulären Soldaten der

Zeitung unbeachtet gelassen worden ist. Krampfhaft sucht man nach einer

Anregung. Der große Sensationsprozeß da -- eine Dame der Neuyorker

Gesellschaft ist durch Seltzerpulver, die ihr anonym zugesandt worden

waren, vergiftet worden, und ein Herr der Gesellschaft steht nun auf

Indizienbeweise hin als wahrscheinlicher Täter vor den Geschworenen --

der interessiert uns nicht. Was da zu tun ist, ist getan. Jede

Neuyorker Zeitung hat ihre besten Schilderer im Gerichtssaal, ihre

Detektive an der Arbeit. Ueber die politischen Ereignisse des Tages muß

man sich zwar informieren; aus ihnen Arbeit zu schöpfen jedoch ist Sache

der Spezialisten --

»_Working?_ An der Arbeit?« frägt eine helle Stimme.

»Guten Morgen, guten Morgen,« antwortete ich hastig. »Geh weg,

Flossy. _Awfully busy._ Bin fürchterlich beschäftigt!«

»_Well -- t--ta--ta, my boy..._«

Weiter, weiter, im Hasten. Man wird nervös und ärgerlich. Ist denn gar

nichts los heute? Steht wirklich nichts geschrieben zwischen den Zeilen?

Nun gilt es, sorgsam zu lesen. Was man da überflogen hat, die Kunde von

den bedeutenden Ereignissen des Tages, das ist vom Zeitungsstandpunkt

schon ausgeschöpft bis ins Tiefste. Was offenbar wichtig ist und in die

Augen fällt, haben die Männer der Redaktionen ohne Zweifel schon in

Arbeit.

Für uns ist das Naheliegende nichts.

Man hat sich schon zu oft die Finger verbrannt und ist klug geworden.

Man hat umsonst gearbeitet, und ist ausgelacht worden obendrein damals,

als die Bohrungen für die Untergrundbahn begannen und man in den kaum

errichteten Caisson stieg und ein höchst interessantes Arbeitsbild

schrieb. --

»Haben wir längst!« hatte Holloway gegrinst; »glaubst du vielleicht,

daß wir schlafen?«

Oder damals, als man die Felsensprengungen für das Fundament des neuen

Wolkenkratzers schilderte -- und die Szenen beim Ausstand der

Tramwayangestellten -- und -- ach, wie war man da ausgelacht worden!

Nein, nur nichts Naheliegendes! Unsereiner verdiente viel mehr Geld als

der reguläre Zeitungsmann, der allwöchentlich oder allmonatlich seine

festen Dollars einheimste, aber dafür mußte man auch sein bißchen

Phantasie haben und verdammt scharfe Augen. Neues brauchte die Zeitung.

Neues! Oder zum mindesten neu, eigenartig Gesehenes.

Weiterlesen! Wir müssen aus irgend einem winzigen Ereignis, das da in

fünf Zeilen erwähnt wird, etwas Typisches, Allgemeines, Wichtiges

machen; wir müssen in einem gleichgültigen kleinen Bildchen die

Möglichkeit einer großen Schilderung sehen; wir müssen das ergänzen, was

die Flüchtigkeit des überhasteten Zeitungsmannes vernachlässigte. Wir

müssen im ganz Kleinen den großen Zug entdecken. Dafür werden wir

glänzend bezahlt...

Man sucht und sucht. Man liest aufmerksam die Gerichtsverhandlungen

durch, ob sie allgemein nicht bekannte soziale Zustände berühren, man

prüft die Unglücksfälle, die Brandnachrichten, die Gesellschaftsnotizen,

das Winzigste. Alles.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3) · 第 16 / 27 题