Wieder dröhnte es: Kurz, lang, lang --

Und da rasselte der Klopfer eine Sekunde lang und auf dem Papierstreifen

erschienen wirre Punkte, acht oder neun, in unregelmäßigen Abständen.

Sie bedeuteten nichts.

»Laufen Sie zu Souder hinüber und sagen Sie ihm, er solle fortwährend

langen Strich -- Pause -- langen Strich senden,« befahl der Leutnant.

Drüben knatterte es. Lang -- Pause -- lang. Und mit einem Male, als wir

den Heimatstrom verstärkt und den Magneten auf größte Empfindlichkeit

gestellt hatten, begann der Klopfer zu reden. Klick -- Pause -- Klick.

Auf dem sich drehenden Papierstreifen erschienen in absoluter

Regelmäßigkeit Striche. Fast gleich lange.

»Wir haben es!« flüsterte der Leutnant fast keuchend. »Carlé! Flagge

hoch! -- -- Souder!!« brüllte er. »Telegraphieren Sie _wonder_!«

Atemlos beugte ich mich über das geheimnisvolle Glasröhrchen und -- sah

es wie ein Erzittern durch die Metallstäubchen gehen. Die gleichmäßige

Lage von Metallteilchen schien an einer Stelle dünner zu werden, an

einer anderen sich an der Glaswand zu erhöhen. Leise klickte der

Klopfer:

»Kurz, lang, lang -- kurz, kurz... « deutlich hörbar trotz des sausenden

Gedröhnes im Gebeapparat drüben.

»Flagge hoch!«

Der Leutnant stand da und starrte auf den Papierstreifen. So klar und

deutlich wie Schrift stand da in den Punkten und Strichen der

telegraphischen Zeichen das Wort --

_w--o--n--d--e--r_.

»Meines Wissens ist das zum erstenmal, daß in Amerika die praktische

Uebertragung eines Worts auf drahtlosem Wege gelungen ist,« sagte er.

Und dann streikte das Glasröhrchenwunder. Die Experimente dauerten fast

ohne Unterbrechung zwei Tage lang, aber es gelang nicht ein einzigesmal,

die Wiederholung auch nur eines einzigen Buchstabens zu erzielen. Irgend

etwas arbeitete nicht im elektrischen Gehirn...

So plötzlich wie er gekommen war, verschwand der Leutnant wieder in das

Laboratorium in Washington, und ich habe nie wieder einen drahtlosen

Apparat gesehen seitdem.

Ich nehme meinen Abschied.

Acht Wochen der Macht. -- Veränderungen im Korps. -- Ich werde ins

Kriegsministerium kommandiert. -- General Adolphus W. Greely. --

Mein Entlassungsgesuch. -- Die weggeworfenen 1200 Dollars. -- Von

Beamtinnen Onkel Sams und Dampfaustern. -- Ich bin entlassen. --

Sergeant Souder wird Offizier. -- Abschied von Major Stevens. --

Nun fängt ein neues Leben an.

Prachtvolle Wochen heißer Arbeit waren es gewesen. Der bunte Wirrwarr,

den jeder Tag brachte, die immer neuen Pflichten, die alle Kraft aufs

äußerste anspannten, die Versuchsarbeit im Telegraphie-, Ballonwesen,

Kriegsphotographie, die große Selbständigkeit, die jedem von uns ein

freies Arbeitsfeld gab -- all das viele Neue wirkt berauschend,

begeisternd. Jeder von uns empfand es als hohe Ehre, sich halbtot

schinden zu dürfen, und wachte von Anfang an eifersüchtig darüber, daß

er auch ja Arbeit über Arbeit bekam... Je mehr Arbeit, je mehr Ehre! Man

verspürt die Wonnen des Schaffens und der Macht.

Aber sehr bald sollte sich Vieles verändern.

Leutnant Burnell war zum Kapitän ernannt worden, zwei neue Leutnants

waren hinzugekommen in rascher Folge und über vierzig neue Sergeanten,

die aus den besten Berufstelegraphisten und den Elektrikern ausgewählt

wurden. Der Mannschaftsbestand stieg oft über zweihundert Mann. Die

Organisation des Signalkorpsforts während kaum mehr als einem

Vierteljahr war eine bewunderungswürdige Arbeitsleistung gewesen und ein

großer Erfolg. Vom engen persönlichen Standpunkt aus aber schwand meine

Freude am Signalkorps rasch. Ich war jetzt einer von vielen nur; die

schöne Machtperiode der neun Sergeanten hatte kaum acht Wochen gedauert.

Im Büro häufte sich die tägliche Routinearbeit so, daß ich schließlich

nicht mehr war als ein Maschinenschreiber, der nur aus den Befehlen noch

wußte, was draußen vorging. Das enge Verhältnis zum Kommandeur, das der

Krieg geschaffen hatte, war langsam geschwunden, wie das sein mußte. In

den Werkstätten drüben und in den Abteilungen arbeiteten fremde

Menschen, mit denen einen nichts verband als die gemeinsame Uniform.

Soviel wußte ich: die allernächste Gelegenheit, die sich mir bot, das

Entlassungsgesuch zu erneuern, wollte ich beim Schopfe nehmen!

In diesen ersten Zeiten der Arbeit hatte ich ja ganz vergessen, daß

schon im Zeltlager von Montauk Point, sofort nach Beendigung des

Krieges, das Ziel der nächsten Zukunft klar vor meinen Augen gestanden

war:

Den Soldatenrock ausziehen! Zurück zur Zeitung!

