Es war in den frühen Nachmittagsstunden, als fast gleichzeitig zwei
Wagen angefahren kamen, in deren einem Mrs. Stevens saß, in deren
anderem Sergeant Hastings Frau.
»Donnerwetter!« sagte der Major. »Da kommt ja meine Frau; das hätte
ich beinahe vergessen. Und das ist Mrs. Hastings? Ich bitte mir aus,
Hastings, daß von den anderen Sergeanten keiner heiratet, denn erstens
wäre das an und für sich schon eine Dummheit und zweitens haben wir
keinen Platz mehr, wenn die _ladies_ nicht auf dem Paradegrund
kampieren wollen.« Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare. --
»Donnerwetter!«
Ein verrückter Tag! Nun hatten wir auch noch Frauen auf dem Halse!
Der Telegraph klickte, und in verblüffend kurzer Zeit kamen nicht etwa
die Mannschaften, um die telegraphiert worden war, sondern sämtliche
Sergeanten, um den Majors beim Umzug zu helfen. Das taten sie nicht etwa
aus besonderer Liebenswürdigkeit, sondern sie platzten einfach beinahe
vor Neugierde, die Frau des Majors zu sehen, und der Major wußte das
recht gut. Lächelnd stand er da. --
»Die Sergeanten, Mary!«
»Ja, ich weiß. Dies ist Sergeant Souder, nicht wahr, und dies Mr. Ryan,
und dies -- --«
Die Stimme klang silbern hell und sie kam aus einem süßen schmalen
Gesichtchen, und Seide rischeraschelte.
»Ich habe viel von Ihnen gehört!« sagte die silberne Stimme. »Ich bin
so froh, daß Sie meinem Mann so viel geholfen haben. Sagen Sie doch,
bitte, den Arbeitern dort beim Möbelwagen --«
Da sausten wir auch schon hinaus, daß wir beinahe die Treppenstufen
hinuntergepurzelt wären, und stürzten auf den Möbelwagen los, der
knarrend die Straße heraufgekarrt kam, und schrien die Arbeiter an, und
packten Möbelstücke. Es ist ganz merkwürdig, was ein halbes Dutzend
Worte einer silbern klingenden Stimme alles auszurichten vermögen. Wir
schleppten Kisten und Kasten und Möbel in die Zimmer und halfen stellen
und setzten den irischen Arbeitern leise aber nachdrücklich auseinander,
was ihnen alles passieren würde, wenn sie ihre verehrlichen Beine nicht
in rapideste Bewegung versetzten.
»So liebenswürdig...« lächelte das Stimmchen.
Nun waren wir schon gar nicht mehr zu halten und rannten Hals über Kopf
nach dem Materialschuppen, um Draht und Klingeln und Telephone
herbeizuholen. Noch nie ist eine Wohnung so glänzend elektrisch
ausgestattet worden, wie diejenige unserer jungen Majorin. Wir genierten
uns zwar gegenseitig ein wenig über unseren Eifer, aber wir arbeiteten
wie Besessene. Unten im Keller stellten wir die Batterien auf. In alle
Zimmer wurden Klingeln gelegt, ein Telephon nach dem Kommandeursbüro
eingerichtet, ein Nebentelephon vom Wohnzimmer nach der Küche, ein
Klingelschaltapparat vom Schlafzimmer nach der Küche, so daß das
silberne Stimmchen durch einen leisen Druck heißes Wasser bestellen
konnte und Frühstück und was sonst ihm noch belieben mochte. Zehn
Schaltklingeln richteten wir ein. Das Stimmchen durfte nur auf die
Elfenbeintäfelchen in Schlafzimmer und Küche schreiben, was die
Klingelzeichen bedeuten sollten.
»So liebenswürdig! Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?«
Da hätten wir uns für das Stimmchen totschlagen lassen.
