Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie

gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür blieb er stehen und

grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm zu: »Nein, Uncke, nicht da.

So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme erst recht nicht. Und

ich denke doch, Sie bringen was. Was Reguläres. Also ran hier. Und wenn

es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.«

Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: »Herr Major

wollen entschuldigen. Ich komme so bloß ... Der alte Baruch Hirschfeld

hat mir erzählt, und die alte Buschen hat mir erzählt ...«

»Ach so, von wegen meiner Füße.«

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich, wenn wieder

ein Neuer kommt, ›nu wird es‹. Aber es will nicht mehr; es hilft immer

bloß drei Tage. Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft

nicht mehr, und Sponholz hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert

so in der Welt rum. Bleibt also bloß noch der liebe Gott.«

Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine

respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott

ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte sich. Dann fuhr er in

rasch wachsender guter Laune fort: »Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag

miteinander gelebt. Denke gern daran zurück -- sind noch einer von den

Alten. Und der Pyterke auch. Was macht er denn?«

»Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,« und dabei rückte er

sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines

Kollegen wenigstens andeuten wolle.

Dubslav verstand es auch so und sagte: »Ja, der Pyterke; natürlich

immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja, Sie müssen laufen wie 'n

Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig,

zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder

Beeneke is schon immer das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen.

Aber jeder will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die

›Signatur der Zeit‹ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, Uncke?«

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen

wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich so. Gut

Ding will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden

kann, reiten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn

eigentlich? Ich meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt

mehr zufrieden mit ihm?«

»Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm. Er

wollte da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf

Posadowsky gesagt. Und das is so dumm gewesen, daß es die andern

geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: ›Torgelow, nu bist du

still; so geht das hier nich.‹«

»Ja,« lachte Dubslav, »und wo +der+ nu steht, da sollte ich eigentlich

stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, daß er

nichts kann. Und die andern auch. Und wenn sie's alle gezeigt haben,

na, dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen noch mal oben auf,

und jeder kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.«

Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe.

»... Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten ›Ausbruch‹

verhüten und dafür sorgen, daß unsere Globsower zufrieden sind. Und

wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch,

Uncke, daß es kleine Mittel gibt?«

»Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's schon.«

»Und welche meinen Sie?«

»Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.«

»Ja,« lachte Dubslav, »so was hilft. Musik und nen Schottschen, dann

sind die Mädchen zufrieden.«

»Und,« bestätigte Uncke, »wenn die Mädchens zufrieden sind, Herr Major,

dann sind alle zufrieden.«

* * * * *

Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht

dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Von Besuchern

wurde keiner mehr angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er

kam meist nur, wenn er gerufen wurde.

»Sonderbar,« sagte der Alte, während er in den Frühlingstag

hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger

Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von

Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu

schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er weiß am

Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert,

weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß

es doch schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und

eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein

Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar

andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.‹ Und wenn man

das so hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß, wie's

mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt

man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen:

›Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der

gute Sponholz, der nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus

vorbei ist, war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß

so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er mich nicht

ein einziges Mal bemogelt. Und daß man +das+ von einem sagen kann, das

ist eigentlich die Hauptsache. Das andre ... ja, du lieber Himmel, wo

soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner

mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat,

das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles

sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du

sollst +nicht+‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger

Schultheiß gesprochen hätte.«

Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. »Engelke, du

könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken -- ich ließ'

ihn bitten.«

Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite.

»Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe

wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müssen

nämlich wissen, daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen

beschäftigt und Ihr Charakterbild, das ja auch schwankt wie so manch

andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würde mir das Sprechen

wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande,

gegen mich selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen

auszuplaudern, was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen,

ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und

Kortschädel, der sich im übrigen durch französische Vokabeln nicht

auszeichnete, hat mich sogar einmal einen ›Causeur‹ genannt. Aber

freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt

stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus.«

»Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den

Ausnahmefall.«

»Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. Haben

Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich wieder dem armen

Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht

gerade mein Mann ist.«

»Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch ein

Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges ›~excelsior~‹ ist,

der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) von

vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher

gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht,

findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer

irgendein Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite

werfe.«

Dubslav lachte. »Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd.

Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da

war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon

sind Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen, ich hab auch

mein Steckenpferd, und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit

und neue Zeit. Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen

wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit

Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir:

›Was du tun willst, tue bald.‹«

Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: »Gewiß kommen andre Zeiten.

Aber man muß mit der Frage, was kommt und was wird, nicht zu früh

anfangen. Ich seh nicht ein, warum unser alter König von Thule hier

nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den

Becher dann in den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.«

»Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da,

mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, geh ich nun auch

gerad ins Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins

Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so

Familientradition. Ich wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch

is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.«

»Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben

gehabt.«

»Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso

denken. Und +die+ bringen mich wieder auf mein Hauptthema.«

»Und das lautet?«

»Das lautet: ›Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower

nicht zu sehr obenauf kommen.‹«

»Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute ...«

»Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage

aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein

Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon,

all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel

vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und

sagen: ›Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‹ oder, was

noch schlimmer ist: ›Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‹«

»Aber, Herr von Stechlin.«

»Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist

doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht,

und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann fährt der Woldemar rum und

erzählt überall, Katzenstein sei der rechte Mann. Oder irgendein

andrer. Aber das ist Mus wie Mine; -- verzeihen Sie den etwas

fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau

Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz

genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber

renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister

von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von

langer Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und

eröffnet die Polonaise mit Armgard. Und dann ist da ein Professor,

Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft

einrenken oder aus den Fugen bringen will, und führt eine Adelige, mit

kurzgeschnittenem Haar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille.

Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und

ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause

machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem

Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches Stück

auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein

sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil

sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen

hat. Und dann gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit

seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube

sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten,

obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck

und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und

Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel

und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: ›Sehen Sie da den Bebel. Mein

politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‹ Und

wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt:

›Ich bin überrascht, Herr von Stechlin, -- ich glaubte den Grafen

Schwerin hier zu finden,‹ dann sagt Woldemar: ›Ich habe die Fühlung mit

diesem Herrn verloren.‹«

Der Pastor lachte. »Und +Sie+ wollen sterben. Wer so lange sprechen

kann, der lebt noch zehn Jahr.«

»Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so oder kommt es nicht

so?«

»Nun, es kommt sicherlich +nicht+ so.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Ganz sicher.«

»Dann sagen Sie mir, +wie+ es kommt, aber ehrlich.«

»Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen,

als Sie gleich anfangs von ›König und Kronprinz‹ sprachen. Dieser

Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen.

Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgendeinem ›Kronprinzen‹

aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre:

der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von

ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich

erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen;

in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als

Neugestalter aufzutreten, und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch

wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. ›Leicht beieinander

wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Und

nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und

Geleise ein.«

»Und so wird es Woldemar auch machen?«

»So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr

bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.«

»Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den

Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues

Christentum.«

»Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach,

dies neue Christentum ist gerade das alte.«

»Glauben Sie das?«

»Ich glaub es. Und was besser ist: ich fühl es.«

»Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist +Ihre+ Sache; da will

ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was

versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das

alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und

altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom

neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin

her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für

die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen,

kommt es zu solcher Rückbekehrung, +dann+, Lorenzen, stören Sie diesen

Prozeß nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an

Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.«

Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie,

wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. »Das alles, Herr von Stechlin,

kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es

mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren

lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre.

Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie

ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir

erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht

zukommt. Nicht +ich+ werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird

sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und

vielleicht auch die schöne Melusine.«

Der Alte lächelte. »Ja, ja.«

Zweiundvierzigstes Kapitel

So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der Alte

wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig

Beängstigung.

Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen da

war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslav: »Engelke, schaff

die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat

es gut gemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der

ganzen Heilkraft der Natur.«

»Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe

nich an.«

»Du meinst also: ›für'n Tod kein Kraut gewachsen ist‹. Ja, das wird es

wohl sein; das mein ich auch.«

Engelke schwieg.

* * * * *

Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster

Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von

Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante

Gründung eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich

am Schlusse dahin, daß, »wenn sich -- hoffentlich binnen kurzem -- ihre

Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden«,

Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue,

sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte.

Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte dann:

»O, diese Komödie ... ›wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende

Gesundheit erfüllt haben werden‹ ... das heißt doch einfach, ›wenn

Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn‹. Alle Menschen sind

Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch

einen ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer so. Wenn

sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand

andrer hätten.«

Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das Kuvert und

rief Agnes.

Das Kind kam auch.

»Agnes, gefällt es dir hier?«

»Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier.«

»Und ist dir auch nicht zu still?«

»Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer

hier sein.«

»Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. Ja,

nachher ...«

Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.

* * * * *

Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn

heran und sagte: »Gnädger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?«

»Nein.«

»Oder zu der Buschen?«

»Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am besten.«

In Engelkens Augen traten Tränen.

Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. »Nein,

Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so

hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht

viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muß man

doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten.

Und das möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars wegen nich

... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein ... Die käme mir am Ende

gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber

gib mir noch mal von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind

sie doch.«

* * * * *

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende

gehe. »Das ›Ich‹ ist nichts -- damit muß man sich durchdringen. Ein

ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug,

auch wenn er ›Tod‹ heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche

sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.«

Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu

haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte:

»Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang.«

* * * * *

Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und

her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die

halbgeöffnete Tür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag

graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte

matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein.

Es war wohl schon sieben -- die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen

bereits in einem hellen Schein --, als Engelke zu dem Kinde herantrat

und es weckte. »Steih upp, Agnes.«

»Is he dod?«

»Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp de

Bost.«

»Ick grul mi so.«

»Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder gesunn ...

Und nu, steih upp un bind di ook en Doog um'n Kopp. Et is noch en beten

küll drut. Un denn geih in'n Goaren nu plück em (wenn du wat finnst) en

beten Krokus oder wat et sünsten is.«

Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus

und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie

fand auch allerlei; das Beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie,

mit den Blumen in der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie

die Sonne drüben aufstieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein

Gefühl des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf

den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, stand neben

seinem Herrn.

Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß.

»Dat sinn de ihrsten,« sagte Engelke, »un wihren ook woll de besten

sinn.«

Dreiundvierzigstes Kapitel

Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, das Zeitliche

gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn kam, und eine

Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht von

des Alten Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte,

voran der Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden

Gundermanns.

* * * * *

Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von

Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte dem gräflichen Hause

kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter

gleichzeitiger Mitteilung, »daß das Begräbnis am Sonnabend mittag

stattfinden werde.« Der Brief Armgards aber lautete: »Liebe Melusine!

Wir bleiben noch bis morgen hier, -- noch einmal das Forum, noch einmal

den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken, dann

kommt man wieder, und das ist für jeden, der Rom verläßt, bekanntlich

der größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und

bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih

meine Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe

Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren wir nur

kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir nicht das höher gelegene

Ravello bevorzugen. Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigentlichen

Ziel unsrer Reise. Wir werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem

Respekt vor der Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts,

etwa auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. In acht

Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann einen Brief von Dir

vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zustand, den

ich mir als Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders

Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten Papa. Nach Stechlin

hin tausend Grüße, vor allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die

Schwester, die Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen, Dich

immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.«

Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl der alte Graf

wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es nicht, trotz Armgards

gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht doch noch möglich sein

würde, das junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es

ging nicht, man mußte es aufgeben und sich begnügen, allerpersönlichst

Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten

Grafen Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes sein

Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde. Daran aber war

gar nicht zu denken. Und so brachen denn Vater und Tochter am Sonnabend

früh nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um für alle

Fälle zur Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß

man trotz Sonnenschein fröstelte.

* * * * *

In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr

verändert aus; sonst so still und abgeschieden, war heute alles

Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen erschienen und stellten

sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten ganz in Nähe der Kirche.

Diese lag in prallem Sonnenschein da, so daß man deutlich die

hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah, die

früher, vor der Restaurierung, im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu

fehlte; nur Holunderbüsche, die zu grünen anfingen, und dazwischen

Ebereschensträucher wuchsen um den Chor herum.

Der Stechlin: Roman · 第 31 / 33 段