Nur um den Krieg mitzumachen, war ich Soldat geworden. Nur darum. Und

von Tag zu Tag wurde nun der Wunsch heißer in mir, ein Ende zu machen.

* * * * *

Im Anfang des Jahres 1899 wurde ich in das Büro des Signalchefs ins

Kriegsministerium nach Washington kommandiert, als Sekretär des Majors.

Es war eine ganz unwichtige Angelegenheit, um die es sich handelte --

die Aufstellung der neuen Bedarfslisten, bei der ich mit unserem

Büromaterial zur Hand sein mußte -- und sie interessierte mich nur, weil

sie einen Wechsel bedeutete. Sie sollte aber den Abschluß meines

Militärdienstes bei Onkel Sam herbeiführen.

* * * * *

Der Major war in Zivil, als das Automobil uns frühmorgens nach

Washington zum Kriegsministerium brachte, denn amerikanische Offiziere

tragen außerhalb der Forts ungern Uniform, und auch ich hatte die

Erlaubnis erhalten, Zivil anzulegen. Höchst erfreut war ich darüber; gab

mir das doch Gelegenheit, in den Arbeitspausen ein Stück Washington

anzusehen, ohne mich lange umziehen zu müssen. In Sergeantenuniform ein

gutes Restaurant aufzusuchen, wäre mir nicht eingefallen, denn

amerikanische Freiheit hat ihre Grenzen.

Durch die breiten Gänge des Kriegsministeriums, in denen es von Menschen

wimmelte, ging es zum Lift, vier Treppen empor, und wenige Minuten

darauf standen der Major und ich in dem kleinen Arbeitszimmer des

Signalchefs der Armee. Ich hatte den General noch nie gesehen und etwas

wie scheue Bewunderung war in mir. Der alte Herr am Schreibtisch dort im

schlichten Gehrock mit dem wallenden weißen Patriarchenbart und den ein

wenig unmilitärischen silbernen Hauptlocken, war einer der kühnen

Männer, die mit Leib und Leben um den alten Menschheitstraum gekämpft

hatten, den Nordpol zu erreichen. Vor siebzehn Jahren ungefähr hatte

Adolphus Washington Greely die internationale Expedition nach der

Franklinbai geleitet und war drei Jahre lang in Schnee und Eis

eingeschlossen gewesen. Seine Forschungen hatten ein neues Kapitel in

der Geschichte der Arktik eingeleitet. Später war der berühmte Mann

General und Leiter des Signalkorps geworden.

»Guten Morgen, Major,« sagte der alte Herr, über seine Brille

hinwegblinzelnd. »Welcher Sergeant ist das?«

»Sergeant Carlé,« antwortete der Major.

»So?« Die hellen Augen funkelten mich an. »Einer von den Kubanern,

hm. Sie sind sehr rasch Sergeant geworden!«

»Jawohl, General.«

»Hm, ja. Haben Sie einen Wunsch, Sergeant?«

Ob -- ich -- einen -- Wunsch -- hätte? In militärischer Haltung stand

ich da, unbeweglich wie eine Mauer, aber durch meinen Kopf rasten die

Gedanken. Das war die Gelegenheit, die beim Schopfe gepackt werden mußte

--

»Ich bitte, aus dem Militärdienst entlassen zu werden!«

»Weshalb, Sergeant? -- --«, höchst erstaunt.

»Ich ließ mich eigentlich nur anwerben, um den Krieg mitzumachen, und

möchte meine Zeitungsarbeit wieder aufnehmen.«

»Eigentlich -- eigentlich --« brummte der alte Herr unwillig. »Die

Werbung erstreckt sich immer über eine Periode von drei Jahren. Das

wußten Sie doch. Wo wurden Sie angeworben?«

»In San Franzisko, General.«

Der Major stand da, halb zur Seite gewandt, und biß sich lächelnd auf

den Schnurrbart. Dann sagte er kurz:

»Ich befürworte das Ansuchen.«

»Nun,« sagte General Greely, »der Sergeant wird auf dem Dienstwege

Bescheid erhalten. Vorher aber muß ich ihn darauf aufmerksam machen, daß

auf Order des Kriegsministeriums neuerdings den Mannschaften, die vor

der Zeit entlassen werden, die Reiseentschädigung nicht gewährt wird.

Halten Sie Ihr Gesuch unter diesen Umständen aufrecht, Sergeant?«

»Jawohl, General!«

Da hatte ich mit einem Wörtchen so ungefähr eintausendzweihundert

Dollars auf die Straße geworfen ...

»_Well_,« sagte der Major, als wir nach einer Stunde Arbeit aus dem

Zimmer des Generals auf den Korridor traten, »welche Entscheidung der

Chef treffen wird, weiß ich nicht. Sie scheinen ja plötzlich eine

verdammte Eile zu haben, sich von uns loszueisen --«

Und weg war er.

Ich mußte meine Akten in Ordnung bringen und ging ins Nebenzimmer, die

Schreibstube des Hauptquartiers. Das war ein großer Raum mit gewaltigen

Aktenschränken an den Wänden. An sechs Schreibmaschinen saßen sechs

junge Damen, eifrig tippend, und einige junge Herren kletterten die

Leitern zu den Aktenschränken hinauf und hinab. In der Ecke stand ein

Tischchen für mich. Nach einigen kurzen Worten mit dem Bürovorsteher

setzte ich mich und tat so, als ob ich arbeitete. Mir wirbelte der Kopf.