»Ich möchte gern telegraphieren lernen! Sie müssen mir später einen
Uebungstelegraphen in mein Zimmer legen!«
Selbstverständlich errichteten wir das Instrument sofort und
selbstverständlich hätte der Majorin nichts Gescheiteres einfallen
können, um sich die unbegrenzte Verehrung ihrer Sergeanten zu sichern.
Wir hätten uns nun zerreißen, rädern, vierteilen lassen für sie...
Und das Stimmchen ließ sich von Kuba erzählen und lud uns zu einer Tasse
Tee ein und wir standen uns sehr gut mit ihr. Sie half später so manchem
von uns aus der Klemme, als die Arbeit geregelter wurde und wir wieder
Zeit zu Dummheiten fanden. Es war alles höchst irregulär damals!
Ein verrückter Tag!
Natürlich halfen wir nachher auch Mrs. Hastings beim Einzug, weil wir in
guter Laune waren und die Frau des Kameraden ehren wollten, und wir
mußten richtig noch einmal Tee trinken und legten noch einmal
elektrische Leitungen und erzählten wiederum. Ich denke heute noch in
dankbarer Erinnerung an die junge Sergeantenfrau, denn sie bewahrte mich
später durch ein paar gescheite Worte davor, die kleine Irländerin zu
heiraten, die drüben auf der elektrischen Bahnstation beim
Arlingtonfriedhof Billette verkaufte -- ich war ein kolossaler Esel
damals... die Irländerin war übrigens reizend -- -- -- Und dann ging's
hinüber zu den Quartieren und die Rekruten wurden vorgestellt und
wiederum kam das abgehackte Diktieren von kurzen Stichworten von
Befehlen. Es war spät abends, als Sergeant Hastings und ich endlich zum
erstenmal die Kantine von Fort Myer kennen lernten.
Der alte Mc. Gafferty wartete schon.
* * * * *
Aber die nette kleine Kantine sollte die Leute mit den schwarzsilbernen
Streifen und den bunten Flaggen am Aermel sehr selten sehen, denn der
Himmel, der Major, die Verhältnisse, und unser eigenes Wollen sorgten
alle zusammen dafür, daß die Zeit der neun Sergeanten gründlichst in
Anspruch genommen war. Freilich sorgten wir unsererseits doch für ein
gemütliches Glas Bier. Durch die Bierleitung. Wir hatten einfach im
Telegraphenzimmer, in einem verschlossenen Schränkchen verborgen, ein
geheimes Telephon aufgestellt, dessen Drähte nach der Kantine führten.
Der Major wußte nichts davon. Er brauchte nicht alles zu wissen.
Wir kamen uns sehr schlau vor.
Der Herr Sergeant Souder aber schlug uns mit sechs Längen. Er war noch
viel, viel schlauer als wir -- -- --
Eines Tages ging der Major durch das Quartier, von mir begleitet, und
trat einen Augenblick in Souders Zimmer, um sich die Zeichnung eines
neuen Umschalters anzusehen, den der Sergeant in Arbeit hatte. Er setzte
sich an den Tisch, als plötzlich ein sonderbares, klopfendes, hölzern
raschelndes Geräusch ertönte.
»R--r--sch...«
Der Major sah unwillig auf.
»R--rr--sch!« Lauter. Rasselnder. Ungeduldiger.
»Was haben Sie denn da?« fragte der Major, und Souder stotterte irgend
etwas von Telegraphengeräuschen und Leitungabstellen. Dabei machte er
aber ein so verlegenes Gesicht, daß ich neugierig nach der Ecke
schielte, aus der das Geräusch zu kommen schien. Es kam mir auch so
bekannt vor; es erinnerte mich lebhaft an das Klopfen des hölzernen
Vibrators, den wir statt der lärmenden Klingel für unser Biertelephon
ausgeklügelt hatten. Irgendwo mußte da ein Telephon stecken. In der Ecke
dort stand ein Bücherbrett, ein einfaches Regal aus Leisten, auf einer
hölzernen Kiste als Unterlage. Die Kiste hatte eine Türe und ein Schloß.
Aha!