Würde mein Gesuch genehmigt werden? Fing nun ein neues Leben an? Ich

wollte nachdenken, versuchen mir vorzustellen, was ich anfangen würde,

wenn ich frei war, aber in meinem Schädel jagte es wirr durcheinander

vor lauter Aufregung. Sollte ich zurück nach San Franzisko fahren?

Sollte ich -- -- sollte ich -- -- --

Ich dachte an alles. Und doch wieder an nichts Greifbares. Schließlich

folgte ich wieder meinem schönen alten Instinkt, die Dinge der Zukunft

dahin zu verweisen, wohin sie gehörten: in die Zukunft. Zum Teufel, noch

war ich nicht entlassen. Es nützte gar nichts, sich den Kopf darüber zu

zerbrechen. Das hatte Zeit. Und ich schob die Gedanken, die mich

plagten, einfach weg.

Um ein Uhr ertönte ein schrilles Glockenzeichen, das die Lunchpause

bedeutete, und ein guter Gedanke kam mir. Nur nicht allein sein müssen

jetzt und sich mit Grübeln quälen!

»Ich bin Sergeant Carlé,« sagte ich zu Miß Tipp-Tipp, die mir am

nächsten gesessen hatte, beim Hinausgehen.

»Das wissen wir! Lieber Mann, wir Mädels im Büro wissen alles!«

»So? Dann wissen Sie vielleicht auch, daß ich es abscheulich finde,

allein zu lunchen. Wollen die Damen mir die Ehre erweisen, beim Lunch

meine Gäste zu sein?«

»Was, wir alle?«

»Natürlich!«

»So 'was Nobles gibt's nicht wieder!« kicherten die Tipp-Tipp-Misses

und erklärten einstimmig, man müßte Dampfaustern essen und es sei gar

nicht weit. In dem weltberühmten kleinen Dampfaustern-Restaurant in der

Nähe des Kapitols setzte der weißbefrackte Negerkellner sieben große

Suppenteller vor uns hin, tat ein Stück Butter, Salz, Pfeffer, Paprika

in jeden, und füllte sieben Drahtkörbchen mit Austern in den Schalen.

Dann öffnete er sieben Türchen in den breiten schornsteinartigen

Eisenröhren, die hinter der Bar die Wände entlangliefen, hängte die

Drahtkörbe hinein, und drehte an einem Ventil. Die Eisenröhren waren

Dampfleitungen. Heißer Dampf kochte die Austern in ihrer eigenen Schale.

Nach einer halben Minute stellte er den Dampf ab, nahm die Körbe heraus,

und öffnete Auster auf Auster über den Tellern, daß ja kein Tropfen des

Safts verloren ging. Es entstand eine Art Suppe, so delikat, so kräftig,

daß sie einen Toten hätte erwecken können. Ueber ihr und dem Geplauder

meiner sechs Gäste vergaß ich völlig, daß in diesen Stunden ein Stück

meines Geschicks sich entschied...

Die Mädels schnabulierten tüchtig und schwatzten wie die Spatzen.

Sie waren allesamt festangestellte Beamtinnen, pensionsberechtigt und

auf Lebenszeit versorgt. In früheren Zeiten kam Jammer und Elend über

die Tausende von niederen Angestellten in den Büros der Washingtoner

Ministerien, wenn nach neuer Wahl ein Präsident dem andern folgte. Das

Heer von Wählern des neuen Mannes drängte nach Stellen. Der Erwählte

mußte wohl oder übel die Mitarbeiter seines Vorgängers auf die Straße

werfen, um seinen beutegierigen Anhängern Raum zu schaffen, und so

bedeutete jeder Wechsel in der Präsidentschaft wie unter den einzelnen

Ministern ein Brotloswerden von vielen Menschen in der Bundeshauptstadt

bis hinunter zu den Portiers und Fensterputzern. Alle flogen sie! Wehe

den Besiegten! hieß es auch im unblutigen Wahlkampf viele Jahrzehnte

hindurch, bis sich endlich den gesetzgebenden Körperschaften die

Erkenntnis aufdrängte, daß die Geschichte höchst unmoralisch war und vor

allem, was ihnen vielleicht wichtiger schien, höchst unzweckmäßig. Denn

an Stelle der eingearbeiteten Beamten trat so immer wieder ein Heer von

ahnungslosen Neulingen, die mühsam angelernt werden mußten. Es wurde

daher eine Art unabhängiger Beamtenschaft geschaffen, der _Civil

Service_, der Zivildienst. Die kleinen und mittleren Staatsbeamten

wurden nunmehr der Reihe nach aus einer Schar von Bewerbern ausgewählt,

die schwierige Prüfungen bestanden haben mußten. Es gab eine

Stenotypistenprüfung, eine Buchhalterprüfung, eine Sprachenprüfung, eine

Postprüfung, wissenschaftliche Spezialprüfungen und so weiter. Männliche

wie weibliche Beamte des Zivildienstes konnten nunmehr nur wegen

Verfehlungen nach einem Gerichtsverfahren entlassen werden. Die hohen

Beamten freilich »flogen« nach wie vor bei einem Wechsel der Regierung.

»Wieviel Gehalt bekommt ihr denn?« fragte ich vergnügt.

»Hundertundzwanzig Dollars im Monat,« lachten die Mädels.

Onkel Sam war doch immer nobel! Und sie erzählten, diese jungen Dinger,

von ihren Klubs, von ihren Privathotels, in denen sie beisammen wohnten,

von ihren Sparkassen, von ihrer Bank. Denn sogar eine Beamtinnen-Bank

hatten sie sich gegründet. Ein Mädel aber mit Stumpfnäschen sagte:

»Noch lieber möchte ich verheiratet sein...«

* * * * *

Die zwei Stunden waren wie im Fluge vergangen. Die Beamtinnen Onkel Sams

setzten sich wieder an ihre Maschinen und ich wollte mir vom

Bürovorsteher meine Akten zurückerbitten, als er schon auf mich zukam:

»Major Stevens erwartet Sie im Offizierszimmer,« sagte er. »Hat

soeben nach Ihnen gefragt. Gegenüber -- gleicher Korridor -- vierte Türe

links!«

Ich ging hinüber, klopfte an.

»Herein!« Das war des Majors Stimme.

Und ich trat ein -- und muß im nächsten Augenblick ein so erstauntes,

ein so dummes, ein so hilflos perplexes Gesicht gemacht haben, daß das

unbändige Lachen der beiden Offiziere, die rauchend an dem runden

Tischchen saßen, zweifellos gerechtfertigt war. Schallend lachten sie

auf. Der Major war der eine, und der andere -- Sergeant Souder! In

Leutnantsuniform. Freiwilligen-Infanterie. =In Leutnantsuniform!!=

Sekundenlang war ich sprachlos vor Erstaunen, dann aber mißfiel mir das

Lachen.

»Sergeant Carlé,« meldete ich kurz.

Der Major winkte krampfhaft ab.

»Sie haben aber auch ein Gesicht gemacht,« lachte er, »als sähen Sie

Ihre eigene Großmutter in indezenten kurzen Röckchen einen Cancan

tanzen! Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Carlé -- Zigarre, bitte, Mr. Carlé

--«

Und es überrieselte mich wie eine heiße Welle. =Ein Offizier sagte

nicht »Mister« zu einem Sergeanten= in der amerikanischen Armee! Das

bedeutete --

»-- General Greely hat Ihr Gesuch genehmigt. Ich werde Ihnen nachher

die nötigen Dokumente aushändigen und wünsche Ihnen jetzt Glück und

Erfolg auf Ihrem Lebensweg. Souder -- in dem Schränkchen dort muß eine

Whiskykaraffe und ein Syphon sein. Danke. Meine Herren, wir trinken auf

das Wohl des Sergeanten Souder und des Sergeanten Carlé. Mögen Sie ein

tüchtiger Offizier werden, Souder, und Sie ein berühmter Zeitungsmann,

Carlé. Vergeßt euren alten Kommandeur nicht, Kinder!«

Und wir tranken, und er zerschellte seinen Kelch an der Wand.

»Unser Major!« rief Souder mit leuchtenden Augen. Wieder klirrte

zerbrochenes Glas.

Es war nur eine Viertelstunde, die ich in dem winzigen Privatzimmerchen

der Signaloffiziere im Washingtoner Kriegsministerium verlebte, doch die

kurze Spanne Zeit war ein Männerzusammensein, voll tiefen Fühlens. Das

Geplauder schien oberflächlich und klang lustig, aber in das Lachen

hinein woben sich für jeden Bilder aus der kaum vergangenen Zeit, da wir

Kameraden gewesen waren im Krieg, wir drei. Das kittet. Der Major

meinte, es sei ja nett, daß er uns glücklich los sei, und schalt Souder

einen Duckmäuser, und Souder berichtete von dem reichen Schmied in dem

Indianiastädtchen, das seine Heimat war. Der war Mitglied des Kongresses

und ein alter Freund Souders. Der Sergeant hatte ihn in Washington

getroffen vor einigen Tagen, und der parlamentarische Schmied war

eiligst zum Kriegsminister gelaufen, ein Leutnantspatent in der

Freiwilligenarmee herauszuschinden für seinen Protegé -- Der neuernannte

Leutnant mußte heute noch nach San Franzisko abreisen, um sich zur

Philippinenarmee einzuschiffen.

Und wir lachten und tranken.

»Kuba und das Signalkorps!« toastete Major Stevens. »Adieu Jungens!«

Und er schüttelte Souder und mir die Hände, gab mir einen Briefumschlag,

und dann gingen wir, ein jeder seinen Weg. Der Major zum General, Souder

zum Infanteriestab unten, sich zu melden, ich nach dem Fort. Ich habe

keinen einzigen von den Männern aus dem kubanischen Kriege jemals

wiedergesehen. Mit einer Ausnahme -- Billy! Den alten Billy vom

Schienenstrang, den ein sonderbarer Zufall mir auf den letzten der

Leichtsinnspfade stellen sollte.