»R--rrtsch! R--rrrtsch!! R--rr--rrrrtsch!!!« Es war das reine Trommeln
und es kam ganz entschieden aus der Kiste!
Major Stevens sprang auf.
»Was zum Teufel haben Sie denn da?« schrie er -- der Major war ein
sehr cholerischer Herr. Mit einem Satz war er bei der Kiste, riß die
Türe auf, und hielt eines unserer schönsten neuen Tischtelephone in den
Händen. Ein prachtvolles Instrument. Schallverstärkung. Platin-Resonanz.
Verwundert -- verdammt verwundert! -- sah er Souder an, als plötzlich
eine Stimme zu sprechen begann. Eine hellklingende, schrille, lachende
Frauenstimme, die drei Meter weit weg vom Schallbecher zu verstehen war.
»Bist -- du -- da -- mein -- süßer -- Frosch?«
Frosch!
Frosch!! Ich hätte fromm die Hände falten mögen, den guten Göttern zu
danken, die mich das miterleben ließen. Ich verspürte keine Spur von
Mitleid mit Souder -- keine Spur! Der Major kniff die Augen zusammen und
mußte grinsen. Neben dem Grinsen aber stand in mindestens gleichem Maße
heilloses Erstaunen auf seinem Gesicht geschrieben. Es war höchst
interessant, ihn zu beobachten. Ich biß krampfhaft die Zähne zusammen,
um nicht herauszuplatzen. Souder aber stand erstarrt da. Steif wie eine
Telegraphenlanze.
»So antworte doch, Mäuschen! Wieder 'mal übler Laune? Wieder 'mal zu
arbeiten? Packt euch der Major so viel auf?«
Mäuschen!
Dieser Souder!
Wo zum Teufel war das andere Ende? Wer war das Mädelchen?
Der Major ließ sich in einen Stuhl fallen und krümmte sich vor Lachen.
»S -- Souder -- ich -- will nicht indiskret sein,« stöhnte er,
»s--sagen Sie -- der Dame -- Sie hätten -- Sie hätten Besuch oder --
na, irgend was...«
Und der arme Souder mußte (er schwitzte vor Entsetzen) in den
Schallbecher sprechen, er würde später anrufen, und ließ dann das
Instrument fallen, als sei es glühendheiß.
Major Stevens aber lachte wie toll.
»Menschenskind -- 'n Privattelephon -- Mädel am anderen Ende --
verdammt schlau das mit dem Klopfer -- Klingel macht zu viel Lärm,
was?« -- Teufel, da erntete Souder Lorbeeren, die ihm nicht gebührten!
Der hölzerne Klopfer war unser Biertelephonpatent! -- »Mann, seit wann
sind in unserem Betrieb Telephonistinnen angestellt? -- Sie -- Sie --
Sie süßer Frosch, Sie!«
Und wir lachten alle drei geschlagene fünf Minuten lang.
»Also, dieses Telephon mag ja riesig bequem sein, aber Sie müssen es
abschaffen. Nun sagen Sie 'mal im Vertrauen, Carlé hier hält den Mund,
wo geht denn das Dings hin? Ich möchte wirklich auch gern wissen, wo
hier die netten Mädels sind!«
»In -- ins Kavalleriefort,« stotterte Sergeant Souder.
»Was?«
»Ins Hospital!«
»A--ha--aa!« meinte der Major verständnisinnig. »Das haben Sie sich
aber höllisch fein eingerichtet!«
In dem großen Kavalleriehospital drüben waren als Ueberbleibsel des
Krieges noch viele Leichtkranke und ein Stab von Pflegerinnen. Wir
kannten die lustigen Mädels alle. Hatten sie einmal getroffen auf dem
Weg nach Washington, und es war ein fideles Diner in einem kleinen
französischen Restaurant daraus geworden. Freilich, so schlau, wie
dieser Souder -- -- hatte der in dunkler Nacht einen isolierten
Leitungsdraht zum Hospital hinüber gelegt -- geschlagene siebenhundert
Meter -- es mußte eine gräßliche Arbeit gewesen sein -- in den Rasen
hineingestochert, natürlich, mit dem Messer -- na, Souder und ich waren
beinahe Blutsfreunde, aber fast schien es mir ein zu großes Opfer der
Freundschaft, diesmal den Mund halten zu müssen...