* * * * *

Es gehörte zum guten Ton der Armee, daß einer, der ihr den Rücken

kehrte, das rasch und unauffällig machte. Von der Sekunde an, in der man

seine Entlassung in der Tasche hatte, paßte man nicht mehr in den

militärischen Rahmen. So fuhr ich rasch nach Fort Myer, nachdem der Gang

zum Zahlmeisteramt mit dem Entlassungsdokument in wenigen Minuten

erledigt war. Sergeant Hastings war telegraphisch benachrichtigt worden

und sagte wenig; der alte Reguläre begriff es nicht, daß man den Rock

mit den wertvollen Sergeantenstreifen freiwillig ausziehen konnte. Er

nickte, als ich ihn bat, meine militärischen Habseligkeiten, die

Uniformen, die Mäntel, die Mützen für mich zu verkaufen, und war

verwundert, weil ich wünschte, er möge meine Entlassung erst beim

Abendappell den anderen Sergeanten mitteilen. Ich mochte das Gerede

jetzt nicht. Keiner der anderen stand mir nahe. Und als ich die paar

Sachen für mein Köfferchen zurechtgelegt hatte, zog ich noch einmal

Sergeantenuniform an, um nicht aufzufallen, und ging durch die Quartiere

und die Werkstätten. Ich sah den Leuten einige Augenblicke lang zu,

betrachtete mir eine signalisierende Flaggenabteilung, sah ein Automobil

davonsausen --

»Heidi, Kinder! Es ist wirklich etwas sehr Gleichgültiges, ob es unter

euch einen Sergeanten gibt, der Carlé heißt, oder nicht. Lebt wohl,

lieben Kinder...«

Mechanisch griff ich noch einmal nach einem Taster.

Hei -- oh!

Nun fing ein neues Leben an!

Nun fängt ein neues Leben an.

Nur weg mit alten Dingen. -- Das neue Ich im neuen Anzug. -- Im

Virginiahotel zu Washington. -- Mumm extra dry. -- Das Filmbild der

Erinnerung. -- Was Rockefeller mit 600 Dollars anfinge. -- Was ich

damit unternahm! -- Empfang beim Präsidenten McKinley. -- Die

idiotische Zeremonie. -- Ein schneller Entschluß. -- Ich fahre nach

New York. -- Das neue Leben hat begonnen...

Mit gewaltigen Sätzen sprang ich die steile Treppe zum

Sergeantenzimmerchen empor und riß mir hastend die Uniform vom Leibe.

Rasch, eilig, nur fort!

Fast schien es mir Zeitverschwendung, mich noch einmal im Zimmerchen

umzusehen. An der Wand hing der schmutzige Kubahut, mit Mühe und Not aus

dem bakterienverzehrenden Feuer Montauk Points gerettet; in der blauen

Soldatenkiste lagen unter den Uniformstücken spanische Patronen, Kopien

von Kriegstelegrammen, alte Sergeantenstreifen, Briefe, Pfeifen, Tabak,

ein Telegrapheninstrument, das mir gehörte, der schwere Armeerevolver

eines spanischen Offiziers, ein Beutestück und eine Erinnerung;

Kleinigkeiten über Kleinigkeiten, die ich vor vierundzwanzig Stunden

noch hoch geschätzt hatte. Nun aber warf ich das Zeug achtlos auf den

Boden, verbrannte die Papiere. Nicht einmal den lieben alten Hut nahm

ich mit, nicht einmal eine Silbertresse zum Andenken -- weg -- fort mit

den Dingen, die an das Soldatensein erinnerten. Die hatten ihren Dienst

getan. Ihre Zeiten waren vorbei.

Weg damit!

Und der Kubahut flog in eine Ecke, mitsamt dem, was er bedeutete. Weg!

Nur nicht sich beschweren mit Ballast. Schon allzulange hatte das

Sergeantensein gedauert; viel zu lange. Nur keine Zeit jetzt verlieren.

Denn ein neues Leben fing nun an.

Heimlich schlich ich mich an Baracken und Schuppen vorbei auf dem Weg

zur Arlingtonstation und ärgerte mich, daß ich immerzu an

Telegraphengeklapper und Flaggenschwingen denken mußte, sehnsüchtig

fast. Wer würde wohl an meinem Platz sitzen am Schreibtisch im Büro da

drüben... Ryan wahrscheinlich. Ich hatte ihn dazu erzogen.

Aber -- was -- ging -- das -- mich -- an!

Waren Sergeantenlitzen vielleicht etwas so Wichtiges, daß man sie nicht

vergessen konnte? Und auf einmal hatte ich sie vergessen! Während die

Straßenbahn hügelabwärts gen Washington rasselte auf ihrer langen Fahrt,

dachte ich nur an das eine: Hatte ich auch noch Zeit heute, mir einen

eleganten Abendanzug einzukaufen? Ueber alle Maßen wichtig schien mir

das. Ich erwischte einen Wagen am Endpunkt der Linie in der Washingtoner

Vorstadt, fuhr von Geschäft zu Geschäft, kaufte einen Koffer zuerst,

schwarze Abendeleganz dann, Wäsche nun, Toilettesachen (über die der

Sergeant von dereinst in den morastigen Schützengräben des Santiagotals

sich totgelacht hätte) allerlei höchst überflüssige Kleinigkeiten, und

endlich endete die Fahrt vor dem _Virginia_, einem der teuersten

Hotels Washingtons.

Dreißig Minuten später lehnte ich lässig mit übergeschlagenen Beinen in

einem weichen Klubsessel des Hotelvestibüls und betrachtete wohlgefällig

die straffen Bügelfalten meiner neuen Smokingbeinkleider, wie sie in

scharfer Kante über den schwarzglänzenden Lack der _patent leathers_

fielen. Schielte wohl auch über die weiße Fülle der Hemdbrust nach den

seidenen Aufschlägen und freute mich sehr, daß da in nächster Nähe an

der Wand ein großer Spiegel mir mein Ebenbild unablässig vorkonterfeite

-- und siehe da, es war sehr gut, dieses Ebenbild, wie ich in wohliger

Gedankenleere immer wieder vergnügt feststellte. Um nichts hätte ich in

jenen Viertelstunden die bedeutungslosen schwarzen Fetzen am Leib, die

dummen Lackstiefel, all die lächerliche Aeußerlichkeit hergegeben! Denn

sie waren mir wohl, ohne daß ich mir auch nur die geringsten Gedanken

darüber machte, einfach ein Symbol:

Ein äußeres Zeichen der neuen Zeiten!