»Unverständlich ist mir nur,« sagte der Major, »wie Sie bei all Ihrer
Arbeit noch Zeit für dieses famose Privattelephon und so weiter übrig
hatten!«
* * * * *
So spielten sich sogar unsere Allotria in der Welt der Signaltechnik ab,
in der wir lebten... Sie waren nicht gerade häufig, diese Allotria, aber
dann und wann gab es doch etwas Lustiges bei all der Hetzarbeit.
* * * * *
An einem Winterabend saß ich im Büro des Signalforts. Ich hatte
prachtvolle Photographien der neuen Ballonhalle aufgenommen heute, acht
Stunden sauer im Büro gearbeitet, den Azetylenapparat ausprobiert, mit
einem neuernannten Sergeanten Säbel gefochten, zum Nachteil des Kopfes
dieses Sergeanten, und noch allerlei mehr. Doch mißvergnügt guckte ich
in die glutlodernden Buchenscheite im Kamin und verfluchte den Major,
der bis nach neun Uhr abends irgend einen Bericht diktiert hatte. Und um
neun Uhr ging doch die letzte elektrische Bahn von der Arlington Höhe
nach Washington! Dann ergriff ich den Taster, schaltete das Quartier
ein, rief _S. U. 2_ an, den Sergeanten Souder, und telegraphierte:
»_S. U. 2 -- S. U. 2_?«
»Jawohl!«
»Wollen wir uns das Auto nehmen, Souder, und ein bißchen nach
Washington fahren?«
»Nein!« kam sachlich und klug die Antwort. »Der Hügel unten ist
schneeverweht. Wir würden stecken bleiben und erwischt werden. Man muß
eine gute Sache nicht übertreiben!«
»Richtig!«
Und mir ist, als hörte ich mein Spitzbubenlachen von damals, und als
säße ich wieder in dem komischen Schreibmaschinensessel, mit dem
schmalen Lehnenpolster, das einem wie eine Faust in den Rücken drückt --
die Hand am Telegraphentaster -- vergnügt vor mich hinkichernd über mein
Schlausein... Denn ich war es doch gewesen, der den glänzenden Gedanken
ausgeheckt hatte, die Automobile des Signalkorps den höchst privaten
Zwecken der neun Sergeanten dienstbar zu machen. Wenn nächtlicherweile
Offiziere und Mannschaften den Schlaf der Müdigkeit schliefen, huschten
wir leise zum Schuppen und sausten wenige Minuten darauf im höchsten
Tempo, das die Akkumulatoren nur hergeben wollten, gen Washington.
Manchmal spielten wir die großen Herren in den kleinen Restaurants und
öfter jagten wir nur planlos übers Land in schierer Freude an jenem
Dahinhasten, für das eine spätere Zeit das Wort vom Kilometerfressen
geprägt hat, und nie vergesse ich die Nacht auf einer Landstraße
irgendwo tief in Virginien, als wir vier Stunden lang totunglücklich
über einer Panne arbeiteten, um endlich zu entdecken, daß der Maschine
gar nichts weiter fehlte als die Kraft! Wir hatten die Akkumulatoren
völlig ausgepumpt. Und in mir ist ein großes Lachen, wenn ich daran
denke, wie wir verzweifelt im Laufschritt den schweren Karren
vorwärtsschoben, um ein Städtchen zu erreichen, und wie wir endlich dem
virginischen Spitzbuben von Nachtaufseher des Elektrizitätswerks seinen
Strom mit Gold aufwiegen mußten und wie wir gerade Sekunden noch vor der
Reveille heimkehrten. Ach, was waren das doch für schöne Zeiten, in
denen man noch hart arbeiten konnte zwölf Stunden lang, und darauf
frisch und lustig genug war, die anderen zwölf Stunden in Dummheiten
totzuschlagen, um dann seelenvergnügt das Tagewerk von neuem zu
beginnen...
Auch jene Nacht, die mit dem Wunsch nach einer Automobilfahrt begann,
sollte kein Ende finden. Ich sehe Souder vor mir, wie er vergnügt
hereingeschlichen kam, Bierflaschen fürsorglich unterm Arm, Karten in
der Tasche, und weiß noch, wie wir behutsam pfiffen auf der Treppe, um
den alten Hastings aus seinem ehelichen Schlafzimmer zu locken. Er kam.
Auf leisen Sohlen. Im Nachthemd. Da lachten wir leise aber innig, und
ein großes Pokern hub an. Die ganze Nacht hindurch. Es dauerte genau bis
zur Reveille. Eine halbe Stunde später aber saß ich an der
Schreibmaschine, frisch, hellhörig, spitzbübisch vergnügt, und nur meine
Augen zwinkerten dann und wann ein bißchen, weil das grelle Licht des
jungen Morgens ihnen nicht recht behagen wollte. Ich lächelte gerade im
Erinnern an den wundervollen Bluff gegen drei Damen, der mir so um
Mitternacht herum gelungen war -- da schlug auf einmal die Laune um...
Wie erbärmlich waren diese Vergnügungen! Wie klein und winzig das
alles. Der verdammte Sergeantenrock! Er drückte -- er tat weh -- er
schnürte ein. Da saß man nun an der Schreibmaschine und arbeitete
die Befehle anderer Leute aus und war giftgrün neidisch im Grunde
auf die Offiziersschulterstreifen dieser anderen Leute, wenn man
sich's nur ehrlich eingestehen wollte. Unerhört -- dieses Leben
mit seinen Rekrutendummheiten, dem Pokern, dem einsamen Fort, dem
Untergeordnetsein! Und zum zwanzigsten Male so ungefähr in zehn
Wochen faßte ich den unabänderlichen Entschluß, eine Eingabe an den
Signalchef der Armee zu richten, um meine Entlassung zu bitten, und
sie durchzusetzen, und wenn ich bis zum Präsidenten gehen mußte. Diese
wiederholten Entschlüsse waren immer ein prachtvolles Barometerzeichen
dafür, ob es im Signalfort interessant herging oder nicht. Solange
die Automobile neu waren und der Wirrwarr der Organisation groß -- da
war ich Signalsergeant mit Leib und Seele -- als die Arbeitsleistung
hübsch eingeteilt wurde und weniger anstrengend -- da pfiff ich aufs
Soldatenleben -- dann kam wieder etwas Neues, und ich war abermals
begeistert -- --
Draußen fuhr das Automobil vor, das den Leutnant Burnell von Washington
geholt hatte. (Der Hügel war also doch nicht schneeverweht!) Das war
mir sehr gleichgültig -- der Leutnant rutschte immer in Washington
herum, zu irgendwelchen Versuchen zum Signalchef abkommandiert -- aber
ich fuhr entsetzt auf, als er ins Büro trat, anstatt in sein eigenes
Quartier nebenan.
»Ach du lieber Gott...«
Denn den Leutnant konnte ich wirklich nicht ausstehen, trotzdem er
eigentlich viel liebenswürdiger war als der Major und nie grob hätte
werden können wie dieser. Aber er schien mir solch ein langweiliger
Geselle. Brutal, wie sehr junge Menschen in der Beurteilung der Menschen
neben ihnen nun einmal sind, hielt ich seine Bedächtigkeit für Mangel an
Geist, sein Schüchternsein für Trottelei. Er hatte Sommersprossen, die
mir mißfielen, und eine Art, sein blondes Schnurrbärtchen zu streicheln,
die ich nicht mochte. Dabei aber hatte er trotz aller Schüchternheit
etwas Dozierendes, Professorales, und das konnte ich nun schon erst
recht nicht leiden.