_Exit_ der Sergeant...

Später einmal hat mir ein gescheiter Tierarzt bei einer Konsultation

über meinen jungen Boxer gesagt:

»Sie ärgern sich, daß das Fräulein (mein Boxer Liundla ist eine Dame)

sich mit jedem Vorübergehenden anfreundet, jeden Hausierer

schweifwedelnd begrüßt, jeden gewöhnlichen gelben Köter demutsvoll

umschwänzelt? Das ist nur die Unselbständigkeit der Jugend und wird sich

gewaltig ändern, wenn das Vieh 'mal feststehende Lebensanschauungen

hat. Es wird sich ändern. So in einem halben Jahr etwa.«

Ein ähnlich wichtiger Lebensumschwung, wie er im Erdenwallen meines

Hundes auch wirklich nach einigen Monaten eintrat, muß mir der Abend im

Virginiahotel gewesen sein. Aus dem subalternen Stand hatte ich mich aus

höchsteigener Machtvollkommenheit in die höhere Kaste zurückversetzt --

und der Smoking war einfach das Kastenabzeichen. So ungefähr müssen die

geheimen Triebfedern der Eitelkeitsgelüste ausgesehen haben, die mich

immer wieder in den Spiegel gaffen ließen.

Der Gong erklang zum Souper.

Ein diskreter Kellner servierte mir Austern auf Eis an einem Tischchen,

über das eine elektrische Stehlampe rosenrotes Licht goß, und rosenroter

Schein leuchtete von anderen Tischen, und da war eine wohlige Atmosphäre

von gedämpftem Geplauder und leisem Lachen, und schöne Frauenköpfe

neigten sich zu scharfgeschnittenen Herrengesichtern, und Gläser

klirrten glockenhell. Und ich schlürfte Austern, wählte außerordentlich

sorgfältig meinen Wein, und widmete ernsthaftes Nachdenken der wichtigen

Frage, ob ich als Zwischengericht gefüllten Puter oder junge Hähnchen

bevorzugen sollte. Ich saß in einer Ecke. Der Speisesaal lag vor mir wie

ein Bild, und bald beobachtete ich mit einer fast brutalen Neugier die

Männer und die Frauen an den kleinen Tischchen; wie sie sprachen, wie

sie sich bewegten, wie sie sich gaben, und es schien mir, als sei in

jedem dieser harten und doch so frischen Männergesichter ein

unbeschreiblicher herrischer Zug; ganz genau das, was ich mir selber

wünschte. Ich ertappte mich darauf, wie ich zu den Wandspiegeln

hinüberschielte, um Spuren von Herrentum im eigenen Konterfei zu

entdecken --

»Chartreuse!« befahl ich.

Und freute mich über den wundervoll geschliffenen Kelch, dessen Wände

glitzernd und gleißend den goldengelben Trank widerspiegelten, um dann

zu entdecken, daß die wenigen schimmernden Tropfen eine wohlige

Gleichgültigkeit bescherten. Was zum Teufel kümmerte es mich, wie die

Männer da aussahen, was in ihren Gesichtern geschrieben stand, wie diese

Frauen lachten und plauderten, auf welche Weise diese Leutchen sich

durchs Leben schlugen! Sie trugen elegante Kleider am Leib? Ich auch!

Sie hatten Geld? Ich auch! Lachend stand ich auf.

»Eine Flasche Sekt ins Rauchzimmer!«

_»Yes, sir.«_

_»Mumm extra dry.«_

_»Very well, sir.«_

Bequem in den weichen Sessel gekuschelt betrachtete ich vergnügt die

sprühenden Schaumbläschen und sah den zarten blauen Rauchgebilden der

Zigarette nach. In den immer wieder sich webenden und immer wieder

vergehenden Dunstschleiern tauchten körperhafte Dinge auf, undeutlich

wie in ewig weiter Ferne und doch bildhaft. Ein lümmeliger Gymnasiast,

eine ganze Serie von deutschen Schulmeistern -- Sprung -- ein Professor

des Griechischen in Burghausen, ein strenger Vater, ein lustiges Mädel

-- Sprung, Sprung -- ein trüber Abend im Bremer Ratskeller...

Ah, wie lebendig machte der perlende Wein alles Vergangene!

-- Großer Sprung -- eine Baumwollfarm in Texas, dahinrasende

Eisenbahnzüge, sonnige San Franziskostraßen -- Sprung -- ein schmaler

Schlammpfad nun im kubanischen Urwald, geisterhaftes Gewehrgeknatter --

Sprung -- ein sausendes Feuerrad im Kabelbüro -- und wie beklemmenden

Alpdruck die Gesichter von sterbenden Männern auf der Insel des gelben

Fiebers...

So jagten sich die Bilder.

Ich starrte in gebanntem Schauen und sah mich immer wieder selber in den

Traumgebilden, in denen mein Leben vorbeihuschte. Und nun sollte das

Leben ja wiederum neu beginnen. Da lachte ich vor mich hin, fand die

Welt und die Dinge und die Menschen wunderschön, und zauberte flugs neue

Bilder in die Nebel. Von tanzenden Frauengestalten -- sie tanzten um

meine Wenigkeit -- und Strömen von Gold -- sie gehörten mir -- um dann

mit scharfem Ruck zusammenzufahren und den Champagnerkelch zu packen.