»Haben Sie viel zu tun, Sergeant?« fragte Leutnant Burnell
liebenswürdig.
»_No, sir._«
»Wollen Sie dann so freundlich sein, mir beim Auspacken der Instrumente
zu helfen, die ich im Wagen habe? Sie müssen sehr vorsichtig behandelt
werden und ich möchte sie deshalb nicht Mannschaften anvertrauen. Es
sind drahtlose Telegrapheninstrumente, die ich mit Souder und Ihnen
ausprobieren möchte. Bitte, rufen Sie Sergeant Souder herbei.« Und der
Leutnant lächelte ein wenig in seiner hilflosen Art.
Ich aber war auf einmal wieder mit Wonne Sergeant des amerikanischen
Signalkorps!
Draht--lose -- Telegraphie!!
»Sofort beim Hauptquartier melden zu Experimenten mit drahtloser
Telegraphie!« klickte das Instrument auf meinem Schreibtisch protzig zu
Souder hinüber.
Der Sergeant kam gerannt wie aus der Pistole geschossen. Behutsam trugen
wir die beiden Tische mit den messingglitzernden Instrumenten auf die
weite Schneefläche des Paradegrunds hinaus, und einen anderen Tisch
dann, auf dem die Akkumulatoren in langen Reihen aufgestellt wurden. Das
Laden der Batterien war uns längst vertraut. Der Leutnant saß steif,
bolzengerade, verlegen auf dem Schreibmaschinenstuhl, den ich ihm
hinausgetragen hatte.
»Es handelt sich hier um Versuchsinstrumente,« dozierte er, »die mit
einigen Abänderungen dem Marconi-Apparat nachgebaut sind. Das Prinzip
der Uebertragung telegraphischen Stroms basiert, wie Sie aus meinem
neulichen Vortrag wissen, auf dem Aussenden sehr starker elektrischer
Entladungen, die in wissenschaftlich noch nicht ganz aufgeklärten
Vorgängen sich blitzartig oder vielmehr schallwellenartig durch die Luft
fortpflanzen und von nackten Bronzedrähten zum Teil aufgefangen werden
können. Das eigentliche Registrieren des Stromes jedoch geschieht durch
den Kohärer, ein mit Metallstaub gefülltes luftleeres Glasröhrchen, das
sehr fein auch auf schwächste elektrische Einwirkungen reagiert. Unsere
Aufgabe nun ist --«
»Oh du langweiliger Geselle! Du -- du Professor, du!« dachte ich.
Ich hörte schon gar nicht mehr zu.
Aha -- Taster wie bei einem gewöhnlichen Telegraphenapparat. Der Draht
dort war die Erdleitung. Hm, die riesigen Messingkugeln sind Induktoren
natürlich, und jene Drähte führen ihnen negative und positive
Elektrizität von den Drähten dort zu. Dja, das müssen wir uns doch 'mal
ganz genau ansehen. Dieser Draht also -- aha! A--ha! Kindereinfach! Wenn
ich auf den Telegraphentaster hier drücke und damit die Verbindung
zwischen den beiden Drähten herstelle, so verbinde ich eigentlich die
beiden großen Messingkugeln, aus denen nun ein ungeheurer Funke
überspringt. Dieser Funke klettert am Draht empor und -- na ja, geht in
die Luft spazieren. Wie er das macht, mag der Teufel wissen! Die
gescheitesten Leute haben es noch nicht herausgekriegt. Dann stößt er
sich den Kopf an den Draht, der da drüben an der Empfangsstation in die
Luft hinausragt, klettert daran hinunter und -- -- und somit -- -- --
gräßlich einfache Sache...
Herrgott, wie wunderbar frech war ich damals!
»Vorsichtig!« befahl der Leutnant. »Das Senden ist bei diesem
Versuchsapparat gefährlich. Sehen Sie mir genau zu. So setzen Sie sich
hin! So wird die Hand an den Taster gelegt! Sie sehen, daß die
Gummiplatte Hand und Arm von allen Metallteilchen isoliert. So!
Vollkommen ruhig sitzen! Der Kopf darf nicht nach vorwärts gebeugt
werden. Nun drücke ich auf den Taster und --«
Unwillkürlich prallten Souder und ich zurück.
Von Messingkugel zu Messingkugel schoß über eine Strecke von einem
halben Meter wohl unter furchtbarem Dröhnen, Knattern, Sausen ein Blitz.
Er war armsdick. Das jähe Weiß, Gelb, Rot seiner glühenden Farben schien
einem ins Gehirn zu dringen. Glutrot war der sausende Funkenstrom dort,
wo er den glitzernden Kugelmassen entsprang, wurde grellgelb dann, und
zu leuchtendem Weiß in der Mitte. Um seine Ränder schienen
Funkenstäubchen zu zittern. Und in dieser glutströmenden Masse von
fürchterlicher Kraft war donnerndes Sausen, als folge Explosion auf
Explosion, so rasch, daß das Ohr nur ein einziges, stetes, dröhnendes
Schwingen unterschied. Meine Augen starrten wie gebannt auf den
Blitzstrahl, und ich wurde ganz still. Wie feierliche Märchenstimmung
kam es über mich, daß ich das Wunder miterleben durfte.
Der Leutnant ließ den Taster los und der Blitz verschwand. An den
leuchtenden Messingkugeln waren zwei talergroße Stücke leicht gebräunt,
wie verbrannt.
»Das ist die Kraft!« sagte er. »Haben Sie meine Manipulationen genau
beobachtet, Souder?«
»Jawohl.«
»Sie begreifen, daß der Induktionsstrom gefährlich ist und jede
Berührung von Metallteilen unbedingt vermieden werden muß?«
»Jawohl.«
»Dann setzen Sie sich an den Apparat.«
-- -- -- -- --
»So, das ist richtig, Souder. Rühren Sie sich ja nicht. Ich werde nun
den Empfangsapparat fünfzig Schritte entfernt aufstellen. Wenn Carlé
Ihnen ein Flaggenzeichen gibt, dann telegraphieren Sie das Wort
_wonder_!«
Das hieß -- Wunder.
»Dann eine Minute Pause -- dann wieder das Wort -- und so weiter bis
zum Flaggenzeichen! Die Instrumente sollten eigentlich in der
Fünfzig-Schritt-Grenze betriebsfähig sein, aber es wird viel adjustiert
werden müssen. Unsere Arbeit wird sich darauf beschränken, die
Wiedergabe der Zeichen im Empfangsapparat genau aufzuzeichnen -- wie sie
auch sein mag. Also: Flaggenzeichen -- Wunder -- Pause -- Wunder --
Pause -- nicht wahr? Kommen Sie, Sergeant!«
Wir trugen den Empfangstisch fünfzig Schritte weit weg.