Ruhig da! Eiskalt sein, mein Junge. In diesem Lande rechnete man mit

Wirklichkeiten. Mit jenen Wirklichkeiten, wie sie da in der bedeutsamen

Rolle in meiner Westentasche sich meinem Körper anschmiegten; mit

Dollarscheinen. Sechshundert Dollars besaß ich, von denen einige hundert

die letzte Zahlung Onkel Sams darstellten, einige hundert aus der

üppigen Löhnung erspart waren. Es hätte mehr sein können, sagte ich mir

grinsend, aber immerhin...

Was machte man nun mit sechshundert Dollars, wenn man ein neues Leben

anfangen wollte?

Das wohlige Gefühl des Geldhabens verdichtete sich zum Problem.

Behauptete nicht dieser salbungsvolle Spitzbube von Rockefeller, daß

jeder tüchtige Mann, dem es einmal gelungen war, sich so etwa tausend

Dollars zu erwerben, für alle Zukunft unbedingt geborgen sein müsse? Nur

arbeiten mußte der tüchtige Mann und beten und weiterhin wahnwitzig

sparen, Pfennig für Pfennig, und lauern wie eine Schlange, um mit seinem

Geld zuzubeißen im richtigen Augenblick. Oh, sechshundert Dollars waren

viel Geld. Sie konnten eine nette kleine Farm in Texas bedeuten, oder

eine gutgehende Bierwirtschaft, oder einen Gemüseladen, oder -- viele

Hunderte von nahrhaften und beständigen Dingen im Sinne Rockefellers.

Dja. Für mich aber waren die Dollarscheine dazu da -- jawohl,

selbstverständlich dazu da, den Weg zur Zeitung wiederzufinden.

Punkt eins erledigt.

Damit trank ich vergnügt meinen Sekt aus und ging fröhlich zu Bette.

Mich mit unwichtigen Nebensächlichkeiten zu beschäftigen, hatte ich

nicht die geringste Lust -- damit zum Beispiel, =wie= das neue

Zeitungsleben nun eigentlich beginnen sollte.

Ich wollte wieder zur Zeitung und damit holla!

Am nächsten Morgen wachte ich mit wohlverdienten Kopfschmerzen auf und

schlenderte bald die breite Avenue hinab. Kopfschüttelnd betrachtete

ich die Menschen, die hier weniger Eile hatten als anderswo, die vielen

eleganten Wagen, die daran erinnerten, daß Washington eine Stadt der

Politik, der Repräsentation, des gesellschaftlichen Lebens war und nicht

eine Stadt der Arbeit. Nach wenigen Minuten war ich beim Weißen Haus

angelangt, der bescheidenen Villa der amerikanischen Präsidenten.

Zwischen Bäumen und Buschwerk hervor leuchteten durch den Park die

schneeweiß getünchten Wände. Vor dem eisernen Gitter standen viele

Menschen, die langsam einer nach dem andern zwischen zwei hünenhaften

Polizisten hindurch den Kiesweg zum Weißen Haus hinaufschritten.

Es war einer der öffentlichen Empfangstage heute, an denen jeder

anständig gekleidete Mensch ohne vorherige Anmeldung sich im Weißen Haus

einfinden und dem Repräsentanten des amerikanischen Volks die Hand

schütteln durfte.

Neugierig schloß ich mich der Reihe an. Langsam ging es durch den Park

hindurch, breite Stufen empor, durch ein Portal, ein einfaches Vorzimmer

-- immer im Gänsemarsch -- und in einen Saal dann, der gedrängt voll

Menschen war. An den Seiten war eine schmale Gasse für die wandelnden

Reihen freigelassen. Ich bemerkte einige Offiziere, einen bekannten

Minister, und viele Kongreßmitglieder. Während des langsamen

Vorwärtsschreitens wurde man gründlich gemustert von scharfblickenden

Herren, die offenbar Detektive des amerikanischen Geheimdienstes waren.

So wandelte man und kam endlich zu einem Herrn im einfachen Gehrock,

der mit lächelnder Miene bei einem Stuhl stand. Das war William

McKinley, Präsident der Vereinigten Staaten. Mir schien, als sei auf dem

bartlosen, außerordentlich scharfgeschnittenen Gesicht das Lächeln

festgefroren. Man lächelte auch, denn die stereotype Liebenswürdigkeit

wirkte ansteckend, streckte die Hand aus, das Beispiel des Vormannes

nachahmend, und plötzlich schoß die Präsidentenhand hervor, gewaltig

zupackend, eine Sekunde lang... Mir taten die Finger weh. In einer

Sekunde war alles vorbei, der Händedruck, das Lächeln, die leichte

Verbeugung. Im Weitergehen wandte ich den Kopf und sah drei- oder

viermal die völlig gleiche Bewegung -- die Präsidentenhand schoß immer

im völlig gleichen Winkel hervor, packte, ließ los...

»Weshalb drückt er so fest?« fragte der Mann vor mir den riesigen

Polizisten am Ausgang.

»Weil er sich seine Fingerchen nicht etwa von dir zerdrücken lassen

will, mein Sohn,« grinste der Polizist, »sondern lieber selber

zugreift!«

Da begriff ich, daß Holzhacken eine leichte Erholung war, verglichen mit

der grauenhaften Arbeit, einigen Tausenden von Menschen die Hand drücken

zu müssen, und stellte mir vor, daß neugewählte Präsidenten der

Vereinigten Staaten wohl viel Kummer und Elend an ihrer rechten Hand

erleben, bis sie den richtigen Trick des Händeschüttelns heraus haben.

Die Veranstaltung selbst aber, die den Amerikanern ein großartiges

Sinnbild amerikanischer Freiheit erscheint, kam mir außergewöhnlich

idiotisch vor.

Langsam ging ich die Avenue zurück.

Und im Dahinschlenkern nahmen die Zukunftsgedanken Form und Gestalt an.

Zurück zur Zeitung also. Für jede Arbeit jedoch brauchte man einen

günstigen Boden, und das war Washington keinesfalls. In Washington wurde

politisch geschachert, gesellschaftelt, politisiert, bürokratisiert;

alle Fäden seiner Bedeutung liefen zusammen im Weißen Haus, in den

Ministerien, in den Repräsentantenhäusern des Senats und des Kongresses.

Die Washingtoner Zeitungen beschäftigten sich übermäßig mit politischem

Klatsch und ihr lokaler Teil war fast ausschließlich gesellschaftlichen

Dingen gewidmet. Guter Boden für einen Politiker. Für mich nicht. Fort

aus Washington.

Punkt zwei erledigt.

Augenblicklich rannte ich zu dem Hotel zurück, als sei es schade um jede

Minute, die ich hier noch verbrachte. In den fünf Minuten, die ich zu

dem kurzen Weg brauchte, war mein Entschluß gefaßt. So übermächtig das

alte verräucherte Reporterzimmer in San Franzisko und seine lieben

Menschen, seine frohe Hetzarbeit auch winkten und lockten, so sehr

wehrte sich irgend etwas in mir gegen eine Rückkehr nach dort. Man soll

nicht da Geselle sein wollen, wo man Lehrling war, weil die anderen den

Lehrling von dereinst nur schwer vergessen. Und daß ich keiner mehr war

als Zeitungsmann und mit dem Handwerkszeug so gut umgehen konnte wie

einer, davon war ich höchlichst überzeugt. Was ich brauchte, war also

eine große Stadt mit sehr großen Zeitungen --

Neuyork!

Selbstverständlich Neuyork! Wie hatte ich mich auch nur einen Augenblick

lang besinnen können!

Da waren die »_World_«, das »_New York Journal_« (das Hearst, dem

Eigentümer des »_San Francisco Examiner_« gehörte), die »_Times_«,

die »_Sun_«, der »_American_«, Gordon Bennetts »_New York Herald_«

vor allem, die größten Zeitungen der Welt. Ein Arbeitsfeld, wie man es

sich nicht besser wünschen konnte. Daß dieses Arbeitsfeld völlig

überlaufen war mit Kräften allerersten Ranges -- daß die Aussicht für

mich, im Neuyorker Zeitungsgewühl mir Ellbogenraum zu schaffen, noch

etwas schlechter war als etwa diejenige, auf ein mexikanisches

Lotterielos auch wirklich Geld zu gewinnen -- daran dachte ich in

schönem Selbstvertrauen auch nicht einen Augenblick lang.

Aus meinem Laufen wurde fast Trab.

In zwei Minuten hatte ich mich aus dem Kursbuch des Hotelvestibüls

vergewissert, daß der nächste Zug nach Neuyork um 12.39 ging (es war

jetzt 12.10). In weiteren fünf Minuten hatte ich die Koffer gepackt, die

bösartig gesalzene Hotelrechnung bezahlt und mir einen Wagen

herbeipfeifen lassen. Um 12.39 schrieen die _conductors_ ihr _all

aboard_. Um 12.40 lehnte ich mich weit zurück in den weichen

Polstersitz des dahinsausenden Zugs, lauschte sekundenlang, angenehm

angeregt, dem Rädergetöse, entfaltete dann das auf dem Bahnhof gekaufte

_New York Journal_, unsäglich zufrieden mit mir, Gott, und der Welt.

Das neue Leben hatte begonnen!

Wie mich Neuyork empfing.

Ankunft in Neuyork. -- Der Lichterwahnsinn in der Luft. -- Der

Wirrwarr der Riesenstadt. -- Die elegante Pension. -- Mrs. Bailey.

-- Nicky und Flossy. -- Die eingeschneite Riesenstadt. -- Der Humor

auf der Straße. -- Fünf Minuten auf der Redaktion des New York

Journal. -- »Sie haben gar keine Aussichten!« -- »Herrgott, war

das ein süßer Anfang.«

Als der Zug in den Neuyorker Pennsylvania Bahnhof einbrauste, war ich

einer der ersten, der auf den Bahnsteig sprang. Rücksichtslos drängte

ich mich durch das Menschengewühl. Ich hatte es noch um eine Nuance

eiliger als diese anderen eiligen Menschen. Mir war zumute, als käme ich

nach Hause. Dorthin, wohin ich gehörte. Als wartete hier irgend etwas

Schönes auf mich.

»Telephon?« fragte ich einen Gepäckträger im Vorbeigehen.

»Links!« antwortete der.

So war's recht. Brauchbare Leute, diese Neuyorker. Nur keine Zeit und

keine Worte verschwenden! Mein Nickel glitt in den Schlot des

öffentlichen Telephons --

»_L 11327._«

»_The Montgomery Private Hotel -- helloh_,« meldete sich eine

Stimme.

»Zimmer frei?« fragte ich kurz und präzise.

»Schlafzimmer und Wohnzimmer, volle Pension, mit Ausnahme von Lunch.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3) · 第 14 / 27 题