Der blanke Antennendraht wurde einfach an einer in den Boden gestoßenen
hölzernen Lanze befestigt, denn es war bei dieser kurzen Entfernung ganz
gleichgültig, wie hoch er in die Luft ragte, wenn er sich nur über die
Apparate selbst erhob. Von der Lanze führte der Draht auf den Tisch und
wurde vom Kohärer unterbrochen. Dieser Zusammenhänger, Zusammenbringer,
Verbinder war ein simples luftleeres Glasröhrchen, zu einem Viertel
seines Inhalts mit winzigen Metallteilchen gefüllt, die ein Schlosser
Feilspäne genannt hätte. In den winzigen Endöffnungen des Röhrchens war
rechts der Luftdraht eingelötet, links der Instrumentendraht, der dann
weiterführte zu dem verstärkenden Relais und dem Magneten des
Morseklopfers, dem eigentlichen Empfänger. Der wieder war mit
Ergänzungsbatterie, Erdleitung und selbsttätig aufzeichnendem
Rollenapparat verbunden. Der Leutnant zeigte auf die verschiedenen
Verbindungen, deutete die Drähte entlang und fragte:
»Verstehen Sie die Zusammenhänge?«
»Jawohl.«
»Dieses Röhrchen hier ist ein Wunderding,« sagte er langsam. Er schien
mir mit einemmal gar nicht mehr langweilig... »Man könnte es den
elektrischen Sinn nennen. Oder das elektrische Auge. Oder das
elektrische Gehirn. Sehen Sie, die Stromwelle, die der Luftdraht dort
auffängt, hat in ihrem Wandern so viel Energie verloren, daß sie im
Draht überhaupt kaum wahrgenommen werden kann durch den Strommesser,
jedenfalls aber einen Morsemagneten nie in Bewegung setzen würde. Wir
führen daher den Strom durch dieses Röhrchen mit Feilspänen. So schwach
er auch sein mag, so spürt ihn das erste Metallteilchen am Röhrenende.
Es erzittert, verspürt die Schwingungen, wird elektrisch. Es saugt den
Strom in sich auf, bis es geladen ist in unerträglicher Spannung und
wird ebenfalls elektrisch und auch überladen und lastet einem
Nachbarstäubchen einen Teil der Bürde auf. Das wiederholt sich von
Stäubchen zu Stäubchen, millionenmal in einem winzigen Bruchteil einer
Sekunde, bis das letzte Stäubchen am anderen Ende seine Bürde
aufgenommen und sie weitergegeben hat. Die Metallteilchen sind durch den
Strom zu einer elektrisch leitenden Masse verbunden worden -- bis das
letzte Stäubchen seine Last abschüttelt an den Instrumentendraht und das
Relais, das den schwachen Strom auffängt und ihn aus eigener Kraft
verstärkt. Das war der erste Vorgang. In dem zweiten nun, der folgt,
liegt das Wesen der drahtlosen Telegraphie: sobald die Schwingungen
aufhören, muß es über die Metallstäubchen kommen wie Müdigkeit. Sie
wollen nichts mehr wissen von einander, zerfallen -- und unterbrechen
damit die Leitung! Sie fügen sich zusammen, wenn sie Strom verspüren,
zerfallen, wenn sie ihn nicht mehr verspüren. Aus diesem Zusammenfügen
und Zerfallen werden die Punkte und Striche des elektrischen
Alphabets...«
Ich starrte auf das Wunderding mit den Stäubchen.
»Sie verstehen? Es ist ganz einfach, wenn man auch ja nicht viel
darüber nachdenken darf, denn dann wird's unbegreiflich. Sehen Sie her:
der Morsemagnet und das Relais haben ihre eigene Kraft aus unserer
zweiten Batterie dort, nicht wahr? Sie sind aber eingeschaltet in den
Luftdraht. Solange die Stäubchen nun zusammenhängen -- _cohaerere_ --
Kohärer! -- arbeitet unsere Kraft. Wenn sie zerfallen, ist unsere Kraft
abgedreht. Strich -- Punkt -- Strich -- Punkt... Sie sind wie ein
Zapfhahn: Hahn auf! Hahn zu! Die Wellen in der Luft sind nur stark
genug, auf das bißchen Metallstaub einzuwirken -- das übrige besorgt
unser Empfangsinstrument selber. Aber der elektrische Strom in dem
Röhrchen ist sehr eigensinnig. Manchmal will er, manchmal will er nicht.
Es ist uns noch nie gelungen, ein ganzes Wort aufzufangen. Ja -- --
geben Sie das Zeichen!«
Grell und blendend zischte drüben der sausende Lichtbogen auf und
deutlich unterschied ich es: Kurz, lang, lang... kurz, kurz -- lang,
kurz... W--u--n--der.
»Es ist nichts,« sagte der Leutnant leise. Er tippte mit einem
Bleistift an das Röhrchen.
Pause.